'Transnational' statt 'nicht integriert' - Yasar Aydin - E-Book

'Transnational' statt 'nicht integriert' E-Book

Yasar Aydin

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Beschreibung

Immer mehr türkeistämmige Hochqualifizierte in Deutschland entscheiden sich für ein Leben und eine Erwerbstätigkeit in der Türkei. Haben wir es hier mit einem 'Scheitern der Integration', einem fehlenden Heimatgefühl oder mit Benachteiligung und Diskriminierung zu tun? Der Autor lässt die Betroffenen selbst zu Wort kommen und zeigt, dass es sich vielmehr um eine transnationale Lebensführung handelt: Zwischen den Welten nationaler, kultureller und religiöser Grenzen entstehen 'soziale Landschaften', welche Auswanderungs- und Ankunftsorte verbinden und verändern. Zum Anlass für dieses Buch nahm Yasar Aydin die medialen und wissenschaftlichen Debatten über Fachkräftemangel und die Dramatisierung der Abwanderung als 'Exodus' und 'Brain Drain'. Auf Grundlage einer empirischen Feldstudie am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) 2011 untersucht er, was tatsächlich hinter dieser Abwanderung steht. Ausgehend von entsprechenden sozialwissenschaftlichen Debatten geht Aydin der Frage nach, ob dies ein Indiz einer transnationalen Partizipation an beiden Gesellschaften sein könnte. Er berücksichtigt dabei historische Aspekte und soziopolitische Faktoren und Setzt sich mit Grundfragen der Migrationssoziologie auseinander. Damit soll die zuweilen sichtbare Begriffsblindheit sozialwissenschaftlich informierter Sachbücher als auch die Erfahrungsleere mancher Fachpublikationen überwunden werden.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2013

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[3]Yaşar Aydın

»Transnational« statt »nicht integriert«

Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter aus Deutschland

Mit einem Geleitwort von Thomas Straubhaar

UVK Verlagsgesellschaft Konstanz · München

[4]Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86496-023-9

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außer halb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Dieses eBook ist zitierfähig. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass die Seitenangaben der Druckausgabe des Titels in den Text integriert wurden. Sie finden diese in eckigen Klammern dort, wo die jeweilige Druckseite beginnt. Die Position kann in Einzelfällen inmitten eines Wortes liegen, wenn der Seitenumbruch in der gedruckten Ausgabe ebenfalls genau an dieser Stelle liegt. Es handelt sich dabei nicht um einen Fehler.

© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2013

Einbandgestaltung: Susanne Fuellhaas, Konstanz

Einbandfoto: © 123RF

UVK Verlagsgesellschaft mbH

Schützenstr. 24 · D-78462 Konstanz

Tel.: 07531-9053-0 · Fax: 07531-9053-98

www.uvk.de

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

[1][2]Für meine Mutter Sabriye Aydın

[5]Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Geleitwort

Vorwort

Einleitung

1. Datengewinnung und -bearbeitung

2. Türkei – vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland

3. Abwanderungsabsichten türkeistämmiger Hochqualifizierter

4. Abwanderung in die Türkei

5. Transnationale Orientierungen und soziale Netzwerke

6. Diskussion und Ergebnisse

Literatur

Index

[6][7]Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Box 1: Leitfaden für Interviews in Deutschland

Box 2: Leitfaden für Interviews in der Türkei

Tabelle 1: Geldüberweisung aus Deutschland in die Türkei

Tabelle 2: Zuwanderung aus dem Balkan in die Türkei (1923–1960)

Tabelle 3: Die zehn wichtigsten Herkunftsländer von Ausländern mit Aufenthaltsgenehmigung in der Türkei (2006)

Tabelle 4: Typenübersicht

Tabelle 5: Migranten-Typen

Abbildung 1: Visa zum Zweck des Familiennachzugs

Abbildung 2: Asylanträge türkischer Staatsangehöriger

Abbildung 3: Türkische Studienanfänger (Bildungsausländer)

Abbildung 4: Migration zwischen Deutschland und der Türkei

Abbildung 5: Bruttosozialprodukt der Türkei (in Mio. US-Dollar)

Abbildung 6: Ausländische Direktinvestitionen (in Mio. US-Dollar)

Abbildung 7: Indikatoren für transnationale Migration

[8][9]Geleitwort

Die deutsch-türkische Migration hat eine lange Geschichte, länger als die zwischenstaatlich gesteuerte Arbeitsmigration, die 1961 begann. Gleichwohl setzte das Anwerbeabkommen von 1961 zwischen Deutschland und der Türkei einen Migrationsprozess in Gang, der insbesondere die deutsche Gesellschaft maßgebend prägte. Heute haben wir es mit einem vielfach differenzierten Migrationsgeschehen zwischen Deutschland und der Türkei in beide Richtungen zu tun. Gleichwohl steht in deutschen Medien weiterhin die Wanderung aus der Türkei nach Deutschland im Vordergrund. Diese einseitige Sicht dominiert folglich auch die Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union. Das Migrationspotential aus der Türkei im Falle eines EU-Beitritts und dessen Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt verzögern eine Annäherung. Fakt jedoch ist, dass sich die Zuwanderung aus der Türkei verlangsamt, während umgekehrt die Abwanderung aus Deutschland in die Türkei ansteigt. In der deutschen Öffentlichkeit wird diese „Migrationswende“ kaum zur Kenntnis genommen. Eine Ausnahme bildet hier die Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter aus Deutschland, die in den letzten Jahren die mediale Aufmerksamkeit auf sich zog. Yaşar Aydın wirft in »Transnational« statt »nicht integriert« einen anderen Blick auf dieses aktuelle Migrationsgeschehen.

Abwanderungsabsichten und tatsächliche Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter aus Deutschland werden intensiv, jedoch nicht immer sachlich diskutiert. Bis anhin mangelt es an empirisch validen Erkenntnissen. Diese Lücke zu verringern, ist das Verdienst der Arbeit von Aydın. Er zeigt, dass die einseitige Fokussierung auf die Push-Faktoren in Deutschland und damit einhergehend die Vernachlässigung von Pull-Faktoren in der Türkei, die Viktimisierung der Abwanderer und eine Unterschätzung ihres Handlungsspielraums sowie eine Betrachtung nur unter dem Gesichtspunkt des Brain Drains einem profunden Verständnis im Wege stehen. Demgegenüber betont Aydın die Handlungsfähigkeit der Wandernden, lässt sie zu Wort [10]kommen und rekonstruiert die Beweggründe ihres Migrationsverhaltens. Den historischen Kontext der Wanderungsentscheidungen bilden die sozioökonomischen und politischen Entwicklungen in Deutschland und in der Türkei, die in einem eigenständigen Kapitel behandelt werden. Aydın hebt die transnationalen Prozesse und Netzwerke zwischen Deutschland und der Türkei sowie die transnationale Orientierung und Lebensführung türkeistämmiger Hochqualifizierter als zentrale Aspekte der Abwanderung hervor. Damit werden jenseits eines Brain Drain auch Perspektiven und Chancen in den Blick genommen, die aus diesen Migrationsbewegungen hervorgehen.

Die theoriegeleiteten empirischen Analysen von Aydın führen zu einem tieferen Verständnis einer aktuellen Wanderungsbewegung. Er leistet mit seinem interdisziplinären Zugang einen Beitrag zur Migrationsforschung und zur Migrationssoziologie. Angesichts einer weniger sachlich als vielmehr emotional geführten Debatte um die Abwanderung von Hochqualifizierten im Allgemeinen und von türkeistämmigen im Besonderen ist eine intellektuelle Besinnung notwendiger denn je und als Argumentationslinie gegen Vorurteile unverzichtbar.

Thomas Straubhaar

[11]Vorwort

Dieses Buch ist aus meinen Forschungen zu Migrationsbewegungen zwischen Deutschland und der Türkei und aus einer empirischen Feldstudie zur Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter entstanden. Bei der Rekrutierung der Interviewpartner wurde die ethnische Zugehörigkeit beziehungsweise die ethnische Selbstzuschreibung nicht berücksichtigt. Deswegen wird im Folgenden statt „türkischstämmig“ das Adjektiv „türkeistämmig“ gebraucht. Anlass für diese Studie waren Debatten und Kontroversen in den Medien und der Wissenschaft, in denen die Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter aus Deutschland in die Türkei als „Scheitern der Integration“, „Exodus“ oder „Brain Drain“ dramatisiert wurde.

Ausgehend von diesen Debatten wird der Frage nachgegangen, ob die Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter nicht auch ein Indiz einer transnationalen Partizipation an beiden Gesellschaften sein könnte. Vor diesem Hintergrund zielt dieses Buch auf eine Darstellung der Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter aus der Sicht der Abgewanderten. Diese Vorgehensweise basiert auf der theoretischen Annahme, dass in der Migration nicht nur strukturelle Zwänge, sondern auch die Handlungsfähigkeit der Subjekte zum Ausdruck kommt. Migranten reagieren nicht nur auf strukturelle Zwänge oder werden mechanisch abgestoßen oder angezogen im Sinne Push-und-Pull-Modelle, sie wollen zugleich ihre eigene Lebenssituation verbessern und ihren Handlungsspielraum erweitern. Historische Aspekte und soziopolitische Faktoren werden berücksichtigt, nicht weil sie die Handlungen der Subjekte determinieren, sondern weil sie diese beeinflussen und ihre Berücksichtigung zu einem tieferen Verständnis des Phänomens beiträgt. Die Analyse orientiert sich an dem Forschungsprogramm Transnationalismus und betont die bereichernden, mobilisierenden und ermöglichenden Effekte transnationaler Orientierungen, Lebensführung und Netzwerke. Damit sollen die Restriktionen, Konflikte und Herausforderungen der Transnationalität oder die prekäre Lebenssituation vieler Transmigranten keineswegs ausgeblendet [12]werden. Die Fokussierung auf den Transnationalismus als Chance ist insofern legitim, da es sich hier nicht um eine allgemeine Analyse der Situation von Transmigranten handelt, sondern es vielmehr um die Bedeutung der Transnationalität bei den Abwanderungsabsichten und der Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierten geht. Ein weiteres zentrales Ziel dieses Buches ist es, bei der Darstellung der Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter sowohl die Begriffsblindheit sozialwissenschaftlich informierter Sachbücher als auch die Erfahrungsleere mancher Fachpublikationen zu überwinden.

Bei der Durchführung der Studie und der Niederschrift dieses Buches haben mich eine Reihe von Personen und Institutionen unterstützt, denen ich an dieser Stelle danken möchte. Mein Dank gilt zunächst dem Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), wo ich meine Studie vorbereitet und realisiert habe, und Herrn Prof. Dr. Thomas Straubhaar, dem Direktor des HWWI, für seine Unterstützung. Dr. Carsten Kaven hat frühere Fassungen dieses Buches gelesen und mit mir diskutiert; Dr. Barbara Pusch hat mich insbesondere bei der Rekrutierung von Interviewpartnern in Istanbul unterstützt und mir viele interessante und nützliche Anregungen bei der Realisierung meiner Studie gegeben – ihnen möchte ich von ganzem Herzen danken. Mein Dank gilt natürlich auch meiner früheren Kolleginnen Dr. Seçil Paçacı-Elitok und Vesela Kovacheva für anregende Diskussionen und kritische Anmerkungen, meinen Interviewpartnern für ihre Bereitschaft, von mir interviewt zu werden und meiner Familie für ihre Geduld und Unterstützung.

Ich möchte an dieser Stelle auch der Hans Böckler Stiftung, die diese Studie finanziert und durch ein Überbrückungsstipendium die Niederschrift dieses Buches ermöglicht hat, und Dr. Michaela Kuhnhenne, die mich in der Antragsphase und darüber hinaus bei der Niederschrift dieses Buches unterstützt hat, meinen herzlichen Dank aussprechen. Mein Dank gilt auch Sonja Rothländer für ihre hervorragende Betreuung in der Publikationsphase. Last but not least möchte ich mich bei allen, deren Namen ich hier nicht einzeln aufzählen kann, für ihre Kritik und Anregungen bedanken.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit habe ich auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

[13]Einleitung

Warum entscheiden sich immer mehr türkeistämmige Hochqualifizierte1 für ein Leben und eine Erwerbstätigkeit in der Türkei, obwohl man das vor dem Hintergrund des bisherigen theoretischen Kenntnisstandes so nicht erwarten würde? Und was hat das zu bedeuten? Haben wir es hier mit einem „Scheitern der Integration“ oder vielmehr mit einer „transnationalen Teilhabe an zwei Gesellschaften“ zu tun? Diskussionen über die Abwanderung von türkeistämmigen Hochqualifizierten haben zu seltsamen Wahrnehmungen geführt. Einer gängigen Deutung zufolge entscheiden sich türkeistämmige Hochqualifizierte für ein Leben und eine Erwerbstätigkeit in der Türkei, weil sie in Deutschland im Alltag, in der Berufswelt und auf dem Wohnungsmarkt Benachteiligung und Diskriminierung erfahren. Einer anderen Deutung zufolge sind „mangelnde Identifikation“ mit Deutschland und „fehlendes Heimatgefühl“ für die Abwanderungsabsichten und die Abwanderung von türkeistämmigen Hochqualifizierten verantwortlich.

Die vorliegenden Interpretationen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Türkeistämmige Hochqualifizierte seien aufgrund erfahrener und beobachteter Benachteiligung und Diskriminierung nicht in der Lage, beruflich „Fuß zu fassen“, sich mit Deutschland zu identifizieren und ein stabiles Heimatgefühl zu entwickeln. Diese „gescheiterten Existenzen“ zögen sich zunächst ins Private bzw. in die eigene „ethnische Community“ zurück und wanderten schließlich ab. Und weil das „Land der Vorfahren“ ihnen vieles leicht macht, entschieden sie sich für eine Zuwanderung in die Türkei.

[14]Von solchen Vorannahmen und Deutungen will sich die vorliegende Darstellung weitgehend absetzen. Stattdessen setzt sich dieses Buch zum Ziel, eine Gegendarstellung aus der Sicht der in die Türkei abgewanderten türkeistämmigen Hochqualifizierten vorzulegen. Es wird nicht nur darum gehen, Gründe und subjektive Begründungen darzulegen, sondern auch um die Rekonstruktion von Abwanderungsentscheidungen und Abwanderungen. Perspektiven, die sich jenseits eines vielfach konstatierten „Brain Drains“ aus der Abwanderung von türkeistämmigen Hochqualifizierten ergeben, werden ebenfalls in den Blick genommen. In diesem Buch werden auf der Grundlage von 30 Interviews Antworten auf diese und ähnliche Fragen angeboten:

Welche Gründe lassen sich hinter den Abwanderungsabsichten und der Abwanderung von türkeistämmigen Hochqualifizierten aus Deutschland in die Türkei identifizieren?

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Integrationsgrad und Abwanderungsabsichten bzw. Abwanderung?

Welche Bedeutung kommt der Beziehungsdichte zwischen Deutschland und der Türkei zu? Welche Rolle spielen die transnationalen Netzwerke bei Abwanderungsabsichten und -entscheidungen?

Wie wird die Abwanderung vorbereitet, wie informieren sich türkeistämmige Hochqualifizierte über Stellenangebote in der Türkei?

Haben wir es hier in erster Linie mit einer klassischen Rückkehrmigration oder einer transnationalen Migration und transnationalen sozialen Beziehungen zu tun?

Anhand der Analyse von Abwanderungsabsichten und Abwanderungsfällen wird gezeigt, wie untauglich das in den Medien suggerierte Bild von dem „türkeistämmigen Hochqualifizierten“ ist, der aus Deutschland abwandert, weil er Benachteiligungen und Diskriminierungen ausgesetzt ist und daher im beruflichen Leben nicht „Fuß fassen“ kann. Es wird deutlich werden, dass die Abwanderung von türkeistämmigen Hochqualifizierten aus Deutschland in die Türkei keinesfalls Ausdruck einer „gescheiterten Integration“ oder „fehlenden Identifikation“ mit Deutschland ist. Es ist vielmehr das Ergebnis einer Angleichung an die Mehrheitsgesellschaft sowie einer transnationalen Lebensführung. Die im Folgenden zu präsentierenden Interviewabschnitte belegen, dass es den abgewanderten türkeistämmigen Hochqualifizierten [15]vielfach um Motive ging, die auf eine Angleichung oder zumindest eine Annäherung an die Normen und Werte der bundesrepublikanischen Gesellschaft hindeuten. Gleiche oder ähnliche Motive und Begründungen kommen auch bei der Abwanderung von Hochqualifizierten ohne Migrationshintergrund zum Tragen: Horizonterweiterung, Auslanderfahrung, berufliches Weiterkommen, gesellschaftlicher Aufstieg usw.

Die Mobilität von Hochqualifizierten als ein sozioökonomisches und politisches „Problem“ zieht spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg das Interesse von Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern auf sich.2 Zwei konträre Großtheorien – die Modernisierungs- und die Dependenztheorie – dominierten in der Nachkriegsära die sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Debatten. Darin wird die Mobilität von Hochqualifizierten unter dem Gesichtspunkt „Brain Drain“ als Aderlass für das Abwanderungsland interpretiert.

Die Bezeichnung „Brain Drain“ bedeutet wörtlich aus dem Englischen übersetzt Gehirnabfluss, und sie verweist auf die übermäßige Abwanderung von Hochqualifizierten und Intelligenz aus einem Land bzw. einer Region sowie auf die volkswirtschaftlichen Verluste, die daraus für das betreffende Land bzw. die betreffende Region entstehen. „Brain Gain“ dagegen bezieht sich auf die volkswirtschaftlichen Gewinne, die durch die Immigration von Hochqualifizierten und Fachkräften in ein Land entstehen. Vom „Brain Drain“ und „Brain Gain“ unterscheidet sich die Bezeichnung „Brain Exchange“, die auf einen gegenseitigen Strom von Hochqualifizierten zwischen einem Absender- und einem Empfängerland hinweist, von dem beide Länder gleichermaßen profitieren. „Brain Circulation“ wiederum verweist auf einen zirkulären Prozess wie diesen etwa: Auslandsstudium – Erwerb von Kenntnissen – Rückkehr in das Herkunftsland oder alternativ: erst Erwerbsarbeit im Ausland – Erwerb von neuen Fertigkeiten und Erfahrungen – anschließend Rückkehr in das Herkunftsland (Diehl 2005: 1).3

[16]Für „Brain Drain“ lassen sich zahlreiche historische Beispiele anführen. Eines davon ist die Vertreibung jüdischer Bankiers aus Spanien während des Hochmittelalters, die dem Spanischen Reich seine Großmachtstellung im 16. Jahrhundert gekostet hat. Ein anderes Beispiel wäre die Massenflucht von Hugenotten aus Frankreich im Anschluss an das Edikt von Fontainebleau (1685), die viele Nachteile für Frankreich und Vorteile für das Königreich Preußen, welches etwa 50.000 Hugenotten aufnahm, mit sich brachte. Ein weiterer Fall von „Brain Drain“ ist die Vernichtung und Vertreibung von Juden und Oppositionellen während der nationalsozialistischen Herrschaft, mit der Deutschland viele hochkarätige Wissenschaftler und Unternehmer an das Ausland, insbesondere an die USA, verloren hat. Schließlich sei auf die Abwanderung von Akademikern und (hoch-)qualifizierten Fachkräften aus der Deutschen Demokratischen Republik in die Bundesrepublik Deutschland hingewiesen, die in den 1960ern für die Deutsche Demokratische Republik ein schwerwiegendes wirtschaftliches und politisches Problem darstellte.

Zurück zu den oben eingeführten Großtheorien: Vertreter der Dependenztheorie machten für die Mobilität von Hochqualifizierten die Weltmarktstrukturen verantwortlich und bewerteten diese als eine Form der Ausbeutung. Dabei wurde die Auffassung vertreten, dass die vom „Westen“ bestimmten Weltmarktstrukturen für die Unterentwicklung verantwortlich seien, weil diese mit ihrer Operationsweise die Entwicklungsländer in ökonomischer und politischer Abhängigkeit hielten (Senghaas 1974). Die aktive Abwerbung von qualifizierten Fachkräften aus den Entwicklungsländern durch die Industrieländer wurde als Beweis für die Ausbeutung des „armen Südens“ durch den „reichen Norden“ herangezogen. Industrieländer würden sich an dem Fachkräftereservoir der Entwicklungsländer bereichern, ohne sich an den Ausbildungskosten zu beteiligen. Durch den Verlust der „hellsten Köpfe“ werde ein Teufelskreis von Unterentwicklung und Armut in Gang gehalten (vgl. exemplarisch Bhagwati 1976, 1983, Bhagwati/Partington 1976).

Vertreter der Modernisierungstheorie dagegen betrachteten die Mobilität von Hochqualifizierten unter dem Gesichtspunkt eines „freien“ globalen Arbeitsmarktes und bewerteten diese positiv. Auf der Grundlage der neoklassischen [17]Ökonomie gingen Modernisierungstheoretiker davon aus, dass die Abwanderung von Intellektuellen und technischen Fachkräften stärker in Zusammenhang mit einem „freien“ globalen Arbeitsmarkt gesehen werden sollte, der den Gesetzen von Angebot und Nachfrage folgt. Menschen sollten ihre verschiedenen Qualifikationen und Fähigkeiten dort einsetzen können, wo diese am effektivsten genutzt werden, d.h. wo diese die besten beruflichen Voraussetzungen vorfinden (Ethier 1986). Dieser Logik zufolge ist die Abwanderung von Hochqualifizierten aus den Entwicklungsländern in die Industrieländer folgerichtig und von ihr sind keinesfalls nur negative Folgen zu erwarten. Staatliche Eingriffe wie die von den Dependenztheoretikern geforderte Regulierung, eine Brain-Drain-Steuer (vgl. Bhagwati 1976) oder finanzielle Kompensation für die Herkunftsländer würden zu Verzerrungen im internationalen Faktorenausgleich führen und globale Wohlfahrtsverluste hervorbringen (Mountford 1997).

Kritik an den Deutungen, die an diese Großtheorien angelehnt sind, ist aus unterschiedlichen Gründen angebracht. Die drei wichtigsten Kritikpunkte seien hier erwähnt: Erstens ist der Begriff „Brain Drain“ in erster Linie Ausdruck von Befürchtungen, vom internationalen Wettbewerb um Hochqualifizierte nicht entsprechend profitieren zu können, und weniger ein exakter Forschungsbegriff. Durch die Fokussierung auf die Nachteile geraten zweitens die emanzipatorischen Potenziale und sozioökonomische Vorteile, die sich aus der freiwilligen Abwanderung für die Individuen ergeben, aus dem Blick. Drittens schließlich wird in diesen beiden Ansätzen die Migration als eine einmalige Ortsveränderung vorgestellt, welche der aktuellen Realität der internationalen Migration nicht gerecht wird.

Solchen und ähnlichen strukturdeterministischen Lesarten sind eine Überbewertung struktureller Faktoren und Unterbewertung der Akteursperspektive inhärent (vgl. a. Arango 2004). Diesen gegenüber gilt es, das Postulat der „relativen Autonomie“ der Migration und damit die Handlungsfähigkeit der Migranten zur Geltung zu bringen. Das Postulat der „relativen Autonomie“ der Migration richtet sich gegen die Viktimisierung von Migranten, die häufig mit einer Negierung des Handlungsspielraums einhergeht. Folgende Analysen sind von der theoretischen Annahme geleitet, dass Individuen bei ihrer Migrationsentscheidung keineswegs nur auf strukturelle [18]Zwänge reagieren, sondern auch bestrebt sind, ihre Lebenssituation zu verbessern und ihren Handlungsspielraum zu erweitern.4

Spätestens seit Beginn der 1990er Jahre hat sich – in Anlehnung an Ladame (1970) – neben den modernisierungs- und dependenztheoretischen Ansätzen ein dritter Strang entwickelt, der mögliche positive Effekte der Wanderung von Hochqualifizierten sowohl für die Aufnahme- als auch für die Abgabeländer berücksichtigt. In neueren Forschungsbeiträgen wird beispielsweise auf den Aufbau von Diaspora-Netzwerken (vgl. exemplarisch Meyer 2001, Meyer/Kaplan/Charum 2001), die Rückkehrmigration (vgl. exemplarisch Iredale 2001) oder auf die Kombination beider Phänomene hingewiesen, woraus sich Chancen und Innovationen auch für die Abgabeländer ergeben. Der Fokus neuerer Studien richtet sich nicht nur auf die negativen Aspekte, sondern auch auf die positiven Auswirkungen der Migration hochqualifizierter Arbeitskräfte (vgl. exemplarisch Gökbayrak 2009).

Andere Studien beschäftigen sich wiederum mit Wissenschaftsnetzwerken, die durch die abgewanderten Wissenschaftler aufgebaut werden und sowohl für das Aufnahme- als auch für das Abgabeland positive Effekte hervorbringen (vgl. exemplarisch Brown 2000). Weitere Beiträge befassen sich mit Unternehmensnetzwerken, die sich als Folge von Globalisierung herausbilden. Dazu zählt beispielsweise die Entwicklung unternehmensinterner Arbeitsmärkte, deren Bedeutung für die Mobilität von Hochqualifizierten je nach Profession und der bestehenden Wettbewerbslage auf dem jeweiligen internationalen Arbeitsmarkt variiert (vgl. exemplarisch Beaverstock 1991, Straubhaar/Wolter 1997, Gould 1988).

Die Rückkehrabsichten von türkeistämmigen Migranten beschäftigen die Migrationsforschung seit langem. Dass viele Migranten in verschiedenen [19]Befragungen eine Rückkehrabsicht bekundeten, wurde als Indiz eines fehlenden bzw. mangelhaften Integrationswillens bewertet. Solche Einschätzungen führten schließlich zu der folgenreichen Schlussfolgerung, dass der Aufenthalt von türkeistämmigen Migranten einen temporären Charakter habe und umfassende Anstrengungen zu ihrer soziopolitischen Integration sich somit erübrigten. Später hat sich in der Migrationsforschung allmählich die Erklärung durchgesetzt, wonach die deklarierte Rückkehrabsicht vielmehr als eine psychosoziale Strategie zu interpretieren sei, von der die Migranten Gebrauch machten, um die erfahrene Benachteiligung und Diskriminierung zu unterlaufen bzw. diese zu kompensieren.5

Bei den Diskussionen um Rückkehrabsichten und Integration von türkeistämmigen Migranten lag das Augenmerk zunächst auf Personen mit geringerer Qualifikation, Bildung und mangelhaften Sprachkenntnissen. In den letzten Jahren geriet auch die Abwanderung von türkeistämmigen Hochqualifizierten aus Deutschland in die Türkei in den Blick. Vorwiegend in den Medien und zum Teil auch in der Forschung wurden die Abwanderungsabsichten und die tatsächliche Abwanderung von türkeistämmigen Hochqualifizierten aus Deutschland als Folge von „Integrationsmangel“ bzw. „Scheitern der Integration“ dramatisiert.6 Gleichwohl mangelt es weiterhin an Studien zu der Lebenssituation, den Einstellungen, Rückkehrabsichten und Selbsteinschätzungen türkeistämmiger Hochqualifizierter in Deutschland.7

[20]Folgende Analyse orientiert sich aus einem zentralen Grund an dem Forschungsprogramm Transnationalismus.8 Dieser ermöglicht es, Aspekte aufzugreifen, die in den klassischen Migrationstheorien vernachlässigt wurden (vgl. exemplarisch Vertovec/Cohen 1999, Hannerz 1996, Pries 1997, 1997b, 1998, Faist 2000). Vertreter des Transnationalismus-Ansatzes haben in den 1990er Jahren auf eine neue Form der Wanderung hingewiesen, für die sich der Begriff „transnationale Migration“ eingebürgert hat. Neuere, an den Transnationalismus anknüpfende Forschungen zeigen auf, dass grenzüberschreitende Migration heute keinesfalls nur als einmaliger unidirektionaler Ortswechsel stattfindet, sondern größtenteils als dauerhafte Mobilität und neue Lebenswirklichkeit für eine wachsende Anzahl von Menschen zum Ausdruck kommt. Vor dem Hintergrund mangelnder begrifflicher Schärfe gilt es, zwischen den Begriffen Transnationalismus, Transnationalität und Transmigranten bzw. transnationale Migranten zu unterscheiden. „Transnationalismus“ bezieht sich auf einen Prozess, in dem „Migranten soziale Felder hervorbringen, die das Land ihrer Herkunft und ihrer Niederlassung miteinander verbinden“ (Faist/Fauser/Reisenauer 2011: 203), während „Transmigranten“ solche Migranten sind, die transnationale soziale Felder hervorbringen. „Transnationalität“ wiederum ist eines von mehreren Heterogenitätsmerkmalen von Personen und Gruppen und betrifft „(Staats)Grenzen [21]übergreifende und relativ kontinuierliche soziale und symbolische Transaktionen“ (ebd.: 204).

Transnationalisierungsprozesse bringen soziale Lebens- und Handlungszusammenhänge und somit transnationale soziale Räume hervor, für die ein Hier-wie-dort und ein Sowohl-als-auch sowie vielfach auch hybride Identitäten charakteristisch sind (vgl. Kearney 1995: 558, zum Begriff der Hybridität vgl. a. Aydin 2003). Zwischen den geordneten Welten nationaler, kultureller und religiöser Grenzen entstehen „soziale Landschaften“ (Albrow 1998), welche Auswanderungs- und Ankunftsorte verbinden und verändern (vgl. hierzu kritisch Bommes 2003 und Esser 2001). Aus der Perspektive des Transnationalismus lassen sich die weltweiten Entgrenzungs- (Stichwort Globalisierung) und Transnationalisierungsprozesse als zwei zentrale Triebkräfte der gegenwärtigen Mobilität von Hochqualifizierten ausmachen.

Zwischen Deutschland und der Türkei existieren ähnliche transnationale soziale Räume, die im Laufe des 50-jährigen Migrationsgeschehens entstanden sind. Diese Prozesse und ihre Bedeutung für die Abwanderung von türkeistämmigen Hochqualifizierten wurden bisher nicht untersucht.9 Die Frage, inwiefern durch die Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter aus Deutschland in die Türkei ähnliche transnationale Räume reproduziert werden und wie umgekehrt diese die Mobilitätsbereitschaft von türkeistämmigen Hochqualifizierten vorantreiben, ist daher hier von prinzipiellem Interesse. Vor dem Hintergrund solcher und ähnlicher Überlegungen wird in diesem Buch die Abwanderungsbereitschaft und Abwanderung von türkeistämmigen Hochqualifizierten aus dem Blickwinkel des Transnationalismus thematisiert.

Die folgenden Analysen zielen darauf ab, die Motive der Interviewten zu erfassen und deren Handlungen aus dem jeweiligen Kontext heraus zu verstehen. Es werden Einzelfälle aufgegriffen, um die Komplexität des Untersuchungsgegenstandes vor Augen zu führen. Dabei geht es nicht darum, Gründe zu isolieren oder gar eine Hierarchie unter den Gründen und Faktoren zu [22]konstatieren. Vielmehr soll die Wechselwirkung von wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und identitären Interessen und Motiven verdeutlicht werden.

Das Erkenntnisinteresse dieses Buches erschöpft sich jedoch nicht darin, einen Beitrag zum Verständnis des speziellen Untersuchungsgegenstandes zu leisten. Ein weiteres wichtiges Anliegen ist es, anhand von diskutierten Einzelfällen10