Transparenz - Lea Watzinger - E-Book

Transparenz E-Book

Lea Watzinger

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Beschreibung

Transparenz ist ein Schlüsselbegriff des 21. Jahrhunderts. Sie hat sich einerseits zum Erfordernis entwickelt, dem alle entsprechen wollen: eine sich als modern verstehende Politik, aber auch das Individuum. Andererseits droht sowohl dem Staat als auch den Einzelnen ein digitaler Kontrollverlust. Der Band untersucht die Vielschichtigkeit von Transparenz und verbindet dabei Ansätze aus Ideengeschichte, Politischer Philosophie und Medienethik. Seit der Jahrtausendwende entwickelt der Transparenzbegriff eine zivilgesellschaftliche und politische Eigendynamik. Transparenz entwickelt sich zur Ideologie einer zeitgemäßen digitalen Medienlogik. Als zukunftsweisende und Freiheit versprechende Norm steht sie auf den Agenden von Demokratie-AktivistInnen, PolitikerInnen, InternetnutzerInnen, aber auch der demokratischen Gesellschaft als ganzer. Der gläserne Mensch allerdings unterstützt durch sein Nutzungsverhalten im Digitalen seine eigene Transparenz. Dies resultiert meist nicht in Freiheit und Partizipation, sondern in Kontrolle und Manipulation. Transparenz ist zu einem Konsensbegriff von beinahe universaler Geltung avanciert und leistet einen wesentlichen Beitrag zur Selbstverständigung von Gesellschaften im digitalen Transformationsprozess. Dabei gerät oft in den Hintergrund, dass es sich, je nachdem, wer oder was transparent sein soll, um völlig verschiedene Bezugspunkte handelt. Lea Watzinger geht der Diskussion um Transparenz unter Rückgriff auf philosophiegeschichtliche Vorgängerdebatten zu »Öffentlichkeit« und »Publizität« nach und sortiert das Begriffsfeld von »Transparenz« neu.

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Lea Watzinger

Transparenz

Herausforderung fürDemokratie und Privatheit

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über ‹http://portal.dnb.de› abrufbar.

eISBN (PDF) 978-3-7873-4132-0

eISBN (ePub) 978-3-7873-4137-5

Dissertation an der Universität Passau 2021 (überarbeitete Version).

© Felix Meiner Verlag Hamburg 2022. Alle Rechte vorbehalten. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übertragungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, soweit es nicht §§ 53, 54 UrhG ausdrücklich gestatten. Konvertierung: BookwireFür Links mit Verweisen auf Webseiten Dritter übernimmt der Verlag keine inhaltliche Haftung. Zudem behält er sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings (§ 44 b UrhG) vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Inhalt

1. Transparenz als neuer Schlüsselbegriff

2. Medien und Medienwandel

Das philosophische Interesse an Medien

Platon diskutiert die Gefahren neuer Medien

Platon und die Folgen

3. Zeitdiagnose Digitalisierung

Stellenwert der Digitalisierung für Mensch und Gesellschaft

Digitalisierung und Transparenz

4. Architektur als materiale Manifestation von Transparenz

5. Transparenzdiskurse in der Architektur

Theoretische Diskussionen

Gebaute Transparenz

Ohne Glas, zur Überwachung: Benthams Panoptikum

Bauen und Demokratie

6. Begrifflichkeiten der Transparenz

Ordnung paralleler Begrifflichkeiten

Diachronie der semantischen Entwicklungen

7. Die Reichweite des Transparenzbegriffs

Transparenz als Metapher

Transparenz als Ideologie

8. Transparenz als Gegenbegriff zur Geheimhaltung

Geheimhaltung als absichtliches Verbergen

Politische Geheimhaltung

9. Zwei widerstreitende Prinzipien: Geheimhaltung und Veröffentlichung

Historischer Rückgriff: Arkanpolitik – Arcana Imperii

Geheimhaltung in der Demokratie

Gegen demokratische Geheimhaltung: Whistleblowing und Leaks

10. Vorläuferbegriff ›Publizität‹: Entstehung und Bedeutung einer Idee

›Publizität‹ bei Kant

Mit Kant zu Demokratie und Liberalismus

11. Öffentlichkeit als demokratische Sphäre

Habermas’ Weiterentwicklung der ›veröffentlichbaren Vernunft‹

Ein digitaler Strukturwandel? Transparenz und Digitalisierung

12. Öffentlichkeit als Handlungsraum

Arendts politische Philosophie des Handelns

Digitale Transparenz im öffentlichen Handeln

13. Transparenz-Paradox und Pseudotransparenz

14. Der Begriff des Individuums

15. Der gläserne Mensch: zwischen Überwachung und (Selbst-)Entblößung

Welchen Erkenntniswert haben Daten?

Das Sprachbild der ›Gläsernheit‹

16. Privatheit als ethisch-sozialer Gegenbegriff

Dimensionen des Privaten

Der gesellschaftliche Wert von Privatheit

Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung

17. Digitale Privatheit

Überwachung, Kontrolle, Manipulation: Begrifflichkeiten

Transparenz und Überwachung – ein wechselseitiges Verhältnis

18. Verlustszenarien von Privatheit

Dimensionen individueller digitaler Transparenz

Problemfelder – Spannung der Freiwilligkeit

19. Fazit

Danksagung

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

1.Transparenz als neuer Schlüsselbegriff

Transparenz ist ein Schlüsselbegriff des 21. Jahrhunderts. Wie ich zu zeigen versuche, ist er überraschend vielschichtig, polyvalent und zugleich problematisch: Transparenz ist mehrfach dichotom, erweist sich jedoch trotzdem als philosophisch nutzbar und anschlussfähig in unterschiedlichen Bedeutungssphären und Anwendungsbereichen. Um dies zu zeigen, werde ich Elemente aus der Ideengeschichte, der Politischen Philosophie und der Medienethik miteinander verbinden.

In einer Zeit, die geprägt ist von einem – drohenden – digitalen Kontrollverlust in Bezug auf Daten und in der Fragen der Geheimhaltung und der Privatsphäre vehement umkämpft sind, steht ›Transparenz‹ als zukunftsweisende und Freiheit versprechende Norm auf den Agenden von Demokratie-AktivistInnen, PolitikerInnen, InternetnutzerInnen, aber auch der demokratischen Gesellschaft als Ganzer. Ich möchte zu einer Neusortierung des Begriffsfelds beitragen, zu dem neben Transparenz auch Öffentlichkeit, Geheimnis und Privatheit gehören. Deshalb verstehe ich Transparenz nicht allein im Sinne von Lobbykontrolle und Korruptionsbekämpfung. Vielmehr gehe ich dem Begriff selbst und seinen Bedeutungsdimensionen auf den Grund.

Die ubiquitäre Verbreitung des Transparenzbegriffs im 21. Jahrhundert ist dabei eine Folge des digitalen Wandels. Transparenz hat sich zum Erfordernis entwickelt, dem zu entsprechen Anspruch einer als modern verstandenen Politik und Gesellschaft, aber auch des Individuums ist. Der Staat, Unternehmen, Organisationen, aber auch Personen sollen transparent(er) werden, damit einerseits Korruption und andere Defizite im Bereich der Politik verhindert und bekämpft sowie andererseits die Demokratie gestärkt werde. Seit den 1980er Jahren taucht der Begriff in zahlreichen Dokumenten zur Reform öffentlicher Institutionen auf,1 mit dem Bimillennium entwickelt er sodann eine Eigendynamik, in deren Zuge zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen, Vereine und Plattformen entstehen, die Transparenz von Seiten des Staates, aber auch von Unternehmen einfordern, wobei den prominenten Anfang Transparency International bereits 1993 machte.2 Öffentlichkeitswirksame Veröffentlichungen wie etwa durch WhistleblowerInnen weisen in diese Richtung und fordern Transparenz. Ihnen geht es in der Regel um die Aufdeckung von Skandalen, darum, eine (vermeintlich) bessere Demokratie zu forcieren und die bürgerliche Mitbestimmung zu stärken. Auch Politik und Gesetzgebung bemühen sich zunehmend um Offenheit, Transparenz und Kontrolle und höhlen so die Regelgeheimhaltung als grundlegendes politisches Prinzip aus: Transparenz wird dabei als Lösung gegenüber undemokratischen Tendenzen in der Politik eingefordert.

Dabei tritt Transparenz immer wieder von zwei sehr unterschiedlichen Seiten auf den Plan. Einerseits als Forderung und Streben nach ›mehr Demokratie‹: So gilt das Transparent-Machen von als geheim eingestuften Dokumenten und Informationen zum Beispiel durch WhistleblowerInnen oder Rechercheverbünde als legitim, ja sogar notwendig, um in einer globalisierten und ökonomisierten Welt demokratische Teilhaberechte geltend zu machen. Transparenz wird in diesem Kontext verstanden als positives Sichtbarmachen, als Nachvollziehbarmachen, das den legitimen Zugang zu politischen Vorgängen freilegt und vereinfacht. Transparenz macht Informationen zugänglich und ermöglicht damit die Kontrolle demokratisch legitimierter Politik.3 Dabei wird sie in einem solchen Kontext gleichgesetzt mit Information, worauf (scheinbar) ein Recht besteht: Strukturen sollen transparent sein, also sichtbar, einsehbar, nachvollziehbar. So steht Transparenz im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Lobbyismus und Korruption.4

Andererseits betrifft Transparenz auch das Individuum, so meine These in diesem Buch: JedeR Einzelne wird zunehmend transparent, durchsichtig und nachverfolgbar durch die Datenspuren, die wir nicht nur im Netz, sondern auch im öffentlichen Raum hinterlassen. Liberale Theorien gehen jedoch davon aus, dass zur Teilnahme am politischen Prozess die Trennung von Öffentlichem von Privatem zentral sei. Wenn jedeR transparent wird, geht das Private verloren und die Bedingung der Möglichkeit einer entsprechenden Trennung existiert nicht mehr. Von analytischem, philosophischem Interesse ist die Dynamik, der das Verhältnis von öffentlicher und privater Sphäre ausgesetzt ist, da das sozial und kulturell divergierende Verständnis von Privatheit und ihrem Schutz stetigem Wandel unterliegt. Menschen geben nicht nur freiwillig Informationen über sich preis, sondern diese werden auch systematisch von verschiedener Seite aufgezeichnet, gesammelt, miteinander verknüpft und ausgewertet: zum einen von Unternehmen, zum anderen von staatlicher Seite, da mithilfe genauer virtueller Profile immer mehr Vorhersagen über das Verhalten von Personen getroffen werden können. Der öffentliche Raum wird der ständigen Überwachung preisgegeben. Die liberale Grundfreiheit, nach eigenen Überzeugungen zu leben und zu handeln, wird bedrängt, wenn durch digitale Technologien die Privatheit der Lebensführung abhandenkommt. Eine solche Durchsichtigkeit und Transparenz der Einzelnen und des Privaten vertragen sich aus einer liberalen Perspektive nicht mit der Freiheit demokratischer BürgerInnen. Die Privatsphäre als Rückzugsraum des Individuums ist vonnöten für ein demokratisches Zusammenleben freier Menschen, da sie die Autonomie des Individuums aufrechterhält und schützt.

Die wichtigsten Akteure in Bezug auf eine »Transparentisierung«5 des Individuums sind – neben diesen selbst – Internetkonzerne und Plattformen, die gleichwohl im eigenen Interesse agieren: Für die Unternehmen steht die Transparenz der gläsernen KonsumentInnen im Zentrum und so etablieren Digitalunternehmen und Plattformbetreiber im Rahmen einer digitalen Medienlogik Transparenz als individuellen und gesellschaftlichen Wert. Hieraus entspringt die normative Folgerung, wer nichts zu verbergen habe, müsse auch nichts für sich behalten, die sich jedoch als Trugschluss erweist.6 Der Schutz des Privaten gerät so unter Druck und wird verdächtig. Dieser Druck auf die Privatsphäre und hin zur Transparenz kommt also aus verschiedenen, auf den ersten Blick kaum miteinander verbundenen Richtungen: von Digitalunternehmen, deren Geschäftsmodell das Sammeln, Verbinden und Auswerten von Daten ist und die die Transparenz des Individuums forcieren; WhistleblowerInnen, die Staat und Demokratie zu mehr Offenheit zwingen wollen; und von den BürgerInnen selbst, die ihre Daten freiwillig teilen. Transparenz scheint zu einer Selbstverständlichkeit und Ideologie, der man kaum ausweichen kann, geworden zu sein.

Die rasante Zunahme des Begriffsgebrauchs unterstreicht, dass der Transparenzbegriff sowohl gesellschaftlich wirkmächtig als auch für die Wissenschaft und die Philosophie relevant ist. Dabei erweist sich die Erkenntnis als ergiebig, dass es sich um einen breiten und paradox anmutenden Begriff handelt, der gleichzeitig im Alltag geläufig ist und in wissenschaftlichen sowie politischen Debatten eine wesentliche Rolle spielt. Die populären wie ubiquitären Forderungen nach Transparenz sowie das Nachdenken darüber hängen dabei mit dem digitalen Medienwandel zusammen und lassen sich gleichzeitig ideengeschichtlich – in all ihrer Ambivalenz – bis in die Aufklärung zurückverfolgen.