Dr. Michael Schredl, PD, Universität Mannheim, wiss. Leiter der Abt. Schlafforschung
des Zentralinstituts für seelische Gesundheit.
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Einleitung
Die Menschen haben sehr früh begonnen, sich mit Träumen zu beschäftigen ; das zeigen
Traumberichte in der Bibel oder die Traumbücher der alten Griechen. Für den wissenschaftlichen
Zugang waren zwei Meilensteine in der Geschichte von Bedeutung: Zum einen war dies
die Traumdeutung von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, die 1899 (vordatiert
auf 1900) erschienen ist. Freud stellte eine Methode vor, Träume in der Psychotherapie
sinnvoll zu nutzen. Der zweite Meilenstein war die Entdeckung des ↑ REM-Schlafes (Aserinsky
/ Kleitman 1953). Die Erforschung des Schlafes und somit auch die des Traumes sind
bis heute Gebiete, die sich stark weiterentwickeln.
Neben diesen zwei Strömungen, der Psychoanalyse und dem neurophysiologischen Zugang,
hat sich eine dritte Kraft herausgebildet, die psychologische Traumforschung. Einer
der Väter dieser Richtung ist Calvin S. Hall, der Ende der 1940er Jahre begonnen hatte,
viele Personen nach Traumberichten zu fragen und diese systematisch zu analysieren
(Hall / Van de Castle 1966). Durch die Entwicklung der Trauminhaltsanalyse gelang
es diesen Pionieren, der Traumforschung zu wissenschaftlicher Anerkennung zu verhelfen.
Das vorliegende Buch gibt einen Einblick in die Ergebnisse der psychologischen Traumforschung.
Hier wird der Traum als Rückerinnerung an das Träumen und als subjektives ganzheitliches
Erleben aufgefasst, das es zu ergründen gilt. Nach der Diskussion der Traumerinnerung,
die sozusagen die Grundvoraussetzung für die Traumforschung und die Anwendung der
Träume ist, werden die Werkzeuge der Traumforschung vorgestellt, vor allem die bereits
erwähnte Trauminhaltsanalyse. Schließlich werden die wichtigsten Befunde der Traumforschung
dargelegt: Was erleben wir beim Träumen? Wie beeinflusst das Wachleben die nachfolgenden
Träume? Träumen Männer anders als Frauen? Wie wirken sich Reize, die während des Schlafes
auf die Person einwirken, auf die Träume aus? Wie hängen die körperlichen Prozesse,
z. B. die Gehirnaktivität oder die Augenbewegungen, mit dem Trauminhalt zusammen?
Zwei Kapitel sind besonderen Traumarten gewidmet: Die Alpträume werden thematisiert,
weil es eine beträchtliche Anzahl von Menschen gibt, die unter Alpträumen leiden.
Die Forschung hat dazu vielversprechende Behandlungsansätze entwickelt. Das luzide
Träumen, also Träume in dem Bewusstsein, dass man träumt, sind sowohl für den Träumer
sehr spannend als auch für die Forschung, da gezielte Experimente zum Zusammenhang
zwischen Physiologie und Trauminhalt durchgeführt werden können. Das letzte Kapitel
beschäftigt sich mit der Frage, ob die Träume eine Funktion haben. Auch wenn es plausibel
erscheint, dass Träume bei der Bearbeitung von Problemen helfen können, kreative Anregungen
geben und sinnvoll in der Therapie eingesetzt werden können, muss letztendlich die
Frage nach der Funktion offen bleiben. Es ist zu wünschen, dass die weitere Forschung
noch viele Erkenntnisse ans Licht bringt und so das Rätsel der Träume immer mehr gelüftet
wird.
Michael Schredl Mannheim, im Januar 2008
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Was ist ein Traum?
Der Begriff „Traum“ wird in der Umgangssprache vielfältig verwendet, z. B. in Ausdrücken
wie „Traumfrau“, „Träumer“, „Traumhaus“. Für die wissenschaftliche Beschäftigung mit
dem Phänomen Traum ist jedoch eine klare Definition notwendig. Auch wenn sich die
Forscher über die formalen Kriterien, die einen Traum charakterisieren, nicht einig
sind (Schredl 1999), so haben sich die folgenden Definitionen für die Praxis als sinnvoll
erwiesen:
Definition
Träumen ist die psychische Aktivität während des Schlafes.
Definition
Der Traum oder Traumbericht ist die Erinnerung an die psychische Aktivität während
des Schlafes.
Der Begriff „psychische Aktivität“ ist ein Kunstwort und soll verdeutlichen, dass
das Träumen ein ganzheitliches Erleben darstellt, mit Sinneseindrücken, Gefühlen und
Gedanken; d.h., dass wir uns im Traum genauso erleben, wie im Wachzustand. Dabei ist
zu beachten, dass das Träumen nicht von außen messbar ist. So kann zwar die Schlafphysiologie
(Gehirnströme, Augenbewegungen, Herzschlag usw.) mit modernen Aufzeichnungsgeräten
erfasst und ausgewertet werden, das psychische Erleben ist jedoch nur durch Befragung
zugänglich. Gerade in der Schlaf- und Traumforschung ist es wichtig, diese beiden
Ebenen, Physiologie und Psychologie, auseinanderzuhalten.
Die zweite der beiden genannten Definitionen macht einen Punkt sehr deutlich: Das
Träumen ist weder der träumenden Person selbst noch dem Forscher direkt zugänglich.
Es sind zwei „Hürden“ zu überwinden, um den Traumbericht zu bekommen. Erstens muss
die Person aufwachen (Schlaf-Wach-Übergang) und zweitens muss sie sich zurückerinnern
an das, was vor dem Erwachen gewesen ist (Zeitdimension). In der
Forschung stellt sich deshalb immer die Frage, wie gut der Traumbericht tatsächlich
das erlebte Geschehen abbildet (siehe dazu den Abschnitt „Trauminhaltsanalyse“ in
Kapitel 3). Das Träumen bzw. die Träume lassen sich in einige typische Gruppen unterteilen
(Schredl 1999).
• REM-Träume: Rückerinnerung an psychische Aktivität während des REM-Schlafes
• NREM-Träume: Rückerinnerung an psychische Aktivität während des NREM-Schlafs
• Einschlafträume: Rückerinnerung an psychische Aktivität während des NREM-Schlafstadiums
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• Alpträume: REM-Träume mit stark unangenehmem Affekt, der zum Erwachen führt
• Pavor nocturnus: Nächtliches Aufschrecken mit Angst aus dem Tiefschlaf, evtl. Auftreten
von NREM-Träumen
• posttraumatische Wiederholungen: REM- oder NREM-Träume, die eine realistische Wiederholung
eines Traumas darstellen
• Luzide Träume: REM-Träume, in denen das Bewusstsein vorliegt, dass gerade geträumt
wird
Bei den ersten Schlaflaborstudien (Dement / Kleitman 1957) wurden die Probanden aus
dem ↑ REM-Schlaf geweckt, und die Forscher erhielten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit
(über 80 %) einen lebhaften und bilderreichen Traum. Der REM-Schlaf zeichnet sich
durch schnelle Augenbewegungen und hohe Gehirnaktivität aus und nimmt ca. 20 % des
Gesamtschlafes ein (Borbely 2004). Nach dem Wecken aus dem ↑ NREM-Schlaf wurde dagegen
selten ein Traum berichtet. Foulkes (1962) machte allerdings darauf aufmerksam, dass
in diesem Zusammenhang die Definition von „Traum“ eine große Rolle spielt. Er fragte
nicht spezifisch nach bildhaften Träumen, sondern ganz offen, was den Versuchspersonen
vor dem Wecken durch den Kopf gegangen ist und erhielt Berichtsraten von über 50 %.
Das Ergebnis konnte durch weitere Studien bestätigt werden (eine Übersicht findet
sich bei Nielsen 2000). Auch die anfangs angenommenen Unterschiede zwischen REM-Träumen
und NREM-Träumen sind wahrscheinlich nicht so stark ausgeprägt, wie man zunächst dachte.
Auch wenn NREM-Träume meist kürzer, weniger intensiv und eher gedankenartig sind,
sind die Übergänge fließend (Antrobus, 1991). Circa 25 % der NREM-Träume lassen sich
der Form und dem Inhalt nach nicht von REM-Träumen unterscheiden.
Einschlafträume treten im NREM-Stadium 1 auf und in der Regel vergisst man sie, wenn
man nicht durch ein Geräusch beim Einnicken geweckt wird. Meistens sind die Einschlafträume
Fortsetzungen der Gedanken beim Einschlafen und haben manchmal einen stark bizarrem
Charakter. Aber es gibt auch viele Personen, die während des Einschlafens einzelne
Bilder und auch Bildabfolgen erleben, sodass auch hier ein fließender Übergang zu
den REM-Träumen besteht.
Kernaussage
Die Einteilung der Träume anhand der zugrunde liegenden Schlafstadien – trotz fließender
Übergänge – soll auch die heute gängige Auffassung unterstreichen, die besagt, dass
während der ganzen Schlafzeit geträumt wird.
Warum die Erinnerung an die Träume sehr unterschiedlich ausfallen kann, ist Gegenstand
von Kapitel 2 und 3.
Die folgenden drei Traumphänomene sind mit dem Auftreten von Angst verbunden (siehe
auch Kapitel 8). Alpträume sind REM-Träume, bei denen der starke negative ↑ Affekt
zum Erwachen führt. Davon werden belastende oder „schlechte“ Träume unterschieden,
die ebenfalls starke negative Emotionen wie Angst, Ekel oder Trauer enthalten, aber
nicht direkt zum Aufwachen führen (Zadra / Donderi 2000). Beim Pavor nocturnus kommt
es zum Aufschrecken mit Angst aus dem Tiefschlaf, aber die betroffene Person erwacht
nicht richtig und kann sich meistens an den Vorfall gar nicht zurückerinnern. Die
posttraumatischen Wiederholungen gehen auf schreckliche Erlebnisse wie sexueller Missbrauch
oder Kriegserlebnisse zurück und können während des gesamten Schlafes auftreten; auch
tagsüber kann es zu solchen posttraumatischen Wiederholungen kommen, dann werden sie
als „Flashbacks“ bezeichnet.
Die luziden Träume oder Klarträume sind Traumberichte von Träumen, in denen sich das
Traum-Ich während des Träumens bewusst ist, dass es träumt. Da dieser Zustand sowohl
für die Forschung als auch für die Person selbst sehr spannend ist, wird dieser Traumtyp
in Kapitel 8 ausführlicher besprochen.
Auch in anderen Bewusstseinzuständen werden traumartige Vorstellungen erlebt, so zum
Beispiel in Narkose oder bei Nahtod-Erlebnissen. Auch im Wachzustand kann es zu traumartigen
Phänomenen kommen: Foulkes und Fleischer (1975) konnten viele Parallelen zwischen
Tagträumen und REM-Träumen aufzeigen, wenn die Erhebungsbedingungen
gleich waren. Das heißt, die Versuchspersonen lagen entspannt in einem abgedunkelten
Raum im Bett und die Forscher führten „Weckungen“ durch. Diese so erhaltenen Tagträume
waren den REM-Träumen sehr ähnlich, auch wenn die meisten Tagträume als weniger wirklich
erlebt werden wie die Nachtträume. Für die wissenschaftliche Traumforschung sind Tagträume
keine Träume im engeren Sinne, jedoch sehr verwandte Phänomene.