Traumatherapie-Kompass - Susanne Leutner - E-Book

Traumatherapie-Kompass E-Book

Susanne Leutner

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Beschreibung

Die Behandlung von Menschen mit komplexen Traumatisierungen stellt Therapeutinnen und Therapeuten vor große Herausforderungen. Über die etablierten traumatherapeutischen Konzepte hinausgehend stellen die beiden Autorinnen ihren schulenübergreifenden Ansatz zur entwicklungs- und prozessorientierten Arbeit vor. Der besondere Akzent liegt auf der vernetzend-systemischen Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen sowie der Kombination mit EMDR. Der therapeutischen Beziehung kommt dabei ein ebenso hoher Stellenwert zu wie dem konsequenten Blick auf die Stärken der Klientinnen und Klienten. Die Therapeutin kann in der Begegnung mit der Klientin herausfinden, was diese braucht, wie viel Belastung sie bewältigen kann und wie viel Stärkung nötig ist für den passenden nächsten Schritt auf ihrem ganz eigenen Weg. Eine Fülle von Anleitungen, Fallbeispielen und Übungen bereichert den Traumatherapie-Kompass.

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Seitenzahl: 651

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Susanne Leutner / Elfie Cronauer

Traumatherapie-Kompass

Begegnung, Prozess und Selbstentwicklung in der Therapie mit Persönlichkeitsanteilen

Mit einem Vorwort von Wolfgang Wöller

Mit 38 Abbildungen und 2 Tabellen

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

2022 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill österreich GmbH, Wien, österreich) Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, Verlag Antike und V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Ego-State-Therapie Institut Rheinland, Bonn | Beringas/Shutterstock.com

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-647-99459-8

Inhalt

Verzeichnis der Abkürzungen

Vorwort

0Einleitung

Der Kompass

Unsere eigenen Wege

Aufbau des Buches

Teil A Trauma, Begegnung, Prozess und Selbstentwicklung: Theoretische Grundlagen

1Was ist ein Trauma? Eine Landkarte für die Begleitung von traumatisierten Menschen

Das Individuum in seiner Antwort auf traumatisierende Bedingungen – die Kompassnadel in diesem Buch

Umgang mit komplexer PTBS

Unsere Biologie bei Lebensbedrohung

Begegnung mit traumatisierten Menschen

Prinzipien der Traumatherapie

Sicherheitserleben durch Bewältigungserfahrungen

Entwicklungen indirekt anregen

Vertrauen gewinnen durch die sukzessive Annäherung an die Gefahr

Berücksichtigung des Bindungsstils in der Psychotherapie

Biopsychosoziale Grundlagen

Bindungshandlungen

Soziale Interaktion

Viele(s) werden: Dissoziation

Dissoziation strukturell betrachtet

Dissoziation als Begriff in der Ego-State-Theorie

Dissoziation als Kontinuum

2Traumatherapie mit Persönlichkeitsanteilen

Konzeptionelle Aspekte der Ego-State-Therapie

Aus der Vor-Geschichte der Ego-State-Therapie – Die Analytiker Paul Federn und Gertrud Schwing

Entwicklungslinie der Begriffe des Ich, der Ich-Zustände und der Ich-Grenzen

Von Federn zu John und Helen Watkins

John und Helen Watkins in ihrer praktischen Arbeit

Was sind »Ego-States«?

Traumakonfrontation in der Ego-State-Therapie

Ko-Bewusstheit und Kooperation der inneren Anteile fördern

Dissoziation von Persönlichkeitsanteilen – therapeutischer Umgang

Konzeptionelle Aspekte des EMDR in der Traumatherapie mit Persönlichkeitsanteilen

Was ist EMDR?

Das AIP-Modell des EMDR

Ressourcenorientierung im EMDR

AIP und dialektische Entwicklung im Prozessmodell

Konzeptionelle Aspekte einer körperorientierten Traumatherapie mit Persönlichkeitsanteilen

Auswirkungen traumatisierender Erfahrungen im Körper

Somatoforme Beschwerden – Bedeutung von Sprache und Körpersprache

Traumabearbeitung und Körpertherapie

Präverbale und nichtverbalisierte Erinnerungen

Perspektiven wechseln und vernetzen

Systemische Prämisse

Die Kunst der Begegnung

Hypnose

3Der Begegnungsraum

Elfie Cronauer

Allgemeine Wirkfaktoren – Common Factors

Die Person des Psychotherapeuten

Menschenbild und Haltung

Ressourcenaktivierung

Aktivierung von Anfang an

Wiederholung – Bahnung – Verortung im Raum

Resonanz und Beziehung

Resonanz und Reziprozität

Beziehungen – Ausdruck schöpferischer Prozesse

Implizites Wissen im Begegnungsraum

Wechselseitige Beziehungsbotschaften

Herausforderungen für die Beziehungsgestaltung

Interaktive Tranceprozesse im Begegnungsraum

Im Körper wird es wahr

Sich selbst im Körper spüren – den Körper spüren

Plädoyer für Verlangsamung und Pausen

Kleiner Exkurs zum Gähnen

Hindernis als Lernerfahrung

Der Punkt, an dem es nicht weitergeht

Offen sein für auftauchende Phänomene im Außen

Reparieren und Fehlbarkeit

4Das Prozessmodell

Susanne Leutner

Ressource und Belastung: Zwei Seiten einer Medaille

Kontakt zur Belastung

Pendeln

Traumakonfrontation

Kraft wächst aus Leid: Traumabearbeitung als Ressourcenaktivierung

5Entwicklung und Selbstentwicklung in der Therapie

Susanne Leutner

Entwicklung der Klientin erfassen

Entwicklung verläuft in Widersprüchen

Mit den Entwicklungswidersprüchen arbeiten und besonnen bleiben

Die Zone der nächsten Entwicklung erkennen und erreichen

Die Zone der nächsten Entwicklung in der Therapie

Verinnerlichen von Entwicklung durch Begegnung

Begegnung und Entwicklung finden im sozialen Umfeld statt

Die drei dialektischen Entwicklungsprinzipien

Einheit der Gegensätze in der Selbstentwicklung

Negation der Negation als Entwicklungsprinzip

Umschlag von Quantität in Qualität

Selbstentwicklung in der Begegnung

Warten

Sich weiten

Fokussieren

Einordnen

Die Anteile der Klientin in der Begegnung mit der Therapeutin

Die Anteile der Therapeutin in der Begegnung mit der Klientin

6Zwischenbilanz

Teil B Die Arbeit mit Prozessmodell und Begegnungsraum in der Praxis

1Den Boden bereiten: Hilfreiche Prinzipien in der Praxis

Prinzipien der therapeutischen Beziehung

Die reflektierende Position

Kooperation vor Bindung

Begegnung allein reicht nicht

Ein Platz für den Schrecken

Prinzipien des guten Dosierens

Ich-Stärkung

Ressourcenaktivierung

Distanzieren und Filtern

Pendeln

Hypnotherapeutische Interventionen

Prozesstechniken

Prinzipien im Umgang mit Dissoziation

Traumatisierung durch Bindungspersonen

Besonders frühe Traumatisierung

Jeder Teil ist gekommen, um zu helfen

»Störenfriede« oder destruktiv erscheinende Ego-States

Bindungsstile und wechselseitige Beziehungsbotschaften

Welche inneren Anteile machen mit?

2Auf sicherem Boden kreative Verbindungen schaffen

Verbindung von Ego-State-Therapie und EMDR

Dialektik von Traumakonfrontation und Ressourcenintegration

Grundannahmen und Therapieziele

Ressourcenintegration

Nichtverbalisierte Erfahrungen: Verbindung zu Ego-States aufspüren

Selbstentwicklungsprozesse im Körper fördern

Spuren finden – Spuren erforschen

Vom Körper ausgehen – das Bottom-Up-Protokoll (Cronauer)

Körperpsychotherapeutisches Vorgehen bei dissoziierten Persönlichkeitsanteilen

Körperorientiertes Vorgehen bei somatischen Beschwerden

Vorgehen

Körperbotschaften verstehen

Teil C Bewährte und neue Interventionen in ausgewählten übungen

übersicht über alle übungen

1Wahrnehmen und Identifizieren ressourcenvoller Ego-States, Kontaktaufnahme zu Ego-States und erste Interventionsmethoden

Übung 1.1: Einer Ressource begegnen

Übung 1.2: Kontaktaufnahme mit einem ressourcenvollen Ego-State

Übung 1.3: Näheres Kennenlernen des ressourcenvollen Ego-States

Übung 1.4: Beobachterübung

Übung 1.5: Stühle-Technik

Übung 1.6: Der inneren Stärke begegnen

Übung 1.7: Konfliktfreies Bild

Übung 1.8: Einem inneren Helfer begegnen

Übung 1.9: Wichtige nährende Bezugspersonen

2Wahrnehmen und Identifizieren verletzter Ego-States, die Kontaktaufnahme und Arbeit mit diesen Ego-States

Übung 2.1: Versorgen von verletzten Ego-States

Übung 2.2: Beispiel für Tranceinduktion zur Begegnung mit inneren Anteilen

Übung 2.3: Ideomotorische Signale – Ideosensorische Signale

Übung 2.4: Zugmetapher

Übung 2.5: Die Affektbrücke

Übung 2.6: Geteilter Bildschirm – Variante der »Split-Screen-Technique«

Übung 2.7: Altersprogression: Die Frau aus der (nahen) Zukunft

3Traumabearbeitung durch situationsbezogene und integrative Arbeit mit traumatisierten Ego-States

Übung 3.1: Sicherer Ort für viele

Übung 3.2: Arbeit mit inneren Störenfrieden

Übung 3.3: Ego-States: Möglichkeiten näheren Kennenlernens

Übung 3.4: Verschiedene hilfreiche Vorstellungen für innere Systeme

Übung 3.5: Traumakonfrontation mit Ego-States

4Therapeutischer Umgang mit Dissoziation

Übung 4.1: Arbeit mit einem jüngeren inneren Anteil/Ego-State einer Klientin – Zone der nächsten Entwicklung

Übung 4.2: Arbeit mit mindestens zwei inneren Anteilen/Ego-States einer Klientin und der Alltagspersönlichkeit

Übung 4.3: Blending mit zwei Anteilen

5Therapeutischer Umgang mit Dissoziation und dissoziativ organisierten Persönlichkeiten

Übung 5.1: Ort der Begegnung innerer Anteile

Übung 5.2: Anregungen für vernetzende Kommunikation mit der Klientin als Ganzer und ihren unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen

Übung 5.3: Der Bergfluss

Übung 5.4: Das klärende Bad

6Integration und innere Kooperation

Übung 6.1: Das ideale Selbst

Übung 6.2: Die Baumübung

Übung 6.3: Maibaum – Verbundenheit mit anderen Menschen und inneren Anteilen

Übung 6.4: Der Bergsee

7EMDR und Ego-States

Übung 7.1: CARES – das Vorgehen (Leutner)

Übung 7.2: RIT – das Vorgehen (Leutner)

Übung 7.3: Traumakonfrontation mit Ego-States plus EMDR

Übung 7.4: Einbeziehen von Ego-States im Ablauf der acht Phasen des EMDR – überblick

Übung 7.5: Wenn Ego-States im EMDR-Prozess auftauchen

8Die Körpersprache der Ego-States

Übung 8.1: Von der Sprache zum Körper

Übung 8.2: Körpersprache entziffern

Übung 8.3: Aufbau einer Körperressource

Übung 8.4: Kontakt zu somatischen Beschwerden und Pendeln

Übung 8.5: Kontakt zwischen somatischen Beschwerden und Persönlichkeits anteilen fördern

Übung 8.6: Bottom-Up-Protokoll zur Traumakonfrontation

Übung 8.7: Anregungen für vernetzende Kommunikation zwischen Klientin, Körper und Persönlichkeitsanteilen

9Einstimmung – was es heißt, Therapeutin zu sein

Übung 9.1: Die Gleichzeitigkeit der Dinge im Körper – wozu auch der Kopf gehört

Übung 9.2: Die goldene Kugel im Therapieraum

Übung 9.3: Das Belastende in eine Ressource verwandeln

Übung 9.4: Positive Gegenübertragungstrance

Übung 9.5: Selbsterfahrung im Kontext der Ego-State-Therapie

10Noch viel mehr Möglichkeiten

Ausblick

Dank

Literatur

Verzeichnis der Abkürzungen

Vorwort

Die Behandlung von Patient*innen mit komplexen Traumafolgestörungen stellt Therapeut*innen trotz aller konzeptionellen und behandlungstechnischen Neuerungen immer wieder vor große Herausforderungen. Zahlreiche therapeutische Ansätze unterschiedlicher Provenienz haben sich der Behandlung dieser oft noch immer nicht ausreichend versorgten Gruppe von Patient*innen gewidmet. Bei aller Verschiedenheit der Konzepte fallen wichtige Konvergenzen und Gemeinsamkeiten auf, die eine verfahrensübergreifende Betrachtung rechtfertigen.

Vor diesem Hintergrund bereichern uns die Autorinnen mit einem Buch, das nicht nur den neuesten Stand moderner Traumabehandlung in anschaulicher Weise wiedergibt, sondern auch die theoretischen Grundlagen der von ihnen favorisierten Interventionen erläutert. Das Buch ist so persönlich wie fundiert geschrieben. Die Autorinnen zeichnen ihre ganz persönliche Entwicklung nach und schildern den Weg, den sie gegangen sind, um die Traumatherapeutinnen zu werden sind, die sie heute sind. Dieser Weg umfasste Stationen der Weiterbildungen in kognitiv-behavioralen, humanistischen, psychodynamischen, systemischen, hypnotherapeutischen und körpertherapeutischen Verfahren sowie in den Methoden des EMDR und der Ego-State-Therapie. Mit dieser breiten Kompetenz stellen sie ihren schulenübergreifenden Ansatz zur Behandlung komplex traumatisierter Patientinnen vor.

Bei der Darstellung des Ansatzes fällt vor allem auf, welche bedeutsame Rolle die Autorinnen der therapeutischen Beziehung zuweisen. Ein solcher Fokus ist bemerkenswert, denn er impliziert eine kritische Haltung gegenüber einem Psychotherapieverständnis, das den instrumentalisierenden Einsatz heutiger Techniken in einseitiger Weise auf die Evidenz der Wirksamkeit durch randomisiert-kontrollierte Studien stützt. Zu leicht wird der Eindruck erweckt, Traumatherapie lasse sich auf leicht erlernbare Techniken reduzieren, deren Erfolg gesichert sei, wenn man sich nur stringent an das Manual der als evidenzbasiert ausgewiesenen Therapieform halte. Jeder Praktiker, jede Praktikerin weiß, dass die therapeutische Wirklichkeit weitaus anspruchsvoller ist. Zudem hat uns die Psychotherapieforschung gelehrt, dass Aspekte der therapeutischen Beziehung weitaus mehr zur Erklärung der Varianz des Therapieerfolgs beitragen als die Wahl der psychotherapeutischen Technik. Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass therapeutische Techniken beliebig oder gar verzichtbar wären. Es heißt vielmehr, dass sie in den Kontext einer tragfähigen therapeutischen Beziehung eingebunden sein müssen.

Dem Eindruck einfacher behandlungstechnischer Machbarkeit treten die Autorinnen auf überzeugende Weise entgegen, indem sie sich ausführlich mit der Frage beschäftigen, welche Voraussetzungen vonseiten der therapeutische Beziehung erfüllt sein müssen, damit die geplanten Interventionen auf einen fruchtbaren Boden fallen. Angeboten wird ein Begegnungsraum, der es ermöglicht, Informationen auf der Beziehungsebene wahrzunehmen und zu würdigen. Aspekte von Sicherheit und Kontrolle sind ebenso unverzichtbar wie eine von Respekt und Mitgefühl getragene Begegnung mit den Patient*innen auf Augenhöhe. Das heißt: Die Patient*innen werden nicht einfach nur »behandelt«; sie werden vielmehr zur Teilnahme an einem gemeinsamen therapeutischen Prozess eingeladen, der sich nicht auf Symptombesserung beschränken, sondern ihnen zu befriedigenden menschlichen Beziehungen verhelfen und ihnen ein Leben in Würde ermöglichen soll.

Den theoretischen Rahmen für therapeutische Arbeit der Autorinnen bildet ein Prozessmodell, das es gestattet, die Relation von Stärke und Belastung der Patient*innen zu evaluieren und das therapeutische Vorgehen hierauf abzustimmen. Dabei machen sie deutlich, dass es besonderer Flexibilität bei der Modifikation spezifischer Techniken bedarf, um die jeweiligen Verfahren und Methoden an die jeweiligen strukturellen Gegebenheiten und die Bedürfnislage der Patient*innen anzupassen. Entdeckergeist in einer kooperativen Atmosphäre ist gefragt, um neue Lösungen zu finden. Verständlicherweise begegnen uns auch die altbekannten Fragen nach dem optimalen Zeitpunkt und der Art und Weise der Konfrontation mit traumatischen Erinnerungen. Hier geben die Autorinnen neuartige Antworten, die die alte Unterscheidung zwischen Stabilisierung und Konfrontation nahezu obsolet werden lässt.

Ein ganz besonderer Stellenwert kommt dabei der konsequenten Ressourcenorientierung und dem Blick auf die Stärken der Patienten zu. In besonderer Weise fühlen sich die Autorinnen der systemischen Arbeit mit Ego-States und Persönlichkeitsanteilen verbunden, die sie in höchst kreativer Weise weiterentwickelt haben und die sie mit Varianten des verbinden. Mit Hilfe derartig kreativer Verfahrenskombinationen und einer konsequenten Beziehungsarbeit ist es möglich, die Konfrontation mit traumatischen Erinnerungen so sicher und schonend zu gestalten, dass sie früher als bisher im Therapieprozess einsetzen kann. Auch schwer traumatisierte Patientinnen mit strukturellen dissoziativen Störungen, deren Behandlung vielen Therapeut*innen noch immer als zu herausfordernd gilt, lassen sich so wirksam behandeln.

Das Buch enthält eine Fülle praktischer Vorschläge und Anleitungen, wobei der besondere Akzent auf der Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen und der Integration von EMDR in andere Verfahren liegt. Auf jeder Seite des Buches spürt man die langjährige Erfahrung der Autorinnen in der Behandlung komplex traumatisierter Patient*innen und die Wertschätzung, die sie ihnen entgegenbringen. Dem wertvollen Buch sei eine breite Rezeption gewünscht.

Wolfgang Wöller

0 Einleitung

Dieses Buch richtet sich an psychotherapeutisch tätige Kolleginnen und Kollegen und an Beraterinnen und Berater. Wir alle wollen unabhängig von unseren Verfahren und Methoden wissen, welche Stärken eine Klientin1 hat, welche Ressourcen sie aktivieren kann und wann sie in der richtigen Dosierung ihre Traumatisierungen und andere Belastungen bearbeiten kann. Unser Konzept gibt therapieschulenübergreifend Antwort und bietet Orientierung im therapeutischen Alltag, sodass es möglich wird, zum richtigen Zeitpunkt zusammen mit der Klientin Entwicklungsschritte zu gehen und Belastungen nachhaltig zu reduzieren.

Wir möchten mit diesem Buch einen Leitfaden für die praktische Arbeit zur Verfügung stellen, der auch eine konzeptionelle Einordnung bietet. Wir möchten erklären, wie wir unsere Klientinnen darin begleiten können, innere Hürden zu meistern, Defizite aufzuholen, Traumatisierendes und Verletztes zu überwinden, damit es ihnen »besser geht«, sie in den Genuss von Erfolgen kommen, Erleichterung verspüren, mit sich selbst und anderen freundlich und entspannt umgehen können.

Wir bieten ein Konzept, das dazu dient, sich in der Vielzahl der therapeutischen Angebote und Möglichkeiten, vor allem im Feld der Traumatherapie, zurechtzufinden. Wir stellen gemeinsame Entwicklungslinien her und bieten einen übergeordneten Blick. Dazu präsentieren wir Handwerkszeug, das an vielen Stellen einzusetzen ist, unabhängig vom angewandten Verfahren. Wir liefern Strategien und Interventionen, die wir gleichzeitig einordnen in den gemeinsamen psychotherapeutischen Prozess. Die Therapeutin sollte flexibel denken und handeln in Bezug auf die Beschwerden des Klienten, die Beziehung zu ihm und zu ihrer eigenen Gewordenheit. Begegnungen finden auf Augenhöhe statt, der Klient bleibt mit seiner Symptomatik Subjekt der Veränderung im gemeinsamen Prozess. Auf diese Weise wird seine Verantwortung für seine Gesundheit und sein Wachstum ernst genommen und er kann seine Handlungsfähigkeit erweitern.

Der Kompass

Ein Kompass ist dieses Buch für all jene, die besser verstehen möchten, wo sie sich mit ihren Klientinnen gerade befinden. Wir haben Abbildungen entwickelt, die das visualisieren. Ein Kompass richtet sich immer nach Norden aus. Das Buch soll helfen, eine vergleichbare Orientierung in der Traumatherapie beizubehalten oder immer wieder zu finden. Gerade in der Bearbeitung von komplexen oder frühen Traumatisierungen scheinen so viele Möglichkeiten gleichzeitig zu bestehen und ebenso viele Gefahren zu lauern. Der Konflikt des zu frühen oder zu späten Bearbeitens von Belastungen oder des zu kurzen oder zu langen Stabilisierens ist hier tägliche Herausforderung.

Und in der Arbeit mit inneren Persönlichkeitsanteilen, die unterschiedliche Entwicklungsniveaus haben und sehr unterschiedliche Anliegen (um nur zwei der vielen Konfliktfelder zu nennen) gilt das Gleiche: Ein endloses Feld von Möglichkeiten tut sich auf. Wann versorgt die Klientin mit Unterstützung der Therapeutin welchen Anteil, wann sollte sie Grenzen ziehen, direktiver sein, wann ist es möglich, loszulassen und Räume zu öffnen?

Wir führen vor Augen, was es bedeutet, Traumatherapie zu machen mit ihren vielen Möglichkeiten und diese auf innere Anteile zu beziehen mit ebenso vielen Möglichkeiten. Das ist wie das Wandern im unerschlossenen Gelände mit unbekannten Kraftquellen genauso wie mit Gefahren; mit einer mehr oder weniger großen Gruppe von erfahrenen und unerfahrenen Wanderern unterschiedlichen Alters und sehr unterschiedlicher Stärken, Schwächen und Interessen. Vielleicht gibt es immerhin einen gemeinsamen Startpunkt und eine vage Einigkeit über das Ziel. Ein Kompass ist hier das mindeste, was man braucht. Er ist bei weitem nicht alles, aber er ist eine notwendige Bedingung.

Wie war das wohl für die Seefahrer aus dem alten Europa auf hoher See, als noch der Glaube herrschte, die Erde sei flach? Umso mutiger erscheinen uns die damaligen Entdecker noch heute, die sich weit in die See hinaus, über die unsichtbare Grenze des Vertrauten und Bekannten hinweg wagten, geleitet von ihrer eigenen Gewissheit und Kühnheit. Heute ist es eine Binsenweisheit, dass es hinter dem Horizont weitergeht. Wir finden es inspirierend, auf die Tatkraft von Entdeckern und ihr Zutrauen auch in schwierigen Therapiesituationen aufbauen zu können. Was Pioniere bereits erkundet haben, können wir nun miteinander verbinden und systematisieren und in immer neuen Landschaften einsetzen.

Unser Kompass in der Therapielandschaft funktioniert aber auch leider nicht genauso wie der Kompass in der Landschaft draußen oder auf dem Meer. Denn er ist zusammengesetzt aus verschiedenen Elementen: Begegnung, Prozess, Entwicklung und Selbstentwicklung.

Wir möchten Sie, liebe Leserinnen, anregen, eine Praxis zu entwickeln, die hilft, immer besser darin zu werden, den eigenen Standort zu bestimmen – zu wissen, wer wir als Therapeutinnen sind –, die Wahrnehmung für die Klientin in der Begegnung zu präzisieren, offen dafür zu werden, wer sie ist – und sich dann in diesem gemeinsamen Prozess wie aus der Beobachterposition zu verorten.

Dabei stehen wir Therapeutinnen und unser Können nicht im Mittelpunkt der Psychotherapie. Es ist die Klientin in ihrer Selbstentwicklung in der Begegnung mit uns. Und dennoch geht es nicht ohne uns, nicht ohne unseren Kompass. Die Therapeutin ist in der Wahrnehmung der Klientin vielleicht mehr im Hintergrund, als wir denken. Es kann andererseits sein, dass wir uns aufgerufen fühlen, sehr viel zu tun, dass wir Menschen retten wollen. Aber wir sind weder Retterin noch Heldin. Und wenn wir es wären, wären wir nicht sonderlich hilfreich. Wir sind Begleitung und Hinweisgeber auf der ganz eigenen Wanderung der Klientin, die sich zum gemeinsamen Prozess entwickelt und von der beide verändert am Ziel ankommen. Der Vorteil, den wir haben, ist, dass wir uns in solchem Gelände auskennen.

Wir wissen außerdem, dass für Spezialisten aller Berufe gilt: Je mehr und je präziser gelernt, geübt und trainiert wird, desto leichter werden die Routinen, desto mehr Raum ist für Improvisation. Für uns heißt das, auch wir therapeutisch Tätige können, innerhalb und außerhalb der Sitzungen, daran arbeiten, uns selbst besser zu verstehen. Wir können uns fragen, wo wir noch nicht weiterkommen und wo sich unsere eigenen Zonen der nächsten Entwicklung befinden (Vygotskij, 1987a). Um diese zu erreichen, brauchen auch wir Anleitung und Training (Vygotski, 1987b). Nach den Punkten zu schauen, an denen es nicht weitergeht, und dort nach Selbstentwicklung zu streben, mache im übrigen, so Chow et al. (2015), den Unterschied zwischen einem durchschnittlichen und einem exzellenten Therapeuten aus. Dazu gehört es auch, Stillstand zu akzeptieren. Entwicklung hat ihr Tempo und kann nicht erzwungen werden. Aber sie kann auch nicht allein im Niemandsland stattfinden.

Unsere eigenen Wege

Je länger wir bereits therapeutisch gearbeitet hatten, desto wichtiger wurden uns übergeordnete Prinzipien. Grawe (1998/2000) hat dazu seinen ganz eigenen Beitrag geleistet, indem er allgemeine Wirkfaktoren erforscht und extrahiert hat. Wir haben aber auch erlebt, wie immer deutlicher wurde, dass es für die Behandlung von Trauma eines spezifischen Herangehens bedarf, und waren dabei, als diese Formen entwickelt wurden.

Unser eigener Entdeckergeist ließ uns viel ausprobieren. Wir ließen uns von der Selbstentwicklung der Klientinnen und der Veränderung in der Beziehung zu ihnen leiten. Lieber als von der Behandlung und der Behandlungsplanung sprechen wir daher vom Gestalten des gemeinsamen Prozesses, in dem die Klientin Expertin ist für ihr Erleben, ihre Stärken und ihr Leid und wir selbst Expertinnen für Fachliches und möglichst auch für uns selbst. Dieses Wissen möchten wir teilen, wie wir es auch in unseren Seminaren tun.

Es war sehr spannend, mitzuerleben, wie in den 1990er Jahren durch das Reali sieren von Trauma die Psychotherapie begann, sich in ihrer Qualität zu verändern. Nach und nach rückte etwas in den Vordergrund, was sie bis dahin stets begleitet und manchmal schwer gemacht hatte, ohne dass es genau zu greifen war. Mit dem neuen Wissen, dass Trauma wahrgenommen werden muss und wie es zu behandeln ist, wurden wir also als Therapeutinnen wirksamer. Das galt besonders für das Einbeziehen von EMDR in unsere Behandlungen, das für uns in diesen Anfängen in erster Linie durch Arne Hofmann verkörpert wurde. Auch Persönliches begriffen wir in dieser Zeit. Wir sahen, dass bei allem Leid die Erkenntnis von Traumatisierten, woher ihre Beschwerden stammen, auch etwas Erleichterndes hatte. Sie verstanden, dass sie einer Art offen gewordener Schicksalsgemeinschaft angehörten. Wenn ich (SL2) nun bei mir selbst das Thema »Trauma« anschaute, konnte auch ich besser verstehen, was mit mir los, was »anders« war. Wichtige Lebensereignisse wie der frühe Tod meines Vaters erschienen in neuem Licht.

Wenn man in der Therapie mit inneren Persönlichkeitsanteilen arbeitet, öffnen sich ebenfalls neue Zugänge. Symptomatiken, die Lähmung und Stillstand ausdrücken, werden handhabbar, es kommt neue Bewegung in die Therapie. Es entstehen faszinierende Momente von Begegnung. Da diese Prozesse im biopsychosozialen Raum stattfinden und die Beschwerden ihren Ausgang in Verletzungen von Seele, Körper und Umfeld haben, brauchen alle drei Bereiche ihren Platz in der Therapie.

In diese Zeit gehören inspirierende Begegnungen mit Ausbilderinnen und Vorbildern wie Luise Reddemann. Mit ihrer Haltung der Mitmenschlichkeit und des tätigen Mitgefühls, dem psychodynamischen Hintergrund und ihrer klaren Parteinahme und Herzenswärme für die Patientinnen und ihr Leid genauso wie für ihre Stärken wurde sie uns eine geschätzte und wertvolle Lehrerin. Ellert Nijenhuis mit seiner konsequenten Ausformulierung (zusammen mit Van der Hart und Steele) von Trauma und Dissoziation und einer ebenfalls wertschätzenden Haltung öffnete weitere Wege. Wie man gut dosiert, titriert, d. h. die Belastung ganz behutsam Stück für Stück erhöht, und den Körper einbezieht, vermittelte Maggie Phillips. Sie gab für uns der Ego-State-Therapie ein sehr prägnantes persönliches Gesicht, weil sie uns lehrte zu experimentieren und dabei stets mit der Klientin verbunden zu bleiben. »Never sacrifice a relationship for a technique« pflegte sie zu sagen.

Mein früher Entdeckergeist hat sich in meinem (SL) Studium in den 1970er Jahren darin ausgedrückt, dass ich Teil einer Gruppe war, die vieles neu machen und anders einordnen wollte. Wir schauten uns nach Modellen um für »praxisintegrierendes Studium« und orientierten uns an einem Konzept für Kindergruppentherapie, einer Verbindung von Pädagogik und Psychologie am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin. Nach einem Praktikum dort setzten wir diese Ideen am Psychologischen Institut in Marburg um. Unsere Fragestellung war, welche Entwicklungsschritte wir selbst gehen müssten, um einerseits in eine gleichberechtigte Interaktion mit Klientinnen zu gelangen und andererseits den Kindern und ihren Familien als Fachleute Entwicklungsimpulse zu bieten. Dort begann ich (SL) als Therapeutin Menschen in ihrer Einzigartigkeit wahrzunehmen und meine Rolle in der Therapiebeziehung zu reflektieren. Mich auf die Themen der Klientinnen einzustellen, daraus etwas gemeinsames Drittes zu schaffen und mich nicht von scheinbar feststehenden Wahrheiten blenden zu lassen sowie eine konsequente Ressourcenorientierung – all dies hat in dieser Zeit seine Wurzeln. Im Hauptstudium landete ich durchs Los bei der Klientenzentrierung. Unser Ausbilder, Jürg Hartmann, lehrte uns, in unserem Denken, Wahrnehmen und Fühlen flexibel und den Menschen zugewandt zu handeln. Er fragte immer wieder nach unserer »Selbstentwicklung« und der unserer Klientinnen. Wir lernten, die Gleichzeitigkeit der Dinge, die Einheit der Widersprüche zu würdigen und in der therapeutischen Tätigkeit zu praktizieren im Begegnen zweier Menschen, die nur zufällig in zwei verschiedenen Rollen sind und die durch ihre Begegnung und Interaktion eine nachhaltige Entwicklung stattfinden lassen können.

Ebenfalls vor vierzig Jahren hat Wolfgang Jantzen sich im Rahmen der Kultur historischen Theorie mit der gleichberechtigten Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, Therapeut und Klient gründlich befasst. Er ist ein weiterer Mentor, denn seine Forschungshaltung in Theorie und Praxis, seine Klarheit und Mitmenschlichkeit, sein Mitgefühl und seine Achtung vor jedem Wesen sind einzigartig. Er erforschte, wie Menschen sich auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus ausdrücken und welchen Platz sie in der Welt einnehmen, und regte uns an, dies zu durchdringen. Seine Fähigkeit, die Aufhebung und Aufgehobenheit von Gegensätzen zu verstehen und in kleine Details und Lernschritte zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen, faszinierte mich. Ihm liegt sehr daran, jeden Menschen in seiner Würde zu sehen und seine Fähigkeiten und Gefühle, seinen Lebensausdruck zu begreifen. Seine Leitschnur war damals der folgende kategorische Imperativ: »Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Marx, 1974, S. 385). Dabei bezog er sich auf die Definition der WHO von Gesundheit: »Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.«

Die systemische Sicht in der Weiterbildung »Psychoanalytische Paar-, Familien-, und Sozialtherapie« am heutigen Horst-Eberhard-Richter-Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Gießen ist bis heute ein weiteres Fundament meiner Arbeit. Auch dort herrschte ein emanzipatorischer Geist, der mir half, meine Rolle als Psychotherapeutin und meine eigene Biografie besser zu durchdringen. Mein Blick auf das, was Familien und Systeme können und welche Kräfte sie bei allen Problemen hervorbringen, wurde geschärft. So ausgestattet begann ich, mich durch meine Tätigkeit in einem Kinderdorf ab Anfang der 1990er Jahre mit dem Thema Trauma zu beschäftigen. Wir hatten damals noch sehr wenig Erkenntnis und wenig spezifisches Handwerkszeug. Mir hatte sich ein Feld eröffnet, das ich persönlich und in meiner professionellen Arbeit ausloten und beackern wollte.

Mein früher Entdeckergeist (EC) zeigte sich zunächst in der Faszination für das Universum. Die mutmaßliche Unendlichkeit des Universums einerseits und dessen kleinste Bausteine, die Elementarteilchen, andererseits. Je nach Perspektive ist im Großen das Kleinste erkennbar und umgekehrt formt das Kleinste unendlich Großes.

Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie von Carl Rogers wurde meine erste therapeutische »Heimat«: Konzepte von Kongruenz, unbedingter Wertschätzung und Aufrichtigkeit dem Anderen gegenüber und die Tendenz zur Selbstentwicklung. Mitte der 1980er Jahre wurde ich in meiner psychotherapeutischen Tätigkeit auf die Arbeiten von John Diamond (1983), Ron Kurtz und Hector Prestera (1979/1986) aufmerksam. Sie verstanden Körper, Seele und Geist als Aspekte eines einheitlichen Ganzen, die Körperstruktur als Ausdruck der physischen, emotionalen und geistigen Verfassung.

Im August 1988 schockierte das katastrophale Unglück in Ramstein, wo am Flugtag der US Air Base drei Flugzeuge kollidierten und eines davon brennend in die Zuschauermenge stürzte. Ich hatte diese Flugschau auch schon besucht, schließlich war ich etwa 40 Kilometer entfernt aufgewachsen. Wochen nach dem Unglück sah ich den ins Gesicht geschriebenen Schrecken und die Verzweiflung eines guten Bekannten, eines Polizeibeamten, der die Rettung der Opfer koordiniert hatte. Noch immer konnte er kaum schlafen, seine ganze Familie war wie vor Schreck erstarrt. Er kämpfte darum, nicht darüber zu sprechen. Es gab so viel Hilflosigkeit bei Opfern, Helfern, auch bei mir. Gern hätte ich als junge Psychologin Handwerkszeug zur Verfügung gehabt. Aber damals gab es keine Konzepte für solche Katastrophen, geschweige denn Wissen um die Therapie von Trauma.

1989 berichtete Jörg Fegert in einem Vortrag in der damaligen Katholischen Fachhochschule Aachen von Untersuchungen zu sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen in England, an denen er mitgewirkt hatte. Es war das erste Mal, dass mir Ausmaß und Folgen sexueller Traumatisierung bewusst wurden. Wie viele Betroffene hatte ich »übersehen« an der Beratungsstelle, an der ich seit Jahren tätig war? Mein implizites Wissen um die Auswirkungen von belastenden Erfahrungen auf den Menschen hatte viele Jahre später zur expliziten und bis heute anhaltenden Beschäftigung mit Trauma geführt.

Die therapeutischen Prinzipien in diesem Buch sind aus diesen Quellen entstanden, wir schöpfen aus ihnen, um die Traumatherapie mit Persönlichkeitsanteilen verstehbar zu machen. Wir sind in der Diskussion um das vorliegende Buch dahin gekommen, diese Prinzipien allgemein verstehbar auszuformulieren. Es wurde deutlich, dass das 2008 von mir (SL) entwickelte Prozessmodell die Grundlage bildet, um aus einer Beobachterposition heraus verstehen zu können, an welcher Stelle in der Relation zwischen Stärke und Belastung die Klientin sich befindet, und zwar in der spezifischen Interaktion mit der Therapeutin. Wir finden heraus, wie viele und welche Ressourcen sich aktivieren lassen, damit ein Thema bearbeitbar wird. Ebenfalls setzen wir im Zusammenhang damit Techniken ein, die die Belastungen filtern. Wie treffen wir dafür aber unsere Einschätzung? Dazu gehen wir in den Begegnungs raum, in dem wir implizit und explizit Informationen auf der Beziehungsebene wahrnehmen, verstehen und ihre Veränderung begreifen können. Im Begegnungsraum (EC) zeigt und verändert sich, worüber und wie tiefgründig in der Therapie gesprochen werden kann.

Wir gewichten Erleben und Gewahrsein, wechselseitige Beziehungsbotschaften, Resonanz und andere Phänomene, die in der therapeutischen Beziehung bedeutsam sind. Im Begegnungsraum können wir die allgemeinen Wirkfaktoren verorten, die erfolgreiche Psychotherapie ausmachen und die in den letzten Jahren zu Lasten der Entwicklung spezifischer Interventionsmethoden an Bedeutung verloren haben, wie beispielsweise die Person des Psychotherapeuten, die Ressourcenaktivierung, Wertschätzung und Empathie. Mit Begegnungsraum und Prozessmodell erfolgt dann eine Einordnung, und zugleich kommt der dritte Strang zum Zuge: die Ent wicklung und Selbstentwicklung der beteiligten Personen (Therapeutin und Klientin) in einem dialektischen Prozess als Einheit von Widersprüchen. Eine wichtige Kategorie ist hierbei die Zone der nächsten Entwicklung (Vygotskij, 1987a, 1987b). Therapie heißt auch kontextabhängiges Lernen. Als Therapeutinnen kennen wir einerseits die neu zu schaffenden Wege auch nicht, andererseits verfügen wir aber über Kompass und Erfahrung im Gelände. Wir stellen unser Wissen und unsere Zuversicht zur Verfügung und schätzen mit der Klientin gemeinsam ein, welches ihre Zone des aktuellen Könnens ist, um Impulse zu geben für den nächsten Schritt, den Schritt im Rahmen der Zone der nächsten Entwicklung. Was unüberwindbar schien, wird so durch die Erfahrung des Meisterns zur neuen Fähigkeit.

Unser Konzept ist in allen therapeutischen Ansätzen anwendbar. Es orientiert sich an Wirkprinzipien, die Therapeutinnen überall einsetzen können. Nicht nur die von uns angewendeten Verfahren bieten die Möglichkeit, Belastung zu reduzieren durch Filtern, stärkende Erfahrungen bereitzustellen, für Begegnungen auf Augenhöhe Räume zu öffnen, Entwicklungswidersprüche zu nutzen, um auf die nächsthöhere Ebene zu gelangen. Wir entwickeln das Herangehen im Rahmen der Traumatherapie anhand der von uns erarbeiteten Prinzipien, und zwar für die Therapie mit inneren Anteilen, für die Körperarbeit und das EMDR. Die Leserinnen und Leser sind eingeladen, es für ihre angestammten Verfahren selbst einzusetzen.

Aufbau des Buches

In Teil A geht es um Konzepte von Trauma, Begegnung, Prozess und Selbstentwicklung. Darin klären wir im ersten Kapitel, was wir unter Trauma verstehen. Im zweiten Kapitel wenden wir uns den dafür notwendigen Begriffen, Strategien und Interventionen zu, mit denen wir arbeiten, immer bezogen auf die Traumatherapie, an den Beispielen Ego-State-Therapie, EMDR und Körperarbeit. Wir stellen Perspektiven in weiteren Anwendungen dar und vernetzen diese.

In den Kapiteln 3, 4 und 5 von Teil A entfalten wir unsere Orientierungshilfen als drei Stränge therapeutischer Prinzipien: Begegnung, Prozess, Entwicklung und Selbstentwicklung.

In Teil B geht es in Kapitel 1 um die Anwendung dieser Konzepte in Form von Prinzipien der therapeutischen Arbeit. Hierzu gehen wir näher ein auf die Bedeutung der therapeutischen Beziehung, auf das gute Dosieren von Belastung und Ressourcen und auf den Umgang mit Dissoziation.

In Kapitel 2 von Teil B stellen wir auf diesem Boden der Prinzipien unsere kreativen Verbindungen von Ego-State-Therapie und EMDR zu nichtverbalisierten Erfahrungen und zum körperorientierten Vorgehen her.

Teil C schließlich beinhaltet bewährte und neu entwickelte Interventionen mit zahlreichen übungen, die wir dem jeweiligen Standort im Prozessmodell zuordnen. Farblich markierte Seitenecken machen die Zuordnung der jeweiligen Orientierungspunkte zu den übungen leicht auffindbar. Eine farbige übersicht über alle übungen zu Beginn von Teil C gibt darüber eine Gesamtschau.

In den Teilen A und B geben wir Hinweise, in welchen übungen sich das Gesagte anwenden lässt. Umgekehrt verweisen wir in Teil C auf die beiden konzeptionellen Teile A und B. Auch in den Abbildungen finden sich diese Orientierungen.

Wir benutzen für die einzelnen Standpunkte im Therapieverlauf zum einen die Verortung im Prozessmodell, zum anderen haben wir in den Text des Buches folgende Orientierungspunkte eingefügt, wann eine bestimmte Intervention oder übung sinnvoll ist:

ORIENTIERUNG RESSOURCE

ORIENTIERUNG KONTAKT VON RESSOURCE ZU BELASTUNG UND PENDELN

ORIENTIERUNG TRAUMAKONFRONTATION

ORIENTIERUNG DISSOZIATIVE SYMPTOMATIKEN

ORIENTIERUNG DISSOZIATION STRUKTURELL BETRACHTET

ORIENTIERUNG INTEGRATION VON ANFANG AN

Wenn Sie z. B. mit einer noch sehr instabilen Klientin zu tun haben, die in erster Linie Ich-Stärkung und Ressourcenaktivierung benötigt, wäre das helle Grün Ihre Farbe, sei es in den übungen, sei es bei den Konzepten, den therapeutischen Prinzipien oder den Abbildungen zum Prozessmodell. Auch in den Abbildungen finden sich die Farbgebungen der Orientierungspunkte wieder.

Nun laden wir Sie ein, das Buch so zu verwenden, wie Sie es gerade brauchen, wie es Ihnen Freude und Erkenntnis bringt. Von den Konzepten über die Anwendungsprinzipien zu den Interventionen und übungen oder umgekehrt oder nach wechselndem Interesse. Wir wünschen uns, dass es Ihnen hilft, Ihre Klientinnen und sich selbst zu verstehen und mit Freude und Kenntnis in die Begegnung zu gehen.

 

1In unserem Buch verwenden wir sprachlich mehrheitlich weibliche Formen, aber auch in freiem Wechsel männliche.

Teil A Trauma, Begegnung, Prozess und Selbstentwicklung: Theoretische Grundlagen

1 Was ist ein Trauma? Eine Landkarte für die Begleitung von traumatisierten Menschen

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit den grundlegenden Themen, die uns in diesem Buch wichtig sind. Wir werfen Schlaglichter auf die für uns notwendigen Begriffe Trauma, Traumatisierung und belastendes Ereignis, um dann die drei wichtigsten Komponenten unserer Arbeit zu erläutern: Ego-State-Therapie, EMDR und Körperarbeit; weiterhin ist die Rolle der Dissoziation für die Begegnung mit Persönlichkeitsanteilen von herausragender Bedeutung, deswegen geben wir ihrer Erörterung in diesem Kapitel ebenfalls Raum.

Wir bereiten in der Argumentation die Hauptlinien unseres Konzeptes vor, die wir in den weiteren Kapiteln dann genauer untersuchen: Begegnung, therapeutische Beziehung, Prozessmodell, Entwicklung und Selbstentwicklung im biopsychosozialen Geschehen, Entwicklungsdialektik und Einheit der Gegensätze. Wir erklären, warum gerade in der Begegnung mit traumatisierten oder stark belasteten Menschen eine spezielle Haltung von gegenseitigem Respekt, Gleichberechtigung und bestangepasstem Einstellen aufeinander zur Geltung kommen muss. Dies fordert uns als Therapeuten immer wieder besonders heraus. Diese Hauptlinien lassen wir so einfließen, dass verständlich wird, wie sie sich in Bezug auf Trauma einordnen lassen.

Die Definition von psychischem Trauma, die Fischer und Riedesser 1999 gegeben haben, halten wir für eine gute Arbeitsgrundlage: »[…] ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt« (S. 79).

Seit dreißig Jahren ist »Trauma« ein immer häufiger verwendeter Begriff. Er wird intuitiv im Alltag genutzt wie auch in Wissenschaft und psychologischer Praxis. Zuweilen wird er zu eng gefasst, Folgen von Traumatisierungen werden übersehen oder nicht ernst genommen, manchmal wird er zu weitgehend eingesetzt, dann scheint alles, was jemals schwierig oder belastend war, ein Trauma zu sein. Seine unterschiedlichen Aspekte werden, je nach Blickwinkel und Notwendigkeit, unterschiedlich wahrgenommen und betont.

Sie sind biologisch, körperlich, hirnphysiologisch, sozial, kulturhistorisch-gesellschaftlich, interaktionell; sie beziehen sich auf Bindung, persönliche und biografische Beziehungen und Lernprozesse; sie beleuchten die Rolle und die Folgen von Dissoziation und innerer Fragmentierung. Sie beschäftigen sich mit Konsequenzen für die Persönlichkeit wie Angst, Depression, Zwänge, Sucht, Motivation, Leistungsfähigkeit und gelungene Bewältigung. Die medizinische Analogie der Wunde – die ursprüngliche griechische Bedeutung des Begriffs – wird manchmal zur Veranschaulichung verwendet. Sie kann mehr oder weniger tief, mehr oder weniger gut verheilt, sichtbar, unsichtbar oder in der Tiefe noch aktiv sein. Dieser Analogie fehlt der Beziehungsaspekt. Das posttraumatische Wachstum im Frankl’schen Sinn ist eine starke und Hoffnung gebende Erfahrung und Metapher. Auch sie betont die individuelle Stärke des Menschen. Frankl vertritt mit seinem Werk die Bedeutung der Sinngebung auch aus der Erfahrung von Leid und unabhängig von Alter, Intelligenz, Bildung, Charakter, Umgebung oder Religion (Frankl, 2017, S. 47).

Das Individuum in seiner Antwort auf traumatisierende Bedingungen – die Kompassnadel in diesem Buch

Wir sehen das Individuum als biopsychosoziales Wesen, das eigene Kräfte zur Heilung besitzt, das auf Grundlage seiner Körperlichkeit und Leibhaftigkeit eingebunden ist in menschliche und soziale Bezüge, in Kontexte von Lernen und Entwicklung, seien sie unterstützend, schädigend oder nicht ausreichend. Es ist ein Wechselprozess interindividueller Zugewandtheit, Einflussnahme und Rückwirkung, in der Heilung geschehen kann und soll.

Wir möchten uns an dieser Stelle vor allem damit beschäftigen, wie Traumatisierungen psychotherapeutisch behandelt werden können. Unsere Perspektive spitzt sich dabei mehr und mehr auf zwei Aspekte zu: das angemessene Dosieren der Belastung für die Klientinnen und die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen. Wir bedienen uns dabei unseres Konzeptes der Begegnung im Prozess, das wir entwickelt haben, um einen methoden- und schulenübergreifenden Rahmen schaffen zu können.

Dass der Begriff »Trauma« inzwischen viel diskutiert wird und in einige Therapieschulen eingegangen ist, dass neue Richtungen begründet oder der Aspekt des Traumas in bestehenden mehr hervorgehoben wird, dass er im Alltag häufig vorkommt, war nicht immer so. Auch heute wird seine Bedeutung oft noch nicht klar genug gesehen oder in der Wirkung falsch eingeschätzt. Es wird übersehen oder verleugnet, welche spezifischen Folgen eine Traumatisierung im Leben von Menschen hinterlässt. Diese kann von der Medizin, der Psychologie, von Individuen ausgehen, sich aber auch in Justiz und Gesellschaft niederschlagen und auf das Individuum zurückwirken, seine Wiederaneignungsprozesse von Würde und (Selbst-)Wert erschweren. Auch wenn mittlerweile viel klarer ist, was das Spezifische einer Traumatisierung bedeutet, so bleibt noch genug zu tun, damit Betroffene wieder Teil der Gesellschaft sein können, aus der sie ausgesondert werden und von der sie sich zurückgewiesen fühlen. Einzelne und das gesellschaftliche Umfeld wenden sich ab, weil traumatische Verletzungen schwer auszuhalten sind, weil sie beispielsweise an eigenem Schmerz oder eigenem Versagen rühren. Die gesellschaftliche Integration und Versorgung Traumatisierter als unser aller Mitmenschen ist dabei jedoch notwendiges Fundament zur Unterstützung individueller Selbstheilungskräfte und damit der inneren Integration traumatischer Erfahrungen. In einem solchen unterstützenden Umfeld kann Psychotherapie umso gezielter und hilfreicher wirken.

Nach Fischer und Riedesser (1999) verfügten Menschen schon seit frühester Zeit über Kenntnisse zur Linderung von traumatischen Erfahrungen, die sowohl im intuitiven Herangehen als auch in der Wissenschaftsgeschichte zu finden sind. Zu betrachten sind spezielle Erfahrungen von Erschütterungen im Kontext der Sozialgeschichte, beispielsweise Kriege, Verfolgung und Naturkatastrophen. Dass individuell erscheinende Gewalt sichtbar wird, findet im Rahmen der Vermittlung über soziale Bewegungen statt. Wir möchten hier die Beispiele der Frauenbewegung und Black Lives Matter nennen, die auf Unterdrückung und Gewalt aufmerksam machen und so auch, zumindest teilweise, einen anderen Umgang mit resultierenden Traumatisierungen für Individuen erreichen.

Einige Aspekte der Wissenschaftsgeschichte im Umgang mit Trauma sind verstehbar im Kontext des unterschiedlichen Verständnisses der beiden Zeitgenossen Freud und Janet, die sich persönlich in der Pariser Salpêtrière unter dem berühmten Leiter Charcot kennengelernt hatten. Das Konzept von Trauma und Dissoziation wurde von Freud zunächst angenommen, dann zum großen Teil verworfen. Janet arbeitete es aus, bis hin zu einer Betrachtung unterschiedlicher Bewusstseinszustände, die zu selbständigen Teilpersönlichkeiten führen können (Rießbeck, 2013; Peichl, 2012; Fischer u. Riedesser, 1999; Wöller, 2020).

Wir möchten für unsere Praxis in erster Linie hervorheben, was das Verständnis von Dissoziation für das Konzept der Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen bedeutet und wieso Ich-Stärkung und Ressourcenorientierung dabei wichtige Parameter sind.

Wie der Freud-Schüler Federn sich dazu positionierte und was das mit der Ausformulierung der Ego-State-Therapie zu tun hatte, darauf gehen wir weiter unten ein (siehe S. 54 ff.).

Umgang mit komplexer PTBS

Weil wir uns in unserer Praxis und für diesen Traumatherapie-Kompass ausführlich mit Klientinnen beschäftigen, die dem Feld der sogenannten komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) zugehören, möchten wir hier noch die Arbeiten von Herman und van der Kolk erwähnen, die aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus diese Symptomatik ausführlich beschrieben haben (Herman, 2003; Van der Kolk, 1994, 2015). Ihr Bemühen, dass diese belastungsbedingten Störungen Eingang finden in das Diagnosesystem des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), ist immer wieder gescheitert. Dennoch ist die Beschreibung des komplexen posttraumatischen Belastungssyndroms unverzichtbar und sollte ebenso Leitfaden sein für unsere überlegungen, wie wir diesen Klientinnen in der therapeutischen Praxis gerecht werden (Herman, 2003, S. 169).

Das Erleben von Bedrohung und Hilflosigkeit, das eine dauerhafte Erschütterung bewirkt, kann für einen längeren Zeitraum anhalten. Dann führt es zur Veränderung der Affektregulation, des Bewusstseins, der Selbstwahrnehmung, der Wahrnehmung des oder der Täter, der sozialen Beziehungen und des Wertesystems. Das Leben als Ganzes ist verändert und der Weg zur Heilung lang. Manchmal gelingt lediglich Linderung.

Wir schließen uns Hofmann (2014, S. 17), Fischer und Riedesser (1999) an, die betonen, dass in diesem vielfältigen Geschehen Diagnosen am besten als Momentaufnahmen verstanden werden sollten, die vor allem zu Beginn der gemeinsamen therapeutischen Arbeit meist nur einen geringen Teil der gesamten Problematik widerspiegeln (Wöller, 2013). Daher sollten sie im Therapieverlauf weitergeführt werden. Wir möchten hinzufügen: Für das Aufnehmen der Beziehung in der Begegnung und die Frage, nach welcher Entwicklungslogik und mit welchen Bindungsangeboten wir in die Therapie einsteigen und wie wir sie weiterführen, benötigen wir andere Einschätzungen, die wir mit diesem Kompass vorlegen wollen.

Dennoch sind präzise Diagnosen für die Klienten und ihr Umfeld wichtig und hilfreich, auch für andere Behandlerinnen, Beraterinnen und professionelle Begleiterinnen. Hier möchten wir auf die Leitlinien der PTBS (Schäfer et al., 2019) verweisen, die ebenfalls die kPTBS enthalten. Letztere ist in die International Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-11) aufgenommen worden. Eine praktische Handreichung zur entsprechenden sicheren Diagnosestellung findet sich auch bei Gysi (2018, 2020).

Unsere Biologie bei Lebensbedrohung

Die biologische Seite von Trauma fließt ebenfalls in dieses Buch ein. Uns Menschen stehen als Säugetieren bei einer Lebensbedrohung prinzipiell die Abfolge von Kampf, Flucht, Unterwerfung/Erstarrung, Totstellen und schließlich Erholung zur Verfügung. Dazu möchten wir auf die Erläuterungen von Van der Hart, Nijenhuis und Steele (2008) und Van der Kolk (2015) verweisen. Bei extrem starker Bedrohung überlebt die Psyche, indem sie sich in verschiedene »Zuständigkeitsbereiche« aufteilt, so dass es auf jeden Fall noch einen Anteil gibt, der das überleben und Funktionieren sichert. Andere Anteile tragen wie verkapselt die Erinnerung an die unmittelbaren biologischen Reaktionen in sich. Wieder andere beziehen sich mehr auf die Verarbeitung derselben, im Sinne der Systeme zweiter Ordnung von Panksepp (1998/2005). Die resultierenden Handlungssysteme bleiben, repräsentiert in verschiedenen Anteilen, im Individuum erhalten, auch wenn die akute Bedrohung nicht mehr vorhanden ist. Damit haben wir es dann in den Psychotherapien zu tun. Dabei ist es hilfreich, sich die genannten Reaktionsweisen und ihre Abfolge vor Augen zu halten. Denn ein Mensch, der in bestimmten Situationen kämpfen oder fliehen konnte, reagiert später anders als jemand, der erstarrt ist, weil beides nicht möglich war (Kozlowska et al., 2015).

Begegnung mit traumatisierten Menschen

Nach dem Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit, Entsetzen und Erstarren, nach wiederkehrendem Ausgeliefertsein ist es elementar, in mitmenschlichen Kontakten, erst recht im Rahmen einer psychotherapeutischen Zusammenarbeit, Kontrolle und Selbstbestimmung wiederzuerlangen. Bedingungen müssen planbar und vorhersehbar sein. Bindungshandlungen müssen auf Sicherheit ausgerichtet sein. Die Entwicklung findet im Toleranzfenster dessen statt, was verarbeitbar ist. Ressourcen sollten aufgespürt und in die Psychotherapie einbezogen werden. Weitere Entwicklungen müssen genau an dem ansetzen, was gerade die Zone des aktuellen biopsychosozialen Könnens bildet, und genau abgestimmt zur Zone der nächsten Entwicklung führen. Dem Menschen seine Würde zu lassen, auch und gerade zu sehen, worin seine Stärke liegt im Aushalten von Leid, im Bewältigen unterdrückender Bedingungen, im überstehen extremen Ausgesetztseins; Hochachtung gegenüber diesem Lebensweg zu haben, therapeutische Angebote so zu machen, dass sie das berücksichtigen und verhandelbar bleiben – dies sind Herangehensweisen, die wir unseren Leserinnen im Umgang mit sich selbst und mit traumatisierten Menschen ans Herz legen möchten.

Prinzipien der Traumatherapie

Nachdem zu Beginn der Arbeit mit Traumatisierung zunächst das Prinzip »Trauma First« gegolten hatte, wurde schnell klar, dass eine vorschnelle Bearbeitung für viele fragile Klientinnen schädlich war. Es findet dann keine Integration statt, sondern eher eine Retraumatisierung, zumindest eine destabilisierende überflutung. Im Diskurs der Kollegenschaft, die sich mit der Psychotherapie von Traumatisierten beschäftigte, entstand das Prinzip »Safety First« und somit die Phasenmodelle von Stabilisierung, Bearbeitung und Integration/Neubeginn. Traumakonfrontation sollte also erst erfolgen, wenn die Klientin genügend stabil ist (Herman, 2003).

Van der Hart, Nijenhuis und Steele (2008) beschrieben auf der Basis von Janets überlegungen zur Dissoziation ebenfalls ein Drei-Phasen-Modell.

Seit Anfang der 1990er Jahre hat Reddemann (2001/2016) im deutschsprachigen Raum ein Modell vorgeschlagen, bei dem Stabilisierung eine hohe Priorität hat. »Safety First« beinhaltet dort zuallererst äußere Sicherheit im Sinne einer stabilen körperlichen Verfassung und Stabilität im Alltag sowie innere Sicherheit durch die Fähigkeit zur Selbstberuhigung und nicht zuletzt durch das Beenden von Täterkontakten und destruktiven Beziehungen.

Auch in der Ego-State-Therapie, auf die wir uns im Folgenden ausführlich beziehen, entstand ein Phasenmodell, das SARI-Modell (Phillips u. Frederick, 2003), welches sich ebenfalls auf einen idealisierten traumatherapeutischen Verlauf bezieht. SARI bedeutet:

–   Strengthening, Safety and Stabilization (Stärkung, Sicherheit und Stabilisierung zu Beginn),

–   Accessing and Activation (Zugang zum Trauma),

–   Resolution, Renegotiation and Restabilization (Arbeit im Prozess zur Bewältigung der Traumatisierung, Lösung und erneutes Stabilisieren),

–   Integration and Identity (Integration der gesamten Persönlichkeit und Identitätsfindung).

Dieses Phasenmodell geht davon aus, dass es nicht nur Traumaerinnerungen gibt, sondern immer auch Ressourcenerinnerungen und Stärken. Und dass vielleicht, wenn man ganz am Anfang ist, die Traumaerinnerungen noch überwiegen und ganz wenige Ressourcen bewusst sind oder zur Verfügung stehen. Bei fortschreitender Dauer der Psychotherapie werden dann idealerweise die Ressourcen immer mehr und/oder das Traumamaterial wirkt weniger belastend.

Phasenmodelle sind heute Standard in der Behandlung von traumabedingten Störungen (Cloitre et al., 2011; Richtlinien der ISSTD – International Society for the Study of Trauma and Dissociation, 2011). Viele Autoren schlagen vor, die traumatherapeutische Arbeit so anzupassen und zu planen, dass die Klientinnen nach und nach Sicherheit, dann Bewusstheit und Bewusstsein und später sogar eine gute innere Kooperation erreichen können. Die erste Phase des SARI-Modells wird von vielen Autoren als die wichtigste Phase angesehen (Herman, 2003; Kluft, 1988; Putnam, 1989; Ross, 1989). Phasenmodelle bildeten eine notwendige Operationalisierung vorsichtigen Herangehens.

Weil sich in der Praxis kein Klient genau so entwickelt, sondern immer wieder ein Stück weiterkommt und dann wieder weiter vorne anfängt, sind Phasenmodelle von begrenztem Nutzen. Manchmal kann eine Intervention traumakonfrontativ oder -auflösend wirken und trotzdem später wieder viel Stabilisierung nötig sein. Ein Phasenmodell hieße zudem, man durchschreite mühelos Phase um Phase. Das beschreibt aber nach aller übereinkunft nicht den Therapieprozess. Man muss immer wieder neu und für jede aktuelle oder vergangene Belastung wiederholt Augenmerk auf die Stabilität legen. Und Entwicklung verläuft in Widersprüchen, wie wir weiter unten zeigen werden. Wenn man das Phasenmodell wörtlich nähme, könnte man niemals oder erst sehr spät ein Trauma bearbeiten. So ist die Arbeit im reinen Phasenmodell alles andere als leicht. In der Praxis zerteilen sich die Phasenmodelle in einzelne Bausteine von Stabilisierung, Konfrontation und Integration, die wie in einer spiralförmigen Entwicklung immer wiederkehren. Seien wir ehrlich: Das sind keine Phasen. Hier wird die Realität in ein Modell gepresst. Und eine Kontinuität von Entwicklung suggeriert, die nicht existiert.

Sack (2010) hat zur gleichen Zeit über dieses Thema nachgedacht wie wir und dazu dargestellt, wie bereits zu einem frühen Zeitpunkt Bearbeitung von Trauma geleistet werden kann. Er schlägt ebenfalls vor, die klassische Phasenaufteilung aufzugeben und die Ziele Stabilisierung, Traumabearbeitung und Wiederanknüpfung lediglich als flexible Teilziele beizubehalten. Er formuliert den Anspruch, Ressourcenarbeit und Traumakonfrontation gut dosiert und dadurch stressarm im Toleranzfenster miteinander so zu verknüpfen, dass auch dissoziative Klienten bereits zu einem früheren Zeitpunkt in der Therapie von der Bearbeitung traumatischer Symptome und gegenwartsbezogen von der Bearbeitung störender Erinnerungen profitieren können. Aber wie soll das in der Praxis geschehen? Sack arbeitete ein differenziertes Behandlungsmodell aus.

Wir zeigen, wie die übergeordnete Perspektive mithilfe des Prozessmodells individuell in Kooperation mit der Klientin gefunden werden kann und im Begegnungsraum die Umsetzung in der Dyade bestabgestimmt geschieht. Wir vertreten die These, dass es in der traumaverarbeitenden Psychotherapie eine Dialektik zwischen Stabilisieren und Durcharbeiten gibt. Diese beiden Prinzipien treten auch bei komplex traumatisierten Menschen in ein Wechselspiel und fördern die integrative Kapazität der Klientin. Das Ziel für die therapeutische Begleitung besteht darin, die passenden Interventionen für die Begegnung mit dem Schrecken zu finden, die einerseits zum Bearbeiten der Traumatisierung verhelfen, andererseits auch zur weiteren Stabilisierung der Person beitragen.

Menschen mit einem Monotrauma vertragen in der Regel eine emotionale Erschütterung, falls diese durch die Traumakonfrontation wieder hervorgerufen wird. Bei Menschen mit komplexer PTBS sieht das oft anders aus, da Unvorhersehbares geschehen kann, wenn die Büchse der Pandora geöffnet wird: Dissoziative Barrieren können aufbrechen und bislang »unbekanntes« belastendes Material freilegen. Emotionale überflutung kann eine große Wucht entfalten. Die Klientin hat dann zwar möglicherweise eine einzelne belastende Erinnerung verarbeitet, es geht ihr aber durch die Erschütterung schlechter, sie schafft weniger im Alltag, fühlt sich verletzt, zieht sich zurück u. v. m.

Drei Kriterien sind wichtig, um bei komplexen Traumatisierungen bestmöglich abgestimmt vorgehen zu können:

1.   Der Zugang zu den Ressourcen muss jederzeit möglich sein.

2.   Filtertechniken für die Wahrnehmung des belastenden Materials müssen zur Verfügung stehen.

3.   Die Klientin muss ihr stressbedingtes Arousal wahrnehmen und regulieren können.

Mit Prozessmodell und Begegnungsraum berücksichtigen wir diese drei Kriterien und haben einen praktischen Leitfaden in der Hand, um zu jedem Zeitpunkt in der Therapie abschätzen zu können, an welcher Stelle der Verarbeitungskapazität die Klientin gerade steht. Und daraus wiederum lässt sich schließen, welche Interventionen jeweils zum Zuge kommen. Die Ressourcenaktivierung und das Filtern sind dabei zwei entgegengesetzte Möglichkeiten, mit deren Hilfe die Interventionen genau austariert und dosiert werden können (Kapitel 4 und 5).

Sicherheitserleben durch Bewältigungserfahrungen

Wie werden »Sicherheit« oder Selbstberuhigung gerade durch die gemeinsame Arbeit in der Auseinandersetzung mit dem belastenden Erleben gefördert?

Ein unmögliches Geständnis

Leider war es in der Klinik nicht zur Erarbeitung der Strategie gekommen. Die Klientin hatte ihre dortige Therapeutin so verstanden, dass sie und ihr Mann noch zu labil seien, um sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Die Klientin verfügte meiner Ansicht nach über gute Ressourcen, äußerlich und innerlich waren ihr Mann und sie in Sicherheit. Wir vereinbarten, an dem Thema zu arbeiten, und mussten dazu nicht lange nach neuen Ressourcen suchen. Obwohl die Klientin gesundheitlich labil war, hatte sie eine gute Selbstfürsorge (die auch in der Klinik gestärkt worden war). Die Arbeit für die Selbsthilfegruppe und deren Repräsentation auf Bundesebene gaben ihr viel Selbstvertrauen. Schon bald konnte sie den Mann einweihen. Es fühlte sich an wie eine Kleinigkeit, sodass ich mich fragte: Soll das alles gewesen sein?

Interessanterweise war die Arbeit dann aber eben noch nicht abgeschlossen. Jetzt wollte die Klientin an dem Ereignis der Vergewaltigung selbst traumatherapeutisch arbeiten. Nachdem es gar nicht so schwierig gewesen war, ihrem Mann von der Vergewaltigung zu erzählen, hatte sie den Mut, sich mit diesem Ereignis selbst zu konfrontieren. Dadurch, dass es viel leichter gewesen war als erwartet, mit Ihrem Mann darüber zu sprechen, wovor sie monatelang Angst gehabt hatte, war daraus eine ressourcenvolle Erfahrung geworden.

So gestärkt nahm sie die Bearbeitung der Vergewaltigung selbst – das aus meiner Sicht schwerwiegendere Ereignis – in den Fokus. Sie verwendete die gleichen Ressourcenvorstellungen wie für das Gespräch mit dem Mann und konnte auch diese Erfahrung zügig umwandeln.

Abbildung 1: Balance von Ressource und Belastung als Grundlage der integrativen Kapazität

(Selbst-)Sicherheit im Umgang mit erschreckenden Episoden in der eigenen Biografie entsteht unseres Erachtens durch kleine Erfolgserlebnisse bei der Bewältigung von Herausforderungen im Angesicht von belastendem Material, das in Zusammenarbeit und Kooperation mit der Therapeutin verbunden und integriert wird. Daraus entsteht im Begegnungsraum eine Kooperation zwischen Therapeutin und Klientin, bei der es nicht nur um strukturiertes Vorgehen und die gemeinsam formulierten Ziele geht, sondern die eben auch wachsendes Vertrauen bedeutet (Grawe, 1998/2000; Wampold, Imel u. Flückiger, 2018).

Man könnte es auch so formulieren: Sicherheit kombiniert mit Herausforderung, die mit der Zeit gesteigert werden, erhöht die Selbstwirksamkeit auch angesichts von Gefahr. Sicherheit ist also nicht die Voraussetzung für die Bearbeitung des Traumamaterials, sondern ein konstituierender Bestandteil.

Um ein derartiges diffiziles Gleichgewicht zu finden, ist es besonders wichtig, dass die Therapeutin flexibel auf die Kontextbedingungen der Klientin eingehen kann. Mit Wampold, Imel und Flückiger (2018) sprechen wir hier einerseits von der Allianz, andererseits auch von der therapeutischen Flexibilität, auf Menschen mit unterschiedlichen Bindungsstilen und Bedürfnissen einzugehen, sodass deren Vertrauen in ihre Bewältigungsmöglichkeiten wächst. Das Ziel der gewachsenen Selbstwirksamkeit des Klienten ist Garant für Nachhaltigkeit sowohl der persönlichen Veränderung als auch der Psychotherapie als solcher (Wampold u. Imel, 2015).

Entwicklungen indirekt anregen

Manchmal läuft die Therapie aber auch eine Weile eher indirekt: Mit einer durch organisierte Kriminalität schon von klein an traumatisierten Klientin sprach ich (SL) sehr viel darüber, was ihre leiblichen Kinder brauchen. Wir arbeiteten fast nur über den Alltag. Erst nach sieben Jahren Psychotherapie stellte sich trotz vorheriger wiederkehrender genauer Befragung und Testung eine Dissoziative Organisation der Persönlichkeit heraus. Direktes Arbeiten mit anderen Anteilen wurde möglich. Diese hatten alle unterschiedliche Alltagsfunktionen. Es wurde keine direkte Arbeit mit traumatisierten oder kontrollierenden Anteilen gemacht, dennoch war Destabilisierung, bis hin zu akuter Suizidalität, die noch nicht reflektiert werden konnte, die Folge. Daher schied ein solches Vorgehen zunächst aus. Wir arbeiteten weiter daran, wie der Alltag sicher gestaltet werden konnte und was alle zusammen oder jede/r Einzelne sich unter Sicherheit vorstellte/n. Ein Schwerpunkt war zudem das Erlernen eines systematischen Umgangs mit der dissoziativen Symptomatik mit dem Programm von Boon, Steele und Van der Hart (2013), immer anhand konkreter Dinge, die im Alltag wichtig sind. Strategisches Vorgehen mit kleinen Zielen im Alltag führte dazu, dass Sicherheit im Außen geschaffen werden konnte, damit innere Anteile nicht getriggert wurden, sondern sich sicher fühlen konnten. (Hilfreich für die Zunahme innerer Sicherheit kann die übung 3.1, Sicherer Ort für viele, in Teil C sein.)

Je fragmentierter das innere System erscheint, umso wichtiger ist das Begrenzen möglicher weiterer Ausdifferenzierung. Auf keinen Fall möchte man durch zu viel differenzierendes Nachfragen weitere Fragmentierung fördern, sondern es wird darauf hingearbeitet, ein Ko-Bewusstsein zwischen den Teilen zu erzeugen. Das Ziel der Therapie ist es, die Tendenz zur positiven, stabilen und verbundenen Entwicklung der Persönlichkeitsanteile zu fördern. Dazu ist es notwendig, langsam vorzugehen, damit die unternommenen Schritte von allen beteiligten Seiten erlebbar und nachvollziehbar werden können. Je stabiler die Klientin im Alltag ist, desto mehr kann an der Veränderung, Auflösung und allmählicher Integration traumatischer Erfahrungen gearbeitet werden. Das Aufdecken und Verbinden dissoziierter Erfahrungen ist ein heikler Prozess, da es Anteile geben kann, die das Aufarbeiten als Verrat an Menschen erleben, von denen sie früher abhängig waren. Selbstbestrafung und Suizidalität können damit einhergehen. Doch auch hier ist das Ziel die langfristige, bestmöglich abgestimmte und schrittweise Integration von traumatischem Material.

Vertrauen gewinnen durch die sukzessive Annäherung an die Gefahr

Anhand dieser Dialektik von Belastung und Wohlbefinden lässt sich also mit großen Belastungen in Kontakt gehen, ohne gefühllos oder erneut verletzt zu werden. Diese Balance muss im Verlauf der Therapiestunde stets aufs Neue ermittelt werden, wobei auf die Rückmeldung der Klientin besonderen Wert gelegt, aber auch den wechselseitigen Beziehungsbotschaften Beachtung geschenkt wird. Das Vorgehen kann somit kooperativ gestaltet werden und wird immer wieder auf die Metaebene gemeinsamen Beobachtens gebracht. Eine Ebene von Planung und Steuerung wird mit aktiviert.

Csikszentmihalyi (2004) vertritt, dass es darum gehe, in einer schwierigen Situation mit unsicherem Ausgang eine Erfahrung der Bewältigung zu machen. Dabei entstehe ein Flow-Zustand, ein hochfokussierter mentaler Zustand, bei dem Geist, Körper und Bewusstsein auf harmonische Weise zusammenspielen und auf einen gemeinsamen Fokus ausgerichtet werden. Gerade in anspruchsvollen und belastenden Situationen bilde sich eine solche Bewältigungserfahrung, die durch folgende Qualitäten gekennzeichnet sei:

–   keine Angst vor Kontrollverlust oder Versagen,

–   eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung,

–   Befriedigung, eine schwierige Situation meistern zu können.

Wir erleben dies als eine gute Analogie für bedeutende Momente unseres therapeutischen Vorgehens im Begegnungsraum.

Eine anschauliche Metapher könnte das Surfen auf einer hohen Welle sein, angesichts der unbeherrschbaren »Naturgewalt« und der Angst oder Anspannung, die dabei im Inneren entsteht, in Balance zu bleiben, geht mit einem Gefühl der Kontrolle und hohen Befriedigung einher. Die dialektische Betrachtungsweise geht also davon aus, dass für das Erleben der Kontrolle und Sicherheit eben nicht nur die Abwesenheit der Gefahr gemeint sein kann, sondern deren Berücksichtigung und zunehmende Bewältigung in Wechselwirkung mit der integrativen Kapazität des Klienten im Verlauf des Prozesses.

Das Prozessmodell (Leutner, 2008) ist ein praktischer Leitfaden, um sowohl im großen Bogen über den therapeutischen Verlauf hinweg als auch im Zeitfenster der therapeutischen Stunde, wo im Begegnungsraum prozessiert wird, analysieren zu können, an welcher Stelle ihrer Entwicklung zur integrativen Kapazität sich die Klientin befindet und welche Art der Aufarbeitung der traumatischen Erinnerung gerade stimmig ist – womit die Wahl der entsprechenden therapeutischen Technik erleichtert wird.

Um im therapeutischen Prozess einschätzen zu können, wann und in welcher Dosierung Traumakonfrontation stattfinden kann und wie viele Ressourcen im Vorhinein bereits aktiviert sein müssen, lohnt es sich, sich ein mehrdimensionales Bild über die Klientin zu machen und die wichtigsten Faktoren zu erfassen:

–   Ich-Stärke: Kann sich die Klientin auf das Aktivieren ressourcenvollen Erlebens einlassen und einen Bezug zu einer positiven Zukunft herstellen? Wenn dies noch nicht der Fall ist, sollten Strategien zur Erhöhung der Affekttoleranz und Selbstregulation zuoberst auf der To-do-Liste stehen.

–   Therapeutisches Bündnis und Bindungsstil: Inwiefern wirkt die Aktivierung des Bindungssystems auf die Klientin beruhigend oder, im Fall eines vermeidenden oder desorganisierten Bildungsstils, sogar angsteinflößend? Wenn Letzteres der Fall ist, sollte der Fokus eher auf strategisches und zielorientiertes Vorgehen gelegt werden, indem die Perspektive auf etwas gemeinsames Drittes gelenkt wird. Des Weiteren sind Selbstregulationstechniken bevorzugt zu üben, um die Aktivität im präfrontalen Kortex anzuregen, was zur Beruhigung von emotionalem Arousal beiträgt.

–   Affekttoleranz: Um eine passende Dosierung für die Prozesstechniken zu ermitteln, sollte das Toleranzfenster der Klientin exploriert werden und individuelle Begleiterscheinungen von Beruhigung oder übererregung festgestellt werden. Dieser Punkt ist äußerst wichtig, damit im Prozessgeschehen sowohl Klientin als auch Therapeutin Hinweise auf diesem Kontinuum feststellen und kommunizieren können, um das Vorgehen schrittweise anzupassen. Ein »Stoppsignal« sollte eingangs vereinbart werden. Ist situativ noch keine genügende Affekttoleranz verfügbar, wird im Prozessmodell auf Ressourcenaktivierung fokussiert, bis die Klientin sich stabil genug fühlt, um zu Pendeltechniken fortzuschreiten.

–   Selbstregulationsfähigkeit beim Prozessieren: Durch den Einsatz von Distanzierungs- und Filtertechniken kann man das Erleben der Belastung bewusst verdünnen. Darüber hinaus kann jeweils bestimmt werden, aus welcher imaginierten räumlichen Distanz und für wie viele Sekunden auf die belastende Dimension fokussiert werden soll. Die Klientin kann außerdem durch Veränderung und Steuerung der Gefühlsintensität (wie viel Prozent des Gefühls soll spürbar sein) regulierend eingreifen.

–   äußere Sicherheit, Tagesform, aktuelle Befindlichkeit: Nicht zuletzt ist die Tagesform zu beachten. Das Prozessmodell gilt zwar therapieübergreifend, aber auch in jeder einzelnen Stunde, wie auch in ihrem Verlauf, kann fortlaufend ermittelt, wo im Prozessmodell die Klientin gerade steht. Wird dies im therapeutischen Gespräch zur gewohnten Frage, die jeweils auf der Metaebene thematisiert wird, kann eine erwünschte Begleiterscheinung sich darin niederschlagen, dass die Klientin diese Beobachterperspektive auch im Alltag vermehrt einsetzt und sich dadurch gewahr wird, dass auch sie ihre Selbstregulationsfähigkeit zur Förderung ihres Wohlbefindens aktiv einsetzen kann.

Berücksichtigung des Bindungsstils in der Psychotherapie

»That’s all I wanted / Something special, something sacred / In your eyes / For just one moment / To be bold and naked / At your side.« (George Michael, Father Figure)

Biopsychosoziale Grundlagen

In einer gesunden, sicheren Bindung erfährt das Kind Geborgenheit und Nähe in Verbindung mit einer oder mehreren primären Bezugspersonen sowie die Freiheit zur Exploration und kann zwischen diesen beiden Bedürfnissen hin- und herpendeln. Es wird von der Bezugsperson, je nachdem, ob es sich annähert oder entfernt, willkommen geheißen oder aber auch gehen gelassen. Eine gute Einstimmung zwischen dem Säugling und der Bezugsperson hat offenbar auch eine tonisierende Wirkung auf das Nervensystem. Nach einem Schockerlebnis hilft eine geschützte Umgebung unter vertrauten Menschen, den Organismus zu regulieren (Price et al., 2018).

Das autonome Nervensystem besteht aus dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Bei einer lebensgefährlichen Bedrohung kommt bei allen Säugetieren eine Aktivierung von Kampf–Flucht–Unterwerfung/Erstarrung–Totstellen–Erholung in Gang.

Kampf und Flucht und der Beginn der Unterwerfung, meist mit Erstarren verbunden, sind vom Sympathikus gesteuert, der Blutdruck ist hoch, die Extremitäten bereit zur Aktion. Im übergang zum Totstellen ist der Parasympathikus aktiviert. Zuerst wird das betroffene Wesen schmerzunempfindlich, dann völlig gefühllos. Der Blutdruck fällt, die Muskeln erschlaffen. Sich danach zu erholen und wieder handlungsfähig zu werden, kostet sehr viel Energie.

Um all das zu verhindern und die Lebensenergie einzusparen, haben Säugetiere ein System, das auch parasympathisch gesteuert wird. Dieses System nennt Porges (2010) »Social Engagement System« und die dort ablaufende Einstimmung »Neurozeption«. Er betont aus biologischer Sicht, dass das parasympathische System aus zwei Zweigen des Vagusnervs bestehe: dem dorsalen, phylogenetisch älteren und dem ventralen, neueren Zweig, der bei Beruhigung zuerst aktiviert wird.

Porges’ Beobachtungen sind interessant und hilfreich, besonders im Kontext der Traumatherapie, weil erklärt werden kann, wie Menschen sich gut beruhigen können, wenn sie im ventral-vagalen System bleiben können. Dass das geschehen kann, dafür sorgt die Beziehung zu anderen Menschen.

Aus der Psychologie sind uns solche Beobachtungen schon länger bekannt. Kinder beruhigen sich besser, wenn Bindungspersonen da sind, die sich auf ihre Bedürfnisse einstimmen können. Da der Mensch ein biopsychosoziales Wesen ist, spielen, auch und gerade wenn Gefahr droht, alle drei Faktoren eine Rolle, um ihn in Sicherheit zu wiegen: die Umgebung, die Bindungspersonen und das körperliche Wohlbefinden.

Im Lichte der Uchtomskij’schen Dominante und der Zone der nächsten Entwicklung (Kapitel 5) können Sicherheitserfahrung und Entwicklung nur stattfinden, wenn die Umgebung und die Bindungsperson Sicherheit vermitteln.

»Die Dominante ist als funktionelles System gedacht, das Körper und Gehirn verbindet, sie übersetzt die Bedarfszustände des Körpers in Bedürfniszustände des Psychischen« (Jantzen 1990, S. 49 f.). »Sie realisiert als temporäres ›funktionelles Organ‹ die übergänge zwischen den Prozessen des Psychischen und der Innenwelt des eigenen Körpers, während der bedingte Reflex sich auf die Außenwelt bezieht« (Jantzen 2008, S. 75).