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Mit scharfem Blick erkannte er schwere Waffen, die aus einigen Dachfenstern der umliegenden Häuser versteckt auf die zu erwartende Menschenmenge gerichtet waren. Trauer und Wut stieg in ihm hoch und er dachte an die Worte, die ihm seine Eltern am vergangenen Sonntag mit auf den Weg gegeben hatten: „Geht morgen nicht zur Demonstration, es wird zu gefährlich. Denk an den siebzehnten Juni 1953. Du warst zwar damals noch nicht auf der Welt, aber wir haben miterlebt, wie die russischen Panzer plötzlich auf friedliche Demonstranten geschossen haben. Es gab so viele Tote und Verletzte und alles war umsonst. Hier in diesem Staat gibt es keine Freiheit. Bitte, bleibt zu Hause, wir haben Angst um Euch.“
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Heute Nacht werde ich wissen, was dieser Tag gebracht hat, dachte Ralf, der junge Architekt und rollte sorgfältig seine Zeichnungen zusammen, ehe er Feierabend machte an diesem Montag im Herbst 1989.
Es war der 9.Oktober und dieser Tag würde eine Entscheidung bringen, das spürte er instinktiv.
Langsam ging er die breiten Treppen in dem Volkseigenen Betrieb in Leipzig hinab und beobachtete unauffällig die Menschen um sich herum.
Sie wirkten heute anders als sonst, verschlossener, unruhiger, es schien, als traute keiner dem anderen. Hatte er eben richtig gehört? „Heute machen wir sie platt!“
Ein Blick in den Flur des Kombinats bestätigte seine Vermutung, die Kampfgruppen wurden zusammengezogen.
Was hatte da vor ein paar Tagen ein Kampfgruppenkommandeur in der Leipziger Volkszeitung geschrieben? „Werktätige des Bezirkes fordern: Staatsfeindlichkeit nicht länger dulden. Wir sind bereit, das von uns Geschaffene zu schützen, um die konterrevolutionären Aktionen endgültig zu unterbinden. Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand!“
Mit der Waffe in der Hand – soweit sind sie also schon, dachte er, innerlich aufgewühlt und eilte dem Ausgang entgegen.
Kühle, feuchte Luft umfing ihn. Er schlug den Kragen hoch und lief vorbei an gepflegten Blumenrabatten bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.
Unterwegs sah er kleine Gruppen leise diskutierender Menschen stehen und vernahm im Vorübergehen Worte wie: „Die Kinder sollen bis fünfzehn Uhr aus den Kindergärten der Innenstadt abgeholt sein…, die Krankenhäuser sind bereit zur Aufnahme der Verletzten…, wir sollten doch lieber zu Hause bleiben…, vielleicht gibt es Bürgerkrieg…“
In der Straßenbahn flüsterten nur ein paar junge Leute miteinander, ängstlich darauf bedacht, von keinem Fremden verstanden zu werden.
Als er ausstieg und in die nächste Seitenstraße einbog, hörte er aus dem Lautsprecher undeutliche Töne, die warnend und eindringlich klangen. Immer und immer wieder erscholl, zuletzt ganz deutlich: “Meiden Sie die Innenstadt – bleiben Sie zu Hause. Meiden Sie die Innenstadt – bleiben Sie zu Hause!“
Unwillkürlich ballte er die Fäuste, er hatte Mühe, seine Erregung zu verbergen und eilte mit schnellem Schritt nach Hause in seine kleine Wohnung. Diese Behausung verdiente den Namen Wohnung eigentlich gar nicht, es waren ein paar winzige, dunkle, feuchte und schlecht heizbare Räume in einem der vielen hohen Häuser aus den Gründerjahren in einer Straße Leipzigs, die zur Jahrhundertwende eine Prachtstraße gewesen sein mußte und in der die Gebäude nach vierzig Jahren SED-Herrschaft völlig abgewirtschaftet und zum größten Teil unbewohnbar geworden waren.
Ein hübsches, zartes Mädchen von etwa zwanzig Jahren mit langen dunklen Haaren öffnete die Tür und nahm ihn in den Arm.
„Hallo – schön, daß du kommst, der Kaffee ist gerade fertig“, freute sie sich und knipste die Lampe an. Eigenartig reflektierten die Wände des absichtlich tiefschwarz gestrichenen Flurs das Licht.
Ralf zog sein Mädchen an sich und sagte mit einem Seufzer: “Heute passiert etwas, es kann ganz schlimm werden. Sollen wir vorsichtshalber zu Hause bleiben?“
„Komm, wir reden erst mal über alles“, sagte Katrin und öffnete die Tür zu der kleinen Stube.
Ein hoher, lichter Raum ganz in hellblau mit einem riesigen Sofa voll kleiner selbstgenähter Kissen, einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen und selbstgezimmerten Regalen an den Wänden stand im überraschenden Gegensatz zu dem dunklen Vorraum.
