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Ein Leben, ein Traum. Schon seit meiner Kindheit träumte ich davon, ein Rockstar zu sein. Das Nachahmen bekannter Musiker gehörte zu mir, wie das tägliche Brot. Viele Höhen und Tiefen prägten mein Leben. Doch ich stand immer wieder auf, um meinen Traum zu verwirklichen, auch wenn ich dabei immer wieder scheiterte. Nach vielen Jahren der musikalischen Abstinenz kam dann der Wendepunkt in meinem Leben. An meinem 34. Geburtstag durfte ich wieder anfangen, meinen Traum zu träumen und zu leben.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Der Absturz
Nachdem mein Traum vom Rockstar mal wieder geplatzt war, suchte ich nach neuen musikalischen Herausforderungen. Eine neue Band wollte ich nicht gründen, vielleicht aber das ein oder andere Projekt starten. Nach einigen geschriebenen Songs kam ich auf die Idee, dieses Buch zu schreiben. In meinem Leben war viel passiert und das möchte ich niemanden vorenthalten. Dabei gab es viele schöne Momente, aber auch die Schattenseiten lernte ich unweigerlich kennen.
Dieses Buch habe ich aus meiner Erinnerung heraus geschrieben. Ich möchte niemanden mit meinen Erzählungen zu Nahe treten. Es ist einfach meine Lebensgeschichte mit viel Höhen und Tiefen. Vieles hatte ich mir anders vorgestellt, gerade auf meiner musikalischen Reise. Ich begegnete vielen tollen Musikern, aber auch wieder welchen, denen ihre Überheblichkeit zum Verhängnis wurde. Sie hätten vieles erreichen können, wenn sie so manches mit anderen Augen betrachtet hätten!
Ich freue mich, dass ihr an meinem Leben Teil haben möchtet und wünsche euch nun viel Spaß beim lesen der sechs Kapitel.
Mitte der 60er-Jahre in einer Großstadt geboren, wuchs ich in normalen bürgerlichen Verhältnissen auf. Meine Eltern waren beide berufstätig, was ich nicht unbedingt als störend empfand. Das gab mir die Möglichkeit, mich mit meinem Traum intensiv zu beschäftigen. Aber jetzt erst mal der Reihe nach.
Schon als kleines Kind verspürte ich das Verlangen, irgendein Instrument zu spielen. Da war ich ca. vier Jahre alt. Meine Eltern hatten mir damals zu Weihnachten ein Schifferklavier geschenkt, wobei ich sagen muss, dass es zu dieser Zeit nur Spielerei war und ich eigentlich gar nicht wusste, was ich tat und worum es eigentlich ging. Anhand von Bildern und Erzählungen meiner Eltern kann ich heute nachvollziehen, wie sich mein Weg seit meiner Kindheit in Richtung Musik ebnete.
Okay, Spielerei ist wohl der richtige Ausdruck. Ich weiß bis heute nicht, woher es kam, aber das Bauchgefühl war irgendwie da. Zu dieser Zeit gab es weder im Fernsehen, noch in irgendwelchen Zeitungen Berichte oder ähnliches, was mich zur Musik ermutigte. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. In der heutigen Zeit ist das sicherlich ganz anders. Was das Internet heute nicht möglich macht, machen derzeit unzählige Castings und Talent Shows möglich. Heutzutage mache ich mir manchmal Gedanken darüber, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diese Möglichkeit früher schon gehabt hätte. Ob ich nun das große Talent war, lasse ich jetzt mal dahingestellt! Vielleicht war es auch einfach nur der Zwang, irgendwie im Mittelpunkt zu stehen.
Kurze Zeit später bekam ich meine erste Gitarre. Sie hatte vier Saiten und war, wie es sich vermuten lässt, eine Kindergitarre. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass die Saiten immer locker waren. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, wie eine Gitarre zu stimmen war, hier wurden die Saiten einfach nur „gespannt“! Klar war das immer noch Spielerei, aber man konnte zumindest erahnen, wohin die Reise geht. Heute weiß ich, dass ich Bassist geworden bin. Also muss das schon der Grundstein für mein musikalisches Leben gewesen sein.
Es vergingen ein paar Jahre, wo eigentlich nichts in Richtung Musik geschah. Das Bolzen mit dem großen Bruder im Garten sowie die Schule, die in vollem Gang war, bestimmten bereits meinen Alltag. Hier war derzeit kein Platz für Musik und eigentlich auch kein Interesse daran. Heute weiß ich, dass man in diesem Alter verschiedene Sachen ausprobiert. Vieles liegt aber auch daran, mit welchen Freunden man zusammen ist und welche Interessen diese haben. Nun, das Leben in der Grundschule war etwas Neues für mich, Freunde fanden sich dort aber nicht wirklich. Wir wohnten an der Stadtteilgrenze, wobei die Kinder dieser Schule aus beiden Stadtteilen kamen. Aus meinem Stadtteil war nur ein Mädchen in meiner Klasse, mit der ich allerdings nichts am Hut hatte. Vielmehr hatte ich Kontakt zu den Kindern aus meiner Straße. Sie waren zwar alle unterschiedlich alt, aber irgendwie gab es da schon eine Gemeinschaft. Schnell kristallisierte sich aber auch ein Anführer dieser Gemeinschaft heraus. Carlos, er hatte wohl so viele Führungsqualitäten, dass alle auf ihn hörten. So kam es, dass er einen nach dem anderen aus dieser Gemeinschaft verbannte. Selbiges musste ich natürlich auch erfahren, nachdem er auch meinen Freund aus dem Nachbarhaus verjagt hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich natürlich nicht daran gedacht, dass man auch in einer Band einmal an solch einen Punkt kommen konnte, wo versucht wird, andere Bandmitglieder zu verdrängen! Aber dazu komme ich später noch. Mittlerweile ging auch das zweite Schuljahr zu Ende. Ich hatte bis dahin auch immer sehr viel Lust, in die Schule zu gehen, etwas Neues zu lernen. Meine Noten waren eigentlich recht gut. Trotz alledem löcherte ich meine Mutter des Öfteren, wann ich auch mal was lerne, was ich nicht schon kann. Vielleicht war ja da im Unterbewusstsein mein Lebenstraum schon da.
Das dritte Schuljahr begann mit einer kleinen Katastrophe. Ich, der sich gerade mal richtig wohlgefühlt hatte, musste nun in eine andere Klasse. Toll! Mir hatte man erklärt, dass ich als Katholik allein zwischen Evangelisten in der Klasse sei und deshalb die Klasse wechseln müsse. In den ersten zwei Jahren hätte das beim Religionsunterricht keine Rolle gespielt, aber wohl ab der dritten?
Verstehe ich bis heute nicht, egal ob Katholik oder Evangelist, beide glauben doch an Gott! Allerdings muss ich auch sagen, dass ich mich nie mit dem Thema beschäftigt habe, nie versucht habe, den Unterschied herauszufinden. Na ja, jedenfalls muss bei der Klasseneinteilung wohl jemand geschlafen haben.
Ich durfte mich am ersten Schultag in der neuen Klasse neben einen Jungen setzen. Keine Ahnung, wie sein Name war, aber irgendwie hatte mich seine Schreibweise fasziniert. Sie war total eckig, für mich sah das toll aus. Natürlich hatte ich nichts Besseres zu tun, als bei den kommenden Hausaufgaben auch so zu schreiben, was für mich natürlich zum Verhängnis wurde. Meine Mutter kontrollierte wie jeden Tag meine Hausaufgaben. Sie fand das gar nicht toll. Ich hatte mir doch so viel Mühe gegeben, das so hinzubekommen. Mann, das war eine ganze Seite voller zackiger Schreibschrift, das hatte Kraft gekostet. Ich durfte das Ganze natürlich noch einmal abschreiben, in meiner doch recht schönen Handschrift. Den Nachmittag hatte ich mir ein wenig anders vorgestellt. Meinen Freund aus dem Nachbarhaus hörte ich bereits draußen spielen, was mir die Tränen in die Augen trieb. Aber eigentlich war ich ja selbst schuld an der ganzen Situation. Hätte ich doch lieber mal die Augen auf meinem Heft gelassen. Also hatte ich mal wieder was gelernt!
In der Klasse war noch ein anderer Junge, mit dem ich so langsam in Kontakt kam. Armin, er wohnte allerdings im anderen Stadtteil, was aber kein Problem war. Das wiederum brachte mich mal aus meiner Straße heraus. Zu Fuß ging es dann neue Gebiete erforschen. Eigentlich war es nicht weit, einmal um unsere Schule herum, da waren dann auch schon die Mehrfamilienhäuser des anderen Stadtteils. Wir hatten dort auch mal gewohnt, also war es mir nicht unbekannt. Allerdings kannte ich es nur von Erzählungen, oder von den Besuchen bei Freunden meiner Eltern. Ein- oder zweimal besuchte ich Armin, wobei zwischen uns die Chemie nicht stimmte, und sich hier auch keine Freundschaft ergab. Vielmehr zog es mich dann wieder in meine Straße zurück.
Hin und wieder unternahm ich einen Ausflug zu den Freunden meiner Eltern. Ihr Sohn Mike hatte eine tolle Modelleisenbahn, was mich immer wieder dorthin zog. Na ja, und leckeres Essen machte seine Mutter ja auch immer! Soll jetzt nicht heißen, dass es zu Hause nicht geschmeckt hat. Jedenfalls waren wir mal zum Bolzen draußen, als auch ich die ersten schlechten Erfahrungen in meinem noch so jungen Leben machen musste. Ach ja, Bolzen ist das, womit man sich früher beschäftigt hat!
Wie so oft in solchen Stadtteilen, formieren sich natürlich auch kleine Banden, die anderen Kindern das Leben schwermachen wollen. Wir waren gerade beim Bolzen, als Mike drei Burschen um die Ecke kommen sah. Er kannte die wohl schon, denn er warf seinen Fußball als erstes bei sich auf den Balkon. Wir wollten weglaufen, was uns aber nicht wirklich gelang, denn sie stellten uns auf der anderen Seite des Hauses. Mich hielten sie fest, während Mike laufend rechts und links eine an die Backen bekam. Keine Ahnung, ob er vorher schon mal mit denen Stress hatte. Ich jedenfalls bekam dann volle Lotte eine gescheuert. Danach sind sie Gott sei Dank abgezogen. Mann, und das schon als Drittklässler.
Mike´s Mutter brachte mich dann nach Hause, weil ich Angst hatte, denen noch einmal zu begegnen. Ab diesem Zeitpunkt hatte sich das Thema neue Gebiete erforschen für mich erledigt. Ich ging dort nur noch in Begleitung meiner Eltern hin, und natürlich auch nicht mehr alleine vor die Tür. Ich glaube, dass diese unangenehme Erfahrung in den jungen Jahren mein Leben entscheidend geprägt hat, genauso wie der neu anstehende Klassenwechsel, den ich Mitte des dritten Schuljahres zu erwarten hatte.
Mein Vater bekam einen neuen Job als Hausmeister in einer Schule. Ich musste mich also wieder an andere Kinder gewöhnen, ebenso an eine neue Gegend. Fand ich da neue Freunde?
Bevor wir ungezogen sind, hatte uns mein Vater schon mal das Haus gezeigt, wo wir einziehen sollten. Na ja, Fabrikgebäude hätte besser gepasst. Kahl, riesig, große Garagen, Kopfsteinpflaster und nicht ein einziger Baum. Die Wohnung war im dritten Stock, ganz oben unter dem Dach. Das Treppenhaus war ebenso kahl wie das Gebäude von außen. Auf jeder Etage verwinkelte Ecken. Für mich war es jedes Mal gruselig, dort alleine hoch und runter zu gehen. Die Wohnung war sehr groß, wobei ich mir ein Zimmer mit meinem großen Bruder teilen musste. Für uns alle war das neu, aber auch für meinen Bruder und mich kamen neue Herausforderungen auf uns zu.
Mein Bruder, der bereits in der achten Klasse war, musste genau wie ich einst schlechte Erfahrungen machen. Einige Schüler aus seiner Klasse akzeptierten ihn anscheinend nicht, wodurch sich eine Gruppierung bildete, die ihn in den Pausen bedrängte, gar verprügeln wollte. Da ich natürlich als Neuling in den Pausen jemand Vertrautes suchte, bekam ich das natürlich mit. Irgendwie waren es auch immer dieselben zwei, die ihn belästigten. Ich eilte dann immer zu dem Hausmeisterkollegen meines Vaters, der diese Burschen schon kannte. Er trat ihnen immer kräftig in den Hintern, was mich wiederum freute. Dieser Zustand änderte sich aber bald, als die Klasse von meinem Bruder neuen Zugang bekam: Jürgen, ein recht lustiger und freundlicher Typ, der sich mit meinem Bruder anfreundete. Das sich nun jemand an die Seite meines Bruders stellte, war für die Burschen etwas Neues. Anscheinend hatten sie wohl Respekt vor Jürgen, so dass sich auch unsere Pausen wieder normalisierten. Nun hatte auch ich die Gelegenheit, mir in den Pausen neue Freunde zu suchen.
An meinem ersten Schultag hatte ich ja bereits Holger und Jörg kennengelernt. Also versuchte ich, die beiden aufzusuchen. Schnell hatte ich mich dann auch mit Jörg verabredet. Ich hatte ihm einen Spitznamen gegeben: Kleingeier! Er war recht klein und zierlich, hatte ein Gesicht wie ein kleiner Geier, der noch ohne Federn im Nest hockt. Ich möchte ihm damit natürlich nicht zu nahe treten, aber das war nun mal der Eindruck, den ich damals von ihm hatte.
In der Schule hatte er mir von seiner Briefmarkensammlung erzählt, was mich auch interessierte. Bei einem Besuch hatte er mich bereits vor der Haustür abgefangen, wir wollten gemeinsam hineingehen. Aber an der Wohnungstür hat uns seine Mutter abgewiesen. Was war denn da los? Was spielte sich denn hier für ein Film ab? Wir sind dann zum Spielen auf die Straße gegangen, wobei ich auch schon gemerkt hatte, dass auch er nichts mit Musik am Hut hatte, genauso wenig wie Holger. Also stimmte die Chemie mit den beiden auch nicht.
So ging es weiter mit der Suche nach neuen Freunden. Ich weiß nicht mehr genau wie, aber irgendwie kam ich mit Claudius und Didi in Kontakt. Claudius hatte eine recht weiche Art an sich, Didi hingegen mehr die grobe. Da hatte ich zwei gefunden, die dieselbe Musik mochten wie ich. Das war doch immerhin ein Anfang. Wir trafen uns dann nachmittags nach der Schule und plauderten über dies und das. Irgendwie hörte ich heraus, dass Didi gerne Schlagzeug spielen würde und Claudius gerne singt. Oh Mann, meine erste Band war geboren, glaubte ich zumindest. Ich hatte nicht einmal eine Gitarre, Didi kein Schlagzeug, ganz zu schweigen davon, dass Claudius ein Mikro oder gar eine Gesangsanlage hatte. Da waren sie nun, meine drei Probleme. Endlich hatte ich zwei gefunden, die auch das Interesse hatten, das mit mir durchzuziehen. Aber was wollten wir ohne Instrumente machen?
Gott sei Dank näherte sich Weihnachten. Meine Eltern hatten davon auch Wind bekommen. Ihnen gegenüber hatte ich natürlich auch den Wunsch geäußert, eine Gitarre geschenkt zu bekommen. Bis Weihnachten war es nicht mehr lange, aber die Tage zogen sich ungemein. Mit Claudius und Didi faselte ich natürlich laufend über unser Vorhaben. Auch sie hatten ihre Wünsche entsprechend zu Hause geäußert.
Als nun endlich der Tag gekommen war, lief ich sehr nervös hin und her. Waren meine Eltern meinem Wunsch nachgekommen?
Mittlerweile hatte ich ja auch schon Vorbilder und ich wollte genauso sein wie sie, ein Star! Das ließ mich auf die Erfüllung meines Traumes hoffen.
Nachdem wir traditionell unser Heiligabend-Essen hinter uns hatten, war es endlich soweit. Bescherung! Ich wusste nicht, was mich erwartet. Also ging ich an diesem Heiligabend mit anderen Gefühlen in Richtung Weihnachtsbaum. Der Baum war wie immer toll geschmückt und hinten in der Ecke stand sie nun, eingepackt in Papier. Zu Beginn tat ich so, als hätte ich sie nicht gesehen. Irgendwie wusste ich nicht mit der Situation umzugehen. Also stürzte ich mich erst einmal auf die anderen Geschenke. Meine Eltern machten mich dann darauf aufmerksam, dass dort noch etwas für mich steht. Recht schüchtern und zurückhaltend nahm ich dann meine erste richtige Gitarre in Empfang. Auf jeden Fall ein tolles Gefühl, meine Wandergitarre das erste Mal in den Händen zu halten. Aber wie klang das. Ich konnte noch keinen Griff auf der Gitarre und musste schnell feststellen, dass das ein hartes Stück Arbeit wird. Zum Glück hatten meine Eltern auch an ein Buch zum Lernen gedacht. Über Weihnachten hatte ich ja genug Zeit, mit dem Lernen zu beginnen, was ich dann auch tat. Und Schulferien waren ja auch noch. Die ersten Griffe, die ich konnte, waren A-Moll und E-Moll. Diese dudelte ich hin und her, die waren ja auch einfach. Für mich und mein Vorhaben reichte das aber erst einmal und ich verabredete mich gleich nach den Ferien mit Didi und Claudius. Sie hatten allerdings nichts zu Thema Musik geschenkt bekommen. Aber wie heißt es bekanntlich: Not macht erfinderisch.
Die erste Band entsteht
Meine Eltern hatten sich in der Schule, in der wir wohnten, einen kleinen Hobbyraum eingerichtet. Hier durften wir uns unserem Traum hingeben. Wir suchten nach alten Tischen, woraus wir ein Schlagzeug-Podest bauten. Es war ca. zwei mal zwei Meter groß. Was machten wir nun, Didi hatte weder zu Weihnachten ein Drum bekommen, noch hatte er das Geld dazu, sich eins zu kaufen. Also haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie wir es uns selber bauen können. Mein Vater hatte in der Schule immer leere Kehrspäne-Tonnen, die eigentlich entsorgt wurden. Das brachte mich auf die Idee, diese doch als Drum umzufunktionieren. Die Tonnen stellten wir einfach verkehrt herum, sie dienten als Stand- und Hänge Tom. Die Deckel der Tonnen nagelte ich auf ein Stück Besenstiel, den wir dann auf dem Podest befestigten. Nun hatten wir auch unsere Becken. Klasse, das klang zwar nicht besonders, machte aber unheimlichen Krach, als Didi dort mit bloßen Händen darauf herum trommelte. Für Drumsticks hatten wir natürlich auch kein Geld, also mussten wir auch da mit einer guten Idee nachhelfen. Drumsticks waren für mich einfach nur Holz. Also beschlossen wir, uns doch einfach ein paar dünne Äste irgendwo abzuschneiden. Bei uns an der Schule stand ja kein Baum, was uns dazu trieb, erst mal loszuziehen, um uns geeignete „Sticks“ zu besorgen. Wir sind in Richtung meiner neuen Schule gegangen, wo sich an einem Feld ein kleines Stückchen Wald befand. Eine Säge hatte ich zu Hause raus geschmuggelt, so dass wir uns etwas Passendes abschneiden konnten. So, die Enden einfach nur noch mit Klebeband umwickelt und fertig waren die Drumsticks für Didi. Das hat vielleicht gescheppert! Jetzt konnte sich auch Didi richtig entfalten.
Ach ja, wie wollten wir bei dem Krach eigentlich Claudius hören. Auch er hatte ja, wie schon gesagt, kein Mikro und auch keine Gesangsanlage zu Weihnachten bekommen. Mit einem alten Aufnahme-Mikro von einen Tonbandgerät konnte ich ihm zumindest das Gefühl geben, der große Star zu sein. Es kam zwar nichts heraus, da musste er halt etwas lauter singen. Alles war perfekt. Claudius, der große Sänger, Didi und das selbstgebaute Drum, und ich, der immer noch auf seinen zwei gelernten Akkorden saß.
Meine zwei bereits gelernten Akkorde spielte ich rauf und runter, während Didi wie ein Tier auf den „Kehrspäne-Tonnen“ zur Hochform auflief. Claudius sang um sein Leben, während Didi alles übertönte. Oh Mann, wir fühlten uns wie die großen Stars.
Es dauerte auch nicht lange, da stand mein Vater schon in der Tür. Immerhin war ja noch Schulbetrieb. Wir mussten zwar unsere spontan angesetzte Übungsstunde abbrechen, konnten sie aber später fortsetzen. Ich glaube, dass meine Eltern froh waren, dass ich neue Freunde gefunden hatte, und sie mir das deshalb erlaubten. Mit Musik hatte das nämlich noch nichts zu tun, es war einfach nur Krach. Da müssen wir wohl damals schon die Erfinder einer neuen Musikrichtung gewesen sein!
Nun hatten wir ja halbwegs alles, was wir brauchten, um unserem Traum etwas näherzukommen. Nur der Bandname fehlte noch. Natürlich sollte der Name in Englisch sein, Bands mit deutschem Namen kannte ich damals nicht, also warum sollte gerade unser Name deutsch sein. Wir hatten uns einige Namen überlegt, bis uns ein Poster an der Wand auffiel. Darauf stand „U.S.“, allerdings wusste zu dieser Zeit keiner von uns etwas damit anzufangen. Ich nehme an, dass mein Bruder mal das Poster aufgehängt hatte. Aber egal, wir entschlossen uns spontan, diesen Namen zu übernehmen. In den nächsten Tagen hatten wir jedenfalls etwas, womit wir in der Schule prahlen konnten. Wer hatte schon eine eigene Band in so jungen Jahren, schon in der Grundschule. Für mich war es etwas Neues, auf einmal interessierten sich auch andere für mich, mit denen ich vorher nicht ins Gespräch gekommen war.
Es gab noch einen Jungen, der Gitarre spielte. Michael, bei ihm zeichnete sich aber anhand seiner schulischen Leistungen ab, dass er nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium geht. Dennoch wollte ich gerne wissen, wie er spielt und was er bereits auf der Gitarre kann. Eines Nachmittags hatte er mich eingeladen, ihn zu besuchen. Er hatte eine Konzertgitarre, die sich natürlich im Klang bedeutend besser anhörte als meine Wandergitarre. Das lag aber wiederum auch daran, dass er deutlich weiter war als ich. Er nahm im Nachbarhaus Unterricht bei einem jungen Mann. Ich bat damals meine Eltern darum, auch dort Unterricht nehmen zu können, was sie mir dann auch erlaubten. Die Stunde kostete damals fünf Deutsche Mark, wobei ich aber auch sagen muss, dass ich nicht wirklich etwas gelernt habe. Michael war damals spielerisch viel weiter, so dass ich gar nicht hinterher kam. Anscheinend hatte der angebliche Lehrer das nach einigen Stunden auch gemerkt und zog es vor, uns das Canasta spielen beizubringen. Und die fünf Mark hat er dafür auch noch kassiert. Ich hatte meinen Eltern davon erzählt, die es mir kurzerhand verboten, den Unterricht fortzuführen.
Es folgten dann immer wieder Übungsstunden in unserem Hobbyraum. Claudius sang mit ganzem Herzen, wobei er auch keine Scham hatte, wie es sich vielleicht in diesem Alter vermuten lässt. Texte hatten wir keine, er sang einfach was in Englisch. Immerhin hatten wir ja in der Grundschule schon Englisch-Kenntnisse erworben. Ich hörte immer wieder „A Rocket“ heraus, wobei wir uns dann auch dazu entschieden, diesen Song so zu nennen. Es war eine tolle Melodie, hatte irgendwas. Kommende Übungsstunde wollten wir diesen Song wieder spielen, aber Claudius hatte die Melodie vergessen. Das einzige, woran er sich noch erinnern konnte, war der Titel des Songs. Wir haben also versucht, den Song wieder so hinzukriegen, wie er war, aber es kam eine ganz neue Version heraus, die mir aber nicht mehr gefiel. Es schien mir so, als wenn Claudius auch keine richtige Lust mehr an der Musik hatte.
Aber eines Tages kam Claudius mit einem Text, den wohl seine große Schwester für uns geschrieben hatte. „It´s me“ hieß der Song. Eine Melodie hatte er sich schon ausgedacht. Anscheinend hatte auch er bemerkt, dass es so wie vorher nicht funktionierte. Er stellte uns seinen Song vor, wobei ich feststellen musste, dass meine zwei Akkorde, auf denen ich immer noch saß, gar nicht zu seinem Gesang passten. Also standen wir wieder mal vor einem Problem und kamen nicht weiter. Trotzdem spielten wir „It´s me“ pausenlos, so das sich sogar mein Vater die Melodie einprägte und sie noch Jahre später auf seiner Orgel spielte.
Zwischenzeitlich hatte auch Didi schon mal sein Gesangstalent unter Beweis gestellt. Heraus kam der Song „Silly Boy“, natürlich mal wieder ohne Text, einfach so dahin gesungen. Aber irgendwie schien es mir so, als hätte Didi auch Gefallen am Singen gefunden. Claudius war zu den Proben nicht erschienen, also haben wir das mal selbst in die Hand genommen.
Bei der nächsten Übungsstunde stand auch Claudius wieder auf der Matte. Er schwärmte genau wie ich für die Bay City Rollers. Wir entschlossen uns kurzerhand, diese doch einfach mal nachzuahmen. Auf einem Tonbandgerät, das wir von Bekannten hatten, befand sich bereits Musik von ihnen. Also Tonband eingefädelt, und ab ging die Post. Didi trommelte wieder wie ein Tier, übertönte alles. Claudius machte dieselben Bewegungen wie der Sänger der Bay City Rollers, und ich spielte wieder meine zwei Akkorde hin und her und fühlte mich wie „Woody“, den derzeitigen Gitarristen der Bay City Rollers. Wir fühlten uns wie die Stars selber, immerhin hatten wir sie schon ein paar Mal im Fernsehen gesehen und kannten daher ihre Mimik und Gestik.
Mein Großvater war zu uns zu Besuch gekommen. Auch ihn interessierte es brennend, was sich hinter dem Krach verbarg. Er kam in unseren Übungsraum voller Erwartung. Sein Grinsen sowie das gleichzeitige Kopfschütteln ließ mich seine Gedanken erahnen. Was soll´s, uns hat es jedenfalls Spaß gemacht!
Nur irgendwann waren auch mal die Nerven meiner Eltern strapaziert. Sie haben das Ganze dann kurzerhand unterbunden, weil es natürlich auch zu nichts führte. Mittlerweile hatten Claudius und Didi unseren Tischfußball-Kicker mehr im Visier als die Sache, für die wir uns eigentlich getroffen hatten. Mein Vater hatte dann die Tische wieder weggeräumt und den Schrott, ich meine unser Drum, entsorgt. Mir tat es irgendwie weh, immerhin war es meine kleine Welt, die zerstört wurde.
Nach einigen Wochen stellten wir aber fest, dass unser Traum uns immer noch festhielt. Im Fernsehen sah man nun auch die Bay City Rollers öfters, was gerade Claudius und mich erfreute. So haben wir uns dazu entschlossen, die Band mit neuem Namen wieder auferstehen zu lassen. Immerhin hatten wir ja mit der ersten Band auch einiges geschafft, auch wenn es manchmal nicht den Anschein hatte. Nun gingen die Planungen für ein neues Drum los. Geld war ja immer noch keins da, also mussten wir uns dazu wieder etwas Neues einfallen lassen.
Bei uns in der Schule hatten wir Schüler, die das Mauern lernten. Unter anderem mauerten sie mit Kalk-Sandsteinen, was mich auf die Idee brachte, diese doch als Füße für unser Drum zu benutzen. Die Steine hatten viele runde Löcher, genau in der Größe eines Besenstiels. Also die Stiele passend geschnitten, dem Vater zwei Putzeimer geklaut, und fertig waren die neuen Trommeln für Didi. Als Becken benutzten wir wieder die Deckel der Blechtonnen. Immerhin standen die Trommeln jetzt etwas schräg, was dem Drum gleich ein ganz neues Bild gab. Didi war jedenfalls zufrieden, und ich auch, denn das neue Drum klang etwas dumpfer als das alte.
Meine Eltern hatten sich auf dem Schulgelände einen kleinen Garten angelegt, wo mein Vater auch seine Kanarienvögel hatte. Ich wusste zwar, dass ich das neue Drum dort nicht lange vor meinen Eltern verstecken konnte, tat es aber trotzdem. Zumindest war es erst mal für denselben Tag aus der Schusslinie. Wie es natürlich kommen musste, hatte mein Vater noch am selben Tag das Drum entdeckt und dokumentierte es mit folgenden Worten: „Jetzt geht die Scheiße wieder los.“
Dennoch erlaubten mir meine Eltern, dass wir uns in einer großen Garage auf dem Schulgelände unserem Traum hingeben konnten. Jetzt war die Zeit gekommen, es mit dem neuen Bandnamen „The Star Boys“ zu versuchen. Komischerweise hatte jeder von uns ein T-Shirt, wo Sterne drauf zu sehen waren, so dass wir auch das passende Outfit für unsere Band hatten. War wohl anscheinend gerade groß in Mode.
Wie zu vermuten ist, quälte ich mich immer noch mit meinen zwei Akkorden herum. Allerdings wollten wir ja auch nicht da weitermachen, wo wir aufgehört hatten. Also musste Verstärkung her. Ich hatte dann Michael angesprochen, mit dem ich ja den Kurzzeitunterricht gemacht hatte, ob er bei uns einsteigen möchte. Natürlich sagte er zu, was uns sehr freute. Immerhin hatten wir uns unseren neuen Übungsraum etwas hergerichtet. Dazu hatten wir Schuhkartons mit Stoff bezogen, so dass wir zumindest optisch das Gefühl hatten, riesige Verstärker hinter uns zu haben. Bei der ersten Übungsstunde riss Michael gleich das Ruder an sich. Er forderte gleich eine Gage von zwei Deutschen Mark pro Übungseinheit, was wir ihm auch gleich zahlten. Da wir ja selbst kaum Geld hatten, ging uns das natürlich gewaltig gegen den Strich. Und war er nun etwas Besonderes? Nein, natürlich nicht!
Schnell bemerkten wir, dass zwischen uns die Chemie nicht stimmte, wahrscheinlich auch, weil wir uns nichts sagen lassen wollten. Wir ließen ihn dann auch ziehen, wobei wir genau wussten, dass er die Schule wechselt und wir ihn eh aus den Augen verlieren würden. Irgendwie vermuteten wir, dass der neue Bandname uns kein Glück brachte. Also beschlossen wir mal wieder kurzerhand, unseren Bandnamen zu ändern. Da wir ja, bis auf Didi, Bay City Rollers Fans waren, stand für uns fest, wir nennen uns „The Bay Coanter Story Band“, was auch immer das heißen mag. Ich hatte den Namen sogar mit einem Kugelschreiber auf meine Jeansjacke geschrieben.
Mit Didi zusammen habe ich mich dann hingesetzt, Texte zu schreiben. Allerdings in Deutsch, da unsere Kenntnisse in Englisch zu dieser Zeit nicht ausreichend waren. Wir haben versucht, die Texte ins Englische zu übersetzen, indem wir die „Bravo“ zur Hilfe nahmen. Dort fanden wir die Übersetzungen bekannter Songs vom Englischen ins Deutsche. Also gingen wir Wort für Wort durch, um die entsprechende Vokabel für das gesuchte Wort zu finden. Das brachte uns aber auch nicht wirklich weiter und wir gaben es auf, unsere Texte ins Englische zu übersetzen.
Eines Tages war mein Cousin bei uns zu Besuch, von dem ich wusste, dass er eine höhere Schule besuchte. Also ging ich davon aus, dass er Englisch kann. Prima, mit ihm hatte ich einen wahren Übersetzer gefunden. Wahrscheinlich wusste er auch, dass es sinnlos war, aber er übersetzte uns unseren ersten selbstgeschriebenen Song. Claudius fand für „In Birmingham“ auch gleich eine gute Melodie, und wir spielten die vier endlos langen Strophen durch. Der Song hatte zwar keinen Chorus, aber für uns nahm es langsam Formen an. Mit Didi zusammen hatte ich bereits vier Songs geschrieben, allerdings ohne Übersetzung. Aber um Claudius machte ich mir mal wieder Sorgen. Seine Bereitschaft zum Üben ließ immer mehr nach. Mit Didi zusammen hatte ich ihn bereits aus meinem Kinderzimmerfenster beobachtet, wie er mit anderen auf dem gegenüberliegenden Grundstück einen Bolzplatz herrichtete. Wollte er jetzt Fußballer werden?
Zwischendurch hatten wir zwar immer mal die Rollers imitiert, aber anscheinend machte ihm das auch keinen Spaß mehr. Es kam, wie es kommen musste, Claudius zog sich aus dem „Showgeschäft“ zurück.
Mittlerweile waren wir am Ende des vierten Schuljahres angekommen und die Ferien, sowie der erneute Klassenwechsel standen an. Didi hatte sich in den Ferien für ein paar Tage zu Besuch bei uns angekündigt. Meine Eltern hatten sich in dem Stadtteil, in dem wir einst wohnten, ein kleines Wochenendhaus gebaut, wo wir unsere Ferien verbrachten. Es war schönes Wetter und von meinem Onkel hatten wir ein Zelt bekommen, was wir auch zusammen mit ihm aufbauten. Didi und ich haben dann auch einige Tage darin übernachtet. Abends haben wir bei Taschenlampenbeleuchtung irgendwelche Lieder gesungen. Doch eines Morgens kam uns die Idee, vielleicht mal ein Konzert zu geben. Immerhin hatte Didi ja bereits bei „Silly Boy“ sein Gesangsdebüt gegeben. Aber für mich war Claudius der Sänger, auch wenn er nicht mehr bei uns war. Didi sollte sich auf das Trommeln konzentrieren. Pausenlos haben wir versucht, Claudius zu erreichen. Wahrscheinlich war er bei dem schönen Wetter auf seinem eigens kreierten Bolzplatz. Irgendwann schafften wir es aber, ihn an die Strippe zu bekommen. Claudius hatte überhaupt kein Interesse mehr an uns, geschweige denn an unserer Musik. Vielleicht sah er darin auch nichts Positives mehr. Ich weiß es nicht!
Also hatten wir keine andere Wahl, als das Ding alleine durchzuziehen. Didi hatte hier die Hauptlast, indem er Drum spielen und dazu singen musste. Ich konnte ja bereits meine zwei Akkorde im Schlaf hin und her spielen.
Wir sind dann zusammen mit der Straßenbahn zu mir nach Hause gefahren, um meine Gitarre zu holen. Da die Haltestelle unmittelbar bei uns vor der Schule war, sahen wir natürlich Claudius mit seinen neuen Kumpels auf dem Bolzplatz. Uns wurde dann auch klar, dass er durch die neuen Freunde auch neue Interessen gefunden hat.
Zurück in Richtung „Showbühne“, mussten wir noch das Problem Drum lösen. Hier hatten wir natürlich Erfahrung und besorgten uns einfach zwei Putzeimer. Diese sollten für unser spontan geplantes Konzert reichen. Ich hatte mein Plektrum zu Hause vergessen, aber Gott sei Dank hatte mein Onkel die Idee, mir ein Plektrum aus einer alten Waschmittelflasche zu schneiden. Didi bekam Drumsticks aus einem Holunderbusch, wie immer umwickelt mit Klebeband. Kurzes Üben und ein Zusammenstellen unserer Songs, fertig! Jetzt mussten wir nur noch genug Publikum einladen, und die „Show“ konnte beginnen.
Wir gingen durch die Nachbarschaft und luden Leute ein, die wir so gut wie nicht kannten. Egal, irgendwie mussten wir ja unsere kleine Ecke, die uns mein Onkel zur Verfügung stellte, voll bekommen. Jedenfalls kamen einige Kinder aus der Straße, Nachbarn, meine Tante sowie meine Eltern. Wir nahmen fünfzig Pfennig Eintritt, so dass wir später ganz stolz auf unsere erste Gage waren. Wie viel es war, kann ich heute nicht mehr sagen. Didi trommelte wieder wie ein Tier und sang um sein Leben. Ich allerdings musste feststellen, dass es gar nicht so einfach war, etwas vor Publikum vorzutragen. Allerdings wusste ich zu diesem Zeitpunkt auch nicht, dass mich das mein ganzes Leben lang begleiten wird. Uns hat man jedenfalls gefeiert und wir haben, wie ich denke, das sehr gut gemeistert.
Didi hat sich zwei Tage darauf auch verabschiedet, was mir wehtat, weil er mir ja auch irgendwie ans Herz gewachsen war. Dass sich mit dem Klassenwechsel im fünften Schuljahr einiges verändern würde, war mir klar, dass hier aber vorerst meine musikalische Laufbahn endet, daran hatte ich nicht gedacht.
Die kommenden zwei Jahre hatten nichts mehr mit Musik zu tun. Mit Didi und Claudius hatte ich auch weiterhin Kontakt. Beide waren mittlerweile einem Handballverein beigetreten und sie ermunterten mich dazu, dort mitzumachen. Natürlich hat es Spaß gemacht, trotzdem war es etwas anderes als die Musik. Eigentlich habe ich auch beim Handball eine recht gute Leistung gebracht. Aber bei unseren Punktspielen merkte ich wieder, vor Zuschauern zu spielen, das war etwas anderes als Training. Dieses Gefühl kannte ich ja bereits von unserem Auftritt. Eigentlich war es mir recht unangenehm.
Aber sollte es das mit der Musik gewesen sein. Da war doch immer noch ein Traum, den ich hatte. In meiner Klasse gab es noch einen Gunther. In den Klassen fünf und sechs war er mir irgendwie gar nicht aufgefallen. Nach der sechsten Klasse stand ja nun mal wieder ein Klassenwechsel an. Wie schon in der Vergangenheit ein leidiges Thema. Dort kamen andere Schüler von der Realschule oder dem Gymnasium zurück. Die siebte Klasse wurde dadurch zu groß, also hat man sie in die Klassen 7a und 7b aufgeteilt. Mit Gunther zusammen bildete sich in der 7b eine kleine Gruppe von Jungs, auch mit welchen von den anderen Schulen. Gunther kannte ich ja bereits vom Handball, aber durch die anderen Jungs wurde der Kontakt mit ihm auch intensiver.
Ich, der immer noch die Bay City Rollers mochte, traf bei Gunther musikalisch auf eine ganz andere Welt. Er hörte überwiegend Rockmusik, meistens „Status Quo“. Da ich mich bei Gunther mit den Rollers lächerlich machte, begann für mich das Experiment Rockmusik! Als kleines Statussymbol verbrannten wir auf Gunthers Kompost meine einzige Rollers-Single „Saturday Night“.
Gunther hatte ich von meinen zwei bereits gehabten Bands erzählt, was er natürlich ins Lächerliche zog. Wie sich aber im Laufe der Zeit herausstellte, war er auch nicht abgeneigt, irgendein Instrument in einer Band zu spielen. Dass sein Herz an der E-Gitarre hing, blieb mir nicht lange verborgen. Das brachte uns auf den Plan, zusammen eine Band zu gründen. Allerdings hatte Gunther weder eine Gitarre, noch konnte er spielen. Aber egal, ich hatte wieder einen Verbündeten, mit dem ich meinen Traum weiter verfolgen konnte.
Mit Didi und Claudius hatte ich zwischenzeitlich keinen privaten Kontakt mehr, nur noch ein kurzes „Hallo“ auf dem Schulhof. Sie waren zwar beide in meiner Klasse, aber auch sie hatten sich neue Freunde mit anderen Interessen gesucht. Auch beim Handball hatte sich einer nach dem anderen zurückgezogen. Aber immerhin hatte ich noch die Ehre, mit einem späteren bekannten Schiedsrichtergespann in dieser Zeit in einer Mannschaft gespielt zu haben. Leider sind die beiden vor einigen Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückt!
Zusammen mit Gunther fieberte ich mal wieder Weihnachten entgegen, wobei es gerade mal Herbstanfang war. Mit meiner Wandergitarre kam ich in der Rockmusik natürlich nicht weiter. Bei meinen Eltern äußerte ich natürlich den Wunsch, zu Weihnachten eine E-Gitarre geschenkt zu bekommen. Was mögen meine Eltern wohl nach den zwei Jahren Musikabstinenz gedacht haben. Bestimmt, jetzt geht das wieder los!
Kurzerhand bekam ich auch Antwort auf meinen Wunsch, dessen Erfüllung allerdings mit einer Bedingung verknüpft war. Ich bekam die E-Gitarre und einen Verstärker nur, wenn ich auch an einem Gitarrenunterricht teilnehme. Das musste ich meinen Eltern versprechen, was ich natürlich auch gerne tat. Prima, es ging wieder bergauf!
Die Entstehung der zweiten Band
Zusammen mit Gunther hatte ich große Pläne gemacht. Einen gewissen Theo von unserer Schule kannten wir bereits. Er hatte zwar immer eine große Klappe, aber irgendwie war er ja auch ganz okay. Auch er hatte mal davon gesprochen, gerne Schlagzeug zu spielen. Wie es sich sicherlich vermuten lässt, hatte auch er weder ein Drum, noch konnte er spielen. Also musste irgendwie Geld her, damit wir uns wenigstens ein kleines Drum leisten konnten. Wir hatten uns überlegt, durch den Stadtteil zu ziehen und die Bewohner zu fragen, ob sie vielleicht Hilfe im Garten brauchten. Immerhin war gerade Herbst und wir gingen davon aus, dadurch ein paar Mark verdienen zu können. Nur leider hatte keiner Interesse an uns und an dem, was wir angeboten hatten. So kamen wir nicht weiter, immerhin hatte Gunthers Vater aus dem Schweinestall einen Hobbyraum gemacht, der perfekt für unser gemeinsames Vorhaben war.
Gunther hatte einen Tick, er baute immer aus alten Radios oder gar aus alten Musikboxen die Lautsprecher aus. Er nahm alles, was er bekommen konnte. Dass es uns allerdings mal zum Vorteil werden würde, hatte ich nicht gedacht. Denn gute Boxen oder einen vernünftigen Verstärker konnten wir uns ja eh nicht leisten. Ich hatte auch einen anderen Cousin von mir angesprochen, der sich gut mit Elektronik auskannte. Er tüftelte an allem herum, was unter Strom stand. Aus alten Elektronikbauteilen wollte er uns einen Verstärker bauen, ich glaubte nun, meinem Ziel wieder etwas näherzukommen. Leider warte ich bis heute immer noch auf den Verstärker.
Mit Gunther zusammen hatte ich bereits eine riesige Box aus alten Lautsprechern gebaut, die bei uns zum Einsatz kommen sollte. Nur was war mit Theo? Kein Drum, kein Üben, keine Band! Ach ja, und Gunther hatte ja auch noch keine Gitarre und spielen konnte er natürlich auch noch nicht. Na ja, mal ehrlich, ich saß ja auch noch auf meinen zwei gelernte Akkorden.
