Traumläufe im Irrgang - Peter Arlt - E-Book
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Traumläufe im Irrgang E-Book

Peter Arlt

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Beschreibung

Traumläufe offenbaren im Schlaf teils merkwürdig reale, teils phantastische Bilder, die – nach Sigmund Freud – einen Königsweg zum Unbewussten eröffnen und uns durch berührendes filmisches Geschehen in seelische und körperliche Erregungszustände versetzen. In bildlich verdichteten Miniaturen erweitern sie die innere Biografie überpersönlich und reflektieren Zeitläufte: "Bemerkenswert, wie in den Inhalt der Träume die politische Wende Eingang gefunden hat" (Christa Wolf an Peter Arlt, 1995). Selbstbehauptung und Abwehrkämpfe, zwei Lieben im Zentrum des Wie-Weiter, sind in konfliktgeschüttelten Handlungen lose aneinander gekettet zu einem Lebensroman in Träumen.

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EPUB

Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Impressum

Peter Arlt

Traumläufe im Irrgang

EinLebensroman in Träumen – Traumaufzeichnungen aus fünf Jahrzehnten

ISBN 978–3–95655–831–3 (E–Book)

ISBN 978–3–95655–830–6 (Buch)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta auf der Grundlage des Gemäldes „Hommage à Americo Vespucci“, 1994, Öllasurtafelbild von Siegfried Otto-Hüttengrund mit freundschaftlicher Genehmigung des Künstlers.

© 2017 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860–505 788 E–Mail: verlag@edition–digital.de Internet: http://www.edition–digital.de

Einleitung

Traumläufe offenbaren im Schlaf veränderte Momente aus dem Alltag, verdrängte Geschehen und Gedanken in unzensierter Offenheit; teils merkwürdig reale, teils außerordentlich fantastische, verdichtete Handlungsbilder, die – nach Sigmund Freud – einen Königsweg zum Unbewussten eröffnenund uns durch berührende Sinneseindrücke in seelische und körperliche Erregungszustände versetzen.

Barfuß finstere Gänge durchschreitend, werden Durchgänge passiert, unterm Schlamm Münzen gefunden; wird Verstorbenen und Heiligtümern begegnet, in Bahnhöfen umgestiegen; versinken die Füße vor der heranrollenden schwarzen Lok; geschehen Liebesakte und Bluttaten; öffnen sich unter Steilhängen Abgründe; muss einer von drei Linien gefolgt werden, die sich über Treppen und durch unterschiedliche Räume, Säle und Kammern, wie in einem Irrgang, hinziehen … Traumläufe mit Wunschfantasien nach Verschmelzung und Lustgewinn, nach Besitz, Bewahrung und gelingendem Betrug, mit Selbstzweifel und Selbstbeweis, mit existenzieller Verunsicherung in bitterbösen Vorgängen, mit Angst vor Krankheit, Kastration und Tod, mit aggressiven Aktionen und Versöhnungswünschen, mit nagender Eifersucht und Demütigung, mit sich auslebender Phalluslust, zur Darstellung gebracht mit Bildfindungen, in denen Verrücktheiten geschehen, die Personen wie Dinge auf anderes verschieben. Mit solch künstlerischem Verfahren beweist sich auch in den Träumen, „was Bilder sind: das Auftauchen an einem andern Ort“, wie Franz Marc 1915 im 82. Aphorismus schrieb.

In den Handlungen agieren der Träumende, hinter dem sein realeres Ich steht, welchem wie in einem Kino ein Traumgeschehen mit eigener Beteiligung vorgeführt wird, dazu real benennbare und fiktive Personen, die alle trotz ihrer Gegensätzlichkeit Aspekte des eigenen Ichs bergen. Überwiegend handelt bei mir die eigene Person mit der Ehefrau und der Geliebten. Verwandte, Freunde und Feinde, weibliche und männliche Kollegen und Mitstreiter treten auf, zudem mehr oder weniger prominente Künstler, Dichter, Politiker, sogar Päpste. Mit vollem Namen nenne ich prominente Personen, andere, aus dem persönlich Umfeld, meist verkürzt oder mit Initialen, selten mit veränderten Vornamen. Meine im Traum geäußerten Urteile über die Handelnden, mich eingeschlossen, unterscheiden sich oft erheblich von meinen Einschätzungen im Wachzustand, soweit sie dort überhaupt in Erscheinung treten.

Die Traumbilder am Tage besehen zu können, erhellen Momente der inneren Biografie und reflektieren Zeitläufte. Dies trat mir besonders deutlich in Zeiten der späten DDR und der deutschen Vereinigung vor Augen. Eine Zeit der Lethargie und vielfältiger Auf-Um-Ab-Brüche, mit „Evaluierung“ und existenzieller Verunsicherung, mit schamloser Aneignung und beleidigendem Aufeinandertreffen. Zudem war es die Zeit der Erkundung neuer Ziele, eine Zeit zwischen dem Schwelgen mit sehnsüchtigen Fantasien und der Schindung mit Todesahnungen, denn auch am Fuß des lebenshungrigen Fauns bleibt unablösbar sein Schatten. Träume besitzen einen „Wert als Paradigma“, sagte Sigmund Freud im Vorwort seiner „Traumdeutung“.Auf dieses unvergleichliche Werk, auf dessen zahlreichen Aspekte und Verweise auf Traumauffassungen, zurück bis zum Altertum, soll hier nur hingewiesen werden und besonders auf Freuds unschätzbare Bedeutung für die Surrealisten um Salvadore Dalí oder Schriftsteller, wie Franz Kafka. Die Künstler gaben entscheidende Impulse für die Einsicht, dass Träume nicht nur für einen selbst Bedeutung haben, sondern ebenso für andere, wenn sie diese auf sich und ihre eigenen Konflikte zu beziehen vermögen. Träume eignet Struktur und Funktion von Kunst, denn in ihnen werden unbewusst bildhafte, metaphorische Zeichen für Erfahrungen und Momente der Wahrheit gefunden und, emotional berührend, Möglichkeiten durchgespielt.

Der überpersönliche Wert von Träumen ermunterte mich, trotz einiger Bedenken, 1994 meine Träume aus dem Jahrzehnt davor zu publizieren. Dieses Traumheft schickte ich in kleiner Zahl meinen Bekannten und im Einzelfall den im Traum handelnden Prominenten. Als Reaktionen darauf bei mir eintrafen, zeigten sie mir, dass andere in den Traumaufzeichnungen gleichfalls die Lebensumstände der Zeit wiedererkennen können, so wenn Christa Wolf mir am 08.02.1995 schrieb: „Ich weiß zu würdigen, daß Sie mir Ihre Träume mitgeteilt haben, ich habe sie alle gelesen, nicht nur den, in dem ‚ich‘ vorkomme, und ich finde es bemerkenswert, wie in den Inhalt der Träume die politische Wende Eingang gefunden hat.“ In gewissem Sinn sind diese Texte bildhafte Geschichtsdokumente aus dem Unbewussten.

Das Unwiderstehliche von Träumen besteht ja nicht zuletzt in ihrer verblüffenden Form. Einen bemerkenswerten Vergleich zwischen den realen Träumen und den literarisch erfundenen Träumen, wie man sie in Poesie und Prosa seit Urzeiten weit verbreitet findet, stellte Heinar Kipphardt (1922–1982) in seinen 1986 bei Rowohlt erschienenen „Traumprotokollen“ an. Die realen Träume bezeichnete er nicht nur als authentischer, sondern meinte, sie wirkten durch die hintergründige Verdichtung in der Form auch künstlerischer als die erfundenen. Dieser Überlegung böte mein Traumheft Anschauungsmaterial, denn die Träume präsentieren ein vielfältiges Arsenal künstlerischer Techniken und Mittel. In all den Jahren wuchs bei mir das Staunen darüber, wie kühn der Traum Bildschnitte montiert und mit verblüffenden Kamerafahrten und -schwenks aus der häufigen Halbnahaufnahme in die Großaufnahme zoomt oder sich in die Totale weitet und dabei die Perspektiven wechselt, wie er mit farbigen Expressionen und Überbelichtungen arbeitet, wie bestimmte Motive sehr oft, andere dagegen – bei mir beispielsweise Wolken – gar nicht in Erscheinung treten, wie im Traum die Mittel eingeschränkt werden und nur aus zwei Stimmen bestehen, selten einen Geschmack oder Geruch anbieten oder eine Temperatur empfinden lassen und so fort. Faszinierend, wie reich der Traum Erzählstrukturen entfaltet, und mit welch buntem Filmprogramm die Trauminhalte aufwarten. Mit vorzugsweisem Interesse versuchte ich deshalb, in die Ikonografie der Träume einzudringen. Die rätselhaften Motive ziehen das Interesse an, so schrieb mir Ulrich Goerdten: „Besonders gefallen mir so änigmatische Sachen wie der Traum von der Glaswand“ (47). Dabei sind in den Bildmotiven Grundthemen auszumachen, so wenn bei einem Kuss Sand zwischen die Lippen gerät oder beim Handdruck ein Plastebeutel zwischen die Hände, können sie als Bilder eines Topos des Fremdgewordenseins und der Distanz verstanden werden. Oder wenn Züge nicht abfahren, verpasst werden oder zu ihnen geeilt wird, gehören diese Motive zum Topos sich eröffnender und versäumter Lebensmöglichkeiten. Oder wenn während des Traumes die Perspektive von der des Betrachters am sicheren Boden zu der des Türme Überspringenden und Fliegenden wechselt, auch zu dem des Radfahrers auf dem Dach, könnten solche Motive dem Topos des Ikarischen zugerechnet werden.

In den Traumnotaten enthalte ich mich, sie zu erläutern, und verzichte fast ganz auf Erwähnung der „Zusammenhänge mit Lebenssituationen“, wie sie Heinar Kipphardt seinen „Traumprotokollen“ gelegentlich beifügt. Natürlich könnten diese – wie bei ihm – durchaus erhellend sein. Beispielsweise deutet in meiner Sammlung jener Traum von einem Heiligtum mit Käsebrot und der lachenden Christa Wolf (94), der am Strand von Chersonissos bei Iraklion auf Kreta notiert wurde, durch den antiken Ort auf einen Zusammenhang mit geistigen Problemen, ähnlich, wenn man die im Papst-Traum (130) erscheinenden „12 Ordner“ und „10 Ordner“ mit der Kenntnis der beiden Zahlensysteme verbindet. Oder wenn man einen Zusammenhang mit dem Problem ungelebter Leben bedenkt, das sich mit dem Auftauchen der finnischen Jugendfreundin im Bild der früheren Fast-Heimatstadt Rostock in der vertrauten Stadt eine frühere Jugendliebe erkennbar wird (147). Schwerlich dürfte für den schrecklichen Traum 9 die Rolle der etwa fünfzehn Jahre zuvor gelesenen Verszeile Wladimir Majakowskis „Gruppenweise / schreitet man / zur Selbstexekution“ im Gedicht „An Sergej Jessenin“ nachzuweisen sein. Völlig eindeutig ist andererseits der Zusammenhang der ständigen sexuellen Träume mit der allmorgendlichen Erektion, die volkstümlich als „Gromowala“ (Große Morgenwasserlatte) beziehungsweise „Gromolula“ (Große Morgenlustlatte) bezeichnet wird (338). Manches hätte, um den Eindruck des Pornografischen zu vermeiden, allgemeiner formuliert werden können, aber ich liebe Einzelheiten. Wie sich eine materielle stoffliche Form traumbildend auswirken kann und die unmittelbaren Umgebung mit dem Träumen zusammenhängt, zeigt folgendes Beispiel: Einmal blieb mir im Traum das weibliche Oberteil meiner Partnerin unsichtbar, während sich der Geschlechtsverkehr merkwürdig real anfühlte, denn meine Schlafanzughose und das Unterbett hatten meinem steifen Glied eine Partnerin zusammengeschoben (135). Traumeingebungen können selten vollständig beglücken, weil sie den Höhepunkt entbehren.

Auf den Zusammenhang der Träume mit sogenannten Tagesresten sei mit einigen Beispielen verwiesen. Einmal wünschte mir während einer Exkursion eine Studentin beim Gute-Nacht-Sagen einen „süßen Traum“, wozu ich ihr großspurig erklärte, nur dramatische oder erotisch exzessive Träume zu haben. Aber dann träumte ich, wie ein kleines schwarzes Kätzchen mit einem braunen Mäuschen schmust (245). Ein anderes Mal arbeitete ich bis in die späten Abendstunden am letzten Kapitel meines Sisyphos-Buches mit der Überlegung, ob und mit welchem Beispiel ich Markus Lüpertz einbeziehen sollte. Da träumte ich, in einem Berliner Außenbezirk an einem Fußgängerüberweg auf eine Parisurteilgruppe von Markus Lüpertz zu stoßen (247). Unter dem Eindruck der zahlreichen monumentalen Denkmäler in Bulgarien träumte ich von über drei Meter hohen Denkmal-Karikaturen (360). Und schließlich gab offenbar ein Zeitungsfoto, auf dem sich beim Nukleargipfel 2012 in Seoul Barack Obama und Dmitri Medwedjew die Hände reichen, den „Tagesrest“ für den Traum 374. Daran ist zu sehen, wie notwendig die Kenntnis der Zusammenhänge wäre, wenn man Träume deuten wollte. Aber ich glaube, solch persönlichen Zusammenhänge würden die Übertragbarkeit einengen und das Sinnbildhafte vereinseitigen. Oft banalisierten mitgeteilte Alltagszusammenhänge das Sinnbildliche, wie beim Traum von dem unter einer Blase atmenden Mann (10), der seinen Anstoß vom Seifenblasen Kristians in diesen Tagen bekommen hat. Die Information wäre dem Leser befremdlich, weil sie stört, einen eigenen individuellen Kontext herzustellen.

Das erwähnte Traumheft Heinar Kipphardts habe ich mir erst nach 1994, als mein Traumheft bereits vorlag, vorgenommen. Darin fand ich Übereinstimmendes zur eigenen Traumnotierung, so Geträumtes unmittelbar nach dem Traum zu Papier zu bringen, manchmal mehrfach in derselben Nacht (wie die Traumfolge 342–344), vor allem verbale O-Töne, die ich recht schnell vergesse. Dabei mühte ich mich, ähnlich Kipphardt, im Halbschlafzustand zu verbleiben, um das Geträumte, unvermischt mit Tagesgedanken, aufschreiben zu können. Des Öfteren habe ich die Träume erst Stunden, manchmal Tage später aus der Erinnerung aufgezeichnet, da mir das bildhafte, klar eingeprägte Geschehen anschaulich vor Augen stand. Deshalb zögere ich, Kipphardts Begriff der Traumprotokolle zu verwenden. Denn meine Aufzeichnungen sind keine Protokolle, die festhalten, was gerade geschieht, sondern Gedächtnisprotokolle. Vermutlich entstanden Heinar Kipphardts 158 ausgewählte „Traumprotokolle“ etwas anders. Sie beruhen auf seiner Fähigkeit, sich gleichsam im „halbwachen Zustande“, wie er schreibt, einige Zeit im Schwebezustand des Noch-Schlafens und Schon-Erwachens zu halten. Vermutlich vermochte er durch diese Protokolltechnik das Traumgeschehen in komplexen Vorgänge von längerer Dauer festzuhalten; zum anderen trägt seine dramatische Begabung dazu bei, sie weiterzuentwickeln. In Kipphardts „Traumprotokollen“ aus der Zeit vom November 1978 bis Juli 1981 verblüffte mich, wie sich darin – trotz anderen Geschehens unter verschiedenartigen zeitgeschichtlichen Umständen – viele Ähnlichkeiten zu meiner eigenen Traumarbeit zeigen. Diese ist ebenso „Erinnerungsarbeit, die auf verlorene Möglichkeiten hinweist“, wie Kipphardt feststellt. Die Erinnerungsarbeit der Träume nutzt eindrucksvoll ein weiterer Autor, Emil Szittya, in dem Buch „Träume aus dem Krieg“ von 1963 zur ergänzenden Geschichtsdarstellung. Szittya sagte, er „verfolgte den geheimen Zweck, zu erfahren, was diese Menschen vom Krieg und von der Résistance dachten, während sie schliefen. Und die Bilder, die ich gesammelt habe, ergeben einen Kriegsroman neuer Art“. In dieses literarische Genre gehört auch das von Steffen Mensching 2001 herausgegebene „Traumbuch des Exils“ von Rudolf Leonhard „In derselben Nacht“. Mit seinen Traumnotizen, die der Schriftsteller zu Papier brachte, gelang es ihm, psychisch über die Zeit seines Exils zu kommen. Einen anderen Weg schlägt Hermann Kasack mit seinem Roman „Die Stadt hinter dem Strom“ ein, entstanden zwischen 1942 und 1947, in welchem er künstlerisch die Ebenen verschränkt und den literarischen Text offenbar aus Traumnotizen konstituiert.

Dem Arsenal künstlerischer Techniken bietet meine Traumsammlung, in welcher komödiantische wie tragische Aspekte des Lebens Gestalt annehmen, eine vielschichtige Metaphorik. Ahnungen von Glücksmomenten, von Krankheit und Tod und der Hoffnung, es gelänge, wie im Traum vom 08.01.2011, die Angst vor der Krebserkrankung mit leichter Hand so fortzuschieben wie die mich im Traum einpanzernde Eisscholle. Es sind authentische Träume, die ich in Tagebüchern festgehalten habe und deren Notierungen, nur geringfügig stilistisch bearbeitet, sozusagen real wiedergebe und deren Handlung keinesfalls weiter ausführe oder verkürze. In die Auswahl nicht aufgenommen wurden eher nichtssagende, vielleicht nur witzige Traumsequenzen, wie die von einer Jugendstilwindmühle oder diese im Personenzug kurz vor Gotha: „Ich nicke kurz ein und träume, ein Löffel wächst mir aus dem Ohr“. Geträumte Absurditäten in die Auswahl zu übernehmen, verwarf ich, wenn mir diese keinen metaphorischen Sinn erkennen ließen. Bei der vollständigen Durchsicht meiner Tagebücher mussten einige wenige Träume des schon publizierten Traumheftes anhand der Originalquelle einer geringen Revision zur Originalformulierung unterzogen werden. Außerdem ergänzte ich die Auswahl mit bisher ausgelassenen Träumen, die zu veröffentlichen ich mich damals scheute. Die vollständige Erfassung erbrachte Träume aus allen Lebensbereichen. Die erotischen Träume überwiegen, dann dominieren die politischen, in denen der abwertende Umgang mit der DDR und ihrer Kunst und Wissenschaft der Kritik unterworfen (347) und die eigene Persönlichkeit behauptet wird. Wissenschaftliche Träume reflektieren die Qual und Lust, in rationaler Schärfe Phänomene terminologisch zu erfassen (76), vor allem in der Forschung zur mythologischen Kunst (205; 251). Dazu gehören gedankliche „Operationen“ und detaillierte mechanische Vorgänge (355) in mikroskopischer Sicht (313). In einigen Träumen verhalte ich mich zu Tieren, die manchmal für Menschen stehen, ambivalent (356).

Dieses Traumheft soll den Korpus meiner gesamten Träume bis in die Gegenwart umfassen. Dazu interessierte mich, seit wann es in meinen Unterlagen Traumaufzeichnungen gibt. Sämtliche Tagebücher, die ich seit 1956, also meinem 12. Lebensjahr, geführt habe, wurden dazu von mir gesichtet. Wie ihr Name nahelegt, zeichneten sie über lange Jahre Ereignisse des Tages auf. Nächtliches erwähnte ich erstmals 1960 („Nach einer schönen Nacht“, gleichbedeutend mit „gut geschlafen“) und 1962 Tagträume („Liege auf dem Sofa und penne, träume, höre Radio“). 1964 fragte ich mich: „Wie ist es möglich, daß man aus dem Schlaf auffährt und plötzlich, ohne zu überlegen, diesen Satz formuliert ‚Der Prunk ist da, wo er am meisten gebraucht wird‘?“ Vielleicht entsprach es einem alters- und zeitgebundenem Rationalismus, das Tageslicht der Vernunft und die Skepsis gegenüber Unbedachtem überzubetonen. Geträumtes, das es natürlich gegeben hat, wurde deshalb nicht für wichtig genug erachtet, es festzuhalten. Zum anderen hätte es mich geniert, bestimmte Träume aufzuschreiben, wie jenen Traum in jugendlichen Jahren, den ich immer noch weiß und dessen sexuelles Initiationserlebnis mir damals so real erschien, dass ich das Erlebte vor mir selbst für Wirklichkeit hätte ausgeben können und heute immer noch scheue zuzugeben, wer die Partnerin war. Eine Ahnung, wie aus dem Schoß der Nacht Vorgriffe geboren werden können, kam auf, als ich eines Morgens noch im Schlaf bei den Wohnungsnachbarn das Telefon klingeln hörte und sofort spürte, dass da – wir hatten selbst kein Telefon – sicher Manfred Paul anruft. Deshalb überraschte mich nicht der Ruf von Frau Knauf über den Hof: „Peter, dein Freund!“

Den ersten Traum notierte ich am 29. August 1969 am Beginn meines großen Schulpraktikums in Gotha: „Ich träumte von einer etwas über 16-jährigen Schülerin, die sich in mich verliebt hat und die ich dann auch heirate. Träumerei – Spinnerei, ja! Doch vielleicht verbirgt sich etwas dahinter?“ Träumen erschien mir immer noch mehr als ein suspekter Vorgang, der mir jedenfalls einen gewissen Respekt abforderte. Das hing mit der Sehnsucht nach Partnerschaft zusammen, über die ich davor notierte: „In mir war schon in Halle ein untergründiges Gefühl, daß Gotha irgend eine Entscheidung bringt, daß ich hier ‚mein Glück finde‘.“ Und tatsächlich lernte ich etwas später, am 10. September, im Zeichenzirkel das achtzehnjährige Hobbymodell Christine (Tina) kennen, eine zahnärztliche Helferin und künftige stomatologische Fachschwester, meine spätere Frau, mit der ich die Tochter Solveig und den Sohn Kristian habe. Da ich Christine vor dem Traum noch nicht gesehen hatte, konnte er sich nicht auf eine Begegnung mit ihr beziehen. Andere Begegnungen und Tagesreste gab es, die zusammen mit meiner Hoffnung, mein Glück zu finden, in den Traum geradewegs einflossen: „Nette Mädchen gibt es hier, aber ich muß erst einmal Vorsicht walten lassen, es könnte ja eine künftige Schülerin sein, und das wäre peinlich.“ Offenbar habe ich in dieser Zeit ebenso meine Träume peinlich gefunden, denn weitere zeichnete ich selten und ohne Einzelheiten auf. Den Grund dafür nennt eine Eintragung vom Sommer 1980, die den freudschen Gedanken reflektiert, Träume entlarven Unterbewusstes: „Nur gut, daß kein Zwang besteht, den Inhalt von Träumen mitteilen zu müssen. Tausende unmoralische Traumtaten bleiben somit unerkannt, schieben sich nicht als verräterischer Film über die Stirn. Bestünde der Zwang, wäre das Kainsmal nicht zu vermeiden. Und wenn ich es erzähle, betrachtet man mich vielleicht mit FREUD-vollem Blick.“ Dieses Durchschautwerden muss allerdings zuerst beim Aufschreiben von Träumen gegenüber einem selbst, doch besonders bei ihrer Offenlegung, wie in diesem Buch, gegenüber fremden Blicken in Kauf genommen werden. Meine diesbezügliche Scheu überwand ich, und die ziemlich regelmäßigen Traumaufzeichnungen über fünf Jahrzehnte begannen. Nach annalistischem Prinzip werden sie in zeitlicher Abfolge wiedergegeben und lassen an- und abschwellende Phasen erkennen. Mit Neugier, Lust und Entsetzen notierte ich fast zwanghaft die Träume, ohne den eigentlichen Grund und Antrieb dafür zu kennen, bestenfalls zu ahnen. Klar war, dass Träume keine dokumentarischen Widerspiegelungen sind, sondern bildhaftes Zeigen. Wie sich der Mensch im Traum verhält, steht oft gegensätzlich zu seinem Charakter. Dialektisch hängen zusammen: der bewusste innere Halt, der sich im äußeren Verhalten zeigt und im Traum umgeworfen wird und gebremstes Verhalten übermäßig frei werden lässt. Einigen Aufschluss erhält man in der „Traumdeutung“ Sigmund Freuds, der freilich auch bekennt: „Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von den Intimitäten meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr eröffnete, als mir lieb sein konnte und als sonst einem Autor, der nicht Poet, sondern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt. Das war peinlich, aber unvermeidlich (…)“ Und er gab zu, dass seine Versuche, „durch Auslassungen und Ersetzungen manchen Indiskretionen die Spitze abzubrechen, (…) dem Werte der (…) verwendeten Beispiele zum entschiedensten Nachteile (gereichte)“. Daraus folgt für denjenigen, der sich umgekehrt wie Sigmund Freud nicht als Naturforscher versteht, sondern als Kunstwissenschaftler und Poet, der Zwang zur unbedingten Offenheit, selbst auf den Verdacht eines exhibitionistisch und narzisstisch wirkendem Outings. Der abgrundtiefe Traum überwindet das Schamgeschütztsein der sexuellen Fantasie. Zwar mag manchem das Fremdgehen als ein Sinnbild kreativer Neugier erscheinen. Aber solche Träume häufen sich in einer Ehekrise, in der Zerrissenheit zwischen zwei geliebten Frauen, vor allem wenn ihr jene zwischen zwei Männern gegenübersteht. Da bedrängten mich morallose Bildszenen, die ich eifersüchtig, abgestoßen und gedemütigt sah, deren verachtenswerte Handlungsweisen in mir eine quälende Empfindung hervorgerufen haben, so dass ich diese Träume beschämt und ungern festhielt, nur dem Zwang der Ehrlichkeit folgend. Macht man sich strafbar, eigene Handlungen, die man geträumt, aber nicht in der Wirklichkeit begangen hat, aufzuschreiben? Alles, was verborgen ist, wird offenbar. Im „Requiem“ wird gemahnt: Nichts wird unvergolten zurückbleiben. – Wen werde ich bitten können, mein Patron zu sein und zu bedenken: Nicht Unmoral oder Untreue ziehen herunter, Bedürfnisse brechen auf.

Ein Freund aus älterer Generation riet mir inständig, die Publikation der Träume zu unterlassen. Er bemängelte die fast pornografische Darstellung sexueller Ereignisse. Damit machte ich mir keinen Gefallen. Alle Welt schätze meine treue Verlässlichkeit und vermute kein Arg an mir, doch nun zeigen mich die Träume in völlig anderer Wesensart und drückten somit meinen Ruf herab.

Meine Frau wunderte sich über die sexuellen Träume ihres Mannes und ihre Häufigkeit, ohne dabei eifersüchtig und neidisch zu sein, und erhob keinen Einwand, sie zu veröffentlichen.

Das Verlangen, „den Traum, in seiner völligen Enthülltheit geschaut zu haben“, könnte mit dem Dichter Stéphane Mallarmé als „Frevel“ zurückgewiesen werden. Das schmerzhafte peinliche Nacktmachen der eigenen Seele muss freilich als unabdingbarer Preis der Annäherung an die Wahrheit betrachtet werden. Meine Träume mit unbedingter Ehrlichkeit, die andere für dümmlich-naiv halten mögen, aufgezeichnet zu haben, mag als ein gewisses Verdienst gelten. Des Weiteren kann ich wohl auch die Leistung des träumenden Ichs für mich veranschlagen, ohne aber vollständig die Verantwortung für Sex und Horror in meinen Träumen, für politisch Inkorrektes oder für pädagogisch Fragwürdiges übernehmen zu müssen. Der Traum ist ein „Raum für Verantwortungslosigkeit“, wie es das Theater für Frank Castorf ist, in dem es darum geht, „Bilder zu schaffen ohne Scham, ohne Übergänge, ohne Rücksicht, ohne Logik, ohne die Trugschlüsse der Vernunft“ (2014).

Bei der Traumnotierung war die Schwierigkeit zu meistern, die Geschehnisse und Dinge für den Leser einerseits nachvollziehbar zu erzählen und zu beschreiben, dabei andererseits das Moment des Changierens von einem Motiv ins andere, ihre vereinte Ungleichzeitigkeit zu bewahren und die Übergänge von einer Handlung zur anderen nicht abzukürzen. Der konzentrierte Sinn (die Fabel) soll inmitten der Handlungsstränge aufblitzen, ohne die sich streuende Deutungsvielfalt zu verlieren, ohne die Träume von inneren Widersprüchen zu reinigen und ohne sie zu deuten. Wenn man das „Konglomerat“ des Traumes nach Sigmund Freud in die „zusammengelöteten“ Einzelheiten zerlegt und ikonografisch interpretiert, wird die Synthese zerstört und das Singen der Sirenen zum Schweigen gebracht. Denn nach Max Ernst lässt der Traum die Sirenen singen oder bringt nach Franzisco Goya den Schlaf der Vernunft, gebiert Monster. Diesen Gegensatz stellte Klaus Hammer dem von ihm herausgegebenen Buch „Labyrinthe“ voran, in welchem – wie er sagt – „die Denk-, Gefühls- und Bildräume des Traums in ihrer verwirrenden Widersprüchlichkeit und Formenvielfalt zu einem Labyrinth verschmolzen (sind)“. Die Anthologie, 1991 erschienen, doch mir erst zwanzig Jahre später vor Augen gekommen, vereint zahlreiche bekannte Schriftsteller aus der vormaligen DDR, denen es in einer Krisenzeit mit literarischen Träumen gelingt, „das Uneingestandene und Unterdrückte, das Unerfüllte und Unbewältigte, gleichsam das nichtgelebte Leben (vorzulegen)“ (Klaus Hammer). Manche begaben sich wegen grundsätzlicher Einwände nicht auf diese Textsorte, weil sie erklärlicherweise nicht mit ihrem Realismus-Verständnis im Einklang stand. Die Anthologie-Stücke stehen in der Nachfolge von Franz Kafka, Hermann Kasack, Günter Kunert. Ermüdet haben mich diejenigen „literarischen Träume“, die spüren ließen, wie Situationen ständig unerwartet umgekrempelt wurden und mit willkürlicher Fantasie überraschen sollten, ohne Sinnblitze zu senden. Andere Schriftsteller nahmen nicht teil, denn „seien die Träume wahr“, gehörten sie – nach ihrer Meinung, „nicht an die Öffentlichkeit“. Wobei dieser Einwand der Auffassung von Wahrheit in der Kunst glatt entgegensteht, welche ebenso „literarischen Träumen“ vorschwebt.

Da gibt es Berührungen zur vorliegenden Sammlung „Traumläufe“, die mit tatsächlichen, nicht ersonnenen Träumen etwas literarisch erzählt. Manchen mögen sie ein Material für ein wissenschaftliches Verständnis der Traumvorgänge sein, woran sie ihre psychoanalytische Sicht erproben können. Mancher Psychologe kann mit Augurenblick meine Träume als Sinnbilder unbewusster Motive, Sehnsüchte, Wünsche und sexueller Begierden lesen. Dabei scheint ein Missbrauch der Traumpublikation nicht ausgeschlossen. Das macht jenes Notat bewusst, wo die Traumsammlung der Gier an solcher Bloßstellung ein Drehbuch verschaffen könnte (361). Die Textsammlung enthält alle Lebensbegierden und Ängste, sich in geschlossenen Räumen aufhalten zu müssen, und vor Krankheit und Tod; sie münden in die Wut, sich selbst zu behaupten. Deshalb scheint mir gewiss, dieser „Lebensroman in Träumen“ vermag den poetischen Sinn der Leser anzusprechen, mit dem er die abwechslungsreichen Traumerzählungen, ob distanzierend, ob identifizierend, individuell für sich erschließt. Beispringend könnte sein, dass die Traum-Miniaturen oft den Kurzgeschichten gleichen, in denen sich eine Fabel verbirgt, die Anna Seghers bei einer Geschichte für unerlässlich hielt und die sich in Franz Fühmanns „Dreizehn Träumen“ (1983) finden.