Trials and Tragedies - Christine Möhle - E-Book

Trials and Tragedies E-Book

Christine Möhle

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Beschreibung

This book attempts to shed some light on Phil Ochs' activities during the historically rather important year of 1968. The essays deal with his performance at the Burg Waldeck festival, the events during the Democratic National Convention in Chicago and his album Rehearsals for Retirement. In addition to photographs, newspaper articles and facsimiles, it also contains interviews given by Phil Ochs during his tour of Germany and Denmark. Dieses Buch versucht einige von Phil Ochs' Aktivitäten während des geschichtlich so bedeutenden Jahres 1968 näher zu beleuchten. Die Beiträge befassen sich mit seinem Auftritt auf dem Burg Waldeck Festival, den Ereignissen während des Parteitages der Demokraten in Chicago und seinem Album Rehearsals for Retirement. Neben Fotos, Zeitungsartikeln und Faksimiles enthält es außerdem Interviews, die Phil Ochs während seiner Tour in Deutschland und Dänemark gegeben hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Christine Möhle

Trials and Tragedies

Phil Ochs and his Rehearsals for Retirement

Mit Beiträgen von:

Christine Möhle

Kasper Nijsen

Huw Spink

2017

Trials and Tragedies: Phil Ochs and his Rehearsals

for Retirement / Christine Möhle

Umschlag: Phil Ochs, Juni 1968, Burg Waldeck Festival

unter Verwendung eines Fotos von Lothar Schiffler

Fotos: Lothar Schiffler, München und Jay Cassidy,

University of Michigan Library Digital Collections / Michigan Daily

Alumni Photographers

Zeichnungen: Lindsay Mercer

Illustrationen/Faksimiles: Burg Waldeck Archiv, bearbeitet von Winfried Arndt

Übersetzung aus dem Deutschen: Maria Diaz-Pinés und Doris Harries

Übersetzung aus dem Dänischen: Xenia Wieth

© 2017 Christine Möhle,

für namentlich gezeichnete Beiträge bei den Autoren

Herstellung und Verlag

Tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-7439-3963-9 (Paperback)

ISBN: 978-3-7439-3964-6 (Hardcover)

ISBN: 978-3-7439-3965-3 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

My responsibilities are done let them come let them come

and I realize these last days these trials and tragedies

were after all only

our rehearsals for retirement.

(Phil Ochs)

Für Markus und Tobias

Inhalt / Contents

Vorwort und Danksagung / Foreword and Acknowledgements

The revolution catches up with the revolution of the songmakers ‒ Phil Ochs auf dem Burg Waldeck Festival / Phil Ochs at the Burg Waldeck Festival von / by Christine Möhle

Übersetzung / Translation: Maria Diaz-Pinés

The times have radicalism in the air Gespräch mit Phil Ochs / Interview with Phil Ochs

Übersetzung / Translation: Doris Harries

Demonstrations are more important than you think ‒ so keep on / Demonstrationere betyder mere end I tror ‒ så | må blive ved

Übersetzung / Translation: Xenia Wieth

Konzerte in Europa 1968 / Concerts in Europe 1968

William Butler Yeats visits Lincoln Park by Christine Möhle

Where were you in Chicago

Phil Ochs in Chicago

Chronology of Events

Phil Ochs: Rehearsals for Retirement by Kasper Nijsen

Farewell to the Muse: Phil Ochs' Rehearsals for Retirement

by Huw Spink

Literaturhinweise / Bibliographical References

Bildnachweis / Picture credits

Vorwort und Danksagung

1968 war ein bewegtes Jahr. Für Phil Ochs war es ein entscheidendes, geprägt durch eine Vielzahl von Unternehmungen. Bereits 1967 hatte er zwei Demonstrationen gegen den Krieg in Vietnam organisiert und er setzte seine künstlerischen und politischen Aktivitäten im Jahr 1968 fort. Er war beteiligt an der Gründung der Yippies und sang für Senator Eugene McCarthy in dessen Wahlkampf. Zudem veröffentlichte er im Sommer ein neues Album, Tape from California, trat in unzähligen Konzerten auf und startete eine Tour durch Deutschland und Skandinavien im Juni. Im August war er einer der wenigen Künstler, der die Proteste während des Parteitages der Demokraten in Chicago unterstützte. Das Ergebnis des Parteitages, auf dem Vizepräsident Hubert Humphrey zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten nominiert wurde, wie auch die exzessive Polizeigewalt während des Parteitages, ließen Phil Ochs desillusioniert und deprimiert zurück. Hatte er vor Chicago noch von einer Hoffnung der Verzweiflung gesprochen, dass das politische System in den USA fähig zur Reform sei, hatte diese Hoffnung sich für ihn weitgehend zerschmettert, wozu die Nominierung Richard Nixons auf Seiten der Republikaner sicherlich beitrug. Dennoch ‒ oder vielleicht besser ‒ trotzdem, veröffentlichte er im folgenden Jahr sein zornigstes, traurigstes und, ja auch zärtlichstes, Album ‒ Rehearsals for Retirement.

Dieses Buch versucht einige von Phil Ochs‘ Aktivitäten während dieses Jahres näher zu beleuchten: seine Auftritte auf dem Burg Waldeck Festival, seine Tour in Skandinavien und Deutschland, die Ereignisse in Chicago und sein Album Rehearsals for Retirement.

Ich möchte allen danken, die mir bei diesem Buch in vielfältiger Weise geholfen haben. Mein Dank gilt vor allem Peer Krolle, Leiter des Waldeck-Archivs, für seine großzügige Unterstützung und für seine mit mir geteilten Erinnerungen an Phil Ochs. Ihm und Jürgen Behling vielen Dank für einen inspirierenden Tag auf der Waldeck.

Ferner möchte ich Lothar Schiffler und der Michigan University Library danken für die Copyright-Erlaubnis der Fotos. Mein Dank gilt außerdem Winfried Arndt für viele hilfreiche Gespräche und seine Unterstützung bei der Aufbereitung alter Zeitungsartikel und Fotos.

Nicht zuletzt möchte ich Maria Diaz-Pinés, Doris Harries und Xenia Wieth für ihre Übersetzungen danken. Ohne Marias Hilfe hätte ich es außerdem nie geschafft, aus einer Vielzahl von Dateien ein Buch zu gestalten. Danke Lindsay Mercer für deine Zeichnungen von Phil. Mein Dank gilt natürlich besonders Kasper Nijsen und Huw Spink für ihre Beiträge. Huw hat darüber hinaus viele Artikel gegengelesen und wertvolle Tipps gegeben.

Und vor allem gilt mein Dank meinem Mann und meinem Sohn, die geduldig dieses Projekt begleitet haben.

Foreword and Acknowledgements

1968 was an eventful year. For Phil Ochs it was crucial and marked by a variety of activities. As early as 1967 he had organized two demonstrations against the war in Vietnam and he continued his artistic and political activities in 1968. He was involved in the founding of the Yippies and sang for Senator Eugene McCarthy in his election campaign. He also released a new album in the summer, Tape from California, performed in countless concerts and started a tour of Germany and Scandinavia in June. In August, he was one of the few artists who supported the protests during the Democratic National Convention in Chicago. The result of the Convention, with its nomination of Vice President Hubert Humphrey as Democratic candidate for the presidential election, as well as the excessive police force during the Convention, left Phil Ochs disillusioned and depressed. If before Chicago he had still spoken of a hope of despair that the political system in the US was capable of reform, largely this hope of his was shattered, in part certainly due to the Republican’s nomination of Richard Nixon. Still – or perhaps more accurately – in spite of, he was able to release his angriest, saddest and indeed also his most tender album – Rehearsals for Retirement.

This book attempts to shed some light on several of Phil Ochs' activities during this year: his performances at the Burg Waldeck Festival, his tour of Scandinavia and Germany, the events in Chicago and his album Rehearsals for Retirement.

I would like to thank all those who in many different ways helped me with this book. My thanks go to Peer Krolle, director of the Waldeck Archive, for his generous support and for sharing his memories of Phil Ochs with me. Thanks to him and Jürgen Behling for an inspiring day on the Waldeck.

I would also like to thank Lothar Schiffler and the Michigan University Library for copyright permission of the photos. My thanks also go to Winfried Arndt for many helpful conversations and his assistance with the preparation and processing of old newspaper articles and photos.

Last but not least, I would like to thank Maria Diaz-Pinés, Doris Harries and Xenia Wieth for their translations. Maria also helped me create and design a book from a variety of files. Thank you Lindsay Mercer for your drawings of Phil. My special thanks, of course, go to Kasper Nijsen and Huw Spink for their contributions. In addition Huw also checked through many articles and gave valuable tips.

And above all, I wish to thank my husband and my son, who patiently accompanied this project.

“The Revolution catches up with the revolution of the songmakers” ‒ Phil Ochs auf dem Burg Waldeck Festival

Als Phil Ochs Anfang Juni 1968 die USA für eine Konzertreise in Europa verließ, ließ er ein Land hinter sich zurück, von dem er Monate später in einem Interview sagte: “I was in Los Angeles when Kennedy was shot and the next day was on a plane for Copenhagen for a series of concerts in Europe. I thought America had gone mad.“ 1 An dem Tag, an dem Senator Robert F. Kennedy, jüngerer Bruder John F. Kennedys und vielversprechender Präsidentschaftskandidat der Demokraten, seinen Verletzungen erlag, stand Phil Ochs bereits auf einer Bühne in Lund, Schweden.

Vielleicht erinnerte ihn dieses Konzert an einen Auftritt zwei Monate zuvor in Chicago, als er am Tag nach der Ermordung Martin Luther Kings in der dortigen Orchestra Hall ein Konzert gab, “ill, but on with show“ 2 und am Ende seines Auftrittes Crucifixion sang, sein Lied über die Massen, die ihre Helden erst verehren, um sie dann zu ermorden und später zu einem Mythos zu verklären.

Auf jeden Fall sang er es eine Woche später bei seinen Auftritten während des Burg Waldeck Festivals und höchstwahrscheinlich auch während seines Auftrittes an der Universität von Lund.

Um in die kleine, beschauliche Universitätsstadt im Süden Schwedens zu gelangen, hatte Ochs einen Direktflug von Los Angeles nach Kopenhagen nehmen müssen, und von dort aus ein kleineres Flugzeug nach Malmö in Schweden. Die Strecke von Malmö nach Lund beträgt dann nur noch gut 20 km. Phil reiste, zumindest anfangs, in Begleitung seines Bruders und Managers, Michael Ochs. 3 Im Gepäck hatte er die brandneue Pressung seines gerade fertiggestellten fünften Albums Tape fromCalifornia.4

Phils Auftritt an der Universität von Lund war der erste einer kleinen Tournee, die ihn außer nach Schweden noch in die norwegischen und dänischen Hauptstädte Oslo und Kopenhagen sowie in mehrere deutsche Städte führen sollte.

Vermutlich war diese Tour für Phil Ochs eine willkommene Gelegenheit, seinem „verrückt gewordenen“ Land für eine Weile den Rücken zu kehren. Er hatte in verschiedenen Interviews in den letzten Monaten wiederholt verkündet, dass er über Auswanderung nachdächte. Auch in seinen Interviews in Schweden und Dänemark sprach er von der Möglichkeit einer Auswanderung nach Kanada oder ein Land “somewhere in Europe” 5 und sah explizit diese Tournee als eine Möglichkeit, neue Eindrücke zu gewinnen “and get a feel of how America looks from over there. And then I'll make a decision one way or the other.” 6

Gleichzeitig sah er natürlich die Möglichkeit, seine neuen Lieder einem interessierten Publikum in Europa vorzustellen. 7

Ochs Auftritte in Skandinavien fanden ein positives Echo in der dortigen Presse, die über ihn und seine Konzerte in mehreren Artikeln berichtete. 8 In einem Interview, das mit ihm während des Festivals auf der Waldeck geführt wurde, äußerte er sich erfreut über den positiven Verlauf seiner Europa-Reise und über die Möglichkeit, im schwedischen Fernsehen aufzutreten, etwas, das ihm „in den USA verwehrt“ werde. Ihn begeisterte die noch überall greifbare revolutionäre Stimmung, die er in den USA zunehmend vermisste und die ihn an die Zeit der Bürgerrechtsbewegung 1963 erinnerte. 9

Nach einem letzten Konzert in Schweden reiste Phil Ochs weiter zum Burg Waldeck Festival in den Hunsrück.

Man kann nur erahnen, was er von der idyllischen Abgeschiedenheit gehalten und wie er überhaupt dorthin gefunden hat ‒ empfohlen worden war ihm jedenfalls von Rolf Gekeler ein Flug nach Frankfurt. Aber im Grunde verwundert es kaum, dass Phil gerade an diesem Festival teilnahm, das das politischste in der Geschichte der Waldeck Festivals werden sollte, trotz des reichlich belanglosen Mottos „Lied 68“. Es war ein hochpolitisches Jahr, auch in Deutschland, und es erscheint fast logisch, dass Phil Ochs mit dabei war.

Die Burg Waldeck Festivals haben ihren Namen von einer mitten im Hunsrück, idyllisch im Baybachtal gelegenen Ruine: der Waldeck. Ihre abgeschiedene Lage ‒ die nächste größere Stadt, Koblenz, ist immerhin rund 45 km entfernt ‒ prädestiniert sie nicht unbedingt für die Abhaltung von Musikveranstaltungen. Und dennoch fanden hier in den 1960er Jahren sechs Festivals statt, die der Waldeck den Ruf eines deutschen Newports eintrugen.

Trägerverein und Ausrichter der Festivals war die Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW), die aus dem linksliberalen Flügel des Nerother Wandervogels und Akteuren verschiedener deutscher Jungenschaften entstanden war. Dem bunten Treiben auf der Waldeck misstrauisch bis feindselig gegenüber stand der konservativ-autoritär ausgerichtete Flügel der Nerother. 10

Der Nerother Wandervogel11 ‒ unter der Führung der Zwillinge Robert und Karl Oelbermann ‒ hatte 1920 die Burgruine für sich entdeckt. Im Laufe der Jahre wurde Land aufgekauft und bewirtschaftet, erste Hütten gebaut, Fahrten auch in ferne Länder unternommen und ganz allgemein dem Ideal einer gesunden, heimatverbundenen und zukunftsfrohen Jugend gehuldigt. Die Struktur der Nerother war dabei streng hierarchisch und wenn Robert Oelbermann von der Burg als „... Quell reinen, kraftvollen jugendlichen Lebens...“ 12 sprach, kann „Jugend“ getrost durch „junge Männer“ ersetzt werden, Frauen wurden bereits Anfang der 20er Jahre aus dem Nerother Wandervogel ausgeschlossen.

1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wurde der Nerother Wandervogel verboten, ihre Mitglieder verfolgt, die Burg überfallen und beschlagnahmt. Ein Nachfolgeverein, nun unter dem Namen Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW), musste sich 1935 auf Druck der Nazis ebenfalls auflösen, wurde aber nach dem Krieg wieder ins Leben gerufen. Er setzte sich zusammen aus ehemaligen Mitgliedern des Nerother Wandervogels, dem sich in den 50er Jahren diverse jungenschaftliche Gruppierungen anschlossen. Karl Oelbermann ‒ sein Bruder Robert war 1941 im KZ Dachau ums Leben gekommen ‒ in den ersten Jahren noch Vorsitzender der ABW, brach bald schon mit ihr und gründete Anfang der 50er Jahre den Nerother Wandervogel neu. Zu unterschiedlich waren wohl die jeweiligen ideologischen, politisch-kulturellen Ansichten. 13

Oelbermann stritt fortan um den alleinigen Besitzanspruch an Burg und Ländereien und verlangte, auch gerichtlich, eine zwangsweise Auflösung der ABW. Erst 1978 konnte der Rechtsstreit endgültig zugunsten der Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck entschieden werden. Diese Streitigkeiten sollten auch Auswirkungen auf die Festivals haben, denn einige Mitglieder der Nerother scheuten später auch vor Sabotageakten nicht zurück.

Die Vorbereitungen für das erste Waldeck Festival begannen bereits 1963.14 Die Initiative ging dabei von einem Studentischen Arbeitskreis innerhalb der ABW aus, der allerdings der Zustimmung des Ältestenrates der ABW bedurfte und auch fand. Den harten Kern innerhalb dieses Arbeitskreises bildeten Diethart Kerbs, Peter Rohland, Jürgen Kahle und Rolf Gekeler. Die interne Aufgabenverteilung sah vor, dass Peter Rohland die Kontakte zu Künstlern herstellen und ein Programm entwickeln sollte. Rolf Gekeler war für die Pressearbeit und die Betreuung der auftretenden Künstler zuständig, Diethart Kerbs sollte die Pressetexte ausarbeiten sowie den ideologischen und politischen Rahmen setzen. Für die technische und organisatorische Durchführung war Jürgen Kahle zuständig. 15

Alle diese Arbeiten wurden ehrenamtlich geleistet und auch den Künstlern, die man einlud wurde zwar Kost und Logis zugesagt, aber keinerlei Gage gezahlt, ein Konzept, das übrigens bis zum letzten Festival 1969 beibehalten wurde.

Die ersten drei Festivals standen unter dem Motto „Chanson Folklore International“. Wenn das erste, für Pfingsten 1964 geplante Festival auch noch mit dem Zusatz „Junge Europäer singen“ versehen wurde, spiegelt der Titel doch ausgezeichnet die Traditionen wieder, auf die sich die Initiatoren mit ihrem Festival beriefen. Man wollte fast vergessenes deutschsprachiges, demokratisches und sozialrevolutionäres Liedgut wiederbeleben, aber auch jiddische Folklore, französische Chansons und Strömungen britischer, aber vor allem auch US-Amerikanischer Folk-und Protestsongs aufgreifen und einem interessierten Publikum vorstellen. Eingeladen werden sollten Gruppen und Sänger aus Europa ‒ wobei hier ausdrücklich auch der sogenannte Ostblock mit einbezogen wurde ‒, Israel und den USA. Inspirierend und begeisternd wirkten dabei die Ereignisse und Entwicklungen in den USA, vor allem das Festival in Newport 1963 sowie das von Berkeley ausgehende Free Speech Movement. 16

Nach einer Planungszeit von fast einem Jahr fand das erste Festival schließlich an Pfingsten 1964, zwischen Freitag, den 15. und Donnerstag, den 21. Mai statt.

Die Anzahl der auftretenden Künstler war überschaubar und auch der Besucherandrang hielt sich mit rund 400 Gästen noch in Grenzen. 17 Das war von den Organisatoren durchaus gewollt, man wollte Raum geben für Diskussionen und Erfahrungsaustausch und war keinesfalls interessiert an einem Musik nur wie eine beliebige Ware konsumierenden Publikum. 18 Zugleich wurde auch jetzt schon, wie Diethart Kerbs in seinem Grußwort deutlich machte, Wert darauf gelegt, „... die Waldeck zu dem zu machen, was sie schon immer war: zu einem Ort der größtmöglichsten Freiheit für den Andersdenkenden. […] Hier wollen wir […] offene Résistance für die Toleranz üben!“ 19

Bereits beim ersten Festival mit dabei waren deutsche Künstler wie Dieter Süverkrüp und die damals noch fast gänzlich unbekannten Liedermacher Franz-Josef Degenhardt und Reinhard Mey, die auf der Waldeck ihre ersten Erfolge mit ihren selbstkomponierten Liedern feierten. Hinzu kamen Musiker wie Peter Rohland, Hein und Oss Kröher, Colin Wilkie & Shirley Hart und John Pearse, die das Programm mit jiddischen Liedern, französischen Chansons, Vagantenliedern sowie britischen und amerikanischen Folksongs bereicherten.

Verschiedene deutsche Sender waren mit Übertragungswagen vor Ort und berichteten im Radio, und auch in den Printmedien fand das Festival, wenn auch in offensichtlich geringerem Maße, seinen Widerhall.

Auch das teilnehmende Publikum war durchaus im Sinne der Veranstalter: es waren überwiegend junge Leute unter 30, viele davon Studenten, aber auch aus der bündischen Jugend stammende Teilnehmer waren gekommen. Finanziell konnte sogar ‒ vor allem dank der ehrenamtlich geleisteten Arbeit ‒ ein kleiner Gewinn verbucht werden. 20