9,99 €
Umweltschutz – fast noch ein Fremdwort für die Hamburger Polizei, als Hauptkommissar Paul Trimmel mit »Mister Barfuß«, dem Mordopfer vom Müllplatz, zu tun bekommt. Trotzdem weiß Trimmel sofort, daß der Mord nicht das einzige Verbrechen ist, das er aufklären muß – denn auf der Kippe lagert hochgiftiger Industrieabfall, den eine Hamburger Firma eigentlich hätte vernichten müssen. Und als der Chef der Mordkommission sich der Lösung nahe glaubt, nimmt der Fall eine nicht nur für ihn überraschende Wende. Was heute in aller Munde ist, hat Friedhelm Werremeier schon vor Jahren zum Thema eines Kriminalromans gemacht: die vom Giftmüll bedrohte Umwelt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2017
rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.
Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.
Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire
Friedhelm Werremeier
Trimmel macht ein Faß auf
Ihr Verlagsname
Umweltschutz – fast noch ein Fremdwort für die Hamburger Polizei, als Hauptkommissar Paul Trimmel mit »Mister Barfuß«, dem Mordopfer vom Müllplatz, zu tun bekommt. Trotzdem weiß Trimmel sofort, daß der Mord nicht das einzige Verbrechen ist, das er aufklären muß – denn auf der Kippe lagert hochgiftiger Industrieabfall, den eine Hamburger Firma eigentlich hätte vernichten müssen. Und als der Chef der Mordkommission sich der Lösung nahe glaubt, nimmt der Fall eine nicht nur für ihn überraschende Wende.
Was heute in aller Munde ist, hat Friedhelm Werremeier schon vor Jahren zum Thema eines Kriminalromans gemacht: die vom Giftmüll bedrohte Umwelt.
Friedhelm Werremeier war viele Jahre Reporter mit einer Leidenschaft für komplizierte Kriminalfälle. Mit Sachbüchern, vor allem aber mit seinen Romanen um den Hamburger Kriminalhauptkommissar Paul Trimmel, den »deutschen Maigret«, hat er sich eine große Lesergemeinde erobert.
Für Karlheinz, der mich zu diesem Buch ermuntert hat, als über allen Kippen noch Ruh war
Der Totenkopf ist von Hand gemalt, einer nicht sehr geübten Hand, die gekreuzten Gebeine darunter sehen aus wie zwei Streichhölzer mit Zündköpfen an beiden Enden. Das Zeichen für Gift: in verwaschener, schmutziger Kalkfarbe auf zerbeultes, ehemals grünes Blech gemalt, auf alte Fässer, hundert- und vielleicht sogar tausendfach, Fässer mit Totenkopf und Gebeinen, soweit das Auge reicht.
»Schöne Sauerei!« sagt Trimmel. Seine Schuhe werden den Rest kriegen in diesem riesigen Misthaufen aus Kalk und Bauschutt und Blech.
Schöne Sauerei, in der Tat: Einer lehnt malerisch zwischen den Fässern, der hat erst gar keine Schuhe an. Tot liegt er da zwischen den Fässern, tot und erschossen.
»Wie heißt er?« fragt Trimmel.
Weiß man nicht, sagen sie ihm, denn die Brieftasche ist nicht da. Er sieht auch nicht aus wie einer, der zu Lebzeiten Visitenkarten verteilt hat.
»Wie lange tot?«
Na, jedenfalls schon eine ganze Weile, als die Kinder ihn fanden und als aufgeklärte Kinder ihrer Zeit sofort zum nächsten Telefon mit Notrufnummer liefen.
»Hier umgelegt?«
Also, das ist in höchstem Maße unwahrscheinlich, wenn’s auch noch nicht ganz sicher ist …
Trimmel nickt. Tote Männer auf Schuttkippen sind erfahrungsgemäß selten auf Schuttkippen gestorben. Neuerdings werden Schuttkippen zwar immer häufiger zu Friedhöfen umfunktioniert, aber immerhin, die Frage stellt sich, wer stirbt schon direkt am Rand seines Grabes?
Die Kippe liegt im Norden von Hamburg, am Rand eines Industriegeländes, nicht weit von der Bundesstraße 4 in der groben Richtung Kiel. Trimmels ganze Kerntruppe macht sich gemeinsam mit dem Meister die Schuhe und die Hosenbeine dreckig. Höffgen, Petersen und Laumen, dazu die Spurensicherer, die Fotografen, die Schutzpolizisten, die Neugierigen, die Cowboys und die Indianer.
»Kommt mal her«, sagt Trimmel zu den Cowboys und Indianern, »wie war das denn genau?« Natürlich ist er ein paar Schritte von der Leiche weggegangen; von hier aus kann man höchstens noch eine starre Hand sehen, wenn man genau hinsieht. Als die Kinder sich stumm und ratlos und ein bißchen verlegen ansehen, fragt Trimmel: »Wer ist denn euer Häuptling?«
»Ich!« sagt derjenige, der tatsächlich die längsten Federn hat.
»Hast du den Mann gefunden?«
»Nee, das war er da!« Einer, der ein bißchen wie ein verhärmter Zorro-Nachkömmling aussieht und bei diesem Spiel offensichtlich den Banditen abgeben sollte.
»Spielt ihr denn hier öfter?« fragt Trimmel und nickt dem kleinen Zorro zu.
Das Kind schüttelt den Kopf, aber der Häuptling nickt. Andere schütteln ebenfalls den Kopf, andere nicken. »Haben nicht immer alle Zeit!« erläutert der Häuptling. »Aber ich war gestern ganz genau hier!« Tapfer faßt er die Hand des toten Mannes ins Auge. »Sie können mir glauben, Herr Polizeipräsident, da hat der Mann hier noch nicht gesessen!«
Er hat wirklich gesessen gesagt; gut beobachtet, denkt Trimmel. Den Präsidenten aus Kindermund überhört er großzügig. Soll er den Bälgern – den Läusen, wie er sie nennt – allen Ernstes erklären, daß ein Kriminalpolizeihauptkommissar etwas weniger zu sagen hat?
Statt dessen fragt er den Jungen: »Der tote Mann hat wirklich gesessen?«
»Er war ja zugedeckt«, sagt der Junge mit entwaffnender Selbstverständlichkeit, »aber sitzen, das tut er ja jetzt noch!«
Als sich bei der Ständigen Mordkommission am Berliner Tor die Nachricht verbreitete, daß nicht nur eine Leiche gefunden, sondern daß sie auch noch von spielenden Kindern gefunden worden sei, wurden kurzfristig auch zwei WKPzen in Marsch gesetzt, zwei Kriminalbeamtinnen – eine Meisterin und eine Obermeisterin. Sie sind kaum auf der Kippe eingetroffen, als Trimmel auch schon nichts mehr zu sagen hat.
»Sie können die Kinder doch nicht so dicht bei der Leiche stehen lassen!« sagt die Obermeisterin halblaut, aber vorwurfsvoll.
Sie führt die lieben Kleinen fast hundert Meter seitwärts aus dem Bild und übernimmt dort mit ihrer Kollegin mit routinierter praktischer Kinderpsychologie die weitere Vernehmung; Trimmel kann froh sein, daß er überhaupt zuhören darf.
So erfährt er aus zweiter Hand, daß der Indianerhäuptling den Banditen offenbar nicht besonders gut leiden kann. Denn was sich da heute morgen abgespielt hat, war schon ganz schön eklig und gemein:
Der Bandit, etwas abseits von der Truppe, war sozusagen direkt auf die Leiche getreten. Sie war von Unbekannt mit einer alten grauen Zeltplane zugedeckt worden, und wenn jemand auch nur zwei Meter rechts oder links vorbeigegangen wäre, hätte er sie niemals gefunden.
Der Bandit seinerseits hatte zunächst alle Feindschaften fahrenlassen und dem Häuptling sofort die Entdeckung des toten Mannes gemeldet. Und der Häuptling ist gar nicht so feinfühlig, wie es die weibliche Polizei gern hätte. »Natürlich haben wir unter die Plane geguckt!« sagt er. »Der hatte ganz gebrochene Augen, das ist doch der Beweis dafür, daß einer richtig tot ist!«
Aber sonst, behauptet er, haben sie nichts verändert. Die Plane hat erst viel später die Polizei von der Leiche weggezogen, die Kriminalpolizei; sie liegt jetzt ein paar Meter daneben, und es gibt inzwischen bestimmt schon tausend Fotos von der Leiche mit und ohne Plane.
»Was habt ihr anschließend gemacht?« fragt die Obermeisterin.
Dann kommt’s heraus: Der Häuptling hatte sich gegen den Banditen, seinen Erzfeind, eine hundsgemeine Maßnahme ausgedacht. Der Bandit, befahl er, müsse Wache schieben, während er selbst als Häuptling gemeinsam mit allen Kriegern inzwischen die Polizei alarmieren würde.
»Warum fragen Sie nicht mal«, sagt Trimmel verärgert und mit Kopfweh vom Abend zuvor, »ob die Jungs nicht n Auto oder so was gesehen haben?«
»Habt ihr heute morgen vielleicht ein Auto gesehen?« fragt die Obermeisterin gehorsam.
Natürlich nicht. Und die Befragung der Kinder geht weiter wie gehabt.
Der kleine Bandit hatte offenbar Angst gehabt, dem in verrenkter sitzender Haltung an ein Faß gelehnten toten Mann, auch wenn er noch zugedeckt war, mutterseelenallein Gesellschaft zu leisten. Er war höchstens zwei Minuten dabeigeblieben und dann schleunigst – das gibt er ohne weiteres zu – hinter den anderen hergelaufen.
»Weil der sich so doof anstellte, sind wir dann alle zusammen dahinten auf die Straße gelaufen und haben in einem Tabakgeschäft Bescheid gesagt!« erläutert der Häuptling mit wichtiger Miene.
Und dann?
»Dann hat der Mann von seinem Laden aus die Polizei angerufen, und wir haben gemacht, daß wir schleunigst wieder wegkommen!« Oder auch wieder hinkommen, wie man’s nimmt.
»Wir wollten natürlich sehen, ob in der Zwischenzeit was mit dem toten Mann passiert war!« sagt plötzlich Zorro junior, der seine Hemmungen abgelegt und die Sprache wiedergefunden zu haben scheint.
»Halt du dich da raus!« sagt der kleine Häuptling giftig.
»Nun zankt euch mal nicht!« sagt die Obermeisterin. »Wie alt seid ihr denn eigentlich?«
Zorro ist zehn, der Häuptling ist elfeinhalb, die anderen liegen dazwischen. »Wir haben schon immer damit gerechnet, daß hier mal was passiert!« sagt einer von zehneinhalb. »Deshalb haben wir ja auch hier immer am liebsten gespielt!«
Wieder mischt Trimmel sich ein. »Warum denn?«
»Weil’s so schön unheimlich ist!« sagt das Kind. »Immer die Totenköpfe auf dem Blech …«
Und Zorro, der jüngste, der nun offenbar ganz auf der Höhe ist, sagt altklug wie einer, der am liebsten fernsieht, wenn’s die Mami verboten hat: »Als wir zurückkamen, hatte in der Zwischenzeit niemand was an der Leiche verändert!«
Er sieht richtig verschmitzt aus, denkt Trimmel; was hat er bloß mit seinen ständigen Leichenveränderungen? »Woher weißt du das denn so genau?«
»Weil ich ja der letzte war, bevor wir zurückkamen, und als wir zurückkamen, war ich der erste. Ich kann am schnellsten laufen!«
»Mußte mir gelegentlich mal vormachen!« sagt Trimmel freundschaftlich. Und da läuft das Kind dann tatsächlich los, mit einem Affenzahn, zwanzig Meter hin, zwanzig Meter zurück, und ist kaum aus der Puste!
»Prima!« lobt die Obermeisterin.
»Ja, nich?« sagt er. »Deshalb weiß ich auch, daß alles ganz genau so geblieben war!«
Hartnäckig, wie nur ein Zehnjähriger sein kann. Trimmel reicht’s für den Anfang; zwei Minuten lang war er amüsiert und abgelenkt gewesen, aber was zuviel ist, ist zuviel.
Einen Tick zu freundlich wendet er sich an die beiden Kolleginnen: »Haben Sie keine Bonbons dabei?«
»Wieso das?«
»Na, für die Kinder …« Um ihnen das Maul zu stopfen, denkt er.
»Nein, leider nicht.«
»Also, ich hab dann keine Fragen mehr«, sagt Trimmel, »und wenn Sie fertig sind, würd ich die Kinder doch ganz schnell nach Haus schicken. Am Ende zertrampeln sie uns noch die Spuren!«
Er geht zurück in Richtung Leiche und ist der Ansicht, daß es ein ziemlicher Unfug ist, wenn sich der erste polizeiliche Angriff nach einem Mordfall auf Kinder in den Herbstferien stützen muß.
Da ist aber noch der Raupenfahrer. Seine Aufgabe ist es, wie er Trimmel erzählt, die Trümmerwüste zu planieren. Er war gerade von der Frühstückspause zurückgekommen, als die Kinder zum Telefon unterwegs waren, und er wollte justament einen von den im Vordergrund herumliegenden Schuttbergen auf die Fässer schieben. In diesem Moment war aber schon der erste Funkstreifenwagen eingetroffen.
»Ich hatte bis dahin nichts von ner Leiche gesehen«, sagt der Raupenfahrer verstört, »aber da hör ich plötzlich durch den Raupenlärm, wie wer schreit, und ich stell den Motor ab. Da kommen die beiden schon über die Steine gerast wie Mark Spitz …«
»Hä?« fragt Trimmel.
»Na, logisch, daß se nicht geschwommen sind! Jedenfalls schreiense ›Halt‹ und kommen direkt auf mich zu, und ich überleg mir noch, hier kann ich ja nu mit der Raupe bestimmt nicht zu schnell gefahren sein – was die wohl von mir wollen?«
»Ja, ja …«, sagt Trimmel, nur halb Ohr.
Die ganze Zeit hindurch sieht er sich diese Fässer an, notdürftig in Reih und Glied gelegt wie von einem betrunkenen Brötchenbäcker. Und die ganze Zeit hindurch fragt er sich, was der Mann dazwischen soll – der Mann, dem sie außer den Schuhen sogar die Socken ausgezogen haben, und das in einer Gegend, wo man am besten alte hohe Gummistiefel trägt …
Zum Glück steht wenigstens Laumen neben ihm und hört sich an, was der Raupenfahrer erzählt: »Als ich von der Maschine runter bin, schreit einer von den beiden: ›Halt, stehenbleiben!‹ Dann packen sie mich beide am Arm und drehen mir fast den Arm rum, als wär ich’s gewesen …!«
»Sie sind’s aber nicht gewesen?« fragt Trimmel, immer noch nicht ganz bei der Sache.
»Also, ehrlich!« sagt der Raupenfahrer entrüstet.
»Schon gut«, sagt Trimmel. »Machen Sie das hier hauptberuflich?«
Der Mann denkt nach. »Wenn Sie meinen, daß ich hier täglich planiere … Also, fast täglich, würd ich sagen, mindestens dreimal die Woche.«
»Wann zuletzt?«
»Gestern.«
»Wer bezahlt das?«
»Nu ja, ich krieg das Geld von meiner Baufirma, Lehnsen Gebrüder, die hat n Vertrag mit der Stadt, der gehört ja die Kippe von Rechts wegen …«
»Von Rechts wegen sind Sie also nicht bei der Stadt«, sagt Trimmel. »Muß da nicht einer von der Stadt so was wie ne Aufsicht haben?«
»Doch«, sagt der Raupenfahrer. »Schlocker!«
»Und wer ist Schlocker?«
»Na, son alter Sack über sechzig. Nennt sich Kippenwärter, muß Gebührenmarken kassieren, wenn einer Schutt kippt oder so. Aber der is ja nu …« Er sieht sich um und zuckt die Schultern.
»Der is ja nu was?« fragt Trimmel.
»Sehnse ja!«
»Ich seh gar nichts!« sagt Trimmel geduldig.
»Eben!« sagt der Raupenfahrer, lauter als nötig. »Sie sehn doch, daß er nicht da ist!«
So ein Leichenfund macht die Leute sichtlich nervös.
Kippenwärter Schlocker, der alte Sack, ist tatsächlich weit und breit nicht aufzutreiben; dabei wäre er im Moment der einzige, der das Geheimnis um die Fässer lüften könnte. Woher kommen sie, und was ist drin? Der Raupenfahrer weiß nur, daß sie immerhin mit Schiockers Genehmigung hier abgekippt worden sind, etwa ein- bis zweimal die Woche vom Lastwagen.
»Stand ne Firma auf dem Lastwagen?«
Er schüttelt den Kopf. »Ich war ja nu nicht immer dabei, hab auch nicht drauf geachtet …«
»Hat Schlocker dafür auch Gebühren kassiert?«
»Müßt er ja eigentlich …«
»Hat er nie gesagt, was das für Gift sein soll?«
Er zögert und zieht eine Grimasse. »Wieso denn Gift?«
»Weil Holsten Edel ne andere Aufschrift hat!« sagt Trimmel gehässig.
»Jetzt machense aber Witze!« sagt der Raupenfahrer und lacht sich halb krank.
Trimmel gibt Laumen den Auftrag, er soll diesen Schiocker aufstöbern; irgendwo muß er ja wohnen. Laumen sucht sich erst mal eine alte Zeitung und putzt sich die Schuhe ab. »Sind Sie eigentlich so fest davon überzeugt, Chef«, fragt er, »daß die komischen Fässer unbedingt was mit dem Kerl zu tun haben?«
»Du etwa nicht?« fragt Trimmel.
»Na ja«, orakelt Laumen, wobei er sich redliche Mühe gibt, seine mühsam gesäuberten Schuhe nicht wieder dreckig zu machen, »ich könnte mir auch vorstellen, daß die Leiche die eine Sauerei ist und die Fässer die andere …«
»Sauerei?«
»Ja, sicher. Sozusagen zwei verschiedene Arten von Umweltverschmutzung – eine, die wir kennen, und eine, die wir noch nicht kennen …«
»Hau endlich ab!« sagt Trimmel. Seit zwei Sätzen schon ist er sauer darüber, daß der Raupenfahrer lange Ohren macht. Immerhin ist der Mann bei Gebrüder Lehnsen, hat er gesagt, und die Gebrüder Lehnsen kippen hier ihren Schutt ab, und unter dem Strich kann man den Gebrüdern deshalb im Moment ebensowenig trauen wie allen Leuten, die auch nur am Rande mit der Kippe zu tun haben.
Außerdem dieses besonders eklige Wort: Umweltverschmutzung. Ein Begriff, der von Jahr zu Jahr mehr in Mode kommt, wenn auch noch nicht bei der Kriminalinspektion I, der Dachorganisation der Ständigen Mordkommission, wie neulich einer geflachst hat …
Alles in allem, es sieht ganz danach aus, als würde es Probleme geben, sagt sich Trimmel – neue, unbekannte und deshalb schon im Ansatz schwierige Probleme. Und bei Licht besehen ist das und nichts anderes der Grund für seinen Ärger, von den bohrenden, wütenden Kopfschmerzen mal abgesehen; ehrlich ist er ja immer, der Herr Hauptkommissar, vor allem sich selbst gegenüber.
Als Laumen weit genug weg ist, greift er sich nochmals den Raupenfahrer. »Sie sind ja anscheinend n ungewöhnlich ordentlicher Mensch, nich wahr?«
»Ja, schon«, sagt er, »aber wieso …?«
»Warum haben Sie die Fässer immer so schön mit Schutt zugekippt?«
»Weil’s Schiocker mir gesagt hat!«
»Und? Hat er Ihnen dafür Mäuse gegeben?«
»Mir und Mäuse?« fragt er hochnäsig zurück. »Wofür denn? Der arme Hund … Ist mir doch egal, wie ich hier den Schutt verteile!«
»Aber warum gerade auf die Fässer?«
»Sie können aber Fragen stellen!«
»Können Sie vielleicht auch antworten?«
Der Mann zuckt die Schultern. »Damit’s besser aussieht, hat Schiocker gesagt!«
»Und damit sie verschwinden, nicht wahr?« sagt Trimmel provozierend.
»Denken Sie doch, was Sie wollen«, sagt der Raupenfahrer verbittert, »wofür gibt’s denn diese Kippen, wenn man nicht mal alte Fässer da hinbringen darf?«
Nach wie vor, sagt sich Trimmel, kann es durchaus sein, daß die Leiche mit den Fässern nichts zu tun hat. Ein einziger Punkt allerdings ist und bleibt komisch: Der Mann, der die Leiche hier abgelegt hat, muß auf der Kippe verdammt gut Bescheid gewußt haben. Denn wenn die kleinen Cowboys und Indianer nicht gewesen wären, läge Mister Barfuß jetzt schon mitsamt den Fässern einen guten Meter tief unter dem Bauschutt vergraben!
Am Ende läßt sich Trimmel einen Spaten geben und macht ein Faß auf, dessen Deckel schon geborsten ist. Als er den Spalt erweitert, kommen schmutzige, gräuliche Brocken heraus, eine Art Steinschlacke.
Einer von den Spurensicherern, die ihre Nase überall haben, sagt plötzlich: »Dem Frieden trau ich nicht. Wenn das man kein Härtesalz ist!«
»Was soll das sein?« fragt Trimmel.
»Könnte sein, mein ich ja nur«, sagt der Mann, ein jüngerer Typ, den Trimmel noch nicht kennt, »könnte zyanidhaltiges Härtesalz sein …«
»Sind Sie Chemiker?« fragt Trimmel.
»Nur für den Dienstgebrauch!« sagt der Mann vorsichtig. »Ich hab neulich mal so ne Probe gesehen …«
»Ist das gefährlich?«
»Ziemlich«, meint er. »Hier auf der öffentlichen Kippe hat’s bestimmt nichts zu suchen …«
»Ja, wo denn sonst?«
Das weiß er auch nicht, kann’s aber auch gar nicht wissen. »Das wissen die Experten selbst nicht genau. Das Zeug kann sich nämlich spalten, und dann reicht das hier aus, damit kann man leicht ganz Hamburg um die Ecke bringen. Ich meine, wenn’s wirklich …«
»Wenn’s wirklich …?« sagt Trimmel.
Aber der Jüngere zuckt nur noch die Achseln, gebeugt von der Last der plötzlichen Erkenntnis. Wofür gibt es Oberkollegen in einer so kritischen Situation?
Tonnenweise Gift und ein Mord mittendrin: da kriegt es dann tatsächlich auch Trimmel mit der Angst zu tun. Höffgen muß schleunigst losstiefeln, entscheidet er, und die Hamburger Landesbehörde für Umweltschutz benachrichtigen. Laumen, verlangt er, soll endlich den Kippenwärter anschleppen; dabei kann Laumen noch nicht mal in der Stadt sein; die paar Minuten, die er weg ist!
»Wißt ihr denn immer noch nicht, wie der tote Kerl da geheißen hat?«
»Wir sind noch nicht soweit!« sagt Petersen sanft. »Ist ziemlich schwierig hier in dem Modder …« Außerdem, gibt er vorsichtig zu bedenken, können immerhin drei Gruppen von Menschen für die Deponierung des toten Mannes verantwortlich sein – erstens die mit den Fässern, zweitens diejenigen, die hier regelmäßig den Bauschutt abladen, und drittens auch solche, die weder mit den Fässern noch mit dem Schutt zu tun haben.
»Mag ja sein«, sagt Trimmel, »bloß, wenn er mit Schutt angeliefert worden wär, wär er vermutlich noch dreckiger!«
Also doch die mit den Fässern?
Dann, endlich, ist es soweit. Die Hilfssheriffs von der Polizeitechnik haben ihre Blechnummern rund um die Leiche in den Dreck gesteckt und die Spuren markiert – Spuren, die wahrscheinlich gar nichts mit der Geschichte zu tun haben. Hier kann man nämlich alles verlieren, aber kaum was wiederfinden, bestimmt auch keine Spuren.
»Ich hab ja auch schon künstlerisch wertvollere Aufnahmen gemacht!« meckert der Fotograf. »Das Schönste ist jedenfalls das Wolkenbild!«
Sei’s drum, denkt Trimmel, sie haben die Leiche fotografiert, gezeichnet, vermessen und bloß noch nicht beerdigt.
Er wirft einen bösen Blick auf die Neugierigen, die sich selbst in dieser gottverlassenen Giftwüste inzwischen versammelt haben, eine schweigende Mauer, die Zentimeter um Zentimeter näher rückt. Spannend genug ist das Schauspiel: der Polizeiarzt ist zwar noch nicht da, aber am Tod dieses Mannes gibt es nun wirklich keinen Zweifel, und so legen die Polizisten ihn aus seiner sitzenden Haltung erst mal vorsichtig auf den Bauch.
Vorher konnte man fast genau in der Mitte der Hemdbrust ohne Schlips einen Einschuß sehen, einen ziemlich großen, blutverkrusteten Einschuß, bestimmt sofort tödlich, auch wenn das Herz vermutlich nicht voll getroffen worden ist. Aber jetzt – jetzt sieht man gar nichts, und Trimmel sagt, halb zu sich selbst: »Komisch, bei dem Kaliber nicht mal n Ausschuß?«
Ausgerechnet einer von den Uniformierten aus dem ersten Streifenwagen nickt eifrig mit dem Kopf: »Also aus größerer Distanz erschossen, Herr Hauptkommissar?«
»Muß ja wohl!« murmelt Trimmel. Etwas lauter: »Lassen Sie mal das Gelände hier absperren!«
Der Tote grinst zu alledem, eine gequetschte Wange auf der dreckigen Erde. Aber das macht erfahrungsgemäß die Verspannung, die von der Totenstarre kommt.
Der Arzt kommt, stupst mit dem Finger an der Leiche herum, fühlt hier und da, wiegt bedächtig den Kopf, den eigenen, und sagt: »Sehr lange ist er noch nicht tot!« Dann sieht er sich die Leiche länger von oben an und erweitert seine Feststellung: »Zwei Tage könnten’s allerdings doch schon sein!« Und schließlich schaut er sich im weiten Rund um, das inzwischen von vier Polizisten notdürftig von Neugierigen gesäubert wird, und fragt: »Ist der mit den Fässern angeliefert worden?«
»Möglicherweise!« sagt Trimmel. Man muß wirklich nicht bei der Mordkommission sein, um auf die Idee zu kommen, daß die Fässer und die Leiche zumindest was miteinander zu tun haben könnten.
Der Arzt beugt sich wieder über den toten Mann, dreht ihn halb um und läßt ihn wieder zurückfallen. »Dem hat’s bestimmt das halbe Innenleben zerrissen!« sagt er. »Den Totenschein« – dabei betont er das den – »hätten Sie ausnahmsweise selbst ausstellen können!«
Damit ist seine Arbeit offensichtlich beendet. Er zieht sich Handschuhe über die Finger, mit denen er die Leiche angefaßt hat, und zündet sich eine Zigarette an. Trimmel sieht dem blauen Dunst nach und kriegt Lust auf eine Zigarre. Aber dann erinnert er sich, daß er vor dem Mittagessen nicht rauchen wollte, und läßt die Finger davon.
Immerhin steht er schon so lange in der Gegend herum, daß er sich jetzt einfach auf das umgekippte Faß setzt, das er aufgemacht hat. Petersen hat jüngere Füße, denkt er – soll der aufpassen, wenn sie die Leiche jetzt endlich filzen.
Und wie Petersen aufpaßt, hinter der randlosen Brille wie ein Luchs: Ein halbes Päckchen Filterzigaretten ziehen sie der Leiche aus den Taschen, ein Feuerzeug, nach Gebrauch wegzuwerfen, ein angebrochenes Päckchen Papiertaschentücher, dann noch zwei Büroklammern, aber sonst leider gar nichts.
Oder doch: oben links in der äußeren Jackentasche neben dem Revers knistert’s. Zwei Gaststättenquittungen – eine aus Hamburg, eine aus Kiel.
»Zeig mal her!« sagt Petersen interessiert.
Auf der Rückseite der beiden Zettel steh je ein Name. Genau gesagt, der Teil eines Namens. Willi M. auf dem Hamburger, Annika B. auf dem Kieler Zettel.
»Die steck ich gleich ein«, sagt Petersen hastig, »wir kriegen das Zeug ja sowieso auf den Tisch!«
Er studiert die Zettel wie zwei Kassiber, die er unverhofft abfangen konnte, sieht zu Trimmel hinüber, der sich noch mit dem Doktor unterhält – und steckt, als niemand protestiert, die beiden Papiere tatsächlich in seine Brieftasche.
Dann passiert einiges zur gleichen Zeit. Der Arzt marschiert ab, zieht sinnigerweise den Handschuh wieder aus, als er sich von Trimmel und Petersen verabschiedet, und der Leichenwagen kommt. Und als die Bestattungsunternehmer den Toten endlich in ihre Kunststoffwanne gelegt haben, paßt er plötzlich viel besser in die öde Landschaft mit den runden Fässern.
Und schon wieder geht’s weiter – ein Betrieb wie auf einem Autobahn-Parkplatz. Der Leichenwagen fährt ab, gleich anschließend der Wagen mit den Spurensicherern, und dafür nähert sich dann das nächste Auto. Diesmal ein ziviler schwarzer Rekord, sicher vom Umweltschutz.
»Na also!« sagt Trimmel befriedigt – nun kann er ebenfalls bald gehen, denkt er. Aber der Mann vom Umweltschutz, dem man den Regierungsrat schon an der Nase ansieht und der auch noch einen Referendar mitgebracht hat, geht offensichtlich mit einer neunpfündigen Katastrophe schwanger.
»Hoffmann«, stellt er sich vor, »das da ist Herr Siemensmeyer!« Und fragt gleich darauf, ein wenig zu forsch, weil bei allem Schmutz, mit dem er zu tun hat, Leichen doch wohl zu den Seltenheiten seines Alltags gehören: »Wo ist denn Ihr Toter?«
»Da hinten fährt er!« sagt Trimmel.
»Na«, meint der Umweltschützer, vorübergehend erleichtert, »so neugierig bin ich auch gar nicht!«
Er sieht sich erst mal aus der Distanz die Fässer an, die großen Blechbüchsen mit den Totenköpfen und den Gebeinen – offen daliegende Fässer, halb mit Schutt zugedeckte Fässer, unter dem Schutt vermutlich noch mehr. Er beugt sich über die grauen Brocken, die aus dem einen Faß herausgekrümelt sind, hält die Nase dabei aber in achtungsvoller Entfernung, richtet sich wieder auf und sagt mit Grabesstimme: »Ich glaub schon, daß das Natriumzyanid ist!«
»Ich auch!« sagt Siemensmeyer.
»Wissen Sie, was das heißt?« fragt Hoffmann.
Trimmel tut ihm den Gefallen und sagt wenigstens: »Ich ahne es, nach dem, was ich gehört hab …«
»Das ist nämlich fast noch schlimmer als ein Mord«, sagt Hoffmann, »das wär um ein Haar ein Massenmord geworden, ogottogott …«
»Mich brauchen Sie im Moment wohl nicht?« fragt Trimmel.
»Ich Sie brauchen? Warten Sie … nein, direkt nicht. Allerdings muß ich Sie dringend um eins bitten: strengstes Stillschweigen! Wenn da was in die Zeitung kommt … nicht auszudenken!«
Trimmel nickt verständnisvoll, verspricht ihm, den Fall noch geheimnisvoller zu behandeln als andere Mordfälle, und erteilt ihm die Erlaubnis, die Leichenfundstelle nunmehr auf andere Todesgefahren hin zu untersuchen. »Aber zertrampeln Sie uns nicht die Makierungen!«
Hoffmann schreitet gemeinsam mit Siemensmeyer das Gelände ab, und Trimmel bleibt mit Petersen allein zurück.
»Weißt du, was das ist?« fragt Trimmel. »Natriumzyanid oder Härtesalz oder wie sie das nennen?«
»Muß wohl dasselbe sein!« sagt Petersen phlegmatisch. »Warum sind Sie eigentlich so blaß?«
»Wenn wir bloß gestern früher ins Bett gegangen wären!« stöhnt Trimmel. Als er losmarschiert und ihm endlich keiner mehr zusieht, setzt er vorsichtig wie ein Seiltänzer ein Bein vor das andere.
Erst auf dem Weg zum Auto kommt Petersen dazu, den Kneipenzettel wieder aus der Brieftasche zu holen. »Ich glaub fast, ich hab da ’n ganz guten Ansatzpunkt …«, meint er geheimnisvoll.
»Nämlich??«
»Hier, diese Namen …«, sagt er und zeigt Trimmel die beiden Quittungen. »Hat er anscheinend draufgeschrieben, weil er mit den Leuten essen war und irgendwo Spesen abrechnen wollte …«
»Meinst du?« sagt Trimmel skeptisch. »Ob er die nicht einfach erfunden hat?«
