Triumph der Gewalt - Ralf Zerback - E-Book

Triumph der Gewalt E-Book

Ralf Zerback

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Beschreibung

Die Chronik einer Katastrophe Intrigen, Machtkämpfe, Terror: Packend schildert Ralf Zerback in historischer Nahsicht drei turbulente deutsche Jahre, die das Ende der Demokratie markieren. Mit einem Sinn für die Stimmungen der frühen 30er Jahre zeigt er, wie schon einmal Rechtspopulisten die Gesellschaft spalteten und einen totalen Machtanspruch durchsetzten – eine erschütternde Erzählung vom Ende der Demokratie und dem Weg in die Diktatur. Ralf Zerback erzählt erstmals den politischen Umbruch und die Ereignisse der Jahre 1932 bis 1934 als eigenen Wendepunkt. Straßenkämpfe, Populismus und Propaganda kennzeichnen das Ende Weimars  und die blutige Durchsetzung des totalitären Machtanspruchs der Hitlerdiktatur. Der Autor führt die Leser durch das Labyrinth rund um die Wilhelmstraße, das Berliner Regierungsviertel. Packend schildert er das Intrigenspiel der führenden Politiker der Zeit: Brüning, von Papen, Schleicher, Hindenburg, Goebbels und Hitler. Mit der »Machtergreifung« der Nationalsozialisten war der Machtkampf nicht zu Ende. Zum einen setzte sich der politische Kampf fort, zugleich aber und dann verstärkt im Widerstand. Ralf Zerbacks erzählendes Buch endet mit der Entmachtung der SA und dem Tod Hindenburgs, als das NS-Regime die totale Macht erobert hatte. Ein mahnendes Buch über politische Gewalt, das zeigt, warum die Errichtung einer Diktatur in so kurzer Zeit möglich war.

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Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ralf Zerback

Triumph der Gewalt

Drei deutsche Jahre 1932 bis 1934

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

©2022 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

unter Verwendung einer Abbildung von © ullstein bild – Heinz Fremke

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-608-98648-8

E-Book ISBN 978-3-608-11946-6

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufba

Inhalt

Einleitung

Ein Gebilde aus Glas

Brünings Sparpolitik

Alternativen

Die Reparationen

Brünings Machtsystem

Der Zeitgeist weht rechts

Die NS-Bewegung

Die Reichspräsidentenwahl

Der Vormarsch der Nazis

Die Hindenburg-Kamarilla

Brünings Ende

Exkurs: Gewalt und Ermüdung

Herr ohne Unterbau

Papen und sein Kabinett

Hitler contra Schleicher

Die Konferenz von Lausanne

Wahlkampf

Staatsstreich gegen Preußen

Wahlen

Die Nazis drängen an die Macht

Potempa

Ein trauriger Tag

Sachpolitik

Reichstagssitzung

Papens Programm und Preußen-Urteil

Erneuter Wahlkampf und Machtoptionen

Links und rechts

BVG-Streik und Wahlen

Machtverlust und Sturz Papens

Intrige gegen den Intriganten

Kurt von Schleicher

Gregor Straßer

Papen kommt wieder ins Spiel

Die Not der NSDAP und die Wahlen in Lippe

Schlägerei im Reichstag

Hitler, Papen und die Wirtschaft

Schleichers Ende

Festhalten

Beginn und versuchte Zähmung der NS-Herrschaft

Herrschaftssicherung

Die Linke und die NS-Herrschaft

Reichstagsbrand und Staatsterror

Wahlkampf

Ein knapper Sieg der Koalition

Der Tag von Potsdam

Hitlers erstes Kabinett

Das Ermächtigungsgesetz

Die Zustimmung der Bürgerlichen

Wir brauchen wahrhaftig nicht umzufallen

Die Entmachtung der Länder

Konzentrationslager

Judenboykott

Der Erste Mai

Verfolgung und Emigration

Hitlers »Friedensrede«

Das Ende der Parteien

Exkurs: Von der heißen zur kalten Gewalt

Eine maßlose Propaganda

»Revolution«

Das Reichskonkordat

Arbeitslosigkeit

Autobahn

Kulturpolitik

»Wahlen«

Bis auf das rohe Fleisch

Reichsreform

Staat ohne Verfassung

Betriebsverfassung

Außenpolitik

Innere Debatten

Krise im Frühjahr 1934

Papens Marburger Rede

NS-interne Fronten

Der »Röhmputsch«

Hindenburgs Tod

Schlussbetrachtung

Dank

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Anmerkungen

Ein Gebilde aus Glas

Exkurs: Gewalt und Ermüdung

Herr ohne Unterbau

Intrige gegen den Intriganten

Festhalten

Wir brauchen wahrhaftig nicht umzufallen

Exkurs: Von der heißen zur kalten Gewalt

Eine maßlose Propaganda

Bis auf das rohe Fleisch

Namenregister

Einleitung

1 Das Kabinett Hitler,

stehend von links: Franz Seldte(1), Günter Gereke(1), Johann Ludwig Schwerin von Krosigk(1), Wilhelm Frick(1), Werner von Blomberg(1), Alfred Hugenberg(1);

sitzend: Hermann Göring(1), Adolf Hitler(1) und Franz von Papen(1)

30. Januar 1933: Das neue Kabinett tritt zusammen. Kanzler Hitler(2) fasst den sich nähernden Vizekanzler von Papen(2) sanft am Arm und geleitet ihn zum Platz, an dem sich die Regierung für die Kameras präsentieren soll. Drei Stühle sind aufgereiht, die übrigen Kabinettsmitglieder stehen in zweiter Reihe. Hitler steuert, hinter Papen gehend, auf den mittleren Stuhl zu; er macht Anstalten sich zu setzen, bietet zugleich Papen den Platz zu seiner Linken an, zögert kurz, da sich Papen nicht setzt, nimmt dann aber doch seinen Platz ein. Irritiert blickt Hitler auf Papen, der beharrlich stehen bleibt. Hitler folgt Papens Blick, der über ihn hinweg den eintretenden Hugenberg(2) ins Visier nimmt, den Chef der Koalitionspartei DNVP, den Vertreter der Nationalkonservativen. Hugenberg geht steifen Schritts und wortlos vor dem sitzenden Hitler vorbei und wird dann herzlich von Papen begrüßt. Hitler blickt wütend in Hugenbergs Richtung, während Papen lächelnd mit Hugenberg spricht, noch immer neben Hitler stehend. Hugenberg geht um Papen herum in die zweite Reihe, wo er sich (von ihm aus gesehen) links außen positioniert, schräg hinter Papen, der ihm kurz seinen eigenen Platz anbietet. Alles blickt zu Hugenberg, denn der Platz zur Rechten von Hitler war offenbar für ihn freigehalten worden. Weigert er sich, neben dem verabscheuten Rivalen Hitler zu sitzen? Statt seiner nimmt Göring(2) dort jetzt Platz.

Zwei Dinge an diesem Filmdokument sind bemerkenswert. Beide betreffen das Verhältnis zwischen den Koalitionspartnern NSDAP und DNVP. Zum Ersten die Feindseligkeit, die vor allem in Hitlers(3) Blick auf Hugenberg(3) und in dem Ignorieren Hitlers durch Hugenberg zutage tritt. Es wird zwischen den Partnern Probleme geben, signalisieren diese Szenen. Zum Zweiten die ungewöhnliche Tatsache, dass Göring(3) statt Hugenberg in der ersten Reihe Platz nimmt, obwohl er nur ein Ministerium ohne Portefeuille hat, dazu das preußische Innenministerium, während Hugenberg zwei Reichs- und zwei preußische Ressorts verantwortet und zudem Parteivorsitzender ist. Das Bild ist deshalb von tiefer Symbolkraft, weil die Nationalkonservativen um Papen(3) und Hugenberg(4) die Nazis, voran Hitler, »einrahmen«, das heißt durch ihr Übergewicht in der Regierung die NS-Vertreter neutralisieren wollen. Nicht einmal in der Aufstellung des Kabinetts für die Fotografen gelingt dies, so ließe sich die Szene deuten.

Zwar ist der 30. Januar unzweifelhaft ein wichtiges Datum. Doch beides, der »Blick« und der »Rahmen«, verdeutlichen symbolhaft: Die Entscheidung, wer wirklich die Macht hat, steht noch aus. Sind es die Nationalsozialisten mit dem Kanzleramt im Rücken oder die Nationalkonservativen mit der festen Absicht, Hitler(4) bezähmen zu wollen? Anders gewendet: Bei der Frage, wie Hitler und die Nazis an die Macht kamen, ist die Zeit vor und nach dem besagten Datum von Interesse. Am 30. Januar war noch nichts entschieden. Das vorliegende Buch folgt dieser Tatsache und umspannt den Zeitraum von 1932 bis 1934. Es soll untersuchen, wie die sogenannte Machtergreifung vonstattenging.

Geschichtsschreibung ohne Zäsuren ist undenkbar. Die Einteilung nach Epochen erfolgt mit Hilfe mehr oder minder scharfer Grenzen, auch wenn dies immer wieder zu Kritik im Einzelnen geführt hat, am prominentesten etwa bei den Epochenscheiden Antike – Mittelalter und Mittelalter – Neuzeit. Aber letztlich bleibt es bei der Idee, dass Geschichte sich sinnvoll in Zeitabschnitte aufteilen lässt. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts kennt viele Zäsuren: 1914, 1918, 1933, 1939, 1945, 1949, 1968, 1989/90.

Bevorzugtes Modell von Darstellungen und Handbüchern ist die Begrenzung des präsentierten Zeitraums durch die Zäsuren, also etwa eine Geschichte Weimars von 1918 bis 1933. Im vorliegenden Buch soll anders verfahren werden. Etliche Zeitgenossen sahen den 30. Januar 1933 nicht als derart einschneidend an, wie ihm dies rückblickend zugeschrieben wurde. War die Regierung Hitler nicht eine der vielen Kanzlerschaften der Weimarer Republik? Waren nicht die Nationalkonservativen dominierend gegenüber den Nationalsozialisten? War es demzufolge nicht lediglich eine Fortsetzung der autoritären Präsidialregime?

Erst der Verlauf der folgenden Monate, letztlich erst der Zeitraum bis zum Tod Hindenburgs, gaben Aufschluss über den Charakter des Einschnitts vom 30. Januar. Mit dem Tod des Reichspräsidenten ist der Endpunkt der vorliegenden Darstellung markiert. Scheinbar willkürlich setzt sie mit dem Jahresbeginn 1932 ein. Doch dieses – besonders turbulente – Jahr soll exemplarisch die Phase der Präsidialherrschaft ins Licht rücken, die bereits 1930 mit der Machtübernahme Brünings begann.

Ein Gebilde aus Glas

2 Heinrich Brüning(1), um 1930

In der jetzigen Wirtschaftskrise ist das zahlreiche Elend unverkäuflich geworden wie brasilianischer Kaffee oder kanadischer Weizen. Kaffee läßt sich ins Meer schütten, Weizen verbrennen. Was Elend anbelangt, so haben wir noch keinen Krieg, der beides besorgt. (Ernst Bloch(1))

Brünings Sparpolitik

Am 1. Januar 1932 blickt die Vossische Zeitung zurück auf ein »Jahr des Unheils« und bilanziert »Katastrophen und Verfall«.[1] Pflichtgemäß zeigt sich der Redakteur hoffnungsfroh für 1932. Doch das neue Jahr wird nicht besser werden, es wird noch zappeliger sein als 1931, noch bizarrer und wirrer. Die Republik wird in einen Strudel geraten, und die Deutschen werden in einer Depression versinken.

Ohne Hoffnung richten sie den Blick zur Wilhelmstraße 77 in Berlin, zur Reichskanzlei. Im Palais Schulenburg, einem schmucken Bau aus dem 18. Jahrhundert, regiert seit eindreiviertel Jahren Heinrich Brüning(2) von der katholischen Zentrumspartei. Der Reichskanzler ist ein stiller, in sich gekehrter Mann, kein Schreihals, anders als jene Politiker, die mehr und mehr die Szene bestimmen; er gilt als »völlig unkorrupt« und »bemerkenswert selbstlos«.[2]

Ein Mann der Pflicht, der Arbeit, gewissenhaft, rechtschaffen, ein wenig ärmelschonerhaft, mit Biedersinn und »franziskanischen Tugenden«.[3] Sein glattes Gesicht strahlt eine dezente Neutralität aus mit einem Einschlag ins Bittere. Der Parteifreund Heinrich Köhler(1) wird sich später erinnern: »Man sah ihn mit der Mappe in der Hand, bald hier, bald dort erscheinend und ebenso rasch wieder verschwindend (…)«[4] Ein leiser Mann in einem lauten Reich.

Heinrich Brüning(3) spult sein Programm ab. In der Außenpolitik will er, was alle Politiker wollen, von links bis rechts: Fesseln lockern. Fesseln, die der Versailler Vertrag dem Deutschen Reich nach dem verlorenen Krieg angelegt hat. Dazu gehören milliardenschwere Reparationszahlungen, die Deutschland an die Kriegsgegner entrichten soll. Brüning will sie streichen. Zugleich kämpft er um die militärische Gleichberechtigung Deutschlands; der Versailler Vertrag hat Deutschland eine strenge Abrüstung verordnet.

Seine Innenpolitik ist vor allem Finanzpolitik und die kennt drei Programmpunkte: sparen, sparen, sparen. Brüning(4) handelt »wie ein Haushaltsexperte«.[5] Niedrige Preise und Löhne sollen Deutschland konkurrenzfähig machen, der Export soll so angekurbelt werden. Der Haushalt soll solide finanziert sein, Schulden gelten als unseriös, schädlich, als Gift, das den Staatskörper in die Fäulnis treibt. Sparen ist des Kanzlers Herzenssache. Für den neuen Anbau der Reichskanzlei, der 1930 fertiggestellt wird, erbittet er Möbelspenden von den deutschen Ländern. Er leidet, wie alle Deutschen, an einem Trauma: dem Trauma der Mega-Inflation von 1923, jenem Jahr, als selbst Billionenscheine nichts mehr wert waren. Nie wieder, so denkt Brüning über jenes Jahr. So denken die meisten Deutschen. Eigentlich.

Und doch stöhnen sie unter der Last. Die Regierung Brüning erhöht die Steuern und senkt die Sozialleistungen. Lohn- und Einkommensteuern steigen, Umsatz-, Kraftfahrzeug-, Zucker-, Tabak-, Biersteuern. Beim Erfinden neuer Steuern ist der Staat kreativ. Brüning(5) führt Getränke- und Mineralwassersteuern ein, ja eine »Krisensteuer«, die die Not der Arbeitslosen lindern soll; hinzu kommen allerlei »Sonderabgaben«.

Reich, Länder und Gemeinden kürzen ihre Ausgaben, überall herrscht ein strenges Sparregiment. Seit Oktober 1931 dürfen überhaupt keine öffentlichen Gebäude mehr errichtet werden, dabei liegt die Baubranche ohnehin schon am Boden. Der öffentliche Dienst wird kleiner, Personal eingespart. Wer noch eine Stelle hat, muss empfindliche Kürzungen hinnehmen. Die Deutschen machen es wie der Staat, geben kein Geld mehr aus, dies drückt die Konjunktur weiter, immer mehr Menschen werden entlassen.

Brüning(6) ist nicht schuld an der Wirtschaftskrise, die seit 1929 die Volkswirtschaften rund um den Globus erschüttert. Aber seine Politik federt nicht ab. Sie stimuliert nicht. Sie verstärkt die Krise, ist »prozyklisch«, wie die Ökonomen sagen. Ein böses Wort geht um in Deutschland: »Hungerkanzler«. Wenn Brüning im Reichstag den »lähmenden Pessimismus« beklagt,[6] muss dies vielen wie Hohn erscheinen. Deutschland ist das schwächste Glied in der großen weltweiten Krise, wie schon Zeitgenossen wissen.[7] Die Zahl der Arbeitslosen im Deutschen Reich explodiert zwischen 1928 und 1932 von 1,4 auf 5,6 Millionen. Das Bruttosozialprodukt sinkt im gleichen Zeitraum von 88,6 Milliarden auf 55,9 Milliarden Reichsmark. Die Investitionen sacken um fast zwei Drittel ab.[8]

Keine zehn Jahre nach der Hyper-Inflation erleben die Deutschen eine Hyper-Deflation. Es fühlt sich ganz ähnlich an: Hunger, keine Perspektive. Konnte man sich 1923 für Unmengen Geld nichts kaufen, fehlt es nun überall an Barem. »Heute ist die Ware nichts, das Geld ist alles«, schreibt die Vossische Zeitung im April 1932: »Es gibt nur noch ein Gesetz: verkaufen.«[9] Der Schriftsteller Hermann Kesten(1) streift durch den Wedding, das Berliner Arbeiterviertel: »Der Straßenhandel ist ungeheuer. Man kann Pfeffer auf der Straße kaufen, Würste, Arbeitslose, Orangen, Krawatten.«[10] Dem amerikanischen Journalisten Hubert R. Knickerbocker(1) fällt auf, dass sich die Berliner nicht mal mehr ihr Bier in der Kneipe leisten können.[11]

Alternativen

Soll Brüning(7) Geld ausgeben, Schulden machen? Der Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt(1) vertritt die These, Brüning habe keine Wahl gehabt: Auslandskredite waren nicht zu haben, eine innere Geldschöpfung nicht denkbar, hinzu kam die Inflationsfurcht – kurz: Brünings Handlungsspielräume seien viel enger gewesen als dies im Nachhinein postuliert wird. Tatsächlich mag ein heutiger »rückwärtsgewandter Problemlösungsoptimismus«[12] (Borchardt) rechthaberisch klingen.

Aber bereits viele Zeitgenossen entwickeln Alternativen. Die Theorien dazu sind da, es sind frische, junge, ungewohnte Ideen. Erst 1930 hat der geniale britische Ökonom John Maynard Keynes(1) sein Werk A Treatise on Money publiziert. Keynes warnt: Wird mehr gespart als investiert, kommt die Rezession. Auch bis Deutschland ist die Botschaft gedrungen, und einzelne Stimmen außerhalb des Chors der Sparwütigen fordern das Ende der Deflationspolitik. Volkswirte, vor allem die jüngeren, Gewerkschafter, ja ein Teil der Industrie[13] wollen die Wende. Allein bei den zuständigen Reichsstellen gehen in dieser Zeit tausende Vorschläge ein, die eine Kreditexpansion empfehlen.[14]

Sogar Brüning(8) trifft sich Anfang 1932 mit Keynes(2) – ohne Folgen.[15] Das Gros der Volkswirtschaftler hängt der orthodoxen Idee an, dass privates Sparen Raum für Investitionen schafft. Dagegen schlägt der linksliberale Publizist Leopold Schwarzschild(1) im Juni 1931 in einem fein ausgeklügelten Programm unter anderem eine Kreditausweitung in Höhe von acht Prozent des Bruttonationaleinkommens vor. Die Produktion von Konsumgütern soll angeregt, die Kaufkraft gesteigert werden. Die Mark wäre von der Bindung an das Gold gelöst worden, die zu erwartende Abwertung der heimischen Währung hätte den Export ankurbeln sollen. Den Artikel überschreibt Schwarzschild mit: »Die Notverordnung, die nicht kam«.[16] Schwarzschild ist kein ökonomischer Laie. Er entstammt einer Händlerfamilie und hat Volkswirtschaft, Geschichte und Soziologie studiert.

Eine publizistische Offensive gegen die Deflationspolitik startet auch der Politiker und Gewerkschafter Anton Erkelenz(1), ein zur Sozialdemokratie konvertierter (Links-)Liberaler. Erkelenz geißelt den »Wahn der Deflation« als »Weg der Kurzsichtigkeit«.[17] Das »Übel eines stark steigenden Geldwertes« sei nicht geringer als »die Pest eines sinkenden Geldwertes«, so versucht er in einem Artikel Deflation und Inflation als gleich große Gefahren darzustellen. Erkelenz gehört zur kleinen Schar derer, die die Schriften Keynes(3)’ kennen. »Ein solcher sinnloser Kapitalismus gräbt sich sein eigenes Grab«, schreibt er im Dezember 1931 an einen Bekannten.[18]

Sogar in Brünings(9) Regierung sitzen halbe Keynesianer. Einer von ihnen ist Hans Warmbold(1), einst Vorstand des Chemiegiganten I. G. Farben, bevor er im Oktober 1931 Wirtschaftsminister wurde. Warmbold warnt, mahnt, orakelt: wenigstens etwas mehr Ausgaben, eine milde Drosselung des Sparwahns. Er schlägt eine Kreditschöpfung von zwei Milliarden Reichsmark vor, ein sehr bescheidenes Unterfangen, nach heutiger Kaufkraft rund acht Milliarden Euro.

Er wird nicht gehört. Als am 8. Dezember 1931 per Verordnung nochmals Gehälter gekürzt und Preise gesenkt werden sollen, verweigert Warmbold(2) die Unterschrift. Auch dies vergebens. Dabei steht Warmbold keineswegs allein im Kabinett. Auch Finanzminister Hermann Dietrich(1) und Arbeitsminister Adam Stegerwald(1) zeigen sich zunehmend entsetzt von der Abwärtsspirale.[19] 1931 hat Wilhelm Lautenbach(1), Referent im Wirtschaftsministerium eine milliardenschwere Kreditexpansion vorgeschlagen.

Anfang 1932 empfiehlt Ernst Wagemann(1), ein Schwager Warmbolds(3) und Chef des Reichsstatistikamts, eine partielle Aufhebung der Golddeckung, um Mittel für eine Konjunkturankurbelung zu schaffen.[20] Der Wirtschaftsexperte Wladimir Woytinsky(1) entwickelt gemeinsam mit den Gewerkschaftern Fritz Tarnow(1) und Fritz Baade(1) im April 1932 für den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) unter dem Rubrum eines »Arbeitsbeschaffungsprogramms« den Plan für eine expansive Wirtschaftspolitik.[21] Öffentliche und die Förderung privater Aufträge sollen aus der Krise führen. Es ist ein Gewitter an Vorschlägen und Gutachten. Sie alle dringen nicht durch. Ende April tritt der enttäuschte Warmbold zurück, nach knapp sieben Monaten im Amt.

Brüning(10) ist bei weitem nicht der schärfste Falke. Mehr noch fährt Reichsbankpräsident Hans Luther(1) einen Kurs der knappen Kassen. Selbst Brüning klagt in seinen Memoiren, dass eine bescheidene zusätzliche Finanzierung am Widerstand Luthers gescheitert sei.[22] Der studierte Jurist Luther hat sich zum Finanzexperten gebildet, ist aber auch ein politischer Kopf, der der rechtsliberalen DVP nahesteht. Der gebürtige Rheinländer war 1925/26 für sechzehn turbulente Monate Reichskanzler einer bürgerlichen Koalition, die von den Linksliberalen bis zu den Rechtsnationalisten reichte.

Prägender freilich ist eine andere Erfahrung: Während der Spätphase der Inflation 1923 war Luther(2) Finanzminister und damit einer der Akteure, die die neue stabile Rentenmark schufen. Solidität und Sparwille waren Trumpf in jenen Monaten. Noch in einem Filmdokument von 1958 vertritt Luther die Auffassung, es sei ein Gesetz im Wirtschaftsleben, dass weder ein Privatmann noch ein Staat mehr ausgeben könne als einnehmen. Das ist das Dogma der »schwäbischen Hausfrau«, entsprungen dem Inflationstrauma. Nun wird es in der Deflationsära angewandt. Hans Luther ist einer der bestgehassten Männer in Deutschland. Im April 1932 wird wegen seiner Geldpolitik ein Attentat auf ihn verübt; Luther übersteht es leicht verletzt.

Zweifelt der Kanzler nicht selbst bisweilen? Tatsächlich war er vorübergehend weich geworden, im Mai 1931. Man könne die Schrumpfung »nur bis zu einem gewissen Grade« treiben, hatte er im Kabinett gesagt.[23] Aber dann siegt doch sein westfälischer Eisenschädel. Durchhalten, sich durchbeißen. Es gehöre zu den »Eigenheiten« der Deutschen, »kurz vor der Erreichung des Zieles den Mut zu verlieren und zusammenzuklappen«, so serviert er im März 1932 Hans Schäffer(1) ab, den zweifelnden Finanz-Staatssekretär. Freilich, ein wenig verstößt Brüning(11) selbst gegen die von ihm verfolgte »reine Lehre«: mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Arbeiten AG schafft die Regierung eine Organisation, die mit sogenannten Öffa-Wechseln öffentliche Aufträge per Kredit finanziert. Es ist eine Prise Keynes(4) in der ansonsten orthodoxen Wirtschaftspolitik.

Die Reparationen

Brünings(12) Hartnäckigkeit hat noch einen anderen Grund, jenseits von Inflationstrauma, Schuldenangst, Sorge um Solidität; es ist sogar der Hauptgrund. Mit dem Sparkurs will er den einstigen Kriegsgegnern beweisen, dass Deutschland keine Reparationen aufbringen kann. Wir haben nichts, signalisiert er den Franzosen und mehr noch den Briten und Amerikanern, die schon länger bereit sind, Deutschland zu schonen. Es gibt einen hässlichen Verdacht: Brüning instrumentalisiert das Elend.

Denn der Kanzler träumt von einem Befreiungsschlag. Gelänge es, die Reparationen zu streichen, stünde Deutschland wieder selbstbewusst auf der internationalen Bühne. Dies würde zurückwirken auf die Deutschen, würde sie hinter Brüning(13) vereinen. Dann auch – und erst dann – könnten Mittel zur Rettung der Wirtschaft aufgebracht werden. Es wäre ein grandioser Sieg, so hofft der Kanzler, alle Probleme wären wie durch Zauberhand gelöst. Daher hält er durch, dies macht ihn so sicher, dass sein Weg der einzig wahre ist. Not als Gebot.

Im kleinen Kreis wird offen über diesen Zusammenhang gesprochen, so etwa im Januar 1932 bei einem Treffen Brünings(14) mit Staatssekretären und Botschaftern. Der Leiter der Reichskanzlei, Hermann Pünder(1), berichtet, die Besprechung habe die »allseits […] klare Erkenntnis« erbracht, »daß die katastrophale Weltwirtschaftskrise reparationspolitisch für uns auch ihr Gutes habe«.[24]

Eine brutale Strategie, aber nicht ohne Logik. Brüning(15) hat sogar Erfolge. Im Juni 1931 wurden auf Initiative des US-Präsidenten Herbert C. Hoover(1) alle internationalen Zahlungsverpflichtungen zwischen Staaten für ein Jahr ausgesetzt. Im August warnte der britische Volkswirt Walter Layton(1), Herausgeber des Economist, in einem Bericht vor einem Bankrott des Reichs angesichts der erschwerten Exportchancen und der Reparationszahlungen. Im Dezember lieferte der italienische Finanzexperte Alberto Beneduce(1) ebenfalls einen Bericht ab, in dem von der Transferierung großer Summen von einem Land in ein anderes abgeraten wird – dies betrifft gerade auch die deutschen Reparationszahlungen.[25] Auf Basis dieser gesammelten Expertise ist eine große Konferenz für Januar 1932 in Lausanne angedacht. Eine Erleichterung bei den Reparationen liegt in greifbarer Nähe. Brüning will alles: die komplette Streichung der Reparationen.

Doch hierfür ist die Zeit noch nicht reif – zumal in Frankreich im Frühjahr Wahlen anstehen. Allzu nachgiebig darf sich die französische Regierung gegenüber dem alten Kriegsgegner nicht zeigen; die Öffentlichkeit verbietet es. Zudem wird auch in Deutschland gewählt, nämlich der Reichspräsident – und Brüning(16) will im Vorfeld in Berlin anwesend sein. Und schließlich würde, so die Erwartung, die deutsche Misere in einigen Monaten noch schärfer hervortreten, die Zahlungsunfähigkeit noch blanker belegt werden können. Dies würde, so die Hoffnung, die Reparationsforderungen hinwegfegen.

Brüning(17) spielt also auf Zeit. Sein Staatssekretär Hermann Pünder(2) schreibt: »Eine offizielle Streichung [der Reparationen, R. Z.] ist jetzt in Lausanne bestimmt nicht zu erreichen. Daher am besten Vertagung um vier Monate bis Juli […]«[26] Tatsächlich gelingt es Brüning, die Konferenz um einige Monate, in den Juni, zu verschieben. Dem britischen Botschafter teilt er mit, dass Deutschland nicht in der Lage sei, jemals Reparationen zu bezahlen. Am Tag darauf, am 9. Januar, bestätigt Brüning dies in einem angeblichen Interview, das in Wahrheit die Staatssekretäre Hermann Pünder und Bernhard Wilhelm von Bülow(1) entworfen haben.[27] Dies wirbelt in Frankreich einen Sturm der Entrüstung auf. Die »französische Erregung« sei »ungeheuer«, schreibt Pünder, und: das Interview sei den Franzosen »zu sehr in den Magen geschlagen«.[28] Da eine Einigung nicht absehbar ist, bleibt nur noch die Verschiebung – wie von Brüning gewünscht.

Für die Frau und den Mann auf der Straße in Deutschland ist die Verzögerung keine gute Nachricht. Denn Brünings(18) Strategie zufolge gibt es bis zur Lösung der Reparationsfrage keine Abkehr vom Spardiktat. Noch ein halbes Jahr warten … weiter Hunger und Not. Was Brüning nicht wissen kann: Bis dahin wird bereits sein Nachfolger im Kanzleramt sitzen.

Brünings Machtsystem

Eine Koalitionsmehrheit im Reichstag hat der Kanzler nicht. Sein Machtsystem ist ein fein ziseliertes Gebilde, es ist empfindlich wie ein kompliziertes Kunstwerk aus Glas. Ein Windhauch kann es zum Einstürzen bringen. Im Parlament kann er auf seine Zentrumspartei bauen, die aber gerade mal 68 der 577 Sitze hat, dazu kommt die süddeutsche Schwester, die Bayerische Volkspartei mit 19 Sitzen. Gestützt wird Brüning(19) ferner von einigen bürgerlichen Parteien von der linken Mitte bis zur moderaten Rechten: Deutsche Staatspartei, Wirtschaftspartei, Volkskonservative und weitere Klein- und Kleinstparteien – alles in allem hat Brünings Regierung nicht mal ein Viertel der Abgeordneten hinter sich.

Doch Brüning(20) regiert mit »Notverordnungen«, und dafür braucht er nicht die Parlamentsmehrheit, sondern nur einen Mann: den Reichspräsidenten, das Staatsoberhaupt. Ein unscheinbarer Passus in der Weimarer Reichsverfassung erlaubt die Konstruktion. Dort, in Artikel 48, Absatz 2, heißt es: »Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reich die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten.« Dieser Gummi-Artikel verleiht dem Reichspräsidenten eine ungeheure Macht. Er befördert ihn zum temporären Halb-Diktator, kann er doch selbst definieren, ob und wann die »öffentliche Ordnung erheblich gestört« ist, und welche »Maßnahmen« zu ergreifen sind.

Das ist Brünings(21) Joker. Er hat einen Pakt mit Hindenburg(1) geschlossen, dem Reichspräsidenten. Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg ist ein Mann von 84 Jahren. Als 23-jähriger Leutnant hat er am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles die Ausrufung des preußischen Königs Wilhelm(1) zum Deutschen Kaiser erlebt. Das ist seine Welt: Uniformen, das alte Preußen, Monarchie. Im Weltkrieg war der Generalfeldmarschall das Gesicht der Armee, sein Untergebener Erich Ludendorff(1) das Gehirn.

1925 war das kaum Denkbare geschehen: Die Deutschen wählten Hindenburg(2) zum Präsidenten (sein wichtigster Gegenkandidat war Wilhelm Marx(1) von der Zentrumspartei). Von rechten Kräften war der alte Feldmarschall gedrängt worden zu kandidieren, er bringt einen Hauch Monarchie in die Republik. Wie ein Fels aus grauer Urzeit ragt er in das moderne Deutschland herein. Filmdokumente zeigen, wie der Alte schweren Schritts die Ehrenkompanie abschreitet, den massigen Körper in die kaiserliche Uniform gezwängt, in der Rechten den Degen.

Hindenburg(3) verkörpert die Sehnsüchte vieler Deutscher bis weit in die politische Mitte hinein. Selbst wer kein Monarchist ist, sieht ihn als »guten alten Papa«, der den Wunsch nach Autorität stillt, nach Einheit in der politischen Kakophonie. Vielen gilt er als ehrliche Haut. Der viereckige Schädel mit dem geraden Nacken und dem mächtigen Schnauzbart weckt Vertrauen, und die Stimme dröhnt wie die Beurer-Bassglocken der Potsdamer Garnisonkirche. Aber Hindenburg ist kein naiver Papa. Er macht Interessenpolitik, im Kleinen wie im Großen. Verrat ist ihm nicht fremd, er lässt die Kanzler fallen, wie es ihm beliebt.

Brüning(22) schreibt die Notverordnungen nieder, Hindenburg(4) unterzeichnet sie: Deutschland hat eine Präsidial- statt eine Parlamentsregierung. Es ist ein merkwürdiger Bund, den die beiden geschlossen haben. Der westfälische Katholik und der ostpreußische Protestant scheinen wenig Gemeinsames zu haben. Aber Brüning versteht es, Hindenburg zu »nehmen«. Er gibt sich national und konservativ.

Hindenburg(5) schätzt den Kanzler noch aus einem anderen Grund: Der war Kriegsteilnehmer, und zwar nicht irgendeiner. Der schmächtige Brüning(23) hatte sich als überaus tapfer erwiesen, stieg zum Leutnant und Kompanieführer auf, wurde zweimal verwundet, erhielt das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse. Das macht Eindruck auf den alten Feldmarschall.

Aber der Bund der beiden reicht nicht für die Macht, es gibt eine Lücke in der ganzen Konstruktion: Der Reichstag kann die Notverordnungen wieder aufheben. Also braucht die magere Koalition noch einen mächtigen Bündnispartner. Tatsächlich gibt es diesen Bündnispartner: die Sozialdemokratie. Die Partei ist geschrumpft; einst im Januar 1919 erhielt sie 37,9 Prozent der Stimmen; zuletzt, 1930, noch 24,5 Prozent. Doch mit 143 Abgeordneten ist sie noch immer die stärkste Fraktion, doppelt so stark wie Brünings(24) Zentrum.

Eigentlich hat die SPD mit Brüning(25) wenig am Hut und will den unsozialen Sparkurs keineswegs direkt mittragen. Aber sie ist andererseits selbst gefangen und befangen in der Deflationsfrage; sie hegt Misstrauen gegen inflationäre Politik, ja, sie wettert gegen »Inflationstreiber«, die sie rechts außen vermutet – denn ist es nicht der »kleine Mann«, der unter der Teuerung zu leiden hat?[29] Auch Brünings Verhältnis zur SPD ist zwiespältig, sie ist keineswegs seine Traumpartnerin. »Von der Sozialdemokratie«, schreibt er in seinen Memoiren, »trennte mich in kultureller Beziehung ein Abgrund. Aber wie Stresemann und so viele andere war ich widerwillig zu der Überzeugung gekommen, daß, wenn es galt, in höchster Not das Vaterland zu retten, man sich mehr auf die SPD als auf den alldeutsch-hugenbergschen Typ der Rechten verlassen konnte.«[30]

Brünings(26) System ruht also auf drei Säulen: den Parteien seiner Koalition, Hindenburg, der SPD. Die beiden letzteren sind wacklig. Was, wenn der Reichspräsident, umgeben von einer zwielichtigen Berater-Kamarilla, plötzlich von einer Brüning-Allergie befallen wird? Was, wenn die SPD eine Wende vollzieht?

Es gibt zwei Gründe, die die SPD an Brüning(27) fesseln, zwei ziemlich gute. Zum einen geht es um Preußen, das mit Abstand größte Land. Dort regiert der Sozialdemokrat Otto Braun(1) als Ministerpräsident in einer Koalition mit dem Zentrum. Würde die SPD Brüning nicht mehr stützen, fiele im Gegenzug die Unterstützung Brauns durch das Zentrum. Die Sozialdemokraten sind in einer »Zwangslage«.[31] Zum anderen: die Angst vor den Nationalsozialisten. Deren Aufstieg ist nicht zu bremsen, wie es scheint. Am rechten Rand des Reichstags sitzen 107 Mitglieder der NSDAP, die Nationalsozialisten stellen die zweitstärkste Fraktion. Eine Frau ist nicht darunter, dafür waren alle zur ersten Sitzung in Parteiuniform erschienen. Sie sind die rohesten Feinde der Republik.

Bei der vergangenen Reichstagswahl 1930 hat die NSDAP ihre Stimmenzahl versiebenfacht: 18,3 Prozent der Stimmen nach nur 2,6 Prozent zwei Jahre zuvor. Bei Landtagswahlen 1931 marschierte die Partei dann weiter voran: 26,2 Prozent im »roten« Hamburg, 37,1 Prozent in Hessen, 37,2 Prozent in Oldenburg. Wären Reichstagswahlen, bekäme die Partei wohl mindestens ein Drittel der Stimmen, so ahnen, so fürchten die demokratischen Politiker. Also macht sich die SPD zur Geisel Brünings, um nicht Steigbügelhalter Hitlers zu werden.

Der Zeitgeist weht rechts

Die Wirtschaftskrise hat die Parteien der demokratischen Mitte ausgedünnt, sie mästet die Extreme rechts und links. Die Republikfeinde Kommunisten, Nationalsozialisten und Deutschnationale kamen 1930 auf 225 der 577 Sitze. Doch ungeachtet der Stimmengewinne der KPD: Es sind vor allem die Nationalsozialisten, die von der trüben Wirtschaftslage profitieren.

Der Zeitgeist stürmt Richtung rechts, lange schon. Die Parteien der Mitte, die Parteien der sogenannten Weimarer Koalition: SPD, Zentrum und DDP/Staatspartei werden im Bürgertum nun mehr und mehr als »links« angesehen, ebenso die Republik, die Demokratie, das »System«, wie die Nazis Weimar nennen. Dabei war die Republik 1918/19 gegen das linksradikale Ideal einer Rätedemokratie erkämpft worden. Die moderat-rechten Parteien wie die Wirtschaftspartei oder die Deutsche Volkspartei schielen zunehmend nach rechts außen, einige Vertreter von ihnen waren im Oktober 1931 sogar in Bad Harzburg erschienen, wo die Republikfeinde von ganz rechts ihr Hochamt zelebrierten.

Selbst die linksliberale Deutsche Demokratische Partei versucht sich rechts zu geben, es ist ein melancholisches Unterfangen. Die Partei ist so etwas wie die gute Seele der Republik, nirgendwo sonst ist der schwarz-rot-goldene Geist lebendiger als bei diesen aufrechten Demokraten. Große Namen haben und hatten dort ihre Heimat: Hugo Preuß(1), der Vater der Weimarer Verfassung, Max Weber(1), der große Soziologe, Veit Valentin(1), der Autor brillanter historischer Darstellungen. Ein Mitglied ist auch Theodor Heuss(1), der 1949 erster Bundespräsident werden wird.

Umso erschütternder ist der Verfall. 1919 hatte die DDP fast ein Fünftel aller Wählerstimmen erhalten, 1928 waren es noch knapp fünf Prozent. Was tun? Im Juli 1930 vereinigt die DDP sich zum Entsetzen vieler Anhänger mit der obskuren Volksnationalen Reichsvereinigung, die vor allem von den Anhängern des Jungdeutschen Ordens gegründet worden war.[32]

Dessen »Hochmeister« Artur Mahraun(1) verfolgt wirre Ideen einer antisemitisch-national grundierten Demokratie und wettert gegen den »Parteiismus«.[33] Das Anbiedern rechts außen gelingt nicht; die Partei, sie nennt sich nun »Deutsche Staatspartei«, wurde bei den Wahlen mit einem Stimmenanteil von 3,8 Prozent erst recht abgestraft. Mahraun und die Staatspartei gingen danach wieder getrennte Wege. Doch die DDP-Nachfolgerin wird sich nie mehr erholen, viele wenden sich ab. Anton Erkelenz(2), einer der Parteigründer, mag den Rechtsschwenk der Partei nicht mitmachen; er wechselt zur SPD.

Der Drall nach rechts zeigt sich auch beim Zentrum, der Partei der Katholiken, die in sich einen Bogen von sozialdemokratischen bis deutsch-nationalen Vorstellungen vereint. Angeführt wird der Kurs nach rechts von Ludwig Kaas(1), der seit 1928 Zentrumsvorsitzender ist und zunehmend mit autoritären Ideen sympathisiert.[34] Sein Vorgänger Wilhelm Marx(2) war ein Mann der Mitte. Auch der Umstand, dass Heinrich Brüning(28) 1929 den Vorsitz der Reichstagsfraktion übernahm, kam einer Verschiebung nach rechts gleich.

Kein Politiker bis zur äußersten Linken darf es wagen, nicht permanent die Nation auf den Schild zu heben. Die Wunde von Versailles, sie will und will nicht heilen, die Bestimmungen des Friedensvertrags von 1919 sind den Deutschen, ob Kommunisten, ob Demokraten, ob Nationalsozialisten, ein unerträglicher Schmerz, ja, es scheint, dass er mit zeitlichem Abstand wächst. Der Schriftsteller Rudolf G. Binding(1), er steht den Nazis nahe, vertritt im Mai 1933 rückblickend die Meinung, nicht die Verfassung von Weimar habe Deutschland regiert, sondern das »Diktat von Versailles«.[35]

Es ist eine fast wahnhafte Fixierung. 1930 spricht KPD-Chef Ernst Thälmann(1) von der »Knechtung Deutschlands durch den Versailler Frieden«; nur die Kommunisten kämpften dagegen, reklamiert er.[36] Doch auch wenn sich alle national geben: Die rechten Parteien haben hier einen Vorteil, im blanken Nationalismus liegt ihre Kernkompetenz. Die Kommunisten gelten als moskauhörig, die SPD noch immer als internationalistisch, die Parteien der Mitte als zu lau.

Die NS-Bewegung

Der amerikanische Reporter Hubert R. Knickerbocker(2), der aus Deutschland berichtet, liefert 1932 eine Topographie des politischen Hasses in Deutschland. Die zwölf Millionen Nationalsozialisten und die sechs Millionen Kommunisten hätten zwei Objekte des Hasses gemeinsam: die Sozialisten und den Versailler Vertrag: »Die Nationalsozialisten hassen die Sozialisten, weil diese den Versailler Vertrag nicht in solchem Maße hassen, wie es den Nationalsozialisten genügen würde. Die Kommunisten hassen die Sozialisten, weil diese die Nationalsozialisten nicht so hassen, wie die Kommunisten es wünschen. Aber sowohl Nationalsozialisten wie Kommunisten hassen, wie übrigens die gesamte Bevölkerung Deutschlands, den Versailler Vertrag.«[37]

Der Trend Richtung rechts und die Radikalisierung lässt die Nazi-Bewegung anschwellen; die NSDAP wird zur erfolgreichsten Oppositionspartei Europas. Sie ist eine Krisengewinnlerin. Während sich die exekutive Politik auf allen Ebenen – Reich, Land, Gemeinde – abstrampelt, beobachten die Nazis genüsslich das Schauspiel. Und sie beobachten nicht nur: Wenn die Politik fehlt, lachen sie Hohn; wenn es brennt, gießen sie Öl; wenn man scheitert, tanzen sie den Triumph.

Die Ideologie der Nazis ist von Hass durchtränkt. Sie sortiert Menschen gleich dem Tierreich in Hohe und Niedere, je nach »Blut«. Kern der Ideologie ist ein glühender Hass auf Juden, die alles zu verantworten haben, was die Nazis verabscheuen: Moderne, Marxismus, Kapitalismus, Internationalismus. Die NSDAP ist die »unbestritten radikalste Antisemitenpartei« (Ulrich Herbert(1)). Uralte Versatzstücke der Judenfeindschaft werden ausgegraben, etwa der mittelalterliche Volksglaube, Juden würden »Ritualmorde« an Christenkindern begehen. Das Blut wurde laut diesem Wahnglauben verbacken in die Matze, das Pessach-Brot.

Lässt man moralische Gesichtspunkte beiseite und beurteilt diese Ideologie nach rein logischen Kriterien, erscheint sie verworren, ungeordnet, ohne intellektuelles Format und bar aller wissenschaftlichen Kriterien. Die »Rassenkunde«-Bücher etwa des NS-Wissenschaftlers Hans F. K. Günther(1) arbeiten sich an einer Systematik ab, strotzen aber von Widersprüchen und Ungereimtheiten. Um die Untauglichkeit einer menschlichen Rasse-Systematik zu umgehen, operiert der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg(1) mit »geistigen«, »seelischen« Rassen, was die Sache auch nicht einleuchtender macht. In ihrer Verschwörungs-Konfusion verknäueln die Nazis alles Verhasste miteinander. »Der Marxismus ist der Schutzengel des Kapitalismus«, ist auf einem Wahlplakat im November 1932 zu lesen: Ein »jüdischer« Kapitalist, er hält einen Geldsack, marschiert Hand in Hand mit einem »marxistischen« Engel, der einen Knüppel hochhält.

Die Nationalsozialisten hassen die Weimarer Republik, ihre Verfassung, die Demokratie und den Parlamentarismus, auch wenn sie mit ihren Wahlerfolgen ab 1930 dessen Nutznießer sind. Verworren ist die NS-Ideologie mit Blick auf sozialistische Versatzstücke, die in der Parteirhetorik auftauchen, was viele einfache Parteisoldaten beeindruckt. Der Politologe Adam Przeworski(1) hat die Parteien der Weimarer Republik in einem Koordinatensystem mit den Achsen demokratisch – autoritär und sozialistisch – kapitalistisch verortet. Auf der Demokratieachse ist die NSDAP dem autoritären Pol am nächsten und steht somit gegenüber der linksliberalen DDP, die am »demokratischsten« ist. Auf der Sozialismus-Achse steht die Partei indes in der Mitte, und damit zwischen den Extremen KPD und DNVP. In dieser Hinsicht befindet sie sich also links von den Deutsch-Nationalen.[38] Ernst Bloch(2) vertritt 1932 die Auffassung, es sei besonders traurig, dass »die Nazis […] Volksgeruch« erlangten, »während die Marxisten, unglaublicherweise, ihn verlieren«.[39]

Für den Erfolg der Nazi-Bewegung in der Weimarer »Kampfzeit« ist die Ideologie aber nicht so wichtig. Ihre Stärke liegt eher im Marketing, eher in den Formen als im Inhalt. Sie arbeitet mit suggestiven Mitteln und hypnotisiert die jüngeren Jahrgänge. Sie bietet Radikalität gegen die »Flauheit« der Republik, predigt Gewalt statt Vernunft, Kampf statt Kompromiss. Die braun uniformierten Menschenblöcke der »Sturmabteilung«, der SA, verkörpern Dynamik und Kraft. Sie sind jung, ihnen scheint die Zukunft zu gehören. Von jugendlichem Alter sind aber nicht nur die Straßenkämpfer der SA, sondern auch die Parteimitglieder der NSDAP. Letztere haben 1932 ein Durchschnittsalter von unter 30 Jahren.[40] Die Nazis verbinden mit Jugendlichkeit einen programmatischen Anspruch auf die Zukunft: »Macht Platz, ihr Alten!«, tönt etwa Gregor Straßer(1), der Vertreter des »linken« Flügels.[41]

Neben der Propaganda ist Organisation eine Stärke der Partei. Sie ist nah an der Wählerin, am Wähler, denn ganz Deutschland ist durchorganisiert, bis hinunter in Straßenzellen. Der Partei gelingt es, »soziale Netzwerke von innen zu besetzen«[42] und so Einfluss zu gewinnen. Die Präsenz am Ort vermittelt den Eindruck, dass die NS-Bewegung sich für die Anliegen des »kleinen Mannes« interessiert und verwendet.

In der Konkurrenz der rechten Parteien baut die NSDAP auf Hitler(5) als Führungsfigur. Auch etwa die DNVP reklamiert den Führergedanken für ihren Vorsitzenden Hugenberg(5), doch der Führerkult um Hitler, die »Ware der NS-Propaganda« (Ian Kershaw(1)), erreicht ganz andere Dimensionen und spricht eine viel größere Masse an. Hitler ist »Symbol für [den] Gestus der Radikalität, des Fanatismus und der programmatischen Flexibilität«.[43] Ihm wird ein Charisma zugeschrieben, das im politischen Alltag 1932 in Deutschland nirgendwo sonst zu finden ist. Auf ihn richten Millionen Deutsche ihre Hoffnungen; auf ihn projizieren sie ihre Sehnsüchte.

Auch Symbole sind wichtig. Die Hakenkreuzfahne imitiert mit dem dominierenden Grellrot die Farbe der Kommunisten und verwendet zugleich die schwarz-weiß-rote Kombination der Rechtsnationalisten. Hitler(6) hat sich, glaubt man seiner Schrift Mein Kampf, endlose Gedanken um die Gestaltung dieser Fahne gemacht.[44] Die Reden der Nazi-Führer, voran Hitlers, unterscheiden sich von denen der Demokraten, sie sind laut, expressiv, es wird geschrien und theatralisch gestikuliert.

Die Partei scheut nicht das Brutale und Rabiate, das ist ihr Elixier. Die NS-Bewegung sei ein »dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen«, ruft der SPD-Abgeordnete Kurt Schumacher(1) im Reichstag am 23. Februar 1932. Das Wort, es ist eins seiner berühmtesten, entspringt scheinbar aufschäumender Erregung, doch in Wahrheit hat es analytische Kraft. Viele Frustrierte geraten in den Bann der Nazis, Arbeitslose, Menschen in Not, Menschen mit gebrochenen Berufsbiografien, Menschen, die verunsichert sind in der modernen Zeit. Die SA holt Männer aus der Gosse und schickt sie auf die Straße. Dort prügeln sie sich mit Kommunisten und Sozialdemokraten.[45] Der paramilitärische Verband verleiht den Machtlosen ein Machtgefühl, das Machtgefühl des »Muskelpanzers« (Wilhelm Reich(1)),[46] er gibt ihnen eine Uniform, eine Aufgabe, ein Ziel, eine Hierarchie und einen Führer. Sie dürfen zuschlagen, sie sollen es. 1931 gibt es allein in Preußen 300 Tote bei Straßenschlachten.[47]

Voller Schmerzlust zählt die Nazipartei ihre eigenen Toten. Sie benötigt Märtyrer, um einen Kult aufbauen zu können, hier erschafft sie ihre Mythen, in den aufwendig inszenierten Totenfeiern wird das Regime zu sich selbst finden und aus düsterem, »heiligem« Schauer eine Religion zu Ehren derer schaffen, die ihr Blut hingaben für die »Erlösung« der Deutschen. Im Februar 1933 wird Goebbels(1) in sein Tagebuch schreiben: »Leben verstehn wir Deutschen vielleicht nicht; aber sterben, das können wir fabelhaft.«[48] Es ist ein Zitat aus dem U-Boot-Film Morgenrot, doch Goebbels(2) wird das Zitat verwenden auf der Totenfeier für den SA-Kameraden Hans Maikowski(1), den ersten »Märtyrer«, seit Hitler das Kanzleramt erobert hat.[49]

Die angebliche Affinität der Deutschen zu Tod und Sterben war damals eine gängige Salonidee; so vertritt der Philosoph Hermann Keyserling(1) gegenüber Graf Kessler(1) im Juli 1933 die Meinung, Hitler(7) sei ein »ausgesprochener Selbstmörder Typ« und verkörpere damit einen »Grundzug des deutschen Volkes, das immer in den Tod verliebt gewesen sei«. Die Deutschen seien fasziniert von Hitler, weil er sie nibelungenhaft einem »grandiosen Untergang entgegenführe«.[50]

Als größten Märtyrer sehen die Nazis indes Horst Wessel(1). Der SA-Sturmführer war 1930 als 22-Jähriger von Kommunisten getötet worden. Wessel hatte ein politisches Lied verfasst, das nach seinem Tod zur Parteihymne und nach der Machtübernahme durch die Nazis 1933 zur zweiten Nationalhymne wird. Wessels Berliner Heimatbezirk Friedrichshain wird 1933 in »Horst-Wessel-Stadt« umbenannt; viele Plätze und Straßen in Deutschland werden den Namen des »Märtyrers« tragen. Die stark anwachsende Nazi-Bewegung mit ihrer Gewaltbereitschaft und ihrer propagandistischen Energie wird zum wichtigsten Angstgegner der Republik und löst damit Kommunisten und Deutsch-Nationale ab.

Es gibt ein seltsames Phänomen bei den strategischen Gesprächen des politischen Establishments, das Phänomen der präsenten Abwesenheit. Denn einer ist häufig gar nicht dabei und doch dauerpräsent: Adolf Hitler(8), der »Führer« der NSDAP. Die Republik kreist um die Frage, wie Hitler und seine Partei verhindert werden können. Dies bindet politische Energien, ja, führt zu einem Verschleiß. Neuwahlen vermeiden oder wagen? Hitler ausgrenzen oder »einbinden«, ja, »bezähmen«?

Hitler(9) selbst gibt sich schon seit längerem zahm. Der infernalische Judenhass der NS-Ideologie wird in der Propaganda in den Hintergrund geschoben. Arbeiter sollen angelockt, gediegen-bürgerliche Wähler nicht verschreckt werden. Hitler hat gelernt. Nach seinem dilettantischen Putschversuch in München 1923 hat er die Strategie geändert: Die Eroberung der Macht soll auf legale Weise erfolgen, mit Hilfe von Wahlsiegen.

Da bietet sich eine Chance. Die Amtszeit Hindenburgs als Reichspräsident endet am 5. Mai 1932. Der Reichspräsident wird nach der Weimarer Verfassung vom Volk gewählt. Hitler(10) will kandidieren. Statt des mühsamen Gangs durch die Parlamente wäre er mit einem Schlag der Mann, der den Reichskanzler bestimmt und Notverordnungen erlässt. Doch Hitler ist seit 1925 staatenlos, ein Makel, will er doch der Deutscheste aller Deutschen sein. Ein kleiner Trick macht seine Kandidatur möglich: Die Regierung des Miniatur-Freistaats Braunschweig, an der die NSDAP beteiligt ist, ernennt Hitler gerade noch rechtzeitig Ende Februar zum Regierungsrat, womit er Deutscher wird. Später erfährt man im Braunschweigischen Amtsblatt, dass der »Schriftsteller Adolf Hitler«(11) mit der »Wahrnehmung der Geschäfte eines Sachbearbeiters für wirtschaftliche Fragen des Landes Braunschweig bei der Braunschweigischen Gesandtschaft in Berlin« angestellt worden sei.[51]

Die Reichspräsidentenwahl

Von allen verrückten Wahlen der Weimarer Republik ist die des Reichspräsidenten 1932 die verrückteste. Hindenburg(6), der noch 1925 der Kandidat von rechts außen war, mutiert nun zur Hoffnung der Mitte, sogar der moderaten Linken. Denn Hitler(12) steht noch weiter rechts. Gewiss hängt dies auch mit Hindenburgs Amtsverständnis zusammen. Anders als von einigen seiner schwarz-weiß-roten Fans erhofft, erweist er sich als verfassungstreu. Der alte Monarchist spielt die Republikaner-Rolle zwar nicht mit Herzblut, aber mit Anstand, er legt sogar ein wenig demokratisches Rouge auf und will Versöhner sein statt Spalter.

Brüning(29) will Hindenburgs(7) Kandidatur, nur mit ihm kann er weiter regieren. Aber soll es gelingen, müsste sich ein riesiger Bogen von links bis rechts hinter Hindenburg versammeln. Einerseits wird es ohne SPD-Wähler nicht zu schaffen sein. Andererseits ist der Präsident selbst nicht glücklich über seine Rolle als Kandidat von Mitte-Links. Er will nur kandidieren, wenn es kräftige Trommler auf der Rechten für ihn gibt.

Aber die Nationalisten auf der Rechten mögen den alten Herrn nicht mehr. Was von dort an Hilfe kommt, ist wenig überzeugend: ein karger Unterstützerkreis, ein »Hindenburg(8)-Ausschuss« unter Leitung des nationalkonservativen Berliner Oberbürgermeisters soll bei Hindenburg die Fiktion glaubhaft erscheinen lassen, dass ein Teil der Rechten hinter ihm steht. Zu dem Kreis gehören Männer der Kultur wie die Großkünstler Max Liebermann(1) und Gerhart Hauptmann(1), führende Unternehmer, der Wirrkopf Artur Mahraun(2) vom Jungdeutschen Orden oder der rechte Sozialdemokrat Gustav Noske(1), der einst als selbsterklärter »Bluthund« die rote Revolution 1919 niederschießen ließ. Diese Unterstützer sehen Hindenburg zwar als »Sinnbild der Volksgemeinschaft«. Doch von den namhaften rechten Organisationen steht am Ende lediglich der Kyffhäuserbund hinter dem alten Reichspräsidenten (der zugleich der Ehrenpräsident des Bundes ist) – allerdings nur die Führung, während zahlreiche Mitglieder gegen die Parteinahme protestieren und für Hitler stimmen wollen.[52]

Die rechtsnationalistischen Gegner Brünings und der Republik laufen reihenweise zu Hitler(13) über. Ein Teil von ihnen freilich kann sich nicht entscheiden zwischen dem »lauen« Hindenburg(9) und dem radikalen Hitler. Die rechtsnationale DNVP und der ihr nahestehende Stahlhelm, eigentlich Hindenburgs alte Kameraden, stellen einen eigenen Kandidaten auf: Theodor Duesterberg(1), einer der beiden Stahlhelm-Führer. Er ist ebenso chancenlos wie der Kandidat der Kommunisten, Ernst Thälmann(2).

Die SPD zögert. Welche Option ist die richtige? Ein eigener Kandidat, Zurückhaltung, gar eine Kooperation mit den Kommunisten? Dies alles scheint wenig sinnvoll. Also Hindenburg(10)? Hindenburgs SPD-Unterstützer rücken sein Amtsverständnis in den Fokus: verfassungstreu, überparteilich, verantwortungsbewusst. Und natürlich steht über allem: Hindenburg als der letzte Damm gegen Hitler(14), gegen einen »Nazireichspräsidenten«, wie Ernst Heilmann(1) mahnt, der Vorsitzende der SPD-Fraktion im preußischen Landtag. Der linke SPD-Flügel mault. Man fordert dort einen eigenen Kandidaten, der lähmende Bann müsse gebrochen werden.[53]

Wie wird der Vorstand der Partei entscheiden? Am 26. Februar (an diesem Tag wird Hitler(15) als braunschweigischer Beamter vereidigt) versammeln sich die SPD-Größen. Das Undenkbare und doch längst Erwartete geschieht: Die Sozialdemokraten unterstützen Hindenburg(11). Hindenburg habe seine einstigen Anhänger von rechts enttäuscht, Hindenburg sei unparteiisch gewesen und war nicht für einen Staatsstreich zu haben, konstatiert der Parteivorstand. Hitler statt Hindenburg bedeute »Chaos und Panik in Deutschland und ganz Europa«. Das Gremium warnt explizit vor der Wahl des KPD-Kandidaten Thälmann(3) und wirft den Kommunisten gemeinsame Sache mit Reaktionären vor. Der Aufruf der Parteiführung endet mit den Worten: »Schlagt Hitler! Darum wählt Hindenburg!«[54]

Es ist eine absurd überdehnte Koalition, die zugleich einer Wagenburg ähnelt. Nur Hindenburg(12) ist in der Lage, die schwindende Zahl der Republikanhänger mit einigen moderaten Rechten zu einer Mehrheit zu verschmelzen. Sie muss mit einem Topos argumentieren, der in der erhitzten politischen Atmosphäre wenig Klang besitzt: Vernunft. Otto Braun(2), Preußens sozialdemokratischer Ministerpräsident, schreibt, Hindenburg sei ein Mann, »erfüllt von kantischem Pflichtgefühl«. Das mag stimmen, aber lässt sich damit eine Wahl gewinnen?

Und was denkt ein gestandener Linker? Wie schmeckt es einer Sozialistin, Hindenburg(13) wählen zu müssen, den Hurra-Monarchisten und Kriegsmarschall? Käte Frankenthal(1), Ärztin an der Berliner Charité, hat etwas von der Stimmung überliefert. Sie ist Mitglied im Preußischen Landtag für die winzige Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), eine Links-Abspaltung der SPD (auch der blutjunge Willy Brandt(1) – er heißt damals noch Herbert Frahm – ist in ihren Reihen): »Alte Freunde gaben zu, daß sie die Wahlparole [pro Hindenburg, R. Z.] kaum über die Lippen brächten. Aber sie meinten, mit jedem anderen Kandidaten liefe man Gefahr, daß Hitler(16) gewählt würde. Ich meinte, wenn ein über achtzig Jahr alter Greis der einzige mögliche Retter sei, stehe Deutschland auf ziemlich schwachen Beinen. Was würde geschehen, wenn der Alte vor der Wahl stirbt? ›Oh Gott‹, wurde mir geantwortet, ›so ein Unglück müßte verheimlicht werden. Er müßte trotzdem kandidieren.‹«[55]

Und die Nazis? Wagen sie den Angriff auf Hindenburg(14), auf den Feldmarschall, wollen sie das nationale Monument vom Sockel stoßen? Hitler(17) setzt auf eine schonende Variante, indem er Hindenburg in zwei Persönlichkeiten spaltet: den edlen Feldherrn und den Weimarer Repräsentanten, der zum Opfer sinistrer Kräfte geworden sei. »Alter Mann, du bist uns zu verehrungswürdig, daß hinter dich sich die stellen, die wir vernichten wollen.« Hindenburg müsse daher »zur Seite treten«.[56]

Radikaler wird der Präsident von Goebbels(3) angegriffen, der ihn in seinem Tagebuch als »Trottel« bezeichnet.[57] Im Reichstag behauptet Goebbels, Hindenburg(15) habe seine ehemaligen Wähler im Stich gelassen, und: »Sage mir, wer dich lobt, und ich sage dir, wer du bist! Gelobt von der Berliner Asphaltpresse, gelobt von der Partei der Deserteure […]« – damit war die SPD gemeint, was im Parlament einen Aufruhr verursachte, Goebbels einen Ordnungsruf einbrachte, eine Unterbrechung notwendig machte und schließlich den Ausschluss Goebbels’ von der Sitzung zur Folge hatte. Hindenburg habe dem »nationalen Deutschland […] die Uniformen ausgezogen«, hatte Goebbels(4) gerufen. Das sind schmerzhafte Nadelstiche für den Alten, und sie zielen darauf ab, ihn von Brüning zu lösen.

In der bürgerlichen Mitte wiederum versucht man, beide Hindenburg(16)-Hälften zu verbinden. Die Vossische Zeitung schreibt vom »Friedens-Marschall« und operiert überdies verdächtig oft mit dem Führer-Begriff – eine Anleihe bei den Nazis, die Hitler(18) als ihren »Führer« bezeichnen. »Der Führer bleibt«, titelt das Blatt am Tag nach dem ersten Wahlgang, zuvor hatte es vom »wahren Führer« geschrieben und später, am Tag des zweiten Wahlgangs, vom »Führer in Krieg und Frieden«. Auch wenn der Begriff damals eine weite Verbreitung findet, sind es vor allem die Nationalsozialisten, die vom »Führerprinzip« schwadronieren. Alle politischen und gesellschaftlichen Sektoren sollten nach diesem hierarchischen Prinzip aufgebaut sein, so deren Ideologie. Mit Hans Kelsen(1) gibt es einen renommierten Staatsrechtler, der im Gegenzug festhält, dass sich die Demokratie durch »Führerlosigkeit« auszeichne. Dennoch verzichten auch die demokratischen Parteien nicht auf den Begriff.[58]