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Die Streitschrift stellt die moralische Kompetenz der Menschheit und die theoretische Option möglicher Handlungsfreiheit des Individuums infrage. Eine Kritik, ein Erklärungsversuch und eine Prognose sich abzeichnender, ruinöser sozialer Entwicklungstendenzen, die jedes verfügbare, empirisch verifizierte Wissen, jede theoretisch mögliche Vernunft außer Acht lässt. Warum handeln die Menschen in der Regel inhuman und unbedacht, obwohl alternative, ethisch vernünftigere und auch konsistentere Handlungsoptionen vorhanden wären? Setzen die begrenzten, geistigen Fähigkeiten hier zu enge Grenzen der Wahrnehmung, der Erkenntnis und in Folge der Vernunft? Ist nicht die Vernunft, sondern der egozentrische Selbsterhaltungstrieb, die zwingende Handlungsstrategie des menschlichen Geistes und somit die Annahme einer möglichen besseren Welt eine naive Illusion? Eine sehr persönliche Analyse aus Betrachtung und Erfahrung des diskrepanten menschlichen Verhaltens der Vergangenheit mit dem misslichen Resultat, frei nach Schopenhauer: Die real existierende Welt ist wohl die schlechteste, überhaupt denkbare Vorstellung.
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2021
Klaus A. Sartorius, Jahrgang 1953, arbeitete dreißig Jahre als selbstständiger Unternehmer in der Baubranche, bevor er sich ausschließlich mit dem beschäftigte, was ihm in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend suspekt wurde, dem, im Grunde unkultivierten, barbarischen Wesen des Menschen mit der letztlichen Frage: Ist die Möglichkeit des „guten Menschen“ im Wesen dieser Kreatur determiniert oder ist diese Annahme per se Unsinn? Die Streitschrift „Trübe Sicht“ fasst seine kritischen Gedanken über den Menschen und dessen ambivalentes Wesen zusammen.
Klaus A. Sartorius
Trübe Sicht
Menschliches zwischen Sein und Schein
© 2021 Klaus A. Sartorius
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-34995-7
Hardcover:
978-3-347-34996-4
e-Book:
978-3-347-34997-1
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Trübe Sicht
Menschliches zwischen Sein und Schein
Kapitel 1
Diejenigen, welche zu einer Erkenntnis, gelangen und glauben es anderen vortragen zu müssen, sollten sich drüber im Klaren sein, dass sie nicht mehr als eine persönlich bedingte, temporäre, oft nur diskrepant errungene Meinung, dazu darlegen können. Sie erkennen und bewerten die Dinge allein mit ihren begrenzten, geistigen Möglichkeiten, dem, bis dato erworbenen Wissen und den aufsummierten Lebenserfahrungen. Damit und den gegebenen, individuellen kognitiven Fähigkeiten, bildet sich ihre Wirklichkeit, fühlen sie sich berufen verbindliche Schlüsse aus Wahrnehmungen zu ziehen. Ein riskantes Tun in einem engen geistigen Rahmen, der, noch weiter einschränkt von Stimmungen, Neigungen, Vorurteilen, einer ganzen Palette vielerlei psychischer Bedingungen und Reizüberflutungen, die Wahrnehmungen nicht zwangsläufig zu umfassend bedachten, stabilen Erkenntnissen reifen lassen müssen. Unter diesen Bedingungen ist von einer Wahrheit, gar einer verbindlichen Wahrheit zu sprechen, ohnehin ein intellektueller Schwachsinn, denn die Möglichkeit der Wahrnehmung, in Folge die daraus abgeleitete Erkenntnis, ist individuell zu verschieden um sie zu verallgemeinern. Ein jeder nimmt schließlich etwas anderes wahr, eine Synchronisation mit den Wahrnehmungen anderer ist zwar über die kulturelle Identität gegeben, doch schlussfolgernde Erkenntnisse differieren, im besten Fall nur um Nuancen, aber sie können niemals identisch sein. Diese Diskrepanz adelt einen menschlichen Geist, sie ist das Merkmal einer, zwar von dem Intellekt abhängigen, gedanklichen Freiheit, doch sie ist ein wesentliches Merkmal der geistigen Integrität und somit einer geistigen Würde. Nicht totale Assimilation mit der Gesellschaft zeichnet einen Menschen aus, es ist die kritische Distanz zu ihr, die Grundlage eines moralisch gebotenen Abstandes oder zu vernunftorientierter, verbindender Nähe.
Mensch sein, unter Menschen leben und dabei die Würde der Individualität, eine, das menschlichen Wesen kennzeichnende Eigenheit, zu wahren, sollte im Zyklus eines Lebens die wesentliche Bestimmung dieser menschlichen Daseinsform im eigenen Selbstverständnis darstellen. Keine einfache Anforderung, zumal der Mensch sich in ständiger physischer und psychischer Entwicklung verstrickt sieht, sein Wesen keine konstante Größe von der Wiege bis zur Bahre aufweist, denn er ist eingebunden in die drei Entwicklungszyklen seiner Existenz mit ihren diskrepanten Konditionen.
Zu Beginn des Lebens, der Frühling - frisch, spritzig, voll faszinierender Impressionen, Träume, Hoffnungen, berauschende Gefühle. Die Gedanken frei von Zynismus, von Ironie; voll von arglosen, für alles nur mögliche Sein, offenen Gedanken und unbelastete Sinne am Beginn der Zeit.
Der folgende Sommer - der Sinn dieser temporären Existenz will sich selbst erfahren und erfährt letztlich nur das Diktat dieser Existenz, die Verschleierung des Seins. Was bleibt, ist das hektische Eifern nach trügerisch vernebelten Zielen, vorgegaukelter Illusionen widersinniger Ideale. So faszinierend sie auch im Bann dynamischer, suggestiver Lebensenergie erscheinen mögen, keines würde bei rationaler Beurteilung zur Aufwertung, geschweige denn zu einer Sinngebung der eigenen Existenz taugen.
Der letzte der Zyklen, der Herbst des Lebens – Versuch der Schadensbegrenzung einer großen Zahl von implodierten Lebens Konstrukten fiktiven Ursprungs, die Reduktion auf das, was möglich war und gelungen scheint, meist lediglich der Spiegel für die bittere Erkenntnis gelebter Banalität. Ein Sachverhalt, festgeschrieben ohne einen Hauch von wohltuend geschönter Poesie, nur die nüchterne Erkenntnis, die Fakten eines fast gelebten und in großen Teilen vergeudeten Daseins. Fiebriges Festhalten an dem wenigen Gelungenen. Das ist Realität in einer bitteren Form am Ende einer Zeit, morbide, schaudernd, abstoßend. Die Geschichtlichkeit des Lebens ist festgeschrieben, es bleibt nur die Betrachtung des Geschehenen.
Wo findet der Mensch, nach der Erkenntnis seiner bescheidenen Wertigkeit, aus dem Geschehenen Halt, Zuversicht, Würde? Dies könnte er in der Annahme finden, dass er, bei allen abträglichen Mängeln, doch das einzige, sich selbst bewusste, erkenntnisfähige und vernunftbegabte Wesen im erfassbaren Universum sei. Ein Unikat, vielleicht, doch was nützen ihm hypothetische Annahmen, deren problematische Substanz keinen stabilen Wert für sein labiles Lebenskonzept besitzt. Wenn er einen Sinn außerhalb seines Selbst findet, wenn er an ein transzendent Göttliches glauben kann, so findet er zumindest in einem Glauben an etwas, ob dies sich nun als plausibel oder illusorisch erweist, ein Minimum an Sinn in seiner Existenz und damit vielleicht auch ein notwendiges Quantum an menschlicher Würde. Würde, die der Psyche Halt verleiht, sie vor der Resignation bewahrt, ein resignierender, haltloser Mensch ist eine würdelose Vorstellung einer menschlichen Existenz.
Menschen, denen nur die schlichte Realität einer biologischen Existenz plausibel erscheint, sind daher aus Mangel an einer assistierenden Sinngebung, zum letzten Energieeinsatz ihrer Lebenskraft genötigt, um diese Existenz mit mess- und sichtbarer Erfolgsbilanz, in eigenem Selbstverständnis von Würde und Anstand, zu leben. Dieser Mensch wäre im besten Fall sein eigener Gott und Richter, frei und ungebunden in der Wertschätzung seiner selbst, wenn nicht diese Freiheit durch die Konfrontation und Reglementation mit dem normativen Moralkodex seiner Zeit, enge Grenzen finden würde.
Was bleibt nun dem nun, in jeder Beziehung befangenen und getriebenen Menschen, bedenkt er alle Widrigkeiten einer haltbaren Seins- und Sinndefinition, außer der nüchternen, freudlosen Erkenntnis, dass sein episodisches Leben sich nach dem Tod lediglich flüchtig, in einer endlichen, kümmerlichen Erinnerung seiner Zeit konserviert, bis es in ewige Vergessenheit gerät?
Kann das der unabänderlich ablaufenden Lebenszeit einen Schimmer Substanz, eine Bedeutung, eine Sinngebung zuweisen?
Wohl kaum, die Annahme, dass verbleibende triviale Erinnerungen, bei größtmöglicher, objektiver Introspektive eigener Wertigkeit, einen Sinn des Seins aufzeigen könnten, wäre eines menschlichen Intellekts unwürdig. Die Bedeutung, der fiktive Wert einer menschlichen Existenz, definiert sich im Allgemeinen aus dem ersichtlichen Resultat des Handelns im Hier und Jetzt, unabhängig von dessen zeitgeistig instabilem, moralischem Wert.
Das zeigt in Folge die problematische Strategie auf, die den Menschen durch seine Lebenszeit treibt. Quantität anstelle von Qualität ihrer Handlungen, mit dem Resultat, dass sie in einer blinden, wirren, raffgierigen Eile versuchen, ihrer Zeit mit übersteigertem Tun eine Bedeutung zu vermitteln.
So verhakt sich die Menschheit insgesamt in den Fängen einer, alles stupide Tun rechtfertigenden Eile in ihrer Zeit, die alles zu versprechen, zu erhöhen scheint und letzten Endes doch nichts hält. Die lediglich, im Gegensatz zu der Absicht, jeden ideellen Sinn entbehrlich macht, und zerstört. Hast und Eile, diese zeitfressende Monster die keine Zeit zum Bedenken der Dinge lassen, die Würde und den Charakter des Menschen der Lächerlichkeit preisgeben. Ein diffuser, panischer Aktionismus, dieser untaugliche Versuch in der endlichen Zeit alles nur Mögliche zu erreichen und so viel wie möglich aus der bunten Palette der trügerisch blendenden Verlockungen mitzunehmen um daraus etwas Sinn zu schöpfen.
Warum aber verfällt, das zur Vernunft fähige Wesen Mensch, einem Diktat, das ihm letzten Endes nur illusorischen Nutzen seines Tuns vorgaukelt, aber erkennbar ein Nichts an individuellem Wert zuweist, gleich einer Ameise, einer Biene, die ohne eigenen Wert, einen entbehrlichen Nutzen einer Population darstellt? Der Mensch, den ein leistungsfähiges Denkorgan auszeichnet, fähig zu gewaltigen kulturellen Entwicklungen, versagt sich elementare, individuelle Bedürfnisse. Verschließt sich selbst jeder, noch so zwingenden Erkenntnis seiner Vernunft, die nicht durch gesellschaftlich normierte Regeln zu begründen ist.
Warum versagt ein, zur Vernunft fähiger Geist, hier so kläglich? Einer, von möglichen Gründen dürfte sein, dass die Wahrnehmungs- Erfassungs- und Verarbeitungsstrategie des menschlichen Gehirns für komplexe, reaktive Anforderungen in einem engen Zeitfenster, zu einfach strukturiert ist. Bekanntes ist, wenn es sich bislang als gut erwiesen hat, auch per se, vor einer anderen prägenden, misslichen Erfahrung, gut. Das naheliegend Bewährte, und sei es noch so zweifelhaft, wird bei anstehenden, aktuellen Handlungsstrategien in der Regel den Vorzug vor Neuem erhalten. So ist das Individuum den Konventionen der Gesellschaft mehr verhaftet, als ihm bewusst sein dürfte, es wird sich ihnen nie oder selten in größerem Umfang entziehen. Dies verhindert schon der, das menschliche Handeln regulierende Trieb der Selbsterhaltung, der individuelles, existenzgefährdendes Verhalten autonom im Unterbewusstsein eliminiert. Masse anstatt Klasse, das heißt Allgemeinheit vor Individualität - ein probates Konzept der Evolution - und ohne jeden Zweifel, das Erfolgsrezept des Homo sapiens.
Eine problematische Erkenntnis, eine so missliche Einsicht über die eigene Autonomie vor allem für die daraus resultierende Wertigkeit. Solch trüben Gedanken muss sich jeder Nachdenkende, irgendwann, an einem Punkt einer kritischen Reflexion seiner Existenz, stellen, so musste auch der Verfasser dieser Schrift sich mit dem Resultat des Kalküls seines (Über)- Lebens auseinandersetzen. Für dieses Überleben verleugnete er zu oft seine Natur, sein Wesen, betrog sich um seine Individualität und Würde! Aus Angst vor unangenehmen Konsequenzen beugte er sich Konventionen, die ihm Unbehagen verursachten, die seine kreative Fantasie verkommen ließen. Die gelebten, gesellschaftlichen Konventionen waren nicht seine, er liebte sie nicht, auch die Menschen nicht, die sie verkörperten, er unterwarf sich ihnen aus Mangel an eigenem Selbstwertgefühl.
Warum nahm er es niemals wahr?
Oder verfügte er nicht über den Mut, so etwas primär Essenzielles wahrzunehmen, hatte er Angst vor den sich dann aufdrängenden Konsequenzen, der Forderung nach der alternativlosen Eigenverantwortlichkeit seines Ichs?
Früher wie heute fand, und findet die Mahnung Goethes kaum Beachtung, die Selbstachtung nicht bequemer, kniefälliger Ergebenheit vor jeder, sich aufdrängenden Nötigung, zu opfern, sich besser der eigenen Stärke zu bedienen, den Lebensweg offensiv, mit Würde zu beschreiten. Er hat diese Gedanken erst spät in seinem Leben, zu spät, gelesen. Wenn er ehrlich ist, hegt er seine Zweifel, ob er es früher, unter dem Druck, funktionale, existenzsichernde Entscheidungen treffen zu müssen, verstanden oder es überhaupt in Erwägung gezogen hätte.
Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen
Ängstliches Klagen
Wendet kein Elend.
Macht Dich nicht frei.
Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Armee
Der Götter herbei.
Es lässt sich nur schwer vorstellen, dass solche couragierten Gedanken ein, an allem zweifelndes, und weder zu sich noch zu anderen vertrauensfähiges Wesen, ohne signifikante psychische Stärke, erreichen könnten.
Wie konnte er an seinem ideellen Lebensweg etwas ändern, in seinem Frühling, seinem Sommer, seinem Herbst?
Er war nun einmal wie er war, intuitiv verstand er es, akzeptieren konnte und wollte er es nicht und das war das Dilemma seines Lebens.
Wieviel zaghafte Gedanken, Unschlüssigkeit, Mutlosigkeit und Angst bestimmten sein Handeln?
Allen Widrigkeiten zum Trotz seinen Weg gehen, sich nicht beugen, oft meinte er in wohliger Selbstgefälligkeit, dass er es tat, meistens, oder manches Mal wenigstens. Doch wenn er sich seiner Gedanken, seiner Ängste und Zweifel erinnert, stimmt etwas nicht mit dieser Rückbesinnung. In der Wechselbeziehung zwischen Sein und Schein wird der Konsens unscharf. Ist es nur die, in weiser Voraussicht, längst bestattete Erinnerung oder steckt ein ganz profanes Kalkül seiner primären psychischen Lebenserhaltungsdisposition dahinter? Diese sinnentleerte, ideologische Sackgasse, die symbolisch vom Kampf bis zur letzten Patrone faselt, anstatt sich mit der Alternative auseinanderzusetzen, sich diese letzte Patrone in den Kopf zu schießen und diesen verlorenen Konflikt nicht mit lächerlichem Ehrgefühl in endlosem Leiden zu verklären. Ist dieses Korsett der primären Selbsterhaltung letzten Endes mehr Fluch als Segen?
Kann ein Mensch, sein Werden überhaupt verlässlich, sachlichen Bewertungskriterien entsprechend, analysieren? Sicher, wenn er es zulässt kann er dies; mehr als ihm lieb sein dürfte wird er sich an seine Katastrophen, sein Versagen, die Abgründe seines Wesens, seiner Gedanken, seiner Seele, den Bausteinen der heute existierenden Person erinnern.
Dann tauchen sie auf, die Geister der Vergangenheit, sie entziehen dem Leben im Hier und Jetzt viel Energie, zerfressen die Seele und verbrennen das wohlig warme Lager beschissener Lebenslügen. Schon wenn sich die Türe zu den Speichern eingelagerter Erinnerung auch nur einen Spalt öffnet, drängen sie ans Licht, schaffen sich Platz, diese exhumierten, schleimig- modrigen Erinnerungen. Angewidert schaut der Mensch dann der Wiedergeburt einer penibel verborgenen Vergangenheit zu bis die ganze Missgeburt von Selbsttäuschungen die schön bemäntelten Erinnerungen als Illusion entlarvt und sich das ganze, selbstinszenierte Schmierentheater offenlegt.
War auch er so ein geistloser Ignorant dieser widrigen Fakten, man möchte es zu gerne nicht glauben. Doch er kann sich dieser misslichen Erkenntnis nicht entziehen, es war so, auch wenn einige vage Versuche mit zaghaften, sinnfreien Deutungen etwas Entlastung verschaffen wollen. Diese Retrospektive in die Vergangenheit, nüchtern, mit einer kräftigen Prise Masochismus, ist ein verlässlicher Fakt, eine bittere Tatsache.
Viel bitterer ist jedoch jene Tatsache, dass der Herbst, letzter, finaler Akt der drei Lebensabschnitte einer menschlichen Existenz, physisch und psychisch seine Präsenz penetrant ausweitet. Die Lebenszeit läuft ab, früher oder später. Wie der Mensch auch immer rechnet, sich selbst, etwas vermessen eine hohe Lebenserwartung in Aussicht stellt, die kalten Schleier sich ausbreitender, morbider Emotionen verdrängen die verdeckende Fieberglut exzessiven Tuns im Sommer seines Lebens. Die physikalische Zeit ist eins mit den biologischen Abläufen der Natur, der Zeit der Blüte, wie die des Zerfalls, sie kennt keine Irritation in ihrem Lauf, verteilt keine Geschenke und die Uhr seiner Lebenszeit eskortiert den Menschen mit festem Griff bis zum Ende seines Daseins.
Die verbliebene Dauer seiner Existenz kennt der Mensch in aller Regel nicht, und wenn er seinen Verstand zu Rate zieht, so wäre es klug sich zu wünschen, dass er es nie erfahren möge. Wenn es dann an der Zeit ist, sollte er, ohne sich dessen bewusst zu werden, den Weg aus seiner Zeit gehen. Die emotionale, die psychische Belastbarkeit sollte am Ende keiner nutzlosen Überprüfung unterzogen werden, vor allem, da die Kenntnis des Todestages, keinerlei nützliche und verwertbare Erkenntnis offenlegen würde, außer dem Wissen um die sich jeden Moment verringernde Zeit der physischen und psychischen Existenz.
Davor verspürt auch er Angst, Angst, die ihn lähmt, er fühlt sich noch nicht bereit für die letzte Reise, diese Reise ohne Wiederkehr, ohne Ziel, diese Reise ins Nichts. Er hat noch so viel vor und mag vieles davon ein Wunschtraum bleiben, so lebt und genießt er es mit seinen verbliebenen Möglichkeiten, den Weg seiner Träume zu gehen. Ist der Weg nicht meist reizvoller als das Ziel? Der menschlichen Natur entspricht es auf jeden Fall, sie kann nur in stetiger Hoffnung auf Veränderung existieren, denn ein Verharren in der Zeit ist unvereinbar mit der Dynamik und daher dem Sinn einer biologisch, temporären Existenz.
Hoffnung ist Inspiration, Antrieb und Kraft, Hoffnung ist die Bewegung, der Motor des Lebens. Sie kann trügerisch und falsch sein, ohne reale Substanz, doch sie erfüllt meist ihren Zweck, wenn auch oft nur lediglich als Verschleierung objektiv miserabler Lebensbedingungen. Sie ist eine mögliche, wenn auch mehr trügerische Zuversicht eines jeden Individuums aber sie ist sein Antrieb zu leben und den Weg durch die Zeit seiner Existenz zu gehen.
Die Zeit der Existenz, - ist diese Zeit, diese Existenz mehr als die Verführung einer fiktiven Hoffnung, mehr als eine Illusion, mehr als Dekoration einer perfiden Inszenierung, eines Experimentes mit vorhersehbar schlechtem Ausgang, von wem oder was auch immer arrangiert?
Diese Existenz ein Irrweg, eine Suche ohne klare Vorstellungen, wirren Zielen, trendigen Launen, diffusen Stimmungen. Fantasielose Gebilde aus den Vorgaben der Zeit, Modeschund, kreiert zum schnellen Gebrauch, nutzloser, irrationaler Müll?
Meist ist der Weg durch die Lebenszeit kalt, etwas Wärme im Frühling, dem oft ein launischer, verregneter und kühler Sommer folgt. Gibt sich der Mensch auch manches Mal dem Fieber einer Euphorie, einer Leidenschaft oder eines Tuns hin, sieht er dann die Sonne zaghaft zwischen den Formationen dunkler Wolken scheinen, es zeigt sich bald als eine Illusion der Sehnsucht. Des Menschen Mikrokosmos kann sich nur kurz erwärmen und bleibt zu oft unwirtlich. Doch er muss diesen, seinen individuellen Weg gehen, Schritt für Schritt, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Je länger er ihn geht, desto beschwerlicher gestaltet er sich, denn oft ist es nicht sein Weg, es ist lediglich ein möglicher, ein gangbarer Weg aus einer konturlosen Bestimmung, einer Bestimmung die sich aus der Ohnmacht, der Resignation eines zum existieren genötigten Menschen formt.
Leben in einer Gesellschaft, die alles assimiliert, alles einfordert was sie für ihre Funktionalität benötigt, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Die Individualität, das Ich des Menschen bleibt dabei einsam und eine Einsamkeit die kein Ende findet, macht die Seele krank. Mit der Bürde dieser morbiden Psyche können sich Gefühle nur kümmerlich entwickeln, es blieben lediglich dürftige Reste mit kaum verwertbarer Substanz zur Bildung psychisch belastbarer Wesensmerkmale. Emotionen, Empathie, wenige armselige Fragmente überdauern die Zeit, viel zu wenig, um mit der Umwelt eine stabile harmonische Beziehung einzugehen. So misstraut der Mensch im Grunde dieser Umwelt, diesen anderen Wesen zutiefst, es entwickeln sich unterschwellige, willkürliche Feindbilder, alles Außenstehende taugt dazu. Sie zu pflegen bedarf es mit den Jahren keines konkreten Anlasses, der Gelegenheiten dazu bieten sich zu viele, um sie zu übersehen.
Selten finden sich dann in der gelebten Realität auch nur Bruchstücke, einer, in Wort, Bild und Musik verklärten, schönen Welt. Auch die gewaltigen, tiefen Gefühle, welche die Dichter und Schreiber von Beginn der Sprache, der Schrift an, voller Hingabe beschrieben, sucht der Mensch meist vergebens. Was sich ihm zeigt, was er mit seiner Psyche erkennen kann, ist die Leere in den Gesichtern, den Augen der Menschen, er sieht zu oft nur den Egoismus und die frostige Gefühlsleere ihres Wesens, diese trübe Essenz, die bleibt, wenn sich ein Charakter, ohne einem höheren Zweck verbunden, auf seine lebensnotwendige Substanz extrahiert.
Was für eine fabelhafte Welt will der vom Guten träumende Mensch überhaupt finden, was für ein irrationales Traumkonstrukt stellt sich da seiner labilen Seele vor?
Das Beste für ihn ist, er vergisst dieses Fantasiegebilde im Laufe der Zeit, es gibt nur die eine Welt, diese Welt, bevölkert mit diesen Kreaturen, in der er lebt. Das ist ein Fakt, dem muss er sich stellen, nur so ist Leben möglich.
So stellt sich die Szenerie, die Grundbedingungen zur Ausbildung einer brauchbaren Psyche, eines stabilen, robusten Ichs dar. Solche essenziellen Wesenszüge verrotteten in diesem kärglichen Substrat, die Psyche adaptiert die Vorgaben der Umwelt und agiert pragmatisch. Lediglich die weisungsfreien Selbsterhaltungssysteme zeigen sich robust, halten die biologische Funktionalität, je nach bedingter Vitalität in Gang, lassen den Menschen wachsen, gedeihen und generieren im Laufe der Zeit eine angepasste Identität, eine gefällige Blende, welche die unbrauchbaren, unansehnlichen Reste einer verdorbenen psychischen Substanz vor neugierigen, bewertenden und einstufenden Blicken der Umwelt verbergen. Doch diese Blende verhüllt mit ihrer homogenen Außenseite nur den Einblick, die Innenseite weist dagegen eine löchrige poröse Struktur auf, deren Kontrolle oft zu viel Lebensenergie erfordert. Nur steht Energie dem Menschen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Wenn er von diesem Potenzial irgendwo in seiner Psyche oder Physis, einen erheblichen Mehrbedarf investieren muss, so wird dieses Mehr lediglich intern umgeschichtet und es entsteht an anderer Stelle ein Mangel. Der innere Verteilungsmechanismus geht in diesem Fall sehr pragmatisch vor, er vermeidet lange Wege und deckt diesen zusätzlichen Energiebedarf aus dem Depot Lebensfreude. Mit einer so misanthropisch disponierten Psyche ist der Wunsch nach Lebensfreude naiv oder blasphemisch, folglich eine kluge, rationale Entscheidung der neuralen Systeme, es gleich gar nicht zu versuchen. Was nun zwingend zu dem logischen Schluss führt: Lebe und arbeite, eine probate Sicht der Dinge, dieser Imperativ des kleinstmöglichen Nenners eines solchen Vegetierens, um die Zeitspanne zwischen Geburt und Tod zu ertragen.
Wie lässt sich eine Existenz, eines, den gegebenen Intellekt nützenden Menschen, unter solch misslichen Bedingungen überhaupt ertragen? Oft nur durch eine interne Umschichtung psychischer Energie, die sich, abgezogen von unrationellen, fruchtlosen sozialen und moralischen Interaktionen, zu einer, diesen Mangel kompensierenden, opportun ausgerichteten Fähigkeit des Beobachtens, Analysierens und des zweckdienlichen Reagierens auf die Anforderungen der Umwelt, ausrichtet. Die so angehäufte Erkenntnis und die Eignung, daraus entsprechende kognitive Schlussfolgerungen zu ziehen, kann die geistige und emotionale Reifung jedoch soweit gedeihen lassen, dass mit dem Resultat kaum noch verlässliche Gemeinsamkeiten mit der egozentrisch strukturierten Umwelt, dieser Zusammenrottung selbstsüchtiger Kreaturen, zu finden sind. Doch es ist alternativlos die einzige Umwelt, es gab und gibt keine andere und auf deren Dienste ist das Individuum angewiesen. Deren soziale Interaktionen, von denen es auch partizipiert, sichert seine Existenz. Dafür erwartet die Gemeinschaft Dankbarkeit und Demut, die staatliche Gesellschaft die Akzeptanz ihrer Normen und Gesetze. Dafür muss der Mensch sogar ein moderates Maß an Verständnis aufbringen, soweit es der Funktionalität, einem lebbaren Miteinander von Menschen dient. Für weitere, dubiosen Ideologien geschuldete Verhaltensnormen, gilt die treffende Annahme: Wie selig sind doch die Armen im Geiste, was für einen unschätzbaren Vorteil diese „Armen“ doch im Possenspiel schändlicher Demagogen und ihrer perfiden Suggestionen über Moral, Glauben, Gehorsam, Treue usw. besitzen. Eine Menge emotionaler Erkenntnisse aus der subjektiven Sichtweise, besonders unter dem Einfluss misslicher psychischer Prägung eines Betrachters.
Kapitel 2
Wie aber erkennt und bewertet ein denkendes, aus bedingter Erkenntnis introvertiertes Ich, einsichtig und nachvollziehbar die anderen, die Gesellschaft? Es stehen zur Orientierung verschiedene Theorien zur Verfügung. Plausibel und zugleich pauschal entschuldigend erscheinen die Theorien, die Denkmodelle des Konstruktivismus, der davon ausgeht, dass die eigenen Vorstellungen nicht das Maß der Dinge von der Wirklichkeit seien und somit keinen verbindlichen Wert darstellen. Der radikale Konstruktivismus drückt es gefälliger aus, er nimmt an, dass die Wirklichkeit lediglich ein beobachterabhängiges Phänomen – eben ein Konstrukt – ist, das auf der Interpretation von Wahrnehmungen, individuell verschiedenen Annahmen, Vorstellungen und Wünschen beruht. Alles Wissen über die Welt ist durch das Gehirn aus Wahrnehmungen der Sinne konstruiert, daher individuell einzigartig, sodass eine objektive, allgemein verbindliche Erkenntnis nicht möglich ist. Die aus verarbeiteten Wahrnehmungen empfundene Wirklichkeit ist ein Konstrukt des Gehirnes. Die Gehirnforschung untermauert dies wie folgt: Alle Sinnesreize leiten die Sinnesorgane elektrisch/chemisch über Nervenbahnen und Synapsen in das zentrale Nervensystem. Diese Reize werden dort in verschiedenen Zentren verarbeitet, an Bekanntem geprüft und interpretiert, und das Ergebnis auf der Großhirnrinde als wahrgenommene, subjektive „Wirklichkeit“ aufgezeigt. Neurobiologische Erkenntnisse zeigen auf, dass das Gehirn keinen direkten Zugang zur Welt besitzt, diese nicht direkt erfassen kann, sondern für deren Erkennen ein Bild der Welt konstruiert das mit seiner Funktionsweise kompatibel ist. Erkennen ist aus konstruktivistischer wie neurobiologischer Sicht eine Konstruktion von der Wirklichkeit oder das subjektive Erzeugen einer eigenen Welt. Bei konsequenter Annahme dieser Theorie kann sie dann jedoch auch nicht für sich in Anspruch nehmen, „wahr“ oder „wirklich“ zu sein, aber sie ist zumindest vom erkennenden Subjekt her logisch begründ- und nachvollziehbar ohne vertraute Mystifikationen zu Rate ziehen zu müssen.
Bei all diesen Kriterien schließt sich eine sachliche stabile Norm des Wahrnehmens, Erkennens und Bewertens per se aus. Zu dem, das der sich in immer kürzeren Perioden verändernde Zeitgeist eine, ständige Adaption aktueller Zustände erfordert. Wahrnehmen, erkennen und bewerten lässt sich nur unter Einbezug des zugehörigen Zeitgeistes, dessen Abtrag im Gehirn ein entscheidendes Bewertungskriterium repräsentiert.
Zudem spielt die Perspektive des Erkennenden, vorab sein Wohlwollen zum Objekt, eine wesentliche Rolle. Auch die Distanz zum Objekt ist von Bedeutung. Eine zu große Nähe wie ein zu großer Abstand trüben bzw. verfälschen die Wahrnehmung und eine mögliche, verbindliche Erkenntnis. Zuletzt noch die Überlegung: Muss etwas anerkannt sein, um es zu erkennen, oder kann es erst nach dem Erkennen anerkannt werden? Nur was für eine Qualität besitzen Erkenntnisse überhaupt, wenn die Gedanken des griechischen Philosophen Heraklit (500 v. Chr.) zur Bewertung herangezogen werden: Dem, was ich geschaut, gehört, gelernt habe, gebe ich den Vorrang. Doch schlechte Zeugen sind den Menschen Augen und Ohren, wenn sie barbarische Seelen haben.
Viele sachliche Kriterien stehen im Hintergrund der Sicht auf die Dinge dieser Welt und sollten einer zu emotionalen, unbedachten Beurteilung Grenzen setzen. Sollten sie das, oder ist nicht das eigene Empfinden inmitten, und im Rahmen eines noch zeitlich fühlbaren Geschehens, ein robusteres Kriterium als Gedanken und Gefühle anderer zu adaptieren, diese sich zu eigen zu machen? So gesehen gibt es wenig Anlass, eigene Eindrücke, eigene Erkenntnisse, gängigen Theorien anzupassen, mögen individuelle Wahrnehmungen und wenn deren Erkenntnisse noch so problematisch erscheinen, eine Überlegung sind sie allemal wert.
Vor jeder möglichen Erkenntnis über eine Gesellschaft stellt sich die Frage, aus was für Einzelwesen diese sich zusammensetzt. Wesen, einer Art, derer jeder, der nachdenkt, auch angehört, der einzigen, die in dieser Form bekannt ist. Einer Art von Lebewesen, der, je mehr einer aus ihrer Mitte ihr Verhalten analysiert und taxiert (das eigene eingeschlossen), umso überdrüssiger werden kann. Keine optimale Basis des Erkennens, doch die zum Erkennen notwendige Distanz und Nähe, auch ein Maß an Wohlwollen zum Objekt, ist jedoch durch die Wesensgleichheit immer gegeben.
Die Gesellschaft, von der die Rede ist, setzt sich aus Lebewesen der Gattung Tiere zusammen, die offenbar eine bemerkenswerte kollektive Erfolgsgeschichte auszeichnet. Sie sind eine der Schöpfungen der Natur, die den rationalen Selektionsprozess der Evolution für sich entscheiden konnte. Lebewesen, das durch Sprache, der Fähigkeit sich selbst zu denken, zu vernunftgeprägten, reflektierenden und analog zu vorausschauenden Entscheidungen fähig wurde. Ein entscheidender Vorteil im Überlebenskampf in und mit der Natur, der sie durch diese höhere Wertigkeit über jede andere Kreatur stellt. Zu Recht? Mit schnellem, unbesonnenem Blick auf die gefällige Fassade, könnte man meinen, ja. Ergründet jedoch ein Betrachter die individuelle Überlebensstrategie der Gattung, ist diese weder gegenüber der sie erhaltenden Natur bemerkenswert verantwortlich, noch ist sie im eigenen Interesse rational oder von Vernunft geprägt und selten humanen, ethischen Grundsätzen verpflichtet. Sie ist vor allem mit einer, nur dem Individuum selbst verpflichtender Eigendynamik, progressiv ausgerichtet.
Überwiegend setzt sich die Menschheit aus Individuen zusammen, die, singulär wie kollektiv, einen rigorosen Anspruch auf gefällige Beachtung, Wahrnehmung und Überhöhung ihrer Person, ihrer Art, unter Verzicht auf hemmende Scheu und Scham, vor wem und was auch immer, einfordern. Kreaturen, die diesen Anspruch, meist ohne lästige Rücksicht auf die natürlichen Ansprüche und Rechte wirtschaftlich und sozial schwächerer Menschen, nachrangiger Tierwelt, wie der gesamten Vegetation, für sich durchsetzen.
Von ihrer Natur her sind sie pathologische Narzissten par exellence, die sachlich betrachtet, letztendlich nach Beendigung ihrer temporären Existenzform, einfach aus dem Lauf der Zeit verschwinden. Sie sind nach dem Ende ihrer Existenz keinem positiven Recht, keinem Naturrecht, keiner sozialen oder moralischen Norm, mehr Rechenschaft schuldig, sie sind ihrer Verantwortung entschuldet. Tilgung jeder Schuld durch das Ende der Existenz, den Tod, da lässt es ich doch auch mit eklatanten charakterlichen Mängeln gut leben!
Schuld nach irdischem, wie auch immer definiertem Recht, verbleibt bei der temporär existenten Menschheit auf ihrem Planeten. Das Universum, sollte es denn in irgendeiner Beziehung mit beendeter irdischer Existenz in hypothetischer Verbindung gebracht werden, ist Entstehen und Vergehen nach physikalischen Gesetzen, nicht mehr und nicht weniger, ein rechtsfreier Raum. Die Befindlichkeiten der Menschen sind lediglich im Zeitraum ihrer Existenz und in Gemeinschaft mit ihresgleichen, allein für sie von Bedeutung. Mit dem Ende ihrer Existenz endet alles, was das Individuum war, gut oder schlecht kann keinen, alle Aspekte berücksichtigenden, verbindlichen Wert mehr darstellen. Es fehlt jede Norm, auch die Wahrnehmung aus einer, über den Dingen stehenden Perspektive, die ein zuträgliches Verhalten der Kreatur Mensch im und für das Universum festlegen und bewerten könnte.
Verbleibt hier noch das Wunschbild, die imaginäre Hoffnung aller Bedrängten und Träumer, das von angstvollen und ratlosen Menschen erschaffene und nach ihren Bedürfnissen modellierte Wesen Gott, in seiner jeweiligen zeitgenössischen Ausführung, als überirdische Gerechtigkeit, die posthum irdische Verfehlungen „bestrafen“ und die Duldsamkeit widriger Lebensumstände belohnen könnte. Ein naiver Wunschtraum, zumal zu befürchten wäre, dass das anfallende Arbeitspensum auch einen Gott überfordern würde.
So zeigt sich die Spezies Mensch, auch bei wohlwollender Betrachtung als Basis möglicher Erkenntnis, einem emanzipierten Geist, mit kritischer Distanz zu seiner eigenen Art, als eine, mit kläglichem Intellekt ausgestattete, parasitäre, egoistische Kreatur außer Rand und Band. Eine Kreatur, sich selbst bewusst, die dieses Selbst nur unter größten Mühen ertragen kann, die ihrer eigenen Ausrottung des Öfteren nur knapp durch glückliche Umstände entging. Ein Lebewesen der Natur, mit untrennbarem Band zur Natur, ihrem Ursprung, verbunden. Die diese Verbindung jedoch zu gering schätzt, sie sträflich unterschätzt, doch von dieser Natur aber mit dem größten Recht erwartet, dass sie diese übermütige Affenpopulation klaglos erhält und erträgt.
Diese Kreatur, entstanden aus einer kosmischen Substanz, die man durchaus als natürlichen, kosmischen Müll klassifizieren könnte, wie alles, was existiert, ignoriert geflissentlich den Ursprung ihrer Herkunft sowie die, lediglich aus Hypothesen und deren problematischen Schlussfolgerungen abgeleitete Genese ihrer biologischen
