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Gay-romantischer Kurzroman „Dir wird nichts Schreckliches widerfahren, wenn du heimfährst, auch wenn die Angst es dir einreden will. Zu Hause wartet Liebe auf dich.“ Vor fünf Jahren schlug das Schicksal zu. Seit dieser einen Nacht lebt Silvan im sonnigen Süden Frankreichs und versucht zu vergessen. Es ist ihm psychisch praktisch unmöglich, zu seiner Familie heimzukehren. Doch dieses Jahr will er seine Dämonen endlich bezwingen und Weihnachten bei seinen Liebsten sein. Remy ist jede Ausrede recht, Narbonne verlassen zu dürfen. Was auch immer ermöglicht, Weihnachten nicht bei seiner Mutter verbringen zu müssen, ist für ihn ein Grund zum Feiern. Was Weihnachten überhaupt bedeuten soll, das hat er noch nie verstanden … Zwei einsame, verletzte Seelen auf der Reise zu sich selbst – nicht gesucht und trotzdem gefunden. Ca. 37.000 Wörter Im normalen Taschenbuchformat hätte diese Geschichte knapp 200 Seiten
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Gay-romantischer Kurzroman
„Dir wird nichts Schreckliches widerfahren, wenn du heimfährst, auch wenn die Angst es dir einreden will. Zu Hause wartet Liebe auf dich.“
Vor fünf Jahren schlug das Schicksal zu. Seit dieser einen Nacht lebt Silvan im sonnigen Süden Frankreichs und versucht zu vergessen. Es ist ihm psychisch praktisch unmöglich, zu seiner Familie heimzukehren. Doch dieses Jahr will er seine Dämonen endlich bezwingen und Weihnachten bei seinen Liebsten sein.
Remy ist jede Ausrede recht, Narbonne verlassen zu dürfen. Was auch immer ermöglicht, Weihnachten nicht bei seiner Mutter verbringen zu müssen, ist für ihn ein Grund zum Feiern. Was Weihnachten überhaupt bedeuten soll, das hat er noch nie verstanden …
Zwei einsame, verletzte Seelen auf der Reise zu sich selbst – nicht gesucht und trotzdem gefunden.
Ca. 37.000 Wörter
Im normalen Taschenbuchformat hätte diese Geschichte knapp 200 Seiten
von
Sandra Gernt
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Epilog
„So geht das nicht weiter, Kleiner.“
Freddy starrte ihn vorwurfsvoll an, und obwohl sich ein Bildschirm und rund 1500 Kilometer zwischen ihnen befanden, zuckte Silvan zusammen und musste kämpfen, um sich nicht im Reflex zu ducken.
Seit fünf Jahren tat er nichts anderes, als sich zu ducken. Vor dem Leben. Vor allem, was in irgendeiner Weise Stress bedeuten könnte. Vor seiner Familie, insbesondere seinem Vater und seinem älteren Bruder Freddy. Der hieß natürlich Frederik, aber das war ihm schon immer zu langweilig gewesen, darum nannte jeder ihn Freddy. Mit viel Mühe hatte Silvan ihm abgewöhnen können, ihn „Silly“ zu nennen, seitdem er wusste, welche Bedeutung dieses Wort in der englischen Sprache hatte. Wer wollte schon „dumm“ genannt werden?
Als Kinder hatte man ihn und Freddy oft für Zwillinge gehalten, weil nur gut ein Jahr zwischen ihnen lag und sie beide rotblonde Wuschellocken und Sommersprossen besaßen. Freddy war lediglich ein bisschen größer als er, sie hatten sogar die gleichen blaugrauen Augen. Jetzt als Erwachsene sah man die Unterschiede zwischen ihnen besser, zumal Freddy einen Vollbart besaß, während Silvan es bevorzugte, sich glatt zu rasieren. Es war ihm viel zu viel Stress, einen Bart sorgsam zu pflegen.
Alles war zu viel Stress, seit diesem einen Tag vor fünf Jahren. Der Tag, als sich sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatte, was dazu führte, dass er nach Narbonne in Südfrankreich geflohen war und seitdem nicht wieder nach Hause kommen konnte. Hier im sonnigen Süden, umgeben von Menschen, die so anders waren als der typische Norddeutsche mit seinem eher distanzierten, etwas unterkühlten Gemüt, hatte er sich verstecken und unbehelligt dahinvegetieren können.
Den Lebensunterhalt bestritt er als Kolumnenschreiber für verschiedene Onlineportale. Dafür musste er das Haus nicht verlassen, allerdings auch ohne Pause täglich viele Stunden recherchieren und schreiben, um gut über die Runden zu kommen.
Er bemühte sich, jeden Tag einen kurzen Spaziergang durch seine Wahlheimat zu machen. Narbonne war eine fantastische Stadt, die ihn nach wie vor begeisterte und überraschte. Einst die Hauptstadt des gallischen Römerreiches, von Mauren erobert, im Mittelalter fast vollständig zerstört und trotzdem nie untergegangen. Silvan liebte das Klima, die uralte, wechselvolle Geschichte, die man an jeder Straßenecke atmen konnte. Die Ruinen, das viele Wasser, das Narbonne prägte, die Sonne, die praktisch nie aufhörte zu scheinen. Er liebte die unvollendete Kathedrale, er liebte sogar die Menschen hier, die temperamentvoll und offen waren und sich nicht darum scherten, wer er war. Schon weil er nicht viel mit ihnen interagieren musste, außer beim Einkaufen oder wenn ein Nachbar ihn freundlich grüßte, kam er hier problemlos zurecht. Er konnte so tun, als wäre er jemand anders. Als wäre er ein Franzose, der hierher gehörte, als wäre er ein ganz gewöhnlicher Mann, der sein Leben vollkommen im Griff hatte.
„Silvan, Mama hält das nicht mehr länger aus. Sie schafft kein weiteres Weihnachten, wenn sie dein Gesicht nur auf einem kleinen Tablett sehen kann. Sie will dich umarmen, verdammt noch mal. Du kommst nach Hause, du bleibst gefälligst ein paar Tage, und dann kannst du gerne wieder nach Frankreich abhauen. Haben wir uns verstanden?“ Sein Bruder brachte sich energisch in Erinnerung, nachdem Silvans Gedanken für einen Moment auf Wanderschaft gegangen waren.
„Freddy … Du weißt, ich schaff das nicht. Ich will ja, ich sterbe vor Sehnsucht nach euch allen, aber ich kann es nicht. Sonst wär ich längst nach Hause gekommen. Das hab ich euch immer und immer und immer wieder gesagt. Wenn es einfach wäre, hätte ich es längst getan.“
„Du hattest fünf Jahre Zeit, dich zu erholen. Du hast es geschafft, ewig weit zu reisen, als du noch voll unter Schock standest. Erzähl mir nicht, dass es einfach nicht möglich ist. Du musst es möglich machen. Wirklich, Mama hält das nicht mehr aus. Sie weint deinetwegen. Und frag nicht, wie es Papa und mir geht.“ Freddys Blick wurde etwas weicher, obwohl seine Miene streng blieb. „Kleiner, wir wissen, dass es hart für dich ist. Was da passiert ist, hätte niemals passieren dürfen. Aber das Leben muss doch trotzdem weitergehen. Wärst du hier geblieben, hier im Kreis deiner Familie, dann hätten wir dich unterstützen können, dann hätten wir dafür gesorgt, dass du in Therapie kommst. Die Idee, dich in Südfrankreich zu vergraben und allein dort zu verwittern, die fand ich schon immer vollkommen Scheiße. Es tut mir leid, aber es muss einfach auch mal gesagt werden, wie es ist.“
Silvan sank in sich zusammen, er konnte den Blick nicht länger auf den Bildschirm gerichtet halten. Es war für ihn unmöglich zu sagen, was ihn damals getrieben hatte, als er die Flucht angetreten war. Er wollte einfach nur fort, so weit weg wie möglich. Er hatte sich in den Zug gesetzt und war in den Süden gereist, ohne wirklich zu verstehen, warum und wohin es ging.
Schließlich war er in Narbonne hängen geblieben. Eigentlich nur, weil kein Zug weitergefahren war, als er ankam und eine alte Frau ihm spontan etwas zu essen geschenkt hatte. Dann bekam er einen Platz in einer hübschen kleinen Pension und der Wirt, der aus dem Elsass stammte und ausgezeichnet Deutsch sprach, plauderte über eine kleine Wohnung, die zum Vermieten frei stand. So hatte eins zum anderen geführt … Es war nie sein Plan gewesen, sich hier ein Leben aufzubauen. Oder vielmehr, eine Existenz. Leben konnte man nicht nennen, was er hier tat. Er existierte. Und ja, er hatte seine Familie so weit hinter sich gelassen, obwohl keiner von ihnen Schuld an dem trug, was ihm widerfahren war.
Als die Flucht mit einem Mal beendet war und die Widerstandskraft ihn schlagartig verlassen hatte, war er zusammengebrochen. Tagelang hatte er in seiner kleinen Wohnung im Bett gelegen und einfach nur geweint. Und dann war er dort geblieben, dort, wo das Wetter sonnig und mild war, sich alles etwas leichter anfühlte als im dauergrauen Norden.
Seine Familie hatte ihn zweimal hier besucht und ihn angefleht, nach Hause zu kommen. Leider war er nicht in der Lage gewesen, mit ihnen zu fahren, und er hatte versucht, es ihnen zu erklären. Aber wie sollte man erklären, was man selbst nicht begriff?
„Ich will euch doch nicht weh tun“, sagte er leise. „Ich will doch wirklich nicht, dass irgendjemand meinetwegen leiden muss. Ich will nicht, dass Mama weint. Es genügt doch, wenn ich weine! Ich bin so kaputt, und ich weiß nicht, wie ich jemals wieder ganz werden soll. Hier in Narbonne kann ich es irgendwie aushalten, ich zu sein. Allein bei dem Gedanken, in den Norden zu reisen, drückt es mir alles ab. Ich könnte niemals im Leben wieder den Zug steigen und diese weite Strecke fahren. Dorthin zurück, wo … Ich schaff das nicht.“
„Dass du’s nicht allein schaffst, ist mir klar“, sagte Freddy sanft. „Wenn ich könnte, würde ich ins Auto springen, zu dir fahren, alles einpacken, was du besitzt, dich fesseln und knebeln, in den Kofferraum werfen und einfach wieder mit mir nach Hause bringen. Du hättest gar keine Chance! Aber ich komm ja hier momentan nicht weg. Sonst hätte ich es längst getan.“
Natürlich verstand Silvan das gut. Freddy war gerade Vater geworden. Seine Frau Leonie hatte vor wenigen Wochen einen wunderschönen kleinen Jungen zur Welt gebracht, den Silvan bislang nur von Handyfotos kannte, und natürlich von den Videoanrufen, die einfach kein Ersatz für echten menschlichen Kontakt waren. Leonie hatte einen Kaiserschnitt gehabt und erholte sich bloß langsam. Selbstverständlich konnte Freddy sie nicht allein lassen, nur um den kaputten, depressiven kleinen Bruder nach Hause zu holen, der zu dumm war, um sein Leben in den Griff zu bekommen. Da ihre Eltern beide noch berufstätig waren, konnten auch sie nicht einspringen.
„Pass auf“, sagte Freddy. „Such dir eine Reisebegleitung. Im Netz gibt es doch Apps für alles. Garantiert gibt es auch eine Travel Buddy-App. Mit jemandem an deiner Seite, vor dem du dich nicht blamieren willst, weil es ein Fremder ist, sollte es doch irgendwie zu schaffen sein, bis Weihnachten nach Hause zu kommen. Okay? Silvan, ich akzeptiere kein Nein. Du machst das, du schaffst das.“
Eine App als Lösung? Silvan bezweifelte sehr, dass er jemanden finden würde, der es mit ihm aufnehmen wollte.
Sein Problem war schon sehr speziell, und er hasste sich selbst dafür. Sein Körper war gesund. Ja, er hatte Narben, er hatte Schmerzen. Insgesamt war sein Körper in bestmöglicher Ordnung. Alles funktionierte, es gab also keinen Grund, sich behindert zu fühlen. Dabei war er behindert. Seine schwere Depression, seine massiven Ängste, sie schränkten sein gesamtes Denken, Fühlen und Handeln ein. Er konnte nicht der Arbeit nachgehen, die er gelernt hatte. Er konnte nicht dort wohnen, wo er von Rechts wegen hingehörte. Wo seine Familie war. Wo er zu gerne sein wollte.
Er konnte es nicht. Und er konnte verdammt noch mal nicht einfach in ein fremdes Auto steigen und sich von einem Wildfremden nach Hause fahren lassen, um wenigstens zu Weihnachten bei seinen Liebsten zu sein. Damit seine Mama nicht weinen musste. Diese verdammte Behinderung beeinträchtigte nicht nur ihn selbst, sondern eben auch die Menschen, die zu ihm gehörten. Die wenigen, die ihm geblieben waren, versteht sich.
Er war ein verdammter Krüppel. Er durfte das sagen, denn genauso fühlte er sich. Verkrüppelt. Wertlos. Ein Verlierer. Freddy war ganz bestimmt kein Mensch, der anderen das Leben zusätzlich schwer machte und auf ihren Schwächen herumtrampelte.
Doch Freddy hatte vollkommen recht. Es musste etwas geschehen. Silvan musste diesen Kampf aufnehmen. Nicht nur für seine Mama, für seinen Vater, für seinen Bruder, für seinen kleinen Neffen, den er so gerne in den Armen halten würde. Er musste es für sich tun. Bevor es zu spät war und er es irgendwann gar nicht mehr zur Tür hinaus schaffte. Nicht einmal mehr zum Einkaufen oder am Kanal abhängen. Er musste etwas tun!
Als das Gespräch vorbei war, saß er vielleicht eine Stunde lang still da und starrte ins Nichts. Dann fuhr er seinen Laptop hoch und sah sich nach Apps um. Travel Buddy Apps. Es war verblüffend, wie viele es gab. Einen zuverlässigen Reisebegleiter zu finden, war offenkundig gar kein kleiner Markt. Verständlicherweise gab es einige Apps, die sich ausschließlich an Frauen wandten. Klar, Single-Frauen wollten auch in den Urlaub, nicht unbedingt allein, denn wo blieb da der Spaß? Und lieber mit einer anderen Frau an ihrer Seite, die keine eventuellen romantischen Ideen entwickelte. Das konnte er absolut gut verstehen.
Da waren Apps für queeres Volk. Hier wurden romantische Ideen explizit inkludiert. Es gab einige, wo Reisegruppen angeboten wurden. Nach Alter sortiert, und sehr auf Touristenhochburgen spezialisiert. Und dann gab es noch andere Apps, wo man Fahrgemeinschaften für ein festes Ziel bilden konnte, um sich die Spritkosten zu teilen und lange Strecken mit dem Auto nicht allein bewältigen zu müssen. Das war ja genau das, was er suchte, mit wenig Hoffnung, es haben zu können.
Silvan meldete sich bei einer davon an, was erstaunlich aufwändig war, und verbrachte den restlichen Tag damit, die Anzeige zu formulieren, die er aufgeben wollte. Er konnte nicht verschweigen, welche Special Effects er besaß. Es war auch so klar, dass er keine Mitfahrgelegenheit bekommen würde, sobald er ehrlich war. Genauso war klar, dass die Leute ihn aus dem Auto treten würden, wenn er irgendetwas verheimlichte. Vorausgesetzt, er schaffte es überhaupt ins Auto rein.
Ach, es war sinnlos! Wenigstens konnte er Freddy beweisen, dass er es versucht hatte. Sein Scheitern stand jedenfalls schon fest. Oder?
***
„Mach es!“, sagte Zoé und stieß Remy auffordernd in die Seite. „Du hast nun mal nicht genügend Geld für Benzin und Unterkunft für Hin- und Rückfahrt. Und ein netter Typ, um sich zu unterhalten, wäre definitiv besser, als vor Langeweile am Steuer einzuschlafen und dich kaputtzufahren.“
„Und wenn es jemand ist, der beim ersten Kontakt nett wirkt und sich dann als totaler Arsch entpuppt?“, entgegnete Remy und betrachtete seine Freundin.
Zoé war ein weiblicher Kumpel. Sie kannten sich seit dem Gymnasium und hatten später auch die Krankenpflegeschule gemeinsam besucht und sich finanziell durchkämpfen müssen – nur die Einsatzzeiten in der Klinik wurden vergütet, während der Unterrichtszeiten in der Ausbildung gab es nichts, und sie hatten beide kein Glück bei den Bewerbungen auf ein Stipendium gehabt. Was de facto dazu führte, dass sie nebenher als Aushilfen im Krankenhaus gearbeitet hatten, um sich Wohnung, Essen und ein bisschen Luxus finanzieren zu können.
Zoé war aktuell mal wieder Single, sie hatte ein ausgeprägtes Händchen für Kerle, die es einfach nicht wert waren. Leider hatten sie das gemeinsam; auch Remy hatte seit Jahren nur Pech mit den Männern und bevorzugte es im Moment, Single zu bleiben. Sie wohnte in einer WG mit zwei Frauen zusammen, Alyssia und Danielle, mit denen auch Remy platonisch befreundet war. Außer diesen drei Freundinnen gab es keine Person, die ihm wirklich nahestand. Mit einigen Kollegen im Krankenhaus hatte er ein etwas engeres Verhältnis, er mochte die meisten von ihnen ganz gern. Es störte ihn nicht. So wie es war, fühlte es sich gut für ihn an. Bis auf dieses eine, familienbedingte Problem …
„Komm, melde dich einfach an und probiere es aus! Vielleicht findest du ja einen alten Knacker über sechzig, der die Tour machen will. Der nervt dich garantiert nicht und du kannst ihm helfen, die Bluthochdrucktabletten zu sortieren.“ Zoé stieß ihm freundlich in die Seite. Schon wieder.
„Ach komm, ich weiß nicht.“ Remy gehorchte trotzdem und füllte alle erforderlichen Datenfelder aus und marschierte durch den nervtötend anstrengenden Registrierungsprozess, bevor er Zugang zu den Anzeigen erhielt, die auf Narbonne und Umgebung optimiert waren. Er war enttäuscht, obwohl er sich genau das schon gedacht hatte: Kaum jemand wollte so kurz vor Weihnachten eine Mitfahrgelegenheit von Narbonne nach Deutschland. Lediglich zwei Anzeigen wurden ihm angeboten.
Bei der einen war der Startpunkt siebzig Kilometer von Narbonne entfernt, was Remy durchaus in Kauf nehmen würde, und es sollte nach Bayern gehen. Da wollte er nicht hin! Die andere war an sich ein Volltreffer. Jemand fragte nach einer Fahrgelegenheit von Narbonne nach Hamburg. Ja, ins Hinterland von Hamburg, offenkundig ein kleineres Städtchen oder ein Dorf, ungefähr eine Dreiviertelstunde Fahrt vom Elbtunnel aus gesehen. Auch das wäre kein Problem. Da war etwas anderes, was ihn störte.
Er öffnete die Anzeige. Der User hatte ein Profilfoto hinterlegt, es zeigte einen sympathischen Mann mit lustigen Sommersprossen. Er war in Remys Alter, genau dreißig, und somit ein Jahr älter als er. Sein Text war allerdings ungewöhnlich. Ungewöhnlich kurz vor allem. Er schrieb, wohin genau er wollte, dass er für sämtliche Kosten auf der Fahrt zur Hälfte aufkommen würde, und hatte hinzugefügt: „Ein Videoanruf vorab ist unabdingbar, zur Absprache der Details.“
„Das klingt doch super!“, rief Zoé enthusiastisch. „Nett sieht der aus. Wie ein Ire. So was mag ich ja.“
„Ich bin mir nicht sicher“, erwiderte Remy. „Normalerweise gibt es nicht so viele Details abzusprechen, die nicht auch schon in der Anzeige stehen könnten. Ich glaube nicht, dass das üblich ist. Er wird ein Problem haben, vielleicht eine psychische Störung oder irgendeine Behinderung. Mir ist nicht so danach, mit jemandem zu fahren, der gewalttätige Stimmen hört, der an Epilepsie leidet oder dem jederzeit ein Aneurysma im Kopf platzen könnte.“
„Er will in deine Richtung, er kommt aus Narbonne, er will zahlen, seine Daten sind hinterlegt und bestätigt. Also sollte es doch keinen echten Hinderungsgrund geben, oder? Verabrede ein Gespräch mit ihm. Danach weißt du es besser. Hör endlich auf, dich dagegen zu wehren. Gib zu, dass es eine gute Idee von mir war.“
„Das würde ich erst sagen, wenn ich diese Fahrt gemacht habe und die problemlos war statt ein Albtraum“, brummte Remy. „Dann darfst du von Herzen gerne dreimal hintereinander flöten: Ich hab’s dir ja gesagt! Und ich werde dir dann Recht geben. Nicht vorher.“
„Ach, du bist einfach ein hoffnungsloser Katastrophenprophet!“ erwiderte sie lachend. „Bleib wenigstens einmal in deinem Leben locker! Sei spontan! Deine Jugend ist bald vorbei, wenn du noch was Cooles erleben willst, musst du dich ranhalten!“
Wie sie es schaffte, stets unbekümmert zu sein, würde für Remy wohl immer ein Rätsel bleiben. Er war derjenige, der alles überdachte und an jeder Ecke den Weltuntergang vermutete. Im Katastrophendenken war er wirklich großartig. Das war nicht einmal eine schlechte Eigenschaft in der Pflege, um die ihm anvertrauten Patienten sicher zu halten, aber sehr anstrengend, um ein glückliches Alltagsleben zu führen.
Damit Zoé ihn nicht weiter quälen konnte, schrieb er eine Nachricht an den User, und wenige Minuten später erhielt er bereits eine Bestätigung mit den Terminen für ihren Videoanruf: morgen Mittag um 12:00 Uhr.
Das war okay für ihn, Remy hatte bereits frei. Es war keineswegs leicht, als unverheirateter und kinderloser Mann über die Feiertage bis ins neue Jahr Urlaub zu bekommen; aber er hatte so viel Resturlaub und Überstunden angehäuft, zudem hatte er die vergangenen acht Jahren stets über Weihnachten Nachtschicht gehabt, dass die Pflegedienstleitung ihm diesmal keine Wahl gelassen hatte – er musste Urlaub nehmen.
Genau das war tatsächlich Remys Problem. Weihnachten stand vor der Tür, und er musste nicht arbeiten. Deswegen musste er so dringend fliehen, die Zeit wurde allmählich knapp dafür. Ob die Buddy-App ihn tatsächlich retten konnte? Er war gespannt, wie das hier ausgehen würde.
„Na, da siehst du’s“, sagte Zoé und klopfte ihm auf den Rücken. „Jammerschade, dass ich morgen arbeite, ich wäre gerne bei dem Videocall dabei. Erzähl mir, wie es ausgegangen ist. Aber vielleicht bist du morgen ja auch bereits unterwegs. Ich wünsche es dir.“
„Danke“, murmelte Remy. Selbst wünscht er sich auch, dass das hier spontan klappen würde. Es wäre keine echte Katastrophe, die ihn erwarten würde, sollte dieser Versuch nicht klappen. Es würde lediglich alles sehr, sehr anstrengend werden, und darauf konnte er gut verzichten.
***
Silvan bereute heute längst, dass er das Gespräch so spät angesetzt hatte. Er hatte gedacht, 12:00 Uhr wäre ein guter Vorschlag, weil er dann Zeit haben würde, sich emotional darauf vorzubereiten, dass auch dieser letzte Strohhalm keine Rettung bieten würde.
Seit eineinhalb Wochen hatte er mehrere solche Gespräche geführt, und jedes davon war gleichermaßen sinnlos gewesen. Sobald er erklärte, welche Spezifikationen er hatte, brachen die anderen Teilnehmer das Gespräch entweder wortlos sofort ab, oder sie wünschten ihm bedauernd alles Gute, das wäre ihnen zu viel Verantwortung. Einer hatte laut ausgesprochen, was alle anderen garantiert bloß gedacht hatten: „Einer wie du gehört in die Klapse, du Idiot! Warum verschwendest du meine kostbare Lebenszeit?“
Ach, das würde heute auch nicht klappen. Er wusste es ja. Freddy hat es mittlerweile wohl auch eingesehen, denn Silvan hatte zwei dieser Gespräche aufgezeichnet und sie für ihn abgespielt. Es war offenkundig, dass er sein Bestes gab, aber es führte ihn letztendlich auch nicht ans Ziel. Seither hatte sein Bruder sich nicht mehr gemeldet.
Mittlerweile hatte Silvan ausreichend Kaffee getankt. Das schwarze Gebräu machte ihn tatsächlich ruhiger und ein bisschen müde. Das war schon immer so gewesen. Lediglich wenn er zu spät am Abend davon trank, konnte es sein, dass er Herzrasen bekam und nachts nicht gut schlafen konnte. An manchen Abenden hingegen half es ihm sogar beim Einschlafen. Er hatte das eifrig ausgetestet, denn schlafen war schon vor dieser einen Nacht ein großes Thema für ihn. Seither gelang es ihm praktisch nie, ruhig und ohne Albträume zu schlafen.
Endlich, es war Glockenschlag Mittagsstunde. Er schickte unmittelbar zuvor seine Handynummer raus, und sofort kam das Signal vom Laptop, dass ein Videocall auf ihn wartete.
„Salut, ich bin Remy!“, begrüßte ihn ein freundliches, offenes Gesicht. Der Mann strahlte die Aura eines ruhigen, nachdenklichen Menschen aus. Kurzes dunkles Haar, dunkle Augen, eher blasse Haut, runde Brille.
„Salut, Remy, ich bin Silvan.“
„Salut! Wie geht’s dir?“
Remy versuchte nicht wie seine Vorgänger sofort zum Punkt zu kommen, sondern betrieb erst einmal ein bisschen Small Talk, weshalb sie über das Wetter, die Markthallen in der Stadt, Spaziergänge am Kanal und noch das eine oder andere mehr sprachen. Silvan war verblüfft, wie leicht es für ihn war, mit ihm belanglos zu plaudern, denn normalerweise war Small Talk für ihn schmerzhaft unangenehm und langweilig. Doch schließlich siegte sein Gewissen, weshalb er die Hand hob.
„Remy“, sagte er leise. „Du bist mir sehr sympathisch und ich hätte überhaupt keine Bedenken, mit dir auf engem Raum Zeit zu verbringen. Es war trotzdem ein Fehler von mir, diese Suchanzeige aufzugeben, und wir verschwenden hier bloß kostbare Ressourcen …“
„Du bist Deutscher, oder?“, fragte Remy, statt auf Silvans Worte einzugehen. „Dein Französisch ist ausgezeichnet, aber ein minimaler Akzent ist schon hörbar. Solltest du aus dem Elsass sein, entschuldige ich mich ausdrücklich.“
„Nein, ich bin deutsches Urgestein, alles gut. Meine Familie lebt in einem Städtchen im Hamburger Hinterland. Eben da, wohin ich gefahren werden will. Es ist halt …“ Silvan seufzte. Es gab keinen Weg, sich selbst zu schonen. Er musste geradewegs heraus mit der Wahrheit. Das hatte bei den anderen Leuten, die ihm eine Fahrgelegenheit anbieten wollten, schließlich auch geklappt. Die waren ihm allerdings nicht auf Anhieb sympathisch gewesen, so wie Remy, weshalb er sich so schwer tat.
