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Gay Romance Ein Tornado zerstört alles, was Neil Yaeger besitzt. Der menschenscheue Mann, der mit seinen Pferden zurückgezogen auf seiner Farm lebt, muss sich nun seinen Nachbarn anvertrauen – obwohl er so sehr von Menschen enttäuscht wurde, dass ihm genau das kaum möglich ist. Rylen hat Dinge er- und überlebt, die kein Mensch jemals mitmachen sollte. Er kann niemandem vertrauen und sein Bruder schirmt ihn vor der gesamten Außenwelt ab. So sehr, dass Rylen in der Gemeinschaft als geistig zurückgeblieben gilt. Zwei verletzte Seelen treffen aufeinander – können sie Heilung finden? Vertrauen? Liebe? Rund 41.000 Wörter entsprechen ungefähr 200 Taschenbuchseiten
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Gay Romance
Ein Tornado zerstört alles, was Neil Yaeger besitzt. Der menschenscheue Mann, der mit seinen Pferden zurückgezogen auf seiner Farm lebt, muss sich nun seinen Nachbarn anvertrauen – obwohl er so sehr von Menschen enttäuscht wurde, dass ihm genau das kaum möglich ist.
Rylen hat Dinge er- und überlebt, die kein Mensch jemals mitmachen sollte. Er kann niemandem vertrauen und sein Bruder schirmt ihn vor der gesamten Außenwelt ab. So sehr, dass Rylen in der Gemeinschaft als geistig zurückgeblieben gilt.
Zwei verletzte Seelen treffen aufeinander – können sie Heilung finden? Vertrauen? Liebe?
Rund 41.000 Wörter entsprechen ungefähr 200 Taschenbuchseiten
Kiara Raoui
„Rylen! Komm gefälligst rüber und hilf mir!“
Er zuckte zusammen, als die Stimme seines älteren Bruders ihn aus dem finsteren Gedankental herausriss, in dem er sich einmal mehr verirrt hatte.
Dabei hatte er keineswegs faul herumgestanden und nichts getan, wie man anhand von Daveys missbilligendem Blick annehmen könnte. Die Außenwand des Geräteschuppens mit Imprägnierfarbe zu streichen war nicht geistig so fordernd, dass keine Kapazitäten blieben, um im Standby-Modus zu arbeiten. Zumal das Wetter sonnig und freundlich und somit bestens geeignet für solche Arbeiten war. Damit sich Daveys Laune nicht noch mehr verschlimmerte, legte Rylen die Farbrolle ab und ging zu seinem Bruder hinüber. Der hätte die Säcke mit dem Rindenmulch auch allein vom Truck abladen können. Er protzte ja sonst auch immer, wie stark er war und wie viel er am Tag wegschaffen konnte. Zu zweit ging es natürlich sehr viel schneller und rückenschonender vonstatten.
War sein Bruder ihm wegen irgendetwas böse? Rylen wusste nie genau, wie er die forschenden Blicke interpretieren sollte. Gerade an solchen Tagen, in denen es ihm schlechter als sonst gelang, die Sinne beisammen zu halten. Es gab keinen spezifischen Grund, warum heute in ihm alles schwarz war und Erinnerungen hochschwemmten, die er lieber für die Ewigkeit begraben würde. Warum er unruhig war und gerne rennen würde. Weit fort. Weg von seinen Problemen. Leider funktionierte das nicht, denn er selbst war das Problem und er konnte sich nicht entkommen oder sich wenigstens für kurze Zeit mal zurücklassen. Er und seine Probleme, sie waren einander ausgeliefert.
„Du denkst schon wieder!“, sagte Davey vorwurfsvoll.
„Na und? Ist nicht illegal, soweit ich weiß.“ Rylen zuckte betont gleichgültig mit den Schultern. Es war ja keineswegs so, als ob er Spaß an der ewigen Grübelei hätte. Es ließ sich eben nicht immer aufhalten oder verhindern, wie sein Kopf tickte.
„Man sollte meinen, du hättest keine Zeit für den Scheiß. Du arbeitest von früh bis spät, bis zum Umfallen.“
Jetzt klang Davey auch noch besorgt. Das war schlimmer als die Vorwürfe und die Missbilligung. Sorge war leider sein Grundzustand, was Rylen betraf.
Rylen trat einen halben Schritt zurück, schon aus purem Instinkt, um auszuweichen, sollte sein Bruder ihn anfassen wollen. Gegen brüderliche Umarmungen oder aufmunterndes Klopfen auf den Rücken war er mittlerweile regelrecht allergisch. Zu viel des Guten ließ sich eben auch nur so lange ertragen. Davey musterte ihn scharf. Er war groß, beinahe zwei Meter, und damit einen guten Kopf größer als Rylen. Seine Schultern waren bereit, sein Bizeps enorm. Durchtrainiert war Rylen zwar auch von der harten Arbeit auf ihrer Farm, an seinen großen Bruder reichte in dieser Hinsicht dennoch nicht heran. Manchmal weiß kaum zu glauben, dass sie tatsächlich Geschwister sein sollten, denn während Davey das nordisch-hellblond-blauäugige Aussehen ihres Vaters geerbt hatte, der aus Dänemark eingewandert war, kam Rylen auf ihre mexikanisch-stämmige Mutter. Er war etwas heller als sie, trotzdem unverkennbar ein südländischer Typ. Es hatte den Vorteil, dass er nicht so rasch Sonnenbrand bekam wie Davey.
„Ich geh am Schuppen weitermachen“, knurrte Rylen, als er genug davon hatte, besorgt angestarrt zu werden. Davey meinte es gut, das wusste er ja. Leider half ihm das trotzdem nicht. Was kaputt war, brauchte Zeit zum heilen. Manchmal wurde es auch nie wieder heil.
~*~
„Ich habe die Hühner schon in den Stall gebracht“, sagte Rylen, als Davey abends ins Haus kam. Sein Bruder hatte die Gemüsehochbeete neu aufgebaut, da die Frühjahrsstürme starken Schaden angerichtet und das Holz beschädigt hatten. Außerdem hatte er bei den Obstbäumen für Ordnung gesorgt, Unkraut beseitigt, die Kronen beschnitten. Rylen hingegen hatte den Geräteschuppen fertig gestrichen, den Paddock für ihre beiden Ponys aufbereitet und war danach mit Tipsy, eine ihrer Katzen, beim Tierarzt gewesen, um die Impfungen aufzufrischen.
Jetzt kochte er gerade Abendessen für sie beide. Seit dem Tod ihrer Eltern lebten sie allein und kämpfen jeden Tag, um ihre Farm zu erhalten. Ihre Eltern hatten noch eine Rinderherde gehabt und mit Milch und Fleisch ein stabiles Auskommen besessen. Diese Zeiten waren schon lange vorbei, der Markt wurde von Großproduzenten und Massentierhaltung dominiert. Davey und Rylen setzten ausschließlich auf den Anbau von Mais, Weizen und Kartoffeln. Die Hühner brachten lediglich einen kleinen finanziellen Zusatz, indem sie die Eier verkauften. Alles, von freilaufenden und offenkundig glücklichen Tieren stammte, ließ sich gut an den Mann bringen. Ähnliches galt für das Obst und Gemüse, das sie im begrenzten Rahmen anbauten. Aus den Ernteerträgen versorgten sie sich einerseits selbst, andererseits verkauften sie Marmelade, Gelees und Fruchtsäfte in ihrem kleinen Hofladen, den sie täglich für zwei Stunden am Spätvormittag öffneten.
Die Hauptstütze stellten allerdings ihre anderweitigen Jobs da, um die Kosten für Strom, Wasser, Gas, Benzin, Futter für die Tiere, Saatgut, Maschinen, die eigene Nahrung, Versicherungen, Arztkosten und vieles mehr zu sichern. Davey erstellte Gutachten in seiner Eigenschaft als Biologe für diverse Farmer in der Umgebung und beriet auch einige andere Unternehmen, die ihren ökologischen Abdruck verbessern oder zumindest grün anstreichen wollten. Rylen hingegen war gelernter Hufschmied und -pfleger. Er hatte eine ausgewählte Handvoll von Leuten, für die er die Pferde beschlug, doch das war nichts, was er heute noch tagtäglich machen wollte oder konnte. Es war ein knochenharter Job, der Rücken und Knie verschliss und für den man täglich hunderte Meilen fahren müsste, wollte man ihn hauptberuflich durchführen. So sehr Rylen den Umgang mit Pferden liebte und das Handwerk als solches schätzte, er hatte seine Gründe, warum er davon abgekommen war. Neben der Tatsache, dass dieser Job rein körperlich nichts für die Ewigkeit sein konnte.
Nach der High School hatte es ihm ermöglicht, einen anerkannten Beruf auszuüben und von Zuhause wegzukommen, bis … bis der Absturz erfolgte. Für einige Freunde schwang er sich aber nach wie vor ungefähr einmal im Monat ins Auto und half ihnen, die Hufe ihrer Tiere zu pflegen, wofür er anständig bezahlt wurde. Außerdem rief man ihn gerne im Frühjahr, um bei der Schafschur zu helfen, womit er dann teilweise zwei Wochen am Stück von früh bis spät eingebunden war. Rylen konnte gut mit Tieren umgehen und das Geld, das er damit verdiente, wurde dringend benötigt.
Die zwei Ponys gehörten nicht ihnen selbst, sie wurden dafür bezahlt, dass sie die Tiere auf ihrem Land auf die Weide stellten und sie versorgten. Die Besitzer, eine Familie aus der nah gelegenen Stadt, kamen zumeist bloß an den Wochenenden vorbei, um zu reiten.
Alles zusammen genügte, dass sie nachts in Ruhe schlafen konnten. Es war ein hartes, entbehrungsreiches Leben voller unentwegter Arbeit. Für ihn und Davey gab es nichts Besseres. Ein Leben in der Stadt, das war für sie beide unvorstellbar.
Rylen zog den Topf vom Herd und verteilte das Essen auf zwei Teller. Es gab bloß einen Kartoffeleintopf mit reichlich Bohnen, Tomaten, Mais sowie selbst gebackenem Pfannenbrot. Genug von beidem, damit sie auch morgen noch eine Portion hatten.
Es war vielleicht nicht gerade gut und die gesündeste Option, den Inhalt verschiedener Konservendosen zusammenzuschütten und zu erwärmen, mit einer Handvoll Kartoffeln als einzige frische Zutat. Doch es machte satt und brachte viel gutes Eiweiß und sie konnten sich nichts anderes leisten, da Salat und Gemüse noch eine Weile benötigten, bis sie reif waren. Luxus wie Alkohol, Fleisch und exotisches Frischobst leisteten sie sich höchstens einmal im Monat. Auf diese Weise hatten sie schon immer gelebt. Davey störte es, er wollte eigentlich mehr. Mehr gab es halt nicht. Für Rylen war die Welt in Ordnung, solange er nachts nicht hungrig im Bett liegen musste.
„Daisy will morgen mal vorbeikommen“, sagte Davey, während er das Essen in sich hineinschaufelte. Unwahrscheinlich, dass er überhaupt schmeckte, was er da zu sich nahm. „Sie bringt Kuchen mit, hat sie gesagt. Morgen Nachmittag irgendwann.“
Rylen brummte bestätigend. Daisy und Davey waren ein merkwürdiges Paar, und das nicht bloß, weil ihre Namen so seltsam gleich klangen. Sie gingen schon seit der High School miteinander aus, was bereits zwölf Jahre her war – Davey war dreißig, zwei Jahre älter als Rylen. Mal waren er und Daisy richtig zusammen, dann wieder bloß gute Freunde. Wenn sie Kuchen mitbrachte, bedeutete das in der Regel, dass sie wieder eine romantische Anwandlung hatte und vermutlich Hoffnungen hegte, Davey würde sie endlich heiraten. In dem Fall würde Rylen sich ein Stück Kuchen schnappen, die Täubchen allein turteln lassen und die Arbeit ohne Davey erledigen.
„Willst du ihr nicht irgendwann mal einen Antrag machen?“, fragte er ohne nachzudenken, obwohl er sich normalerweise strikt aus der Sache raushielt. Als Teenager hatte er diese Frage schon einmal gestellt und war dafür mit Prügel bedroht worden. Er und seine Unbeherrschtheit, wenn er erst einmal ins Grübeln geriet! Doch zum Glück war Davey inzwischen sehr viel reifer geworden und schaute ihn bloß nachdenklich an.
„Wollen schon“, erwiderte er nach einigen Momenten des Nachdenkens. „Ich hab bloß Sorge, sie könnte nein sagen, verstehst du? Wir sind gut miteinander, so wie wir sind und ich will das nicht riskieren. Darum quäle ich mich seit zwölf Jahren mit dieser Frage herum und komme nicht weiter, und sie drängt ja auch nicht. Und Geld für einen Ring hab ich auch nicht.“
„Du kannst ihr Moms Ring geben. Er ist hübsch genug und Mom wäre einverstanden.“
„Wärst du es denn auch? Der Ring ist genauso dein Erbe wie meins.“ Davey starrte ihn schon wieder an, diesmal verunsichert.
„Der Ring liegt bloß in der Schmuckkiste herum. Sollte es der Farm jemals wirklich schlecht gehen, würde es uns auch nicht retten, diesen Ring zu versetzen, nicht wahr? Also geh. Biete ihn Daisy an. Du hast meinen Segen.“
Jetzt lächelte sein Bruder, was selten genug vorkam. Er war der Typ, der sich ständig um alles Sorgen machen musste. Eine Frau wie Daisy würde ihm helfen, sich zu entspannen, sie war eine optimistische Frohnatur. Außerdem leitete sie eine Transportfirma, die auf Tiertransporte kranker Tiere zu Fachkliniken spezialisiert war. Sei es die wertvolle Hochleistungsmilchkuh, die sich ein Kreuzband gerissen hatte oder das Pferd mit der klassischen Kolik oder ein Schaf mit Wundclostridiosen, das kurz vor dem Verenden stand, Daisy und ihre Angestellten sorgten dafür, dass den Tieren möglichst schnell geholfen werden konnte.
Diese Arbeit würde ja keinesfalls enden, nur weil Daisy mit Davey verheiratet wäre. Ihr Einkommen wäre eine zusätzliche Unterstützung für die Farm, genauso wie die Farm natürlich eine Sicherheit für das Unternehmen wäre.
Davey verzog sich mitten während des Essens mit seinem Teller, weil ihm Anrufe einfielen, die er dringend sofort zu erledigen hatte, und noch an seinem Gutachten feilen wollte, das er aktuell schrieb. Manche dieser Gutachten konnten über die Weiterexistenz eines Farmbetriebs entscheiden, etwa wenn es für den Landwirt derartig teuer wäre, alles Notwendige zu veranlassen, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, dass es besser für ihn war, einfach aufzugeben. In anderen Fällen ging es um Gerichtsprozesse, Strafzahlungen und ähnliches.
Rylen seufzte innerlich. Natürlich war es wichtig, dass sein Bruder diese Arbeit erledigte und er wollte es ja auch gar nicht anders haben. Immerhin finanzierte diese Arbeit auch ihr eigenes Überleben. Trotzdem wünschte er, Davey würde sich wenigstens die knapp zehn Minuten Zeit nehmen und einfach mit ihm gemeinsam eine Mahlzeit einnehmen. Das wäre respektvoll. Auch wenn es kein besonders gutes Essen war, Rylen hatte es für sie beide zubereitet. Solche Dinge sprach er nie an. Es wäre sinnlos, Davey würde lediglich mit Unverständnis reagieren. Weil er nie gelernt hatte, eine gemeinsame Mahlzeit als etwas Essentielles zu betrachten, als unabdingbare soziale Interaktion. Für ihn war es Nährstoffaufnahme. Notwendig und lästig.
Rylen beendete sein eigenes Essen, obwohl ihm der Appetit längst vergangen war. Nährstoffaufnahme. Sie war schon wirklich notwendig. Egal wie einsam und traurig er sich gerade fühlte.
~*~
Neil beugte sich herab, um die leeren Plastikschüsseln aufzuklauben. Ariadne und Theseus, seine beiden Oldie-Pferde, wie er sie liebevoll nannte, benötigten besonderes Seniorenfutter, sie konnten sich nicht mehr wie die jüngeren Pferde sorglos über Heu und frisches Gras hermachen. Da die beiden auch schon jeweils fast dreißig Jahre alt waren, war das nicht weiter verwunderlich – in Pferdejahren gerechnet waren sie Greise. Sie waren allerdings auch die Eltern von fast allen anderen Pferden der kleinen Herde, und das verdiente mehr als nur Respekt.
Neil hatte nie geplant, eine eigene Pferdezucht zu starten. Es hatte sich mit den Jahren so ergeben. Mit Thessie, wie er den Hengst liebevoll nannte, war er früher auf Dressurwettkämpfen geritten und hatte so einige Abzeichen errungen. Dann hatte man ihm Ariadne mitsamt ihrem Fohlen zum Kauf angeboten, die genau wie Thessie eine schön gebaute Hannoveranerin war, ein nerven- und willenstarkes Tier mit zugleich sehr gutmütigem Wesen.
Mittlerweile arbeitete Neil in erster Linie als Reitlehrer und lebte mit seinen acht Pferden, einem Esel, zwei Katzen und einem Hund allein. Wettkämpfe interessierten ihn schon längst nicht mehr, er hasste diesen Zirkus inzwischen leidenschaftlich, bei dem es praktisch nie um die Bedürfnisse der Tiere oder um ein respektvolles Zusammenarbeiten mit einem solch wunderbaren Geschöpf ging, sondern um Erfolge, Ruhm, Punkte, Siege, Ranglisten. Gehorchte das lebendige Sportwerkzeug nicht, wurde es eben gefügig gemacht, bis es zerbrach. Nein, das war nicht Neils Welt!
Aus diesem Grund wollte er seine Pferde auch nicht verkaufen. Selbstverständlich gab es dort draußen eine Menge verantwortungsbewusster Menschen, die in der Lage wären, eine tiefe Verbindung zu einem dieser Tiere einzugehen. Es könnte aber auch schiefgehen. Dieses Risiko wollte Neil auf keinen Fall wagen. Lieber verzichtete er selbst aufs Essen, wenn es finanziell eng wurde, wenn er die Pacht für die Weiden aufbringen musste, für das Extrafutter, Hufschmied, Arztkosten, Heu, Schutzdecken – er ließ die Tiere ganzjährig draußen, sie hatten einen überdachten, sehr großzügigen Unterstand, wenn das Wetter zu heiß oder zu nass wurde.
Für heute war Feierabend. Er hatte die Weide abgeäppelt, sieben Unterrichtseinheiten absolviert, seine Oldies versorgt, Wasser aufgefüllt. Für heute wollte er lediglich noch ein Reitseminar vorbereiten. Damit verdiente er das meiste Geld, aber die waren auch sehr, sehr anstrengend. Es gab mehrere Vereine, die ihn jeweils für ein Wochenende buchten. Das Angebot richtete sich in der Regel an Hobbyreiter, die irgendwann merkten, dass die Ursachen für ihre Rückenschmerzen und die ganzen Probleme mit ihren Pferden, die so überhaupt gar nicht „gehorchen“ wollten, ausschließlich bei ihnen selbst lagen. Es war zwar nicht möglich, im Verlauf eines Wochenendes jahrelang eingeschliffenes Fehlhalten, schlechte Körperhaltung und falsche Vorstellungen wegzuflüstern. Oft wurden aber zumindest Türen geöffnet, Platz für neue Erkenntnis geschaffen, kleine Korrekturen am Sitz und der Handhaltung und den Hilfen ermöglicht, die durchaus großen Einfluss auf das Reiter-Pferd-Verhältnis haben konnten. Das entwickelte dann Synergien, aus denen etwas Gutes erwachsen konnte. Neil hatte darum auch kein schlechtes Gewissen, wenn er sich mit mehreren tausend Dollar für ein Wochenende bezahlen ließ. Immerhin musste er jedes Mal jemanden bezahlen, der sich um seine Tiere kümmerte, er musste anreisen und sich mit übergewichtigen Sesselpupsern herumärgern, die erst einmal begreifen mussten, dass Pferde absolut gar keine natürliche Pflicht zu Gehorsam und Dankbarkeit in den Genen eingraviert hatten. Unglaublich, wie viele Leute genau davon ausgingen.
„Komm, Lissy!“, rief er und pfiff zweimal. Sofort rannte seine Hündin auf ihn zu. Lissy war ein drolliger Boarder Collie-Schäferhundmix. Sie war schwarz-weiß, besaß flauschige Hängeohren, das eher glatt-drahtige Schäferhundfell, und den großartigsten Charakter, dem Neil jemals in seinen Zweiunddreißig Lebensjahren begegnet war. Eigensinnig war sie, mit ihren mittlerweile zehn Jahren auch noch ein bisschen mehr als früher. Doch sie war auch treu wie Gold und willensstark, verteidigte ihr Land und ihr Rudel bis zum letzten Blutstropfen, was sie schon mehrfach im Kampf gegen Kojoten, Pumas und Luchse bewiesen hatte. Sie wusste ganz genau, was sie durfte und sobald Herrchen zweimal pfiff, stand sie aufrecht neben ihm und wartete auf seine Kommandos.
„Wir gehen nach Hause, Süße. Abendessen.“ Er kraulte ihr die Ohren, als sie einmal laut vor Begeisterung bellte. Abendessen, das verstand sie. Und welcher Hund stand nicht permanent am Rand des Hungertodes? Auf eine einladende Geste von ihm rannte sie voraus. Sie würde an der Haustür auf ihn warten, geduldig, wenn auch ein bisschen verständnislos, weil das Herrchen stets so langsam war. Neil warf alle Utensilien, Futterschüsseln und Eimer in die Schubkarre und trabte damit los. Sein Haus stand etwa eine halbe Meile entfernt. Viel Land für einen einzelnen Mann und ein paar Pferde, wovon ihm das meiste tatsächlich gehörte; lediglich die große Weide mit ihren knapp eineinhalb Hektar war gepachtet. Für ihn war es richtig so. Menschen hatten ihn permanent enttäuscht. Es gab einige sehr wenige Leute, auf die er sich einließ, eher gezwungenermaßen, weil man ohne jede Hilfe in dieser Welt nicht bestehen konnte. Er vertraute seinen Nachbarn, dass sie ihm nichts Böses wollten, er mochte seine Reitschüler. Das reichte ihm vollkommen. Seine Familie … Das war ein schreckliches Kapitel in seinem Leben. Beziehungen brauchte er nicht. Menschen enttäuschten ihn. Auf seine Tiere war absolut immer Verlass. Er mochte sein Leben, wie es war.
Neil schreckte hoch. Für einen langen Moment wusste er nicht, was ihn geweckt haben könnte. Es war mitten in der Nacht, mehr wusste er gerade nicht mit Sicherheit zu sagen. Draußen war es stockdunkel. Regen peitschte gegen das Schlafzimmerfenster. Ein Sturm? Es war zwar Regen vorhergesagt worden, mit einer kleinen Gefahr von Gewittern, von einem Sturm hingegen war im Wetterbericht keine Rede gewesen.
Seinnächster Gedanke galt den Pferden. Zum Glück hatte er bereits im vergangenen Herbst an der Grenze zu seiner Weide zwei Ahornbäume gefällt, die alt und morsch gewesen und damit zu einem Sicherheitsrisiko geworden waren.
Im nächsten Moment begriff er, dass Lissy laut winselte und es genau das gewesen sein musste, was ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Er sprang aus dem Bett, eilte zum Fenster. Brannte es? Vielleicht hatte der Blitz irgendwo eingeschlagen? Er starrte in die Dunkelheit, doch er konnte nirgends Flammen sehen. Er konnte überhaupt gar nichts sehen, verdammt! Lissy wurde dennoch immer unruhiger. Sie bellte, lief zu Tür, rannte zurück zu ihm. Neil folgte ihr, vertraute ihren Instinkten und Wahrnehmungen.
Kaum hatte er die Schlafzimmertür geöffnet, da strebte sie zur Haustür hinüber. Neil öffnete auch diese. Sofort rannte Lissy hinaus, laut bellend, und verschwand in der Dunkelheit. Verdammt. War etwas mit den Pferden? Mit jagendem Puls schlüpfte er in das nächstbeste Paar Stiefel und folgte seiner Hündin, so wie er war, in seinen Schlafsachen. Der Wind heulte wie wahnsinnig und zerrte mit einer Kraft an ihm, die er auf diese Weise noch nicht erlebt hatte. Es schmerzte, die Regentropfen prasselten wie kleine, spitze Kiesel auf ihn ein, und Äste flogen ihm um die Ohren. Es war gefährlich, nicht im Haus zu sein, so viel war ihm bewusst. Doch erst, als ein Blitz über den Himmel zuckte, begriff er, was hier gerade geschah – ein Tornado! Ein riesiger Tornado rollte auf ihn zu!
Trümmerstücke schlugen um ihn herum ein. Neil schrie, war in Panik wie erstarrt. Fliehen konnte er nicht. Es war längst zu spät dafür, um ins Auto zu springen und dem Wirbel zu entkommen. Bis zum Schutzkeller hingegen … O Gott! Es musste einfach reichen! Er rannte zurück ins Haus, hoffend und betend, dass die Tiere sich inzwischen allein in Sicherheit gebracht hatten. Er musste das Haus durchqueren, durch die Hintertür raus. Das war der kürzeste Weg zum Schutzkeller, der im Garten lag. Es war …
… zu spät. Der Lärm war unbeschreiblich, als die Fensterscheiben barsten und ein Regen aus Glasscherben über ihn niederging. Dann zerfetzte es die Wände, Möbel, Gegenstände. Einfach alles, was dem lebendig gewordenen Wirbelwind im Weg stand. Neil schlitterte über den Boden, von einer Urgewalt niedergeworfen, die keine Gnade kannte, kein Mitleid mit dem kleinen, viel zu zerbrechlichen Leben. Anhaltend schreiend krümmte er sich in fötaler Haltung, barg den Kopf unter den Armen. Trümmer prasselten auf ihn nieder. Dann ein Schlag.
Dunkelheit.
~*~
Schrilles Handyklingeln. Schlaftrunken taumelte Rylen aus dem Bett, zum Tisch am Fenster hinüber, wo er das Telefon hatte liegen lassen. Draußen tobte ein Sturm. Wo war der denn hergekommen?
„Warnung. In Ihrer Region kann es zu spontanen Tornadobildungen kommen. Begeben Sie sich sofort in geeignete Schutzräume. Ich wiederhole …“
Er benötigte drei Sekunden, um die Botschaft zu begreifen, ließ das Handy fallen und rannte zu Daveys Schlafzimmer hinüber, klopfte Stakkato gegen die Tür, bevor er sie aufriss und das Licht im Reflex anschaltete.
„Wasn‘?“ Davey fuhr hoch, starrte ihn verwirrt an, als Rylen auf ihn zustürmte.
„Tornadowarnung“, rief er bloß knapp und zerrte ihn mit sich, bis sein Bruder begriff, was Rylen sagte und aus eigenem Antrieb mitlief. Sie wohnten nicht in der Tornado Alley, wo während der Saison mit zahlreichen schweren Wirbelstürmen zu rechnen war. Ein- bis zweimal im Jahr gab es dennoch Warnungen und die nahmen sie jedes Mal sehr, sehr ernst, auch wenn sie seit Menschengedenken nicht mehr getroffen worden waren. Sie gehörten nicht zu den Klimawandel-Leugnern, wie viele ihrer Nachbarn. Rylen und Davey war absolut bewusst, dass die Gefahr für bizarre Wetterphänomene mit jedem Jahr größer wurde. Auch dann, wenn der Winter mal besonders kalt oder schneereich ausfiel oder das Frühjahr ungewöhnlich lange mit Nachtfrösten aufbot. Irgendwann würde es auch sie mal treffen mit den Tornados, Überschwemmungen, schwersten Dürren, schon rein statistisch gesehen.
Sie sprinteten hinaus in die Regen und Unwetter, hinüber zu den Tieren. Davey öffnete die Stalltür, die beiden Ponys rannten sofort panisch ins Freie. Das war ungewöhnlich, normalerweise blieben sie stoisch bei Gewitter und ließen sich weder von Windgeheul noch Donnerschlag erschrecken. Hoffentlich verletzten sie sich nicht! Rylen hatte derweil die Klapptür zum unterirdischen Schutzkeller aufgerissen. Zu zweit schnappten sie sich die schlaftrunkenen Hühner und schleuderten sie in den Keller hinab. Die Vögel kannten das zum Glück schon. Von irgendwoher kamen die Katzen herbeigewetzt. Kio, ihr Rottweiler und weltbester Schutzhund, befand sich schon unten, auch er kannte den Drill, und wartete unruhig bellend. Blitze erhellten die Nacht.
„Scheiße!“, schrie Davey und wies nach Osten. „Da ist tatsächlich ein Wirbel! Ich hab ihn gesehen!“
Ein neuer Blitz. Auch Rylen sah den Tornado, und er war riesig. Mit wild klopfendem Herzen stand er da, wusste nicht weiter – die restlichen Hühner holen? In Sicherheit fliehen? Wenn dieses Monstrum sie traf, war das Haus weg! Donner krachte, laut genug, dass es ihm sämtliche Knochen durchrüttelte. Er war längst bis auf die Haut durchnässt, so stark regnete es, und der Wind war derartig kalt, dass er von Kopf bis Fuß schlotterte. Dazu war das Heulen laut genug, um praktisch jede andere Wahrnehmung zu übertönen.
Noch ein Blitz.
„Der Wirbel zieht von uns weg!“, brüllte sein Bruder. „Komm! Wir holen die Hühner und dann runter!“
Rylen fuhr aus seiner Erstarrung und rannte zurück in den Hühnerstall. Es war nicht sicher, dass der Tornado nicht willkürlich die Richtung ändern und sie dennoch treffen könnte. Trümmerstücke, vom Wirbel hunderte Yards weit geschleudert, könnte für schwere Zerstörung, Verletzungen, sogar Brände sorgen. Der Regen, der wie eine Wand herabstürzte, und die gewaltigen Sturmböen allein konnten ausreichen, um heftige Schäden anzurichten.
Wie in Trance rannte er mit seinem Bruder hin und her, bis sämtliche Hühner draußen waren. Dann eilten er und Davey hinab in den Keller, verrammelten die schweren Schutztüren und atmeten erst einmal durch.
Das hier mussten sie mehrmals jährlich tun, doch noch nie hatte es sich derartig lebensbedrohlich angefühlt.
