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Ein gayromantischer Roman Jamie ist als Omega geboren. Ein Schicksal, dem er sich niemals unterwerfen wollte. Darum lebt er einsam in den Bergen, fernab der Rudel, entschlossen, seiner Bestimmung zu trotzen. Doch dann zieht ein Sturm auf und drei Wolfswandler geraten in Not und nur Jamie kann ihnen beistehen – und sie ihm. Denn ihre Anwesenheit bringt auch Jamie in tödliche Gefahr und von ihm hängt ihr aller Überleben ab. Von ihm – und seiner Unterwerfung. 47.000 Wörter entsprechen ungefähr 230 Taschenbuchseiten
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Ein gayromantischer Roman
Jamie ist als Omega geboren. Ein Schicksal, dem er sich niemals unterwerfen wollte. Darum lebt er einsam in den Bergen, fernab der Rudel, entschlossen, seiner Bestimmung zu trotzen.
Doch dann zieht ein Sturm auf und drei Wolfswandler geraten in Not und nur Jamie kann ihnen beistehen – und sie ihm. Denn ihre Anwesenheit bringt auch Jamie in tödliche Gefahr und von ihm hängt ihr aller Überleben ab. Von ihm – und seiner Unterwerfung.
47.000 Wörter entsprechen ungefähr 230 Taschenbuchseiten
Into the snow –
The mountain’s Omega
Kiara Raoui
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Epilog
Schnee lag in der Luft.
Er konnte es riechen, fühlen, schmecken und bis ins Innere seiner Knochen spüren. Jamie wusste genau, dass ein Sturm bevorstand, egal ob der Himmel noch blau war, die Sonne spätherbstlich warm und matt leuchtete, die Luft samtig und angenehm über seine Haut strich.
Die Berge, die ihn von drei Seiten himmelhoch umgaben, schienen meilenweit entfernt und der See, an dem Jamie sein zu Hause gefunden hatte, tiefer und klarer als je zuvor. Alles sprach dafür, dass dieser Sturm gewaltig werden würde. Vermutlich war danach die Winterzeit eingeläutet, die erst wieder weichen würde, wenn das neue Jahr weit fortgeschritten war. Ein Winter, der fünf, in Ausnahmefällen auch sechs Monate andauern konnte.
Hier oben zu leben war hart und entbehrungsreich, dazu extrem einsam. Er jagte Kaninchen, angelte, war vom späten Frühjahr bis zum Herbst damit beschäftigt, Vorräte zu sammeln, Pflanzen zu trocknen, Fisch und Fleisch zu dörren und somit für den Winter haltbar zu machen. Dazu brauchte er Holz, wofür er in erster Linie Totholz in den Wäldern auflas und sich an umgestürzten Bäumen bediente. Bäume zu fällen war gefährlich – zu gefährlich für einen Mann allein, besonders wenn man die hohen Stämme zu attackieren versuchte. Es genügte zudem für seine Bedürfnisse, sich an Totholz zu halten, da er den Winter zum größten Teil in seiner Wandlergestalt zubrachte. Geschützt von dickem Winterpelz als Wolf verschlief er etliche Stunden und benötigte kein Feuer. Lediglich ein- bis zweimal am Tag kehrte er in die menschliche Form zurück, bereitete sich Essen zu. Stand ihm der Sinn danach, kochte er sich einen Eintopf aus Wurzelknollen und etwas Dörrfisch oder -fleisch. Diese Tätigkeiten in Menschengestalt waren wichtig, um sich nicht zu verlieren. Jeder Wandler fürchtete sich davor, sein menschliches Bewusstsein zu vergessen und am Ende die Rückwandlung nicht mehr zu schaffen. Als ein monströses Zwischending zu enden, nicht Tier, nicht Mensch. Reduziert auf Triebe und Ängste, auf Zorn und Erschöpfung.
Allein zu leben, seit endlosen Jahren keinem menschlichen Wesen begegnet zu sein, verschärfte die Gefahr. Darum ging Jamie kein Risiko ein, verbrachte den Sommer praktisch ohne Wandlung, kehrte auch im tiefsten und kältesten Winter so oft wie möglich zurück. Bislang war er gut durchgekommen, zumindest seiner eigenen Meinung nach. Inzwischen vermisste er keine Gesellschaft mehr, er hatte sich vollständig an dieses Dasein gewöhnt und er fürchtete sowieso, eines Tages auf andere Menschen – auf Wandler zu stoßen. Ging es nach ihm, würde dieser Tag niemals kommen.
Leise summend lud er sich die beiden schweren Wassereimer auf die Schultern und trug sie zurück zu seiner Hütte. Wenn der Sturm ihn tagelang einschließen sollte, wollte er mit Vorräten für sämtliche Eventualitäten bestückt sein. Es gab keine Garantie, dass der Schnee früh und bis herab zu ihm kam und ihm die Möglichkeit bot, diesen einzusammeln und in Gefäßen am Kaminfeuer zu schmelzen. Möglicherweise blieb der Schnee oben auf den Berggipfeln hängen und er musste sich mit heulenden, zerstörerischen Winden begnügen. In dem Fall war es wichtig, Wasser griffbereit zu haben.
Jamie kontrollierte die Fensterläden, die Türriegel, die Wände seiner selbstgebauten Blockhütte, und mit besonders viel Aufmerksamkeit das Dach. Solange er noch genügend Licht hatte, verstärkte er jede Schwachstelle, tauschte die Riegel einer der Fensterläden aus, nagelte Dachlatten fest. Dabei verbrauchte er seine letzten Nägel.
Eine Tatsache, die ihn bis in die Knochen erschaudern ließ. Vor mehr als sechs Jahren war er nach hier oben in die einsamen Berge geflohen. Dorthin, wo ihm niemand freiwillig folgen würde. Was er zum Überleben brauchte, hatte er zuvor jahrelang geplant, sich Fähigkeiten und Wissen angeeignet und war schließlich schwer bepackt und beladen mit einem Schlitten hergekommen, kurz vor Winterende, als noch genügend Schnee lag, um ein solches Gefährt nutzen zu können. Damals hatte er sofort begonnen, schmale, kleine Bäume zu fällen, sie trocknen zu lassen und hatte erst kurz vor Beginn des nächsten Winters mit dem Hüttenbau begonnen, als das Holz zumindest halbwegs abgelagert und bereit war.
Für fast alles, was er brauchte, jedoch nicht besaß, hatte er Ersatz finden können. Improvisieren, erfinden, mit anderen Materialien arbeiten. Statt normaler Kleidung trug er Fell und Leder. Statt Schuhe hatte er Konstrukte aus Holz und Leder an den Füßen. Steine ersetzten ihm den Hammer, nachdem der ursprüngliche vor zwei Jahren kaputt gegangen war. Muskelkraft, Geschick und Geduld reichten, um ein Feuer zu entzünden. Es gab Lösungen!
Leider nicht für alles.
Einen Stahlnagel konnte man nicht gleichwertig durch Holz oder Stein ersetzen.
Möglicherweise konnte er sich in Wolfsgestalt an eine Menschensiedlung anschleichen und im Schutz der Dunkelheit stehlen, was er benötigte?
„Hunde“, murmelte er halblaut vor sich hin. „Menschen haben Hunde. Die würden mich verraten und das gäbe Ärger.“
Vermutlich in Form von Schrotladungen, die man dem vermeintlichen Wolf auf den Pelz brennen würde. In die nächstgelegene Stadt konnte er auch nicht gehen. Man würde ihn als Landstreicher verhaften, sobald man ihn in seinem Aufzug erblickte.
Jamie schüttelte unwillig den Kopf und verdrängte diese Sorge. Im Augenblick gab es nichts weiter, was genagelt werden müsste. Er war bereit für den Sturm, und das war alles, was im Moment zählte. Über die Zukunft nachdenken konnte er heute Nacht, wenn das Heulen und Klappern und Prasseln von Wind und Regen ihm den Schlaf raubte.
Und ja, vielleicht sollte er nachdenken. Das war etwas, was er bei diesem Thema seit Jahren krampfhaft vermieden hatte. Tatsache war: Egal wie sehr es wollte, wie sehr er sich einredete, niemanden zu vermissen und niemanden zu brauchen, kein Mensch, auch kein Wandler, konnte dauerhaft vollkommen allein leben. Nicht ohne Schaden zu nehmen. Es gab mehr als einen Weg, um sich in ein wildes Tier zu verwandeln …
~*~
Seit Stunden rannten sie bereits, verwischten ihre Spuren in jedem verdammten Rinnsal, das sich ihnen bot. Die Erschöpfung brannte in seinen Knochen, genauso wie sie in seiner Nase stach – die eigene ebenso sehr wie die seiner Gefährten. Sie würden noch lange durchhalten, sehr lange sogar. Wölfe waren ausdauernd, sie konnten noch die gesamte Nacht weitermachen, wenn es sein musste. Leider galt dies auch für ihre Verfolger, die unerbittlich aufholten. Schritt für Schritt. Nox wusste, dass es ein verdammtes Wunder brauchte, um ihnen tatsächlich entkommen zu wollen. Es war von Anfang an klar gewesen, wie gering ihre Chancen auf Entkommen war.
„Wir müssen weiter nach oben!“, grollte er, als sie sich für einen kurzen Moment verwandelten, um über eine Weggabelung zu entscheiden. Unter ihnen ging es hinab ins Tal, was der logischere Weg war. Leichter zu laufen. Endlose Wälder, die mit dem Versprechen auf Unterschlupf lockten. Schutz vor dem Unwetter. Straßen, die zu Städten führten. So viel vernünftiger, als weiter hinauf ins Niemandsland zu rennen. In die Berge, die mit tödlicher, stummer Gewalt in den Himmel ragten. „Wir können durch den Bach laufen, dann wissen sie nicht, dass wir uns bergauf durchschlagen. Dort vermuten sie uns nicht und wir können später wieder auf die Niederungen zuhalten.“
„Das ist Wahnsinn, Nox“, entgegnete Braxton. „Da oben gibt es keine Deckung. Wenn sie uns nachkommen, sind wir verloren, ohne Wenn und Aber.“
„Wenn sie davon ausgehen, dass wir in die logische Richtung weiterfliehen, gewinnen wir Zeit. Zwei, drei Stunden, dann ist der Sturm über uns und wir können erst einmal in Ruhe Deckung suchen.“ Er diskutierte nicht weiter, sondern kehrte in die Wolfsgestalt zurück. Für Diskussionen hatten sie keine Zeit, sie mussten fliehen. Andernfalls erwischten ihre Feinde sie hier mit runtergelassenen Hosen, streitend wie Kleinkinder. Das war undenkbar! Es dauerte bloß Momente, bevor Braxton und Wes ihm nachfolgten. Aufteilen war ebenso undenkbar. Entweder entkamen sie alle drei, oder sie starben gemeinsam. Aus diesem Grund waren sie schließlich hier. Die beiden hätten ihn nicht begleiten müssen …
Mit raumgreifenden Sprüngen hetzten sie den steilen, steinigen Abhang empor, durch das eisige Wasser eines Baches, hinauf ins Niemandsland, das weder Wandler noch Nicht-Wandler für sich beanspruchten, weil es zu lebensfeindlich war, um dort sein Glück zu suchen. Da oben gab es nichts außer Gestein, Gletscher, Kälte und den sicheren Tod. Niemand, der noch recht bei Verstand war, würde sich jemals freiwillig dorthin begeben. Blieb zu hoffen, dass ihre Häscher eine solche Verzweiflungstat ausschließen würden.
Jamie schreckte hoch.
Irgendetwas hatte ihn geweckt. Das Heulen des Sturms konnte es nicht sein, das hielt seit etwa einer Stunde an, war ihm bestens vertraut und kein Grund, aus dem behaglichen Nickerchen aufzuwachen, das er sich in Wolfsgestalt gegönnt hatte, eingerollt am Fußende seines Bettes. Gemütlich und warm hatte er es hier und er wollte so rasch wie möglich zurück ins Traumland. Darum spitzte er die Ohren, lauschte konzentriert, ob irgendetwas nicht so war, wie es sein sollte.
Es gab kein Licht, die Fenster waren verbarrikadiert und er hatte auf ein Feuer im Kamin verzichtet. Dennoch war es dämmrig genug, dass seine Wolfsaugen mehr als ausreichend sehen konnten. Innerhalb von etwa dreieinhalb Yards nahm er alles gestochen scharf wahr. Danach war seine Wolfssicht der eines Menschen eher unterlegen, sofern es sich nicht um bewegte Objekte handelte – Wölfe waren Beutegreifer, die wenig Konkurrenz zu fürchten hatten. Was kümmerte es, dass er unbewegte Objekte in der Ferne praktisch nicht wahrnehmen konnte, solange er das sehr viel größere Blickfeld besaß und auf ein Reh erst fokussieren konnte, sobald es sich bewegte? Seine Nase hatte ihm in der Regel lange vorher gesagt, wo es sich befand. Irritierend war die Verschiebung des Farbspektrums in den Blaubereich, jedes Mal, wenn Jamie die Gestalt wechselte. Auch das spielte gerade keine Rolle. Es gab nichts zu sehen. Es gab nichts zu riechen. Zu hören war nichts außer dem Wind und dem Stöhnen seiner Hütte, die sich gegen die entfesselten Elemente stemmen musste. Alles sprach dafür, den Kopf zurück auf die Pfoten zu legen, behaglich zu seufzen, die Augen zu schließen und weiterzuschlafen. Alles sprach dafür. Alles!
Stattdessen sprang er vom Bett herab und trabte zur Tür, die ihn ins Freie führen würde. Sein Instinkt arbeitete. Irgendetwas stimmte nicht. Was genau, das konnte er nicht einmal erahnen, denn keiner seiner Sinne wollte diesen Instinkt bestätigen. Er wusste dennoch, es musste so sein. Während sein Gedächtnis ihn gelegentlich zu betrügen begann, weil er seinen Kopf mit nichts mehr als der alltäglichen Arbeit stimulieren konnte, war auf sein Bauchgefühl unbedingten Verlass. Jamie wäre längst tot, wenn es anders wäre. Vergangenen Sommer hatte dieser Instinkt ihn dreißig Meilen weit in die Wälder hinabgeführt, wo er einen beginnenden Waldbrand entdeckt und eigenhändig gelöscht hatte – trotz der schnellen Wundheilung der Wandler hatte er einige Narben an den Händen von den Verbrennungen davongetragen, die ihn allerdings nicht behinderten.
Oder vor zwei Jahren, als er im Herbst fast bis in das Gebiet der Clanrudel gerannt war, weil sein Instinkt ihn dazu getrieben hatte. Ein Steinschlag hatte eine wichtige Quelle gestaut, was ihn in der Höhe keineswegs betroffen hatte. Die Rudel hätten es bald bemerkt und vielleicht wären sie nach der Beseitigung des kleinen Ärgernisses weiter in die Höhe gestiegen, um nachzuschauen, ob es dort ähnliche Probleme gab. Dann wären sie womöglich auf seine Spuren gestoßen. Jamie hatte die Quelle freigelegt und sämtlichen Schicksalsgöttern gedankt, dass danach niemand einen Grund gefunden hatte, den Weg auf sich nehmen zu müssen.
Es steckte natürlich keine Magie dahinter. Der Rauchgeruch des Waldbrandes hatte ihn frühzeitig alarmiert, seine hochempfindliche Wolfsnase hatte eine glückliche Brise eingefangen. Wenige Minuten später, und das Feuer wäre zu weit ausgebreitet gewesen, um ohne Hilfe dagegen ankämpfen zu können. Den Steinschlag hatte er gehört, wie vermutlich jeder andere Wolfswandler in fünfzig Meilen Umkreis ebenfalls. Er war einfach der Erste gewesen, der auf diese Bedrohung reagiert hatte – denn für ihn war es eine Bedrohung, während die anderen sehr viel gelassener bleiben konnten.
Was genau ihn jetzt dazu trieb, seine sichere Hütte zu verlassen und in den Sturm hinauszurennen? Er wusste es nicht. Irgendetwas hatte seine Sinne getriggert, so schwach und subtil, dass er nicht bewusst sagen könnte, was genau es gewesen war. Dennoch gab es kein Zögern. Jamie wandelte in Menschengestalt zurück und suchte sich einen Rucksack voller Ausrüstung zusammen. Waffen, Werkzeug, Verbandsmaterial, ein Seil, Vorräte, Kleidung. Er kannte die Art der Bedrohung nicht, also rüstete er sich wie üblich für jeden denkbaren Notfall. Das absolut Großartige an der Wandlermagie? Seine Kleidung und die gesamte Ausrüstung wandelte mit ihm, sobald er in Wolfsgestalt zurückkehrte. Was immer er am Leib trug und unbelebt war, es wurde zum Teil seines Wolfspelzes. Umgekehrt, wenn er als Wolf etwas Unbelebtes an sich trug, integrierte es sich in seinen menschlichen Körper bei der Verwandlung. Kompliziert wurde es bei Fesseln, bis an den Punkt, an dem er sich nicht mehr verwandeln durfte, weil er sich sonst im Moment der Wandlung Gliedmaßen ausreißen und jämmerlich verbluten würde. Dieser Part war definitiv Magie, denn es gab kein physikalisches Gesetz, das hier noch Sinn hatte. Obwohl – Quantenphysik vielleicht?
Diese Tatsachen konnte er jetzt erst einmal verdrängen und über die Möglichkeiten der Quantenphysik, von der er nichts verstand, musste er nicht nachgrübeln. Da draußen gab es ein Problem und er musste sich darum kümmern. Hoffentlich drohte keine Lawine. Das war eine Urgewalt, die er mehr als jede andere fürchtete. In seiner Zeit hier oben hatte er einige davon beobachtet und sie hatten vernichtet, was immer sich ihnen in den Weg gestellt hatte. Würde eine Lawine losbrechen und dieses Haus verschlingen wollen, gäbe es keine Chance zur Flucht.
Jamie zurrte sein Gepäck fest und zog Fellmütze und Fäustlinge über. Die Kleidung verstärkte nach der Verwandlung seinen Wolfspelz ideal und schützte ihn umso besser vor Kälte und Erfrierungen. Sich in seiner Menschengestalt dick einzupacken war darum keine vergebene Liebesmüh, sondern kluge Planung. Egal wie sehr sein Instinkt ihn anbrüllte, nicht noch mehr Zeit zu vergeuden.
Als er fertig war, entriegelte er die Tür, trat ins Freie. Sofort zerrte der Sturm an ihn, warf ihm prickelnde Kälte entgegen, marterte sein ungeschütztes Gesicht mit gefrorenem Schnee, den er ihm mit hundert Meilen die Stunde über die Haut peitschte. Jamie sicherte seine Hütte sorgfältig. Dann verwandelte er sich und rannte in die Dunkelheit. Sein Instinkt trieb ihn, flüsterte ihm zu, wohin er sich zu wenden hatte. Dort draußen war etwas. Ein Problem, um das er sich kümmern musste. Er würde erst heimkehren, wenn es aus der Welt geschafft war.
~*~
Nox hielt den Kopf möglichst weit unten und kämpfte sich Schulter an Schulter mit seinen beiden Gefährten voran.
Der Sturm war mit voll entfesselter Macht über sie hereingebrochen. Nicht unerwartet und trotzdem überraschend in seiner Gewalt. Sie brauchten dringend einen Unterschlupf. In Wolfsgestalt ertrugen sie deutlich mehr als Menschen, was am dichten Pelz, dem andersartigen Organismus und definitiv auch an der Wandlermagie lag. Dennoch könnte dieser Sturm sie umbringen, sie konnten unterkühlen, durch herumfliegende Steine oder Äste verletzt werden. Eine Trennung von seinen Gefährten wollte Nox auf keinen Fall riskieren. Sie würden anschließend zu viel Zeit verlieren, sich wiederzufinden. Zeit, die über Leben oder Tod entscheiden konnte.
Niemand von ihnen wusste, wo sie sich hier befanden. Hoch im Gebirge, im offenen Gelände, definitiv oberhalb der Baumgrenze. Hoffentlich fanden sie bald ein geschütztes Tal, einen hohen Findling, in dessen Windschatten sie kauern konnten, oder vielleicht sogar eine Höhle. Ein sicherer Ort, um den Sturm auszusitzen und danach, wenn die peitschenden Winde nachließen, die Flucht fortsetzen. Ob die Feinde ihnen nach wie vor im Nacken hingen, wussten sie nicht und konnten es auch nicht herausfinden. Nicht bevor diese mit Gewehren und Handfeuerwaffen vor ihnen standen. Eine echte Rolle spielte es sowieso nicht, solange sie hier um ihr schieres Überleben kämpfen mussten.
Nox haderte mit seiner Entscheidung. War es falsch gewesen, sich vom Wald abzuwenden? Hoch in die Berge zu laufen? In den Schnee hinein? Mitten in den Schnee …
Es war in dem Moment für ihn die bessere Lösung aus dieser Misere gewesen. Er würde sich wieder so entscheiden – unten in der Ebene wären sie vor dem Sturm besser geschützt gewesen, doch die Feinde hätten sie möglicherweise jetzt schon eingeholt und überwältigt. Was am Ende dabei herauskommen würde, blieb abzuwarten.
Eine Orkanböe traf sie mit solcher Gewalt, dass Wes sich flach auf den Bauch legen musste. Braxton prallte unangenehm gegen ihn. Nox hingegen taumelte, rutschte plötzlich mehrere Yards über eine Eisfläche und brach winselnd mit den Hinterläufen nach hinten weg.
Nein. Er brach ein! Das Platschen von Wasser war selbst über das Heulen des Sturms zu hören, genau wie sein entsetztes Fiepen. Der dichte Schnee hatte sich über eine hauchdünne Eisschicht gelegt, die den Uferbereich eines Sees bedeckte. Und nun kämpfte Nox um sein Leben, denn er fand nirgends Halt auf dem brechenden Eis, rutschte ab, glitt immer wieder mit dem Kopf unter Wasser. Braxton und Wes konnten nicht zu ihm gelangen, ohne sich selbst in tödliche Gefahr zu begeben. Er befand sich außer Reichweite, egal in welcher Gestalt.
Verdammte Scheiße!
Winselnd kämpfte er. Das konnte jetzt einfach nicht wahr sein! Sein Herz pumpte, Atmen hingegen schien unmöglich. Die Kälte war absolut unglaublich! Sämtliche Muskeln verkrampften, und egal wie heftig er strampelte, er kam nicht nach oben, geschweige denn dem Ufer näher. Ruhmlos ging er unter, schluckte eisiges Wasser, fand keine Orientierung. Wo war oben? Wo war unten? Wasser, Kälte überall, die wie flüssiger Beton an ihm hing und ihn in die Tiefe zerrte. Panische Todesangst blockierte jegliches Denken. Er konnte, er wollte nicht zulassen, dass es so endete. Nicht so!
Mit purem Trotz fand er zurück an die Oberfläche, brach durch, sog Luft in die brennenden Lungen. Die Orkanböen erfassten ihn sofort, folterten seinen Kopf mit unvorstellbarer Macht, füllten seine Ohren, raubten ihm das letzte bisschen Wärme. Nox strampelte, strampelte, strampelte. Er musste hier endlich raus!
„Verwandle dich, sieh, ob du mit menschlichen Beinen auf den Grund kommst!“, brüllte Braxton, als er für drei Atemzüge wandelte, bevor er hastig wieder zum Wolf wurde. Es war riskant, in Menschengestalt würde Nox noch viel schneller auskühlen. Sich warm halten, darüber konnte er nachdenken, wenn er endlich aus der Brühe rausgefunden hatte.
Er gehorchte sofort – und ging unter. Der See war selbst derart nah am Ufer zu tief, nirgends war Halt unter seinen Füßen. Kleidung und Stiefel sogen sich voll und zerrten ihn hinab. Sekunden vergingen zäh, bis er es zurück an die Oberfläche schaffte, um sich griff, vergeblich Halt suchte inmitten von Schnee und Eis. Seine Hände brachen durch, seine Arme waren zu schwer, viel zu schwach, um mehr zu vollbringen, als ihn knapp an der Oberfläche zu halten. Das elende Schneetreiben, die gefrorenen Kristalle, die ihm um die Ohren und in die Augen peitschten, machte alles nur noch schlimmer.
Verdammt, Leute, kommt schon!, dachte er verzweifelt, suchte nach Wegen, um nicht sterben zu müssen.
Als sich eine Gestalt aus der Dunkelheit hervorschälte, ein einzelner Wolf, der durch den Sturm zu ihnen kam, fuhr Nox zusammen. Für einen Moment glaubte er, es wäre einer ihrer Feinde, einer der Verfolger, der es irgendwie geschafft hatte, ihrer Spur zu folgen. Dann erkannte er allerdings, dass er diesen Wolf noch nie zuvor gesehen hatte. Er war jung, dieser Fremde. Diesen Eindruck nahm Nox ebenfalls mit, als der Mann sich wandelte. Unruhig glitt sein Blick über Wes und Braxton, bevor er ein Seil hervorzerrte und sich auf Nox fokussierte.
„Wandle dich!“, brüllte er gegen das Sturmgeheul an. „Ich werfe dir ein Seil zu!“
Nox gehorchte. Seine Bewegungen waren stark verlangsamt, es könnte erschreckend sein, wie schnell die Kraft durch die Kälte aufgefressen wurde. Dafür hatte er keine Energie mehr übrig. Alles stand in Flammen. Seine Brust, seine Lungen, seine Muskeln. Alles brannte und war schwer wie die Berge selbst. Dennoch gelang es ihm beim ersten Versuch, das Seil zu greifen, das durch die Dunkelheit auf ihn zugeflogen kam, und sich daran festzuhalten. Wes und Braxton halfen mit, ihn ans sichere Ufer zu zerren.
Augenblicke später war er gerettet und sie wandelten alle vier zurück in Wolfsgestalt.
„Folgt mir“, signalisierte der Fremde mittels Körpersprache. Etwas anderes blieb ihnen auch nicht übrig. Nox war völlig durchnässt und ausgekühlt, binnen weniger Herzschläge bildete sich Frost in seinem Fell. Das Brennen hörte nicht auf. Das Rauschen. Die Schmerzen.
Weiter. Weiter. Weiter.
Ein Mantra, an dem er sich festzuhalten versuchte. Es flimmerte vor seinen Augen. Wo waren die anderen? Das Rauschen in den Ohren, hervorgerufen durch sein panisch flatterndes Herz, übertönte inzwischen den Sturm. Er konnte nichts sehen. Nichts hören.
Weiter … weit…
Selbst die Gedanken waren mittlerweile erfroren. Warum kämpfte er? Wohin wollte er? Warum? War…
Stille.
Jamie hatte den schwankenden Wolf im Blick gehalten. Als er zusammenbrach, stand er bereit, wandelte sich bereits, bevor dessen Freunde reagieren konnten. Tapfer war er gewesen, ein starker junger Mann. Ohne Hilfe würde er binnen weniger Minuten sterben, so viel war gewiss.
Er hüllte ihn in eine Decke und wuchtete sich grob geschätzt hundert Pfund Wolf auf die Schultern.
„Wie weit noch?“, brüllte ihn einer der beiden anderen an. Sie versuchten nicht, den bewusstlosen Gefährten zu übernehmen. Auch diese beiden waren erschöpft und von der Rettungsaktion durchnässt. Was machten sie soweit hier oben? Im Niemandsland, das Jamie sonst für sich allein haben durfte? Fragen, die gerade keinerlei Relevanz besaßen …
„Vielleicht noch zweihundert Yards“, brüllte Jamie zurück. Er fand den Weg. Gleichgültig wie dunkel es war, wie heftig der Schneesturm tobte, er fand den Weg nach Hause blind. Ein weiterer Instinkt, auf den blinder Verlass war. Die Fremden vertrauten ihm, folgten ihm in Wolfsgestalt. Natürlich vertrauten sie ihm, ihnen blieb keine andere Wahl. Würde er sich verirren, wären sie alle tot.
Wild entschlossen, diese Männer zu retten, stampfte er durch den Schnee. Es waren die ersten Menschen, denen er in viel zu langen Jahren begegnen durfte. Ja, es würde wohl seinen Untergang besiegeln, denn natürlich würden sie keine zwei Minuten brauchen, um zu wittern, wer er war, WAS er war, sobald sie keinen Schnee mehr in den Nasen hatten. Sobald sie zu Kräften kamen, würden sie dementsprechend reagieren müssen, ob sie wollten oder nicht. Letztendlich hatte Jamie es immer gewusst: Sofern er keinen Selbstmord beging oder sich extrem selbst verstümmelte, führte kein Weg an seinem vorherbestimmten Schicksal vorbei. Er war ein Omega.
Da spielte es nicht die geringste Rolle, was er sich selbst wünschte …
Und nein, selbstverständlich würde er diese drei Männer nicht sterben lassen, um sich vor ihnen zu retten!
~*~
Drei erschöpfte, stark unterkühlte Männer lagen auf dem Boden vor seinem Kamin. Jamie feuerte diesen an, dass das Knistern und Knacken und das Rauschen der Flammen sogar den Sturm übertönte, und bullige Hitze breitete sich in Windeseile in seiner kleinen Hütte aus.
Jene zwei, die nicht in den See gefallen waren, konnten sich selbst aus ihrer nassen Kleidung schälen und kehrten danach in Wolfsgestalt zurück. Das machte es leichter in dieser Enge, über sie hinwegzusteigen, und sie benötigten für den ersten Moment nicht viel mehr als jeweils eine Decke. Der dritte hingegen, den Jamie so mühsam durch den Sturm geschleppt hatte, der bereitete ihm Sorgen. Nox war sein Name, das hatte ihm der große, stämmige Blonde namens Braxton verraten, bevor er sich wieder in einen falbfarbenen Wolf verwandelt hatte. Ein gut gewählter Name war das – Nox bedeutete „Die Nacht“ auf Latein, wie Jamie wusste. Der bewusstlose Wolf besaß tiefschwarzes Fell und in Menschengestalt vermutlich ebenso tiefschwarzes Haar. Eine solche Kombination traf man bei Wandlern eigentlich nur bei Dunkelhäutigen an. Nox war Weiß, wie seine Gefährten auch, das hatte Jamie bei der Rettungsaktion wahrgenommen. Wichtig war es nicht, lediglich eine kleine Besonderheit, an der sein trudelnder Verstand sich festklammern wollte. Diese Situation überforderte ihn immens. All die Jahre Flucht und Einsamkeit, so viel Angst und Leid, und nun hatte er sich seinen Untergang bereitwillig selbst ins Haus geholt. Ihm blieb nichts anderes zu tun, als alles zu geben. Je besser er diese Männer behandelte, desto freundlicher würden sie hoffentlich mit ihm umgehen. Eine Garantie gab es dafür leider nicht.
Er ging zu seinem Herd hinüber, den er sich aus Natursteinen selbst gemauert hatte, und feuerte auch diesen ein. Es würde eine ziemliche Weile dauern, bis der Kessel mit dem Wasser kochte. Stirnrunzelnd erinnerte er sich an die Technik, mit der er als Kind und Jugendlicher aufgewachsen war. Induktionskochplatten, die gefühlt bloß Sekunden benötigten, um einen großen Topf Wasser zum Kochen zu bringen. Licht auf Knopfdruck, Wärme, sobald er an einem Schalter drehte. Komfortabler Luxus, dem er entsagen musste. Er konnte sich kaum daran erinnern. Etwas davon wäre gerade sehr nützlich, diese Männer brauchten heißen Tee.
Andererseits war es gut, die Hände beschäftigt zu halten. Er fürchtete sich so sehr …
Sobald er die schwere Steinplatte über das Kochfeuer legen konnte und der Kessel aufgestellt war – einer der Gebrauchsgegenstände, die er damals auf seiner Flucht mitgenommen hatte – kehrte Jamie zu Nox zurück. Der regte sich mittlerweile schwach unter seinem Deckenberg. Es war schwierig, mit massiv unterkühlten Lebewesen umzugehen. Der Blutfluss durfte nicht zu schnell angeregt werden, sonst konnte das Herz versagen. Jamie wusste solche Dinge. Als er mit etwa elf Jahren die ersten Anzeichen spürte, was er war, hatte er begonnen, wie ein Besessener alles zu erlernen, was er für ein Leben auf der Flucht wissen musste. Denn dass er sich diesem Schicksal nicht kampflos beugen wollte, war ihm vollkommen klar gewesen.
Als der schwarze Wolf die Augen öffnete und den Kopf zu heben versuchte, legte Jamie ihm die Hände in den Nacken.
„Ganz ruhig“, sagte er laut und hielt ihn behutsam fest. „Du bist schwer unterkühlt. Verwandle dich, das initiiert die Heilungskräfte und ich kann dich aus der nassen Kleidung herausholen.“
Die Sachen der beiden anderen hingen bereits auf dem groben Strick über der Kaminwand, während Stiefel und Ausrüstung in der Nähe des Feuers standen. Die Feuchtigkeit der trocknenden Kleidung sorgte dafür, dass die Hitze im Raum ziemlich dampfig war.
Nox benötigte mehrere Anläufe und einiges an Ermunterung, bis er auf Jamies Kommando reagieren konnte. Dann verwandelte er sich. Ein bildschöner Mann lag nun unter Jamie, groß, schlank und sehnig. Vielleicht fünf, sechs Jahre älter als er, also Mitte zwanzig. Schwarze Haarsträhnen klebten nass in einem ausdrucksstarken, markanten Gesicht, die Wangen noch vollkommen glatt nach der Verwandlung. Es brauchte viel Übung, um sich als Wandler einen Bart wachsen lassen zu können, da die gesamte männliche Behaarung ausgenommen Achseln und Intimbereich nach jeder Wandlung verschwand. Man musste es wirklich wollen und sehr viel Konzentration aufwenden, um eine männlich behaarte Brust und einen Bart behalten zu können.
