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Joel wollte nichts weiter, als mit dem Bus zur Arbeit zu fahren. Stattdessen wird er zur Geisel bei einem Banküberfall, gemeinsam mit einem anderen jungen Mann. Sie werden verschleppt, misshandelt und schließlich gemeinsam in einem Kellerverlies gefangen gehalten. Während sie noch zu begreifen versuchen, warum dies alles geschieht, kommen sie einander näher. Sie müssen Vertrauen haben, sonst werden sie nicht überleben. Rund 12.000 Wörter Das entspricht ca. 35 Buchseiten
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Veröffentlichungsjahr: 2021
White lies
Kiara Raoui
Joel wollte nichts weiter, als mit dem Bus zur Arbeit zu fahren. Stattdessen wird er zur Geisel bei einem Banküberfall, gemeinsam mit einem anderen jungen Mann. Sie werden verschleppt, misshandelt und schließlich gemeinsam in einem Kellerverlies gefangen gehalten. Während sie noch zu begreifen versuchen, warum dies alles geschieht, kommen sie einander näher. Sie müssen Vertrauen haben, sonst werden sie nicht überleben. Rund 12.000 Wörter
Das entspricht ca. 35 BuchseitenDiese Geschichte enthält homoerotische Beschreibungen.
„Oh, sorry!“
Joel konnte sich gerade noch abfangen, als er von hinten angerempelt wurde. Beinahe wäre er auf die Straße gestürzt.
„Hey, passen Sie gefälligst auf!“, schnauzte er, während er sich umdrehte. Ein Mann stand vor ihm, ein Typ wie Benedict Cumberbatch, dem Darsteller von Sherlock Holmes in der gleichnamigen Serie – groß und schlank, dunkles, gelocktes Haar, ein schmales, glatt rasiertes Gesicht. Bloß deutlich jünger und mit helleren Augen. Er schien drei, vier Jahre älter zu sein als Joel, also ungefähr Mitte zwanzig. Zerknirscht nickte er ihm zu und murmelte: „Tut mir echt leid, ich war mit dem Kopf ganz woanders.“
„Hoffentlich an einem schöneren Ort“, erwiderte Joel und winkte ab. Es war kalt und regnerisch, dazu wehte ein unangenehm starker Wind, der das letzte Laub von den wintermüden Bäumen fegte. Er reckte den Hals, um zu schauen, ob sein Bus sich heute ausnahmsweise an den Fahrplan halten wollte, doch auf der dicht befahrenen Straße reihten sich lediglich Autoschlangen aneinander.
Joel erwog kurz, ob er heute Mal mit der U-Bahn zurück zur Arbeit fahren sollte, aber er müsste eine halbe Meile bis zur nächsten Station laufen. Bis dahin war sein Bus sicherlich längst da.
Der Typ, der ihn angerempelt hatte, war der einzige, der an dieser Haltestelle wartete. Um ein Uhr mittags ungewöhnlich, sicher hatten viele Leute bei dem miesen Wetter beschlossen, die Pause im Büro zu verbringen. Das hätte er auch gerne getan, hätte sein Vater ihn nicht gebeten, ein wichtiges Dokument zu einem Kunden zu bringen, der in der Nähe des Bistros wohnte, in dem er für gewöhnlich jeden Mittag einkehrte. Hier gab es den weltbesten Kaffee und hausgemachte Leckereien, von Tomatensuppe bis Käsekuchen, die es wert waren, die zehnminütige Busfahrt pro Tour auf sich zu nehmen. Es schmeckte jedenfalls besser als in der firmeneigenen Kantine. Heute würde er diese nutzen müssen, durch die Dokumentenübergabe war ihm nicht die Zeit für einen Lunchbreak geblieben.
Joels Blick fiel auf die abgetragenen weißen Sneakers und die ebenfalls abgewetzte Jeans, die der junge Mann neben ihm trug. Sie wirkten etwas ungewöhnlich in Kombination mit einem eleganten, sehr teuer wirkenden hellen Mantel. Die schwarze Aktentasche, die er in der Hand hielt, war ebenfalls aus feinstem Leder.
Wahrscheinlich war der Mann schlauer gewesen als er selbst und hatte sich dem miesen Wetter entsprechend gekleidet, um sich später im Büro – oder wo auch immer er arbeitete – umzuziehen. Joel hingegen hatte Schlammspritzer auf seinen schwarzen Lederschuhen und der guten Tuchhose. Sein Vater würde nicht zufrieden mit ihm sein, sobald er ihn wiedersah, o nein …
Glücklicherweise kritisierte er hauptsächlich an Joels Äußerem herum, wie etwa seiner Frisur, an seiner Arbeitsleistung hatte er wenig auszusetzen.
Auch wenn Scott Williams der uneingeschränkte Herrscher eines imposanten Wirtschaftsimperiums war, hatte er nie seine Menschlichkeit verloren, wie viele andere reiche und mächtige Männer. Seine wenige Zeit verbrachte er gerne mit der Familie. Joel bewunderte ihn, sein Vater war ihm ein großes Vorbild und war nach der Scheidung seiner Eltern bei ihm geblieben.
Er durfte für drei Monate ein Praktikum im Hauptgeschäftssitz ableisten, bevor er zum Start des neuen Semesters sein Studium in Wirtschaftspolitik begann. Zuvor hatte er drei Semester Jura studiert, auf ausdrückliche Bitte seines Vaters. Der pflegte zu sagen, dass man wie ein Anwalt denken können musste, um diesen Aasgeiern auf Augenhöhe begegnen zu können. Man hatte viel mit Anwälten zu tun, wenn man sich auf Erforschung und Produktion vielfältiger Materialen und Gerätschaften spezialisierte, die vornehmlich beim Militär eingesetzt wurden.
Joel wandte den Kopf, als er hinter sich einen dumpfen Knall hörte. Dort befand sich eine Hauptfiliale einer internationalen Bankengruppe. Irritiert musterte er die breite Scheibenfront, durch die man nicht ins Innere blicken konnte, und die elektronisch gesteuerten Eingangstüren. Alles war ruhig und unauffällig.
Er wollte sich umdrehen – und erstarrte. Zwei Männer mit Skimasken über den Köpfen rannten aus dem Gebäude. Sie hielten automatische Schnellfeuergewehre in den Händen. Einer feuerte eine Salve auf die Türen ab.
Glas splitterte.
Menschen warfen sich schreiend zu Boden.
Die kommen auf mich zu!, dachte Joel. Sein Verstand brüllte ihn an, endlich wegzulaufen, doch seine Beine reagierten nicht. Alles war irreal, geschah viel zu langsam und viel zu schnell zugleich. Lauf! Lauf! LAUF!
Zu spät – eine dunkel gekleidete Gestalt packte ihn, schleuderte ihn herum. Kaltes Metall presste sich an seine Schläfe, er hing rücklings im Griff des Mannes, konnte kaum atmen. Hilflos zappelnd versuchte Joel sich zu befreien, aber er war chancenlos gegen die stahlharten Muskeln.
„Fallen lassen oder er stirbt!“, brüllte jemand mit hartem osteuropäischem Akzent neben ihm. Aus den Augenwinkeln erkannte Joel weiße Sneakers, Beine, die in einem seltsamen Winkel gebeugt waren und eine schwarze Aktentasche, die in einer schlammigen Pfütze lag. Eine Bewegung vor ihm ließ ihn zusammenzucken: Zwei Wachmänner standen dort, mit gezogenen Waffen. Einer zielte genau auf ihn. O Gott …
Halb erstickt röchelte er: „Nicht …“ Zumindest glaubte er das. In seinen Ohren rauschte das Blut seines wie wahnsinnig pumpenden Herzens viel zu laut, um sich sicher sein zu können. Der Klammergriff lockerte sich ein winziges bisschen, gerade genug, dass Joel besser atmen konnte. Hinter ihm quietschten Reifen auf nassem Asphalt. Er wurde rückwärts gezerrt, unerbittlich, unausweichlich. Der Wachmann vor ihm hatte die Waffen sinken lassen. „Hilfe“, formte Joel mit den Lippen. Wieder wurde er herumgeschleudert, er fiel, landete auf der Ladefläche eines schwarzen Transporters, der mit heulendem Motor davon raste. Ein schwerer Körper stürzte auf ihn, der harte Schlag trieb ihm die Luft aus den Lungen. Für einen Moment war er benommen und als er wieder atmen konnte, bohrte sich ein Knie in seinem Rücken. Jemand zerrte seine Arme mit grober Gewalt nach hinten. Handschellen klickten, schnitten in seine Haut. Joel spürte keinen Schmerz. Es blieb nicht die Zeit, sich darüber zu wundern, denn nun wurde er herumgerollt. Jemand riss an seinem dunkelbraunen Haar, das er stets ein wenig länger trug als sein Vater es für einen Mann angemessen fand. Als ehemaliger Sergeant der Navy war alles über Fingerbreite zu lang für seines Vaters Geschmack, während er selbst Nackenlänge bevorzugte. Jetzt bereute er es, denn es bot zu viel Angriffsfläche. Harte, kalt-dunkle Augen starrten ihm ins Gesicht. Worte wurden in einer fremden Sprache ausgestoßen. Jemand antwortete. Joel konnte weder atmen noch denken und das gewalttätige Hämmern seines Herzens würde ihm bald die Rippen brechen. Es rauschte so sehr in den Ohren, dass er sich meilenweit von allem entfernt fühlte, was mit ihm geschah. Das hier konnte nicht die Realität sein. In der Realität führte er ein ruhiges, langweiliges Leben mit sehr viel Lernen und Arbeit.
Das reißende Brennen seiner Kopfhaut endete abrupt.
