Tulpenwut und Rosenliebe - Gabriele Tergit - E-Book

Tulpenwut und Rosenliebe E-Book

Gabriele Tergit

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Beschreibung

Ihre Leidenschaft für alles Blühende entdeckte Gabriele Tergit erst im Londoner Exil. Zum ersten Mal hatte die Berliner Gerichtsreporterin und erfolgreiche Schriftstellerin der Weimarer Republik im Stadtteil Putney ein Haus mit eigenem Garten. Hier hackte, pflanzte, säte sie hingebungsvoll und fand nach den langen Jahren des Krieges Trost in der Gartenarbeit: »Ob Kriege die Städte zerstört und Mensch gegen Mensch gehetzt«, schreibt sie, »der Überlebende findet immer im Frühling den aufbrechenden Samen, Körnchen und Fäden und manchmal sogar eine Zwiebel.« Tergit griff nicht nur selbst zur Gießkanne, sie las auch alles, was ihr über Blumen und Gartenkunst in die Hände fiel. So entstand die 1958 erstmals veröffentlichte Kleine Kulturgeschichte der Blumen. Kundig und höchst unterhaltsam erzählt die promovierte Historikerin darin aus der Geschichte der Blumen: von einem Blumenkranz, der einen ägyptischen Pharao um seinen Thron brachte, über die Tulpenmanie, die erste Spekulationsblase der Weltwirtschaft im Holland des 17. Jahrhunderts, von den abenteuerlustigen Orchideenjägern, die ihren Entdeckerdrang nicht selten mit dem Leben bezahlten. Tulpenwut und Rosenliebe ist ein bunter Strauß an vergnüglichen Geschichten aus allen Zeiten, die sich um diese »schönen und duftenden Gebilde« ranken – und mit denen sich Gabriele Tergit von einer ganz neuen Seite zeigt.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gabriele Tergit

Tulpenwut und Rosenliebe

Kleine Kulturgeschichte der Blumen

Herausgegeben von Nicole Henneberg

Schöffling & Co.

Der alte Garten

Kaiserkron’ und Päonien rot,

Die müssen verzaubert sein,

Denn Vater und Mutter sind lange tot,

Was blühn sie hier so allein?

 

Der Springbrunn plaudert noch immerfort

Von der alten schönen Zeit,

Eine Frau sitzt eingeschlafen dort,

Ihre Locken bedecken ihr Kleid.

 

Sie hat eine Laute in der Hand,

Als ob sie im Schlafe spricht,

Mir ist, als hätt’ ich sie sonst gekannt –

Still, geh vorbei und weck sie nicht!

 

Und wenn es dunkelt das Tal entlang,

Streift sie die Saiten sacht,

Da gibt’s einen wunderbaren Klang

Durch den Garten die ganze Nacht.

Joseph von Eichendorff

Eine leicht sentimentale Einleitung über die allgemeine Freude an der Natur

Irgendwo wird es immer Gärten gegeben haben. Wo eine Kultur wächst, ordnet der Mensch das Wildwachsende. Wo man über die Not hinaussieht, wo der Hunger gestillt, die Blöße bedeckt ist und das schützende Dach dem Regen besser wehrt als Höhle und Erdloch, da beginnt der Mensch, das Überflüssigste dieser Erde liebevoll zu bedenken, und er begießt die weder Nahrung noch Kleidung spendenden Blumen.

In einem Garten zu sitzen, das ist ein Traum, der Traum vom Ruhen und Rasten, wenn des Tages Werk getan, wenn der Woche Werk getan, wenn des Lebens Werk getan.

Es ist noch mehr. Ob Kriege die Städte zerstört und Mensch gegen Mensch gehetzt – der Überlebende findet immer im Frühling den aufbrechenden Samen, Körnchen und Fäden und manchmal sogar eine Zwiebel, im geschäftigen Erdreich verborgen, oder am Treffpunkt von Blatt und dem dürre scheinenden Zweig die Knospen in der klebrigen Hülle, wartend auf Wärme, auf Sonne, auf längere Tage oder, im Wüstengürtel der Erde, auf Regen. Wer jedes Kommende pflegt, ihm Platz schafft und es tränkt, der ist vor Enttäuschung bewahrt. Dankbar ist alles Wachsende für Pflege und Liebe, und ein blühender Sommer erwartet den sorgenden Gärtner, und der säende Mensch fühlt sich Gott gleich, wenn er erlebt, dass der Samen aufgeht.

Denn die Pflanzen sind das Wichtigste auf der Welt. Sie bedürfen des Menschen nicht. Aber der Mensch könnte nicht leben ohne die Pflanzen, und so begann es: »Und Gott sprach: Es lasse die Erde Gewächse sprossen, Kraut, das Samen bringt und Fruchtbäume nach ihrer Art, die Frucht tragen, worin ihr Samen ist, auf der Erde!« »Und es pflanzte Gott, der Herr, einen Garten in Eden gegen Osten. Und da ließ Gott, der Herr, aufsprossen aus dem Erdboden allerlei Bäume, lieblich zum Ansehen und gut zum Essen. Es war aber der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und ein Strom ging aus von Eden, den Garten zu bewässern …« Und die Menschen liebten ihre Gärten, die sie an den Garten Eden erinnerten, und die Blumen, die darin wuchsen, zu allen Zeiten und in allen Ländern.

Die Ägypter hatten eine blaue Seerose um ihren Arm gewunden, wenn sie ihren Göttern Blumen als Opfer darbrachten. Die Buddhisten legen Blumen vor das Bild des Buddha. Die Azteken schmückten ihre Tempel, in denen sie den Gefangenen das Herz bei lebendigem Leibe herausrissen, mit Blumen. Die Chinesen legen Blumen auf ihre Altäre. In allen Kirchen der Welt stehen Blumen.

Das persische Wort für Garten, aus welchem sich unser Wort Paradies entwickelte, kam durch Xenophon nach Griechenland. Paradies und Garten bedeuten also dasselbe. Paradies ist kein Synonym für die Liebe oder die Freuden der Jugend, für den Tanz oder die Landschaft aus Berg und Tal und sich windendem Fluss. Es bedeutet nichts anderes als Garten. Das Glück des Jenseits besteht auch im Koran darin, in einem entzückenden Garten zu sitzen.

Die Chinesen sagen: »Willst du eine Stunde glücklich sein, dann betrinke dich! Willst du drei Tage glücklich sein, dann nimm ein Weib! Willst du drei Monate glücklich sein, dann schlachte ein Schwein und iss es in drei Monaten auf! Willst du das ganze Leben glücklich sein, dann werde ein Gärtner!«

»Glück ist, in beiden Händen Blumen zu halten«, sagt man in Japan.

Thomas Morus sah schon, wie wichtig ein Garten für die kleinen Leute ist, und er beschrieb in seinem Zukunftsroman Utopia (1551), wie er sich die neue Lebensweise vorstellte: »Jedes Haus soll hinten einen großen Garten haben und einen Vorder- und einen Hinterausgang. Wer will, soll in jedes Haus gehen können, denn nichts in dem Haus ist Privateigentum. Alle zehn Jahre werden die Häuser neu verlost. Den Bewohnern sind ihre Gärten sehr wichtig, in denen sie Weinlauben haben und alle Arten von Obst, Gewürzen und Blumen wachsen. Sie sind so prachtvoll gehalten, wie ich es nirgends sonst gesehen habe, nicht nur, weil den Leuten die Gartenarbeit Spaß macht, sondern weil ein Wetteifer entstanden ist zwischen Straße und Straße, wer seinen Garten am besten hält.«

Vieles, was der edle Thomas Morus erträumte, ist in England verwirklicht worden. Denn der Sozialismus in England ist nicht aus dem Kopf von Karl Marx entsprungen wie Pallas Athene aus dem Haupte des Zeus, sondern hat Wurzeln, die tief in die Vergangenheit hinabreichen, und zu dieser Vergangenheit gehören die Bibel und die Utopia des Thomas Morus. In ganz England stehen kleine Häuser, die einen Vorder- und einen Hinterausgang haben und einen Vorder- und einen Hintergarten. Die Gärtnerei nimmt einen großen Platz im Leben ein, und ein Wetteifer ist entstanden, wer seinen Garten am besten hält.

Aber nicht nur Durchschnittsmenschen, sondern auch die, die ein an Genüssen und Taten reiches Leben hatten, denen der Erdball nicht zu genügen schien, finden am Ende Glück oder doch Trost im Säen und Beschneiden. Napoleon beschäftigte sich auf St. Helena mit Gartenarbeit. Als Fazit eines Lebens, das eine Suche nach Erfolg, Geld, Liebe war, aber nichts brachte als Totschlag, Flucht, Gemeinheiten aller Art, ließ Voltaire seinen Candide sagen: Il faut cultiver notre jardin. »Gärtner Voltaire« nennen ihn die Franzosen, ihn, der auch das Fazit seines eigenen Lebens derart zog: »Ich habe viel gelesen und nur Unsicherheit, Lügen und Fanatismus gefunden. Ich bin beinahe so klug, was das Wesentliche angeht, wie ich als Säugling war. Ich ziehe es vor, zu pflanzen, zu säen, frei zu sein.«

Es ist nur natur-gemäß oder garten-gemäß, dass Gärtner älter werden als andre Leute. Der große Le Notre, der den Mut hatte, die Natur umzuschaffen, der Landschaften schuf nach seinem Willen, wurde fast neunzig. Der alte Castor, bei dem sich Plinius über Pflanzen unterrichtete, wurde über hundert Jahre alt. Mr. Russel, der die Russel-Lupinen züchtete, pflanzte noch, als er dreiundneunzig war. George Bernard Shaw, der Gärtnerfreuden und Krautessen mit einem beizenden Witz, den man städtisch zu nennen gewohnt ist, zu verbinden verstand, starb an einem Unfall, den er sich zuzog, als er allzu eifrig eine Hecke beschnitt. Auch der Gärtner Lakeman, der Charles Darwin mit seinen Beobachtungen fast dreißig Jahre lang half, starb sechsundneunzig Jahre alt. Er hatte seinen Morgentee im Bett getrunken und seinem Gehilfen sagen lassen, er möge die Tulpen ausgraben, um für die Federnelken Platz zu machen, und dann ein bisschen hacken – als er sich zurücklegte und starb.

Es wäre ja auch höchst seltsam, wenn die Menschen nicht in allen Ländern und zu allen Zeiten Gärten geliebt hätten. Denn ganz nahe ist das menschliche Leben dem Gartenjahr verwandt. Im Februar wird der Mensch geboren, im März verbringt er das erste Jahrzehnt seines Lebens bis zum vierzehnten Jahre, in dem er in den April tritt als ein blühendes Wesen, das dann im Mai Hochzeit feiert. Der Juni ist sein drittes Jahrzehnt, und vierzig ist er im Juli. Dann kommen der August und der September, die Ernte des Lebens, das Sammeln für Küche und Keller, und noch einmal das Bunte, das Abschiednehmen in Weisheit. Oktober, das sind die Sechzigerjahre. Dann kommen der November und der Dezember, siebzig und achtzig, das leise Vertrocknen an Körper und Geist, bis Stille einzieht. Und der Mensch und die Natur im Januar enden im weißen Totenhemd.

 

G. T.

Erster Teil

Die Päonie der Chinesen und die Lotusblume der Ägypter

Pflanzen waren von Anfang an wichtig als Nahrungsmittel, als Heilmittel und um böse Geister zu vertreiben. Blumen als Schmuck des Daseins kamen erst, als das Leben gesichert war und Reichtum solchen Luxus erlaubte. Im römischen Latium rissen die Bauern die Olivenbäume aus und säten keinen Weizen mehr, sondern legten Rosenfelder an. Dasselbe taten die Bauern der Riviera im 19. Jahrhundert. Während der Han-Dynastie in China (206 v. Chr. bis 9 n. Chr.) wurden die Gärten so groß, dass Hungersnöte drohten. Genauso beschwerten sich die Augsburger 1594, dass ihnen die Blumengärten der Fugger zu viel Platz von ihren Gemüsegärten wegnähmen. In der Not geschieht es dann umgekehrt, die Gärten werden in Gemüsefelder verwandelt, wie im Dreißigjährigen Kriege, oder wie wir selber es in unserm kriegsfreudigen Jahrhundert erlebt haben.

Vor 5000 Jahren gab es schon Gärten in China: Höhen, von denen Wasser herunterstürzte, Brückchen von wenigen Metern, blumenbedeckte kleine Felseninseln, »Inseln der ewigen Jugend« und »Inseln des unendlichen Glücks«, glöckchenbehängte Pagoden am weiten Wasser und Goldfasan und Silberfasan und Pfau. Kaiser Chin Ming (2737–2697 v. Chr.) begann, sich mit der Blumenpflege zu beschäftigen. In den Tempelgärten von Peking gibt es Päonien, die Hunderte von Jahren alt sind. Vor 1400 Jahren gaben die Chinesen der Päonie ihren Namen. Varianten wurden sehr hoch bezahlt. Ein Exemplar wurde für hundert Goldunzen verkauft. Plinius, der uns alle Tatsachen über die Natur, die den Römern bekannt waren, überliefert hat – er wurde 79 n. Chr. in Pompeji verschüttet, weil er den Ausbruch des Vesuvs allzu nah beobachten wollte –, nennt sie die älteste aller kultivierten Blumen. Ob er recht hat, wissen wir nicht. In Europa begann man sich mit der Veredlung von Blumen nicht vor dem 17. Jahrhundert zu beschäftigen, aber in Japan und China ist diese Kunst Jahrhunderte, ja vielleicht Jahrtausende früher geübt worden, und Astern und Chrysanthemen, Kamelien, Nelken und Rosen waren hochgezüchtete veredelte Pflanzen, als sie im 17. und 18. Jahrhundert nach Europa kamen.

Im alten Ägypten wurde das Gänseblümchen Ostara, der Göttin der Auferstehung der Natur, geweiht. Vergissmeinnicht und Butterblume in Emaille bildeten Diademe. In den Grabkammern hat man längliche Sträuße aus allen möglichen Feld- und Gartenblumen gefunden, aus Malven, Jasmin, Rittersporn und gelblicher Akazie. (Es ist überhaupt eine erstaunliche Tatsache, dass im östlichen Mittelmeergebiet eine Menge unsrer weißen Blumen nur gelb zu finden sind, zum Beispiel Margeriten.) Diese ährenförmigen Grabkammersträuße wurden hergestellt, indem man die Blumen und Blätter um einen Stab anordnete und mit Baststreifen umwickelte. Noch heute werden im Orient Sträuße so gebunden.

Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, erwähnt als ägyptische Blume nur die Lotusblume, die blaue, duftende Seerose, Geschenk des Nils, heilige Pflanze, die in keinem Opfer für die Götter fehlen durfte. Ihr hieroglyphisches Wortbild stand für das ganze Land Kemi, d.h. Ägypten. Kemi hieß auch die schwarze, fette Erde der Nilüberschwemmungen.

Die Lotusblume war die Allerweltsblume, Schmuck der Räume, Girlande, Strauß für Vasen, Vasen, die sogar die Form des Füllhorns hatten. In Krügen aus gebranntem Ton, auf die oft auch Lotusblumen gemalt waren, steckte in jedem der zwei bis drei engen Hälse eine Lotusblume. Sie wurde gemalt, gemeißelt, bildete die Säulenkapitäle. Liebende sandten sie einander, man trug sie, aus Holz geschnitzt und aus Ton gebrannt, als Amulett auf der Brust. Blaue Türkise wurden für Schmuckstücke in der Form von Lotusblumen in Gold gefasst.

In Ägypten brachte man nicht der Gastgeberin Blumen mit, sondern ein Diener überreichte den eintretenden Gästen eine Lotusblume. Lotusblumenkränze wurden ihnen um den Hals gehängt und auf den Kopf gesetzt. Eine einzelne Lotusblüte schmückte manchmal das schwarze Haar einer Dame. Die Gäste hielten eine Lotusblume in den Händen und saßen in Räumen, wo Vasen mit Lotusblumen die wichtigsten Möbel waren. Die Diener servierten nicht nur das Essen, sie brachten auch mit jedem Gang neue Blumenkränze und zum Nachtisch wohlriechende Salben.

Wie ein ägyptischer König sich durch sein freundliches Herz und durch Blumen um seinen Thron brachte, berichtet uns ein Alexandriner. Amasis, ein Mensch von niedriger Herkunft, ein Freund des Tyrannen Polykrates von Samos, schickte dem König Patarmis von Ägypten zum Geburtstag einen Kranz aus den prächtigsten Frühlingsblumen. König Patarmis war begeistert, lud Amasis ein, befreundete sich mit ihm und sandte ihn mit einem Heer gegen rebellische Truppen. Diese aber wählten Amasis zum König.

Der sehnlichste Wunsch der Ägypter war, eine leuchtende Lotusblume zu werden im Garten des Sonnengottes Ra. Am Tempel von Dendera steht:

Die Erde ist in Freude. Die Bewohner von Dendera sind trunken von Wein, ein Kranz von Blumen ist auf ihren Häuptern.

Die ägyptischen Priester, die eifersüchtig ihre Tempelgeheimnisse hüteten, waren große Chemiker und Ärzte. Dass die Christrose Wahnsinn heile – ein weitverbreiteter Glaube bis tief in die Neuzeit –, behauptete derselbe Arzt, der zu Moses’ Zeiten dem König von Ägypten Eisenrost zu essen gab und ihn damit kurierte. Man bestreute seine Häuser mit der Christrose, um sie gegen böse Geister zu schützen, und segnete das Vieh damit. In einem Papyrus aus dem 16. Jahrhundert v. Chr. wird auch schon der Krokus, der den Safran liefert, als Mittel gegen Frauenkrankheiten, als Herz- und Augenheilmittel erwähnt. Eine alte ägyptische Blume ist auch die Iris. Moses wurde in einem Irisgebüsch aufgefunden.

Die Gärten des alten Ägypten waren Innenhöfe oder Innengärten. Aber Reihen von Bäumen umschlossen auch oft das Haus und einen davorliegenden Teich, einen Teich mit Lotusblumen und Wasservögeln und vielerlei Fischen. Manchmal waren die Teiche so groß, dass sie mit Gondeln befahren werden konnten. Sie wurden durch Kanäle vom Nil gespeist. Bunt bemalte Lusthäuser und Weinlauben und Feigenbäume standen an ihren Ufern.

In einem Papyrus spricht ein alter Schreiber:

Du hast dir ein bewässertes Grundstück angelegt, du hast dein Gartenland mit Hecken umgeben. Sykomoren hast du in Reihen gepflanzt, wohl sie ordnend auf dem ganzen Gebiet bei deinem Hause, du füllst deine Hand mit allen Blumen, welche dein Auge erschaut.

Es gab herrliche Gartenanlagen in Ägypten. Der bunt bemalte Tempel zu Luxor mit seinen vergoldeten Säulen und Toren, seinen mit Silber ausgelegten Fußböden stand inmitten von Palmen und tropischem Gewächs und Geblüh, und die mit Kupfer gedeckten Obelisken leuchteten rot darüber hin. Und das alles spiegelte sich im Tempelsee. Mitten durch die Anlage führte eine Doppelreihe von steinernen Widdern und Dattelpalmen. Diese prunkvolle Anlage bestand über ein Jahrtausend. Unter Ramses III. waren allein zur Pflege der Tempelgärten in Theben achttausend Sklaven erforderlich.

Die Lotusblume als größtes Symbol indischer Kultur

Dr. V. Raghavan, Professor für Sanskrit an der Universität von Madras, hat auf meine Bitte, mir die Bedeutung der Lotusblume im indischen Leben zu erklären, Folgendes gesandt, das ich mit vielem Dank für die Mühe und Zeit, die ein bedeutender Gelehrter für meine bescheidenen Zwecke aufwandte, hier mitteile:

 

»Das größte Symbol der indischen Kultur ist die Lotusblume. Wenige Gebilde haben die Fantasie der indischen Denker, Philosophen oder Ästheten so beflügelt wie diese herrliche Blume. Diese indischste aller Blumen war das Maß der Dinge. Sie inspirierte zu Gedanken über die Schönheit und das All. In ihr spiegelt sich die Welt. Ihre große Blüte, die meist rosa, aber manchmal auch weiß ist, füllt nicht nur die indischen Gewässer, sondern jede Seite der indischen Literatur.

Das Universum selbst erblühte aus der Urlotusblume. Denn als Gott Wischnu, die einzige Gottheit, auf dem Wasser der Flut lag, die alle Schöpfung überschwemmt hatte, erblühte aus seinem Nabel eine Lotusblüte, in welcher der erste Schöpfer, Gott Brahma, erschien, der sich bereit machte, die Welt zu erschaffen.

Sehr früh schon sprechen die Veden vom Herzen oder der inneren Tiefe unseres Wesens als der Form einer Lotusblume, die vom Geist bewohnt wird. Das Herz, der Wohnsitz des Gottes, wird immer die Lotusblume des Herzens genannt.

In den Geheimwissenschaften wird angenommen, dass der Mensch sechs Energiezentren, vom Unterleib angefangen bis zum Kopf, besitze. Die Aufgabe von Yoga ist, die Energie, die in den unteren Zentren ruht, durch die vier mittleren Zentren bis zum höchsten zu erheben, das im Kopf sitzt und als der tausendblättrige Lotus beschrieben wird, aus der durch die Energie aller Zentren der Nektar der Unsterblichkeit fließt, und der Geist ist so in unaussprechliche Freude getaucht. Die fünf unteren Zentren werden auch als Lotus bezeichnet.

Für sein geistiges Streben gibt der Hinduismus eine Anzahl Formeln von geheimer Bedeutung. Mit den meisten gehen Bilder einher, bei denen fast immer der Mittelpunkt eine aufgeblühte Lotusblume ist. In jedem Blütenblatt ist ein Buchstabe der geheimen Formel verborgen mit der wesentlichen Silbe im Zentrum der Lotusblume, der Schale ihrer Staubgefäße. Eine der Yogaübungen wird nach dem Lotus padma-asana genannt.

In der indischen Architektur und Dekoration kehrt ebenfalls kein Motiv so oft wieder wie die Lotusblume.

Wie weder Dorf noch Stadt für vollkommen angesehen werden ohne Fluss oder Wasser, so wird kein Wasser für vollkommen angesehen ohne Lotus. Jedes Wassergefäß wird puschkarini genannt, Lotusgefäß.

Die goldenen Strahlen der Sonne, die die stillen Wasser berühren, und die Lotusblume, die bei dieser Berührung erwacht und erblüht, geben eine Szene, die die ganze indische Literatur durchzieht. Diese Szene ist das Urbild allen Erwachens und Erblühens zu Anmut und Schönheit. Ja, die Sonne selbst hat den Namen Freund oder Liebhaber der Lotusblume, und sowohl Lotusblume wie Sonne sind Symbole der ewigen Liebe, die keine Entfernung verringern kann. Erlesene Geschöpfe, wie die Schwäne, die den Geist und die höchste Seelenstufe verkörpern, werden von der Lotusblume angezogen.

In der indischen Ästhetik herrscht die Lotusblume unbestritten. Es gibt keinen Aspekt der Schönheit, für den sie nicht herangezogen würde. Bei einem schönen Wesen werden die Füße, die Hände, das Gesicht, die Augen, der Teint mit der Lotusblume verglichen. Die Anmut der Blume macht sie zum wesentlichen Gleichnis für das Gesicht, besonders für die Augen. In Abhandlungen über die Liebe werden die Frauen in vier Typen eingeteilt. Der verfeinertste Typ wird der Lotusblume gleichgestellt und Lotusdame, padmini, genannt, deren Atem den sanften Duft der Lotusblume hat.

Die Göttin der Schönheit und des Reichtums ist im Hinduismus in der Lotusblume angesiedelt, sie hält die Lotusblume, ja, ist selber die Lotusblume padmasana, padmavati, Padma oder kamala.

Der Quell aller Schönheit ist der große Gott selbst, der – wie zu Beginn gesagt – die Lotusblume in seinem Nabel trägt, er, der die ganze Welt zur Ergebenheit und Liebe zu ihm führt. Er ist der Lotusäugige, dessen Blick den Gesegneten in seinen Bann zieht, den pundarikakscha.«

So weit Professor Raghavan.

 

»Ich will die Lampe mit Öl füllen, die auf deinem Nachttisch brennt«, sagt der Diener zur Königin in einem Gedicht von Tagore, »und ich will deinen Schemel mit Sandal und Safran schmücken.«

»Und was willst du als Lohn haben?«

»Die Erlaubnis, deine kleinen Hände zu halten, wie zarte Lotusblüten und Blumenketten über dein Handgelenk zu streifen.«

»Deine Bitten seien dir gewährt, du sollst der Gärtner meines Blumengartens sein.«

Die sakrale Lilie

Den Ägyptern und allen vorderasiatischen Völkern war die Rose unbekannt. Die »Rose« bei Jesaja ist einer der vielen lutherischen Übersetzungsfehler. Es können Narzisse, Fritillaria oder Herbstzeitlose gemeint sein. Susanna, ein hebräischer Name, der mit »Rose« übersetzt wurde, bedeutet Lilie, ebenso wie der Name der Stadt Susa in Persien vom Lilienreichtum der Gegend kommt. Die ersten Abbildungen von Lilien finden sich auf einem Wandgemälde in Amnisos, dem Hafen von Knossos (1550 v. Chr., vielleicht sogar 1750–1600 v. Chr.). Die »Lilien auf dem Felde« sind tatsächlich Lilien, obgleich Generationen von Bibelforschern und Botanikern angenommen haben, dass es sich um Anemonen handle; neue Forschungen der botanischen Abteilung der Universität Jerusalem ergaben, dass es doch Lilien (lilium candidum) waren. Andererseits ist die »Rose von Scharon« eine Wildtulpe (tulipa saronensis).

Die Lilie war schon in Assyrien das Symbol des Königtums, sie kommt bei Moses und in den Evangelien vor, bei Homer, bei Plinius und bei Vergil. Sie wurde das Symbol des römischen Thronfolgers, das Symbol der Hoffnung. Auf römischen Münzen mit dem Kopf des Thronfolgers befinden sich Lilien und die Worte: Spes populi Romani (Hoffnung des römischen Volkes). Die Säulen des Tempels in Jerusalem hatten Lilien- und Granatapfelkapitäle. Die Lilie war der Schmuck der Leuchter im Heiligtum, und der Stab des Engels der Verkündigung war schon in der byzantinischen Kunst mit einer Lilie gekrönt. Oberon und die Elfen halten sie als Zauberstab in den Händen.

Die Lilie hat sich nie verändert. Sie sieht auf byzantinischen Mosaiken genauso aus wie in unsern Gärten, wie auf allen Bildern der Verkündigung, mögen sie von den niederländischen Brüdern Van Eyck oder von dem Italiener Fra Filippo Lippi sein. Indessen erscheint die Rose in tausendfältiger Gestalt.

Lilie und Rose sind Katze und Hund des Pflanzenreichs. Unverändert wie die Lilie sind die Katzen seit jenen Zeiten, da ägyptische Künstler ihr ewig gültiges Abbild schufen. Die Rosen sind dauerndem Wandel unterworfen, genau wie die Hunde.

Es gibt übrigens Bilder der Verkündigung, auf denen die Lilie ohne Staubfäden dargestellt ist; wohl die äußerste Verleugnung der Natur.

Gärten waren in Jerusalem nur außerhalb der Mauern erlaubt; denn es war verboten, Dung oder sonst Unreines in die Stadt zu bringen. Aber in Salomos Tempel waren alle Wände mit bunten Reliefs von Blumen und Palmen und Fabeltieren bedeckt.

Gärten in Vorderasien

Die Hängenden Gärten in Babylon hatte Nebukadnezar angelegt, weil seine Gattin Amytis Heimweh nach den Bergen ihrer Heimat hatte. Sie bestanden aus einer fünfzig Meter hohen und vierhundert Meter breiten Terrassenpyramide. Auf den Terrassen waren Sträucher und Bäume gepflanzt. Die Anlage, die tatsächlich einem bewaldeten Berg glich, wurde durch ein Pumpwerk aus dem Euphrat versorgt. In die Terrassen waren Zimmer und Bäder eingebaut.

Auch in Persien und Medien gab es solche Gärten mit Treppen und Wasserfällen.

An den Straßen des persischen Reichs, auf denen die königliche Post regelmäßig verkehrte, war die Landschaft zum Park (pardes, paradeisos) umgewandelt. Im Park lagen bequeme Jagdhäuser, Scheunen und Stallungen für den König und sein zahlreiches Gefolge, plätscherten Springbrunnen und graste das Wild. Im Park wurden die Staatsgeschäfte geführt. Immer gab es besondere Rosengärten, denn Persien war ein Rosenland. Rose und Blume war dasselbe Wort: gul. Die Städte waren in Rosen gebettet, die Berge mit Rosen überzogen. Das Veilchen wurde »Rosenprophet« genannt, und ein Getränk aus Veilchen, scherbet, wurde später das Lieblingsgetränk aller Mohammedaner.

Gärten und Blumen wurden geliebt; sogar der große König Cyrus pflegte seinen Garten selber. Es heißt, dass die Blumenliebe von Persien nach dem Westen gekommen sei. Auch die Freude an Bäumen ist eine persische Tradition. Als Xerxes auf seinem Zug nach Griechenland einen besonders schönen Baum sah, ließ er ihn mit goldenen Ketten und Kränzen schmücken und gab ihm einen Wächter zum Schutz. So ist es nicht erstaunlich, dass es bis zum heutigen Tage eine persische Sekte gibt, die Bahais, die die Pflicht haben, wo immer sie hinkommen, Bäume zu pflanzen und Gärten zu schaffen, und es war schon davon die Rede, dass das persische Wort für Garten der Stamm des Wortes Paradies ist.

Griechenland

Von orientalischer Pracht konnte im kleinen Griechenland, wo man immer bescheiden war, natürlich keine Rede sein. Es gab kaum Gärten, da man sich lieber auf dem Marktplatz unterhielt, der eine Art Ersatz für das Café bildete. Man kannte Haine, z.B. Platos Hain der Akademie und Aristoteles’ Hain des Lyzeums, den er Theophrastos hinterließ. In solchen Hainen lagen die Sportplätze, standen Altäre und Statuen. Platos Hain blieb Eigentum der Akademie bis 529 n. Chr., als Kaiser Justinian ihn beschlagnahmte.

Den ersten Stadtgarten in Athen legte sich Epikur, der Philosoph der Lebensfreude, an, weil er täglich frische Rosen haben wollte. Plinius sagte darüber: »Es war nicht üblich, dass man das Land in die Stadt brachte.« Und so haben es die Romanen bis zum heutigen Tag gehalten. Epikur hatte Zitronenbäume in Kübeln, Statuen, Marmorbänke, kurzum vieles von dem, was wir auch heute noch von einem typisch italienischen Garten erwarten.

Bei Homer gibt es nur wenige Blumen (dreiundsechzig). »Auf dem Teppich der Wiese, da, wo Hyazinthe und Krokus duftend sich drängen und blühen in verworrener Fülle der Gräser.« Proserpina wurde von Pluto in die Unterwelt geholt, als sie »Narzissen und Krokus und liebliche Veilchen auf zarter Wiese« pflückte. Immer ist von Veilchen, Narzissen, Lilien, Hyazinthen die Rede. Homer erwähnt die Rose nicht. Sie kam erst später. Sappho nannte sie die Königin der Blumen. Homer spricht auch nicht von Kränzen, ganz ungewöhnlich für die kranzfreudige Antike. Denn Blumen wurden im Altertum für alle Zwecke zu Kränzen verarbeitet. Weder in Griechenland noch in Rom kannte man Schnittblumen in Vasen. Kränze waren die übliche Kopfbedeckung und das übliche Geschenk. Kränze wurden an die Tür der Geliebten gehängt und an die Tür des Hauses, in dem ein Sohn geboren war. Man trug Gewürzkränze aus Majoran, Thymian, Salbei, Lorbeer, Myrten und Safran, aber auch Kränze aus Lilien, Rosen, Veilchen, Anemonen und Narzissen. Die Sybariten, diese Lebensfreunde, bekränzten den Koch, dem ein besonders gutes Gericht gelungen war. Man kennt noch den Namen einer führenden Kranzmacherin, Glycera, einer genialen Putzmacherin sozusagen. Der Maler Pausanias malte ihre Kränze, weil ihre Komposition von Farben, Formen und Düften etwas ganz Besonderes war. Ärzte hatten übrigens herausgefunden, welche Kränze die Kopfnerven schädlich und welche sie günstig beeinflussten. Das Tragen von goldenen Kränzen war besonders fein. An einem feierlichen Umzug in Syrien (200 v. Chr.) nahmen 3000 Leichtbewaffnete, 2000 Reiter in Purpurkleidern und 800 Jünglinge teil, alle mit goldenen Kränzen geschmückt. Blumenkränze wurden an den Tempeltüren aufgehängt. Priester und Opfertiere wurden mit Blumen bekränzt. Iphigenie trug einen Kranz, als sie in Aulis geopfert werden sollte, ebenso wie die indischen Witwen sich mit Blumen schmückten, bevor sie den Scheiterhaufen bestiegen.

Pindar nannte Athen die Veilchenbekränzte: »Veilchenblüten durchduften das Land irdischer Wonnen, und Rosen umkränzen die Stirne.« In Attika wurden Veilchen in Gärtnereien gezogen, und auch im Winter konnte man auf dem Markt von Athen Veilchenkränze kaufen. Veilchengirlanden wurden bei allen festlichen Gelegenheiten getragen. An einem bestimmten Frühlingstag wurden alle Kinder, die älter als drei Jahre waren, mit Veilchen bekränzt, eine sehr rührende Sitte, bei der ungeheuren Säuglingssterblichkeit die kleine Schar der Überlebenden zu bekränzen. Das Veilchen war in ganz Europa, bei Griechen, Galliern, Germanen, später auch bei den Mohammedanern, das Symbol der Unschuld. Beim großen Naturfest der Demeter trugen die Knaben Kränze aus Knabenkraut, das daher seinen Namen hat. Knabenkraut ist eine Orchideenart und somit, wie alle Orchideen, ein Aphrodisiakum, d.h., es erregt die Sinne.

Cyrene und Rhodos waren die Rosengärten Griechenlands.

Die Rose war schon der Aphrodite geweiht worden, als man in ihr noch eine orientalische Göttin der Fruchtbarkeit verehrte. Ihre Priesterinnen trugen weiße Rosenkränze, und die Wege, auf denen man die Götterbilder trug, wurden mit Rosen bestreut.

Pflanzen, die schon die Griechen kannten, sind Granatbaum, Ysop, Rosmarin, Salomonssiegel (Salomonssiegel siegelt die Wunden zu), Distel, deren Genuss vergnügt macht (die Artischocke ist eine Distel), und Immergrün, das als liebeerregend galt, wenn Mann und Frau es zusammen aßen. Noch heute berührt ein Mann in Nigeria eine schwangere Frau mit Immergrün und sagt: »Wenn das Kind ein Junge ist, soll er mein Freund sein, wenn es ein Mädchen ist, dann will ich es heiraten.« Maiglöckchen und Schneeglöckchen blühten in ganz Europa wild. Vom Mohn, den heute die chemischen Unkrautvertilger in den Kulturländern ausrotten, wurde geglaubt, er sei für die Fruchtbarkeit der Felder notwendig. So wurde der Demeter, der Göttin der Fruchtbarkeit, außer Gerste und Weizen auch Mohn geweiht. Mohnsamen ist ungemein fett. Griechen und Römer bestrichen das Brot mit Eigelb und streuten Mohn darauf. Auch dem Honig mengten sie ihn bei. Die Athleten aßen Mohn mit Honig und Wein, wenn sie für die Olympischen Spiele trainierten. Die Perser bestreuten ihren Reis mit Mohn. In ganz Osteuropa, von Prag und Wien an, ist Mohngebäck eine besondere Delikatesse.

Myrte und Lorbeer, die heute als die italienischen Pflanzen schlechthin erscheinen, kamen erst mit den griechischen Ansiedlern nach Italien, ebenso wie das Veilchen, von der Agave ganz zu schweigen, die 1625 aus Amerika eingeführt wurde.

Die Gärten des Osiris und des Adonis und die Sagen vom Ursprung der Blumen

Ein Ritual aus dunklen Vorzeiten war jenes für Osiris in Ägypten und für den Götterliebling Adonis in Griechenland. In Ägypten galt der Osiriskult als ein Symbol der Auferstehung, in Griechenland der Adoniskult als ein Symbol des Sterbens, obgleich man annehmen sollte, es müsse umgekehrt gewesen sein. In Ägypten wurden hohle goldene Osirisfiguren mit Sand, Graupen, mit den Samen vierzehn verschiedener Gewürze und mit vierzehn verschiedenen kostbaren Steinen gefüllt und vergraben. Wenn der Samen aufging, galt das als Auferstehung des Gottes, und man nannte solche Gefäße »Osirisgärten«.

In Griechenland wurden schnell wachsende Samen in Töpfe gesät. Sie verwelkten ebenso schnell, wie sie aufgingen. Das war das Symbol für den Tod des jugendlichen Adonis. Später wurde daraus ein Spiel für Kinder. Aber damit hatte sich der Blumentopf in Griechenland und Rom eingeführt.

Mit dem Tod des Adonis wird auch die Entstehung der roten Rose erklärt. Aphrodite eilte zu ihrem Geliebten Adonis, der, von einem Eber tödlich verwundet, in einem Hain lag. Sie durchquerte dabei eine Rosenhecke, deren weiße Blumen sich von dem Blut der Göttin rot färbten. Adonis selber wurde in eine Anemone verwandelt.

So oder ähnlich erklären alle Sagen den Ursprung der Blumen. Wo die Flöte des Orpheus hinfiel, da blühten Veilchen, wo Milchtropfen aus der Brust der Hera fielen, als sie den Herkules säugte, da sprossen Lilien. Der Gott Apollo wollte seinem Liebling Hyakinthos Unsterblichkeit verschaffen, aber Zephir, der Westwind, war eifersüchtig. Er lenkte einen eisernen Diskus auf den Kopf des Hyakinthos und tötete ihn, und wo sein Blut floss, entstand die Hyazinthe. Aus den Tränen des von Gott begnadigten und reuigen Adam erblühten Veilchen, und die Türken duldeten nicht, dass Rosenblätter auf der Erde lagen, da die weiße Rose während Mohammeds nächtlicher Himmelfahrt aus seinen Schweißtropfen entstanden war. Auch aus dem Blut von Mohammeds Schwiegersohn entsprossen wunderwirkende rote Rosen.

Der Beginn der Botanik

Immer schon schien es dem denkenden Menschen am leichtesten, an den Pflanzen dem Rätsel des Lebens nachzuspüren; dem Rätsel von Geburt und Tod, dem Rätsel der Welt und ihrer Erhaltung.

Für die westliche Welt begannen diese Fragen mit den griechischen Philosophen. Aber im Allgemeinen beobachteten die griechischen Philosophen nicht, sondern sie dachten über die Welt nach. Platos Wort: »Denn die Welt ist das Schönste von allem Entstandenen und ihr Urheber der beste und vollkommenste von allen Meistern«, sagt fast dasselbe wie die Genesis, das erste der fünf Bücher Moses: »Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut …« Genauso entspricht Platos Wort: »Er (der Urheber der Welt) wollte, dass alles ihm so ähnlich wie möglich würde«, den Worten der Bibel: »Und Gott schuf den Menschen sich zum Bilde.«

Die Beobachtung der Natur begann mit Aristoteles (384–322). Seine zwei botanischen Werke gingen verloren. Das Werk seines Freundes und Schülers Theophrastos jedoch (370–285) blieb erhalten. Man nimmt an, dass diese Untersuchung von vierhundertfünfzig Pflanzen eine Erweiterung der beiden verlorenen Werke des Aristoteles ist, denn viele Stellen stimmen wörtlich mit Stellen des Aristoteles überein. Theophrastos’ Werk enthält eine Anatomie der Pflanzen (ohne Hilfe des Mikroskops!) und eine Aufzählung der einheimischen und wichtigeren ausländischen Pflanzenarten.

Nikolaus von Damaskus machte zur Zeit von Christi Geburt einen Auszug aus den Werken des Aristoteles und des Theophrastos. Dieser Auszug wurde von Ishak ben Honain (809–877), dessen Vater ein nestorianischer Christ und Kräuterkenner war, aus dem Griechischen ins Syrische und von seinem Sohn ins Arabische übersetzt. Aus dem Arabischen wurde diese Zusammenstellung ins Lateinische übertragen und endlich gar 1350 wieder zurück ins Griechische. Diese rückübersetzten Texte galten als »Werke des Aristoteles«. Vierhundert Jahre nach Theophrastos schrieb ein andrer Grieche, Dioskurides, eine Materia Medica, in der sechshundert Heilpflanzen beschrieben wurden. Dioskurides stammte aus Kleinasien, wie die anderen großen griechischen Ärzte Galen und Hippokrates. Ein Exemplar der Materia Medica aus dem Jahre 512 n. Chr., mit 400 ganzseitigen Malereien der besprochenen Pflanzen, befindet sich in der Wiener Bibliothek. Diese Malereien sind von einer Schönheit, wie sie erst wieder in der Renaissance erreicht wurde.

Genauso wie elf Jahrhunderte später Die Girlande der Julia von einem bedeutenden Maler als Angebinde für eine große Dame geschaffen wurde, so war diese Handschrift für Juliana Anicia, die Tochter eines Kaisers von Ostrom, bestimmt.

(In Neapel gibt es eine weniger schöne Handschrift aus dem 7. Jahrhundert. Eine Handschrift aus anderem griechischem Material, etwa um das Jahr 800 zusammengestellt, befand sich in Monte Cassino, wo sie im letzten Krieg vernichtet wurde. Das nebenbei.)

Zweitausend Jahre Bestseller

Die lateinische Übersetzung der genannten Werke hatte im Mittelalter eine unermessliche Wirkung, von der man sich in unsrer von Büchern übersättigten Welt kaum mehr eine Vorstellung machen kann. Jahrhunderte hindurch wurden beide Werke abgeschrieben, übersetzt, bearbeitet, in Auszügen verbreitet. Generationen von gewissenhaften und fleißigen Ärzten haben sich mit nichts als mit der Erklärung und Auslegung des Dioskurides beschäftigt, und noch die ersten Botaniker, die Deutsche waren, glaubten 1500 Jahre später, also nach der Renaissance, dass alle Blumen, die sie fanden, im Dioskurides verzeichnet sein müssten, und dass alle Blumen, die Dioskurides gefunden hatte, auch am Rhein wachsen müssten. Aber die Wirkung des Aristoteles war noch grandioser. Tausend Jahre – was sage ich, fast zwei Jahrtausende hat dieser universale Geist, dieser Lehrer Alexanders des Großen, die abendländische und die morgenländische Welt beherrscht.

Aristoteles hat die Grundtatsachen des Lebens festgestellt: sich fortpflanzen und Nahrung aufnehmen. »Denn die natürlichste Verrichtung aller wohlausgebildeten lebenden Wesen – wenn sie nicht Krüppel sind oder durch Urzeugung entstanden sind –«, schreibt er, »ist die, ein Neues hervorzubringen, das ihresgleichen ist, das Tier ein Tier, die Pflanze eine Pflanze, um am Ewigen und Göttlichen teilzuhaben. Denn danach strebt alles. Deswegen ist tätig, was immer von Natur tätig sein kann. Durch die Empfindung unterscheidet sich Tier von Nichttier. Jede Pflanze hat nur eine Seele, dennoch leben die Pflanzen fort, wenn man sie teilt. Demnach scheinen die Geteilten der Art nach dieselbe Seele zu haben. Sie finden ihre Nahrung in der Erde und brauchen sie nicht im Magen herumzutragen wie die Tiere. Die Gefäße der Tiere ziehen den Nahrungssaft aus dem Magen, die Wurzeln der Gewächse ihren Nahrungssaft aus der Erde. Die Blätter dienen zur Einhüllung der Früchte. Die Blüten sind, wie das Hochzeitskleid der Vögel, das Zeichen der beginnenden Fruchtbarkeit.«

»Während bei allen Tieren, die sich fortbewegen können, das Männliche vom Weiblichen getrennt ist, nämlich ein Tier männlich, das andere weiblich ist, sind diese Kräfte bei den Pflanzen vermischt, und das Männliche ist vom Weiblichen nicht zu scheiden. Aus dieser Vereinigung entsteht die Frucht.«

»Die Austern unterscheiden sich ihrer Natur nach wenig von den Pflanzen, doch sind sie tierähnlicher als die Schwämme. Die haben ganz das Wesen einer Pflanze. Denn ununterbrochen gibt es Übergänge in der Natur vom Unbeseelten bis zu den Tieren über Geschöpfe, die zwar schon leben, aber noch nicht Tiere sind. Aufeinanderfolgende Stufen unterscheiden sich sehr wenig voneinander.«