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Die Tunneltechnik ist eine minimalinvasive Behandlungsmöglichkeit bei parodontalen Rezessionen mit vorhersagbar sehr guten ästhetischen Ergebnissen. Der Autor vermittelt mit diesem Buch ein tiefes Verständnis der Grundsätze dieses chirurgischen Ansatzes und begründet den Erfolg von Tunnelbehandlungen zudem mit einer sorgfältigen Analyse der Übergangszone zwischen Krone und Wurzel, der Anwendung neuartiger Nahttechniken und einem verbesserten Vorgehen mit Bindegewebetransplantaten. Die Kapitel sind so gegliedert, dass Leserinnen und Leser alles Notwendige für die Anwendung dieser Technik lernen. Eindrucksvolle Falldarstellungen zeigen die Vielseitigkeit des Verfahrens und demonstrieren den Einsatz der Technik in den verschiedenen klinischen Anwendungsfällen. Der Gebrauch von Entscheidungsbäumen unter Berücksichtung klinischer Parameter und die detaillierten Darstellungen des Behandlungsablaufs machen das Buch zu einem Standardwerk für das Verständnis von Tunneltechniken, bei deren Einsatz nichts dem Zufall überlassen wird.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Ein umfassendes Konzept für die plastische Parodontalchirurgie
Ein Buch – ein Baum: Für jedes verkaufte Buch pflanzt Quintessenz gemeinsam mit der Organisation „One Tree Planted“ einen Baum, um damit die weltweite Wiederaufforstung zu unterstützen (https://onetreeplanted.org/).
Die französische Originalausgabe erschien unter dem Titel: „Tunnélisation: Un concept global en chirurgie plastique parodontale“ (Paris: Quintessence International, 2021).
Titel der dieser Ausgabe zugrunde liegenden englischen Fassung: „Tunneling. A Comprehensive Concept in Periodontal Plastic Surgery“ (Batavia: Quintessence Publishing, 2022).
Zusammenfassung: Eine umfassende Darstellung des parodontalchirurgischen Konzeptes der Tunnelierung und seiner minimalinvasiven mikrochirurgischen Techniken. Schlüsselelemente des vom Autor vorgestellten Konzeptes sind das Management der Übergangszone zwischen Zahnkrone und Wurzel, ein modularer klinischer Ansatz, modifizierte Techniken für Bindegewebetransplantate und neue Nahtformen.
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://www.dnb.de abrufbar.
Postfach 42 04 52, D–12064 Berlin
Ifenpfad 2–4, D–12107 Berlin
www.quintessence-publishing.com
© 2025 Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Illustrationen: Laurent Baudchon, Paris
Übersetzung: Peter Rudolf, München
Lektorat: Anita Hattenbach, Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin
Herstellung: Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin
ISBN 978-3-86867-752-2
Das vorliegend Buch, in das Dr. Vincent Ronco seine gesamte Erfahrung eingebracht hat, bietet den Leserinnen und Lesern die klare und didaktisch elegante Darstellung eines umfassenden Konzeptes zur Behandlung parodontaler Rezessionen. Basierend auf der minimalinvasiven Technik der „Tunnelierung“ geht dieses Konzept über frühere Therapieansätze hinaus. In seinem Zentrum steht ein einfacher, praxisnaher, effizienter Entscheidungsbaum, der dem Zufall bei der Behandlungsplanung keinen Raum lässt.
Mit diesem reich bebilderten Werk steht den Leserinnen und Lesern ein echtes Handbuch zur Verfügung, das sie bei ihrer beruflichen Weiterentwicklung unterstützt. Neben dem Behandlungskonzept werden die zeitliche Organisation der geplanten Behandlung, die benötigten chirurgischen Techniken, das Instrumentarium sowie die Vorbehandlung und postoperative Betreuung erläutert.
Um das Buch zusammenzufassen, genügt ein Wort: inspirierend! Den Leserinnen und Lesern sei empfohlen, sich seine Inhalte, die äußerst verständlich und zugänglich dargeboten werden, anzueignen und das Werk zu einem echten „Weggefährten“ zu machen.
Emmanuel Gouêt, DDS
Leiter des postgradualen Programms für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie,
Centre Hospitalier Intercommunal Villeneuve-St-Georges, Paris
Dozent für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie,
Universität Paris XII, Paris
Private Praxis für Parodontologie und Implantologie, Paris
Vincent Ronco
Die wachsende Nachfrage nach parodontalchirurgischen Behandlungen, sei es aus Gründen der Ästhetik und Funktion oder aufgrund von Beschwerden oder Schmerzen, hat seit Mitte der 1980er-Jahre die Entwicklung neuer Therapiekonzepte angeregt. Inzwischen dürfte die große Vielfalt chirurgischer Ansätze in der Praxis eher verwirrend sein. Das gilt um so mehr, als diese Ansätze bezüglich der Handhabung des keratinisierten Gewebes, der ästhetischen Resultate, des Indikationsspektrums und vor allem der Komplikationsrisiken keineswegs gleichwertig sind.
Aus diesem Grund habe ich versucht, ein möglichst umfassendes Behandlungskonzept zu entwickeln, das auf nur einem chirurgischen Ansatz beruht, der sicher, reproduzierbar und bereits gut etabliert ist: der Tunnelierung. Dieses im vorliegenden Buch dargestellte mikrochirurgisch ausgerichtete Konzept umfasst:
ein spezifisches Management der Übergangszone zwischen Zahnkrone und Wurzel,
ein modulares operatives Vorgehen, basierend auf der Tunneltechnik,
neue Nahttechniken für Aufhängungsnähte und
modifizierte Ansätze für Bindegewebetransplantate.
Insgesamt lässt sich dieses umfassende Behandlungskonzept zur Deckung von Rezessionen in einer Vielzahl anspruchsvoller klinischer Situationen anwenden. Als Ergebnis liefert es einen harmonischen, stabilen gingivopapillären Komplex, der den Konturen der Schmelzzementgrenze folgt, während es zugleich die Gesundheit und Vaskularisation des Weichgewebes schont.
meinen Eltern Stella und Pierre,
meiner Frau Marie und unseren Zwillingen Louise and Théo,
Herrn Professor Éric Rompen und
meinen Weggefährten Dr. Éric David und Dr. Emmanuel Gouêt
Geleitwort
Vorwort
Widmung
Kapitel 1 Rezessionen
Beschreibung des Zahnhalteapparats
Pathoanatomie
Klassifikation
Ätiologie
Kapitel 2 Analyse und Vorbehandlung der Zahnoberfläche
Dentale Veränderungen im Zusammenhang mit Rezessionen
Prächirurgische Korrektur der dentalen Anatomie
Prächirurgische Maßnahmen bei vorhandenen zervikalen Kompositrestaurationen
Kapitel 3 Tunnelierung als Behandlungskonzept
Tunnelierung
Behandlungskonzept
Indikationen
Kapitel 4 Nahttechniken
Verankerung an den Approximalkontakten
Nahttechnik für ungedeckte Transplantate
Koronalverschiebung des Gewebes
Nahttechnik für gedeckte konventionelle Transplantate
Nahttechnik für gedeckte Mikrotransplantate
Nahttechnik für die Lappenverschiebung
Kapitel 5 Transplantatgewinnung
Spenderregionen für Bindegewebetransplantate
Transplantatentnahme am Gaumen
Transplantatentnahme am Tuber maxillae
Kapitel 6 Vorbereitung und Durchführung
Planung und Timing der Behandlung
Geräte, Instrumente und Materialien
Training
Kapitel 7 Klinische Anwendung
Erfolg in der plastischen Parodontalchirurgie
Ungedecktes Transplantat
Konventionelles gedecktes Transplantat
Gedecktes Mikrotransplantat
Lappenverschiebung
Kombinierte Ansätze
Kapitel 8 Komplikationsmanagement
Intraoperative Komplikationen
Komplikationen während der Heilungsphase
Mittel- und langfristige Komplikationen
Literaturempfehlungen
Abbildungsnachweise
Beschreibung des Zahnhalteapparats
Pathoanatomie
Klassifikation
Ätiologie
Beschreibung des Zahnhalteapparats
Zahnfleisch
Anatomie und Histologie
Das Zahnfleisch (Gingiva) erstreckt sich vom Zahnhals bis zur Mukogingivalgrenze (MGG) und kann in zwei Abschnitte unterteilt werden: die freie und die befestigte Gingiva (Abb. 1-1). Histologisch besteht die Gingiva aus von keratinisiertem Epithel bedecktem, gefäßreichem Bindegewebe. Die Dicke und Höhe der Gingiva können interindividuell und zwischen verschiedenen Stellen im Mund stark variieren.
Abb. 1-1 Schematische Darstellung des Zahnhalteapparates (Parodont).
Freie Gingiva
Die freie Gingiva ist der koronalste Teil der Gingiva. Sie umgibt den gesamten Zahn und bedeckt den zervikalen Schmelz auf einer Breite von 1 bis 2 mm. Leicht koronal der (SZG) liegend folgt sie deren Verlauf. Auf der Außenseite reicht die freie Gingiva vom Gingivalsaum (Margo gingivalis) bis zur Gingivafurche, die manchmal als leichte Vertiefung ungefähr auf Höhe der SZG sichtbar sein kann. Der koronalste Teil der freien Gingiva wiederum ist intern nicht mit dem Alveolarfortsatz verbunden und entspricht der äußeren Wand des histologischen Sulcus gingivalis. Diese vom Schmelz und dem Sulkusepithel begrenzte Furche stellt eine immunologisch hochaktive Zone dar, da hier Elemente des Immunsystems (Zellen und Moleküle) permanent den Mikroorganismen der Mundhöhle gegenüberstehen. Weiter apikal haftet die innere Oberfläche der freien Gingiva über das sogenannte Verbindungsepithel (Saumepithel) am Zahn. Dieses Epithel hat zwei besondere Eigenschaften: Es ist (1) das einzige nicht keratinisierte gingivale Epithel und weist (2) zwei Basallaminae auf, eine zur Zahnoberfläche und eine zweite zum gingivalen Bindegewebe hin liegende. Die fehlende Keratinisierung begünstigt die Wanderung von Immunzellen und -molekülen aus dem Bindegewebe in den Sulkus, während die zweifache Basallamina die Adhäsion sowohl am Zahn als auch am Bindegewebe ermöglicht.
Befestigte Gingiva
Vestibulär und lingual erstreckt sich die befestigte Gingiva von der Gingivafurche bis zur weiter apikal liegenden MGG. Palatinal sind die befestigte Gingiva und die daran anschließende mastikatorische Mukosa des Gaumens aufgrund ihrer ähnlichen Beschaffenheit klinisch nicht zu unterscheiden. Wie der Name besagt, ist die befestigte Gingiva nicht verschieblich, da sie durch ein Fasergeflecht straff mit dem Knochen und dem Wurzelzement verbunden ist. Dieses Geflecht besteht hauptsächlich aus Kollagenfibrillen vom Typ 1, die in Faserbündeln organisiert sind. Außerdem kann, abhängig von der ethnischen Herkunft, Melanin als braunes Pigment eingelagert sein.
Interdentalpapille
Die Interdentalpapille füllt den Raum zwischen zwei benachbarten Zähnen aus (Abb. 1-2). Sie wird in ihrem koronaleren Teil von freier, weiter apikal von befestigter Gingiva gebildet. Die Form der Papille unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und wird von knöchernen Faktoren (Lage und Form des interdentalen Knochenseptums) und dentalen Faktoren (Lage und Form des Approximalkontaktes, Verlauf der SZG) beeinflusst. Von vestibulär betrachtet stellen sich die Interdentalpapillen der Schneide- und Eckzähne pyramidenförmig dar, während die Prämolaren- und Eckzahnpapillen relativ flach erscheinen. Im Profil weist die Papille dagegen die Form eines Sattels („Col“) auf, der durch zwei Spitzen begrenzt ist, von denen die vestibuläre weiter koronal liegt als die palatinale/linguale. Die Höhendifferenz zwischen den beiden Spitzen ist an den Frontzähnen am größten und nimmt zu den Molaren hin immer weiter ab.
Abb. 1-2 Schematische Darstellung der Interdentalpapille.
Die Interdentalpapille füllt den Raum zwischen zwei benachbarten Zähnen (Interdentalraum) aus. In ihrem koronalen Teil besteht sie aus freier, apikal davon aus befestigter Gingiva. Die Papillenform variiert von Mensch zu Mensch und von Zahn zu Zahn und ist durch die knöcherne und dentale Begrenzung des Interdentalraums bedingt. Im Profil hat die Papille die Form eines Sattels („Col“), begrenzt durch zwei Spitzen, von denen die vestibuläre stets weiter koronal liegt als die linguale/palatinale Spitze. Der Höhenunterschied zwischen beiden Spitzen ist im Bereich der Frontzähne groß und nimmt zu den Molaren hin ab.
Ästhetik
Der freie Rand der Gingiva folgt streng der Kurvatur der SZG. Die Kontur des Gingivarands ist meist bogenförmig, kann aber auch ungewöhnlichere Formen annehmen: trapezförmig, dreieckig oder wellenförmig, je nach der von der SZG vorgegebenen Anatomie. Dentin- und Zementanomalien oder Schmelzspindeln können, wenn sie mit der SZG interferieren, ebenfalls die Gingivakontur beeinflussen.
Lage der Gingivazenite
Als Gingivazenit wird der apikalste Punkt des freien Gingivarands bezeichnet. Die Lage der Gingivazenite an den verschiedenen Zähnen eines Kiefers folgt ästhetischen Regeln, die interindividuell relativ konstant sind.
Im Oberkiefer liegen die Gingivazenite der lateralen Schneidezähne leicht koronal einer gedachten Linie durch die Zenite der Eckzähne und zentralen Schneidezähne. Allerdings können sich die Zenit der Eckzähne, lateralen Schneidezähne und zentralen Schneidezähne auch auf gleicher Höhe befinden, ohne dass die Ästhetik nennenswert leidet (Abb. 1-3). Weiter distal liegen die Gingivazenite der Prämolaren koronal der Eckzahnzenite und meist auf einem Niveau mit den Molarenzeniten.
Abb. 1-3 Lage der Gingivazenite.
Der Gingivazenit ist der apikalste Punkt des freien Gingivarandes eines Zahns. Die Höhe der Gingivazenite innerhalb einer Zahnreihe folgt ästhetischen Regeln, die interindividuell relativ konstant sind. Im Oberkiefer liegt der Gingivazenit der lateralen Schneidezähne entweder leicht koronal einer gedachten Linie durch die Zenite der Eckzähne und zentralen Schneidezähne oder auf dieser Linie.
Im Unterkiefer sind die Gingivazenite der zentralen und lateralen Schneidezähne auf einer geraden Linie angeordnet, während die Eckzahnzenite sich apikal dieser Linie befinden. Die Zenite der Prämolaren liegen wieder koronal der Eckzahnzenite und häufig auf einer Höhe mit den Molarenzeniten.
Gingivafarbe
Die Keratinisierung des Epithels verleiht der Gingiva ihr matt-opakes, rosafarbenes Aussehen. Die Blutkapillaren des Bindegewebes werden durch die Keratinschicht vollständig maskiert. Eine mögliche Akkumulation von Melanin kann die Farbe der Gingiva beeinflussen und dieser je nach der Menge des Pigments eine mehr oder weniger braune Farbe geben. Im Bereich der MGG lässt sich die Gingiva leicht von der Alveolarmukosa unterscheiden. Aufgrund der fehlenden Keratinisierung erscheint die Mukosa kräftig rot, glatt und glänzend. Zudem ist das Epithel relativ transparent, sodass die darunter liegenden Kapillaren sichtbar sind. Unter ästhetischem Gesichtspunkt ist ein ausreichend breites Band keratinisierter Gingiva um die Zähne wünschenswert, da das Erscheinungsbild einer bis an die Zahnhälse heranreichenden unkeratinisierten, roten Mukosa unansehnlich wirkt.
Gingivatextur
Die Oberfläche der Gingiva weist eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Stippelung auf, ähnlich einer Orangenschale (Abb. 1-4). Diese charakteristische Oberflächentextur wird durch die Ansätze von Bindegewebefasern hervorgerufen, die zwischen dem Knochen und der Gingiva verlaufen. Sie üben Zug auf das Epithel aus, was zu den kleinen Oberflächenvertiefungen führt. Die Stippelung ist bei dicken gingivalen Biotypen stärker ausgeprägt, bei dünner Gingiva hingegen eher unscheinbar.
Abb. 1-4 Oberflächentextur der Gingiva.
Die Gingivaoberfläche zeigt eine Stippelung, die an eine Orangenschale erinnert. Diese charakteristische Textur erklärt sich aus der Insertion osteogingivaler Fasern des Bindegewebes, die Zug auf das Gingivaepithel ausüben und dadurch die kleinen Vertiefungen der Oberfläche hervorrufen. Im hier gezeigten Fall ist die Stippelung besonders markant, da es sich um einen dicken gingivalen Biotyp handelt.
Funktion
Primäre Aufgabe der Gingiva ist der Schutz des Parodonts vor mechanischen, chemischen, thermischen und mikrobiellen Noxen. Hierzu ist sie durch ihre histologischen Eigenschaften, insbesondere die Keratinisierung und die spezielle Form ihres Kollagenfasergeflechtes befähigt. Die Alveolarmukosa, die an der MGG in die Gingiva und in der Umschlagfalte des Vestibulums in die Wangen- bzw. Lippenschleimhaut übergeht, könnte diese Aufgabe nicht erfüllen, da sie verschieblich ist und eine geringe Widerstandsfähigkeit aufweist. Diese ungünstigen mechanischen Eigenschaften ergeben sich aus ihrem histologischen Aufbau: Das Epithel ist nicht keratinisiert und das Bindegewebe zeigt kein organisiertes Fasergeflecht. Zudem handelt es sich bei den vorhandenen Fasern überwiegend um elastische Fasern, nicht um Kollagenfasern.
Die wissenschaftlichen Daten sind nicht eindeutig, scheinen aber darauf hinzudeuten, dass auch bei einer geringen Gingivahöhe das Parodont gesund und stabil sein kann. Voraussetzung hierfür ist allerdings eine besonders sorgfältige Mundhygiene. Im Praxisalltag lässt sich jedoch beobachten, dass diese den Patienten schwer fällt, da nur wenig keratinisiertes Gewebe vorhanden ist. Das Fehlen von keratinisiertem Gewebe im Zahnhalsbereich macht die Zahnreinigung unangenehm und damit schwieriger. Somit scheint die Annahme nicht unberechtigt, dass eine adäquate Breite der Gingiva sich insgesamt günstig auf die Prognose der Zähne auswirkt.
Verankernde Gewebe
Anatomie und Histologie
Wurzelhaut
Die zwischen dem Wurzelzement und dem Alveolarknochen gelegene Wurzelhaut (Desmodont, Parodontalligament) besteht aus sehr dichtem Bindegewebe. Sie enthält eine große Anzahl von Fasern, die überwiegend aus Kollagen bestehen und auch als Sharpey-Fasern bezeichnet werden. Diese Fasern verbinden das azelluläre Fremdfaserzement mit dem Bündelknochen des Alveolarfortsatzes. Die Fasern sind in Bündeln angeordnet, die infolge ihrer Anordnung und Orientierung in der Lage sind, auf die Zähne wirkende mechanische Belastungen zu absorbieren und zu verteilen. Außerdem beherbergt das Desmodont ruhende Progenitorzellen.
Wurzelzement
Das Wurzelzement ist ein mineralisiertes Bindegewebe, in das Kollagenfasern und Zellen eingebettet sein können. Abhängig von den vorhandenen Zelleinschlüssen und der Präsenz und Orientierung der Kollagenfaserbündel unterscheidet man zwischen verschiedenen Zementtypen. Der größte Teil der Wurzeloberfläche ist mit azellulärem Fremdfaserzement bedeckt. Dieses enthält keinen Zellen, aber umschließt das eine Ende der Sharpey-Fasern des Desmodonts, die mit ihrem anderen Ende im Bündelknochen des Alveolarfortsatzes verankert sind.
Alveolarfortsatz
Der Alveolarfortsatz stellt eine Erweiterung des basalen Knochens des Ober- und Unterkiefers dar. Er bildet die Zahnfächer (Alveolen), welche die Zahnwurzeln umschließen. Die vestibuläre und die linguale/palatinale Kortikalis des Alveolarfortsatzes bestehen aus kompaktem Knochen. Auch die Innenwände der Alveolen sind mit einer Kortikalis ausgekleidet, die vielfach perforiert ist und daher auch als Lamina cribriformis bezeichnet wird. Der Blick in ein leeres Zahnfach zeigt Wandstrukturen mit vielen kleinen Löchern, die den Durchtrittsstellen von Sharpey-Fasern und kleinen Blutgefäßen entsprechen. Die Räume zwischen der äußeren Kortikalis des Alveolarfortsatzes und der Lamina cribriformis der Zahnfächer ist mit spongiösem Knochen ausgefüllt, dessen Dichte und Beschaffenheit individuellen und lokalen Schwankungen unterliegt. Die Dicke des vestibulären Alveolarknochens nimmt innerhalb eines Kiefers in zwei Richtungen ab: von mesial nach distal sowie von apikal nach koronal. Im intakten Alveolarfortsatz liegt der Rand der Alveolen (Limbus alveolaris) etwa 4 mm apikal der SZG und folgt deren bogenförmigem Verlauf.
Funktion
Die Verankerung des Zahns wird durch das Zusammenwirken der drei Gewebe sichergestellt, die das tiefe Parodont bilden: Wurzelzement, Desmodont und Alveolarknochen. Neben der mechanischen Funktion haben diese Gewebe auch eine biologische Aufgabe. Das Desmodont beherbergt eine Anzahl Progenitorzellen, die unter bestimmten Umständen zur Differenzierung veranlasst werden können. Diese pluripotenten Zellen sind an der Gewebehomöostase, aber auch an der Gewebereparatur und -regeneration beteiligt, was insbesondere nach parodontalchirurgischen Interventionen relevant ist.
Biotypen
Der Biotyp charakterisiert eine anatomische Struktur anhand bestimmter Merkmalsausprägungen, die in der Regel gemeinsam auftreten. Das Konzept des Biotyps kann auf den Zahnhalteapparat als Ganzen (parodontaler Biotyp) wie auch auf die Gingiva im Speziellen (gingivaler Biotyp) angewendet werden.
Parodontaler Biotyp
Parodontale Biotypen werden üblicherweise nach der Klassifikation von Maynard und Wilson unterschieden (Abb. 1-5). Sie beruht auf den Kriterien Gingivadicke, Dicke des vestibulären Alveolarknochens und Höhe des keratinisierten Gewebes. Der auch als „dicker“ Biotyp bezeichnete Typ I ist am widerstandsfähigsten, da er dicken Knochen mit einer dicken, breit keratinisierten Gingiva verbindet. Die geringste Widerstandsfähigkeit besitzt der „dünne“ Typ IV, den dünner Knochen, eine dünne Gingiva und eine geringe Höhe der Keratinisierung kennzeichnen. Die Typen II und III besitzen zwischen diesen beiden Extremen liegende Eigenschaften. Keiner der vier Biotypen dieser Klassifikation ist pathologisch, alle vier stellen physiologische Ausprägungen der parodontalen Anatomie dar.
Abb. 1-5 Parodontale Biotypen (nach Maynard und Wilson, 1980).
Der „parodontale Biotyp“ klassifiziert die parodontale Situation anhand einer Gruppe gemeinsam auftretender Merkmale. Der auch als „dicker“ Biotyp bezeichnete Typ I verbindet dicken vestibulären Knochen mit dicker Gingiva und einer hohen Keratinisierung und ist am widerstandsfähigsten. Das andere Extrem ist Typ IV, auch als „dünner“ Biotyp bezeichnet. Er ist durch dünnen Knochen, dünne Gingiva und eine geringe Gingivahöhe gekennzeichnet und daher am wenigsten widerstandsfähig. Die Biotypen II und III liegen in ihren Eigenschaften dazwischen.
Gingivaler Biotyp
Die Biotypisierung kann auch allein für die Gingiva vorgenommen werden. Klinisch ist der gingivale Biotyp deutlich relevanter als der parodontale, der sich wesentlich schwerer ermitteln lässt, da in der Regel keine Informationen zur Dicke des vestibulären Alveolarknochens verfügbar sind. Dagegen lässt sich der gingivale Biotyp mit einer einfachen Parodontalsonde bestimmen (Abb. 1-6), wozu folgendes bewertet wird:
Abb. 1-6 Klinische Bestimmung des gingivalen Biotyps.
Der gingivale Biotyp lässt sich mit einer Parodontalsonde bestimmen. Hierzu wird die in den Sulcus gingivalis eingeführte Sondenspitze sowie die Farbveränderung des freien Gingivarands unter moderatem Sondendruck beobachtet. Liegt ein dicker gingivaler Biotyp vor, ist die im Sulkus befindliche Sondenspitze nicht zu erkennen und der Druck auf den Gingivarand ruft keine sichtbare Veränderung der angrenzenden Gingiva hervor. Beim dünnen Biotyp ist die Sondenspitze im Sulkus durch die Margo gingivalis hindurch sichtbar und Sondendruck auf den Gingivarand führt zur Ischämie und zum Erblassen des Gewebes.
Sichtbarkeit der in den Sulkus eingeführten Sondenspitze,
Veränderung des Aussehens der Gingiva bei moderatem Sondendruck auf den freien Gingivarand.
Beim „dicken“ gingivalen Biotyp ist die in den Sulkus eingeführte Sondenspitze nicht sichtbar, und Druck auf den Gingivarand verändert das Aussehen der umgebenden Gingiva nicht. Ist der Biotyp hingegen „dünn“, kann die im Sulkus platzierte Sondenspitze deutlich durch den Gingivalsaum hindurch erkannt werden, und Sondendruck auf die freie Gingiva führt aufgrund der erzeugten Ischämie zum Erblassen des Gewebes. Abgesehen von diesen extremen Formen, die leicht zu erkennen sind, bleibt die Bestimmung des gingivalen Biotyps eine subjektive Angelegenheit, weshalb nur drei gingivale Biotypen unterschieden werden: „dick“, „mittel“ und „dünn“.
Pathoanatomie
Rezessionen sind mit einem Rückzug aller parodontalen Gewebe in apikale Richtung verbunden (Abb. 1-7): Sowohl die Gingiva, als auch der Alveolarknochen und das Desmodont werden fortschreitend resorbiert. Rezessionen können an allen Zahnflächen auftreten. Allerdings betreffen sie, wenn es sich nicht um die Folgeerscheinungen einer Parodontalerkrankung handelt, vor allem die Vestibulärflächen, seltener die Lingual-/Palatinal- oder Approximalflächen.
Abb. 1-7 Typische Rezessionen im Ober- und Unterkiefer einer Patientin.
Die Gingiva zieht sich zurück und legt die Zahnwurzeln frei. Die Patientin klagt über Dentinüberempfindlichkeit sowie zervikale Abrasionen und weist insbesondere an den Zähnen 11 und 21 deutliche Demineralisationszonen auf. Zudem begünstigen die Gingivarezessionen und die keilförmigen zervikalen Defekte die Plaqueakkumulation, obwohl die Patientin insgesamt eine gute Mundhygiene hat. Schließlich ist die Ästhetik des Lächelns durch das längliche Aussehen der oberen Frontzähne klar beeinträchtigt.
