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20 Autor:innen und Künstler:innen wagen einen Blick in unsere ungewisse Zukunft, genauer gesagt, in das Berlin des Jahres 2039: Wohin werden sich diese Stadt, dieses Land und dieser Kontinent entwickeln? Die hypermoderne U-Bahn-Linie 0 dient als Glaskugel für literarische und künstlerische Visionen. Also einsteigen, festhalten und mit uns in die Zukunft reisen.
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2024
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U0
Untergrundminiaturen
Anthologie
Alle Rechte © bei den Autor:innen
Für diese Ausgabe © 2024 by Kopf & Kragen Literaturverlag, Berlin
Herausgeber René Koch
www.kopfundkragen-verlag.de
Satz und Korrektorat Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
Umschlaggestaltung Ruben August Fischer
In Anlehnung an den Netzplan der Berliner Verkehrsgesellschaft [© Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Fahrgastinformation 2024]
Zahlreiche Stationen wurden vom Herausgeber benannt. Mehr dazu unter: www.kopfundkragen-verlag.de/u0-untergrundminiaturen
Druck und Bindung Totem, Europa, Planet Erde
Die menschenverachtenden Zitate stammen von verschiedenen AFD-Mitgliedern und können überall im Internet nachgelesen werden. Die Handlungen und die Personen der nachfolgenden Texte sind ansonsten frei erfunden. Eine Ähnlichkeit mit Lebenden oder Verstorbenen ist daher nicht möglich, auch nicht durch Zufall.
Die über die Telefonnummer im Text Ghetto-Ost 1 abrufbare Mailboxansage wurde von der Schauspielerin Roxana Safarabadi eingesprochen.
In den Texten Life Changer und World Tracks wird bei allen englischen Begriffen bewusst auf Bindestriche etc. verzichtet. Auch der Text android:in, prototyping weicht an einigen Stellen absichtlich von den orthografischen Regeln ab.
ISBN (Softcover) 978-3-949729-13-3
ISBN (eBook) 978-3-949729-14-0
Inhalt
Vorwort
Ghetto-Ost 1 // Poljak Wlassowetz
Vergissmeinnicht // Felix Geiser
Die Singularität // Julia Tautz
Life Changer // Marius Hulpe
Ghosttown // Nika Akin
Drüben auf dem Hügel // Sebastian van Vugt
Die Zäsur // Veronique Homann
Die Lücke // Louis Kleinwächter
City Cuts // Cris Koch
Der Propagandist // Ruben August Fischer
android:in, prototyping // Victoria Hohmann
Ein moderner Mann // Alina Dudek
Dryland // S. X. Y. Z. & Chafik Kahla
Línea Cero// Rafael Acevedo
Nach der verlorenen Zeit // Oliver Gehrmann
Infinity Spin // Christiane Böhm & Vera Sebert
Jeder Abschied, endgültig // Sebastian Kaep
World Tracks // Ann Esswein
Biografien
Vorwort
Die Welt steht mal wieder am Abgrund? Nichts mehr zu machen? Diesmal wirklich? Oder bewegen wir uns vielleicht doch auf eine regenbogenfarbene Zukunft zu?
Berlin. 2039. Die hypermoderne U-Bahn-Linie 0 umrundet die Stadt in Endlosschleife. Turbulente Jahre liegen hinter uns. Es sind Dinge geschehen, die wir uns höchstens zu träumen getraut haben, Dinge, die alles erschüttert haben und Dinge, die wir hätten verhindern müssen. Es gibt im 21. Jahrhundert keine U-Bahn-Linie, die einen futuristischeren Ruf hat als die U0. In ihr bündeln sich Träume, Ängste, Hoffnungen, Wünsche, Utopien und Dystopien. Wer sich auf die U0 einlässt, ihr und ihren Passagier:innen vorbehaltlos begegnet und mit ihnen durch das Berlin des Jahres 2039 gleitet, wird die Welt künftig wohl mit anderen Augen betrachten.
20 Autor:innen und Künstler:innen wagen in der multimedialen Anthologie U0 Untergrundminiaturen einen Blick in unsere ungewisse Zukunft – die U0 dient als Glaskugel: Wohin werden sich diese Stadt, dieses Land und dieser Kontinent entwickeln? Worauf werden wir im Jahr 2039 zurückblicken, was wird uns umgeben, was werden wir erreicht und was versäumt haben? So unterschiedlich wie die beteiligten Autor:innen und Künstler:innen selbst sind auch ihre literarischen und künstlerischen Visionen, ihre Geschichten und Gedanken über eine Welt von übermorgen, die sich bereits in unserer Gegenwart abzeichnet.
Die in dieser Anthologie versammelten Texte und über QR-Codes abrufbaren Videos, Sounds und digitalen Kunstprojekte werden von Malereien des Künstlers Cris Koch begleitet. Seine Décollagen sind nach seinen (halblegalen) Streifzügen durch das Berlin der Gegenwart entstanden und eröffnen zugleich einen assoziativen Raum für das Berlin der Zukunft.
»Die Welt geht sowieso bald den Bach runter«, hört man die Leute oft sagen, wenn sie über die Gegenwart hinausdenken und dabei die Tatsache außer Acht lassen, dass die Dinge schon immer in Bewegung sind und schließlich alles irgendwann irgendwohin gehen wird.
»Über die Zukunft entscheiden wir – wir alle«, sagen wir und sind gerade deshalb zuversichtlich, dass die Dinge auch zukünftig in Bewegung bleiben und sich mit unserem Zutun vielleicht in die richtige Richtung bewegen werden.
Also einsteigen, festhalten und mit uns in die Zukunft reisen.
Kopf & Kragen
Berlin, Herbst 2024
Übrigens: Den Gewinn dieses Buchprojekts werden wir mindestens zu fünfzig Prozent an Vereine, Initiativen oder Künstler:innen spenden, die sich gegen Rassismus engagieren.
Ghetto-Ost 1// Poljak Wlassowetz
Die U0 hält am Ende der Welt, im Ghetto-Ost 1, einer Hochhaussiedlung im Osten Berlins, ummauert und mit Stacheldraht von der Außenwelt abgegrenzt; dort patrouilliere ich in den Häuserschluchten bei Wind und Wetter, observiere die Umgebung und registriere eine seltsame Spiegelung in den gesprungenen Fenstern im sechsten Stock, ein Bruch wie nach einem seismischen Beben, das die Welt erschüttert hat, ein Bruch in der Zeit; ich atme schwer wie ein dreibeiniger Hund, seit fünf Tagen bekomme ich keinen Bissen mehr hinunter, die Siebentagewoche steckt mir in den Knochen, von der Psyche ganz zu schweigen, auf den Tag genau sind es drei Jahre, seitdem ich diesen Scheißjob mache; heute ist der 7. November, ein Land in Winterstarre, eine Winterstarre, die für immer bleibt, nach dem Stillstand der Ströme, ohne Erwachen, und trotz des Schneesturms drehen wir zu viert unsere Runden, meine Kollegen und ich, eng aneinandergerückt, unsere Hände zu Fäusten in Handschuhen geballt, um uns vor der Kälte zu schützen und um zuzupacken, wenn es notwendig wird; wir tun, was wir tun müssen, öffnen die Sicherheitsschleuse zu Haus 2, fahren mit dem Aufzug bis nach ganz oben, wo Berlin und das Ghetto weit unter uns liegen, schneebedeckt und scheinbar friedlich und im Einklang miteinander, wir klopfen an den Türen und fordern sechs Familien zum Packen auf – heute Nacht ist es so weit.
Ich habe mir diesen Job nicht ausgesucht, aber seitdem der Fachkräftemangel außer Kontrolle geraten ist, weil sich niemand mehr ins Land traut und die, die noch da sind, immer weniger werden, können jene Bürger zur Arbeit verpflichtet werden, die sich dem großen Versprechen der Partei widersetzt haben, ein Versprechen, das 2039 Wirklichkeit geworden ist. Ich habe mir nie vorstellen können, diese Art von Arbeit zu verrichten, schließlich sind Hände zum Handeln da oder um Menschen zu berühren, aber Hände können missbraucht werden, Hände können Dinge tun, für die sie nicht geschaffen sind, vor allem wenn es darum geht, die eigene Haut zu retten; und Mäuler können gestopft werden, wenn sie zu weit aufgerissen werden, bis sie stillhalten. Also patrouilliere ich täglich ab 17 Uhr durch das Ghetto-Ost 1, stapfe auch heute über fünfzigtausend Schritte durch Häuserschluchten, Treppenhäuser und Wohnungen, um für Ordnung zu sorgen und um die einzusammeln, die an der Reihe sind.
Vor einem Supermarkt schippen zwei Vermummte Schnee. Der Wind reißt ihnen die Ladung von den Schaufeln. Sie nicken uns unter ihren eingeschneiten Kapuzen zu, mit kleinen Eiszapfen an Mund und Nase, Atemwolken steigen auf und verflüchtigen sich, wir nicken zurück. Nur wenige Menschen sind auf den Straßen unterwegs, Autos sind im Ghetto-Ost 1 ja nicht zugelassen und für Zweiräder ist es heute viel zu kalt und zu glatt, und dazu dieser arktische Wind, der die meisten Menschen in ihren Wohnungen zurückhält. An solchen Tagen ist das Ghetto-Ost 1 wie eine große, stille Wartehalle kurz vor der Öffnung. Die wenigen Parks sind menschenleer, die Kastanienbäume und Sträucher kahl, vom Gewicht der Schneemassen niedergedrückt, die Schulen geschlossen. Nur vor den Spätis stehen ein paar Menschen zusammen, reden und rauchen, mit dampfenden Tassen, und irgendwo bellt ein Hund, jault wie bei einer Amputation und verstummt wieder, vielleicht ahnt er, dass er hier nicht erlaubt ist. Ein Illegaler unter Unerwünschten.
Eine Mutter mit drei Kindern in Schneeanzügen kommt aus dem Supermarkt, wo sie mit ihrer Bezahlkarte die ihr und ihrer Familie zustehenden Lebensmittel abgeholt hat – Tausende Tonnen werden wöchentlich ins Ghetto geliefert, um die fast zehntausend Menschen zu versorgen. Niemand leidet hier Hunger oder friert, aber niemand erhält mehr, als er oder sie zum Überleben braucht; gearbeitet werden darf nur innerhalb der Mauern und nur für medizinische Notfälle stehen die umliegenden Krankenhäuser der Hauptstadt offen. Die Kinder, drei bunte Seesterne mit Wollmützen in einem rauen Ozean aus Beton, Eis und Schnee, verstecken sich hinter ihrer Mutter, ein schützendes Riff, ein Brandungsfelsen, wir gehen zu ihnen und tragen ihnen die Tüten nach Hause.
Weiter drüben im Ghetto-Ost 2, das im Süden angrenzt, wohnen die etwas Bessergestellten, die mit Bargeld oder guten Beziehungen, die sich mit Klagen, Arbeitsverträgen und Stammbäumen gegen das Unausweichliche noch zu wehren versuchen. Bis zur endgültigen Klärung ihres Remigrationsbeschlusses dürfen sie in der Stadt ihrer Arbeit nachgehen, selbstredend nur in jenen Betrieben, die die Partei für sie vorgesehen hat: harte, schmutzige und gefährliche Arbeit. Mit ihrem Lohn finanzieren sie ihren Unterhalt und die bald anfallenden Transportkosten.
Aber auch meine Arbeit ist hart, schmutzig und gefährlich, ich setze Gesetze um und bin um Sätze verlegen, wenn ich nach der Schicht oder am nächsten Morgen meiner Freundin beim Frühstück vom zurückliegenden Tag und seinen Ereignissen erzähle, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Deshalb lenke ich mich ab, bin rastlos, um mich nicht mit mir und meinen schlechten Gedanken befassen zu müssen. Rauchen hilft. Trinken auch. Meine Versetzungswünsche wurden vom Resozialisierungsamt wiederholt abgelehnt, mit der Begründung, dass ich noch nicht bereit sei und weiterhin als ein Deutscher auf Irrwegen bezeichnet werde, und solange könne man mir meinen Pass natürlich nicht aushändigen.
Schlimmer als der Job selbst sind eigentlich nur diejenigen Kollegen, die sich freiwillig gemeldet haben. Entweder für das Geld oder aus Überzeugung.
»So langsam, aber sicher wird es echt übersichtlich«, freut sich einer.
»Die sollten es genießen! Wo die hingehen, gibts keinen Schnee«, scherzt ein anderer.
»Aber mit der Hundescheiße ist es hier ja wirklich viel besser als in Neukölln«, meint ein Dritter todernst.
»Dieses Land ist ein Eisozean ohne Mitgefühl und ohne Erbarmen«, sage ich halblaut in das Schneegestöber hinein.
Die U0 hält am Ende der Welt, im Ghetto-Ost 1, einer Hochhaussiedlung im Osten Berlins, ummauert und mit Stacheldraht von der Außenwelt abgegrenzt; dort patrouilliere ich in den Häuserschluchten bei Wind und Wetter, observiere die Umgebung und registriere eine seltsame Spiegelung in den gesprungenen Fenstern im sechsten Stock, ein Bruch wie nach einem seismischen Beben, das die Welt erschüttert hat, ein Bruch in der Zeit; ich atme schwer wie ein dreibeiniger Hund, seit fünf Tagen bekomme ich keinen Bissen mehr hinunter, die Siebentagewoche steckt mir in den Knochen, von der Psyche ganz zu schweigen, auf den Tag genau sind es drei Jahre, seitdem ich diesen Scheißjob mache; heute ist der 7. November, ein Land in Winterstarre, eine Winterstarre, die für immer bleibt, nach dem Stillstand der Ströme, ohne Erwachen, und trotz des Schneesturms drehen wir zu viert unsere Runden, meine Kollegen und ich, eng aneinandergerückt, unsere Hände zu Fäusten in Handschuhen geballt, um uns vor der Kälte zu schützen und um zuzupacken, wenn es notwendig wird; wir tun, was wir tun müssen, öffnen die Sicherheitsschleuse zu Haus 2, fahren mit dem Aufzug bis nach ganz oben, wo Berlin und das Ghetto weit unter uns liegen, schneebedeckt und scheinbar friedlich und im Einklang miteinander, wir klopfen an den Türen und fordern sechs Familien zum Packen auf – heute Nacht ist es so weit.
Die allgemeine Lage war allerorten und seit Jahren schon, gelinde gesagt, doch recht beschissen, und wer hatte nach der Pandemie, dem jahrelangen Krieg in Osteuropa und der großen Depression noch Kraft und Mut, um sich aufzuraffen oder gar etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, geschweige denn Vertrauen in die übrigen Parteien?
»Das wird nicht passieren, das ist nur Protest«, versicherte mir eine Freundin.
»Die werden niemals die Mehrheit sein«, glaubte ein anderer.
»Wir leben im 21. Jahrhundert, die Geschichte wiederholt sich nicht«, hoffte ein Dritter.
»Als ob das irgendetwas zu bedeuten hätte«, sagte ich halblaut in das Schneegestöber hinein.
Viele von uns hatten geglaubt, dass sich die Dinge schon irgendwie zum Guten wenden würden, wenn wir nur fest genug hofften, aber zu glauben und zu hoffen war nicht genug, und irgendwann war klar, dass sich gar nichts zum Guten wenden würde. Jedenfalls wussten wir, wir alle, dass wir niemals würden sagen können, wir hätten nichts gewusst, geschweige denn etwas geahnt, und wie hätten wir angesichts unserer Unwissenheit und unserer Ahnungslosigkeit etwas dagegen unternehmen sollen? Wir alle wussten genau, dass man die Lügen und den Hass nur oft genug wiederholen musste, um sie Wirklichkeit werden zu lassen, und dass der Hass nicht enden würde – der Hass aus Angst davor, ein wenig Wohlstand zu verlieren oder teilen zu müssen, der Hass, der auf dem Irrglauben einer vermeintlichen kulturellen und biologischen Überlegenheit fußte.
Die Pläne der Partei waren seit fast zwanzig Jahren allen bekannt. Man sinnierte ja in aller Öffentlichkeit darüber, dass die Wucherungen am deutschen Volkskörper endgültig auszumerzen seien, dass es Menschen zu entsorgen gelte, um eine kulturelle Kernschmelze zu verhindern, und dass es zum Wohle des deutschen Volkes einer wohltemperierten Grausamkeit bedürfe.
»Eine schnelle Remigration schafft Wohnraum«, versprach einer.
»Eintausend Jahre Deutschland! Ich gebe euch nicht her«, gelobte ein anderer.
»Einwanderung ist Völkermord, denn dann gibt es ein Mischvolk, dann sind wir Deutsche weg«, fürchtete ein Dritter.
»Und was ist so schlimm daran, wenn sich die Menschen vermischen, wie sie es seit Anbeginn tun?«, sagte ich halblaut in das Schneegestöber hinein.
Auch die anderen Parteien sprachen ja schon seit Ewigkeiten von Rückführungsoffensiven und setzten sie mit aller Härte um, die Brandmauer war längst eingestürzt, sie fischten am rechten Rand, der sich immer weiter ausdehnte, koalierten in ihrer Verzweiflung mit jenen, die sie verachteten, aber für die Partei war das längst nicht genug, ihr Ziel war viel größer.
Nach und nach wurden diejenigen, die nicht deutsch genug oder nicht ausreichend integriert waren, vom sozialen Leben, von Ausbildungen, Jobs und politischen Ämtern ausgeschlossen, sie sollten so zur freiwilligen Ausreise gedrängt werden, und schon während der Olympischen Spiele 2036 war Berlin nicht mehr wiederzuerkennen. Überall wehten Flaggen und tönten Parolen für ein neues Deutschland, zurück zu Ruhm und Glanz, nach der einige Monate zuvor gewonnenen Wahl: Make Germany great again! Und immer wieder diese verfluchte Nationalhymne mit den einst verbotenen Strophen, eine clowneske Propagandashow in Blau-Weiß-Rot, größenwahnsinnig inszeniert, der man sich wahrlich kaum entziehen konnte, ein fieberhaftes Geschrei zu Ehren der ausnahmslos weißen Athlet:innen, mit einem Adler auf der Brust wie in guten alten Tagen.
Abermillionen schlossen sich an, aus Mangel an Alternativen und dem Wunsch nach einer großen Erzählung, nach einer Vision für uns und unser angeblich ausgemergeltes Land, für eine aufrichtige und stolze Nation im 21. Jahrhundert. Die Menschen liebten das Spektakel, auch wenn der Medaillenspiegel so schlecht stand wie nie zuvor, die Wirtschaftsleistung sank, die Investoren und Unternehmen abwanderten und einfach nicht genug Menschen verblieben, um in die Sozialsysteme einzuzahlen und sie aufrechtzuerhalten.
Die Einzigen, die sich in jenen Jahren noch widersetzten, waren die Anhänger der Bewegung 3. Juli, die mit ihren Störaktionen und Protesten Hunderttausende auf die Straßen brachten und die Infrastruktur lahmlegten. Doch die Razzien und die Verhaftungswellen, die staatliche Gewalt und die Schauprozesse verhinderten auch diesen letzten Aufstand der Anständigen. Die meisten von ihnen verließen das Land über Nacht, wurden inhaftiert oder verzogen sich in den Untergrund. Ich persönlich hatte die Bewegung kurz zuvor verlassen, denn in diesen Zeiten musste schließlich jeder schauen, wo er bleibt. Allerdings wurde ich im Nachhinein aufgesucht, angeklagt und zu sechs Jahren Sozialdienst zum Wohle des deutschen Volkes, an dem ich mich schuldig gemacht hatte, verurteilt.
Als dann ein paar Monate später wirklich begann, was lange angekündigt war, aber was kaum jemand je für möglich gehalten hatte, weil wir uns sicher waren, dass unser Gesetz und unser Anstand die Menschen schützen würden, war das Geschrei groß. Aber mit jeder geräumten Wohnung, mit jedem Zwangsumzug in die deutschlandweiten Sammelstellen, wie hier ins Ghetto-Ost 1, mit jedem Flug, mit jedem Bus und jedem Zug in die Fremde verebbten die Stimmen, weil die Verbindungen zu jenen, die wir einst unsere Nachbarn, Freunde oder Familien nannten, abrissen, und der Mensch nun mal schnell vergisst, was er nicht mehr vor Augen hat. Auch ich habe Menschen vergessen, mir ist nicht mehr von ihnen geblieben als eine vage Erinnerung an sie und an eine Welt, die wir gemeinsam hätten formen können, aber selbst die, die von einer besseren Welt träumten, legten die Hände in den Schoß, schimpften und faselten bloß, erschöpften sich in Kritik an den Zuständen, bis es zu spät war. Wenn es mir wieder erlaubt ist, werde ich diejenigen, die ich aus den Augen verloren habe, in der Fremde wiedersehen, irgendwo am Rande Europas oder darüber hinaus, wir werden uns an den Händen fassen und daran verzweifeln, was aus diesem Land geworden ist. Armes Deutschland. Armes, armes Deutschland.
