U8 Untergrundminiaturen - Poljak Wlassowetz - E-Book

U8 Untergrundminiaturen E-Book

Poljak Wlassowetz

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Beschreibung

14 Autor:innen begeben sich auf eine Reise entlang der Berliner Aorta. Die U-Bahnlinie 8 durchquert die Stadt von Norden nach Süden, sie ist ein Abbild unserer Welt: laut, rigoros, absurd und schön. 24 Stationen. 24 Welten. 24 Vorurteile. Es gibt hierzulande wohl kaum eine U-Bahnlinie, die einen dubioseren Ruf hat als die U8: überfüllt, laut, dreckig, abgründig, gefährlich, verdrogt, unberechenbar. Tatsache ist: Die U8 ist eine spezielle U-Bahnlinie, ein Schmelztiegel und Hexenkessel, ein Hieronymus-Bosch-Gemälde in Bewegung. Wer sich auf sie einlässt, ihr und ihren Passagier:innen vorbehaltlos begegnet und mit ihnen durch die pulsierende Hauptschlagader treibt, wird diese Stadt, die aus den Fugen geratene Welt und die zukunftslose Gegenwart vielleicht besser verstehen. Die in dieser Anthologie versammelten Miniaturen und Kurzgeschichten nähern sich auf stilistisch und inhaltlich unterschiedliche Art und Weise dem Mythos U8 an. Die 13 Texte der mal bekannten, mal weniger bekannten Autor:innen werden von Zeichnungen des Künstlers Cris Koch begleitet. Er hat die U-Bahnlinie 8 ikonografisch erfasst und den vorliegenden Texten einen visuellen Rahmen gegeben. »Berlin ist nicht mehr Berlin«, hört man die Leute oft sagen, wenn sie die Vergangenheit überhöhen und die Tatsache außer Acht lassen, dass die Dinge schon immer in Bewegung sind. »Noch ist die U8 die U8«, sagen wir, und hoffen, dass die Dinge auch in Zukunft in Bewegung bleiben werden.«

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Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Untergrundminiaturen

Anthologie

Alle Rechte © bei den Autor:innen

Für diese Ausgabe © 2022 by Kopf & Kragen Literaturverlag, Berlin

Herausgeber René Koch

www.kopfundkragen-verlag.de

Satz und KorrektoratBuch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

Umschlaggestaltung Ruben August Fischer

In Anlehnung an den Netzplan der Berliner Verkehrsgesellschaft [© Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Fahrgastinformation 2021].

Folgende Haltestationen wurden vom Herausgeber benannt: Oury-Jalloh-Straße [U2], Charlotte-und-Helene-Croner-Platz [U7]

Videos Kopf & Kragen Literaturverlag

Sound S.X.Y.Z. & Note Variation

ZitatGeorg Lukács – Theorie des Romans, Darmstadt 1981, S. 137

Die Handlungen und die Personen der nachfolgenden Texte sind frei erfunden. Eine Ähnlichkeit mit Lebenden oder Verstorbenen ist daher nicht möglich, auch nicht durch Zufall.

ISBN (Softcover) 978-3-949729-08-9

ISBN (eBook) 978-3-949729-09-6

Inhalt

Vorwort

Typomania

Die Haltestelle

Odds and Ends

Untergrundszenen

Im Tunnelblick

Transit 1

Ruhige Gesellschaft

Geisterbahn

Schnappschüsse

Selbsthabe im Stehen

Umlaufbahnen

Transit 2

Berlin Rollercoaster

Luft anhalten

Zurückbleiben bitte

Kleine Sommerreise

Katrin

Biografien

Vorwort

Die U-Bahn-Linie 8 durchquert Berlin von Norden nach Süden auf einer Länge von etwa 18 Tunnelkilometern. 24 Stationen. 24 Welten. 24 Vorurteile. Es gibt hierzulande wohl kaum eine U-Bahn-Linie, die einen dubioseren Ruf hat als die U8: überfüllt, laut, dreckig, abgründig, gefährlich, verdrogt, unberechenbar. Wie so oft stellen sich die Dinge bei genauerer Betrachtung differenzierter dar. Tatsache ist: Die U8 ist eine spezielle U-Bahn-Linie, ein Schmelztiegel und Hexenkessel, eine Miniaturabbildung unserer Welt, ein Hieronymus-Bosch-Gemälde in Bewegung. Wer sich auf sie einlässt, ob freiwillig oder notgedrungen, ihr und ihren Passagier:innen vorbehaltlos begegnet und mit ihnen durch die pulsierende Hauptschlagader treibt, wird diese Stadt, die aus den Fugen geratene Welt und die zukunftslose Gegenwart vielleicht besser verstehen.

Die in dieser Anthologie versammelten Miniaturen und Kurzgeschichten nähern sich auf stilistisch und inhaltlich unterschiedliche Art und Weise dem Mythos U8 an. Die 13 Texte der mal bekannten, mal weniger bekannten Autor:innen werden von Zeichnungen des Künstlers Cris Koch begleitet. Er hat die U-Bahn-Linie 8 ikonografisch erfasst und den vorliegenden Texten einen visuellen Rahmen gegeben. Die skizzenhaften Zeichnungen sind binnen eines Tages entstanden, inmitten der Schnelllebigkeit der Untergrundszenerie, der ständigen Durchmischung, Türen auf, Türen zu, Überlagerung, Ordnung und Zerstreuung.

»Berlin ist nicht mehr Berlin«, hört man die Leute oft sagen, wenn sie die Vergangenheit überhöhen und die Tatsache außer Acht lassen, dass die Dinge schon immer in Bewegung sind. »Noch ist die U8 die U8«, sagen wir und hoffen, dass die Dinge auch in Zukunft in Bewegung bleiben werden. Also tief Luft holen, einsteigen und mit uns im Untergrund versinken.

Kopf & Kragen Literaturverlag, Berlin, Herbst 2022

Typomania

Die Haltestelle

// Veronique Homann

Andel hatte starke Kopfschmerzen. Im oberen Stirnbereich zwischen den Schläfen hatte sich eine Spannung festgesetzt, die darauf pochte, dass er sich unverzüglich aufmachte. Andels Weg war nicht weit, zurückgelegt werden musste er. Die Anzeigetafel am Rosenthaler Platz bedeutete beim Umstieg aus der U8 in die Straßenbahn: Noch vier Minuten.

Konnte der Unterstand Abhilfe verschaffen? Die Vorstellung, sich in die Obhut einer überdachten Stelle zu begeben, die im Ansatz Raum vortäuschte und somit Geschützt-Sein, erzeugte in Andel Aussicht auf Abwehr gegen diese Beschwerde, die begonnen hatte, seine Arterien hervortreten zu lassen.

Kaum, dass er von diesem Gedankengang erfasst worden war und dessen Umsetzung anvisierte (Andel hatte soeben die Außenreklame der Seitenwand in Fahrtrichtung passiert, ohne Notiz davon zu nehmen), zerrüttete der Gedankengang: Jemand war ihm darin zuvorgekommen. Und Andel stockte. Noch drei Minuten.

Ein Obdachloser hatte Nachtquartier aufgeschlagen. Auf Hartplastik gebettet, erstreckte sich der Körper des Mannes über die Sitzreihe, die seiner Größe nicht gerecht war. Kein bisschen ließ sich von ihm erkennen außer ihm selbst: Der Länge nach und in Gänze zugedeckt, ruhte er und schlief augenscheinlich.

Andel hätte hinzutreten können. Aber er verspürte ein Gefühl aufkriechen, das ihn von einer Übergriffigkeit des Hinzutretens überzeugte. Ein Schritt in den Unterstand und Andel hätte fortan als Eindringling, Störenfried, Sündenfall von sich denken müssen. Ein Kopfziehen vergewisserte ihn: Noch zwei Minuten.

Es war ihm eine nicht öffentliche Angelegenheit geworden. Vorausgesetzt, dass sein Interesse nicht von einem Ort abhängig war, sondern von der räumlichen Eigenschaft eines Ortes, verlagerte Andel das Interesse auf einen Hauseingang direkt hinter dem Unterstand, worin er sich in Habtachtstellung platzierte.

Die rückseitige Verglasung und Andels Blickwinkel bedingten, dass Andel beim Nächtigenden eine Bewegung registrierte. Eine Regung, die sich im Innern zutrug. Ein Heben und Senken, Heben und Senken auf Hüfthöhe mit gelegentlichem Absetzen von kurzer Dauer, ehe erneut angesetzt wurde. Noch eine Minute.

Andel war der Lage gewahr geworden. Aus der Position des Ausgesetzt-Seins gefolgert, markierte der Zwischenfall gegenüber der Wohnungslosigkeit eine Leerstelle, deren er im Grunde zum ersten Mal Zeuge wurde. Die Reaktion auf das Gesehene richtete nicht den Obdachlosen, sondern die eigene Person.

Der Warte geschuldet, warf Andel die Frage auf: Hatte es nicht die Fixerstube für Masturbation zu geben? Eine (und es verzerrte, als es ihm einschoss, Andels Gesicht, als wenn ein weiteres Ziehen ihn dafür abstrafte, einzig wegen des Worts und nicht dessen Betreff) sogenannte Wichserstube?

Aus dem Abseits vernahm Andel, sodass er aufmerkte, ein Ächzen der Gleise. Nicht zu überhören, nahte nun die Straßenbahn und stoppte sogleich entlang der Plattform. Mit Blick darauf machte Andel, der gerade von der Linie abgekommen war, indirekt eine Beobachtung: Im Unterstand hatte sich abrupt eine verdächtige Ruhe eingestellt.

Gesetzt den Fall, der Ausgang der Begegnung war kein zufälliger, sondern eine Erwiderung auf die Ankunft. Lediglich der Agierende konnte der Geste entnehmen, welche Natur dahintersteckte, die für Außenstehende auslegbar, nicht aber zu verorten war und entgegen dem vermeintlichen zum eigentlichen Auslöser wurde.

Andel fühlte, dass der Kopf in Ungleichgewicht geraten war. Und zwar traktierte ihn die Lücke, die ihr Auftun ihm zugefügt hatte, ohne gewärtig gewesen zu sein, dass der Kopfschmerz sich während der Nacht dort einnisten und zuletzt zur Ursache werden sollte für das Erwachen am nächsten Tag.

Odds and Ends

// Sebastian van Vugt

»I’ll be gone in a day or two«, hattest du geflüstert. Das war an einem Dienstag. Der Wind hatte sich seither nicht gelegt. Er streunte zwischen den Häuserfluchten umher wie ein geschlagener Hund. Die Wolken zogen in rosa Schlieren über das Tempelhofer Feld. Ich konnte wieder nicht schlafen. Wie hätte ich auch schlafen sollen? Ich blickte mich um. Mit dem Erwachen des Morgens strömten immer mehr junge Menschen den staubigen Hang von der Herrfurthstraße kommend hinab – mit Skateboards und Rollschuhen unter den Armen, mit einem Bier um elf an den Lippen und ohne Zukunft im Gepäck. Mir schwindelte bei ihrem Anblick, bei all der Verschwendung, all der Zeit, die vor ihnen lag. Ich erinnerte mich. Noch gestern war ich bei dir gewesen, zwischen den weißen Laken und Kissen, zwischen all den Lichtern am Puls deiner Existenz. So also sah das Ende aus. Jetzt wusste ich, wo Gott wohnt.

Wo hatte das angefangen? Zwischen den Schienen der Staub aus Tausenden U-Bahn-Fahrten. Ich stand an der Waggontür der U8, den Kopf geduckt, wie jeden Morgen. Die Farben verschwammen. Ich setzte mich auf den letzten freien Platz, um zu lesen.

»Was liest du?«, lächeltest du mich an.

»Wie bitte?« Ich war neu in Berlin und kannte das nicht, angesprochen zu werden.

»Was du da liest, wollte ich nur wissen. Ich find das schön, dass du einfach liest und keine Stöpsel drin hast, das wollte ich außerdem sagen.«

»Okay.«

Ich blickte wieder ins Buch, ich stieg aus, ich vergaß dich nicht. Und als ich die Rolltreppe hochfuhr, um in die U1 zu wechseln, wurde mir bewusst, dass ich dich womöglich nie wiedersehen würde. Dass ich jetzt in Berlin war. Dass man Menschen nicht mehr wiedersah, wenn man es nicht plante oder sie festhielt. Und dass ich fahrlässig gewesen war. Doch du warst auch am nächsten Tag wieder da.

»Was liest du?«, fragtest du mich erneut.

»Romane am liebsten.«

»Okay, und jetzt gerade? Das Buch, das du da in der Hand hast. Was ist das?«

»Das Spiel ist aus von Sartre.«

»Das klingt traurig.«

»Findest du? Warum?«

»Weil es immer traurig ist, wenn Spiele enden.«

»Ach so.«

Nie wusste ich weiter. Meine Kommunikation schien aufs Beenden zu drängen. Anschlusslosigkeit, Hauptsache, ich bekam die U1. Ich stieg wieder aus. Und wieder und wieder. Und immer warst du am nächsten Tag da und warst dir nicht zu schade, mich weiter zu fragen.

Bis du irgendwann selbst das Buch dabeihattest, es last und wir darüber ins Gespräch kamen. Bis wir anfingen, über Sartre zu streiten und Witze zu machen. Bis du plötzlich am Kotti mit mir aus- und in die U1 umstiegst, um mit mir weitersprechen zu können. Bis ich bemerkte, dass dein rechtes Bein kürzer war als dein linkes und du dennoch geschmeidig die Treppen hinaufsprinten konntest. Bis wir beide entschieden, nicht mehr umzusteigen, sondern zurückzufahren. Bis du nach den vier Stockwerken hinauf in meine Wohnung zu mir sagtest, dein langes Bein bräuchte jetzt eine Pause, und dich dann einfach in mein Bett legtest. Bis ich die fingerlange Narbe auf deinem Kopf ertastete, die einen kleinen Krater zwischen deinen Haarwurzeln schlug. Bis wir entschieden, dass Vergangenheit und Zukunft unbesprochen bleiben sollten. Bis wir Jetzt waren. Bis du für mich bei der Arbeit anriefst und für mich absagtest. Bis wir in der Morgendämmerung auf meinem Balkon saßen und dir eine Taube auf den Kopf schiss. Bis du selbst meine verdorrteste Zimmerpflanze aufgepäppelt hattest. Bis dich deine besten Freund:innen anriefen und fragten, wo du abgeblieben seist. Bis auch sie zwischen uns in den letzten Ritzen meines Zimmers lagen und wir gemeinsam einfach da waren. Bis wir verstanden, dass wir sein konnten, und uns auch das nicht genug war. Bis mir der Wein zu Kopf stieg und wir unsere Kater streichelnd schworen, nie mehr Alkohol zu trinken. Bis deine Kopfschmerzen nicht mehr aufhörten. Bis wir Take on me von a-ha wiederentdeckten, den Song tagelang in Endlosschleife abspielten und du mich auslachtest, wenn ich die Töne im Refrain wieder nicht traf: »I’ll be gone in a day or twoooo«. Bis dein Lachen durch die Gänge schallte. Und es hallt und lärmt da jetzt noch. Bis ich mich erst schämte, sagte, dass du aufhören sollest, und es dann wiederholte: »I’ll be gone in a day or twoooo«. Weil ich dich lachen hören wollte. Auch als deine Kopfschmerzen zunahmen und nicht mehr aufhörten und du mein Bett nicht mehr verlassen wolltest. Bis ich dir Pizza brachte, weil dir jede Bewegung wehtat. Tiefgekühlt, selbst gebacken oder angeliefert. Mit veganem Käse, der schrecklich schmeckte.

Wie ich plötzlich Sorgen bekam, was das war, und an deine Narbe denken musste, die nur meine Finger kannten. Wie die Vergangenheit uns plötzlich doch einholte und du sagtest, diese Kopfschmerzen seien dir vertraut. Der Einbruch der Zeit in das Spiel.

»Und was dann?«, hatte ich gefragt. Und du warst mit deinen dünnen Fingern deine Narbe entlanggefahren. Wie ich dich zwang, zum Arzt ins MVZ zu gehen und sich die Zukunft wider Erwarten als Schatten anmeldete. Bereit, dir nicht mehr von der Seite zu weichen. Wie die Gegenwart immer weniger wurde. Und wie sie schließlich ganz verstummte, als der Arzt dir nach ein paar Wochen endgültig sagte, was los war. Wie deine Kopfschmerzen immer stärker wurden und wir wussten, dass das nicht mehr aufhören würde. Wie unsere Gespräche verebbten, proportional zur Menge an Morphium, das du bekamst. Wie ich deinen Kopf auf dem weichen Daunenkissen bettete und wusste, dass kein Beten dir helfen könnte, weil ich schon ahnte, wie Gott wohnt: mit einem Badezimmer aus Gold statt Porzellan. Wie es tropfte am Tropf und ich dein Bett weiß bezog. Alles sollte dir Licht sein. Wie deine Augen immer seltener offen waren. Wie §140 aus Das Spiel ist aus plötzlich gegen uns sprach, weil er nicht mehr Zukunft versprach, sondern sie beenden wollte, und Sartre nur falsche Hoffnungen barg. Wie du dich dann eines Abends zu mir beugtest und mir ein Zeichen gabst, ich solle dir näher kommen. Wie ich mein Ohr an deinen Mund hielt und du flüstertest: »I’ll be gone in a day or two.« Das war an einem Dienstag.

Untergrundszenen

// Cris Koch

Im Tunnelblick

// Poljak Wlassowetz