Über den Gottesstaat - Augustinus von Hippo - E-Book

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Augustinus von Hippo

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Beschreibung

Augustinus von Hippos monumentales Werk Über den Gottesstaat gilt als eines der einflussreichsten Werke der spätantiken christlichen Literatur. Entstanden zwischen 413 und 426 n. Chr., reagierte der Kirchenvater mit diesem theologischen und philosophischen Hauptwerk auf den Fall Roms im Jahr 410 und die daraufhin aufkommenden Vorwürfe, das Christentum habe zum Untergang des römischen Imperiums beigetragen. In 22 Büchern entwickelt Augustinus eine umfassende Theologie der Geschichte, die das Spannungsverhältnis zwischen der "civitas Dei" (Gottesstaat) und der "civitas terrena" (irdischer Staat) zum zentralen Thema macht. Das Werk ist eine Verteidigung des christlichen Glaubens gegenüber dem heidnischen Vorwurf, das Christentum habe die römische Stärke untergraben. Augustinus entwirft jedoch kein politisches Manifest, sondern eine geistige Gegenwelt: Der Gottesstaat steht für die Gemeinschaft derer, die nach Gottes Willen leben und auf das ewige Leben ausgerichtet sind, während der irdische Staat für jene steht, die dem weltlichen Ruhm und der eigenen Macht dienen. Diese dualistische Geschichtstheologie zieht sich durch das gesamte Werk und bietet eine Deutung der Weltgeschichte unter dem Primat göttlicher Vorsehung. Über den Gottesstaat ist nicht nur ein theologisches Dokument, sondern auch ein kulturgeschichtliches Schlüsselwerk. Augustinus analysiert darin philosophische Strömungen, politische Ordnungen und die moralische Krise seiner Zeit. Seine Gedanken über die Vergänglichkeit irdischer Reiche, das Wesen wahrer Gerechtigkeit und die Rolle der Kirche beeinflussten über Jahrhunderte hinweg das politische und gesellschaftliche Denken in Europa – vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Der Einfluss des Werkes zeigt sich in der Entwicklung der christlichen Staatslehre, der Trennung von sakraler und weltlicher Macht sowie der Idee, dass wahre Gerechtigkeit nur in der Hinwendung zu Gott möglich ist. De civitate Dei prägte die Vorstellung eines transzendenten Zieles der Menschheitsgeschichte und bereitete den Weg für mittelalterliche wie moderne Theologien. Augustinus von Hippo (354–430) war einer der bedeutendsten Kirchenväter der Spätantike. Als Bischof von Hippo, tiefgründiger Denker und leidenschaftlicher Prediger hinterließ er ein reiches literarisches Erbe. Seine Schriften prägen Theologie, Philosophie und das christliche Menschenbild bis heute. Sein Denken verbindet antikes Erbe mit christlichem Glauben auf einzigartige Weise.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Augustinus von Hippo

Über den Gottesstaat

De Civitate Dei
Übersetzer: Alfred Schröder
e-artnow, 2025 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Vorrede.
Einleitung.
Erstes Buch
Zweites Buch
Drittes Buch
Viertes Buch
Fünftes Buch
Sechstes Buch
Siebtes Buch
Achtes Buch
Neuntes Buch
Zehntes Buch
Elftes Buch
Zwölftes Buch
Dreizehntes Buch
Vierzehntes Buch
Fünfzehntes Buch
Sechzehntes Buch
Siebzehntes Buch
Achtzehntes Buch
Neunzehntes Buch
Zwanzigstes Buch
Einundzwanzigstes Buch
Zweiundzwanzigstes Buch

Vorrede.

Inhaltsverzeichnis

Teuerster Sohn Marcellin1! In diesem an dich gerichteten Werke, mit dem ich zugleich ein Versprechen2 einlöse, habe ich es übernommen, den glorreichen Gottesstaat, sowohl wie er sich im Ablauf der Weltzeit darstellt, da er, „aus dem Glauben lebend“3, unter Gottlosen pilgert, als auch wie er in der Stetigkeit des ewigen Wohnsitzes ruht, die er zur Zeit „in Geduld erhofft“4, bis sich die Gerechtigkeit wendet zum Gerichte“5, dann aber in Herrlichkeit erlangen wird mit dem letzten Sieg und in vollkommenem Frieden, diesen Gottesstaat also will ich verteidigen gegen die, die seinem Gründer ihre Götter vorziehen: ein großes und schweres Werk, doch Gott ist unser Beistand. Denn ich weiß, welcher Anstrengung es bedarf, um den Hochmut zu überzeugen, wie groß die Kraft der Demut sei, durch die sich, nicht angemaßt von Menschenstolz, sondern als ein Geschenk von Gottes Gnaden, eine Hoheit auswirkt, überragend alle menschliche Erhabenheit in ihrer zeitlich bedingten Wandelbarkeit, Denn der König und Gründer dieses Staates hat in der Schrift für sein Volk den Spruch des göttlichen Gesetzes verkündet des Inhalts: „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade“6. Allein das, was Gott zusteht, äfft auch der aufgeblähte Geist menschlichen Hochmutes nach und läßt gern von sich rühmen, daß er die „Unterwürfigen schone und niederkämpfe die Stolzen“7. Darum soll auch vom Weltstaat, der, lüstern nach Herrschaft, dennoch seinerseits, wennschon sich die Völker dienend beugen, von der Herrschbegierde beherrscht wird, hier die Rede sein, soweit es der Plan des Werkes erheischt und sich die Möglichkeit bietet.

1 Über ihn s. oben S. LIX f.

2 Epistola 136 n. 3; 138 n. 20.

3 Hab. 2, 4.

4 Röm. 8, 25.

5 Ps. 93, 15.

6 Jak. 4, 6.

7 Verg. Aen. 6, 853.

Einleitung.

Inhaltsverzeichnis

1. Veranlassung, Abfassungszeit, Hauptinhalt des Werkes „Gottesstaat“.

Als noch der Polytheismus die Staatsreligion des römischen Reiches war, mochten die Christen bei jedem Unheil, das einen Teil des Reiches oder gar die Stadt Rom traf, in Angst und Sorgen erzittern; denn gern redete man sich ein, daß ihre Mißachtung der Götter das Unheil als Strafe heraufbeschworen habe, und laut und drohend ertönte der Ruf: „Die Christen vor die Löwen“.

Am 24. August 410 war Alarich an der Spitze seiner Westgoten in Rom eingedrungen; die Stadt, die dem römischen Weltreich Ursprung und Namen gegeben hatte und ihm Haupt und Herz war, die „ewige“ Stadt, wie man Rom mit noch größerem Nachdruck nannte, seitdem dieser Ruhmestitel durch die Barbareneinfälle gefährdet erschien, befand sich in den Händen eines Barbarenfürsten. Zwar stand jetzt hinter den Heiden — es gab ihrer noch genug, trotz der Gesetze des Theodosius — nicht mehr die Macht der Staatsgewalt, aber dafür war die Wucht ihrer im Sinne der Vorfahren erhobenen Anklagen umso drückender, als der Fall Roms den Bestand des Reiches erschütterte und an Tragweite alles frühere Unheil weit übertraf. Unter der Herrschaft der christlichen Religion ja war nach kurzer Frist eingetreten, was während der langen Herrschaft des Götterkultes unerhört gewesen. „Schlimmer als je wird jetzt, in den christlichen Zeiten, die Welt heimgesucht“. „Als wir unsern Göttern noch Opfer brachten, stand Rom unbezwungen da, war Rom glücklich; jetzt, da das Opfer eures Gottes überall verbreitet ist und uns die Opfer verwehrt sind, seht, was Rom zu erdulden hat!" „Trotz der Leiber eines Petrus, Paulus, Laurentius und anderer Märtyrer ist Rom eine Stätte des Elends geworden, ist der Plünderung, Erniedrigung, Vernichtung anheimgeiallen, zum Teil in einen Schutthaufen verwandelt worden'. Seine eigenen Anhänger hat der Christengott nicht zu schützen vermocht; er fand wohl nicht einmal zehn Gerechte in Rom, weil es der Stadt erging wie Sodoma.

Man kann sich denken, welche Verwirrung das Unglück der Stadt in den Gemütern der Christen anrichtete, mit welchem Eifer die Heiden daraus für ihre Sache Nutzen zu ziehen suchten. Lebendiger als in anderen Teilen des Reiches stand den Römern in Nordafrika die Größe des Unglücks vor Augen; hieher wandten sich viele Flüchtlinges. Und gerade in Afrika, speziell in der großen Hauptstadt Karthago, gab es Widersacher des Christentums genug, die die Schwachen einschüchterten, die Ungebildeten aufreizten und selbst bei hochgestellten und geistig bedeutenden Persönlichkeiten mit ihren Klagen Verständnis fanden. Und sie machten in weiten christlichen Kreisen Eindrufk. Kam es doch soweit — und das beleuchtet die Lage wohl am schärfsten —, daß man es auf seiten der Christen lieber gesehen hätte, wenn die heikle Frage, der wunde Punkt, selbst von ihren Bischöfen, bei der kirchlichen Predigt, gar nicht berührt würde. Es waren nicht nur die schwachen Christen, die solche Zurückhaltung wünschten, jene, die selbst auch in Roms Fall eine schwere Schlappe der christlichen Religion erblickten, weltlich gesinnte Christen, die sich in der langen Zeit friedlicher Wohlfahrt mit ihrem Sinnen und Trachten fest auf der Erde eingewurzelt und sich daran gewöhnt hatten, das Christentum, das ihnen reit Theodosius irdischen Vorteil in jeder Form gebracht hatte, als eine Art Gewähr für irdisches Wohlergehen zu betrachten; auch der wahren Christen mußte sich Kleinmut bemächtigen, wenn sie sahen, wie gerade das, wodurch das äußere Emporblühen der Kirche Christi mächtig gefördert worden war, die irdische Wohlfahrt nämlich und ihr Bestand trotz der Abschaffung der heidnischen Opfer, mit einemmal der Vernichtung anheimfiel.

Hier mußte ein Geistesmann von anerkannter Autorität ein weithin vernehmbares Wort sprechen. Der Übermut der Heiden mußte gedämpft werden, der Schwachmut der wankenden Christen heischte dringend einer Stütze, der Kleinmut der wahren Christen durfte nicht sich selbst überlassen bleiben; ein eindringlicher Hinweis auf den übernatürlichen Charakter der christlichen Religion tat neben der Abwehr der heidnischen Angriffe bitter not.

Daß ein Mann wie Augustinus, so tief innerlich ergriffen und unerschütterlich überzeugt von der Wahrheit und dem Segen der christlichen Religion, das Gewicht seiner Persönlichkeit und seiner Stellung einsetzen würde für die bedrängte Wahrheit und für die Rettung gefährdeter Seelen, war ja selbstverständlich. Er kommt in Predigten und Briefen jener Zeit wiederholt und mit besonderer Lebhaftigkeit und Wärme auf die Fragen und Zweitel zu sprechen, die der Fall Roms ausgelöst hatte. Gleichwohl darf man zweifeln, ob er sich hierüber in einem eigenen Werk an die große Öffentlichkeit gewandt hätte, wenn nicht sein teurer Freund Marcellinus, kaiserlicher Tribun und Notar in Karthago, ihn dazu dringendst auf gefordert hätte; ihm mochte unter dem unmittelbaren Eindruck der Verwirrung und selbst Verheerung, welche die Gegner des Christentums und die Scheinchristen hier, im geistigen Mittelpunkt der Provinz Afrika, unter den Christen anrichteten, die Gefahr für die christliche Religion lebhafter und allseitiger zum Bewußtsein kommen als selbst einem Augustinus in dem kleinen Hippo regius, der denn auch das Bedürfnis fühlte, von dem Freund aus dessen täglichem Verkehr mit Heiden und schwankenden Christen die Einwendungen und Vorwürfe gegen das Christentum genau kennen zu lernen. So hat der treffliche Marcellinus, der das Andenken eines Heiligen hinterließ, seinen vielen Verdiensten um die Kirche als größtes und dauerndstes dieses hinzugefügt, daß er die großartigste Apologie des Reiches Gottes veranlaßt und zu dem gewaltigen Bau Steine geliefert hat. Ihm ist das Werk gewidmet; doch sollte er die Vollendung nicht erleben; am 13. September 413 fiel er in den politischen Wirren, die damals Afrika heimsuchten, als unschuldiges Opfer des Hasses oder der Geldgier durch die Hand des Henkers.

Im Jahre 412 machte sich Augustinus an die Ausarbeitung seiner Apologie; er gab ihr den Titel: De civitate Dei. Plan und Einteilung des Werkes standen ihm schon bei Beginn der Arbeit fest. So bildet das Werk trotz mancher Abschweifung vom Thema ein geschlossenes Ganze, das jedoch stückweise, je mehrere Bücher auf einmal, der Öffentlichkeit übergeben wurde. Im Jahre 426, nach vierzehnjähriger, freilich oft unterbrochener Arbeit kam es mit dem 22. Buch zum Abschluß.

Augustinus greift weit aus, er erörtert die schwebenden Fragen gründlich und verfolgt sie bis in ihre letzten Zusammenhänge, immer mit Nachdruck hinweisend auf den übernatürlichen Charakter des Reiches Gottes; selbst da, wo er unmittelbar an die Vorkommnisse anknüpft, die zu den Anklagen gegen das Christentum geführt haben, erhebt er sich sofort zu moral- und religionsphilosophischen Betrachtungen, wie er sich auch bei geschichtlichen Überblicken nicht lange bei den Ereignissen aufhält, sondern den letzten Ursachen der Ereignisse im Ratschluß der göttlichen Weltregierung nachgeht. Dadurch streift sein Werk den Charakter einer Gelegenheitsschrift ab, es behandelt Fragen, die für alle Zeiten Interesse beanspruchen dürfen, und behandelt sie vielfach in einer Weise, die vom christlichen Standpunkt aus für alle Zeiten in Kraft und Geltung bleibt.

Die „Civitas Dei“ zerfällt in zwei Hauptteile. Der erste Hauptteil (Buch 1—10) ist wesentlich apologetischpolemischen Inhalts, ist die Antwort auf die Anklagen der Heiden; sie lautet kurz: Die Götter verleihen das Glück nicht, weder das irdische (1—5), noch das ewige (6—10); die christliche Religion dagegen erhebt gar nicht den Anspruch, vor irdischem Unglück zu bewahren, sie macht aber den Menschen den Wechselfällen des Lebens gegenüber innerlich frei durch die Hinkehr auf das Ewige. Schon der Titel des Werkes indes gibt zu erkennen, daß sich Augustinus von vornherein nicht auf die Widerlegung der von den Heiden erhobenen Einwürfe beschränken wollte, sondern den Streit auf breiterer Grundlage zu führen gedachte. Ihm gilt der soeben neu entbrannte Kampf des Heidentums gegen das Christentum nur als eine Episode in dem großen, alle Zeiten bis zum jüngsten Gericht durchziehenden Kampfe zwischen den zwei Reichen, dem Reiche Gottes and dem Reiche dieser Welt. Den Gegensatz dieser beiden Reiche und ihr gegensätzliches Verhalten legt er im zweiten Hauptteil (Buch 11—22) in einer Himmel und Erde, Anfang, Mitte und Ende umspannenden Trilogie dar; beginnend mit den vorirdischen und irdischen Anfängen dieser Reiche in der Engel- und Menschenwelt (11—14), schildert er die beiden Staaten in ihrem geschichtlichen Verlauf durch die sich ablösenden Weltzeitalter von Kain und Abel bis zur damaligen Gegenwart (15—18) und schließt mit einem Ausblick auf Ausgang und Endziel der beiden Reiche (19—22).

2. Sonderausgaben, Textbearbeitung, Kommentare, deutsche Veher Setzungen.

Sonderausgaben des Werkes De civitate Dei wurden seit Erfindung der Buchdruckerkunst in großer Zahl veranstaltet; man hat Kunde von 24 Ausgaben, die noch dem 15. Jahrhundert und der Zeit von 1467—1495 angehören. Die methodische Textkritik setzte ein mit der von Erasmus veranlaßten Ausgabe des spanischen Humanisten Ludwig Vives 1522 (Basel, Frobenius). Weiterhin verbesserten den Text, und zwar aus niederländischen Handschriften, die Löwener Theologen, in deren Gesamtausgabe der Werke des hl. Augustinus die Civ. Dei den V. Band (Antwerpen, Plantin, 1576) bildet. Die von den Maurinern besorgte Gesamiaus-ausgabe brachte in dem 1685 erschienenen VII. Band einen durch Heranziehung zahlreicher weiterer Handschriften abermals verbesserten, doch nicht auf der vollen Höhe der auch nur mit diesem Apparat erreichbaren Originaltreue stehenden Text, der sich nun als textus vulgatus einbürgerte und auch den Sonderausgaben bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts (ed. stereotyp. Tauchnitz, Leipzig, 2 Bände, 1825 und öfter; ed. Strange, Köln 1850) zugrunde gelegt wurde. Erst Bernhard Dombart hat für seine 1863 bei Teubner in Leipzig erschienene Sonderausgabe durch Heranziehung von Münchener Handschriften und systematische Anwendung der modernen Editionsgrundsätze einen wesentlich verbesserten Text geliefert und für die zweite Auflage (1877) eine Anzahl weiterer Handschriften, namentlich den wichtigen Veronensis saec. VljVH, verglichen. Eine Auswahl von Pariser Handschriften wurde zum erstenmal methodisch richtig verwertet von Emanuel H o f f m ann in seiner für das Corpus scriptorum ecclesiasticorum latinorum (Band 40 in 2 Teilen, Wien, Tempsky, 1898, 1900) bearbeiteten Ausgabe, die zugleich sehr wertvolle Handschriften in Lyon und Padua erstmals heranzieht. Auf Grund dieser Rezension erstellte sodann Dombart, indem er noch einige weitere Handschriften und die ersten Druckausgaben heranzog, die dritte Auflage seiner Ausgabe (2. Band 1905, 1. Band 1909).

Kommentare zur Civ. lieferten die englischen Dominikaner Nikolaus Triveth († 1328) und Thomas Walleis († 1340); sie sind den Ausgaben, die vor 1522 erschienen, meist beigedruckt. Einen wissenschaftlichen Kommentar bearbeitete der schon erwähnte Humanist Vives) und veröffentlichte ihn mit seiner Civ.- Ausgabe 1522; seine Erläuterungen sind noch immer geschätzt. Dasselbe gilt von dem vorwiegend theologischen Kommentar, durch den der französische Augustinereremit Leonhard Coquäus († 1615) die mehr archäologische Arbeit seiner Vorgänger ergänzte. Eine Auswahl der wichtigsten Anmerkungen dieser beiden Gelehrten fand Aufnahme in die Maurinerausgabe. Joh, Clericus (Le Clerc) endlich veröffentlichte 1703 wie zu den übrigen Werken Augustins so auch zur Civ. kritische Noten in seiner Appendix Augustiniana zu dem Antwerpener (oder vielmehr Amsterdamer) Nachdruck der Mauriner Gesamtausgabe (1700).

Deutsche Übersetzungen liegen vor von J. P. Silbert (2 Bände, Wien 1826) und von Ulrich U hl in der ersten Auflage der Kirchenväterbibliothek (2 Bände, Kempten 1873/4); die erstere oft ungenau, die letztere sehr fleißig gearbeitet, doch dem deutschen Sprachgefühl wenig Rechnung tragend. Von 1 1 bis III 17 hat B. Dombart eine handschriftliche Übersetzung hinier-lassen, die mir durch die gütige Vermittlung Professor W e y m a n s zur Verfügung gestellt wurde. Eine neue Übersetzung der Civ. kündigt soeben der Verlag der Dürrschen Buchhandlung in Leipzig für seine Sammlung „Philosophische Bibliothek“ an.

Meiner Übersetzung liegt von Buch 1—V die Ausgabe Hoffmanns, von Buch VI an die mittlerweile erschienene dritte Auflage der Dombartschen Ausgabe zugrunde.

Dillingen a. D., 22. Oktober 1909.

Her Gebersetzer.

Erstes Buch

Inhaltsverzeichnis
1. Gegner des Namens Christi, deren die Barbaren um Christi willen bei der Verwüstung der Stadt geschont haben.
2. Es ist in der Kriegsgeschichte unerhört, daß Sieger wegen der Götter der Überwundenen den Besiegten Schonung gewährt hätten.
3. Es war unklug von den Römern, sich etwas zu versprechen von den Schutzgöttern, die Troja zu schützen nicht imstande waren.
4. Das Asyl der Juno rettete niemand vor den Griechen, die Kirchen der Apostel schützten alle, die dorthin flüchteten, vor den Barbaren.
5. Wie Cato sich äußert über den allgemeinen Kriegsbrauch, besiegte Städte zu zerstören.
6. Auch die Römer verschonten niemals bei Einnahme einer Stadt in deren Tempeln die Besiegten.
7. Die Greuel bei der Eroberung Roms sind auf den Kriegsbrauch zurückzuführen; die Erweise von Milde dagegen flossen aus der Kraft des Namens Christi.
8. Gutes und Schlimmes trifft zumeist die Guten wie die Bösen.
9. Warum werden die Guten und die Bösen gleicherweise von harten Prüfungen heimgesucht?
10. Die Einbuße zeitlicher Güter ist für die Heiligen kein Verlust.
11. Des zeitlichen Lebens Ende, des langen wie des kurzen.
12. Wenn den Christen die Beerdigung ihrer Leichen versagt blieb, so ist ihnen damit nichts entgangen.
13. Warum begraben wir die Leiber der Heiligen?
14. Den Heiligen in der Gefangenschaft mangelte es niemals an Tröstung durch Gott.
15. Regulus bietet ein Beispiel dafür, daß man um der Religion willen selbst freiwillig Gefangenschaft auf sich nehmen soll, was jedoch diesem Verehrer der Götter nicht zu nützen vermochte.
16. Konnte durch Vergewaltigung, wie sie vielleicht selbst geweihte Jungfrauen in der Gefangenschaft erduldeten, die seelische Tugend ohne Zustimmung des Willens befleckt werden?
17. Freiwilliger Tod aus Furcht vor Strafe oder Schande.
18. Was hat es für eine Bewandtnis mit fremder, gewaltsam erzwungener Lust, die der Geist wider seinen Willen an dem vergewaltigten Leibe erduldet?
19. Der Selbstmord der Lucretia wegen Vergewaltigung.
20. Keine Schriftstelle gewährt den Christen das Recht des freiwilligen Todes, in welcher Lage immer sie sich finden.
21. Fälle, in denen die Tötung von Menschen nicht das Verbrechen des Mordes in sich schließt.
22. Kann der freiwillige Tod jemals als Zeichen von Seelengröße gelten?
23. Wie ist das Beispiel zu beurteilen, das Cato durch seinen Selbstmord ob des Sieges Cäsars gab?
24. In der Tugend, die den Regulus vor Cato auszeichnet, überragen noch weit mehr die Christen.
25. Man darf nicht einer Sünde aus dem Wege gehen durch Begehung einer anderen Sünde.
26. Wie hat man es aufzufassen, wenn Heilige das tun, was nicht geschehen darf.
27. Soll man deshalb den Tod anstreben, weil man dadurch der Sünde aus dem Wege geht?
28. Wie zeigt sich Gottes Gericht in der Zulassung, dass feindliche Gier an Leibern von Enthaltsamen sündigen durfte?
29. Was soll also die Gefolgschaft Christi den Ungläubigen entgegnen auf den Vorhalt, daß Christus die Seinen vor der Wut der Feinde nicht geschützt habe?
30. Die Ankläger der christlichen Zeiten möchten in schändlichem Überfluß schwelgen können.
31. Die Stufenfolge der Laster, in der sich die Herrschsucht der Römer entwickelte.
32. Die Einführung der Bühnenspiele.
33. Der Untergang der Vaterstadt vermochte die Römer nicht zu bessern.
34. Gottes Güte ist es, die den Untergang der Stadt gemildert hat.
35. Kinder der Kirche in den Reihen der Gottlosen und falsche Christen innerhalb der Kirche.
36. Gegenstand der folgenden Erörterungen.

1. Gegner des Namens Christi, deren die Barbaren um Christi willen bei der Verwüstung der Stadt geschont haben.

Inhaltsverzeichnis

Aus dem Weltstaat nämlich kommen die Feinde, gegen die der Gottesstaat verteidigt werden muß; freilich viele von ihnen kehren sich ab von den Irrwegen der Gottlosigkeit und werden ganz brauchbare Bürger des Gottesstaates; aber viele auch glühen in heißestem Haß gegen ihn und legen schreienden Undank an den Tag gegenüber offenkundigen Wohltaten seines Erlösers, da sie doch heute den Mund nicht auftun würden gegen den Gottesstaat, wenn sie nicht an dessen geheiligten Stätten vor dem feindlichen Schwert das Leben neu gefunden hätten, das ihnen Anlaß zum Hochmut wird. Oder sind nicht auch solche Römer Feinde des Namens Christi, deren die Barbaren um Christi willen geschont haben? Das bezeugen die Stätten der Märtyrer und die Kirchen der Apostel, die damals bei der Verwüstung der Stadt8 alle aufnahmen, die in ihnen Zuflucht suchten, die Fremden so gut wie die Ihrigen. Bis hierher wütete der Blutdurst des Feindes, hier fand die Mordlust ihre Grenze, und wenn mitleidige Feinde auch außerhalb dieser Stätten Schonung übten, hierher geleiteten sie die Verschonten, damit sie nicht andern in die Hände fielen, die solches Erbarmen nicht walten ließen. Aber auch die Erbarmungslosen, die anderwärts wild und nach Feindesart wüteten, sobald sie an die Stätten kamen, wo verwehrt war, was außerhalb nach dem Kriegsrecht als erlaubt gelten konnte, so zügelte sich der unmenschliche Grimm und die Gier nach Gefangenen brach sich. So entrannen dem Verderben viele, die heute auf die christlichen Zeiten schmähen und die Leiden, die die Stadt erduldet hat, Christo zuschreiben; daß ihnen aber um der Ehre Christi willen Heil widerfuhr, indem sie am Leben blieben, das schreiben sie nicht unserem Christus, sondern ihrem Schicksal zu. Und sie sollten doch vielmehr, wenn sie einige Einsicht hätten, die erduldeten Kriegsleiden auf die göttliche Vorsehung zurückführen, die gar oft durch Kriege die verderbten Sitten bessert und vernichtet und hinwieder das Leben der Gerechten und Guten durch solche Heimsuchungen prüft, um es geläutert in eine höhere Sphäre zu versetzen oder noch auf dieser Welt festzuhalten zur Erfüllung anderer Aufgaben; dagegen die Schonung, die ihnen rauhe Barbaren allem Kriegsbrauch entgegen allerorts um des Namens Christi willen oder doch an den dem Namen Christi speziell geweihten Stätten, in jenen weiten Hallen, die (als Zufluchtsorte) bestimmt wurden aus besonderem Erbarmen als geeignet zur Aufnahme großer Massen, diese Schonung sollten sie den christlichen Zeiten zuschreiben und daraus Anlaß nehmen, Gott zu danken und, um der Strafe des ewigen Feuers zu entgehen, nun in Wahrheit bei seinem Namen Zuflucht suchen, den viele von ihnen unaufrichtig in Anspruch genommen haben, um der Strafe zeitlichen Verderbens zu entgehen. Denn unter denen, die man jetzt mutwillig und frech die Anhänger Christi höhnen sieht, finden sich genug, die damals dem Ruin nicht entronnen wären, wenn sie sich nicht als Anhänger Christi ausgegeben hätten. Und jetzt widersetzen sie sich mit verkehrtem Herzen in undankbarem Stolz und ganz gottlosem Wahnsinn seinem Namen, so daß sie mit ewiger Finsternis gestraft werden, jenem Namen, unter dem sie mit heuchlerischer Miene Schutz zu suchen sich nicht entblödeten, damit sie das irdische Licht noch länger genössen.

8 Durch Alarich und seine Westgoten 410 n.Chr.

2. Es ist in der Kriegsgeschichte unerhört, daß Sieger wegen der Götter der Überwundenen den Besiegten Schonung gewährt hätten.

Inhaltsverzeichnis

Eine Unzahl von Kriegen vor der Gründung Roms, seit seinen Anfängen und dem Emporsteigen zur Weltherrschaft ist beschrieben worden: man lese in diesen Kriegsgeschichten und führe uns ein Beispiel an, daß eine Stadt von einem fremden Volke genommen worden wäre und dabei die Gegner, die sie nahmen, die verschont hätten, die sich in die Tempel ihrer Götter flüchteten, oder daß je ein Heerführer von Barbaren den Befehl erteilt hätte, daß nach dem Eindringen in die Stadt niemand getötet werde, den man in diesem oder jenem Tempel antreffe. Sah nicht Äneas, wie

„Priamus10 an den Altären Das von ihm geheiligte Feuer mit Blut befleckte?“

Haben nicht Diomedes und Ulixes11,

„als sie die Wächter des obersten Schlosses ermordet, Weggeschleppt das blutige Bild und mit blutigen Händen Ohne Scheu berührt den Jungfrau'nschleier der Göttin“?

Und doch ist nicht wahr, was folgt:

„Seitdem entschwand und sank dahin der Danaer Hoffnung“.

Denn nachher erst siegten sie, nachher erst vernichteten sie Troja mit Feuer und Schwert und hieben den Priamus nieder, der beim Altare Schutz suchte. Und nicht deshalb ging Troja zugrunde, weil ihm seine Minerva abhanden kam. Denn was war ihr zuerst abhanden gekommen, daß sie zugrunde ging? Etwa ihre Wächter? Ja das ist die Wahrheit; nachdem diese Beschützer getötet waren, konnte man ihr beikommen, Denn nicht das Götterbild wahrte die Menschen, sondern die Menschen wahrten das Götterbild. Wie konnte man doch als Schutzherrin von Stadt und Bürgern eine Göttin verehren, die ihre eigenen Beschützer nicht zu schützen vermochte!

10 Verg. Aen. 2, 501 f.

11 Verg. Aen. 2, 166 ff.

3. Es war unklug von den Römern, sich etwas zu versprechen von den Schutzgöttern, die Troja zu schützen nicht imstande waren.

Inhaltsverzeichnis

Das also waren die Götter, denen die Römer die Bewahrung ihrer Stadt anvertraut zu haben sich glücklich schätzten. Welch kläglicher Irrtum! Und uns zürnen sie, wenn wir so etwas von ihren Göttern sagen; nicht aber zürnen sie ihren Schriftstellern; vielmehr haben sie für den Unterricht in der Literatur Schulgeld ausgegeben und die Lehrer auch noch einer öffentlichen Besoldung und der Auszeichnung durch Ehren höchst würdig erachtet. Und doch wird bei Vergil, den die Knaben lesen, damit der große Dichter, von allen der berühmteste und beste, sich tief in das noch zarte Gemüt einsenke und nicht leicht wieder vergessen werde nach dem bekannten Worte des Horaz12;

„Lange bewahrt noch der Krug den Geruch, womit er erfüllt ward, Da er noch neu“.

Bei diesem Vergil also wird ja die den Trojanern feindselig gesinnte Juno mit folgenden Worten an Äolus, den König der Winde, eingeführt, den sie gegen die Trojaner aufreizt13:

„Ein mir verhaßtes Volk durchquert die tyrrhenischen Wasser, Ilion führt's nach Italien und die besiegten Penaten“.

War es wirklich klug, solchen besiegten Schutzgöttern Rom anzuvertrauen, damit es nicht besiegt werde? Aber Juno sprach dies vielleicht als ein leidenschaftliches Weib, ohne zu wissen, was sie sagte. Indes Äneas selbst, der so und so off der Fromme genannt wird, auch er erzählt14:

„Panthus, des Othrys Sohn, der Priester der Burg und des Phöbus, Schleppt die besiegten Götter mit sich und das heil'ge Geräte, An der Hand den Enkel, so strebt er hastig zum Ausgang“. _

Mußte er nicht meinen, daß diese Götter, die er unbedenklich besiegte Götter nennt, ihm anvertraut seien, und nicht er ihnen, da ihm zugerufen wird15:

„Troja empfiehlt dir die Heiligtümer und seine Penaten“.

Wenn also Vergil so die Götter zeichnet, als Besiegte, die, um nur überhaupt noch zu entkommen, einem Menschen anvertraut wurden, welcher Wahnsinn ist es dann zu glauben, daß Rom weislich solchen Schutzherren übergeben worden sei und daß die Stadt nicht hätte verwüstet werden können, wenn sie ihrer nicht verlustig gegangen wäre! Nein, besiegte Götter als Hüter und Schützer verehren, heißt nicht gute Taler sondern schlechte Zahler haben. Hätte Rom sie nicht nach Kräften vor dem Untergang bewahrt, sie wären längst verschwunden; diese Annahme ist viel vernünftiger als die gegenteilige, daß Rom nicht zu Fall gekommen wäre, wenn sie nicht vorher verschwunden wären. Denn wer sähe nicht, wenn er nur sehen will, wie nichtig das Vorurteil ist, Rom könne unter dem Schutz von Besiegten nicht besiegt werden und sei deshalb untergegangen, weil es um seine Schutzgötter gekommen, da doch zum Untergang der eine Grund hinreichend wäre, daß man Schutzgötter haben wollte, um die man kommen konnte. Also haben die Dichter, als man von den besiegten Göttern das schrieb und sang, nicht eine Lüge beliebt, sondern die Wahrheit hat ehrliche Männer zum Bekenntnis gezwungen. Doch davon läßt sich besser an anderer Stelle mit eingehender Sorgfalt handeln. Jetzt will ich, so gut ich kann, in kurzen Worten das angeschlagene Thema vom Undank der Menschen erledigen. Sie geben die Übel, die sie bei der Verkehrtheit ihrer Sitten verdientermaßen erdulden, schmähsüchtigerweise unserm Christus Schuld; daß sie aber trotz ihrer Strafwürdigkeit um Christi willen Schonung erfuhren, das würdigen sie nicht im geringsten, vielmehr spitzen sie im Wahnsinn gotteslästerlicher Verkehrtheit gegen seinen Namen ihre Zunge, mit der sie heuchlerisch gerade diesen Namen in Anspruch genommen haben, um am Leben zu bleiben, oder die sie an den ihm geweihten Stätten aus Furcht zurückgehalten haben, um von hier aus, wo sie, sicher und geschützt, um seinetwillen von den Feinden unverletzt blieben, mit feindseligen Schmähungen gegen ihn hervorzubrechen.

12 Hor. Epist. I, 2, 69.

13 Verg. Aen. 1, 67 f.

14 Verg. Aen. 2, 319 ff.

15 Verg. Aen. 2, 293.

4. Das Asyl der Juno rettete niemand vor den Griechen, die Kirchen der Apostel schützten alle, die dorthin flüchteten, vor den Barbaren.

Inhaltsverzeichnis

Also Troja, die Mutter des römischen Volkes, vermochte, wie gesagt, durch die geweihten Stätten seiner Götter seine Bürger nicht zu decken gegen Feuer und Schwert der Griechen, die just dieselben Götter verehrten; im Gegenteil16

„im Asyle der Juno Nahmen den Raub in Verwahr die auserlesenen Wächter Phönix und der grimme Ulixes; hieher wird alles Aus ganz Troja geschleppt: die Schätze der brennenden Tempel Und die Tische der Götter, die Becher aus lauterem Golde Und die geraubten Gewänder. In langgezogenem Kreise Stehen die Kinder umher und die bebenden Mütter“.

Da ist also eine Stätte, die einer gar großen Göttin heilig war, gewählt worden, nicht um hier Gefangennahme auszuschließen, sondern um die Gefangenen einzuschließen. Und nun vergleiche man dieses Asyl nicht irgend eines gewöhnlichen Gottes oder eines aus dem Schwarm der Niedrigen, sondern der Schwester und Gemahlin Jupiters, der Königin aller Götter, man vergleiche es mit den Gedächtnisstätten unserer Apostel! Dorthin schleppte man die den brennenden Tempeln und den Gottheiten entrissene Beute, nicht um sie den Besiegten zu schenken, sondern um sie an die Sieger zu verteilen; hieher dagegen stellte man sogar das, was sich anderwärts befand und als Zugehör dieser Stätten erkannt wurde, in frommer Verehrung und Bereitwilligkeit zurück17. Dort verlor, hier behielt man die Freiheit; dort wurden die Gefangenen eingeschlossen, hier war die Gefangennahme untersagt; dort wurden sie von tyrannischen Feinden zur Besitznahme zusammengepfercht, hieher wurden sie von mitleidigen Feinden zur Befreiung geleitet. Und bei all dem waren es dort die feinen Griechen, deren Habsucht und Hochmut sich den Tempel der Juno ausersehen hatte, hier dagegen wilde Barbaren, deren Erbarmnis und Demut sich die Kirchen Christi erwählte. Aber vielleicht haben die Griechen bei ihrem Siege die Tempel der gemeinsamen Götter verschont, die dorthin flüchtenden armen, besiegten Trojaner zu töten und gefangen zu nehmen sich gescheut und Vergil hat das einfach nach Dichterart frei erfunden. Doch nein, was er da beschrieben hat, ist allgemeiner Kriegsbrauch bei feindlicher Zerstörung von Städten.

16 Verg. Aen. 2, 761 ff.

17 Vgl. Orosius, Historiarum adv. paganos I. VII. c. 39.

5. Wie Cato sich äußert über den allgemeinen Kriegsbrauch, besiegte Städte zu zerstören.

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Diesen Brauch erwähnt, wie Sallust mitteilt18, ein Geschichtsschreiber, dessen Wahrheitsliebe gerühmt wird, auch Cato deutlich genug in seiner Rede, die er im Senat über die Verschworenen hielt: „Jungfrauen und Knaben werden geraubt, Kinder aus den Armen ihrer Eltern gerissen, ehrbare Mütter müssen über sich ergehen lassen, was der Willkür der Sieger beliebt, Heiligtümer und Häuser werden ausgeraubt, überall Mord und Brand: kurz alles starrt von Waffen, Leichen, Blut und Wehe“. Hätte er in dieser Stelle nicht auch die Heiligtümer genannt, so würden wir annehmen, daß die Feinde die Sitze der Götter zu verschonen pflegten. Und das hatten römische Tempel zu fürchten nicht von auswärtigen Feinden, sondern von Catilina und seinen Genossen, also von hochangesehenen Senatoren und römischen Bürgern. Aber es waren verlorene Leute, gewiß, und Hochverräter.

18 Catilina 51.

6. Auch die Römer verschonten niemals bei Einnahme einer Stadt in deren Tempeln die Besiegten.

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Warum sollen wir also bei den vielen Völkern, die miteinander Kriege führten und nirgends der Besiegten an den Sitzen ihrer Götter schonten, Umschau halten? Wollen wir nur die Römer betrachten, ja die Römer wollen wir uns vorführen und ins Auge fassen, sie, zu deren besonderem Ruhm es heißt, daß sie

„Schonen der Unterwürfigen, niederkriegen die Stolzen“19

und daß sie erlittenes Unrecht lieber verzeihen als rächen wollten. Als sie, um weithin zu herrschen, zahlreiche und große Städte einnahmen und zerstörten, welche Tempel, man berichte uns doch, pflegten sie da auszunehmen in der Weise, daß jeder gerettet worden wäre, der dahin seine Zuflucht nahm? Oder haben sie es so gehalten und die Geschichtsschreiber hätten es nur nicht erwähnt? Sie, die so eifrig nach Anlaß zum loben spürten, sollten wirklich derlei nach ihrer eigenen Ansicht ganz hervorragende Erweise von Milde übergangen haben? Marcus Marcellus, der die herrliche Stadt Syrakus einnahm20, einer der Überragenden unter dem Volke der Römer, soll über den bevorstehenden Ruin dieser Stadt geweint und so zuerst seine Tränen über sie, dann erst ihr Blut vergossen haben21. Er trug sogar Sorge für den Schutz der Keuschheit, die ja auch am Feinde nicht verletzt werden darf. Bevor er nämlich, siegreich wie er war, in die Stadt einzudringen befahl, erließ er die Verordnung, daß sich niemand an einem freien Leibe vergreife22. Jedoch die Stadt wurde nach Kriegsbrauch zerstört, und nirgends liest man, daß von einem so rechtschaffenen und milden Feldherrn angeordnet worden wäre, die als unverletzlich zu betrachten, die zu diesem oder jenem Tempel geflüchtet wären. Das würde man doch gewiß nicht übergangen haben, da man ja sowohl von seinen Tränen wie auch von seinem Edikt zum Schutze der Keuschheit so geflissentlich Notiz nahm. Von Fabius, der die Stadt Tarent zerstörte23, rühmt man24, daß er von Beraubung der Götterbilder nichts habe wissen wollen. Als ihn der Feldschreiber erinnerte, was mit diesen — es waren ihrer viele erobert worden — zu geschehen habe, würzte er seine Zurückhaltung auch noch mit einem Scherze. Er fragte nämlich, welcher Art sie seien, und als ihm gemeldet wurde, viele seien groß und dazu auch bewaffnet, erwiderte er: „Lassen wir den Tarentinern die erzürnten Götter“. Da also die Geschichtsschreiber der römischen Vorzeit weder des einen Tränen noch das Lächeln des andern, weder dort die keusche Milde noch hier die witzige Zurückhaltung der Nachwelt vorenthalten konnten, wie wäre es übergangen worden, wenn die Römer zu Ehren irgend eines ihrer Götter irgend welcher Menschen geschont hätten in der Weise, daß man für einen beliebigen Tempel Mord und Gefangennahme ausgeschlossen hätte?

19 Verg. Aen. 6, 853.

20 im 2. punischen Krieg, 212 n.Chr.

21 Livius I. 25, 24.

22 Liv. I. 25 c 25.

23 im 2. pun. Krieg, 209 n.Chr.

24 Liv. I. 27 c. 16.

7. Die Greuel bei der Eroberung Roms sind auf den Kriegsbrauch zurückzuführen; die Erweise von Milde dagegen flossen aus der Kraft des Namens Christi.

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Was sich also bei der jüngst erfolgten Vernichtung Roms zutrug an Verwüstung, Mord, Raub, Brand und Not, das hat der Kriegsbrauch verschuldet; was aber dabei Neues vorkam, die ganz ungewohnte Erscheinung, wonach sich rohe Barbaren so milde zeigten, daß man, um des Volkes zu schonen, die weiträumigsten Kirchen auswählte und zu Sammelplätzen bestimmte, an denen niemand getötet, niemand der Freiheit beraubt werden sollte, wohin zu ihrer Rettung viele von mitleidigen Feinden geführt, von wo zur Gefangennahme auch von grausamen Feinden niemand fortgeführt werden durfte: das muß man dem Namen Christi und dem christlichen Zeitalter zuschreiben, und wer das nicht einsieht, ist blind, wer es einsieht und nicht anerkennt, ist undankbar, wer gegen die Anerkennung Widerspruch erhebt, ist nicht bei Trost. Kein Verständiger wird ein derartiges Verhalten wilden Barbaren als solchen zutrauen. Vielmehr wurde ihr blutdurstiger und grausamer Sinn zurückgeschreckt, gezügelt und wunderbar zur Milde gestimmt von dem, der durch den Mund des Propheten längst vorher gesprochen hat: „Ich suche mit der Rute ihre Frevel heim und mit Streichen ihre Sünden; doch meine Huld werde ich ihnen nicht entziehen“25.

25 Ps. 88, 33 f.

8. Gutes und Schlimmes trifft zumeist die Guten wie die Bösen.

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Man könnte fragen: „Warum hat sich nun aber diese göttliche Erbarmnis auch auf Gottlose und Undankbare erstreckt?“ Doch wohl nur deshalb, weil sie der hat walten lassen, der täglich „seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte“26. Obgleich sich nämlich nur einige von ihnen, nachdenklich geworden, reuevoll von der Gottlosigkeit bekehren, während andere, wie der Apostel sagt, „den Reichtum der Güte und Langmut Gottes verachten und durch ihre Verstocktheit und ihr unbußfertiges Herz sich Zorn häufen für den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der jedem vergelten wird nach seinen Werken“27, so ist doch die Geduld Gottes den Bösen gegenüber eine Einladung zur Buße, wie die Geißel Gottes den Guten gegenüber eine Anleitung zur Geduld; und anderseits bedeutet für die Guten die Erbarmnis Gottes ebenso liebende Fürsorge, wie die Strenge Gottes für die Bösen den Zweck und Charakter der Strafe hat, Denn es hat der göttlichen Vorsehung gefallen, erst für die Zukunft den Gerechten Güter zu bereiten, deren sich die Ungerechten nicht erfreuen werden, den Gottlosen aber Übel, von welchen die Guten nicht werden geplagt werden; dagegen sollten die zeitlichen Güter und Übel den einen wie den andern zuteil werden, damit man nicht allzu begehrlich nach diesen Gütern strebe, wenn man nicht sieht, daß auch Böse sie besitzen, noch auch feige diesen Übeln aus dem Wege gehe, da doch zumeist auch Gute von solchen betroffen werden.

Es ist jedoch ein gewaltiger Unterschied in der Art des Verhaltens gegenüber dem sogenannten Glück und Unglück. Der Gute läßt sich so wenig durch zeitliche Güter zum Übermut verleiten als durch zeitliche Übel niederbeugen; der Böse dagegen wird deshalb durch derartiges Unglück gestraft, weil er durch Glück verdorben wird. Doch zeigt Gott oft auch bei Verteilung von Gütern und Übeln sein Eingreifen ziemlich deutlich. Denn wenn jede Sünde offensichtliche Strafe träfe hienieden, so würde man meinen, es würde nichts für das jüngste Gericht aufgespart; wenn sich aber hinwiederum gar keiner Sünde gegenüber die Gottheit strafend offenbarte hienieden, so würde man glauben, es gebe keine göttliche Vorsehung. Und ähnlich das Glück: Schenkte es Gott nicht manchem auf seine Bitten mit augenscheinlichster Freigebigkeit, so würden wir sagen, er habe damit nichts zu schaffen; gäbe er es anderseits allen, die ihn darum bitten, so würden wir zu der Meinung kommen, man brauche ihm nur um solcher Belohnungen willen zu dienen, ein Dienst, der uns nicht fromm, sondern vielmehr begehrlich und habsüchtig machen würde. Da es sich nun so verhält28, so wird der Unterschied zwischen Guten und Bösen, wenn beide Teile in gleicher Weise heimgesucht werden, deshalb nicht aufgehoben, weil sich kein Unterschied in den Leiden zeigt, die sie getroffen haben. Denn die Ungleichheit der Leidenden bleibt auch bei Gleichheit der Leiden bestehen, und wenn auch der gleichen Marter unterworfen, ist Tugend und Laster doch nicht das gleiche. Denn wie im gleichen Feuer das Gold glänzt, der Schaum rußt und in der gleichen Dreschmaschine das Stroh zerstoßen, das Getreide gesäubert wird und wie sich die Ölhefe mit dem Öl nicht vermengt, obwohl sie durch den Druck der gleichen Kelter ausgepreßt wird, so erprobt, reinigt und klärt ein und dasselbe Geschick die Guten und verdammt, vernichtet und verscheucht die Bösen. Daher die Erscheinung, daß in der gleichen Heimsuchung die Bösen Gott verwünschen und lästern, die Guten ihn anrufen und preisen. So sehr kommt es darauf an, nicht welcher Art die Leiden, sondern welcher Art die Dulder sind. Der gleiche Lufthauch streicht über den Unflat und er entsendet schreckliche Dünste, streicht über das Salböl und es spendet liebliche Düfte.

26 Mt. 5, 45

27 Röm2, 4-6.

28 Anknüpfend an den zweiten Satz dieses Absatzes.

9. Warum werden die Guten und die Bösen gleicherweise von harten Prüfungen heimgesucht?

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Haben also die Christen bei jener großen Verwüstung irgend etwas erduldet, was ihnen nicht vielmehr, wenn sie es mit gläubigem Sinn betrachten, zu Nutz und Frommen gereichte? Einmal insofern sie sich in demütigem Hinblick auf die Sünden, um deren willen ja gerade Gott in seinem Zorn die Welt mit solchem Unglück überschüttet hat, doch nicht, so groß auch die Kluft ist, die sie von Übeltätern, Schandbuben und Gottlosen trennt, so frei von jeder Schuld erachten, daß sie nicht wenigstens zeitliches Übel dafür verdient zu haben glaubten. Denn abgesehen davon, daß jeder auch beim tadellosesten Wandel in manchen Dingen dem Begehren des niederen Menschen nachgibt, wenn auch nicht zu ungeheuerlichen Übeltaten und zu unentrinnbaren Schändlichkeiten und zu gräuelhafter Gottlosigkeit, so doch zu einigen Sünden, sei es nur selten oder um so häufiger je geringer sie sind — davon also abgesehen, wo wäre schließlich leicht einer zu finden, der gegen jene, wegen deren schrecklicher Hoffart, Ausschweifung, Habsucht und abscheulicher Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit gemäß seiner drohenden Vorhersage Gott die Länder zernichtet, den Standpunkt einnimmt, den man einnehmen soll? so mit ihnen verkehrt, wie man mit solchen verkehren soll? Denn statt sie zu belehren und zu mahnen, bisweilen auch zurechtzuweisen und zu tadeln, drückt man zumeist sündhaft die Augen zu, entweder wenn uns die Mühe verdrießt oder wenn wir uns scheuen, sie ins Angesicht zu tadeln, oder wenn wir dadurch ihre Feindschaft vermeiden, damit sie sich nicht hinderlich und schädigend erweisen in zeitlichen Dingen, die unsere Begehrlichkeit noch zu erreichen strebt oder unsere Schwachheit zu verlieren sich scheut. Obgleich also die Guten das Leben der Bösen mißbilligen und darum nicht mit ihnen der Verdammnis anheimfallen, die nach dem irdischen Leben solche Menschen erwartet, so werden sie doch, weil sie aus derlei Gründen deren verdammungswürdige Sünden schonen und durch diese Furcht selbst Sünden begehen, wenn auch nur leichte und verzeihliche, mit Recht zusammen mit ihnen von zeitlicher Züchtigung betroffen, jedoch nicht auf ewig gestraft. Mit Recht empfinden sie, wenn sie mit den Bösen zugleich heimgesucht werden, das irdische Leben als Bitterkeit, das ihnen so süß vorkam, daß sie aus Liebe zu ihm keine Bitterkeit zeigen wollten, als jene sündigten.

Denn wenn man etwa deshalb mit der schuldigen Zurechtweisung und Abmahnung der Bösewichte zurückhält, weil man auf eine gelegenere Zeit paßt oder weil man für sie selbst fürchtet, sie möchten dadurch nur noch schlimmer werden oder anderen Schwachen in ihrer Heranbildung zu einem guten und frommen Leben Hindernisse bereiten, sie bedrücken, vom Glauben abwendig machen, so liegt solcher Zurückhaltung offenbar nicht Begehrlichkeit, sondern eine von der Liebe eingegebene Überlegung zugrunde. Nur das ist sträflich, wenn die, die anders leben und die Werke der Bösen verabscheuen, fremder Sünden, die sie bereden und zurechtweisen sollten, gleichwohl schonen, um nicht anzustoßen, aus Furcht, es könnte ihnen daraus Schaden erwachsen in Dingen, die die Guten erlaubterweise und ohne Sünde, jedoch (in diesem Fall) begehrlicher in Dienst nehmen, als es sein sollte bei solchen, die als Fremdlinge auf Erden weilen und sich zur Hoffnung auf ein himmlisches Vaterland bekennen. Denn nicht allein Schwächere, Leute im ehelichen Stande mit Kindern oder nach Kindern trachtend, mit Haus und Dienerschaft (solche, an die sich der Apostel29 in den heiligen Versammlungen wendet mit Lehre und Mahnung, wie sie leben sollen, die Frauen mit ihren Männern und die Männer mit ihren Frauen, die Kinder mit ihren Eltern und die Eltern mit ihren Kindern, die Knechte mit ihren Herren und die Herren mit ihren Knechten), nicht nur sie haben eine Freude daran, viel vergängliches irdisches Gut zu gewinnen und empfinden schwer dessen Verlust und wagen es daher nicht, Leute zu tadeln, deren schandbares und ruchloses Leben ihnen mißfällt, sondern auch solche, die auf einer höheren Stufe der Lebensführung stehen und nicht in eheliche Bande verstrickt sind und mit geringer Nahrung und Kleidung vorlieb nehmen, hüten sich meist, die Bösen zu tadeln, da sie deren Nachstellungen und Anfeindungen im Interesse ihres Rufes und ihrer Sicherheit fürchten; geht auch ihre Furcht nicht so weit, daß sie irgend welchen Einschüchterungen und Ungerechtigkeiten nachgäben zu ähnlichen Untaten, so wollen sie doch zumeist die Untaten auch nicht bereden, die sie mit ihnen nicht gemein haben möchten — während sie vielleicht durch Beredung manche bessern könnten —, damit nicht im Fall des Mißlingens ihr Ruf und ihre Sicherheit gefährdet werde oder verloren gehe; und das nicht etwa mit Rücksicht darauf, daß ihr Ruf und ihre Sicherheit notwendig ist, um durch Unterricht Nutzen zu stiften, sondern vielmehr aus Schwäche, aus Wohlgefallen an der Schmeichelzunge und am irdischen Dasein und aus Furcht vor dem Urteil der Menge und vor Folter und Tod des Leibes, d. h. wegen gewisser Bande der Weltlust, nicht wegen der Pflicht der Liebe.

Das also scheint mir nicht unwesentlich Schuld zu sein, wenn mit den Bösen auch die Guten Züchtigung erleiden, da es Gott eben gefällt, auch mit zeitlichen Strafen Sittenverderbnis heimzusuchen. Sie erleiden nämlich zumal Züchtigung, nicht weil sie zumal ein schlechtes Leben führen, sondern weil sie zumal am zeitlichen Leben hängen, zwar nicht in gleicher Weise, aber doch eben auch, während die Guten es gering achten sollten, damit die andern sich eines bessern besännen und das ewige Leben erlangten oder, falls sie sich nicht anschließen wollten in diesem Streben, als Feinde ertragen und geliebt würden, da es ja, so lang sie leben, stets unsicher ist, ob sie nicht ihre Gesinnung zum bessern kehren. In dieser Hinsicht haben nicht etwa nur den gleichen, sondern einen viel dringenderen Anlaß die, denen die Worte des Propheten gelten: „Der zwar wird in seiner Sünde sterben, aber sein Blut werde ich fordern von des Wächters Hand“30. Denn dazu sind Wächter d. i. Vorgesetzte des Volkes aufgestellt in den Kirchen, daß sie es nicht fehlen lassen an der Rüge der Sünden. Gleichwohl ist aber deshalb von solcher Schuld der nicht ganz frei, der, wenn auch nicht Vorgesetzter, doch denen gegenüber, mit welchen er durch notwendige Beziehungen dieses Lebens verbunden ist, es immer wieder unterläßt, ihre ihm wohlbekannten Sünden zu bereden und zu rügen, weil er bei ihnen nicht anstoßen will im Hinblick auf Dinge, an denen er in diesem Leben zwar sich erlaubtermaßen letzen darf, aber über die Massen hängt. Sodann gibt es noch einen anderen Grund, weshalb die Guten von zeitlichen Übeln heimgesucht werden, der Grund, der für Job galt, damit nämlich die Gesinnung des Menschen sich erprobe und sich darüber klar werde, mit welcher Energie der Hingabe sie Gott uneigennützig liebe.

29 Kol. 3,18 ff.

30 Ez. 33,6

10. Die Einbuße zeitlicher Güter ist für die Heiligen kein Verlust.

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Faß das einmal richtig und allseitig ins Auge und sieh zu, ob den Gläubigen und Frommen etwas Schlimmes begegnet ist, das für sie nicht zum Guten ausschlug; man müßte nur glauben, jener Ausspruch des Apostels: „Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht“31, sei leeres Gerede. Sie haben alles verloren, was sie hatten. Wirklich? Auch den Glauben? Auch die Frömmigkeit? Auch die Güter des inneren Menschen, der vor Gott reich ist? Das sind die Schätze der Christen; reich an solchen sprach der Apostel32: „Ein großer Gewinn ist die Gottseligkeit mit Genügsamkeit; denn wir haben nichts in diese Welt hereingebracht, können aber auch nichts mitnehmen. Wenn wir nur Nahrung und Kleidung haben, so laßt uns damit zufrieden sein. Denn die reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstricke und in viele törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen in Untergang und Verderben stürzen. Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht; einige, die sich ihr ergaben, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich in viele Schmerzen verwickelt.“

Wenn also die, denen die irdischen Reichtümer bei jener Verwüstung zugrunde gingen, sie mit solcher Gesinnung besessen haben, wie sie es von dem angeführten äußerlich Armen, innerlich Reichen vernommen haben, d. h. wenn sie „die Welt gebrauchten, als gebrauchten sie sie nicht“33, dann konnten sie mit dem schwer geprüften, aber nicht unterlegenen Job34 sagen: „Nackt bin ich aus dem Schoß meiner Mutter hervorgegangen, nackt werde ich zur Erde zurückkehren. Der Herr hat 's gegeben, der Herr hat 's genommen; wie es dem Herrn gefiel, so ist 's geschehen; der Name des Herrn sei gebenedeit“. Er erachtete dann, ein treuer Knecht, für einen großen Schatz den Willen seines Herrn und indem er ihm folgte, ward er im Geiste reich und betrübte sich nicht darüber, daß ihn bei Lebzeiten die Dinge verließen, die er bei seinem Tode doch bald hätte verlassen müssen. Die Schwächeren aber, die an zeitlichem Gut, wenn sie es schon nicht über Christus setzten, doch mit einiger Begehrlichkeit hingen, sind durch den Verlust inne geworden, in welchem Grade sie sich durch solche Anhänglichkeit versündigt haben. Denn es schmerzte sie in dem Maße, als sie sich, um bei den angeführten Worten des Apostels zu bleiben, in Schmerzen verwickelt hatten. Die Zucht der Worte haben sie lange verachtet, also mußte auch noch die Zucht der Erfahrung über sie kommen. Denn wenn der Apostel sagt: „Die reich werden wollen, fallen in Versuchung“ usw., so tadelt er nicht den Reichtum an sich, sondern die Begierde danach, da er ja an einer anderen Stelle befehlend sagt35: „Den Reichen dieser Welt gebiete, nicht hochmütig zu sein und nicht zu vertrauen auf ungewissen Reichtum, sondern auf den lebendigen Gott, der uns alles reichlich darbietet zum Genüsse; sie sollen Gutes tun, reich sein an guten Werken, schnellbereit spenden und mitteilen, sich als Schatz einen guten Grund für die Zukunft legen, damit sie das wahre Leben ergreifen“. Wer so mit seinem Reichtum verfuhr, der konnte sich an großem Gewinn über einen geringen Verlust trösten und seine Freude über das, was er in schnellbereiter Spende so sicher bewahrt hat, ist größer als seine Betrübnis über das, was er infolge ängstlicher Zurückhaltung so schnell verloren hat. Nur das ja konnte auf der Erde verloren gehen, was man sich gereuen ließ von da hinwegzuheben. Denn alle, die den Rat ihres Herrn36 angenommen haben; „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo Rost und Motten sie vernichten und wo die Diebe sie ausgraben und stehlen; sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo kein Dieb hinkommt und die Motten sie nicht verderben; denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“, alle die haben in der Zeit der Trübsal bewährt gefunden, wie sehr sie recht und weise daran getan, einen so wahrhaftigen Lehrer und den treuesten und unüberwindlichsten Hüter ihres Schatzes nicht zu mißachten. Denn wenn sich viele schon freuten, ihre Reichtümer an einem Orte zu haben, wohin der Feind zufällig nicht kam, wieviel sicherer und ruhiger konnten sich die freuen, die damit nach der Mahnung ihres Gottes dorthin gewandert waren, wohin der Feind überhaupt nicht kommen konnte! Daher hat unser Paulinus, Bischof von Nola, einst ein gar mächtig reicher Mann, aber freiwillig ganz arm und heilig in reichster Fülle, als die Barbaren auch Nola verwüsteten und er sich in ihren Händen befand, in seinem Herzen, wie wir nachher von ihm erfuhren, also gefleht: „O Herr, laß mich nicht wegen Gold und Silber der Marter anheimfallen; du weißt ja, wo all meine Habe ist“. Er hatte nämlich all das Seinige da, wo es ihn der zu bergen und aufzuhäufen gewiesen hatte, der vorhergesagt, daß diese Übel über die Welt kommen würden. Und demnach haben die, die der Mahnung ihres Herrn über Ort und Art des Schätzesammelns Folge leisteten, beim Einbruch der Barbaren nicht einmal ihre irdischen Reichtümer verloren. Die es aber bereuen mußten, nicht gefolgt zu haben, erkannten, was man mit solchen Dingen zu tun habe, zwar nicht in weisem Vorsehen, aber sicher in leidigem Nachsehen.

Aber freilich, es wurden auch manche gute Christen mit Foltern gepeinigt, damit sie ihre Habe den Feinden verrieten. Allein das Gut, wodurch sie selbst gut waren, konnten sie weder verraten noch verlieren. Wenn sie jedoch sich lieber foltern ließen als den Mammon der Ungerechtigkeit verrieten, so waren sie nicht gut. Sie waren indes einer Mahnung bedürftig, sie, die soviel litten für das Gold, als man für Christus ertragen sollte, der Mahnung nämlich, daß sie vielmehr ihn, der seinen Duldern den Reichtum ewiger Seligkeit schenkt, lieben lernten statt Gold und Silber, wofür zu leiden das erbärmlichste war, mochte man die Schätze durch Lügen verhehlen oder durch Eingeständnis verraten. Denn Christum hat in der Folter niemand durch Bekennen verloren, das Gold dagegen hat niemand außer durch Leugnen gerettet. Daher waren vielleicht Qualen, die da lehrten, daß man das unvergängliche Gut lieben müsse, von größerem Nutzen als jene Güter, die ohne irgend welche ersprießliche Frucht ihre Herren durch die Liebe zu sich quälten.

Indes es wurden auch manche, die nichts zu verraten hatten, gefoltert, weil man ihnen nicht glaubte. Auch diese waren vielleicht begehrlich zu besitzen und nicht in heiliger Gesinnung arm; ihnen sollte zum Bewußtsein kommen, daß nicht Schätze, sondern gerade das Begehren danach solche Peinen verdiene. Wenn sie jedoch aus Liebe zu einem vollkommeneren Leben keinen Schatz an Gold und Silber hatten — ich weiß allerdings nicht, ob es einem solchen begegnet ist, daß er gemartert wurde in der Meinung, er besitze etwas, jedoch wenn es wirklich vorkam —, so bekannten gewiß die, die unter Martern die heilige Armut bekannten, hiemit Christum. Wenn also ein solcher wirklich bei den Feinden keinen Glauben fand, so konnte er, ein Bekenner heiliger Armut, doch nicht ohne himmlischen Lohn gefoltert werden.

Man sagt: „Auch viele Christen hat die lange Hungersnot dahingerafft“. Auch das haben die wahren Gläubigen durch fromme Geduld zu ihrem Vorteil gewendet. Der Hunger hat die, die er tötete, den Übeln dieses Lebens entrückt wie eine andere Krankheit auch; die übrigen lehrte er einfacher leben und anhaltender fasten.

31 Röm. 8, 28

32 1 Tim. 6, 6-10.

33 1 Kor. 7, 31

34 1, 21.

35 1 Tim. 6, 17—19.

36 Mt. 6, 19-21.

11. Des zeitlichen Lebens Ende, des langen wie des kurzen.

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Aber freilich, auch viele Christen wurden ermordet, viele gingen auf allerlei gräßliche Art zugrunde. Wenn man dies beklagen muß, so ist es doch das gemeinsame Los aller, die zu diesem Leben geboren werden. Soviel weiß ich, daß keiner gestorben ist, der nicht ohnehin einmal hätte sterben müssen. Das Ende des Lebens aber macht das lange und das kurze Leben einander gleich. Denn von zwei Dingen, die gleichermaßen nicht mehr existieren, ist nicht das eine besser, das andere schlechter, das eine länger, das andere kürzer. Und was liegt daran, durch welche Todesart dieses Leben ein Ende findet, da ja der, dem es abläuft, nicht noch einmal sterben muß? Da aber jedem Sterblichen unter den täglichen Zufällen dieses Lebens sozusagen unzählige Todesarten drohen, während es unterdessen stets ungewiß ist, welche davon eintreten wird, so frage ich, was besser ist: eine erleiden und sterben, oder alle fürchten und leben. Ich weiß wohl, wie rasch man mit der Wahl im reinen ist und ein langes Leben mit der beständigen Furcht jedes möglichen Todes dem einmaligen Sterben und der Beseitigung aller Furcht vor dem Tode vorzieht. Aber mag davor auch des Fleisches Sinn, aus Schwäche ängstlich, zurückbeben, des Geistes Vernunftschluß, sorgsam entwickelt, lehrt etwas anderes. Für einen schlimmen Tod ist der nicht zu erachten, dem ein gutes Leben vorausgegangen ist. Denn nur das macht den Tod schlimm, was auf ihn folgt. Also sollen sich die dem Tode unrettbar Verfallenen nicht viel darum kümmern, was ihren Tod herbeiführt, wohl aber darum, wohin sie der Tod führt. Da nun die Christen wissen, dass der Tod des frommen Armen bei den Hunden, die ihn beleckten, weit besser war, als der des gottlosen Reichen in Purpur und Byssus37, was haben jene schauerlichen Todesarten den Toten geschadet, die gut gelebt haben?

37 Lk. 16, 19 ff.

12. Wenn den Christen die Beerdigung ihrer Leichen versagt blieb, so ist ihnen damit nichts entgangen.

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Aber bei solchen Massen von Ermordeten konnten sie ja nicht einmal begraben werden. — Auch darüber entsetzt sich frommer Glaube nicht allzu sehr, festhaltend an der Vorhersage, daß selbst das Auffressen durch wilde Tiere den zur Auferstehung bestimmten Leibern nicht schaden kann, denen nicht ein Haar von ihrem Haupte zugrunde gehen wird38. Niemals würde die Wahrheit sprechen39: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können“, wenn irgendwelche Willkür der Feinde gegenüber den Leibern der Getöteten irgendwie dem künftigen Leben Eintrag tun könnte. Man müßte sich nur eben zu der lächerlichen Behauptung versteigen, daß man die, die den Leib töten, nicht zu fürchten brauche vor dem Tode, sie möchten den Leib töten, wohl aber nach dem Tode, sie möchten nach dem Tode dem getöteten Leib kein Begräbnis gönnen. Also wäre falsch, was Christus sagt40: „Die den Leib töten und nichts mehr tun können“, wenn sie den Leichnamen so Schlimmes antun können. Nein, was die Wahrheit sagt, ist nicht falsch! Es heißt nämlich, daß sie etwas tun, wenn sie töten, weil im Leibe, der getötet werden soll, Gefühl ist; daß sie aber danach nichts mehr tun können, weil im Leibe, der getötet ist, kein Gefühl ist. Also hat zwar die Erde gar viele Leiber von Christen nicht bedeckt, aber keinen davon hat jemand losgerissen vom Himmel und von der Erde, die mit seiner Gegenwart ganz erfüllt der, der da weiß, woher er das wiedererwecken soll, was er geschaffen hat. Allerdings heißt es im Psalm41 [klagend]: „Sie gaben die Leichen deiner Knechte den Vögeln des Himmels zur Speise, das Fleisch deiner Heiligen den wilden Tieren im Lande; sie vergossen wie Wasser ihr Blut rings um Jerusalem und es war niemand, der sie begraben hätte“; doch damit soll mehr die Grausamkeit derer hervorgehoben werden, die solches getan, als das Unglück derer, die solches erduldet haben. So hart und schrecklich dies auch in den Augen der Menschen erscheinen mag, „in den Augen Gottes ist der Tod seiner Heiligen kostbar“42. Daher sind all die Dinge wie die Pflege des Leichnams, die Art der Beerdigung, der Prunk des Leichenbegängnisses mehr ein Trost für die Überlebenden als eine Wohltat für die Toten. Gewiß, wenn dem Gottlosen eine kostbare Bestattung etwas nützt, so wird es dem Frommen schaden, wenn er eine armselige oder gar keine erhält. Ein prächtiges Leichenbegängnis in den Augen der Menschen verschaffte dem purpurgekleideten Reichen die Dienerschar, aber ein noch viel herrlicheres in den Augen Gottes dem schwärenbedeckten Armen der Engelsdienst, durch den er nicht in ein Marmorgrab, sondern in den Schoß Abrahams getragen wurde43.

Darüber lachen freilich die, gegen die wir den Gottesstaat zu verteidigen übernommen haben. Allein die Sorge für die Bestattung haben auch ihre Philosophen gering geachtet. Und oft haben ganze Heere, wenn sie für das irdische Vaterland starben, sich nicht darum gekümmert, wo sie nachmals liegen und welchen Tieren sie zur Speise dienen würden, und es konnten in dieser Hinsicht die Dichter44 auf Beifall rechnen, wenn sie sagten: „Der Himmel deckt den, der keine Urne hat“. Um wieviel weniger dürfen sie über die unbeerdigten Leiber der Christen höhnen, die die Verheißung haben45, daß ihnen die Wiederherstellung und Erneuerung des Fleisches und aller Glieder nicht nur aus der Erde, sondern auch aus dem geheimsten Schoße der übrigen Elemente, in die sich die zerfallenen Leichname aufgelöst haben, in einem Augenblick zuteil werde.

38 Lk. 21, 18.

39 Mt. 10, 28.

40 Lk. 4, 12.

41 78, 2 f.

42 Ps. 115, 15.

43 Lk. 16, 22.

44 Lucan. Phars. 7, 819.

45 1 Kor. 15, 52.

13. Warum begraben wir die Leiber der Heiligen?

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Man darf jedoch deshalb die Leiber der Toten und vorab der Gerechten und Gläubigen, deren sich der Geist als seiner Organe und Gefäße zu jeglichem guten Werke mit Ehrfurcht bedient hat, nicht geringschätzen und wegwerfen. Denn wenn schon des Vaters Kleid oder Ring oder sonst etwas dergleichen den Nachkommen umso teurer ist, je größer die Liebe zu den Eltern war, so darf man die Leiber erst recht nicht geringschätzen, die doch viel vertrauter und inniger mit uns zusammenhängen als irgend eine Gewandung, die wir tragen; sie sind ja nicht ein bloß äußerlich anhaftender Schmuck oder Behelf, sondern gehören zur menschlichen Natur. Deshalb hat man auch die Leichen der Gerechten in alter Zeit mit gewissenhafter Pietät behandelt, hat ihre Leichenbegängnisse gefeiert und für ein Begräbnis gesorgt; sie selbst haben bei Lebzeiten über die Bestattung oder Übertragung ihrer Leichname ihren Söhnen Anweisungen gegeben und von Tobias wird erwähnt — der Engel bezeugt es —, daß er sich durch das Bestatten der Toten Gottes Gunst verschafft hat46. Auch der Herr selbst, der doch am dritten Tage auferstehen sollte, verkündet es47 als ein gutes Werk des frommen Weibes und bezeichnet es als würdig der Verkündigung, daß sie eine kostbare Salbe über seine Glieder ausgoß und dies zu seinem Begräbnis getan habe. Und mit Worten der Anerkennung werden im Evangelium48 jene Männer erwähnt, die seinen Leichnam vom Kreuze sorgsam abnahmen und ihm eine ehrenvolle Einhüllung und Bestattung verschafften. Jedoch diese Schriftstellen wollen nicht sagen, daß den Leichnamen eine Empfindung innewohne, sondern, um den Glauben an die Auferstehung zu befestigen, deuten sie an, daß sich die göttliche Vorsehung, welcher derartige Liebesdienste wohlgefällig sind, auch auf die Leiber der Toten erstrecke. Zugleich liegt darin eine heilsame Lehre, wie groß die Belohnung erst sein wird für Almosen, die wir lebenden und empfindenden Menschen erweisen, wenn nicht einmal das bei Gott verloren geht, was man an Rücksicht und Sorgfalt entseelten menschlichen Gliedern angedeihen läßt. Die heiligen Patriarchen haben auch sonst über Beisetzung und Übertragung ihrer Leiber mancherlei Äußerungen getan, die sie in prophetischem Sinne aufgefaßt wissen wollten; doch ist hier nicht der Ort davon zu handeln, da das Beigebrachte schon genügt. Wenn jedoch nicht einmal der gewiß schwer empfundene Mangel an dem, was den Lebenden zur Erhaltung nötig ist, wie Nahrung und Kleidung, bei den Guten die Kraft der Geduld und Ergebung bricht, noch die Frömmigkeit aus den Herzen reißt, sondern dieselbe prüft und ihre Fruchtbarkeit erhöht, wieviel weniger macht dann der Mangel dessen, was man den Toten an Pflege und Bestattungsfürsorge zuzuwenden pflegt, solche unglücklich, die schon an den verborgenen Wohnsitzen der Frommen der Ruhe genießen! Wenn es daher an diesen Dingen bei der Verwüstung der großen Stadt oder auch anderer Städte gemangelt hat, so bedeutet das weder für die Überlebenden, die das nicht bieten konnten, eine Schuld, noch für die Toten, die das nicht zu fühlen vermögen, eine Strafe.

46 Tob. 12, 12 f.

47 Mt. 26, 10; 13 f.

48 Joh. 19, 38 ff.

14. Den Heiligen in der Gefangenschaft mangelte es niemals an Tröstung durch Gott.

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Aber viele Christen, so bringt man vor, sind auch als Gefangene weggeschleppt worden. Das ist freilich das allerschlimmste, wenn sie nämlich irgendwohin verschleppt werden konnten, wo sie ihren Gott nicht fanden. Auch für dieses Unglück hat die heilige Schrift gar trostspendende Erzählungen. Die drei Jünglinge befanden sich in der Gefangenschaft, ebenso Daniel und andere Propheten; und Gott war ihr Tröster. So hat also der, der den Propheten selbst im Bauche des Untiers nicht verließ, auch seine Gläubigen in der Gewalt eines wenn auch ungebildeten, so doch zur Menschheit zählenden Volkes nicht verlassen. Freilich, auch die Geschichte des Jonas belächeln unsere Gegner lieber als daß sie sie glauben, während sie doch ihren Schriften darin Glauben schenken, daß Arion aus Methymnä, der berühmte Zitherspieler, da er aus dem Schiffe hinausgeworfen wurde, von einem Delphin auf den Rücken genommen und ans Land gebracht worden sei. Aber unsere Erzählung von dem Propheten Jonas ist doch unglaublicher. Freilich ist sie das, weil sie wunderbarer ist, und sie ist wunderbarer, weil sie von größerer Macht zeugt.

15. Regulus bietet ein Beispiel dafür, daß man um der Religion willen selbst freiwillig Gefangenschaft auf sich nehmen soll, was jedoch diesem Verehrer der Götter nicht zu nützen vermochte.

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