Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Friedrich Schleiermacher's Werk "Über die Religion" ist ein bahnbrechendes Werk der Religionsphilosophie. In dem Buch untersucht er die Natur der Religion und ihre Beziehung zum Individuum und der Gesellschaft. Schleiermacher argumentiert, dass Religion nicht nur auf Glauben und Dogma basiert, sondern auch auf einem tiefen Gefühl der Verbundenheit mit dem Göttlichen. Sein literarischer Stil ist präzise und philosophisch, und seine Analyse der Religion ist sowohl aus theologischer als auch aus psychologischer Sicht einzigartig. Das Buch wird oft als Schlüsseltext für die moderne Religionsphilosophie angesehen und hat bis heute einen starken Einfluss auf religiöse Diskussionen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 360
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Books
Zwischen dem spöttischen Blick der gebildeten Moderne und dem leisen, eigenständigen Anspruch religiösen Erlebens spannt sich in diesem Buch ein Spannungsbogen, der Religion nicht als Lehrsatz oder Moralgebot, sondern als unmittelbare, auf das Unendliche bezogene Erfahrung zurückfordert—eine Einladung, die Stimme der Frömmigkeit jenseits von Dogma und Skepsis neu zu hören, ohne die Vernunft zu entwerten, und zugleich eine Herausforderung, den Platz der Religion im Gefüge von Kunst, Wissenschaft und Öffentlichkeit neu zu bestimmen, wo sie weder Herrschaft beansprucht noch zur bloßen Privatstimmung schrumpft, sondern im gemeinsamen Gespräch Gestalt gewinnt kann.
Friedrich Schleiermachers Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern bewegt sich als philosophisch-theologisches Redewerk an der Schnittstelle von Essay, Apologie und kultureller Intervention. Erstmals 1799 publiziert, steht es im Umfeld der Frühromantik und der intellektuellen Debatten der Berliner Öffentlichkeit. Der Schauplatz ist kein erzählter Ort, sondern ein gedachtes Forum, in dem ein Redner eine gebildete, skeptische Zuhörerschaft anspricht. Das Buch gehört damit zur Gattung der programmatischen Reden, die zugleich persönliche Bekenntnisse und systematische Klärungen anstreben. Sein historischer Kontext ist der Streit um Aufklärung, Gefühl und Religion, der die Geister um 1800 nachhaltig beschäftigte.
Die Ausgangssituation ist einfach und kühn: Ein Autor wendet sich an eine gebildete Elite, die Religion als überholt, unvernünftig oder moralisch verzichtbar betrachtet, und bittet um eine neue, vorurteilsfreie Anhörung. Das Leseerlebnis entsteht aus einer unmittelbaren, dialogischen Ansprache, die argumentiert, beschwört und nachdenklich macht, ohne in dogmatischen Ton zu verfallen. Die Sätze sind weit gespannt, bilderreich und dennoch präzise gegliedert; Polemik und Werben stehen in produktiver Spannung. Man liest hier keine katechetische Unterweisung, sondern eine Einladung, den Sinn der Frömmigkeit phänomenologisch zu erkunden, Schritt für Schritt, tastend, aber mit deutlichem Anspruch auf begriffliche Klarheit.
Zentral ist die Unterscheidung, dass Religion weder Metaphysik noch Ethik sei, sondern eine eigene, auf Erfahrung und Anschauung des Unendlichen bezogene Dimension menschlichen Lebens. Von hier aus rückt das Buch die Individualität religiösen Erlebens ebenso ins Licht wie dessen Resonanz in Gemeinschaft und Kultur. Die Beziehung zur Natur, das Staunen vor dem Ganzen, die Endlichkeit des Menschen und die Sehnsucht nach Sinn bilden die Bezugsfelder, in denen religiöse Rede ihren Ort gewinnt. Schleiermacher insistiert darauf, dass Reduktionen der Religion auf Lehren, Befehle oder bloße Nützlichkeit an ihrer eigentlichen Quelle vorbeigehen.
Geprägt ist die Argumentation von einer Sensibilität für Sprache, Bildkraft und künstlerische Formen, durch die religiöse Erfahrung Ausdruck findet. So entsteht eine Nähe zwischen Religion und Kunst, ohne dass die eine in der anderen aufgeht. Zugleich denkt das Buch über Gemeinschaft nach: Es unterscheidet lebendige Frömmigkeit von bloß äußerlichen Institutionen, warnt vor Erstarrung, aber verkennt nicht die soziale Gestalt des Religiösen. Kennzeichnend ist die Bereitschaft, Kontroversen um Dogma, Vernunft und Offenbarung offen zu benennen, jedoch stets mit dem Ziel, den Erfahrungsnerv der Religion freizulegen und ihren Beitrag zum menschlichen Selbstverständnis plausibel zu machen.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es eine Alternative zu verhärteten Fronten zwischen Religionskritik und Bekenntnis eröffnet. Es schlägt vor, Spiritualität nicht als Flucht, sondern als Aufmerksamkeit für das Ganze der Erfahrung zu verstehen, die mit Wissenschaft koexistiert und die öffentliche Vernunft nicht meidet. In einer pluralen, säkularen Gesellschaft lädt dieser Ansatz dazu ein, Differenzen auszuhalten, ohne in Beliebigkeit zu verfallen, und Gemeinsamkeiten zu suchen, ohne Uniformität zu erzwingen. Wer Sinn-, Natur- oder Kunstfragen mit religiösen Motiven verschränkt denkt, findet hier Anregungen, die Gesprächsfähigkeit und intellektuelle Redlichkeit zugleich fördern.
Die Lektüre empfiehlt sich langsam und aufmerksam, als Teilnahme an einem Gespräch, das Schrittfolgen und Stimmungswechsel kennt. Wer sich auf die großräumigen Sätze und die sorgfältigen Differenzierungen einlässt, entdeckt weniger ein System als eine Bewegung des Denkens, die zur eigenen Prüfung anstiftet. Ohne vorauszusetzen, dass man zustimmt, fordert das Buch dazu auf, die Erfahrungen zu gewichten, aus denen religiöse Rede erwächst, und ihre Bedeutung im heutigen Leben zu prüfen. So wird die historische Schrift zu einem aktuellen Denkraum, in dem sich Glaube, Skepsis und ästhetische Wahrnehmung begegnen, ohne einander zu dominieren.
Friedrich Schleiermachers Schrift Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern erschien 1799 und richtet sich an ein aufgeklärtes, religionskritisches Publikum. In einer Folge von adressierten Reden verteidigt er die Eigenständigkeit des Religiösen gegenüber zeitgenössischen Reduktionen. Statt polemischer Apologetik wählt er eine einladende, werbende Argumentationsweise, die die Gegenseite ernst nimmt. Der Text ist in den frühen Kontext der Romantik eingebettet und nutzt dessen Sprach- und Erfahrungsbewusstsein, ohne die Errungenschaften der Aufklärung zurückzuweisen. Schleiermacher eröffnet damit ein Gespräch darüber, was Religion ist, wozu sie dient und wie sie sich von Wissen, Moral und kirchlicher Dogmatik unterscheiden lässt.
Zu Beginn diagnostiziert Schleiermacher die verbreitete Geringschätzung der Religion unter Gebildeten, die sie entweder für überholte Metaphysik oder für moralisches Beiwerk halten. Dem setzt er eine Bestimmung entgegen, die Religion weder mit Wissen noch mit Sittlichkeit verwechselt. Sie wurzelt in unmittelbarer Anschauung und Empfindung des Unendlichen, einer Haltung des Empfangens, die nicht aus Beweisen abgeleitet werden kann. Dadurch wird Religion als eigenständiger Erfahrungsbereich plausibel, der seine eigenen Maßstäbe besitzt. Das Ziel ist, Skeptiker so anzusprechen, dass sie die Möglichkeit einer inneren Überzeugung erwägen, ohne sich auf dogmatische Lehrsätze festlegen zu müssen.
In der Ausführung des Wesens der Religion trennt Schleiermacher konsequent drei Bereiche: Erkennen, Handeln und fromme Erfahrung. Wissenschaft zielt auf begründetes Wissen, Ethik auf das Gute; Religion dagegen auf das unmittelbare Bewusstsein von Welt und eigener Endlichkeit im Horizont des Unbegrenzten. Diese Bestimmung macht individuelle Verschiedenheit nicht zu einem Störfaktor, sondern zu einer Quelle religiöser Ausdrucksformen. Lehre und Dogmen erscheinen als nachträgliche Deutungen solcher Erlebnisse. Damit verlagert der Text die Aufmerksamkeit von abstrakten Beweisen auf das innere Erfahren und öffnet einen Zugang, der weder Skepsis noch kritische Vernunft suspendieren muss.
Ein weiterer Abschnitt widmet sich der Bildung zur Religion. Schleiermacher beschreibt, wie diese Haltung nicht durch Zwang oder deduktive Argumente entsteht, sondern durch Übung der Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Einbildungskraft. Vorbilder, Kunst und Sprache helfen, das Erfahrene mitzuteilen, ohne es zu verabsolutieren. Religiöse Erziehung bedeutet deshalb, die eigene Empfänglichkeit zu kultivieren und zugleich die Freiheit anderer zu achten. Ziel ist die Reifung einer sensiblen Wahrnehmung für Zusammenhänge und Abhängigkeiten, in der Denken, Fühlen und Handeln in Resonanz geraten. Kommunikation erhält so Vorrang vor Systemzwang, und Überzeugung wächst aus gelebten Beziehungen statt aus Schlagworten.
Wenn Schleiermacher den Blick auf historische Religionen und ihre Kulte richtet, versteht er Riten, Mythen und Gemeinschaftsformen als notwendige Ausdrucksmedien. Sie sind die sprachlichen und symbolischen Gefäße, in denen das religiöse Erleben Gestalt gewinnt. Aus dieser Perspektive verlieren äußere Beweise und spektakuläre Ereignisse ihre Vorrangstellung; wichtiger ist, wie ein Leben als Ganzes gedeutet wird. Vielfalt der Religionen erscheint nicht als Defizit, sondern als Reichtum an Sichtweisen. Dadurch plädiert der Text für Verständigung und Toleranz, ohne Unterschiede einzuebnen. Kritik richtet sich vor allem gegen Verhärtungen, die lebendige Erfahrung durch starre Lehrsysteme ersetzen.
Im Blick auf Bestimmung und Zukunft der Religion entwirft Schleiermacher die Idee einer freien Gemeinschaft, in der individuelle Frömmigkeit und öffentliches Gespräch einander stärken. Kirche erscheint weniger als hierarchische Institution denn als lebendiger Austausch derer, die eine ähnliche Grundhaltung teilen. Zugleich versucht er, die besondere Prägekraft des Christentums für seine Gegenwart zu würdigen, ohne anderen Traditionen den Wert abzusprechen. Entscheidend bleibt, dass religiöses Leben alltagsnah verwirklicht wird und Sinnorientierung bietet. So verbindet der Text persönliche Innerlichkeit mit sozialer Gestalt, wodurch Religion weder in Privatmystik noch in staatliche Nützlichkeit aufgehen soll.
Über die Religion hat eine nachhaltige Wirkung entfaltet, weil es die Diskussion über Religion aus der Enge von Beweisführung und Moralappell löst und als spezifische Erfahrungsform neu beschreibt. Damit eröffnet die Schrift Perspektiven für moderne Theologie, Religionsphilosophie und Hermeneutik, die das Historische, Individuelle und Kommunikative ernst nehmen. Sie stellt eine programmatische Antwort auf die Herausforderungen der Aufklärung dar, ohne den kritischen Geist zu verlassen. Die leitende Aussage bleibt die Eigenständigkeit des Religiösen als erfahrbare Wirklichkeit, die sich in vielfältigen Gestalten ausdrückt. Dadurch wirkt das Werk bis heute als Einladung zum Gespräch über Sinn, Endlichkeit und Verbundenheit.
Friedrich Schleiermachers Über die Religion: Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern erschien 1799 in Berlin, im Königreich Preußen. Der Autor war damals reformierter Prediger an der Charité und verkehrte in den literarischen Salons, besonders bei Henriette Herz. Geprägt wurde er durch die Schulen der Herrnhuter Brüdergemeine in Niesky und Barby sowie das Studium der Theologie in Halle mit seiner pietistischen Tradition. In Berlin wirkten Aufklärung und frühromantische Kreise nebeneinander; Kants kritische Philosophie war präsent, ebenso das Athenäum-Netzwerk um die Schlegels. Staatliche Kirche, Zensur und urbane Geselligkeit bildeten die Institutionen, vor deren Hintergrund das Buch formuliert wurde.
Die deutsche Aufklärung hatte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eine starke Popularphilosophie und rationalistische Theologie hervorgebracht. Deistische Religionskritik, die Religion auf Moral und Vernunft reduzierte, prägte gebildete Milieus, besonders in Berlin. Moses Mendelssohns Schriften und Kants Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793) boten einflussreiche Deutungen. In Preußen standen Kirche und Staat eng beieinander; Predigt- und Universitätskultur orientierten sich vielfach an vernunftgeleiteten Maßstäben. Zugleich hielten pietistische Frömmigkeitsformen an der Innerlichkeit fest. Viele Gebildete distanzierten sich von kirchlichen Institutionen, ohne religiöse Fragen völlig aufzugeben – eine Spannung, auf die Schleiermachers Reden gezielt reagierten.
Zeitgleich gewann die Frühromantik an Profil. Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Novalis und andere entwarfen in Jena und Berlin ein Programm, das Kunst, Gefühl und Individualität aufwertete. Das Athenäum (1798–1800) bündelte diese Impulse und propagierte Fragment, Ironie und eine umfassende Ästhetik. Schleiermacher stand in engem Austausch mit dem Kreis; seine Freundschaft mit Friedrich Schlegel und dessen Partnerin Dorothea Veit ist gut belegt. In den Salons von Henriette Herz und Rahel Levin Varnhagen wurden neue Formen gebildeter Öffentlichkeit erprobt. Diese Konstellation prägte Ton und Adressierung der Reden und stärkte die Nähe zwischen Religion und ästhetischer Erfahrung.
Philosophisch stand das Buch unter dem Eindruck zweier Debatten. Der Pantheismusstreit der 1780er Jahre, ausgelöst durch Friedrich Heinrich Jacobis Deutung Lessings als Spinozist, stellte die Vereinbarkeit von Vernunft, Freiheit und Gottesbegriff in Frage. Kurz vor Erscheinen der Reden eskalierte der Atheismusstreit um Johann Gottlieb Fichte (1798/99), der wegen angeblichen Atheismus Jena verlassen musste. Beide Konflikte machten Religion zum Prüfstein der Moderne: als Erkenntnis, als Moral oder als Gefühl. Schleiermachers Verteidigung einer eigenständigen religiösen Sphäre reagiert auf dieses Klima, ohne die kontroversen Thesen der Beteiligten einfach zu übernehmen. Auch zeitgenössische Leser erkannten diese unmittelbare Bezugnahme wieder.
Politisch war Europa von den Folgen der Französischen Revolution geprägt. Die Koalitionskriege erschütterten Grenzen und Loyalitäten; Preußen suchte nach dem Frieden von Basel (1795) eine vorsichtige Neutralität. In diesem Umfeld verstärkte der Staat die Aufsicht über Publizistik und religiöse Lehre, ohne die bürgerliche Öffentlichkeit gänzlich zu ersticken. In Berlin trafen militärische Unsicherheit, wirtschaftlicher Wandel und ein lebhaftes Verlagswesen aufeinander. Die Kirchen galten als Stützen sozialer Ordnung, standen aber zugleich unter Reformdruck. Schleiermachers Berliner Reden positionierten Religion als kulturelle Ressource, die weder auf politische Nützlichkeit noch auf dogmatische Uniformität reduziert werden sollte.
Die theologische Landschaft im Alten Reich und in Preußen war vielfältig. In Halle hatte Johann Salomo Semler die historisch-kritische Bibelforschung vorangetrieben; zugleich wirkten die Erben August Hermann Franckes pietistischer Erweckung. Göttingen und Halle prägten mit aufklärerischer Lehrtradition das Pfarramt. Schleiermachers eigene Sozialisation bei den Herrnhutern betonte persönliche Frömmigkeit und Gemeinschaft, bevor er sich der Universitätstheologie zuwandte. Als Charité-Prediger erlebte er Alltag, Krankheit und Sterben der Großstadtbevölkerung. Diese Erfahrungen schärften sein Bewusstsein für die Distanz zwischen kirchlicher Verwaltung, akademischer Dogmatik und den religiösen Bedürfnissen gebildeter Laien, denen die Reden ausdrücklich gewidmet sind.
Die Erstausgabe von Über die Religion erschien 1799 in Berlin und fand bald Resonanz in literarischen Zirkeln und periodischen Rezensionen. Befürworter der Frühromantik begrüßten die auf Intuition und Anschauung zielende Verteidigung des Religiösen; traditionalistische Theologen reagierten zurückhaltend oder kritisch. 1806 legte Schleiermacher eine überarbeitete Zweitauflage vor, was auf anhaltende Debatten verweist. In Pfarrhäusern, Salons und Gelehrtenstuben wurde das Buch gemeinsam gelesen und diskutiert. Es etablierte den Autor als Stimme einer neuen protestantischen Theologie, die sich ernsthaft der zeitgenössischen Kultur stellte, ohne sich den gängigen Frontstellungen von Orthodoxie und Rationalismus zu unterwerfen.
Historisch lässt sich das Werk als Kommentar zu einer Übergangszeit lesen, in der Aufklärung, Pietismus und Romantik um Deutungsmacht rangen. Es antwortet auf die moralische Reduktion der Religion bei Teilen der Aufklärung und nimmt zugleich die ästhetische Selbstverständigung der Frühromantik ernst. Indem es Religion als eigene, auf Anschauung und Erfahrung gerichtete Praxis der Sinnbildung beschreibt, markiert es einen Weg jenseits scholastischer Systematik und bloßer Staatsnützlichkeit. Damit wurde das Buch zu einem Signaturtext seiner Epoche: Es verband die Berliner Öffentlichkeit mit den Jenaer Debatten und wies auf die spätere liberale Theologie des 19. Jahrhunderts voraus.
Es mag ein unerwartetes Unternehmen sein, über welches ihr euch billig wundert, daß noch einer wagen kann, gerade von denen, welche sich über das Gemeine erhoben haben und von der Weisheit des Jahrhunderts durchdrungen sind, Gehör zu verlangen für einen so gänzlich von ihnen vernachlässigten Gegenstand. Auch bekenne ich, daß ich nichts anzugeben weiß, was mir nur einmal jenen leichteren Ausgang weissagete, meinen Bemühungen euren Beifall zu gewinnen, viel weniger den erwünschteren, euch meinen Sinn einzuflößen und die Begeisterung für meine Sache. Denn schon von altersher ist der Glaube nicht jedermanns Ding gewesen[1q]; und immer haben nur wenige die Religion erkannt, indes Millionen auf mancherlei Art mit den Umhüllungen gaukelten, welche sie sich lächelnd gefallen läßt. Aber zumal jetzt ist das Leben der gebildeten Menschen fern von allem, was ihr auch nur ähnlich wäre. Ja, ich weiß, daß ihr ebensowenig in heiliger Stille die Gottheit verehrt, als ihr die verlassenen Tempel besucht, daß in euren aufgeschmückten Wohnungen keine anderen Heiligtümer angetroffen werden, als die klugen Sprüche unserer Weisen und die herrlichen Dichtungen unserer Künstler, und daß Menschlichkeit und Geselligkeit, Kunst und Wissenschaft, wie viel ihr eben dafür zu tun meint und euch davon anzueignen würdiget, so völlig von eurem Gemüte Besitz genommen haben, daß für das ewige und heilige Wesen, welches euch jenseit der Welt liegt, nichts übrig bleibt, und ihr keine Gefühle habt für dies und von diesem. Ich weiß, wie schön es euch gelungen ist, das irdische Leben reich und vielseitig auszubilden, daß ihr der Ewigkeit nicht mehr bedürfet, und wie ihr, nachdem ihr euch selbst ein Weltall geschaffen habt, nun überhoben seid an dasjenige zu denken, welches euch schuf. Ihr seid darüber einig, ich weiß es, daß nichts Neues und nichts Triftiges mehr gesagt werden kann über diese Sache, die von Weisen und Sehern, und dürfte ich nur nicht hinzusetzen von Spöttern und Priestern, nach allen Seiten zur Genüge besprochen ist. Am wenigsten – das kann niemandem entgehen – seid ihr geneigt, die letzteren darüber zu vernehmen, diese längst von euch ausgestoßenen und eures Vertrauens unwürdig erklärten, weil sie nämlich nur in den verwitterten Ruinen ihres Heiligtumes am liebsten wohnen und auch dort nicht leben können, ohne es noch mehr zu verunstalten und zu verderben. Dies alles weiß ich; und dennoch, offenbar von einer inneren und unwiderstehlichen Notwendigkeit göttlich beherrscht, fühle ich mich gedrungen zu reden, und kann meine Einladung, daß gerade ihr mich hören mögt, nicht zurücknehmen.
Was aber das letzte betrifft, so könnte ich euch wohl fragen, wie es denn komme, daß, da ihr über jeden Gegenstand, er sei wenig oder gering, am liebsten von denen belehrt sein wollt, welche ihm ihr Leben und ihre Geisteskräfte gewidmet haben, und eure Wißbegierde deshalb sogar die Hütten des Landmanns und die Werkstätten der niederen Künstler nicht scheuet, ihr nur in Sachen der Religion alles für desto verdächtiger haltet, wenn es von denen kommt, welche die Erfahrenen darin zu sein nicht nur selbst behaupten, sondern auch von Staat und Volk dafür angesehen werden? Oder solltet ihr etwa, wunderbar genug, zu beweisen vermögen, daß eben diese die Erfahrenen nicht sind, Vielmehr alles andere eher haben und anpreisen, als Religion? Wohl schwerlich, ihr besten Männer! Ein solches unberechtigtes Urteil also nicht sonderlich achtend, wie billig, bekenne ich vor euch, daß auch ich ein Mitglied dieses Ordens bin, und ich wage es auf die Gefahr, daß ich von euch, wenn ihr mich nicht aufmerksam anhöret, mit dem großen Haufen desselben, von dem ihr so wenig Ausnahmen gestattet, unter eine Benennung geworfen werde. Dies ist wenigstens ein freiwilliges Geständnis, da meine Sprache mich wohl nicht leicht sollte verraten haben, und noch weniger, hoffe ich, die Lobsprüche, die meine Zunftgenossen diesem Unternehmen spenden werden. Denn was ich hier betreibe, liegt so gut als völlig außer ihrem Kreise, und dürfte dem wenig gleichen, was sie am liebsten sehen und hören mögen! Schon in das Hilferufen der meisten über den Untergang der Religion stimme ich nicht ein, weil ich nicht wüßte, daß irgendein Zeitalter sie besser aufgenommen hätte als das gegenwärtige; und ich habe nichts zu schaffen mit den altgläubigen und barbarischen Wehklagen, wodurch sie die eingestürzten Mauern ihres jüdischen Zions und seine gotischen Pfeiler wieder emporschreien möchten. Deswegen also und auch sonst hinreichend bin ich mir bewußt, daß ich in allem, was ich euch zu sagen habe, meinen Stand völlig verleugne; warum sollte ich ihn also nicht wie irgendeine andere Zufälligkeit bekennen? Die ihm erwünschten Vorurteile sollen uns ja keineswegs hindern, und seine heiliggehaltenen Grenzsteine alles Fragens und Mitteilens sollen nichts gelten zwischen uns. Als Mensch also rede ich zu euch von den heiligen Geheimnissen der Menschheit nach meiner Ansicht, von dem, was in mir war, als ich noch in jugendlicher Schwärmerei das Unbekannte suchte, von dem, was, seitdem ich denke und lebe, die innerste Triebfeder meines Daseins ist, und was mir auf ewig das Höchste bleiben wird, auf welche Weise auch noch die Schwingungen der Zeit und der Menschheit mich bewegen mögen. Und daß ich rede, rührt nicht her aus einem vernünftigen Entschlusse, auch nicht aus Hoffnung oder Furcht, noch geschieht es aus sonst irgendeinem willkürlichen oder zufälligen Grunde; vielmehr ist es die reine Notwendigkeit meiner Natur; es ist ein göttlicher Beruf; es ist das, was meine Seele in der Welt bestimmt und mich zu dem macht, der ich bin. Sei es also weder schicklich noch ratsam, von der Religion zu reden: dasjenige, was mich also drängt, erdrückt mit seiner himmlischen Gewalt diese kleinen Rücksichten.
Ihr wißt, daß die Gottheit durch ein unabänderliches Gesetz sich selbst genötiget hat, ihr großes Werk bis ins Unendliche hin zu entzweien, jedes bestimmte Dasein nur aus zwei entgegengesetzten Tätigkeiten zusammenzuschmelzen und jeden ihrer ewigen Gedanken in zwei einander feindseligen und doch nur durcheinander bestehenden und unzertrennlichen Zwillingsgestalten zur Wirklichkeit zu bringen. Diese ganze körperliche Welt, in deren Inneres einzudringen das höchste Ziel eures Forschens ist, erscheint den Unterrichtetsten und Beschaulichsten unter euch nur als ein ewig fortgesetztes Spiel entgegengesetzter Kräfte. Jedes Leben ist nur die gehaltene Erscheinung eines sich immer erneuenden Aneignens und Zerfließens, wie jedes Ding nur dadurch sein bestimmtes Dasein hat, daß es die entgegengesetzten Urkräfte der Natur auf eine eigentümliche Art vereinigt und festhält. Daher auch der Geist, wie er uns im endlichen Leben erscheint, solchem Gesetz muß unterworfen sein. Die menschliche Seele – ihre vorübergehenden Handlungen sowohl als die inneren Eigentümlichkeiten ihres Daseins führen uns darauf – hat ihr Bestehen vorzüglich in zwei entgegengesetzten Trieben, Zufolge des einen nämlich strebt sie sich als ein Besonderes hinzustellen und somit, erweiternd nicht minder als erhaltend, was sie umgibt an sich zu ziehen, es in ihr Leben zu verstricken und in ihr eigenes Wesen einsaugend aufzulösen. Der andere hingegen ist die bange Furcht, vereinzelt dem Ganzen gegenüberzustehen; die Sehnsucht, hingebend sich selbst in einem Größeren aufzulösen und sich von ihm ergriffen und bestimmt zu fühlen. Alles daher, was ihr in bezug auf euer abgesondertes Dasein empfindet oder tut, alles, was ihr Genuß und Besitz zu nennen pfleget, wirket der erste. Und wiederum, wo ihr nicht auf das besondere Leben gerichtet seid, sondern in euch vielmehr das in allen gleiche, für alle dasselbige Dasein sucht und bewahrt: wo ihr daher Ordnung und Gesetz in eurem Denken und Handeln anerkennt, Notwendigkeit und Zusammenhang, Recht und Schicklichkeit, und euch dem fügt und hingebt, das wirket der andere. Sowie nun von den körperlichen Dingen kein einziges allein durch eine von den beiden Kräften der leiblichen Natur besteht, so hat auch jede Seele einen Teil an den beiden ursprünglichen Verrichtungen der geistigen Natur; und darin besteht die Vollständigkeit der lebenden Welt, daß zwischen jenen entgegengesetzten Enden – an deren einem diese. an dem andern jene ausschließend fast alles ist und der Gegnerin nur einen unendlich kleinen Teil übrig läßt – alle Verbindungen beider nicht nur wirklich in der Menschheit vorhanden seien, sondern auch ein allgemeines Band des Bewußtseins sie alle umschlinge, so daß jeder einzelne, ohnerachtet er nichts anderes sein kann, als was er ist, dennoch jeden anderen ebenso deutlich erkenne als sich selbst, und alle einzelnen Darstellungen der Menschheit vollkommen begreife. Allein diejenigen, welche an den äußersten Enden dieser großen Reihe liegen, sind von solchem Erkennen des Ganzen am weitesten entfernt. Denn jenes aneignende Bestreben, von dem Entgegenstehenden zu wenig durchdrungen, gewinnt die Gestalt unersättlicher Sinnlichkeit, welche, auf das einzelne Leben allein bedacht, nur diesem immer mehreres auf irdische Weise einzuverleiben und es rasch und kräftig zu erhalten und zu bewegen trachtet; so daß diese in ewigem Wechsel zwischen Begierde und Genuß nie über die Wahrnehmungen des einzelnen hinausgelangen, und, immer nur mit selbstsüchtigen Beziehungen beschäftigt, das gemeinschaftliche und ganze Sein und Wesen der Menschheit weder zu empfinden noch zu erkennen vermögen. Jenen anderen hingegen, welche von dem entgegenstehenden Triebe zu gewaltig ergriffen und der zusammenhaltenden Kraft entbehrend, selbst keine eigentümlich bestimmte Bildung gewinnen können, muß deshalb auch das wahre Leben der Welt ebenso verborgen bleiben, wie ihnen nicht verliehen ist, bildend hineinzuwirken und etwas eigentümlich darin zu gestalten; sondern in ein gewinnloses Spiel mit leeren Begriffen löset sich ihre Tätigkeit auf; und weil sie nichts jemals lebendig schauen, sondern abgezogenen Vorschriften ihren ganzen Eifer weihen, die alles zum Mittel herabwürdigen und keinen Zweck übrig lassen, so verzehren sie sich in mißverstandenem Haß gegen jede Erscheinung, die mit glücklicher Kraft vor sie hintritt. – Wie sollen diese äußersten Entfernungen zusammengebracht werden, um die lange Reihe in jenen geschlossenen Ring, das Sinnbild der Ewigkeit und Vollendung zu gestalten? Freilich sind solche nicht selten, in denen beide Richtungen zu einem reizlosen Gleichgewicht abgestumpft sind; aber diese stehen in Wahrheit niedriger als beide. Denn wir verdanken diese häufige, wiewohl oft und von vielen höher geschätzte Erscheinung nicht einem lebendigen Verein beider Triebe, sondern beide sind nur verzogen und abgerichtet zu träger Mittelmäßigkeit, in der kein Übermaß hervortritt, weil sie alles frischen Lebens ermangelt. Ständen nun gar alle, die nicht mehr an den äußersten Enden wohnen, auf diesem Punkte, den nur zu oft falsche Klugheit mit dem jüngern Geschlecht zu erreichen sucht: so wären alle vom rechten Leben und vom Schauen der Wahrheit geschieden, der höhere Geist wäre von der Welt gewichen, und der Wille der Gottheit gänzlich verfehlt. Denn in die Geheimnisse einer so getrennten oder einer so zur Ruhe gebrachten Mischung dringt kaum der tiefere Seher. Nur seiner Anschauungskraft müssen sich auch die zerstreuten Gebeine beleben; für ein gemeines Auge hingegen wäre die so bevölkerte Welt nur ein blinder Spiegel, der weder die eigene Gestalt belehrend zurückstrahlte, noch das Dahinterliegende zu erblicken vergönnte. Darum sendet die Gottheit zu allen Zeiten hie und da einige, in denen sich beides auf eine fruchtbarere Weise durchdringt: es sei nunmehr als unmittelbare Gabe von oben oder als das Werk angestrengter, vollendeter Selbstbildung. Solche sind mit wunderbaren Gaben ausgerüstet, ihr Weg ist geebnet durch ein allmächtiges, einwohnendes Wort; sie sind Dolmetscher der Gottheit und ihrer Werke und Mittler desjenigen, was sonst ewig wäre geschieden geblieben. Ich meine zuerst diejenigen, die eben jenes allgemeine Wesen des Geistes, dessen Schatten nur den mehresten erscheint in dem Dunstgebilde leerer Begriffe, in ihrem Leben zu einer besonderen, eigentümlichen Gestalt ausprägen und eben darum jene entgegengesetzten Tätigkeiten vermählen. Diese suchen auch Ordnung und Zusammenhang, Recht und Schicklichkeit; aber weil sie suchen, ohne sich selbst zu verlieren, so finden sie auch. Sie hauchen ihren Trieb nicht in unerhörlichen Wünschen aus, sondern er wirkt aus ihnen als bildende Kraft. Für diese schaffen sie und eignen sich an; nicht für jene des Höheren entblößte tierische Sinnlichkeit. Nicht zerstörend verschlingen sie, sondern bildend schaffen sie um, hauchen dem Leben und seinen Werkzeugen überall den höheren Geist ein, ordnen und gestalten eine Welt, die das Gepräge ihres Geistes trägt. So beherrschen sie vernünftig die irdischen Dinge und stellen sich dar als Gesetzgeber und Erfinder, als Helden und Bezwinger der Natur, oder auch als gute Dämonen, die in engeren Kreisen eine edlere Glückseligkeit im Stillen schaffen und verbreiten. Solche beweisen sich durch ihr bloßes Dasein als Gesandte Gottes und als Mittler zwischen dem eingeschränkten Menschen und der unendlichen Menschheit. Auf sie demnach möge hinblicken, wer unter der Gewalt leerer Begriffe gefangen ist, und möge in ihren Werken den Gegenstand seiner unverständlichen Forderungen erkennen, und in dem Einzelnen, was er bisher verachtete, den Stoff, den er eigentlich bearbeiten soll; sie deuten ihm die verkannte Stimme Gottes, sie söhnen ihn aus mit der Erde und mit seinem Platze auf derselben. Noch weit mehr aber bedürfen die bloß Irdischen und Sinnlichen solcher Mittler, durch welche sie begreifen lernen, was ihrem eigenen Tun und Treiben fremd ist von dem höheren Wesen der Menschheit. Eines solchen nämlich bedürfen sie, der ihrem niederen tierischen Genuß einen anderen gegenüberstelle, dessen Gegenstand nicht dieses und jenes ist, sondern das eine in allem und alles in einem, und der keine anderen Grenzen kennt als die Welt, welche der Geist zu umfassen gelernt hat; eines solchen, der ihrer ängstlichen, ratlosen Selbstliebe eine andere zeigt, durch die der Mensch in und mit dem irdischen Leben das Höchste und Ewige liebt, und ihrem unstäten und leidenschaftlichen Unsichreren einen ruhigen und sicheren Besitz. Erkennet hieraus mit mir, welche unschätzbare Gabe die Erscheinung eines solchen sein muß, in welchem das höhere Gefühl zu einer Begeisterung gesteigert ist, die sich nicht mehr verschweigen kann, bei welchem fast die einzelnen Pulsschläge des geistigen Lebens sich zu Bild und Wort mitteilbar gestalten, und welcher fast unfreiwillig – denn er weiß wenig davon, ob jemand zugegen ist oder nicht – was in ihm vorgeht auch für andere als Meister irgendeiner göttlichen Kunst darstellen muß. Ein solcher ist ein wahrer Priester des Höchsten[2q], indem er es denjenigen näher bringt, die nur das Endliche und Geringe zu fassen gewohnt sind; er stellt ihnen das Himmlische und Ewige dar als einen Gegenstand des Genusses und der Vereinigung, als die einzige unerschöpfliche Quelle desjenigen, worauf ihr ganzes Trachten gerichtet ist. So strebt er, den schlafenden Keim der besseren Menschheit zu wecken, die Liebe zum Höheren zu entzünden, das gemeine Leben in ein edleres zu verwandeln, die Kinder der Erde auszusöhnen mit dem Himmel, der ihnen gehört, und das Gleichgewicht zu halten gegen des Zeitalters schwerfällige Anhänglichkeit an den gröberen Stoff. Dies ist das höhere Priestertum, welches das Innere aller geistigen Geheimnisse verkündigt und aus dem Reiche Gottes herabspricht; dies ist die Quelle aller Gesichte und Weissagung[4]en, aller heiligen Kunstwerke und begeisterten Reden, welche ausgestreut werden aufs ohngefähr, ob ein empfängliches Gemüt sie finde und bei sich Frucht bringen lasse.
Möchte es doch je geschehen, daß dieses Mittleramt aufhörte und das Priestertum der Menschheit eine schönere Bestimmung erhielte! Möchte die Zeit kommen, die eine alte Weissagung so beschreibt, daß keiner bedürfen wird, daß man ihn lehre, weil alle von Gott gelehrt sind! Wenn das heilige Feuer überall brennte, so bedürfte es nicht der feurigen Gebete, um es vom Himmel herabzustehen, sondern nur der sanften Stille heiliger Jungfrauen, um es zu unterhalten; so dürfte es nicht in oft gefürchtete Flammen ausbrechen, sondern das einzige Bestreben desselben würde sein, die innige und verborgene Glut ins Gleichgewicht zu setzen bei allen. Jeder leuchtete dann in der Stille sich und den anderen, und die Mitteilung heiliger Gedanken und Gefühle bestände nur in dem leichten Spiele, die verschiedenen Strahlen dieses Lichtes jetzt zu vereinigen, dann wieder zu brechen, jetzt es zu zerstreuen und dann wieder hier und da auf einzelne Gegenstände verstärkend zu sammeln. Dann würde das leiseste Wort verstanden, da jetzt die deutlichsten Äußerungen nicht der Mißdeutung entgehen. Man könnte gemeinschaftlich ins Innere des Heiligtums eindringen, da man sich jetzt nur in den Vorhöfen mit den Anfangsgründen beschäftigen muß. Mit Freunden und Teilnehmern vollendete Anschauungen austauschen, wie viel erfreulicher ist dies, als mit kaum entworfenen Umrissen hervortreten müssen in die weite öde! Aber wie weit sind jetzt diejenigen von einander entfernt, zwischen denen eine solche Mitteilung stattfinden könnte! Mit solcher weisen Sparsamkeit sind sie in der Menschheit verteilt, wie im Weltenraum die verborgenen Punkte, aus denen der elastische Urstoff sich nach allen Seiten verbreitet, so nämlich, daß nur eben die äußersten Grenzen ihrer Wirkungskreise zusammenstoßen – damit doch nichts ganz leer sei – aber wohl nie einer den anderen antrifft. Weise freilich: denn um so mehr richtet sich die ganze Sehnsucht nach Mitteilung und Geselligkeit allein auf diejenigen, die ihrer am meisten bedürfen; um so unaufhaltsamer wirkt sie dahin, sich die Mitgenossen selbst zu verschaffen, die ihr fehlen.
Eben dieser Gewalt nun unterliege ich, und von eben dieser Art ist auch mein Beruf. Vergönnet mir, von mir selbst zu reden: ihr wißt, niemals kann Stolz sein, was Frömmigkeit sprechen heißt; denn sie ist immer voll Demut. Frömmigkeit war der mütterliche Leib, in dessen heiligem Dunkel mein junges Leben genährt und auf die ihm noch verschlossene Welt vorbereitet wurde; in ihr atmete mein Geist, ehe er noch sein eigentümliches Gebiet in Wissenschaft und Lebenserfahrung gefunden hatte; sie half mir, als ich anfing den väterlichen Glauben zu sichten und Gedanken und Gefühle zu reinigen von dem Schutte der Vorwelt; sie blieb mir, als auch der Gott und die Unsterblichkeit aus der kindlichen Zeit dem zweifelnden Auge verschwanden; sie leitete mich absichtslos in das tätige Leben; sie zeigte mir, wie ich mich selbst mit meinen Vorzügen und Mängeln in meinem ungeteilten Dasein heilig halten solle, und nur durch sie habe ich Freundschaft und Liebe gelernt. Wenn von anderen Vorzügen der Menschen die Rede ist, so weiß ich wohl, daß es vor eurem Richterstuhle, ihr Weisen und Verständigen des Volks, wenig beweiset für seinen Besitz, wenn einer sagen kann, was sie ihm gelten; denn er kann sie kennen aus Beschreibungen, aus Beobachtung anderer, oder, wie alle Tugenden gekannt werden, aus der gemeinen, alten Sage von ihrem Dasein. Aber so liegt die Sache der Religion, und so selten ist sie selbst, daß, wer von ihr etwas ausspricht, es notwendig muß gehabt haben, denn gehört hat er es nirgend. Besonders von allem, was ich als ihr Werkpreise und fühle, würdet ihr wohl wenig herausfinden selbst in den heiligen Büchern, und wem, der es nicht selbst erfuhr, wäre es nicht ein Ärgernis oder eine Torheit?
Wenn ich nun so durchdrungen endlich von ihr reden und ein Zeugnis ablegen muß, an wen soll ich mich damit wenden, als an Deutschlands Söhne? Oder wo irgend wären Hörer für meine Rede? Es ist nicht blinde Vorliebe für den väterlichen Boden oder für die Mitgenossen der Verfassung und der Sprache, was mich so reden macht, sondern die innige Überzeugung, daß ihr die einzigen seid, welche fähig und also auch würdig sind, daß der Sinn ihnen aufgeregt werde für heilige und göttliche Dinge. Jene stolzen Insulaner, von vielen ungebührlich verehrt, kennen keine andere Losung als gewinnen und genießen; ihr Eifer für die Wissenschaft ist nur ein leeres Spielgefecht, ihre Lebensweisheit ein falscher Edelstein, künstlich und täuschend zusammengesetzt, wie sie pflegen, und ihre heilige Freiheit selbst dient nur zu oft der Selbstsucht um billigen Preis. Nirgend ja ist es ihnen ernst mit dem, was über den handgreiflichen Nutzen hinausgeht. Denn aller Wissenschaft haben sie das Leben genommen, und brauchen nur das tote Holz zu Masten und Rudern für ihre gewinnlustige Lebensfahrt. Und ebenso wissen sie von der Religion nichts, außer daß nur jeder Anhänglichkeit predigt an alte Gebräuche und seine Satzungen verteidigt, und dies für ein durch die Verfassung weislich ausgespartes Hilfsmittel ansieht gegen den Erbfeind des Staates. Aus anderen Ursachen hingegen wende ich mich weg von den Franken[3], deren Anblick ein Verehrer der Religion kaum erträgt, weil sie in jeder Handlung, in jedem Worte fast, ihre heiligsten Gesetze mit Füßen treten. Denn die rohe Gleichgültigkeit, mit der Millionen des Volkes, wie der witzige Leichtsinn, mit dem einzelne glänzende Geister der erhabensten Tat der Geschichte zusehen, die nicht nur unter ihren Augen vorgeht, sondern sie alle ergreift und jede Bewegung ihres Lebens bestimmt, beweiset zur Genüge, wie wenig sie einer heiligen Scheu und einer wahren Anbetung fähig sind. Und was verabscheut die Religion mehr als den zügellosen Übermut, womit die Herrscher des Volkes den ewigen Gesetzen der Welt Trotz bieten? Was schärft sie mehr ein als die besonnene und demütige Mäßigung, wovon ihnen auch nicht das leiseste Gefühl etwas zuzuflüstern scheint? Was ist ihr heiliger als die hohe Nemesis[2], deren furchtbarste Handlungen jene im Taumel der Verblendung nicht einmal verstehen? Wo die wechselnden Strafgerichte, die sonst nur einzelne Familien treffen durften, um ganze Völker mit Ehrfurcht vor dem himmlischen Wesen zu erfüllen und auf Jahrhunderte lang die Werke der Dichter dem ewigen Schicksal zu widmen, wo diese sich tausendfältig vergeblich erneuern, wie würde da eine einsame Stimme bis zum Lächerlichen ungehört und unbemerkt verhallen! Nur hier im heimatlichen Lande ist das beglückte Klima, welches keine Furcht gänzlich versagt; hier findet ihr, wenn auch nur zerstreut, alles, was die Menschheit ziert, und alles, was gedeiht, bildet sich irgendwo, im einzelnen wenigstens; zu seiner schönsten Gestalt; hier fehlt es weder an weiser Mäßigung, noch an stiller Betrachtung. Hier also muß auch die Religion eine Freistatt finden vor der plumpen Barbarei und dem kalten irdischen Sinne des Zeitalters.
Nur daß ihr mich nicht ungehört zu denen verweiset, auf die ihr als auf Rohe und Ungebildete herabsehet, gleich als wäre der Sinn für das Heilige wie eine veraltete Tracht auf den niederen Teil des Volkes übergegangen, dem es allein noch zieme, in Scheu und Glauben von dem Unsichtbaren ergriffen zu werden. Ihr seid gegen diese unsere Brüder sehr freundlich gesinnt, und mögt gern, daß auch von anderen höheren Gegenständen, von Sittlichkeit und Recht und Freiheit zu ihnen geredet, und so auf einzelne Momente wenigstens ihr inneres Streben dem Besseren entgegengehoben und ein Eindruck von der Würde der Menschheit ihnen geweckt werde. So rede man denn auch mit ihnen von der Religion; man errege bisweilen ihr ganzes Wesen, daß auch dieser heiligste Trieb desselben, wie verborgen er immer in ihnen schlummern möge, belebt werde; man entzücke sie durch einzelne Blitze, die man aus der Tiefe ihres Herzens hervorlockt; man bahne ihnen aus ihrer engen Beschränktheit eine Aussicht ins Unendliche und erhöhe auf einen Augenblick ihre niedrige Sinnlichkeit zum hohen Bewußtsein eines menschlichen Willens und Daseins: es wird immer viel gewonnen sein. Aber ich bitte euch, wendet ihr euch denn zu ihnen, wenn ihr den innersten Zusammenhang und den höchsten Grund menschlicher Kräfte und Handlungen aufdecken wollt? wenn der Begriff und das Gefühl, das Gesetz und die Tat bis zu ihrer gemeinschaftlichen Quelle sollen verfolgt und das Wirkliche als ewig und im Wesen der Menschheit notwendig gegründet soll dargestellt werden? Oder wäre es nicht vielmehr glücklich genug, wenn eure Weisen dann nur von den Besten unter euch verstanden würden? Eben das ist es aber, was ich jetzt zu erreichen wünsche in Absicht der Religion. Nicht einzelne Empfindungen will ich aufregen, die vielleicht in ihr Gebiet gehören, nicht einzelne Vorstellungen will ich rechtfertigen oder bestreiten, sondern in die innersten Tiefen möchte ich euch geleiten, aus denen überall eine jede Gestalt derselben sich bildet; zeigen möchte ich euch, aus welchen Anlagen der Menschheit sie hervorgeht, und wie sie zu dem gehört, was euch das Höchste und Teuerste ist; auf die Zinne des Tempels möchte ich euch führen, daß ihr das ganze Heiligtum überschauen und seine innersten Geheimnisse entdecken könnet. Und wollet ihr mir im Ernst zumuten, zu glauben, daß diejenigen, die sich täglich am mühsamsten mit dem Irdischen abquälen, am vorzüglichsten dazu geeignet seien, so vertraut mit dem Himmlischen zu werden, daß diejenigen, die über dem nächsten Augenblick lange brüten und an die nächsten Gegenstände festgekettet sind, ihr Auge am weitesten über die Welt erheben können? und daß, wer in dem einförmigen Wechsel einer toten Geschäftigkeit sich selbst noch nicht gefunden hat, die lebendige Gottheit am hellsten entdecken werde? Keineswegs ja werdet ihr das behaupten wollen zu eurer Schmach! Und also kann ich nur euch selbst zu mir einladen, die ihr berufen seid, den gemeinen Standort der Menschen zu verlassen, die ihr den beschwerlichen Weg in die Tiefen des menschlichen Geistes nicht scheuet, um endlich seiner inneren Regungen und seiner äußeren Werke Wert und Zusammenhang lebendig anzuschauen.
Seitdem ich mir dieses gestand, habe ich mich lange in der zaghaften Stimmung desjenigen befunden, der, ein liebes Kleinod vermissend, nicht wagen wollte, noch den letzten Ort, wo es verborgen sein könnte, zu durchsuchen. Denn wenn es Zeiten gab, wo ihr es noch für einen Beweis besonderen Mutes hieltet, euch teilweise von den Satzungen der ererbten Glaubenslehre loszusagen, wo ihr noch gern über einzelne Gegenstände hin und wieder sprächet und hörtet, wenn es nur darauf ankam, einen jener Begriffe auszutilgen; wo es euch dem ohnerachtet noch wohlgefiel, eine Gestalt wie Religion schlank im Schmuck der Beredsamkeit einhergehen zu sehen, weil ihr gern wenigstens dem holden Geschlecht ein gewisses Gefühl für das Heilige erhalten wolltet: so sind doch jetzt auch diese Zeiten schon längst vorüber; jetzt soll gar nicht mehr die Rede sein von Frömmigkeit, und auch die Grazien selbst sollen mit unweiblicher Härte die zarteste Blüte des menschlichen Gemütes zerstören. An nichts anderes kann ich also die Teilnehmung anknüpfen, welche ich von euch fordere, als an eure Verachtung selbst; ich will euch zunächst nur auffordern, in dieser Verachtung recht gebildet und vollkommen zusein.
Laßt uns doch, ich bitte euch, untersuchen, wovon sie eigentlich ausgegangen ist, ob von irgendeiner klaren Anschauung oder von einem unbestimmten Gedanken? ob von den verschiedenen Arten und Sekten der Religion, wie sie in der Geschichte vorkommen, oder von einem allgemeinen Begriff, den ihr euch vielleicht willkürlich gebildet habt? Ohne Zweifel werden einige sich zu dem letzteren bekennen, aber daß dies nur nicht auch hier, wie gewöhnlich, die mit Unrecht rüstigen Beurteiler sind, die ihr Geschäft obenhin treiben und sich nicht Mühe genommen haben, eine genaue Kenntnis der Sache, was sie recht ist, zu erwerben. Die Furcht vor einem ewigen Wesen oder überhaupt das Hinsehen auf den Einfluß desselben in die Begebenheiten dieses Lebens, was ihr Vorsehung nennt, und dann die Erwartung eines künftigen Lebens nach diesem, was ihr Unsterblichkeit nennt, hierum dreht sich doch euer allgemeiner Begriff? Diese beiden von euch weggeworfenen Vorstellungen, meint ihr doch, wären, so oder anders ausgebildet, die Angel aller Religion? Aber sagt mir doch, ihr Teuersten, wie habt ihr nur dieses gefunden? Denn alles, was in dem Menschen vorgeht oder von ihm ausgeht, kann aus einem zwiefachen Standorte angesehen und erkannt werden. Betrachtet ihr es von seinem Mittelpunkte aus, also nach seinem inneren Wesen, so ist es eine Äußerung der menschlichen Natur, gegründet in einer von ihren notwendigen Handlungsweisen oder Trieben, oder wie ihr es nennen wollt, denn ich will jetzt nicht über eure Kunstsprache rechten. Betrachtet ihr es hingegen von außen nach der bestimmten Haltung und Gestalt, die es hier und dort angenommen hat: so ist es ein Erzeugnis der Zeit und der Geschichte. Von welcher Seite habt ihr nun die Religion, diese große geistige Erscheinung angesehen, daß ihr auf jene Vorstellungen gekommen seid, als auf den gemeinschaftlichen Inhalt alles dessen, was man je mit diesem Namen bezeichnet hat? Ihr werdet schwerlich sagen, durch eine Betrachtung der ersten Art. Denn, ihr Guten! alsdann müßtet ihr doch zugeben, diese Gedanken waren irgendwie wenigstens in der menschlichen Natur gegründet. Und wenn ihr auch sagen wolltet, daß sie so, wie man sie jetzt antrifft, nur aus Mißdeutungen oder falschen Beziehungen eines notwendigen Strebens der Menschheit entstanden wären: so würde es euch doch ziemen, das Wahre und Ewige darin herauszusuchen und eure Bemühungen mit den unsrigen zu vereinigen, damit die menschliche Natur von dem Unrecht befreit werde, welches sie allemal erleidet, wenn etwas in ihr mißkannt oder mißleitet wird. Bei allem was euch heilig ist – und es muß jenem Geständnisse zufolge etwas Heiliges für euch geben – beschwöre ich euch, verabsäumt dieses Geschäft nicht, damit die Menschheit, die ihr mit uns verehrt, nicht mit dem größten Recht auf euch zürne als auf solche, welche sie in einer wichtigen Angelegenheit verlassen haben. Und wenn ihr dann findet, aus dem, was ihr hören werdet, daß das Geschäft so gut als getan ist: so darf ich, auch wenn es anders endigt als ihr meintet, auf euren Dank und eure Billigung rechnen. – Wahrscheinlich aber werdet ihr sagen, eure Begriffe vom Inhalt der Religion seien nur die andere Ansicht dieser geistigen Erscheinung. Von dem Äußeren wäret ihr ausgegangen, von den Meinungen, Lehrsätzen, Gebräuchen, in denen sich jede Religion darstellt, und mit diesen laufe es immer auf jene beiden Stücke hinaus. Aber eben ein Inneres und Ursprüngliches für dieses Äußere hättet ihr vergeblich gesucht, und darum könne also die Religion überall nichts anderes sein, als ein leerer und falscher Schein, der sich wie ein trüber und drückender Dunstkreis um einen Teil der Wahrheit herumgelagert habe. Dies ist gewiß eure rechte und eigentliche Meinung. Wenn ihr demnach in der Tat jene beiden Punkte für den Inhalt der Religion haltet, in allen Formen, unter denen sie in der Geschichte erschienen ist: so ist mir doch vergönnt zu fragen, ob ihr auch alle diese Erscheinungen richtig beobachtet und ihren gemeinschaftlichen Inhalt richtig aufgefaßt habt? Ihr müßt euren Begriff, wenn er so entstanden ist, aus dem Einzelnen rechtfertigen; und wenn euch jemand sagt, daß er unrichtig und verfehlt sei und auf etwas anderes hinweiset in der Religion, was nicht hohl ist, sondern einen Kern hat von trefflicher Art und Abstammung, so müßt ihr doch erst hören und urteilen, ehe ihr weiter verachten dürft. Laßt es euch also nicht verdrießen, dem zuzuhören, was ich jetzt zu denen reden will, welche gleich von Anfang an, richtiger aber auch mühsamer, an die Anschauung des Einzelnen sich gehalten haben.
Ihr seid ohne Zweifel bekannt mit der Geschichte menschlicher Torheiten und habt die verschiedenen Gebäude der Religionslehre durchlaufen, von den sinnlosen Fabeln üppiger Völker bis zum verfeinertsten Deismus[1], von dem rohen Aberglauben der Menschenopfer bis zu jenen übel zusammengenähten Bruchstücken von Metaphysik und Moral, die man jetzt geläutertes Christentum nennt; und ihr habt sie alle ungereimt und vernunftwidrig gefunden. Ich bin weit entfernt, euch hierin widersprechen zu wollen. Vielmehr, wenn ihr es nur aufrichtig meint, daß die ausgebildetsten Religionssysteme diese Eigenschaften nicht weniger an sich tragen, als die rohesten; wenn ihr es nur einsehet, daß das Göttliche nicht in einer Reihe liegen kann, die sich auf beiden Seiten in etwas Gemeines und Verächtliches endiget: so will ich euch gern die Mühe erlassen, alle Glieder, welche zwischen diesen äußersten Enden eingereiht sind, näher zu würdigen. Mögen sie euch alle als Übergänge und Annäherungen zu dem letzteren erscheinen; jedes glänzender und geschliffener aus der Hand seines Zeitalters hervorgehend, bis endlich die Kunst zu jenem vollendeten Spielwerk gestiegen ist, womit unser Jahrhundert die Geschichte beschenkt hat. Aber diese Vervollkommnung der Glaubenslehren und der Systeme ist oftmals eher alles, nur nicht Vervollkommnung der Religion; ja nicht selten schreitet jene fort ohne die geringste Gemeinschaft mit dieser. Ich kann nicht ohne Unwillen davon reden; denn jammern muß es jeden, der Sinn hat für alles, was aus dem Inneren des Gemüts hervorgeht, und dem es Ernst ist, daß jede Seite des Menschen gebildet und dargestellt werde, wie die Hohe und Herrliche oft von ihren Bestimmungen entfernet ward und ihrer Freiheit beraubt, um von dem scholastischen und methaphysischen Geiste barbarischer und kalter Zeiten in einer verächtlichen Knechtschaft gehalten zu werden. Denn was sind doch diese Lehrgebäude für sich betrachtet anderes, als Kunstwerke des berechnenden Verstandes, worin jedes einzelne seine Haltung nur hat in gegenseitiger Beschränkung? Oder gemahnen sie euch anders, diese Systeme der Theologie, diese Theorien vom Ursprunge und Ende der Welt, diese Analysen von der Natur eines unbegreiflichen Wesens; worin alles auf ein kaltes Argumentieren hinausläuft, und auch das Höchste nur im Tone eines gemeinen Schulstreites kann behandelt werden? Und dies wahrlich, ich berufe mich auf euer eigenes Gefühl, ist doch nicht der Charakter der Religion. Wenn ihr also nur die religiösen Lehrsätze und Meinungen ins Auge gefaßt habt, so kennt ihr noch gar nicht die Religion selbst, und was ihr verachtet, ist nicht sie. Aber warum seid ihr nicht tiefer eingedrungen bis zu dem, was das Innere dieses Äußeren ist? Ich bewundere eure freiwillige Unwissenheit, ihr gutmütigen Forscher, und die allzu ruhige Genügsamkeit, mit der ihr bei dem verweilt, was euch zunächst vorgelegt wird. Warum betrachtet ihr nicht das religiöse Leben selbst? jene frommen Erhebungen des Gemütes vorzüglich, in welchem alle anderen euch sonst bekannten Tätigkeiten zurückgedrängt oder fast aufgehoben sind, und die ganze Seele aufgelöst in ein unmittelbares Gefühl des Unendlichen und Ewigen und ihrer Gemeinschaft mit ihm? Denn in solchen Augenblicken offenbart sich ursprünglich und anschaulich die Gesinnung, welche zu verachten ihr vorgebet. Nur wer in diesen Bewegungen den Menschen beobachtet und wahrhaft erkannt hat, vermag dann auch in jenen äußeren Darstellungen die Religion wiederzufinden und wird etwas anderes in ihnen erblicken, als ihr. Denn freilich liegt in ihnen allen etwas von diesem geistigen Stoffe gebunden, ohne welchen sie gar nicht könnten entstanden sein; aber wer es nicht versteht, ihn zu entbinden, der behält, wie fein er sie auch zersplittere, wie genau er auch alles durchsuche, immer nur die tote, kalte Masse in Händen. Die Anweisung aber, euren eigentlichen Gegenstand, den ihr in dem Ausgebildeten und Vollendeten, wohin man euch wies, bisher nicht gefunden habt, vielmehr in jenen zerstreuten und dem Anschein nach ungebildeten Elementen zu suchen, kann euch doch nicht befremdlich sein, die ihr mehr oder minder mit der Philosophie euch zu schaffen macht und mit ihren Schicksalen vertraut seid. Wiewohl es sich nämlich mit dieser ganz anders verhalten sollte, und sie von Natur danach streben muß, sich im geschlossensten Zusammenhange zu gestalten, weil nur durch die angeschaute Vollständigkeit jede eigentümliche Erkenntnis sich bewährt und ihre Mitteilung gesichert wird, so werdet ihr doch auf ihrem Gebiet oft ebenso müssen zuwerke gehn. Denn erinnert euch nur, wie wenige von denen, welche auf einem eigenen Wege in das Innere der Natur und des Geistes eingedrungen sind und deren gegenseitiges Verhältnis und innere Harmonie in einem eigenen
