Über Herbert den Greisen und Leo den Weisen - Peter-Erwin Jansen - E-Book

Über Herbert den Greisen und Leo den Weisen E-Book

Peter-Erwin Jansen

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Beschreibung

Peter-Erwin Jansen hat sich in seiner publizistischen, editorischen und archivarischen Tätigkeit große Verdienste um das geistige Erbe Herbert Marcuses und Leo Löwenthals erworben. Der nun vorliegende Band versammelt einige der wichtigsten Studien und Aufsätze, die er während seiner langjährigen Arbeit an den Archiven dieser beiden Klassiker kritischen Denkens verfasst hat. Teilweise sind es unveröffentlichte Texte, teilweise in unterschiedlichen Publikationen erschienene Arbeiten. Beigefügt sind diesem Band Schriften von Marcuse und Löwenthal sowie eine Auswahl zuvor noch nicht publizierter Briefe zwischen den beiden Philosophen. Martin Jay geht in seiner Einleitung nicht nur auf die Freundschaft der beiden ab 1965 in Kalifornien lebenden Wissenschaftler ein, sondern diskutiert die intellektuellen freundschaftlichen Bindungen als einen zentralen Aspekt der Existenz im Exil. Einige Fotos aus dem privaten Fotoalbum von Marcuse werden hier erstmalig publiziert.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Peter-Erwin Jansen (Hg.)

Über Herbert den Greisen und Leo den Weisen

Aufsätze

Mit Briefen von Herbert Marcuse und Leo Löwenthal sowie einer Einleitung von Martin Jay

© 2021 zu Klampen Verlag · Röse 21 · 31832 Springe

www.zuklampen.de

Umschlaggestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH · Hamburg, unter Verwendung eines Fotos von Herbert Marcuse und Leo Löwenthal (© Peter-Erwin Jansen)

Satz: Germano Wallmann · Gronau · www.geisterwort.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH · Rudolstadt

ISBN Printausgabe 978-3-86674-790-6

ISBN E-Book-PDF 978-3-86674-899-6

ISBN E-Book-EPUB 978-386674-900-9

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Peter-Erwin Jansen

Lebenslange Freundschaft als Präfiguration der Utopie

Martin Jay

Teilweise unveröffentlichte Fotos

Brutale Pragmatiker und zynische Sachlichkeit.

Marcuses Analysen über Nazideutschland

Peter-Erwin Jansen

Die absurde Rationalität des Fortschritts.

Herbert Marcuses weitsichtige Technologiekritik

Peter-Erwin Jansen

Die Begierde nach Gesellschaft.

Herbert Marcuses Blick für die Unzulänglichkeiten staatlicher Utopien

Peter-Erwin Jansen

Sprache und technologische Gesellschaft

Herbert Marcuse

Kommentar

Peter-Erwin Jansen

Hat Demokratie eine Zukunft?

Ein Podiumsgespräch mit Nat Hentoff, Herbert Marcuse, Norman Mailer und Arthur M. Schlesinger Jr. im Mai 1968

Kommentar

Peter-Erwin Jansen

Leo Löwenthal – Herbert Marcuse: Briefauswahl 1934–1979

Lehrjahre – Wanderjahre – Arbeitsjahre.

Leo Löwenthals vielfältige Aktivitäten im wissenschaftlichen Feld in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre

Peter-Erwin Jansen

Shakespeare veraltet?

Leo Löwenthal

Die Weltrevolution steht um die Ecke – Leo Löwenthal in Heidelberg

Peter-Erwin Jansen

Das Wesen der Kritischen Theorie ist die unerbittliche Analyse des Bestehenden

Peter-Erwin Jansen

Die Doppelfunktion literarischer Werke: Ideologiekritik und Utopie.

Zu den ersten literatursoziologischen Arbeiten Leo Löwenthals aus den Zwanzigerjahren

Peter-Erwin Jansen

Siegfried Kracauer, Leo Löwenthal und der geheime Dritte: Theodor W. Adorno

Peter-Erwin Jansen

Literaturverzeichnis

Drucknachweise

Vorwort1

Peter-Erwin Jansen

Die Verbindung zwischen Leo Löwenthal und Herbert Marcuse reicht bis zum Jahr 1932 zurück. Löwenthal ist es, der im Auftrag von Max Horkheimer im letzten Quartal 1932 mit Herbert Marcuse Kontakt aufnimmt. Marcuse, dessen Habilitationsverfahren Anfang der 1930er Jahre bei Martin Heidegger nicht abgeschlossen wurde, ist gezwungen, sich einen neuen wissenschaftlichen Zusammenhang zu suchen.2 Wohl ermutigt durch eine Besprechung seiner vorab veröffentlichten Arbeit zu Hegels Ontologie in der Zeitschrift für Sozialforschung3, die er als Habilitationsschrift verfasst hatte, und mit Zuspruch des damaligen Direktors der Frankfurter Universität, Kurt Rietzler, verstärkt Marcuse seine Bemühungen, sich dem Institut für Sozialforschung anzuschließen. Marcuse tritt dem Institutszirkel am 30. Januar 1933, dem Tag der offiziellen Machtergreifung Hitlers, bei. Löwenthal bestätigte mir in einem Gespräch, dass dies von Marcuse eine sehr bewusste Entscheidung gewesen sei. Bereits drei Monate später schließen die örtlichen Behörden das Institut, das dann am 14. Juli über eine Verordnung der Gestapo wegen »staatsfeindlicher Bestrebungen« aufgelöst wird. Marcuse betritt nie das im Juni 1924 eröffnete Institut an der Viktoria-Allee, das im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört wurde.

Von Freiburg aus begibt sich der neue Mitarbeiter direkt an die Zweigstelle des Instituts nach Genf, wo er mit Erich Fromm und gelegentlich auch mit Leo Löwenthal, der seit 1926 Mitarbeiter am Institut war, bereits an den Studien über Autorität und Familie arbeitet4.

Die Schweizer Behörden stellen Marcuse am 23. Juni ein Visum aus, das es ihm erlaubte, bis zum 1. Oktober 1933 in der Schweiz zu bleiben. Nach zahlreichen bürokratischen Hindernissen mit Schweizer, deutschen und französischen Behörden erhält Marcuse vom deutschen Konsulat in Zürich ein einjähriges Visum. Es ist an die Bedingung geknüpft, dass er bis zum 1. Januar 1934 Deutschland offiziell zu verlassen habe. Um den 20. Juni 1934 reist Marcuse in die Normandie, in die Hafenstadt Cherbourg. Am 28. Juni 1934 checkt er ohne Ehefrau Sophie und ohne Sohn Peter auf dem Passagierschiff Majestic ein, das ihn nach New York bringt.5 Der erste abgedruckte Brief Marcuses erreicht Löwenthal kurz vor dessen Abreise aus Frankfurt nach Bremerhaven. Von dort geht es nach Southampton und dann mit der Olympic weiter nach New York, die am 8. August 1934 die erste Station der Institutsmitarbeiter erreicht. Beide werden amerikanische Staatsbürger und folgen Berufungen auf Lehrstühle an dortige Universitäten. Eine Remigration in die alte Welt, zurück nach Deutschland, kommt für sie nicht mehr infrage.6 Aus den ersten distanzierten Begegnungen in Genf entsteht in dem von den Nationalsozialisten erzwungenen Exil eine lebenslange Freundschaft. Martin Jay verweist in seiner Einleitung auf die allgemeine Bedeutung des Freundschaftsnetzwerkes der Kritischen Theoretiker.

Die Auswahl der abgedruckten Briefe beginnt mit dem ersten Brief Marcuses nach dessen Ankunft in New York und Löwenthals letztem Brief aus Deutschland. Kriterium für die Auswahl der Briefe sind bedeutende Veränderungen der Wohn- und Arbeitssituation, aber auch wichtige politische und private Ereignisse. Weitere Anlässe, sich postalisch auszutauschen, sind Marcuses Europareisen zwischen 1967 und 1974. Diese Aufenthalte werden in einigen der Schreiben angesprochen. Insgesamt umfasst die Korrespondenz der beiden Freunde circa 120 Briefe. Ein großer Teil davon bezieht sich auf Anfragen, wann und an welchem Ort wieder persönliche Treffen möglich sein werden. Als Marcuse im Alter von 66 Jahren 1964 eine Professur an der University of California in San Diego annimmt, mehren sich die persönlichen Begegnungen und Gespräche der beiden kritischen Theoretiker und ausführliche Briefe werden seltener. Einige der abgedruckten Korrespondenzen geben Auskunft über die mehrmaligen Treffen Marcuses in Löwenthals Wochenendhaus im Carmel Valley, die zum Teil zu Diskussionen über Buch- oder Aufsatzskripte genutzt wurden.

Die hier zusätzlich versammelten Beiträge sind in den letzten zehn Jahren entstanden, einige von ihnen als Einzelaufsätze veröffentlicht. Teilweise liegen den Arbeiten Vorträge zugrunde, die bei Konferenzen der Internationalen Herbert Marcuse Society (IHMS) gehalten wurden. Andere Beiträge wurden im Rahmen von Einladungen verschiedener Institutionen wie Universitäten oder Museen verfasst. Sie folgen daher keiner stringenten Chronologie, sondern erschließen sowohl biografische als auch ideengeschichtliche Zugänge zu den in den Vereinigten Staaten gebliebenen Wissenschaftlern der Kritischen Theorie. Inhaltliche Überschneidungen sind dem Umstand geschuldet, dass unterschiedliche thematische Schwerpunkte in manchen Arbeiten ähnliche Kontextualisierungen erforderlich machten.

Die Arbeiten sind von der Intention inspiriert, Dokumente der Archive von Herbert Marcuse und Leo Löwenthal einem größeren – sowohl akademischen als auch nicht akademischen – Publikum zugänglich zu machen. Darüber hinaus erweckten die vorgestellten Themen, Materialien und Briefe wissenschaftliche Neugierde, den einen oder anderen Aspekt tiefergehend zu erforschen. Das zeigen die zahlreichen Dissertationen, Studien und Bücher, die in der letzten Dekade im Zusammenhang mit den Archivalien aus den Archiven Marcuses und Löwenthals entstanden sind. Die Auswahl der schon erschienenen und erstmals gedruckten Texte, sowohl die des Herausgebers als auch die Beiträge Marcuses und Löwenthals, möchten mit diesem Band ein wenig das Nischendasein in diversen Zeitschriften verlassen. Bereits in Sammelbänden veröffentliche Texte wurden nicht aufgenommen. Erstmals sind Fotografien aus dem Privatalbum von Herbert Marcuse zu sehen.

Die Anregung zu diesem Band verdankt sich unter anderem dem Zuspruch von Susanne Löwenthal sowie Peter und Harold Marcuse. Die seit über dreißig Jahre währende Freundschaft mit Susanne Löwenthal ist eine stete Herausforderung in einem sehr positiven Sinne und wird auch getragen von dem Geist, den Leo Löwenthal in seiner freundlich-warmen Art ausstrahlte. Peter und Harold Marcuse gilt mein Dank für ihr Vertrauen. Harold Marcuse danke ich für die freundschaftliche und intellektuelle Verbundenheit über Jahrzehnte hinweg. Martin Jay unterstützte dieses Vorhaben nicht nur mit der Einleitung zu diesem Band. Seinen Einladungen an die University of California in Berkeley und seine Beiträge zu Leo Löwenthal und der Kritischen Theorie insgesamt eröffneten mir stets neue Perspektiven und regten zum Weitermachen an. Hilfreich sind auch die intellektuellen Auseinandersetzungen mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus der IHMS. Charles Reitz und Douglas Kellner gilt in dieser Hinsicht mein besonderer Dank. Seit ihrer Gründung 2005 organisiert die IHMS alle zwei Jahre an Universitäten der USA und Kanada internationale Konferenzen. Über viele Jahre hinweg erfuhr ich darüber hinaus unkomplizierte und freundliche Unterstützung von Mathias Jehn, Oliver Kleppel und Stephen Roeper aus dem Archivzentrum der Universitätsbibliothek.

1 Die in den Texten verwendeten geschlechtsspezifischen Bezeichnungen schließen prinzipiell alle unterschiedlichen Geschlechtszuschreibungen ein.

2 Vgl. Jansen (1990), S. 141–150.

3 Vgl. Adorno (1932/1989), S. 409.

4 Horkheimer, Fromm u. a. (1936/2005).

5 Vgl. Brief vom 7. Juli 1934.

6 Vgl. Jansen (2009), S. 264–277.

Lebenslange Freundschaft als Präfiguration der Utopie1

Martin Jay

Kaum jemand wird die ehrgeizigen Ziele der talentierten und heterodoxen Gruppe von in Deutschland geborenen, streitbaren Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts bezweifeln, die mit dem Institut für Sozialforschung, das später unter dem Namen Frankfurter Schule bekannt wurde, verbunden sind. Oft gemeinsam, manchmal aber auch alleine, widmeten sie sich den dringlichsten Problemen ihrer Zeit. Sie kombinierten Erkenntnisse aus vielen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und versuchten, ihre theoretischen Überlegungen durch innovative empirische Untersuchungen zu bereichern und zu überprüfen. Inspiriert von einer Vielzahl philosophischer Traditionen und Impulsen aus religiösen und ästhetischen Quellen, stellt ein bedeutendes Motiv ihrer moralischen Empörung das unnötige Leid und die Ungerechtigkeit der Welt, die sie umgab, dar. Das Spektrum ihrer Themen reichte von der Weltwirtschaft bis zur Krise der bürgerlichen Familie, von den hohen Künsten bis zur Populärkultur, vom autoritären Staat bis zur autoritären Persönlichkeit. Sie versuchten nicht nur, die Ära des Kapitalismus zu verstehen – sei es in seiner entstehenden, klassischen, monopolistischen oder staatlichen Phase –, sondern sie spekulierten auch kühn über den Verlauf der gesamten Menschheitsgeschichte und erweiterten das Konzept der »Aufklärung« um die frühesten Bemühungen der Menschheit, eine feindliche Umwelt zu meistern und die Selbsterhaltung der Spezies und ihrer einzelnen Mitglieder sicherzustellen. Trotz des Misstrauens gegenüber der hegelianisch-marxistischen Kategorie der Totalität, die sich auf eine triumphale Metaerzählung der Menschheitsgeschichte als dialektischen Fortschritt in Richtung einer sozialistischen Zukunft stützte, verloren sie nie vollständig ihre ganzheitliche Perspektive. Auch die nachfolgenden Generationen der Kritischen Theorie waren überzeugt davon, dass grundlegende Fragen auch umfassende und tiefgreifende Antworten erforderten, die nur durch die Synthese und die gemeinschaftlichen Anstrengungen der kritischen Theoretiker geklärt werden konnten. Das zeigt sich noch in Jürgen Habermas’ bemerkenswertem, 1.700 Seiten umfassenden Abschiedsgeschenk Auch eine Geschichte der Philosophie2.

Paradoxerweise konnten viele Intellektuelle der Frankfurter Schule die Hindernisse nicht ignorieren, die eine systematische Gesamtdarstellung ihrer theoretischen Erkenntnisse über eine Welt, die zunehmend undurchsichtig schien, verhinderten. Das taktische Mittel einer »Kritischen Theorie kleingeschrieben« reagierte performativ auf das, was Habermas als »die neue Unübersichtlichkeit«3 der modernen Welt bezeichnet hatte. In Werken wie Horkheimers Dämmerung, Walter Benjamins Einbahnstraße und Theodor W. Adornos Minima Moralia finden sich meist komprimierte Aufsätze, Aphorismen und Epigramme. Die gelegentlich gnomisch-kryptischen Formulierungen, die sich nur indirekt auf nachhaltigere Argumente und erweiterte Beobachtungen stützten, wurden bewusst nie vollständig ausgeführt. Zuweilen begnügten sich die Autoren mit Fragmenten. Es finden sich Ausführungen und Positionen mit scheinbar unvereinbaren Widersprüchen. So widersetzen sich ihre Analysen einer konsequenten Harmonisierung und Vereinnahmung durch den traditionellen Wissenschaftsbetrieb.

Wie Georg Simmel vor ihnen und Siegfried Kracauer und Ernst Bloch in denselben Jahren, verließen sie sich eher auf Denkbilder als auf die starre Präzision wissenschaftlicher Literatur. Diese Denkbilder sollten Funken entzünden, die die Düsternis durchdringen und zu den »profanen Erleuchtungen« führen, die, wie Benjamin hoffte, einen Einblick in eine andere und bessere Welt liefern könnten.4

Die nie gelöste Spannung zwischen ihren totalisierenden Bestrebungen und der Schwierigkeit, einen Weg zu finden, die gesellschaftliche Totalität darzustellen, war mehr als ein Spiegelbild intellektueller Einschränkungen. Es drückte auch auf experimenteller Ebene die Auswirkungen dessen aus, was Adorno bekanntermaßen als »beschädigtes Leben«5 bezeichnete, das geprägt war von der Zerstörung ihrer politischen Hoffnungen, dem erzwungenen Exil und der hartnäckigen Widerstandsfähigkeit eines erstickenden Status quo.

Eine der äußerst beunruhigenden Prognosen der Kritischen Theorie war, dass der Ort für eine sinnvolle individuelle Entwicklung, der einst von der bürgerlichen Familie angestrebt wurde und als mögliches Modell künftiger Emanzipation auf einer allgemeineren Ebene hätte gelten können, fragwürdig geworden war. Mit dem Niedergang der traditionellen Familie, die einst als »Zufluchtsort in einer herzlosen Welt«6 und Quelle ethischer Orientierung galt, wurde die Sozialisierung der Heranwachsenden zunehmend anfällig für Marktanforderungen, staatliche Interventionen und den Einfluss professioneller Eliten. In der Tat konnten sich nur wenige Beziehungen in der modernen Welt der Anziehungskraft dieser mächtigen Kräfte entziehen.

Es existierte jedoch eine verdeckte Ausnahme, die für den eigenen Kampf der Frankfurter Schule, dem Druck, der Assimilation und Konformität zu widerstehen, von entscheidender Bedeutung war: die Bindungen persönlicher Freundschaften. Sie dienten als lebenswichtige Sehnen, die der Skelettstruktur des Instituts seine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit verliehen. So konnten die zahlreichen Ortswechsel des Instituts, zu Beginn innerhalb des europäischen, dann des amerikanischen Kontinents, darauf von Kontinent zu Kontinent und wieder zurück, überleben. Für viele deutsche Denker unterschiedlicher politischer Überzeugungen schien das Ideal freundschaftlicher Bindungen eine Perspektive für eine zukünftige ideale Gemeinschaft zu sein, die als sogenannte präfigurale »Utopie kleingeschrieben«7 gedacht werden konnte. Das anschaulichste Beispiel war die außergewöhnliche, praktisch lebenslange Verbindung zwischen Max Horkheimer und Friedrich Pollock.8 In einem Vertrag, den sie als Jugendliche im Jahr 1911 schlossen, verpflichteten sich die Freunde gegenseitig, ihr Leben der Erfüllung eines gemeinsamen Schicksals zu widmen. Die Verbindung erneuerten sie 1935 während des amerikanischen Exils in einem zweiten Vertrag. Pollock erkannte bereitwillig den Vorrang von Horkheimers intellektueller Arbeit an und widmete den Löwenanteil seiner Energie der Verwaltung des unabhängigen Forschungsinstituts, obwohl er auch weiter wichtige Beiträge zu den Wirtschaftsanalysen der Frankfurter Schule verfasste. Pollock sorgte dafür, dass die Forderungen des Direktors Horkheimer umgesetzt wurden. Trotz seiner Ambivalenz, nach dem Krieg nach Europa zurückzukehren, folgte Pollock Horkheimer (und Adorno) und half beim Wiederaufbau des Instituts 1950 in Frankfurt, bevor er sich anschließend in die Schweiz, nach Montagnola zurückzog. Horkheimer und Pollock hatten dort benachbarte Häuser gebaut. Was Horkheimer in einem frühen autobiografischen Roman als sogenannte île heureuse bezeichnet hatte, blieb ein beständiger Mikrokosmos proto-utopischer Befriedigung in einer Welt voller Leid und Ungerechtigkeit.9

Dank der Veröffentlichung ihrer Korrespondenzen und anderer Archivquellen können wir nun die Bedeutung von Freundschaftsnetzwerken in der Geschichte anderer Mitglieder der Schule sowie ihre persönlichen Beziehungen zu assoziierten Persönlichkeiten wie Siegfried Kracauer, Paul Tillich und Alfred Sohn-Rethel10 erkennen. Horkheimers wachsende Intimität mit Adorno, Marcuses Nähe zu Franz Neumann, die anfängliche Wärme und spätere Distanzierung zwischen Erich Fromm und Löwenthal sind ebenso integrale Bestandteile der Geschichte des Instituts wie die intellektuellen und persönlichen Beziehungen zwischen Adorno und Benjamin. Manchmal spielten Frauen eine wichtige Rolle als Vermittler – Gretel Adorno stand Benjamin besonders nahe, Inge Neumann heiratete Marcuse nach dem Tod ihrer jeweiligen ersten Ehepartner, Felix Weils Ehefrauen gaben Horkheimer und Pollock oft Anlass zur Sorge –, aber im Großen und Ganzen drückten ihre Interaktionen die vorherrschenden homosozialen Beziehungen der Männer ihrer Zeit aus.11

Eine der langlebigsten und sich gegenseitig unterstützenden Verbindungen knüpften Leo Löwenthal und Herbert Marcuse, die sich kurz vor ihrer Flucht nach Amerika kennenlernten. Obwohl Marcuse Schüler Martin Heideggers gewesen und seine Dissertation über Hegels Ontologie bereits fertiggestellt war, die Heideggers Einfluss zeigte – Adorno publizierte 1932 eine etwas gemischte Rezension in der Neuen Zeitschrift für Sozialforschung –, empfahl Kurt Rietzler, ein Philosoph und ehemaliger Diplomat, der damals Kurator der Universität Frankfurt war, Horkheimer, Marcuse in den Kreis des Instituts aufzunehmen. Bald darauf wurde Löwenthal entsandt, um Marcuse in die neue Zweigstelle des Instituts nach Genf einzuladen. Marcuse hatte Freiburg im Dezember 1932 verlassen, als sich zunehmend herausstellte, dass seine Hoffnungen auf eine von Heidegger betreute Habilitation nicht verwirklicht werden konnten. An dem schicksalhaften Tag, dem 30. Januar 1933, als Hitler Reichskanzler wurde, trat Marcuse offiziell dem Institut bei. Nach einem Jahr in der Schweiz schloss er sich den anderen Institutsmitgliedern in ihrem neuen Zuhause in New York an. Wie aus einem scherzhaften Brief vom 7. Juli 1934 hervorgeht, den Marcuse an Löwenthal sandte, der als letztes Mitglied des Instituts12 Europa verlassen hatte, waren beide bereits enge Freunde geworden. In einer sarkastischen Anspielung lästern sie, es sei eine »Ehre mit dem Direktor [Horkheimer] am Montag in einem Pullman-Schlafwagen nach Lake Placid fahren zu dürfen.«

In Anbetracht seiner späteren internationalen Berühmtheit ist daran zu erinnern, dass Marcuse in jenen frühen Jahren weniger prominent war. Löwenthal, der 1926 zum Institut kam, war nach 1930 zusammen mit dem Ökonomen Henryk Grossmann einer der Hauptassistenten von Horkheimer. Als die Zeitschrift für Sozialforschung 1932 mit ihren Veröffentlichungen begann, übernahm Löwenthal eine wichtige redaktionelle Rolle. Er war verantwortlich für den umfangreichen und bald schon hoch angesehenen Rezensionsteil. Marcuse veröffentlichte zwei Jahre später seinen ersten Aufsatz in der Zeitschrift. Zu diesem Zeitpunkt hatte Löwenthal bereits drei veröffentlicht, unter anderem seinen wichtigen Aufsatz Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur.13 Als Adorno in den Institutsangelegenheiten bedeutender wurde und Horkheimers Vertrauen als dessen wichtigster theoretischer Mitarbeiter gewann, sah sich Marcuse zunehmend an den Rand gedrängt.14 Letztendlich wurde er aus dem Gemeinschaftsprojekt ausgeschlossen, das dann in der Dialektik der Aufklärung mündete.

Obwohl Marcuse und Löwenthal in der interdisziplinären Organisation des Instituts unterschiedliche Aufgaben zugewiesen wurden, trugen sie zur kollektiven Entwicklung der Kritischen Theorie bedeutend bei. Sie teilten beide ein starkes Interesse an ästhetischen und kulturellen Fragen. Ihre Freundschaft vertiefte sich während der Zusammenarbeit des Instituts mit der Columbia University in New York, die aber schon Anfang der 1940er Jahre langsam nachließ.15 Nach einem Jahr, das Marcuse mit Horkheimer, Pollock und Adorno in Los Angeles verbrachte, während Löwenthal an der Ostküste blieb,16 wurde ihre Beziehung nach der Rückkehr nach Washington erneuert. Dort arbeiteten beide in den amerikanischen Organisationen, die das nationalsozialistische System analysierten. Marcuse war zusammen mit Neumann und Otto Kirchheimer im Büro für strategische Angelegenheiten, während Löwenthal, der seine Kollegen im Office of Strategic Service (OSS) beneidete, für das Büro für Kriegsinformationen, das Office of War Information (OWI), arbeitete17. Als Horkheimer, Adorno und – mit einiger Zurückhaltung – Pollock nach dem Krieg nach Frankfurt zurückkehrten, blieben Marcuse und Löwenthal in den Vereinigten Staaten. Letztendlich lehrten beide an der University of California, Löwenthal in Berkeley und Marcuse in San Diego.

In dieser Zeit entdeckte die Neue Linke auf beiden Seiten des Atlantiks das Erbe der Kritischen Theorie und Marcuse erlangte als kritischer, aber auch solidarischer Vertreter der Bewegung der revoltierenden Jugend Ende der 1960er Jahre internationalen Ruhm18. Ab den 1970er Jahren vertiefte sich ihre enge Verbindung. Marcuse schrieb 1970 eine glühende Einführung für eine neue Ausgabe von Löwenthal und Gutermans Prophets of Deceit, in der Marcuse die Relevanz des Buches für das Amerika dieser Zeit betonte (eine Behauptung, die nach fünfzig Jahren immer noch aktuell erscheint)19. Löwenthal gab Marcuse Unterschlupf in seinem Sommerhaus in Carmel Valley, Kalifornien, als Rechtsextremisten und der Ku-Klux-Klan Marcuses Leben mit Morddrohungen bedrohten. Beide drückten ihre Solidarität mit den Frankfurter Studenten aus. Die Revoltierenden kritisierten Horkheimers und Adornos Ambivalenzen gegenüber deren Aktionen und forderten, die militanten Implikationen der klassischen Kritischen Theorie zu verwirklichen.

Marcuses und Löwenthals jahrzehntelange Freundschaft in einer Welt, in der die Integrität anderer traditioneller Werte wie Solidarität und Selbstlosigkeit immer wieder zerstört wurden, zeugt von der bedeutenden Kraft, die von diesen engen Bindungen damals ausging.

Die im Band präsentierten Aufsätze, Kommentare, Primärtexte und Briefe zeigen die persönliche Zuneigung der beiden in den Staaten verbliebenen Theoretiker. In den vielen verschiedenen Anreden und Abschiedsgrüßen der Briefe, die im Laufe der Jahrzehnte ausgetauscht wurden – »Untier«, »Lieber Vater Marcuse«, »Dear Loontool«, »Dear LL«, »Leochen«, »Dear Herb«, »Leo Dear« –, spüren wir die Wärme, sogar gelegentlich regressive, kindliche Freundschaft, die ihren zwischenmenschlichen Kontakt belebte. In Eros and Civilization lobte Marcuse Friedrich Schillers »Spieltrieb« als Quelle einer utopischen Version von Schönheit und Freiheit, die den instrumentellen Erfordernissen der Arbeit und dem Fetisch der Produktivität entgegengesetzt ist.20 Marcuse und Löwenthal waren engagierte Mitarbeiter bei der Entwicklung der Kritischen Theorie und arbeiteten mit ihren Kollegen zusammen, um die ernsthafte wissenschaftliche Agenda des Instituts umzusetzen und vielleicht letztendlich die Welt zu verändern. Aber in der spielerischen Intimität, die ihre dauerhafte Freundschaft ermöglichte, lag etwas von der Präfiguration der Utopie.

*

Dies ist nicht das erste Mal, dass Peter-Erwin Jansen Materialien aus den Archiven von Marcuse und Löwenthal auswählt und kommentiert. Die Beziehung, die sich zwischen einem literarischen Herausgeber und den im Archiv zurückgelassenen Materialien, die er oder sie sortiert, bearbeitet, zusammenstellt, zur Publikation für andere Wissenschaftler freigibt, kann gelegentlich so emotional sein, dass dies das Interesse der Öffentlichkeit blockiert. Allzu oft kann es zu einer eifersüchtigen Torhüterrolle für den Herausgeber werden, der entschlossen ist, den idealisierten Ruf einer verehrten Figur nicht zu beeinträchtigen. Die Erlaubnis, unveröffentlichtes Material zu lesen, kann verdächtig verweigert werden und möglicherweise werden peinliche Dokumente unter Verschluss gehalten. Das gegenteilige Ergebnis ist auch möglich, wenn der Zugang zu privaten Materialien zeigt, wie viel Ton sich tatsächlich in den Füßen eines scheinbaren Helden befindet, und ein bewundernder Redakteur sich in einen desillusionierten Staatsanwalt verwandelt. Kein Mann ist, wie eine bekannte Formulierung sagt, ein Held für seinen Diener, der mit seiner schmutzigen Wäsche umgehen muss. Aber es ist wichtig, sich auch an Hegels berühmte Korrektur dieses Ausspruchs zu erinnern: »Es ist nicht so, weil Helden keine Helden sind, sondern weil Kammerdiener Kammerdiener sind.«

Ein kluger und rücksichtsvoller Redakteur wird die Extreme zwischen einer Idealisierung der Helden und des desillusionierten Zynismus eines Kammerdieners vermeiden. Er oder sie wird die Werke, die das anhaltende Interesse an einem Autor rechtfertigen, sorgfältig auswählen und präsentieren, während die allzu menschlichen Eigenschaften, die ungefilterte Archivunterlagen offenbaren könnten, sensibel kommentiert werden. In den Fällen von Marcuse und Löwenthal erfordert dies auch die Geduld und Standhaftigkeit, um etwa 40.000 Seiten des Ersteren und 75.000 Seiten des Letzteren im Archiv in Frankfurt durchzulesen.21Im Laufe der Jahre wurden die Mitglieder der Frankfurter Schule von Redakteuren gut betreut, die eine Vielzahl unveröffentlichter Materialien zur Verfügung gestellt und sorgfältig ediert haben. Seit Adorno und Gershom Scholem in den 1960er Jahren bei der ersten Ausgabe von Benjamins ausgewählten Werken zusammengearbeitet haben, haben die »Frankfurter« von der intimen Kenntnis nicht nur der Texte, sondern auch der darin enthaltenen Ideen profitiert, die von ihren Herausgebern publiziert wurden.

Allerdings wurden die Ergebnisse, wie auch das Beispiel der Adorno-/Scholem-Ausgabe von Benjamin zeigt, nicht immer allgemein anerkannt, insbesondere von jenen, die politische Motive für redaktionelle Entscheidungen unterstellten.22 Solche Anschuldigungen konnten jedoch einer genauen Prüfung nicht standhalten, und im Großen und Ganzen sind ihre Nachlässe nicht unbeachtet geblieben. Jetzt wird erkennbar, dass die immer noch wachsende internationale Rezeption der Frankfurter Schule nur durch die außerordentlichen Bemühungen von Rolf Tiedemann, Alfred Schmidt, Gunzelin Schmid Noerr, Robert Hullot-Kentor, Helmut Dubiel und Douglas Kellner ermöglicht wurde, um nur einige herausragende Beispiele zu nennen. Sie waren nicht nur die Vermittler zwischen dem Archivprotokoll und der öffentlichen Rezeption der Figuren, deren Werke sie sorgfältig bearbeitet haben, sondern sie haben auch maßgeblich zur Interpretation der Hinterlassenschaften beigetragen, für deren Bewahrung sie so viel getan haben. Peter-Erwin Jansen ist ein würdiges Mitglied ihres angesehenen Unternehmens.

1 Übersetzung von Peter-Erwin Jansen. Für die Unterstützung bedanke ich mich herzlich bei Harold Marcuse.

2 Habermas (2019).

3 Habermas (1985).

4 Richter (2007).

5 Adorno (1951).

6 Diese Formulierung stammt von Christopher Lasch (1995): Haven in a Heartless World: The Family Besieged, New York. Die problematische Geschlechterdynamik der patriarchalischen Familie und deren Erosion wurde von denjenigen betrauert, die diese Dynamik nur unzureichend erkannten. Horkheimers ambivalente Bemerkungen zur Verbreitung der Geburtenkontrolle bei Frauen veranschaulichten die Gefahren einer solchen Position. Siehe auch: Horkheimer, Max (1970): Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen, Hamburg, S. 74.

7 Explizit behandelt Siegfried Kracauer das Thema Freundschaft in: Über die Freundschaft, Frankfurt a. M. 1917/18. Zur Diskussion über die Bedeutung für »rechte Denker« siehe: Bures, Eliah Matthew (2014): Fantasies of Friendship: Ernst Jünger and the German Right’s Search for Community in Modernity, Ph. D. Dissertation, U. of California, Berkeley.

8 Vgl. Emer (2015) und Lenhard (2019).

9 Lenhard/Pollock (2019), S. 41.

10 Kracauers Beziehungen zu Adorno und Löwenthal zeigen dies am deutlichsten. Siehe dazu: Martin Jay (2003), ders. (2005) und ders. (2018).

11 Die kulturelle Bedeutung homosozialer Beziehungen im Gegensatz zu homosexuellen Beziehungen wurde erstmals herausgearbeitet bei Kosofsky Sedgwick, Eve (1985): Between Men: English Literature and Male Homosocial Desire, New York. Solche Beziehungen bestehen sowohl zwischen Frauen als auch zwischen Männern. Aber die führenden Persönlichkeiten des Instituts waren alle Männer. Gelegentlich wird argumentiert, dass Frauen als Vermittler von Begierden im homosozialen Bereich zwischen Männern auftreten, eine Behauptung, die die Rolle von Inge Werner Neumann Marcuse neu beleuchten könnte. Laut Sohn Thomas, der später den Namen Osha annahm, haben DNA-Tests bewiesen, dass er tatsächlich Marcuses leiblicher Sohn war, der gezeugt wurde, als sie mit Neumann verheiratet war. Vgl. Defender of the Homeless, The San Francisco Chronicle, 16. Juni 2019.

12 Adorno, der erst 1938 emigrierte, war in diesen Jahren kein vollwertiges Mitglied des Instituts.

13 Löwenthal (1932/1980), S. 309–328.

14 Adornos negative Einstellung gegenüber Marcuse war bereits bekannt, so in seinem Brief vom 15. Mai 1935 an Horkheimer, worin er über Marcuse urteilt, er halte ihn »für einen durch Judentum verhinderten Faszisten«, der aus dem Institut geworfen gehöre. Vgl. Horkheimer (1995), S. 347. Siehe auch: Adorno an Walter Benjamin vom 25. April 1937, als er Marcuses Aufsatz Über den affirmativen Charakter der Kultur als »mäßig«, »mit Weimarer Bildungsstoff aufgefüllt« und als Arbeit eines »fleißigen Oberlehrers« beschreibt. In: Adorno/ Benjamin (1994), S. 235/236. Dort finden sich ebenfalls abwertende Äußerungen gegenüber Löwenthal und Fromm.

15 Vgl. Thomas Wheatland (2009), Kapitel 2.

16 Löwenthal (1987), S. 82.

17 Vgl. Katz (1989), Kapitel 2 und Neumann/Marcuse/Kirchheimer (2016).

18 Zur amerikanischen Rezeption dieser Jahre siehe: Robert Zwarg (2017).

19 Löwenthal/Guterman (1949/1970). Vorwort Marcuses übersetzt aus dem Englischen und mit einer ausführlichen Einleitung, Jansen, P.-E. (1993), S. 40–42.

20 Vgl. Marcuse (1967), Kapitel 9.

21 Angaben von Jochen Stollberg, Nachlass Leo Löwenthals im Archivzentrum der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a. M., in: Jansen (2000) (Hrsg.), S. 175.

22 Vgl. hierzu: Heissenbüttel, Helmut (1967): Vom Zeugnis in Fortleben der Briefe, Merkur 21. Dies war der erste Teil einer Reihe von Kritiken, die hauptsächlich in der radikalen Zeitschrift Alternative (Berlin) auftauchten. Einen weiteren Angriff aus einer anderen Perspektive löste Hannah Arendt aus. Vgl. Müller-Dohm (2011).

Teilweise unveröffentlichte Fotos1

Herbert Marcuse und Leo Löwenthal im Sommer 1934.

Herbert Marcuse. In Marcuses Album steht unter dem Foto: »Horkheimers Hund. 1934, Genf«.

Von links nach rechts: Peter Marcuse, Leo, Golde und Daniel Löwenthal sowie Sophie Marcuse. Die beiden anderen Personen konnten nicht ermittelt werden. Vermerk im Album: »Genf, Route des Ferney 1934«.

Golde, Daniel und Leo Löwenthal, ca. 1942/1943.

Herbert, Sophie und Peter Marcuse, ca. 1942/1943.

Sophie, Herbert und Peter Marcuse, ca. 1934.

Herbert Marcuse, ca. 1935.

Daniel und Golde Löwenthal.

Leo, Golde und Daniel Löwenthal, ca. 1937.

Leo und Golde Löwenthal, ca. 1936.

Peter Marcuse und Daniel Löwenthal, Genf 1933.

Herbert und Sophie Marcuse auf der Reise nach Los Angeles, 1934.

Sophie und Herbert Marcuse 1934, Reise nach Los Angeles.

Herbert und Peter Marcuse, ca. 1974.

Leo Löwenthal und Herbert Marcuse zu Beginn der 1970er Jahre.

Herbert Marcuse und Leo Löwenthal, ca. 1977.

1 Bis auf die beiden Fotos, die Marcuse und Löwenthal in den 1970er Jahren zeigen, sind alle Fotos aus dem Privatalbum von 1933/34 von Herbert Marcuse. Die Rechte der Fotos liegen bei Peter und Harold Marcuse sowie bei Peter-Erwin Jansen.

Brutale Pragmatiker und zynische SachlichkeitMarcuses Analysen über Nazideutschland

Peter-Erwin Jansen

Die sozialpsychologische Studie Der autoritäre Charakter. Studien über Autorität und Vorurteil des Instituts für Sozialforschung orientiert sich an der Erscheinungsform des sich in Europa ausbreiteten Faschismus der 1930er Jahre. Weitere wichtige Mitarbeiter waren Daniel J. Levinson, R. Nevitt Sanford und die im polnischen Lemberg geborene, in Wien ausgebildete Psychologin und Psychoanalytikerin Else Frenkel-Brunswik. Sie lehrte bis zu ihrem Tod 1958 in Berkeley.

Adorno sah im Nationalsozialismus eine »kleinbürgerliche Massenbewegung« und stellte davon ausgehend die Hypothese auf, »dass die Anfälligkeit für faschistische Propaganda weniger mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen per se zusammenhänge, sondern dass solche Meinungen als Reaktionen auf psychische Bedürfnisse zu verstehen seien«.1

Daraus resultierend ging es den an der Studie beteiligten Wissenschaftlern nicht alleine um eine Enthüllung autoritärer Persönlichkeitsstrukturen, sondern um die Analyse potenziell faschistischer Einstellungen, die auch unter nicht-totalitären – also durchaus auch demokratischen – gesellschaftlichen Bedingungen überdauern und unter bestimmten Veränderungen dieser Gesellschaften ähnliche Einstellungen erneut freilegen können. Was hier als Charakter benannt ist, meint nicht eine unveränderbare Konstante, die, wie es heute in ideologischer Absicht heißt, als »bestimmter Charakterzug einer Volksgruppe« angesehen wird. Was Adorno anspricht, ist ein dynamischer, sich unter bestimmten sozialen Bedingungen verändernder Begriff der Persönlichkeitsstruktur, die auf eine autoritäre Grundhaltung treffen kann. Erst in ständiger Wechselbeziehung von gesellschaftlichen Einflüssen, biografischen Brüchen und gruppenspezifischen Orientierungen etablieren sich individuelle Einstellungen, Meinungen, Haltungen und Wertvorstellungen. Diese werden umso stärker in »autoritäre« Bahnen gelenkt, je früher sich die eigene Persönlichkeitsentwicklung mit fest gefügten Bildern und Vorurteilen abschottet gegen einen offenen Erfahrungshorizont, der darüber die eigenen Veränderungen als Teil seiner Persönlichkeitsentwicklung zulassen könnte und diese Veränderungen dann nicht als Bedrohung empfindet.

Gegenteiliges findet aber statt, wenn das Individuum eine übermäßige und überhöhte Identifikation mit der eigenen Gruppe gegenüber einer »Fremdgruppe« als Sinnersatz für drohenden Werteverfall oder für einfache Deutungsmuster einer konfliktreichen »flüchtigen Moderne« (Zygmut Baumann)2 einsetzt. Abschottung wird zur Überlebensfrage. Ein Instrumentarium, welches schnell und unkompliziert dabei hilft, ist das Vorurteil. Es erhält eine alles erklärende Kraft und verfestigt irreale Annahmen zu leicht einsetzbaren Sinnkrücken und Erklärungsstützen für reale Missstände. Die Tatsache der leichten und leichtfertigen Verallgemeinerung mithilfe des Vorurteils etwa gegen die Juden ist allein durch (negative) individuelle Erfahrungen nicht zu erklären. Adorno schreibt: »Die objektive Situation des Individuums kommt als Ursprung solcher Irrationalität kaum in Frage«. Obwohl die Erforschung antisemitischer Stereotypen und Vorurteile einen großen Teil der Studie einnimmt und von den ersten Resultaten des »Antisemitismus-Projekts« der Berkeley-Gruppe um Levinson und Sanford bereits unterfüttert war, blieb die Studie nicht auf die Erforschung des antisemitischen Vorurteils beschränkt. Untersucht wurden minoritätenfeindliche Vorurteile, die sich zu ideologischen und charakterologischen Dispositionen verdichten.3

Lügenpropheten – Prophets of Deceit

Nun bedarf es derjenigen politischen Propagandisten oder Demagogen, die genau diese Dispositionen ansprechen. Wer ist das? Wie geschieht das? Welche Tricks wenden sie an? Auf welche Voreinstellungen und Grundhaltungen ihrer Gefolgschaft treffen sie real? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der fünfte Band der Studie Prophets of Deceit, der von Leo Löwenthal und Norbert Guterman im Zusammenhang mit den oben erwähnten Vorurteilsstudien erstellt wurde.

Gesellschaftspolitische Defizite können individuelle Leiderfahrungen hervorbringen, die Stabilität des Individuums bedrohen und sich als Unzufriedenheit bis hin zur Gewalt gegen Minderheiten äußern. Nun geht es dem politischen Propagandisten nicht darum – so Löwenthal –, »das Wesen der besagten Unzufriedenheit rational zu definieren. Vielmehr versucht er jede bei seinem Publikum existierende Desorientierung zu bestärken, indem er alle rationalen Demarkationen verwischt und stattdessen spontane Aktionen vorschlägt«. Diese »spontanen Aktionen« sind umso erfolgversprechender, je klarer zu erkennen ist, gegen wen sich die Aktion richten soll.

Der »Lügenprophet«, so die Verfasser, reduziere politische und gesellschaftliche Missstände oder soziale Verwerfungen auf ethnische Gruppen, auf personifizierte Feinde. Er betont mantraartig die »notwendige Eliminierung von Personen«, aber nicht die Veränderung der gesellschaftlichen Ursachen. Dort also, wo nach einem »Was ist schuld an der Misere?« gefragt werden müsse, stellen die Demagogen die immer wiederkehrende rhetorische Frage »Wer ist schuld an der Misere?«. Und die Propheten der Täuschung antworten am lautesten: »Wir wissen, wer schuld ist, lasst uns nur machen.« Die Personifizierung des Unbehagens an den herrschenden Verhältnissen löst sich so von der politischen Kritik und der rationalen Argumentation ab und der Gedanke über die politischen und ökonomischen Ursachen tritt völlig in den Hintergrund. An die Stelle rationaler Argumentation über soziale Probleme tritt eine scheinbar einhellige Meinung über die Schuldigen, die schnell von allen geteilt werden kann. An diesem Punkt treffen sich Propaganda und Machtwille des Agitators mit seiner Gefolgschaft. Löwenthal schreibt: »Die Anklagen [des Agitators] beziehen sich zwar auf eine soziale Wirklichkeit, aber nicht in der Form rationaler Begriffe.«4

Diese emotionalen Sedimente weiß der Agitator besonders in gesellschaftlichen Krisensituationen für seine Zwecke zu nutzen. Er aktiviert, spielt mit individuellen Angstgefühlen, die längst zum Grundbestand des Lebens in modernen kapitalistischen Gesellschaften gehören. Heute sprechen wir von »Entsolidarisierung, von sozialer Entgrenzung, von Exklusion«.5

Löwenthal nennt diesen Zustand des Menschen im heutigen Dasein: »das große Unbehagen«. Die Mobilisierung der Ängste unter den sich rasant verändernden Lebensumständen und globalen Entwicklungen, ist ein zentrales Motiv der Propaganda. Dem Agitator liegt daran, die Ängste und die Enttäuschungen an die Oberfläche der Unzufriedenen zu spülen, um sie aus ihrer Passivität zu lösen und sie als Instrument gegen die scheinbaren Verursacher zu mobilisieren. Aus Ängsten aufgrund einer unsicheren Situation kann Hass werden auf die scheinbaren Verursacher, die an der eigenen Misere schuld sein sollen. Der Agitator erzeugt das Unbehagen zwar nicht, »aber er verstärkt und verfestigt es, weil er den Weg zur Überwindung der Ursachen versperrt«. Die individuelle Enttäuschung über die vom System vorgegaukelten Glücksversprechen wird gewendet in die gesellschaftliche Lossagung von geteilten Werteorientierungen, gedeutet als Zerfall und Auflösung von quasi naturgesetzlichen Zusammenhängen, die nur zum Abgrund führen können. Daher setzt der Agitator gar nicht auf wirkliche Alternativen, sondern er »verkündet den Untergang«.6

Die scheinbare Alternative, die er formuliert, beschränkt sich auf ein Entweder-oder. Sie ist nur eine scheinbare, da die Grundprinzipien menschlichen Zusammenlebens reduziert werden auf ein Gegeneinander und nicht auf ein Miteinander. Das ist aber eine unhintergehbare Konstante für friedfertige Gesellschaften und ein grundlegender normativer Wert, der »soziale Kitt« (Adorno), der eine heterogene Gesellschaft zusammenhält: gegenseitige Anerkennung als Form gerechter, gleichberechtigter und materieller Partizipation.

In der Propagandasprache, so interpretieren die Autoren, seien widersprüchliche gesellschaftliche Verhältnisse so nachhaltig auf die individuell erfahrene Erniedrigung reduziert, dass nur ein autoritärer Befreiungsschlag einen Sieg im Kampf um das Überleben sichern könne. Das verspricht der Agitator und er weiß auch, gegen wen sich das zu richten hat. Daher nimmt die Beschreibung eines Feindbildes in der politischen Agitation einen solch zentralen Stellenwert ein. Die vermeintlichen Einwanderer, Andersgläubige, Fremde, Flüchtlinge, Menschen, die nicht ins Bild der Heteronormativität passen, seien verantwortlich für Gottlosigkeit, moralischen und geistigen Zerfall, für das Auflösen der natürlichen Volksgemeinschaft, wie es auch heute in der neonazistischen und fremdenfeindlichen Propaganda rechtsextremer Gruppen und deren verlängertem parlamentarischen Arm heißt.7

Der Agitator vermeidet jedoch das Wort »Ausgrenzung«. Er spricht von notwendiger Säuberung, oder wie Löwenthal es nennt: von »häuslicher Reinigung«, die an den alltäglichen Hausputz erinnere, der schließlich in jedem ordentlichen Haushalt notwendig ist. Hier trifft die Propaganda auf die Alltagssprache, die weiß, was das bedeutet. Was der politische Agitator zur Behebung der Misere vorschlägt und seinem Publikum bildhaft vermittelt, sind nicht selten handfeste Aktionen. Sie kommen in solchen Metaphern wie »wegwerfen, rausschmeißen, beseitigen« zum Ausdruck und suggerieren die Notwendigkeit, das Heft nun selbst in die Hand nehmen zu müssen. Nur wenn die vermeintlich Schuldigen vertrieben, eliminiert sind, ist der »Feind« besiegt.

Löwenthal notiert Zitate aus verschiedenen Reden der Demagogen: »Alle Flüchtlinge […] müssen in die Länder zurückkehren, aus denen sie kamen« und »alle Ausländer und ehemaligen Ausländer müssen deportiert werden«.

Das klingt heute allzu bekannt, auch wenn sich verschiedene rechtsradikale Demagogen mittlerweile um eine moderatere Sprache bemühen und die Feinde vielfältiger geworden sind. Heute sind es nicht nur Juden und Muslime. Es sind Menschen, die nicht in das stromlinienförmige, einfache Weltbild einer wie auch immer »ursprünglichen Zugehörigkeit« zum deutschen Volk passen. Und ich möchte hinzufügen: Wer der Meinung ist, rassistische Hetze, rassistische Gewalt, gar Morde träfen uns alle, hat nicht verstanden, was Rassismus ist. Es trifft nicht uns alle, sondern Menschen, die sich von diesem konstruierten alle in Hautfarbe, Kultur, Religion, sexueller Orientierung unterscheiden! Die zerstörerische Missachtung, dass Menschen durchaus unterschiedlich sind und anders leben, betrifft eben nicht alle!

Als Juden und kritische Intellektuelle wurden Marcuse, Löwenthal, Adorno, Horkheimer und andere Mitarbeiter des Instituts von den Nazis 1933 zur Flucht und ins Exil gezwungen. Die Columbia University in New York war die erste Station in den Staaten. Ebenso für Hannah Arendt, die Beobachterin des Eichmann-Prozesses 1961 in Israel, den sie analysierend zusammengefasst hat in ihrem nicht unumstrittenen Band Die Banalität des Bösen. Sie schreibt in ihrem 1943 publizierten Aufsatz Wir Flüchtlinge: »Als Flüchtling hatte bislang gegolten, wer aufgrund seiner Taten oder seiner politischen Anschauungen gezwungen war, Zuflucht zu suchen. Es stimmt, auch wir mussten Zuflucht suchen, aber wir hatten vorher nichts begangen, und die meisten unter uns hegten nicht einmal im Traum irgendwelche radikalen politischen Auffassungen. Mit uns hat sich die Bedeutung des Begriffs ›Flüchtling‹ gewandelt. ›Flüchtlinge‹ sind heutzutage jene unter uns, die das Pech hatten, mittellos in einem Land neu anzukommen, und auf die Hilfe der Flüchtlingskomitees angewiesen waren.«8

Knapper werdende Finanzmittel Ende der 1930er Jahre erfordern von den Institutsmitarbeitern, sich nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten in amerikanischen Arbeitszusammenhängen umzusehen. Horkheimer und Adorno verlassen New York 1940 in Richtung Westküste nach Los Angeles. Dort beginnen sie mit ihrer Gemeinschaftsarbeit Dialektik der Aufklärung, präziser formuliert, mit der Arbeit zu Elemente des Antisemitismus.

Enttäuscht darüber, dass Marcuse nicht in der Nähe der Verfasser der Dialektik der Aufklärung in Kalifornien bleiben kann, geht er Ende der 1930er Jahre nach Washington, wo Franz Neumann bereits beim Office of Strategic Services (OSS) arbeitete.9 Dort nimmt Marcuse, vermittelt durch Löwenthal, erst eine Stelle im Office of War Information (OWI), dann ein Jahr später (1941) im OSS an. Mit Neumann erarbeitet er dort den Text Staat und Individuum im Nationalsozialismus. Die Verfasser deuten die Zustimmung weiter Teile der deutschen Bevölkerung zum Nationalsozialismus zentral unter zwei Aspekten: Zum einen biete das NS-System eine neue »wirtschaftliche Sicherheit« und zum anderen ein »Zugehörigkeitsgefühl«, das sich gerade in den Umbrüchen der Weimarer Zeit diffus aufzulösen schien. »Die individuelle Freiheit der präfaschistischen Ära war für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung gleichbedeutend mit ständiger sozialer Unsicherheit. Seit 1923 hatte es keine Versuche mehr gegeben, eine wirklich demokratische Gesellschaft zu etablieren. Stattdessen breiteten sich Resignation und Verzweiflung aus. Kein Wunder, dass die Freiheit nur allzu bereitwillig für ein System eingetauscht wurde, das allen deutschen Familien ein sicheres Leben versprach. Der Nationalsozialismus verwandelte das freie in das wirtschaftlich abgesicherte Subjekt, und an die Stelle des gefährlichen Ideals der Freiheit trat die schutzversprechende Realität der sicheren Existenz.«10

Das OSS war eine Forschungsgemeinschaft exilierter Wissenschaftler, meist aus Europa, die das nationalsozialistische Deutschland, dessen Ideologie und Propaganda, gestützt auf Antisemitismus, Rassismus und Ariertum, die Verwobenheit von Politik, Wirtschaft, Militär und Recht – hier zu nennen Franz Neumanns Werk Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944