Über wahre Größe - Rob Riemen - E-Book

Über wahre Größe E-Book

Rob Riemen

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Beschreibung

Was ist wahre Größe? Weltweit erleben wir eine Zeit der Unsicherheit, politischer Extreme und sozialer Spannungen. Doch gibt es in der Geschichte Menschen, die wahre Größe gezeigt haben – nicht durch Macht oder Ruhm, sondern durch ihr unerschütterliches Engagement für Menschlichkeit. Rob Riemen, einer der führenden Intellektuellen Europas, erzählt in "Über wahre Größe" die Geschichten solcher Persönlichkeiten und zeigt, dass Hoffnung und Humanismus die Antwort auf unsere größten Herausforderungen sind. In vier Essays verbindet er die Ideen von Denkern wie Thomas Mann, George Orwell und Simone Weil und ruft dazu auf, sich wieder dem echten europäischen Humanismus zu widmen. Sein Werk ist eine inspirierende Mahnung an unsere Gesellschaft, die wahre Größe nicht in Zahlen und Macht, sondern in Werten wie Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit zu suchen. Kernthesen des Buches: - Wahre Größe entsteht nicht durch Macht, sondern durch moralische Integrität - Der europäische Humanismus ist die beste Antwort auf politische Extreme - Geschichte lehrt uns, dass Worte Krieg und Faschismus besiegen können

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Rob Riemen

Über wahre Größe

»Wahre Größe entsteht nicht durch Macht, sondern durch moralische Integrität.«

Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten

Das Original erschien 2025 in den Niederlanden unter dem Titel Het woord dat de dood verslaat bei Uitgeverij Balans

Der Verlag bedankt sich herzlich für die Unterstützung durch die Niederländische Stiftung für Literatur.

1. eBook-Ausgabe 2025

1. Auflage

© Rob Riemen, 2025

© 2025 der deutschen Ausgabe Europa Verlagin der Europa Verlage GmbH, München

Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Layout & Satz: Margarita Maiseyeva

Redaktion: Silwen Randebrock

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 978-3-95890-657-0

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Ansprechpartner für Produktsicherheit

Europa Verlage GmbH

Monika Roleff

Johannisplatz 15, 81667 München

Tel.: +49 (0)89 18 94 733-0

E-Mail: [email protected]

www.europa-verlag.com

Was du ererbt von deinen Vätern hast

Erwirb es, um es zu besitzen.

Goethe, Faust I

Zum Gedenken an meine Freunde und Lehrmeister

Elisabeth Mann Borgese

(1918–2002)

Jacqueline de Romilly

(1913–2010)

George Steiner

(1929–2020)

Adam Zagajewski

(1945–2021)

Inhalt

Prolog

Eine Lebenslehre

Die Fahne der Hoffnung

Lesen und die Kunst des Lebens

Utopist in dystopischen Zeiten

Prolog

Dem aufmerksamen Beobachter ist bereits aufgefallen, dass sich aus den Kulissen des Welttheaters ein immer länger werdender Schatten wie ein dunkler Fleck über die Bühne ausbreitet. Und mit dem Längerwerden des Schattens nimmt auch der Tumult zu. Zunächst wie ein unbestimmtes Rumoren in der Ferne, doch zunehmend eindeutig ein immer lauter werdendes Jubeln. Dann, mit einem Mal, verschwindet der Schatten! Im grellen Scheinwerferlicht, unter ohrenbetäubendem Beifall der Massen, erscheint da plötzlich eine unverwechselbare Gestalt: die Größe. So alles beherrschend, so dominierend ist sie, dass kaum noch Raum für irgendetwas anderes bleibt. Alles steht unter dem Zeichen von Größe.

So braucht es denn auch nicht zu verwundern, dass anno 2025 eine Parade von Bewunderern von Größe aus den Kulissen hervortritt, die ihr Land wieder groß machen wollen. Von rechts, allen voran, stolzgeschwellt Donald J. Trump. Hinter seiner breiten Figur der kleine Putin, auf Schuhen mit erhöhten Absätzen, um zumindest ein wenig größer zu wirken, dicht gefolgt vom Ungarn Orbán, dessen Jackett bedenklich um den mächtigen Bauch spannt. Ihnen folgt Erdoğan, zu diesem festlichen Anlass mit Fez auf dem Kopf, sich deutlich unwohl fühlend angesichts von Benjamin Netanyahu mit seiner Kippa direkt hinter ihm. Wiederum dahinter im königlichen arabischen Gewand der stets lächelnde Mohammed bin Salman al-Saud, besser bekannt als Kronprinz MBS, und der streng dreinschauende General Abd al-Fattah as-Sisi aus Ägypten. Noch zahlreiche Figuren ergänzen den Zug, nicht alle wirklich berühmt, mit Ausnahme von Narendra Modi in seiner traditionellen indischen Tracht und Madame le Pen, die strahlt wie ein Honigkuchen, in dieser Reihe großer Namen paradieren zu dürfen. Von links kommt ziemlich hölzern Xi Jinping angestakst, direkt gefolgt vom kugelrunden Kim Jong-un mit seiner finster dreinblickenden Schwester Kim Yo-jong. Hinter ihnen, als wären sie ein Paar, Maduro aus Venezuela und Claudia Sheinbaum aus Mexiko, selbstbewusst neben ihm herschreitend, und wiederum dahinter, in kernigen Cowboystiefeln mit wildem Haarschopf Javier Milei aus Argentinien.

Noch unzählige andere schieben sich auf die Bühne, doch schon wird unsere Aufmerksamkeit von etwas anderem in Anspruch genommen: einer Hochmesse, die Größe zur Anbetung ihrer Gottheit veranstaltet, der Gottheit der Großen Zahl, der alles und jeder zu huldigen habe.

Begeistert drängen Influencer nach vorn und verbeugen sich tief vor der Gottheit, haargenau wissend, dass sie ihre Bedeutung einzig und allein ihr zu verdanken haben. In und neben der Gruppe natürlich eine Reihe arrivierter Stars, die sich nachdrücklich von jenen zu distanzieren versuchen, die bisher noch nicht mehr sind als reine Produkte ihres Mediums. Wenig überraschend sehen wir Ökonomen und Bankiers sich ebenfalls untertänig vor dem Zahlengott verneigen, der Gottheit, die sie ehrfürchtig Mammon nennen. Im bunten Zug der Anbetenden nähert sich dem Altar eine seltsame Gruppe von Menschen, die, wie zur besonderen Verehrung, jeder ein Schild emporhalten, auf dem in dicken Lettern geschrieben steht: TOP. Feierlich ist der Auftritt jener, die sich als die politische und gesellschaftliche Elite begreifen und vor dem Altar ihr Credo wiederholen, dass alle Erscheinungen der Welt sich auf Zahlen zurückführen lassen, ja, dass die Große Zahl das Beste überhaupt sei und jeder sich ihr zu unterwerfen habe. Das Publikum reagiert beinah ekstatisch, als mit großem Elan Elon Musk die Bühne betritt, spaßeshalber (oder ist es sein Ernst?) gehüllt in ein Superman-Outfit mit einem extra großen X vorne drauf. Ein wenig ärmlich dagegen das Kostüm Marc Zuckerbergs, der – auch aufgrund seiner schmächtigen Körperstatur – aussieht wie Robin, der Sidekick von Batman. Jeff Bezos, der in Sachen Originalität nicht hinter Musk zurückstehen möchte, hat sich – inspiriert von dem Werk, dessen Lektüre ihm einst das größte Vergnügen bereitete – in das rote Jackett mit schwarzem Zylinder von Dagobert Duck hineingezwängt, selbst das Brillengestell seines großen Helden dabei nicht vergessend!

Inzwischen sehen wir Größe, je nach Bedarf, immer neue Gestalten annehmen: Mal glänzt sie in grellen, fast blendenden Farben als Macht, dann wieder erscheint sie als Zwangsherrschaft, als Imperium oder als Krösus.

So begeistert jubelt die wild enthusiastische Menge der großen Show zu, dass wir erst nach einer Weile bemerken, dass zur Linken der Bühne eine Frauengestalt uns eindringlich zu sich heranwinkt. Etwas näher gekommen, sehen wir eine junge, magere Frau im einfachen Flanellkleid. Sie trägt schwarze Locken und blickt freundlich durch eine ziemlich große, ovale Brille. Sobald wir jedoch nahe genug sind, um sie auf Französisch zu uns sprechen zu hören, erkennen wir unzweifelhaft ein Phantom, oder genauer: den Geist der brillanten französischen Philosophin Simone Weil, die mit gerade einmal vierunddreißig Jahren im August 1943 verstarb.

»Pourquoi vous êtes ici?«, rufen wir erstaunt. »Warum sind Sie hier?«

»À cause de vous«, ist ihre Antwort. »Wegen Ihnen!« Und hastig fügt sie hinzu: »Ich bin nicht allein gekommen, und uns bleibt nicht viel Zeit, um aus dem Schattenreich hier auf der Weltbühne zu erscheinen. Hören Sie!« Und mit einem Nicken Richtung Größe: »Il est faux! Er ist Fake!«

»Größe ist Fake?«

»Völliger Fake! Lug und Trug! Es gibt wahre und falsche Größe, und der da, auf der Weltbühne, mit seiner Hochmesse für die Große Zahl ist nichts anderes als falsche Größe.«

Und mit hoher Geschwindigkeit, sich der kurzen ihr zur Verfügung stehenden Zeitspanne bewusst und dabei sich bisweilen verhaspelnd, erzählt sie, wie sie einige Monate vor ihrem Tod, in den ersten Monaten des Jahres 1943 in London, auf Bitten des Freien Frankreich unter General Charles de Gaulle unter dem Titel L’Enracinement (Die Verwurzelung) eine Schrift darüber verfasste, was zu geschehen habe, um nach dem Krieg eine neue Gesellschaft aufzubauen …

»Darin erkläre ich Folgendes: Écoutez! Écoutez bien – Hören Sie, hören Sie gut zu«, sagt sie streng und erhebt dabei ein wenig die Stimme. »Die Politik ist zu einer Technik verkommen, Macht zu erringen und zu behalten. Macht jedoch kann nie ein Zweck an sich sein. Sie ist per definitionem ausschließlich ein Mittel. Das aber haben wir vergessen, weil mit unserer intellektuellen Bildung etwas Fundamentales nicht stimmt. Eine geistige Erziehung, die von keinem Gedanken inspiriert ist, keiner Idee einer gewissen menschlicher Perfektion, ist nicht viel wert. Wenn es darum geht, ein ganzes Volk geistig zu bilden, dann ist dies nur möglich durch die Vorstellung von einer idealen gesamten Kultur. Doch dieses Ideal darf man nicht in der Vergangenheit suchen, denn die enthält nur Unvollkommenes. Noch weniger in unseren Träumen von irgendeiner Zukunft, die notwendigerweise ebenso mittelmäßig wie wir selbst sind und infolgedessen – wenig überraschend – dem Vergangenen weit unterlegen. Die Inspiration zu solch einer geistigen Erziehung, wie auch zu ihrer Methode, muss in den ewigen Wahrheiten gesucht werden …«

Aufgrund ihrer Tuberkulose ist Simone Weil immer noch kurzatmig. Einen Moment schweigt sie, um das, was von ihrer Lunge noch übrig ist, zu schonen. Inzwischen schaut sie sich um, ob Größe sie mittlerweile bemerkt hat. Die jedoch, ganz von sich eingenommen, ist hingerissen von dem Spektakel, das sie im Welttheater um sich herum auslöst, und Simone Weils Schatten fällt ihr nicht einmal auf.

Wieder zu Atem gekommen, fährt Simone Weil fort: »Vier Hindernisse trennen die Menschheit von einer wirklich bedeutungsvollen Kultur. Da ist zunächst unsere falsche Vorstellung von Größe, zweitens der Verfall unseres Gerechtigkeitsempfindens. Drittens ist es die Vergötzung des Geldes und viertens, wenn ich so frei sein darf, auch wenn es vielleicht etwas altmodisch klingt: das Fehlen religiöser Inspiration. Unsere falsche Vorstellung von Größe, wie die da drüben«, dabei zeigt sie verächtlich auf die Bühne, »ist von diesen vieren der schwerwiegendste Makel. Hinzu kommt, dass wir uns seiner kaum bewusst sind – ein Makel in uns selbst, diese Vergötzung unwahrer Größe!«

Wieder muss sie kurz innehalten, um in heftigem Ton fortzufahren: »Unsere irrige Auffassung von Größe ist genau die Gleiche wie die, die Hitler sein Leben lang beseelte. Und wenn wir diese nun voller Empörung verurteilen, ohne auch nur einen Moment die geringste Spur davon in uns selbst zu erkennen, werden die Engel nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollen, wenn es überhaupt Engel gibt, die sich für unsere Propaganda interessieren. Schon 1943 habe ich angesichts der diversen Fantasien, wie Hitler am besten bestraft werden könnte – ihn nach möglichst grausamer Folter ermorden, ihn für immer in Isolationshaft einsperren –, erklärt: Das alles wäre für ihn keine Strafe. Sein einziger Ehrgeiz war: in die Geschichte eingehen, und das kann ihm keine einzige dieser »Bestrafungen« nehmen. Wie auch immer man ihn leiden lässt, es wird ihn nicht daran hindern, sich als große Persönlichkeit der Geschichte zu fühlen. Nein! Nur ein einziges Mittel ist wirklich imstande, einen Hitler zu treffen und kleine Jungen in Zukunft davon abzuhalten, in ihrem Hunger nach Größe seinem Beispiel zu folgen, und das ist: die totale Umwandlung unserer Auffassung von Größe. Der Menschheit klarmachen, was wahre Größe bedeutet, und dass ein Hitler davon prinzipiell ausgeschlossen ist.

»N’oubliez pas ça! – Vergessen Sie das nicht!«, hören wir sie noch rufen, während ihr Schatten sich vor unseren Augen auflöst, um ins Schattenreich zurückzukehren.

Wie sie bereits angekündigt hatte, ist Simone Weil in der Tat nicht allein aus dem Reich der Toten gekommen. Daher ist sie noch nicht richtig verschwunden, als auch schon der nächste Verstorbene erscheint, diesmal einer, den wir auf den ersten Blick wiedererkennen. Wie es einem wohlsituierten Bürger geziemt, tadellos in einen schwarzen Anzug mit bordeauxroter Krawatte zu weißem Einstecktuch gekleidet: Thomas Mann, in der Rechten eine vergilbte Zeitschrift mit dem Titel Das Neue Tagebuch.

Auch er scheint sich der knappen Zeit bewusst zu sein, denn nicht weniger eilig als seine Vorrednerin hält er uns seine Ausgabe der Zeitschrift entgegen und erklärt: »Schon 1939 – 1939! – habe ich in dieser Zeitschrift eine Charakterstudie zu diesem feinen Herren veröffentlicht, über den Mademoiselle Weil gerade so eindrucksvoll gesprochen hat. Wer geneigt ist, sich von diesem Größenwahn – denn ein Wahn ist es – blenden zu lassen, der die Welt schon wieder im Griff hält, möge Folgendes wissen: Dieser Mann war ein Mensch erfüllt von unendlichem Ressentiment und abgrundtiefer Rachsucht. Der Bursche war eine Katastrophe, ein totaler Versager und extrem faul – voll störrischen Hochmuts, irgendetwas zu lernen. Nur in einem war er fürchterlich gut: in Demagogie! Die Massen mit seinen hohltönenden Phrasen begeistern und ihnen verheißen, dass er sie, das geschlagene und verachtete Volk, wieder ›groß‹ machen werde. Nehmen Sie sich in Acht, wenn solche Stimmen sich wieder erheben!« Ein kurzes freundliches Nicken, und schon ist auch Thomas Mann, so schnell er kam, wieder verschwunden.

»Imbéciles! Imbéciles!« Wo soeben noch der deutsche Schriftsteller stand, fulminiert jetzt, ebenfalls makellos gekleidet, ein offenbar etwas älterer Mann mit mächtigem Schnauz und dickem, grauem Haarschopf und beschimpft die im Saal immer noch jubelnde Menge als einen Haufen Deppen und Schwachsinniger! Doch diese, von ihrem eigenen Krawall taub und blind, nehmen nichts von ihm wahr. Als er merkt, dass immerhin wir ihm zuhören, wendet er sich an uns. Der Grimm in seinem Blick ist fast verschwunden, und in freundlichem Ton fragt er: »Verstehen Sie diese Leute? Ihre wahnwitzige Verehrung von Größe und Große Zahl? Warum muss ich alles wiederholen, was ich schon 1944 in La France contre les robots (Wider die Roboter) geschrieben habe? Dass die ›Maschinenkultur‹ keine Qualität mehr kennt, nur noch Quantität, weil die Zahlen die Welt regieren. Diese ›Kultur‹ wird niemals die Freiheit verteidigen, weil in ihr nur noch das Geld zählt. Es ist ein Zeitalter, in dem das menschliche Individuum machtlos ist, einem Regime unterworfen, das nur noch nach Effizienz und Profit strebt. Eine Welt, in der nur physische Kraft dominiert, ist abscheulich, aber eine Welt, in der nur die Zahlen regieren, ist unwürdig! Unwürdig, denn sie macht das Individuum zum Sklaven und raubt ihm jedes Gefühl der eigenen Verantwortung. ›Obéissance et irresponsabilité‹ – Gehorsam und Verantwortungslosigkeit –, das sind die zwei magischen Worte, die über dem Tor zum Paradies der Maschinenkultur stehen!«

Mit durchdringendem Blick schaut er uns an und fragt im Ton eines Lehrers, der offenbar ahnt, dass man die nötigen Hausaufgaben nicht gemacht hat: »Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?« Unser betretenes Schweigen sagt ihm genug.

Mürrisch fährt er fort: »Ich bin – ich war – ein Soldat, ein Schriftsteller, und als Schriftsteller ein Soldat gegen das Böse und die Lüge. Als Katholik kämpfte ich gegen alles Falsche und Verlogene am Katholizismus, als konservativer Europäer gegen das Krebsgeschwür des Faschismus, als Franzose gegen alles Heuchlerische und Dumme in Frankreich, als Intellektueller gegen den Hochmut der Intellektuellen und als gläubiger Mensch gegen meine eigene Sündhaftigkeit. Mesdames et Messieurs, voilà: Georges Bernanos! Zig Bücher habe ich geschrieben, zig Romane. Ein Werk wurde von meinem Freund François Poulenc sogar in eine herrliche Oper verwandelt: Dialogues des Carmélites (Gespräche der Karmelitinnen). Aber nun gut, auch Sie kennen mein Werk nicht mehr – schade, sehr schade! Sie könnten immer noch viel daraus lernen. Auch Sie gehören zu den Imbéciles, leider – leben Sie wohl!« Und wie ein Blitz ist der uns unbekannte und offenbar unterschätzte französische Schriftsteller wieder entschwunden.

Gesättigt von all dem Gesehenen und Gehörten wollen wir den Ort des Geschehens gerade verlassen, als ein weiterer Verstorbener die Bühne betritt und uns in wundervollem Englisch fröhlich zuruft: »O please, don’t leave now! I am the last one and I just want to read you a poem of mine. It’s called Ozymandias. So if I may.«

Als er den Namen des Gedichts nennt, wird uns klar, dass es sich bei dem jungen Dichter mit seinem blassen Gesicht und den rotblonden Locken um keinen Geringeren handelt als um Percy Shelley! Trotz seines kurzes Lebens, bereits 1822 als Neunundzwanzigjähriger bei einem Schiffsunglück auf der Heimfahrt nach La Spezia in Italien ertrunken, hat Shelley uns nicht nur eine beeindruckende Menge Gedichte hinterlassen, sondern auch sein Traktat A Defence of Poetry (Verteidigung der Dichtkunst), sein berühmtes Plädoyer für den moralischen Wert der poetischen Einbildungskraft mit der unerbittlichen Schlussfolgerung: »Poets are the unacknowlegded legislators of the world« (Dichter sind die heimlichen Gesetzgeber der Welt). Mit Ozymandias hat der romantische junge Rebell mit seinem Widerwillen gegen jede Form von Tyrannei und Autorität eines seiner berühmtesten Gedichte geschrieben, ein Sonett über die Vergänglichkeit allen Strebens nach dem, was Simone Weil über hundert Jahre später als die falsche Größe beschreiben sollte. Aber hören Sie selbst! Wie ein Lied klingt die melodiöse Baritonstimme von Shelley, während er uns mit Gesten, als würde er sein eigenes Werk dirigieren, vorträgt:

I met a traveller from an antique land,

Who said – Two vast and trunkless legs of stone

Stand in the desert… Near them, on the sand,

Half sunk a shattered visage lies, whose frown,

And wrinkled lip, and sneer of cold command,

Tell that its sculptor well those passions read

Which yet survive, stamped on these lifeless things,

The hand that mocked them, and the heart that fed;

And on the pedestal, these words appear:

›My name is Ozymandias, King of Kings;

Look on my Works, ye Mighty, and despair!‹

Nothing beside remains. Round the decay

Of that colossal Wreck, boundless and bare

The lone and level sands stretch far away.

Ein Wandrer kam aus einem alten Land,

Und sprach: »Ein riesig Trümmerbild von Stein

Steht in der Wüste, rumpflos Bein an Bein,

Das Haupt daneben, halb verdeckt vom Sand.

Der Züge Trotz belehrt uns: wohl verstand

Der Bildner, jenes eitlen Hohnes Schein

Zu lesen, der in todten Stoff hinein

Geprägt den Stempel seiner ehrnen Hand.

Und auf dem Sockel steht die Schrift: ›Mein Name

Ist Ozymandias, aller Kön’ge König: –

Seht meine Werke, Mächt’ge, und erbebt!‹

Nichts weiter blieb. Ein Bild von düstrem Grame,

Dehnt um die Trümmer endlos, kahl, eintönig

Die Wüste sich, die den Koloss begräbt.«

(Übersetzt von Adolf Strodtmann)

Höflich macht der Dichter noch eine Verbeugung, dann winkt er uns zu und entschwindet ebenfalls in das Schattenreich, aus dem er gekommen ist.

Ich überlasse das Welttheater für eine Weile sich selbst. Nach allem, was ich gesehen und gehört habe, empfinde ich nur noch Verlangen nach Stille, Ruhe und Zeit, um darüber nachzudenken, was Simone Weil mit ihrer »wahren Größe« nun eigentlich meinte.

Ein Jahr geht zu Ende – ermüdet von all den Ereignissen, die es inzwischen so zahlreich auf die große Weltbühne gebracht hat. Draußen ist es grau und kalt, drinnen warten, in den Worten des Dichters J. C. Bloem, »Holz für den Ofen, ein Buch und ein Glas Wein.«

Halb eingedöst von der Wärme des Zimmers und der mittlerweile halb ausgetrunkenen Flasche, schrecke ich auf, als plötzlich eine leise Stimme mich anspricht:

»Hallöchen …«

Im Zimmer steht eine schöne junge Frau im roten Kleid mit tiefem Ausschnitt, in dem an einer silbernen Kette eine kleine Perle schimmert. Im halblangen, braunen Haar trägt sie ein schwarzes Band und an den Ohren zwei antike Ringe mit je drei kleinen Diamanten. In der Rechten hält sie ein dickes Buch mit festem Einband.

»Du hast mich gerufen – hier bin ich!«, sagt sie freundlich und blickt mich liebevoll an.

»Gerufen?«

»Natürlich! Du wolltest doch wissen, was wahre Größe bedeutet? Mir ist klar, die meisten Leute glauben nicht mehr, dass es mich gibt, was äußerst schade ist, wo ich doch schon seit Anbeginn der Menschheit existiere. Aber wer, so wie du, sehr wohl noch an mich glaubt, dem erscheine ich, sobald er mich braucht.«

Unschlüssig, ob ich dies alles nur träume, oder ob die Frau hier in Wirklichkeit vor mir steht, rufe ich erstaunt:

»Und Sie sind …?«

»Clio! Die Muse der Geschichte. Vielleicht erkennst du mich nicht, weil ich mich in meiner Kleidung ein wenig deiner Zeit angepasst habe«, antwortet sie lachend. »Aber los, lass mich dir erzählen, was es mit der wahren Größe auf sich hat.«

Jetzt bin ich mir sicher, dass das warme Kaminfeuer, die halbe Flasche Wein und meine Müdigkeit mich in einen Traumzustand versetzt haben. Doch vielleicht ist das, was ich hier träume, weniger seltsam und wahrer als das, was das große Theater der Welt mir soeben präsentiert hat …

»Erklär es mir bitte, Clio, ich höre zu«, erwidere ich.