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Die Literaturgeschichte beweist: Wer übers Schreiben schreibt, schreibt zumeist übers Essen. Konkret: über Wurst. Literatur- und Kulturwissenschaftler Felix Linder geht in seinem Essay in Kursbuch 204 auf eine poetologische Spurensuche, unter anderem in Briefen bei Friedrich Nietzsche und Franz Kafka. Während der Zarathustra-Schöpfer sich nur zum Schreiben in der Lage sieht, wenn seine Mutter ihn mit "deliziöser Wurst" versorgt, imaginiert sich der Verwandlungs-Urheber selbst als durch Fleisch Verwandelter, jedoch zum Negativen, sodass sein Dichterkörper die Wurst nicht kauen kann, er regelrecht fühlt, wie sein Körper den Boden "verschweinert". Ist die Frage nach dem Schreiben also nichts anderes als eine nach der Wurst?
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Seitenzahl: 25
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Inhalt
Felix LindnerÜberall WurstEin Literaturspot um 1900
Der Autor
Impressum
Felix LindnerÜberall WurstEin Literaturspot um 1900
1923, erzählt der Romanist Ernst Curtius, habe er für sein Buch über die Rezeption Honoré de Balzacs in Johann Wolfgang Goethes Tagebüchern recherchieren wollen. Doch die Bände seien partout nicht aufzutreiben gewesen. »Aber als ich mir eine Wurst kaufte«, schreibt er, »wurde sie in ein Stück Makulatur gewickelt, das aus einem Bogen der Weimarer Ausgabe bestand und den gesuchten Text enthielt.« 1 Wer fleißig ist, dem kommen die Dinge von alleine, soll das heißen. Wie Fleischreste zu Druckresten finden und wie die Metzgerei zum Produktionsgehilfen wird, das erklärt er leider nicht. Obwohl die Verbindung gar nicht selten ist. Wo Literatur entstehen soll, da ist oft erst einmal: Wurst.
Robert Walsers »Wurstpoetik«, Friedrich Nietzsches »Schinkenbriefe«, Franz Kafkas Selbstbild als »gestopfte Wurst«, als »Aufschnitt«: Immer wieder werden Schreibszenen von Koch- und Brühwaren aus bewertet, kommentiert und angeleitet. Schreiben und Körper, Faulheit und Arbeitsstimmung, Genialität und Banalität treffen in der Wurst aufeinander und zeigen Momentaufnahmen künstlerischer Produktion, die mit Diätetik scheinbar mehr zu schaffen haben als mit Wortkunst.
Warum also wird beim Schreiben übers Schreiben so oft über Wurst gesprochen? Was ist an der Wurst, das sie zu einem Stellvertreterobjekt für Schriftstellerdiäten macht; für das Dressurversprechen, besser, schneller, mehr schreiben zu können? Wie hilft sie dabei, die Problemlagen zu artikulieren, die Stockungen und Widerwilligkeiten? Man muss ein paar Ebenen unterhalb des »Werks« ansetzen, um diese Konstellation historisch und diskursiv sichtbar werden zu lassen: dort, wo Literatur noch gar nicht da ist, sondern nur das Schreiben.
»Selbst-Régime« und Schinkenauswahl
Ende August 1887 schreibt Nietzsche an seinen Freund Franz Overbeck in Dresden, es reiche erst mal mit den Büchern. Schreiben natürlich will er weiterhin, nur sich dabei »absolut auf [s]ich zurückziehn«: »Keine Erlebnisse, nichts von außen her; nichts Neues – das sind für lange jetzt meine einzigen Wünsche.« 2 Ein paar Tage später geht eine Karte aus Sils-Maria ab, ein Wunsch des Sohnes an die Mutter: »Ich brauche eine ganz feine Schinkenwurst; was ich aus der Schweiz mir besorgt habe, ist fett und bekommt mir nicht. Kannst du mir nicht umgehend etwas schicken? Es ist eine rechte Frage der Gesundheit.« Und kleiner, in einer Ecke steht: »(Nichts Andres als die Wurst!)«. Eine Woche später bedankt sich Nietzsche für die »deliziöse Wurst« und verspricht: »Andre Jahre werde ich das Herumexperimentieren mit Schinken lassen und gleich … eine feste Bestellung auf solchen Schinken machen.« 3 Es werden trotzdem Jahre des Herumexperimentierens mit Schinken.
Vom Logistikzentrum Naumburg aus versorgt Franziska Nietzsche den Vagabundensohn noch bis 1889 mit »Freßkistchen« 4 voll Wurstwaren und Süßigkeiten. Der ist enttäuscht, wenn die Bestellung schlecht war, mit der Gesundheit »abgebüßt«, nur noch die »runde dicke Lachsschinken-Wurst«, bitte, sechs Kilo für vier Monate, er wolle doch vernünftig und ohne Experimente sein, denn »riskiren« darf er »absolut nichts mehr«.5
