Überhaupt zeige man Charakter! - Hans Bentzien - E-Book

Überhaupt zeige man Charakter! E-Book

Hans Bentzien

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Beschreibung

Karl August Fürst von Hardenberg (1750-1822), von 1804 bis 1806 preußischer Außenminister und von 1810 bis 1822 Staatskanzler, kämpfte zeit seines Lebens in Preußen um grundlegende Reformen und um eine Stellung, die ihm das in direkter Absprache mit dem König Friedrich Wilhelm III. Sein Hauptziel, die Einführung einer Verfassung und die Mitsprache des Bürgertums hat er nicht erreicht. Trotz vieler Niederlagen, z. B. musste er auf Drängen Napoleons 1806 als Außenminister zurücktreten, gab er nicht auf und erhielt erst im höheren Alter die verdiente Anerkennung. Mit hohem diplomatischem Geschick führte er Friedensverhandlungen mit England, Frankreich, Österreich und Russland und erreichte auf dem Wiener Kongress 1815 erheblichen Gebietszuwachs für Preußen. Er war maßgeblich an der Gewerbefreiheit, der Bauernbefreiung und der Emanzipation der Juden in Preußen beteiligt. Hans Bentzien schildert in seinem Buch sehr fundiert und interessant Leben und Arbeit Hardenbergs und gibt gleichzeitig einen guten Einblick in die Geschichte Preußens im 18./19.Jahrhundert.

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Impressum

Hans Bentzien

Überhaupt zeige man Charakter!

Leben und Werk des preußischen Staatskanzlers und Reformers Karl August Fürst von Hardenberg

ISBN 978-3-95655-481-0 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 2002 im Westkreuz-Verlag GmbH Berlin/Bonn.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2015 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Das Schloss, der Schlossherr

Das Anwesen muss jeden Betrachter entzücken, der an den Rand des Oderbruchs kommt. Eine solche architektonische Kostbarkeit in dieser abgelegenen Gegend? Ungewöhnlich ist es nicht, um nur einige Beispiele zu nennen: Schloss Steinhöfel bei Fürstenwalde, ein bedeutendes Werk David Gillys, mit einem der ersten englischen Parks von Eyserbeck und in der Nähe Alt Madlitz mit seinem Gutshaus in stattlichem Spätbarock, unweit von Tempelberg, dem ersten Wohnsitz Karl August von Hardenbergs in Preußen oder die dreiflügelige Schlossanlage aus dem Ende des 17. Jahrhunderts in Heinersdorf sowie nördlich davon, in Prötzel, das imposante Schloss des Grafen Kameke, nach einer Idee von Andreas Schlüter. Man muss nur den Landstreifen zwischen Berlin und Küstrin unter die Wanderschuhe nehmen, und man hat ein überzeugendes Beispiel für die preußische Art, Staatsdiener fürstlich zu belohnen. Das alte Wort von Friedrich Wilhelm I. „Hat Geld, soll bauen!“ findet hier seine Ausprägung. Die fürstliche Dotation umfasste eines der größten Besitztümer in Deutschland „zum Andenken unseres Staatskanzlers Herrn Fürsten von Hardenberg“, und es sollte den Namen Neuhardenberg führen, wie es in der Verleihungsurkunde König Friedrich Wilhelms III. vom 11. November 1814 heißt.

Zwischen der Verleihung und der tatsächlichen Inbesitznahme liegen fast acht Jahre. Das Schloss musste umgebaut werden und war jetzt der als Alterssitz eines Fürsten gedachte zentrale Ort einer Ansammlung von Gütern, Wäldern, Teichen, Mühlen, Schäfereien, Brauereien und Schnapsbrennereien. Über die Einwohner war Karl August Fürst von Hardenberg jetzt der Patronats- und Gerichtsherr und konnte hier seine Reformen durchführen, soweit sie auf die Landbevölkerung anzuwenden waren. Die Bauabnahme erfolgte wahrscheinlich kurz vor seinem 72. Geburtstag, zu Pfingsten 1822. Er notiert, dass Schinkel angekommen sei und Neubart, der Maurermeister, von Schinkel Zeichnungen bekommen habe. Beide seien wieder abgefahren und Pückler, der an der Gestaltung des englischen Parks beteiligt war, sei eingetroffen. Aber der Besuch des Schwiegersohns galt wohl eher dem Jubilar. Weitere Gäste waren zur Feier aus Berlin gekommen.

Im Juli und August fährt er noch einige Mal von Berlin nach Neuhardenberg, trifft sich auch noch einmal am 13. und 14. Juli mit Schinkel und Pückler und vier Wochen später verlässt er Neuhardenberg für immer. Sollte es ein Symbol für sein Wirken sein, so wäre es bestimmt nicht dieses Schloss, sondern eine Kutsche. Er hat Europa unermüdlich bereist, es gibt Berechnungen darüber. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er arbeitend in einer Kutsche auf staubigen Straßen, allein oder in großer Kolonne.

Er strebte immer danach, sich mit bedeutenden Männern zu umgeben, Stümper waren ihm ein Gräuel, und so gab es auch nur einen Baumeister, der für den Umbau seines Schlosses infrage kam: Karl Friedrich Schinkel. Als zwanzigjähriger Anfänger hatte der bereits hier gewirkt. Sein Lehrer David Gilly wollte oder konnte nicht lange von Berlin fernbleiben, und so schickte er den jungen Mann, um das 1801 abgebrannte Dorf Quilitz modern umzugestalten. So wie wir heute Neuhardenberg als Angerdorf sehen, hat Schinkel es konzipiert, Wohnhäuser und Stallungen wurden voneinander getrennt. Auch an der Kirche erkennen wir den Einfluss seiner Kunst. Der Gewölbehimmel mit den 3582 Sternen erinnert an seine Bühnendekoration für Mozarts „Zauberflöte“. Ursprünglich war das Schloss des Generals Joachim Bernhard von Prittwitz nur einstöckig. Die Legende berichtet zwar, er beabsichtigte, es aufzustocken, dass aber sein König, Friedrich II., dem er auf dem Schlachtfeld des nahe gelegenen Kunersdorf (Kunowice) das Leben gerettet hatte, einem Mann seines Ranges doch nicht erlauben wollte, „hoch hinaus“ zu bauen. Später fiel der Prittwitzsche Besitz wieder an die Krone zurück, und der König fasste ihn mit dem Hauptort Quilitz zur Herrschaft Neuhardenberg zusammen.

Karl August von Hardenberg kannte die Gegend und hatte den Sohn des Generals mehrfach besucht. Anfang Juli 1806 notiert er: „Zu Tempelberg den eigenen Haushalt angefangen.“ Das ebenfalls im Kreis Lebus unweit von Fürstenwalde gelegene Gut hatte er um die Jahrhundertwende vom Erlös seines Besitzes Hardenberg/Nörten, den er an einen Verwandten verkaufte, erworben. Damit hatte er sich von seiner hannoverschen Herkunft konsequent entfernt und wurde auch dem Wohnsitz nach ein Preuße. Hier brachte er seine Mätresse Charlotte Schönemann unter, nachdem er von seiner zweiten Frau geschieden worden war. Sie war bei Hofe nicht zugelassen und musste sich damit begnügen, seine wertvollen Sammlungen von Büchern und Gemälden zu hüten und für den Freundeskreis Gastgeberin und musikalischer Mittelpunkt zu sein. Der Sängerin war Karl August von Hardenberg in Frankfurt am Main begegnet. Trotz seines Ehestandes hatte er sie mit sich genommen. Nach seiner Scheidung hatte er allerdings keine Erlaubnis für eine Ehe mit ihr vom König erhalten. Immerhin war er preußischer Minister und daher in jeder Beziehung an den Hof gebunden. Eine Bürgerliche zu heiraten war damals für einen Freiherrn in hoher staatlicher Stellung undenkbar.

Tempelberg war ein Glücksfall in verschiedener Beziehung, die landwirtschaftlichen Bedingungen waren günstig. Trotz eines heißen Sommers stand die Ernte gut. Der Vergleich mit den Gutsnachbarn fiel zu seinen Gunsten aus. Wichtiger aber war, dass der Ort recht abgelegen, wenn nicht abgeschirmt war, und daher für allerlei diplomatisch vertrauliche Unternehmungen bestens geeignet. Für Kuriere von Berlin günstig gelegen, konnte man ihn auf der Verbindungsstraße Berlin-Fürstenwalde-Frankfurt/Oder schnell erreichen. Heute noch liegt der Ort abseits von den Hauptstraßen. Die Erinnerung an den Staatskanzler ist hier nicht mehr lebendig. Von den Gebäuden stehen nur noch wenige Scheunen, vom Park ist kaum etwas erhalten. Das Schloss wurde ein Opfer der Kämpfe schnell gebauter Verteidigungsringe um Berlin und wurde im April 1945, von SS-Einheiten verteidigt, durch sowjetische Artillerie zerstört.

Von hier aus unternahm Hardenberg mit Freunden und Angestellten zahlreiche Ausflüge ins Oderbruch und jenseits der Oder, besichtigte zum Verkauf stehende Güter und besuchte Quilitz und den seinerzeit schon berühmten Albrecht Daniel Thaer in Möglin, wo gerade die Mögliner Lehranstalt eröffnet wurde. Das war der Beginn einer modernen Landwirtschaftswissenschaft. Der fast gleichaltrige Arzt aus Celle hatte sich in der Biologie weitergebildet, die damals am weitesten entwickelte englische Landwirtschaft studiert und 1798 ein aufsehenerregendes Werk „für denkende Landwirte und Cameralisten“ veröffentlicht. Hardenberg machte den König auf diesen Neuerer aufmerksam und erreichte, dass Thaer auf 300 Hektar Land in Möglin und Umgebung seine Studien und die Lehrtätigkeit fortsetzen konnte. Eine namhafte Anschubfinanzierung aus der königlichen Schatulle erleichterte den Schritt nach Brandenburg, wo er 1809 zum Staatsrat berufen wurde. Von seinem Nachbarn wollte Hardenberg lernen, fand aber, dass dessen theoretischen Überlegungen weit interessanter waren als seine praktischen Ergebnisse. Das Andenken an Karl August Fürst von Hardenberg in Tempelberg war verschüttet, weil es weder ein Denkmal noch andere Hinweise gab.

Doch viele der Besucher werden sich fragen, worin seine Verdienste bestanden, warum weiß man so wenig von ihm? Sein ständiges Spannungsverhältnis zum König und der Verdacht seiner Zeitgenossen, er sei ein Anhänger der französischen Revolution, wisse sich aber gut zu tarnen, veranlasste den König, Friedrich Wilhelm III. den schriftlichen Nachlass Karl August von Hardenbergs für 50 Jahre ins Geheime Staatsarchiv zu legen. Als Bismarck 1772 die Siegel der Akten seines Vorgängers erbrach, waren die Ideen Hardenbergs entweder schon verwirklicht und hatten sich somit durchgesetzt, oder die politische Entwicklung des kaiserlichen Deutschland verlief nach einem halben Jahrhundert in eine andere Richtung. Neue politische Kräfte waren am Ruder, der Adel verlor an Bedeutung, die Bourgeoisie hatte die Führung im Staat übernommen. Trotzdem, sein hauptsächliches Vermächtnis, die Strukturen des Staates permanent zu reformieren und sein ständiges Wirken für einen effizienten Staat, in dem zwischen Oben und Unten, zwischen Regierung und Volk ein Einverständnis bestehen muss, hat damals wie heute seine Bedeutung. Mit einer einfachen Antwort wird man kaum auf die Gründe kommen, warum Karl August von Hardenberg fast in Vergessenheit geraten ist. Die Meinungen über ihn reichen von der Bewunderung seiner Königin Luise „Unser Hardenberg“ bis zur Verteufelung als gefährlicher Jakobiner auf der Mainzer Verfolgungsliste für die sogenannten Demagogen. Dabei hatte er selbst die Karlsbader Beschlüsse gegen jede Art von revolutionärem Geist für den preußischen Vertragspartner unterzeichnen müssen. Dagegen waren grobschnitzige Urteile wie „Höfling, Lebemann, Frauenheld, gesinnungsloser Anpasser“ und ähnliches noch milde. Aber jede noch so überspitze Beurteilung enthält ein Körnchen Wahrheit. Er hat die verschiedenen Seiten des Lebens ausgekostet, im Guten wie im Bösen und ist wie ein starkes Schiff in den Wellentälern der politischen Verhältnisse des Absolutismus einmal ganz oben und bald darauf ganz unten gesegelt. Zugleich war er scharf in seinem Urteil, selten ungerecht, aber bei weitem nicht immer weise, dabei schnell entflammbar, wenn eine Idee es lohnte.

Er wollte gebraucht werden, nützlich sein und war sehr gekränkt, wenn man ihn verkannte, was oft vorkam. Für seine Zeit sprudelte er vor ungewöhnlichen Ideen, die jeden altgedienten Ministerialbürokraten schaudern machen mussten. Sie waren immer auf die Veränderung der Verhältnisse gerichtet und erzwangen im Positiven wie im Negativen klare Entscheidungen zwischen Ja und Nein. Leider wurden sie oft hinausgeschoben in der Hoffnung, sie würden sich von selbst erledigen. Manche haben sich bis heute nicht erledigt.

Warum hatte er es so schwer? Sein Verhältnis zu den Königen Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III., besonders zu letzterem, war immens gestört. Obwohl ihr treuer Diener, attackierte er doch ihren Herrschaftsstil, aus dem Kabinett zu regieren. Während ihr berühmter Vorgänger Friedrich II. jede Kleinigkeit des Staatslebens selbst und sofort entschied, ohne direkt mit seinen Ministern verhandeln zu müssen, war diese Methode nach dessen Tod nicht mehr praktizierbar. Die königlichen Helfer im Kabinett entwickelten sich zu eigenständigen Politikern, die den viel schwächeren Herrschern nur zu oft ihre von lebensfremden Ansichten diktierten Entscheidungen einredeten. So halfen nur Denkschriften, heute würde man Konzeptionen sagen, und die Hoffnung, dass diese auch den Adressaten erreichten. Häufig genug wurden sie auf dem Dienstweg abgelegt. Auf diese Art hatten es die kühnen Gedanken eines staatsverbundenen Mannes schwer, bemerkt zu werden. Oft genug war er darüber verzweifelt. Manchmal aber wendete sich das Schicksal auch überraschend schnell und er hatte Freiraum für entschlossene Schritte. In diesen Perioden seines Lebens gelangen die Fortschritte, als Urheber der „Preußischen Reformen“. Im Neudeutschen würde man ihn heute als „Macher“ bezeichnen. Was er auch anpackte, brachte er praktisch voran und führte zur Reformierung der Verhältnisse.

Heute ist es üblich, jede Art von wirklicher oder vermeintlicher Bewegung „Reform“ zu nennen. Darum ging es ihm nicht, er zielte auf wesentliche Veränderungen immer im Sinne von Verbesserungen der realen Bedingungen des Lebens im preußischen Staat und für den Staat als politische Organisation, für dessen Größe und Stärke er seine Gesundheit gab und seine Hoffnungen einsetzte. Er war bei Weitem kein Träumer, sondern immer wieder mit vorausschauenden Zukunftsplanungen beschäftigt, damit er die Gegenwart richtig bewerten und den nächsten Schritt bemessen konnte. Diese und andere Eigenschaften, die wir noch kennen lernen werden, machen ihn zu einem bewundernswerten Politiker.

Vielleicht kann durch einen Schlossbesuch das Interesse für seinen Versuch, einen vorbildlichen Staat zu schaffen, geweckt werden, denn ohne die „Opinion“, die öffentliche Meinung, geht das nicht, davon war er bereits lange vor dem Zeitalter der Medien überzeugt und handelte dementsprechend.

Heute ist sein Staat Preußen verboten, doch wie es verbotene Dinge so an sich haben, denkt man viel über sie nach, sogar über preußische Tugenden. Einige von ihnen hat er praktiziert, Fleiß. Arbeitsamkeit, Effektivität, entschlossenes Handeln gehörten dazu, allerdings gepaart mit Lebensgenuss. Ja, er wusste zu leben bis zu seinem letzten politischen Ausflug nach Italien, von dem er nicht mehr auf seinen inzwischen fertiggestellten Alterssitz zurückkehren sollte.

Hier in Neuhardenberg hat er immer nur auf einer Baustelle gelebt. Wenn er in den 144 Tagen, an denen er sich hier aufhielt, um mit dem Maurermeister Neubart aus Wriezen zu sprechen, etwas zu jagen und überhaupt nach dem Rechten zu sehen, nächtigen musste, wohnte er in einem der Kavalierhäuser, wo oft genug die Dorfbevölkerung wartete, um einen Augenblick von der Anwesenheit des berühmten Mannes zu erhaschen. Die Arbeiten am Schloss zogen sich hin. Schinkel war in Berlin beschäftigt, er baute am Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, und Berlin hatte damals schon Vorrang, auch vor den Wünschen eines Staatskanzlers. 1820 aber war es dann soweit, und noch auf den letzten Seiten seines Tagebuchs lesen wir von der Anwesenheit der Architekten und Baumeister.

So ging der 71. Geburtstag noch mit täglicher Arbeit vorüber. Man fuhr nach Tempelberg, aß dort beim Förster zu Mittag, auch seine Geliebte und ihr späterer Ehemann waren dabei. „Abends nach Neuhardenberg. Meinen Geburtstag still vorübergehen lassen.“ Und auch der darauffolgende Tag wurde „ruhig in Neuhardenberg zugebracht.“ Das Bild hatte sich schon geändert. Der runde Geburtstag im vorigen Jahr wurde noch prachtvoll im Glienicker Schloss, seiner Berliner Dienstwohnung, gefeiert. Doch jetzt hatte sich seine dritte Frau, die Fürstin Charlotte, von ihm getrennt. Zwar hatte Hardenberg dafür gesorgt, dass seine Mätresse Friederike Hähnel mit Herrn von Kimsky getraut und damit die offizielle Ordnung im Hause wieder hergestellt wurde, doch die Fürstin traute dem Frieden nicht, zu gut kannte sie ihren Mann. So verließ sie Neuhardenberg und Berlin und unterzog sich einer Kur in Karlsbad. Nun stand das Schloss vor seiner Vollendung, doch die Hausherrin kehrte dorthin nicht mehr zurück. Er war allein am Ende seines Lebens.

Herkunft und Jugend

Der preußische Staatskanzler Karl August von Hardenberg kam, wie viele andere prominente Politiker und Militärs gar nicht aus Preußen. „Preuße wird man nicht ohn‘n Not, ist man's geworden, dankt man Gott.“ Dieses Wort stammt aus der Zeit des Alten Fritzen und zeigt nur, dass dieser aufstrebende Staat nicht nur die Hoffnung der religiös Verfolgten aus verschiedenen europäischen Staaten war, nämlich französischer Calvinisten, Wiener Juden, Salzburger Protestanten, sondern auch einer Reihe von Intellektuellen wie Pufendorff, Leibniz, Wolff, Kant, Fichte, Hegel. Goethe verehrte Friedrich, Scharnhorst mag für eine Reihe von Militärs stehen.

Der Vater, Obrist Christian Ludwig von Hardenberg, lag in Gifhorn in Garnison und lernte dort die Tochter des Landrats, Anna Sophie Ehrengart von Bülow, kennen und lieben und heiratete sie. Ein Jahr darauf, am 31. Mai 1750, wurde ihr erster Sohn Karl August in Essenrode, auf dem Gut der Familie von Bülow, geboren. Aus der Ehe gingen schließlich sieben Kinder hervor, aber der Vater stand die meiste Zeit im Feld. Die Mutter zog die vier Jungen und drei Mädchen allein auf. Da half es wenig, dass der Vater es schließlich zum Feldmarschall brachte, in den entscheidenden Jugendjahren fehlte er nicht nur bei der Erziehung des Ältesten.

Die Verbindung des hannoverschen Hauses zu Preußen bestand vor allem darin, dass der Vater, inzwischen General, an der Seite Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg focht. Als der Krieg zu Ende war, sah er einen jungen Erwachsenen, der wichtige Lernjahre ohne den Vater durcheilt hatte. In die Lücke war sein Onkel Friedrich Karl getreten, als Ältester der Familie sowieso das Oberhaupt, und so siedelte die Familie nach Hannover über, wo nun der Onkel in seinen reifen Jahren nach umfangreichen Dienstreisen, oft in diplomatischer Mission, das Amt eines Bau- und Gartendirektors beim kurfürstlichen Hof bekleidete.

Dieser Adlige war durch seine Welterfahrenheit ein gebildeter Mann, der die Dinge nicht pedantisch, sondern mit der nötigen Gelassenheit nahm und durch einen Hauslehrer den Tag des Jungen mit Übungen ausfüllen ließ. Latein und Geschichte, Französisch als wichtigste Sprache, Geografie und natürlich die obligate Religion. Die Stadt besaß ein renommiertes Lyzeum, in dem Adlige und Bürgerliche gemeinsam lernten. Direktor Ballhorn war zwar eine Respektsperson, aber man verehrte ihn auch von Schülerseite. So ging Karl August als Zwölfjähriger auf dieses anerkannte Bildungsinstitut, das noch einige andere bedeutende Männer hervorbrachte.

Sein Lernpensum war durch eine Instruktion bestimmt, in der sein Vater genau umrissen hatte, was er verlangte, wofür er bezahlte. An die erste Stelle rückte er die Mathematik, die „beste Vernunftlehre“, dann folgen die lebendigen Sprachen, außer Deutsch, Französisch und Englisch, was wegen der engen Verbindung Hannovers zu England nicht weniger wichtig war. Latein und Griechisch für die wissenschaftlichen Studien. Im Fach Geschichte erwartet er anstelle von Zahlenwissen die Einsicht in die Kriegs- und Friedenskünste. Die private Erziehung durch den Hauslehrer soll sich auf die Anschauung der Natur und der städtischen Umwelt konzentrieren und die theoretischen Stoffe durch Anschauung ergänzen, wozu auch der Besuch von Werkstätten zählt. Er nennt diese Methode „instruktive Spaziergänge“. In Religion soll sich der Hauslehrer ausschließlich auf die Bibel stützen, zu sehr misstraut der Vater den Streitereien der Pfarrer um die wahre Auslegung der Schrift.

Karl August war in die Zeit der Aufklärung hineingeboren worden. Langsam hatte sie sich von England, Frankreich und den Niederlanden kommend, immer in Auseinandersetzung mit den strengen klerikalen Denkern des Mittelalters, die Kanzeln der Universitäten und die Höfe aufgeklärter Monarchen erobert. Nun griff sie auch auf die pädagogischen Köpfe über, und so war es folgerichtig, dass sein Denken und Handeln aufklärerisch geprägt war. Nicht mehr die Dogmen der Theologen bestimmten das Schicksal der Wissenschaften, sondern die Berechnungen der Gestirne durch Newton und das daraus entspringende neue Welt- und Lebensverständnis. An die Stelle langweiliger Episteln trat die französische Enzyklopädie der mechanischen Materialisten. Wenn sie auch verkündeten, der Mensch sei eine Maschine, verwirrende Folgen hatte diese extreme Losung nicht. Sie war ein Bild. Es blieb aber die Leidenschaft für das Studium der Natur und ihre Nutzbarmachung für die Menschen. Hardenberg sollte ein großer Förderer ihrer Protagonisten werden.

In Braunschweig wurde seine Neugier auf diese Zusammenhänge geweckt und durch den Bau- und Gartendirektor ganz sicherlich gefördert. Doch dieser gute Onkel starb gerade, als der sieben Jahre dauernde Krieg zu Ende ging. Damit war auch der Umzug in die Stammgüter bei Nörten (heute allgemein Althardenberg genannt) notwendig geworden. Der Vater kam aus dem Krieg zurück und übernahm nach dem Tod seines Bruders die Verwaltung der Güter. Als Erbe waren sie auf Karl August übertragen worden, der Vater war also der Verwalter des Besitzes seines Sohnes. Und damit war auch die Studienrichtung für Karl August festgelegt. Er sollte Jurist werden und die Bekanntheit des alten Hardenberggeschlechts ausnutzend, in den Staatsdienst gehen. Die strenge Ausbildung blieb bestehen, sie erfolgte jetzt ausschließlich durch die meist sehr gebildeten Hauslehrer. Dazu kam, dem Alter entsprechend, auch eine Einführung in die ritterlichen Künste, das Reiten, Fechten, Musizieren, Tanzen. Man legte Wert auf eine gute Allgemeinbildung in Wissenschaften und Benehmen. Mit 16 Jahren, bereits das Bild des Vierzehnjährigen zeigt uns einen selbstbewussten Jüngling, holte man zwei Göttinger Professoren und hielt vor der Familie ein Examen ab mit dem Ergebnis, dass sie ihm die Universitätsreife bescheinigten.

Wer in den Staatsdienst wollte, und viele zweite und dritte Söhne gingen in den Dienstadel oder zum Militär, der tat gut daran, in Göttingen zu studieren, wo seinerzeit die Staatswissenschaften einen guten Ruf hatten. Trotzdem waren die Studien nicht fachlich eingeengt, sondern, im Gegenteil, auch auf Naturwissenschaften und Mathematik, antike Geschichte und Altertumskunde ausgedehnt. Es war noch sehr lebendig, dass die Renaissance mit der Entdeckung der Antike und ihrer demokratischen Werte begann. Das Universelle gehörte zum Fundament der aufgeklärten, modernen Bildung. Die Zahl der Studenten war gering, jeder Professor kannte seine Hörer aus dem direkten Gedankenaustausch, dem häufigen Disput miteinander, und sei es am Mittagstisch, der eine nicht unbedeutende Einnahmequelle der akademischen Lehrer war. In dieser Zeit erblühte seine erste Liebe zu Charlotte von Münchhausen. Sie dachten schon an eine Verlobung, aber diese Bindung wollten die Eltern doch noch nicht genehmigen, und sie unterbanden nähere Beziehungen.

In guter soldatischer Manier hatte der Vater wieder eine Instruktion für den Studienplan ausgegeben. Das Erziehungsziel war „als ein nützliches Mitglied der Republik Gott und dem Nächsten dienen zu können.“ Damit vertrüge sich nicht eine unsittliche oder rohe Lebensführung, wie sie unter Studenten damals wie heute wohl üblich war. Vor allem mit dem Geld musste gut hausgehalten werden. Musik: Ja, Kneipen: Nein! So könnte man die Vorschriften, für deren Einhaltung auch der begleitende Hofmeister verantwortlich gemacht wurde, kurz zusammenfassen. Dieser, Scharf mit Namen, hatte sich wohl nicht daran gehalten, denn es erfolgte für die Zukunft eine Neubesetzung der Stelle mit Herrn Gervinus. Der Siebzehnjährige wird wohl die erste Freiheit vom Elternhaus ausprobiert haben, doch Göttingen lag nicht weit genug von Hardenberg entfernt, manches spricht sich schnell herum.

So ging er mit Gervinus nach Leipzig, wo auch sein Pate, Friedrich Anton von Heynitz, wirkte und nützliche Kontakte herstellen konnte. In der lebhaften, weitläufigen Messestadt Leipzig sollten die Studien erweitert werden durch Logik und Metaphysik, deutsche Sprache und Moral (bei Gellert), Wirtschaftskunde und Verwaltungswissenschaften, Naturrecht und Geschichte des Rechts, Architektur, italienische Sprache, Zeichnen bei Oeser, schließlich noch eine Geigenstunde die Woche. Gellert und Oeser waren zweifellos die anziehenden Persönlichkeiten, hier drückte er mit Goethe die Bänke. Christian Fürchtegott Gellert war ein berühmter Lehrer der Poesie, Rhetorik und Moral, aber gleichzeitig auch ein bekannter und stilbildender, dem Ideal der Aufklärung verhafteter Schriftsteller und Moralist. Seine „Fabeln und Erzählungen“, zwanzig Jahre vor Hardenbergs Studien erschienen, waren wegen ihres klaren Stils berühmt. Er erkannte schon die Bedeutung des unterhaltenden Elements in Poesie und Bühnenliteratur und kämpfte für die literarische Anerkennung der deutschen Sprache, unter anderem auch in den Unterhaltungen mit Friedrich dem Großen. Beide stritten, Gellert für die Schönheit der deutschen, Friedrich für die Überlegenheit der französischen Sprache. Seine Frömmigkeit war einfach und brav, ohne kirchliche Verbrämung. Er war ein Pietist der Leipziger Schule.

Karl August nahm ein Privatissimum bei Gellert über „Stil und schriftliche Aufsätze“, was ohne Zweifel zur Sicherheit und Schnelligkeit treffender Formulierungen zu jeder Gelegenheit beigetragen hat. Der preußische Prinz Heinrich, Bruder Friedrichs, hatte Gellert in Verehrung ein Pferd geschenkt, das bewegt werden musste, und Hardenberg war bei den Ausritten ins Rosenthal Begleiter des berühmten Mannes. Vielleicht konnte er so die Moral-Vorlesungen noch vertiefen, die sensationellen Zulauf gehabt haben müssen.

Man spricht von Hunderten Hörern (700-800), die sich im Auditorium maximum um die wenigen Bänke scharten. In unserer Zeit vielleicht nur vergleichbar mit den Vorlesungen von Ernst Bloch und Hans Mayer in den fünfziger Jahren in Leipzig oder von Georg Klaus in Jena und Berlin.

Alles in allem ging die Leipziger Zeit wie im Fluge vorüber, bereits zum Sommersemester 1769 kehrte er zurück nach Göttingen zum Studienabschluss. Sein Resümee der Leipziger Belehrungen: Er habe am meisten durch eigenes Lesen und der Nacheiferung und Ehrliebe der bedeutenden, verehrten Männer, also aus dem direkten Umgang mit den Professoren gewonnen, weniger durch den Vorlesungsbetrieb, den er wohl etwas vernachlässigt hat. Wahrscheinlich war ihm die Materie zu trocken. Er zog lieber mit Heinitz durch Sachsen und kroch in die Freiberger und Zwickauer Bergbaustollen. Einen besseren Lehrer der Naturwissenschaften konnte er gar nicht bekommen: Erkenntnis durch Anschauung, Begreifen kommt von „begreifen.“

Die zweite Göttinger Etappe machte nun ernst mit der Jurisprudenz. Er paukte Römisches Recht, die alte Sammlung des Zivilrechts, Pandekten genannt. Für das Feudalrecht zeigte er nicht ausreichend Interesse, die spätere Praxis bewies ihm deutlicher als erwartet, wie unzulänglich es war. Nach gut einem Jahr stellte er die Studien ein. Eines der Adelsprivilegien bestand auch darin, ohne Examina in den Staatsdienst eintreten zu dürfen. Man hätte durchfallen können. Außerdem hatte Vater für alles gesorgt. Der Premierminister, Gerlach Adolf von Münchhausen, hatte einen Platz in der Kammer bereitgestellt, erst zur Probezeit in der Justizkanzlei, danach sollte er als Assessor beim Hofgericht eintreten. Er blieb jedoch länger in der Justizkanzlei, bis er dann in die Kammer versetzt wurde. Von nun an wurde die Verwaltung sein Fach und sein Schicksal. Gewisse Eigenständigkeiten im Denken führten zu Misshelligkeiten mit seinem Vorgesetzten. Sogar der König griff ein, man schickte ihn auf Reisen, er solle sich erst einmal umsehen. Wahrscheinlich hatte man seine Fähigkeiten erkannt, war aber nicht bereit, auf sie einzugehen. Das war ihm nun zum ersten Mal geschehen, es blieb bei Weitem nicht das letzte Mal.

Bevor die Reise beginnen konnte, mussten alle Eventualitäten bedacht werden. Der Vater kränkelte. Für den Fall seines Ablebens wurde Karl August als Erbe für den Stammbesitz testamentarisch bestimmt. Die anderen Güter waren von ihm zu verwalten, sollten jedoch für die Versorgung der Mutter und der Geschwister dienen. Im Sommer 1772 ging die Reise los. Sein Begleiter, Leutnant von Freytag, spielte die Rolle des standesgemäßen Freundes. Zwei Jahre müssten sie miteinander auskommen.

Blick über die Landesgrenzen

Aus der geplanten Reisezeit geht bereits hervor, dass viele Stationen besucht werden konnten, eine einmalige Gelegenheit, die wirkliche Verfassung des Deutschen Reiches kennenzulernen. In Kassel öffnete man bereits die mittelalterlichen Begrenzungen, um Raum für die Stadterweiterung zu gewinnen. Wer dafür baute, wurde vom Landesherren gefördert. Doch es wurden falsche Prioritäten gesetzt: Die fürstlichen Gebäude waren prächtig, die Straßen des Lebens erbärmlich. In Nassau wurde beim Reichsfreiherrn vom Stein Quartier genommen. Es kam aber nicht zu einer Begegnung mit dem späteren Kollegen Karl vom Stein. Dieser war auf dem Weg nach Göttingen, um seine Studien zu beginnen. Im Haus lebten zu seinem Entzücken drei schöne, junge Schwestern, und er verliebte sich in Luise mit den dunkelbraunen Augen, die ihm das Lahntal und auch den Rhein nahebrachte.

Der Zufall wollte es, dass sein Verwandter Heynitz in Nassau zu Besuch war und sich der jungen Leute annahm. Bergwerke und Eisenhämmer, die Badeanlagen von Bad Ems, das Leben und Treiben in den angrenzenden Kleinstaaten bis hin zum Westerwald gerieten in seinen Erfahrungsbereich und zum Gegenstand sachkundiger Betrachtungen und Belehrungen durch Heynitz. Die Liebe zu Luise vom Stein ließ ihn nicht los, sie war „unbeschreiblich tief“, und er dachte an eine feste Verbindung. Ihre Mutter hatte nichts gegen ihn als Schwiegersohn, verwies aber auch auf die Jüngste als Möglichkeit. Die Nachfrage bei seinen Eltern stieß auf taube Ohren, sie hatten größere Pläne mit einer reicheren, allerdings auch kindhaften Anwärterin für ihren Sohn. Wer sollte denn die vielen Töchter der Steins einst versorgen? Einverstanden war er nicht, aber was sollte er weiter tun als Gehorsam zu üben? So ging die Reise weiter nach Wetzlar, dem Sitz des Reichskammergerichts. Hier blieben die beiden Freunde mehrere Wochen.

In der verknöcherten, in sich selbst ruhenden Juristengesellschaft fühlte sich Karl August äußerst unwohl. Ein Beisitzer am Gericht unterwies ihn als sein Mentor und versuchte Licht in das Dunkel der Rechtsverhältnisse zu bringen. Der Kaiser hatte gerade eine Untersuchung angeordnet, es waren Fälle von Korruption aufgetreten. Bei diesen Vorgängen bildeten sich verschiedene Parteien, die sich für oder gegen den Wiener Kaiserhof gruppierten. Die entmachteten Stände lehnten sich auf, das Reich pochte auf seine Privilegien. Die Hannoveraner führten die Fronde gegen Wien an, sammelten die Partikularisten gegen den gesamten Staatskörper, und es zeigte sich die Zerrüttung des Reichs schon deutlich ab. Dabei dienten die unterschiedlichen Konfessionen als Bindemittel für die Koalitionen. Zumindest lernte er in Wetzlar viel über die Prozessführung.

Wetzlar war auch die Stadt, in der sich die dramatische Geschichte zwischen Goethe und Lotte zutrug, zwischen dem leidenschaftlichen Dichter und der Braut des trockenen Legationssekretärs Kestner, die bald darauf mit „Werthers Leiden“ die Jugend Deutschlands ergreifen und erschüttern sollte. Goethe war schon abgereist, kehrte aber zum Empfang seines Leipziger Studienkollegen aus Gießen zurück. Wahrscheinlich kam die Begegnung nicht über ein Höflichkeitstreffen hinaus, die Leidenschaften des einen und die unklaren Liebesverhältnisse des anderen verhinderten engere Beziehungen. Im Übrigen war die peinliche Wetzlarer Affäre Goethes schon im Abklingen, wie Karl August sicher bei einer Begegnung mit dem Verlobten der Charlotte Buff gemerkt haben dürfte.

Die nächste Station Trier war von papistischer Prägung, während er in Mainz in dem Großhofmeister des Fürstbischofs einen aufgeklärten Kleriker kennenlernte, der den unmäßigen Kollegen aus dem Hochstift die Flügel stutzte.

Einen typischen deutschen Kleinstaat mit Imponiergehabe lernte er in Darmstadt kennen. Das Militär demonstrierte Stärke mit Trommeln und Pfeifen in den Straßen. Die Armee hatte glücklicherweise nichts zu tun und exerzierte den ganzen Tag, eine Garde von 67 Pferden begleitete den Fürsten bei seinen Ausritten. Der Hof war ebenfalls militärisch geprägt, Offiziere statt Kavaliere, karge Kost. Lediglich die Landgräfin Karoline versammelte einen kleinen Kreis von Literaten um sich. Ein etwas ärmlicher Gegensatz zu Mannheim, dem barocken Hof mit Gemälden bedeutender Maler wie Rubens und anderer Niederländer, mit Ballettaufführungen, Konzerten, Bällen. Hier war alles großartiger und teurer, nur noch von Schwetzingen übertroffen, wo man locker und frivol wie in Paris verkehrte und auch die Damen die Libertinage kräftig übten. Der Verfall der Sitten schritt kräftig voran, das war selbst den entwöhnten jungen Leuten aus Norddeutschland zu viel.

Sie sahen auch andere Verhältnisse. In Karlsruhe wurde gerade reformiert, das heißt, die Auswüchse barocker Verschwendung wurden abgeschafft, doch die Landstände dabei nicht benötigt. Markgraf Karl Friedrich wollte seine Reformen von oben, die auch Industrie und Landwirtschaft verbessern sollten, mit einer vereinfachten Verwaltung durchdrücken. Am Mittagstisch der übliche Klatsch über Versailles und den dortigen Sittenverfall, die adligen Nachbarn, die allgemeinen Verhältnisse. Auf großem Fuß dagegen lebte noch der Herzog von Württemberg, Karl Eugen, dessen Kadettenanstalt Interesse fand, sonst aber lebte er wie ein orientalischer Potentat.

Juristische Studien dann in Regensburg, dem Sitz des Reichstags. Der hier ständig anwesende hannoversche Gesandte führte ihn in das Reichsrecht ein, wieder spielte die Visitation des Kammergerichts in Wetzlar eine Rolle. An dauerhafter Erkenntnis aber festigte sich immer stärker der Eindruck von der Ohnmacht des Reichs, das die widerstrebenden Elemente der Kleinstaaterei nicht mehr verbinden, geschweige denn führen konnte. Noch war von Zusammenbruch nicht die Rede, aber der marode Zustand war offensichtlich.

München blieb eine Zwischenstation auf dem Weg nach Wien. In der Kaiserstadt regierte noch eine Ehrfurcht gebietende Kaiserin, doch ihr Nachfolger Josef, der mit reformerischen Ideen in den Startlöchern stand, würde neuen Wind in den ungefestigten, notdürftig zusammengehaltenen riesigen Vielvölkerstaat mit einzelnen nationalen Interessen von der Schweiz bis zur russischen Grenze in Galizien bringen. Doch was würde daraus werden? Gerade war die erste polnische Teilung erfolgt, und Österreich hatte sich kräftig bedient. Die Folgen spürte Karl August auf der Rückreise in Dresden, wo der Weg nach Krakau und Warschau nun abgeschnitten war. Die sächsischen Kurfürsten hatten ihre polnische Krone für den Favoriten der russischen Zarin opfern müssen. Europa kam in Bewegung, dazu hatte auch der Preuße Friedrich II. mit seinen Kämpfen um Schlesien beigetragen. Potsdam, die letzte Station vor der Heimkehr, wird kaum erwähnt, nur die Bemerkung, „den König zu Pferde von Weitem gesehen“ zu haben.

Ein Jahr war er nun unterwegs gewesen, ein Jahr voller Eindrücke, noch ungeordnet, fast zu viel für einen Anfänger in der staatlichen Verwaltung. Jetzt bekam das Private wieder den Vorrang, es galt die Braut auszusuchen, es war Zeit für einen jungen Mann mit großer Karriereaussicht, sich gut zu verheiraten. Allerdings war die von den Eltern auserwählte Dame erst vierzehn Jahre alt, jedoch von erheblichem Reichtum, den sie von ihrem verstorbenen Vater geerbt hatte. Der Vormund, Kammerherr von Thienen, schien mit dem Plan einverstanden zu sein, und so fuhr Christian Ludwig mit seinem Sohn Karl August gen Holstein, um Christiane von Reventlow kennen zu lernen. Die junge Gräfin stammte aus einem Geschlecht, das Güter im damals dänischen Holstein und auf der dänischen Insel Laaland, am Sakskobing Fjord, besaß. Trotz aller finanziellen Heiratsstrategien, ein wenig Sympathie zwischen den jungen Leuten sollte wohl vorhanden sein, wenn nicht gar Liebe. Die beiden Ehekandidaten mochten sich, und so stand einer künftigen Verbindung fast nichts mehr im Weg. Nur der zweite Teil der verordneten, zuerst ungeliebten, nun aber als nützlich angesehenen Kavalierstour, der Besuch von England, stand noch aus.

Die Reise mit stürmischer Kanalfahrt dauerte rund vier Wochen, dann war er bei Hofe zugelassen und lernte auch bald das Königspaar Georg III. und Charlotte von Mecklenburg kennen und wurde von ihnen freundlich begrüßt. Danach begann die Rundfahrt durch das schon am Beginn der Industrialisierung stehende Land, durch seine Hafenstädte, die einen großen Eindruck auf den Landbewohner machten. Handel und Wandel beflügelten das Leben der Insel, ein völlig anderes Bild als in den kleinen deutschen Städten, die er noch in seiner Erinnerung hatte. Hier spürte er die Kraft einer Weltmacht, hier fühlte er sich hingezogen. Als er schon auf der Rückreise war, schickte ihm sein Landesherr die Ernennungsurkunde zum Kammerrat hinterher. Der König selbst hatte in seine berufliche Entwicklung eingegriffen, die Reise befohlen und nunmehr den Abschluss höchst eigenhändig gebilligt.

Nichts stand nunmehr der ehelichen Verbindung entgegen, die Verlobung fand im Frühjahr 1774 statt. Er war fast 24 Jahre alt, sie erst fünfzehn. Er war ein Glückspilz. Seine Braut, die vornehme, blonde Schönheit, erblühte zur eleganten Dame mit allen guten Eigenschaften, die aus einer vorbildlichen Erziehung kamen. Er bezeichnete sie als „ungekünstelte Unschuld.“ Eine unerwartet großzügige Mitgift, eine uneingeschränkte Lebensweise in Luxus schien dem jungen Paar zu winken. Als aber dann die Hochzeit nahte, gab es die ersten Schwierigkeiten. Andere Vormünder erhoben Einwände gegen den Ausländer, der dänische Staat beschnitt erheblich sein Verfügungsrecht über die Erträge, es sei denn, er ginge in den dänischen Staatsdienst. So wurde er zum dänischen Kammerherrn und nahm in sein Wappen auch den Namen der Reventlows und deren Schild auf. Nun setzte man den Hochzeitstermin auf den 8. Juni 1774 fest. Hardenberg übernahm als neuer Besitzer die Güter und blieb bis gegen Jahresende in Dänemark, dann aber meldete sich der junge Ehemann und Kammerrat in Hannover zum Dienst.

Er war gereift, hatte seine Studien in Theorie und Weltkenntnis gewissenhaft betrieben, sein feuriges Naturell, wie Gellert beobachtete, gezähmt, war keiner Leidenschaft ausgewichen, wie er später freimütig bekannte: „Liederlich war ich nie, aber des Vergnügens der Lieb genoss ich in gewissen Epochen meines Lebens viel und zuweilen im Übermaß. So habe ich in meinen Jugendjahren, ohne ein Säufer und Schlemmer zu sein, oft in fröhlichen Zusammenkünften stark getrunken und mit großem Appetit vielleicht mehr gegessen, als mir heilsam war. Die Lebensordnung, die ich von Jugend auf beobachtet habe, ist nie ängstlich, nie pedantisch gewesen. Ich bin an allerlei Kost, an allerlei Luft, an Fatiguen (Langeweile) gewöhnt und befinde mich nie besser als bei ständiger Bewegung.“ Seine Vitalität war sein stärkstes Kapital, als Jüngling und als Mann.

Das graue Brot der Kammer

Jetzt saß er an einer Stelle, von der Georg III., der englische König, viele Einnahmen erwartete, deren Möglichkeiten jedoch durch umständliche Kompetenzen stark beeinträchtigt waren. Hannover war von London abhängig, dort existierte eine „Deutsche Kanzlei“ und diese sollte die Angelegenheit auf dem Festland regeln entsprechend den für das ganze Empire geltenden Grundsätzen. Der König, im Allgemeinen nicht sehr aktiv, interessierte sich in der Regel nicht für Details, sondern unterschrieb die ihm vorgelegten Papiere nach dem Kabinettsystem. Zwar war der wegen seiner Ortskenntnis aus Hannover entsandte Vertreter Mitglied des Geheimen Rates, doch sein faktischer Einfluss blieb sehr begrenzt. Hannover wurstelte so vor sich hin. Im Rat saßen die Vertreter der Adelsfamilien wie schon seit Jahrhunderten. Auch die Hardenbergs gehörten zu ihnen. Neben und unter dem Geheimen Rat entschieden noch die Kammer und die Kriegskanzlei, und in der unteren Behörde der Finanzverwaltung arbeitete nun der Kammerrat Hardenberg mit der trostlosen Perspektive, in einigen Jahrzehnten vielleicht in den Geheimen Rat aufzurücken.

Der Titel klingt bedeutend, und die Kammer war auch, da sie die Finanzen verwaltete, die eigentlich wichtigste Institution des Kurfürstentums, aber sie funktionierte auf mittelalterliche Weise. Ihr Hauptgegenstand war die Bewirtschaftung der Domänen. Hier lagen die wichtigsten Finanzquellen, aber die Pächter hatten auch administrative Funktionen inne, und diese Vermischung verursachte immer wieder Interessenkonflikte mit dem Kleinadel.

Das Hauptinstrument zur Verwaltung dieser Betriebe war die Revision an Ort und Stelle. Karl August nahm daran teil und kam auf diese Weise viel im Land herum. Überall dasselbe Bild, hoffnungslos veraltete Strukturen, viel Leerlauf und wenig konkrete Ergebnisse. Der Pächter war kein Landwirt im eigentlichen Sinn, sondern ein Verwalter. Die Methoden der Landwirtschaft verbesserten sich dadurch nicht. Immer noch gab es die Dreifelderwirtschaft, und keine genauen Kenntnisse der Möglichkeiten, eine ökologisch sinnvolle Fruchtfolge für die einzelnen Standorte zu entwickeln, wie das auf der britischen Insel bereits praktiziert wurde.

Die Verwaltung fraß die Arbeitskraft des Pächters auf. Es hatte also keinen Zweck, an den Symptomen herumzudoktern, sondern man musste an die Wurzeln gehen und die eigentliche Betriebsführung von der Verwaltung trennen. Die Verwaltung gehörte in die Hände von geeigneten Beamten, die Betriebsführung musste nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgen. Diese Trennung war die Grundidee seiner Vorschläge und traf die veraltete Praxis im Kern: überall sollte sich die fachliche Leitung der Dinge durchsetzen, persönliche Verantwortung statt allgemeines Gerede. Es war nicht anders zu erwarten: Seine Vorschläge wurden abgelehnt, es war leichter Nein zu sagen als einen neuen Schritt zu wagen.

Inzwischen verfolgte er auch in seiner Funktion eigentlich nicht vorgesehene außenpolitische Aufgaben und trat für die Parteinahme Hannovers für Friedrich II. im bayerischen Erbfolgestreit ein. Die Vorschläge erreichten auch Georg III., aber dieser winkte ab. Wegen Bayern würde sich England nicht in Händel hineinziehen lassen. Karl August war ein zu kleiner Beamter, um in die Speichen großer Politik greifen zu können. Zwar war er zum Geheimen Rat befördert worden, aber das änderte an seiner persönlichen Situation nicht viel.

Es ist als ein Beispiel seiner Zähigkeit anzusehen, dass er seine Pläne nicht aufgab, die Vernunft müsse sich doch durchsetzen. Im Jahr 1780 verfasste er eine umfassende Denkschrift für eine generelle Reorganisation der Verwaltung, welche an der Spitze des Staates beginnen sollte. Straffung durch Zusammenlegung der beiden Kammern Finanzen und Militär, Einrichtung eines Ökonomie-Kollegiums, Bildung einer Landesregierung aus den Chefs der beiden Behörden, dem Justizminister, dem Oberkommandierenden und dem Vertreter in London. Also eine kleine Regierung, gegliedert nach Fachressorts, als Spitze der Beamtenschaft, die straff von oben nach unten gegliedert werden musste. Dafür war die Einführung einer staatlichen Besoldung notwendig, damit die Einnahmen aus allerlei Privilegien, aus Sporteln (Gebühr für Amtshandlungen) und Deputaten, wodurch die Beamten von den Gebern abhängig werden konnten, keine Rolle mehr spielen würden.

Neben dem Vorschlag der Verpachtung der Domänen an Fachleute sollte auch die Eigentumsbildung der freien Bauern, die in der Praxis doch häufig von den Gutsbesitzern abhängig waren, gefördert werden. Höhere Erträge wären die Folge und damit höhere Steuereinnahmen und überhaupt eine Anhebung des sozialen Niveaus der Bevölkerung. Mit den höheren Einnahmen sei auch eine gut ausgerüstete Armee aufzubauen und eine selbstständigere Außenpolitik des Landes zu sichern. Sie würde eine dritte Kraft zwischen den Großmächten im Reich und damit eine geachtete Rolle des kleinen Staates in der Mitte des Reichs ermöglichen.