9,99 €
Mit Herz, Humor und pikanten Geheimnissen Vera Renzis Leben wirkt wie aus dem Bilderbuch. Sie ist Anfang vierzig, hat einigermaßen geratene Kinder und ist seit über zwanzig Jahren mit Carlo verheiratet. Doch Carlos Mutter, Nonna Gina, hat den Renzi-Haushalt fest im Griff. Alles tanzt nach ihrer Pfeife. Vera hat höchstens beim Staubwischen etwas zu melden. Ihr Zufluchtsort ist ihr kleiner Kiosk – und das Schreiben. Als ihr erster Roman überraschend ein Bestseller wird, steht alles kopf. Niemand darf wissen, dass sie hinter dem Namen Lucia Barone steckt und ein Buch verfasst hat, bei dessen Lektüre die streng katholische Nonna tot umfallen würde. Aber während Vera versucht, ihre Identität weiter zu verbergen, kommt im Hause Renzi ein ganz anderes Geheimnis ans Licht ….
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2024
Lucia Barone
Roman
Nicht in ihren kühnsten Träumen hätte Vera geglaubt, dass die Geschichte, die sie in einem VHS-Schreibkurs verfasst hat, in einem richtigen Verlag veröffentlicht wird. Aber noch weniger hat sie damit gerechnet, dass sie einen Bestseller landet. Plötzlich ist ihr pikanter Roman in aller Munde. Nicht nur in Monheim fragen sich die Leute, wer diese Lucia Barone ist. Und zur Krönung dieses Chaos heftet sich ausgerechnet Guntero, ein Stammkunde aus Veras Kiosk, an ihre Fersen und will herausfinden, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Ein irrwitziges Versteckspiel beginnt.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Lucia Barone heißt eigentlich anders und lebt nicht in Monheim am Rhein. Sie schreibt seit vielen Jahren Romane, Sachbücher und Ghostwritings. Als Ausgleich steht sie leidenschaftlich gern in der Küche und kocht - am liebsten italienisch. Denn auch, wenn sie in Deutschland geboren wurde und aufgewachsen ist, schlägt ihr Herz für Italien.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2024 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Redaktion: Katrin Fillies
Covergestaltung und -abbildung: www.buerosued.de
ISBN 978-3-10-491720-7
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.
Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.
Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.
[Motto]
Gennaio
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
Febbraio
5. Kapitel
Antipasti d’Amore. Uno
6. Kapitel
Marzo
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
Aprile
10. Kapitel
Antipasti d’Amore. Due
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
Antipasti d’Amore. Tre
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
Mayo
20. Kapitel
Antipasti d’Amore. Quattro
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
Antipasti d’Amore. Cinque
26. Kapitel
27. Kapitel
Danksagung
Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, schuf er Mann und Frau. Um das Ganze vor dem Untergang zu bewahren, erfand er den Humor.
Guillermo Mordillo
»Federico!«
Nonna Ginas Stimme ließ Vera derart zusammenschrecken, dass sie beinahe den Staubwedel fallen gelassen hätte. Sie war gerade dabei, den Kaminsims im Wohnzimmer zu säubern, auf dem Nonna die besten Schnappschüsse ihres verstorbenen Ehemanns ausstellte. Es war Ginas Schrein, dem sich Vera nur in Ausnahmefällen nähern durfte, und auch nur in gebührendem Sicherheitsabstand, genau genommen eine Staubwedellänge.
Der goldene Rahmen ganz links zeigte Emilio im Jahr 1950 bei seiner Einschulung mit spitzbübischem Grinsen und gegen die Sonne zusammengekniffenen Augen. Ein Foto daneben war er knapp zehn Jahre später auf dem Mofa mit Zigarette im Mundwinkel und keck aufstehendem Hemd zu sehen. Es folgten verschiedene Stationen seines Lebens: Mit 27 im schicken, eng geschnittenen Hochzeitsanzug, neben sich die elf Jahre jüngere Virginia, die bewundernd zu ihm aufsah. Als braungebrannter Mitdreißiger am Strand von Tropea, den fünfjährigen Carlo vor sich im Sand sitzend, der gerade selbstvergessen an einer Burg baute. 1983 hinter dem Steuer seiner heißgeliebten Alfetta in Rostrot, die bis heute in der Garage des Hauses in Rom stand und unbeugsam dem Zahn der Zeit trotzte. Und schließlich Emilio 1990, kurz vor seinem viel zu frühen Tod am 10. Juli – zwei Tage nachdem Beckenbauers Mannschaft ausgerechnet in seiner Heimatstadt Weltmeister geworden war. »Dieser Elfmeter hat dir das Herz gebrochen«, lamentierte Nonna Gina bis heute, wenn sie mal wieder lautstark mit dem toten Emilio sprach, den sie immer noch genauso vergötterte wie am Tag ihrer Heirat.
Vera indes war sich sicher, dass es nicht der Elfmeter von Andreas Brehme, sondern der von der männlichen Seite der Familie weitervererbte Bluthochdruck gewesen war, der Emilio Renzi mit gerade mal 46 Jahren dahingerafft hatte.
Sie schlug eilig ein Kreuz, wobei sie dabei beinahe das Mofabild ihres Schwiegervaters vom Sims gefegt hätte. Gerade noch rechtzeitig konnte sie den schweren Goldrahmen auffangen und schob ihn vorsichtig zwischen die anderen Fotografien in Schwarz-Weiß und verblichener Farbe zurück.
Wenn das Nonna Gina mitbekommen hätte.
»Federico!«, rief die in dieser Sekunde aus dem Untergeschoss erneut, als wollte sie sich der Schwiegertochter ein weiteres Mal ins Gedächtnis rufen – was nicht nötig gewesen wäre. Die Nonna war in Veras Leben omnipräsent. »Komm runter. Mangiamo!«
Wie üblich orderte Nonna Gina nicht die gesamte Familie zum Essen, sondern bestellte immer nur das amtierende Oberhaupt der Renzis ein. Was je nach Wochentag Veras Mann Carlo, der älteste Sohn Federico oder die vierzehnjährige Fabiola war – je nachdem, welcher von den Stammhaltern das Haus gerade mit seiner Anwesenheit beglückte. Nonna Gina achtete strenger auf die Erbreihenfolge als das britische Königshaus, und genau deswegen wurde Vera nie gerufen, denn sie war nur angeheiratet und zu allem Überfluss auch noch Deutsche. Und der Nonna war es egal, dass die Enkelkinder in Monheim am Rhein geboren und aufgewachsen waren, in ihren Adern floss wenigstens hälftig italienisches Blut. Vera hingegen würde bis in alle Ewigkeit la bionda bleiben. Das war der Name, den Nonna Gina ihrer Schwiegertochter verpasst hatte, den sie benutzte, wenn sie mit ihrem verstorbenen Ehemann über sie sprach und meinte, Vera höre es nicht.
Dabei waren Vera und ihre bärbeißige Schwiegermutter fast nur noch allein im großen, zweistöckigen Haus, denn Veras Mann Carlo ließ sich unter der Woche sowieso nie blicken. Und da sich der fast erwachsene Federico und die schwer pubertierende Fabiola immer häufiger bis in den Abend hinein mit ihren Freunden herumtrieben, blieb die Küche kalt. Das war Nonna Ginas Art, der Schwiegertochter unmissverständlich klarzumachen, was sie von ihr hielt.
Vera nahm Staubwedel, Besen und Handfeger und machte sich auf den Weg nach unten. Bevor sie in die Küche trat, verstaute sie die Putzutensilien in der Kammer unter der Treppe, quälte sich mühsam aus den gelben Gummihandschuhen und betrat anschließend die Küche. Im Vorbeigehen verstrubbelte sie ihrem Sohn, der bereits am Tisch saß, die dunklen Haare, was der mit einem genervten Gesichtsausdruck quittierte.
»Mama, lass das!« Er stöhnte und zupfte sich die viel zu langen Strähnen wieder zurecht. »Weißt du, wie lange das dauert, damit die Frisur so aussieht?«
»Ehrlich gesagt, sieht es aus, als wärst du heute Morgen so aufgestanden«, erwiderte Vera.
»Lass den Jungen«, sagte Nonna Gina knurrend auf Italienisch, ohne Vera anzusehen, und servierte ihrem Enkel einen Teller Panzerotti alla Romana, mit Schinken, Ei und Parmesan gefüllte, gebackene Teigtaschen aus Mehl und Eiern. Eine typische Vorspeise aus der Region rund um die italienische Hauptstadt, die Nonna Gina mit nach Monheim gebracht hatte, als ihr Sohn sie vor etwa vierzehn Jahren, kurz nach der Geburt der Tochter, angerufen und um Hilfe gebeten hatte: »Mamma, Vera ist völlig überfordert! Federico macht, was er will, und die Kleine hat eine Kolik nach der anderen. Kannst du kommen?«
Die Nonna – schwer unterbeschäftigt in Rom und sowieso der Meinung, dass die Erziehung der Enkel ohne sie zwangsläufig in einer Katastrophe enden würde – zögerte keine Sekunde und stieg noch am selben Nachmittag mit zwei altertümlichen Koffern in der Hand, natürlich ohne Rollen oder irgendeinen Schnickschnack, der ihren Transport erleichterte, in den Zug in Richtung Mailand. Als sie fast zwanzig Stunden später in Monheim am Rhein ankam, war ihr Rücken kerzengerade, und ihr schwarzes Kleid hatte nicht einmal eine Falte im Rock. Mit stummer Entschlossenheit nahm sie Vera das schreiende Neugeborene aus dem Arm, schickte sie unter die Dusche und bezog das Gästezimmer. Wo sie bis heute lebte. Sie war in der Not gekommen und seitdem einfach nicht mehr weggegangen. Und es schien niemanden außer Vera wirklich zu stören. Die hatte damals, als Carlo versprach, ihr eine Hilfe zu organisieren, an einen Babysitter gedacht – nicht an seine Mutter, die sich neben der Kindererziehung auch gleich den Haushalt und die Küche unter den Nagel gerissen hatte.
»Wo ist denn Fabiola?«, wollte Vera gerade von der Nonna wissen.
In diesem Moment kam ihre Tochter in die Küche. In traumtänzerischer Sicherheit nahm sie auf dem freien Stuhl am Kopfende Platz, wo bereits ein halbes Dutzend goldfarbener Panzerotti auf sie wartete und sein köstliches Aroma verströmte. Vera war es ein Rätsel, wie Fabiola sich durch die Welt bewegen konnte, ohne sich jemals ernsthaft zu verletzen. Ihr Blick war nämlich immer auf das Smartphone in ihrer Hand gerichtet. Vermutlich waren beide mittlerweile sogar miteinander verwachsen. Zumindest konnte sich Vera nicht mehr daran erinnern, wann sie Fabiola das letzte Mal ohne das Ding in der rosafarbenen Glitzerhülle gesehen hatte.
Während die Kinder bereits damit begannen, die von Nonna Gina hausgemachten Köstlichkeiten gedankenlos in sich hineinzuschaufeln, nahm Vera ihren blanken Teller und ging an den Herd, wo in stiller Eintracht eine Armada von Töpfen stand und auf die Leerung wartete. In der Küche war Vera eine persona non grata. Genau genommen war es ihr noch nicht einmal gestattet, den Salzstreuer zu heben. Denn wenn Nonna Gina eines gar nicht gut vertrug, dann, dass man ihr Essen nachwürzte.
Damals, als Carlo und Vera sich auf einer Konferenz kennengelernt hatten, auf der sie als Übersetzerin arbeitete, war es völlig unvorstellbar gewesen, dass seine Mutter Gina, seit beinahe zehn Jahren verwitwet, einmal mit im gemeinsamen Haushalt in Monheim leben würde. Im Gegenteil, Vera war sogar davon ausgegangen, dass sie dem gut aussehenden Italiener nach Rom folgen würde … nicht etwa, dass er bei erster Gelegenheit beschloss, ihr einen Ring an den Finger zu stecken und mit ihr ins Rheinland zu kommen. Sie träumte von milden Wintern, mediterranem Klima und der Spanischen Treppe. Er vom Export italienischer Feinkostspezialitäten.
Immerhin, manchmal nahm er sie in den ersten Jahren, bevor die Kinder kamen, mit in seine Heimatstadt und führte sie Abend für Abend auf der großen Piazza aus. Sie war seine Eroberung, die Blonde aus dem kühlen Norden. An guten Tagen kam sich Vera wie die im Trevi-Brunnen badende Anita Ekberg vor. An schlechten wie eine Trophäe. In Italien waren nicht allzu viele Frauen blond. Deswegen war Carlo umso stolzer auf seinen Fang.
Leider fand seine Mutter Gina nicht viel an der hellen Haarpracht der Verlobten ihres Sohnes. Außerdem kam Vera wie gesagt aus Deutschland, und mit den Deutschen wollte die Nonna am besten gar nichts zu tun haben, unter anderem deswegen, weil die in den Augen der Schwiegermutter die schlimmsten Touristen von allen waren, die Jahr für Jahr über Rom herfielen und die Einheimischen andauernd anrempelten, weil sie die Nase in die Reiseführer steckten, statt die Schönheit der Ewigen Stadt mit eigenen Augen zu bewundern. Deutsche, das waren Menschen, die Ananas auf eine Pizza legten und nach zwölf Uhr Cappuccino tranken. Deutsche waren für die Nonna im Grunde nur dann zu ertragen, wenn sie das Eis ihres Cousins Giggi kauften, der irgendwo im Süden der deutschen Republik in einem Ort mit dem unaussprechlichen Namen Hintermurrhärle eine kleine Gelateria betrieb und regelmäßig Fotos von seinem Erfolg an die Familie schickte.
Vera zählte die Panzerotti im Topf. Fünf. Entweder sie war bei ihrer Schwiegermutter noch weiter in der Gunst gesunken und ging heute leer aus, oder Nonna Gina wusste wieder einmal mehr als sie.
»Kommt Carlo heute Abend nicht nach Hause?«, fragte Vera in die gefräßige Stille, wie immer auf Italienisch, denn die Nonna weigerte sich stoisch, mit ihr in einer anderen Sprache zu sprechen.
»Das musst doch du wissen. Ist schließlich dein Mann«, meckerte Nonna Gina und warf Vera über den Rand ihrer Lesebrille, die wie immer auf der äußersten Spitze ihrer langen Nase thronte, einen gestochen scharfen Blick zu.
Aber er ist dein Sohn, entgegnete Vera in Gedanken und fügte dort, im geheimen Versteck der für alle Zeiten unausgesprochenen Kommentare, hinzu: Dein einziger, um genau zu sein, den du bis heute bemutterst, als wäre er elf Jahre alt.
Vera war zwar eine hundsmiserable Hausfrau, aber bei weitem nicht die untalentierteste Kraft unter den Renzis. Carlo hatte bei allem, was mit Lappen und Feudeln zu tun hatte, zwei ausgesprochen linke Hände – es sei denn, er polierte seine Lancia Flavia, ein Cabriolet, das er sich kurz vor dem letzten Jahresabschluss als Zweitwagen zugelegt hatte, »um ihn abzuschreiben und damit Steuern zu sparen«, wie er damals sagte.
In Veras Augen war der silberne Sportwagen mit den schwarzen Ledersitzen ein nichtssagender Angeberschlitten, der mehr Krach machte, als ein normaler Mensch ohne Gehörschutz vertrug. Carlo liebte den Wagen jedoch und ließ ihm im Sommer alle zwei Wochen eine dermaßen zärtliche Behandlung angedeihen, dass Vera nicht nur einmal das Aufflackern von Eifersucht bemerkt hatte. Es war schon sehr lange her, dass Carlo seine Gattin mit solch hingebungsvollen Liebkosungen überhäuft oder derart schmachtend betrachtet hatte. Aber die große italienische Filmschauspielerin Anna Magnani, Nonna Ginas liebste Darstellerin, eine Filmdiva aus den 1960ern, die mit den Leinwandschönheiten wie der Lollobrigida oder der Loren jedoch nichts zu tun hatte, sondern eine Charakterdarstellerin gewesen war, hatte einmal gesagt: Ein Mann am Steuer eines Wagens ist ein Pfau, der sein Rad in der Hand hält. Italienische Männer und Autos, das war eine Liebesbeziehung, die niemand trennen konnte, vor allem keine Frau. Vermutlich nicht einmal Gott. Und damit gab Vera sich zufrieden. Sie tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass sie vielleicht nicht das große Los, aber wenigstens auch keine Niete gezogen hatte. Immerhin verzockte Carlo kein Geld, er trank nicht, schlief nicht mit anderen Frauen und arbeitete hart, um der Familie ein schönes Leben zu bescheren. Vera hatte also eigentlich keinen Grund zur Klage.
»Papa bleibt heute in Düsseldorf«, beantwortete Fabiola die Frage, ohne vom Handy aufzublicken. »Er hat mir vorhin eine WhatsApp geschrieben.«
Vera, die sich gerade hingesetzt hatte und im Begriff war, sich eine Teigtasche in den Mund zu schieben, hielt inne. »Dir hat er geschrieben? Wieso denn dir?«
Fabiola seufzte genervt. »Weil ich ein Smartphone habe und du nur ein uraltes Handy, Mama.«
»Aber er hätte doch anrufen können. Wozu haben wir ein Telefon?«
»Mama!« Veras Tochter sah auf. »Papa hat total viel zu tun. Und so eine WhatsApp ist voll schnell verschickt. Die ist sogar kostenlos.«
»Koftenlof?«, wollte Vera mit vollem Mund wissen. Herrgott nochmal, wenn Nonna Gina nicht so unglaublich gut hätte kochen können, wäre ihr Terrorregime wahrlich nicht zu ertragen gewesen.
»Mamma mia, Mama!«, mischte sich nun Federico wieder ein. Er kratzte mit dem Löffel die Reste der Vorspeise aus dem Teller, dann hob er das Porzellan an und leckte die Innenseite aus. Dabei fand er noch Zeit, Vera einmal über den Tellerrand hinweg anzugrinsen und zu sagen: »Du lebst so was von hinter dem Mond.«
»Immerhin, dort hat man Manieren bei Tisch. Du bist doch kein Hund!«, neckte Vera zurück.
»Lass den Jungen«, mischte sich Nonna Gina überflüssigerweise wieder ein. So wie immer, wenn Vera auch nur den kleinsten Erziehungsversuch bei ihrem Ältesten unternahm. Vermutlich würde er mal ein genauso verwöhnter Macho wie sein Vater werden, allen Versuchen Veras zum Trotz, das Gegenteil zu bewirken. Und dann würde es heißen, dass sie schuld sei, dabei hatte sie sich in den vergangenen siebzehn Jahren doch die größte Mühe gegeben, aus Federico einen anständigen, emanzipierten jungen Mann zu machen. Leider grätschte ihr immer wieder die Nonna dazwischen – oder Carlo höchstpersönlich, der sich in seiner eigenen Männlichkeit beschnitten fühlte, wenn er sah, dass sein Sohn sich im Haushalt nützlich machte. Und damit war bereits schon gemeint, dass er die Klobrille wieder nach unten klappte, wenn er verbotenerweise im Stehen gepinkelt hatte.
»Vielleicht schaffe ich mir auch endlich ein Smartphone an«, meinte Vera, um sich auf andere Gedanken zu bringen, weil ihr die hochgeklappten Klobrillen sonst noch den Appetit verdarben. Außerdem fand sie die Idee gar nicht schlecht. Ihr alter Knochen war doch nun wirklich aus der Mode gekommen, dieses Ding, mit dem man zwar telefonieren und auch SMS verschicken konnte und dessen Akku eine halbe Woche hielt, das aber keine einzige App aufspielen konnte, nicht den Weg wies und in Summe alles andere als smart war. Mit einem modernen Handy könnte Carlo in Zukunft ihr die kostenlosen Nachrichten schreiben, und Fabiola hätte einen Grund weniger, den ganzen Tag auf ihr Handy zu glotzen. Viel zu lange hatte Vera sich nicht an die Technik rangetraut. Und wenn ihre Kinder verstanden, wie man so ein Telefon bediente, sollte es für sie doch kein Problem sein. Oder?
»Certo.« Federico lehnte sich lässig in seinem Stuhl zurück und blickte seine Mutter herausfordernd an. »Und wer soll dir erklären, wie das funktioniert?«
»Du zum Beispiel?«
»Dafür krieg ich aber die neue Playstation zu Ostern.«
»Moment.« Vera legte den Löffel beiseite und tupfte sich mit einer Stoffserviette mit eingesticktem »R« für den Familiennamen den Mund ab. »Du hilfst deiner Mutter ohne Gegenleistung, Freundchen.«
»Lass den Jungen!« Nonna Gina stand auf, stellte klappernd die ratzeputz leergegessenen Teller auf einen Stapel und marschierte zur Spüle.
»Nein, ich lass den Jungen nicht«, entgegnete Vera und wandte sich wieder Federico zu. »Also. Kannst du mir so ein Smartphone besorgen?«
Er dachte einen Moment nach, dann zuckte er mit den Schultern. »Klar. Wie viel willst du denn ausgeben?«
»Äh …« Vera hatte keine Ahnung, was man veranschlagen musste, wenn man mit der modernen Welt Schritt halten wollte. »Wie viel hat denn dein Handy gekostet?«
»799«, erwiderte ihr Sohn knapp.
Vera klappte der Mund auf. »Lira?«
»Pfff. Logo.«
»Himmelherrjesus. Wer hat dir erlaubt, das zu kaufen?«
Federico sah sie an, als hätte er gerade erfahren, dass seine Vorfahren vom Mars stammten. »Papa?«
»Aber … aber …« Vera sah sich um und entdeckte ihre Tochter. »Fabiola, wie teuer war denn dein Handy?«
»Das ist kein Handy, Mama. Das ist das iPhone 7. Aber ich will es verkaufen. Übernächsten Monat kommt ein neues raus. Ich wünsche es mir zu Ostern.« Sie zögerte. »Willst du mein altes haben?«
Vera war immer noch erschüttert von den achthundert Euro, die ihr Sohn für sein Mobilfunkgerät ausgegeben hatte. Wo hatte er so viel Geld her?
»Ich verkaufe es dir für 650 Euro.« Fabiola sah sie mit ernstem Gesichtsausdruck an.
»Du verkaufst es mir?«
»Klar. Wenn du magst.«
»Du verkaufst es mir?!«
»Äh … Ja. Okay, sagen wir sechshundert.«
»Fabiola!« Jetzt war Vera doch laut geworden.
»Mama, das iPhone ist fast noch neu. Und es hat nur einen Sprung im Display, ansonsten ist es top. Außerdem kapierst du bei der Hälfte der Apps doch sowieso nicht, wofür man sie braucht.«
Vera spürte, wie Entrüstung in ihr hochstieg. Das war ja allerhand. Nicht nur dass sie in der internen Kommunikation andauernd die Nebelschlussleuchte war und im eigenen Haushalt nichts zu melden hatte, jetzt musste sie sich auch noch von ihrer Tochter zu einem Wucherpreis ein Handy andrehen lassen, dessen Bedienung sie offenbar überforderte.
»Okay. Fünfhundertfünfzig. Weil du es bist.« Fabiola guckte ihren Bruder an. »Aber du erklärst ihr, wie das geht. Ich hab echt keinen Bock, die nächsten Wochen andauernd mit Fragen genervt zu werden.«
Vera pfefferte ihre Serviette auf den Tisch. »Mein liebes Fräulein. Wenn deine Mutter …« Aber weiter kam sie nicht.
»Das kannst du vergessen«, meinte Federico und richtete sich die absichtlich unordentlichen Haare. »Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis Mama eine Textdatei auf dem Rechner abspeichern konnte und wiedergefunden hat. Und dann noch mal ein Jahr, bis sie das mit den Mails gecheckt hat. Nee, ich bin raus.« Er hob die Hände. »Das macht ihr mal schön unter euch aus. Ist schließlich dein Geschäft.«
Fabiola verkniff die Augen zu Schlitzen. »Du bist so ein Arsch manchmal.«
»Fabiola!« Vera stand auf und holte tief Luft, bereit, ihren Kindern mal ein paar Takte zu flüstern.
Doch in dieser Sekunde knallte Nonna Gina einen Teller mit dampfender Pasta vor Vera auf den Tisch und zischte: »Finito!«
Fabiola wandte sich wieder ihrem Handydisplay zu, und Federico machte sich mit dem Appetit eines Pubertierenden über seinen Teller Spaghetti all’amatriciana her. Vera fing einen todesverachtenden Blick ihrer Schwiegermutter auf, ließ sich seufzend auf den Stuhl fallen und ergriff die Gabel. Buon appetito.
»Grazie, nonna. Das war wirklich lecker.« Vera ließ die großen Nudelteller ins Spülbecken gleiten und griff nach der Bürste. Natürlich war im Hause Renzi genug Geld vorhanden, dass man sich eine Spülmaschine leisten könnte. Aber Carlos Mutter bestand darauf, dass das gute Geschirr von Hand gewaschen wurde. Selbstverständlich mit dem aus Italien importierten Spülmittel, das mit Sicherheit keinen Funken anders wusch als das aus dem Supermarkt um die Ecke. Immer wenn Vera mal wieder den Vorschlag machte, dass man doch viel mehr Zeit und Wasser sparen würde, wenn man sich endlich ein solches Gerät zulegte, sagte ihre Schwiegermutter mit bleierner Miene: »Aber wir haben doch eine Spülmaschine. Dich!« Veras Mann hob daraufhin entschuldigend die Hände, als wollte er sagen: »Ich halte mich da raus«, und die Kinder taten so, als verstünden sie plötzlich weder Deutsch noch Italienisch, und schalteten auf Durchzug.
»War das normaler Bauchspeck, den du für die Pastasoße verwendet hast?«
Nonna Gina schwieg. Dabei konnte sie unmöglich glauben, dass Vera mit jemand anderem sprach als ihr, denn mit dem Geist von Emilio, Veras verstorbenem Schwiegervater, unterhielt sich ausnahmslos die Nonna, und Federico und Fabiola hatten sich direkt nach dem Dessert auf ihre Zimmer verkrümelt. Selbstverständlich ohne den Tisch vorher abzuräumen. Was der menschlichen »Spülmaschine« vorbehalten blieb. Vermutlich telefonierte Veras Tochter schon wieder stundenlang mit einer ihrer Freundinnen, die sie doch schon den ganzen Vormittag in der Schule gesehen hatte und morgen früh gleich wiedersehen würde. Fabiola war gerade erst in der Pubertät angekommen, und Vera graute vor den kommenden vier Jahren, in denen der Hormonhaushalt ihrer Tochter noch einmal auf links gedreht werden würde. Die Vierzehnjährige war zickig, launisch und eitel geworden – eine vollkommen neue Erfahrung für Vera, die es so genossen hatte, mit der noch kleinen Fabi im Garten einen Kuscheltierzoo aufzubauen, die größten Eisbecher bei »Gibelli’s« in der Innenstadt zu essen und zu Ostern Schokoladeneier für sie zu verstecken – keine iPhones.
Federico hatte irgendwann einfach nur angefangen zu stinken. Nach männlichen Hormonen und weil er sich am Anfang viel zu wenig gewaschen hatte. Als wenn die Dusche plutoniumverseucht wäre, hatte er sie gemieden, und Vera hatte einen ganzen Sommer lang mahnend und durch den Mund atmend auf ihn eingeredet. Irgendwann war dann jedoch Lucy aufgetaucht, Federicos erste Freundin. Für die hatte er sich dann sogar die Haare gewaschen und war zu normalen Reinigungsgewohnheiten zurückgekehrt. Er war zwar manchmal noch etwas aufmüpfig und tat immer so fürchterlich abgebrüht, im Grunde war er aber ein netter Junge, der versuchte, sich in der Welt der Erwachsenen zurechtzufinden. Das Einzige, was Vera tun musste, war, darauf zu achten, dass Gina ihn nicht zu einem Ebenbild seines Vaters verzog. Was sie wieder zurück zur Nonna brachte.
»Oder war das der Guanciale? Dieser Wangenspeck vom Schwein? Den nimmst du doch auch immer für die Carbonara.« Vera drehte sich zum Esstisch in ihrem Rücken um, ohne die Hände in den pinkfarbenen Gummihandschuhen aus dem heißen Seifenwasser zu nehmen. Sie lächelte Nonna Gina entwaffnend an, die am Tisch saß, die Arme vor der Brust verschränkt, und die Schwiegertochter misstrauisch anfunkelte. Im Hintergrund über dem Herd hingen kupferne Töpfe und Pfannen neben einigen Knoblauchranken und Tomatenpendeln, als wollten auch sie ihr sagen: In der Repubblica Nonna Gina hast du nix zu melden!
Vera war immer wieder erstaunt, wie eine so kleine Person derart viel Feindseligkeit ausstrahlen konnte – zugegeben, nur ihr gegenüber. Nonna Gina war gerade mal eins fünfzig groß und gertenschlank. Damit war sie das Gegenteil von dem, was sich die meisten unter einer italienischen Großmutter vorstellten. Ihr Haar war bis zum heutigen Tag pechschwarz, ohne eine einzige weiße Strähne, und die Nonna trug es zu einem festen Knoten im Nacken gebunden. Das Gesicht war spitz, die Nase lang. Einzig die Kittelschürze, die sie in sechs verschiedenen Farben und Mustern besaß und tagtäglich trug (bis auf Sonntag, da kleidete sie sich zu Ehren ihres Mannes in Schwarz), war ihr Zugeständnis an das international gepflegte Vorurteil der Nonna.
»Warum willst du das wissen?«, stellte Nonna Gina die giftige Gegenfrage. »Doch nicht etwa, weil du es mit deinen beiden linken Händen nachkochen willst?«
Vera drehte sich hastig wieder zum Spülbecken um. Ihr Versuch, ein weiteres Rezept aus der Schwiegermutter herauszukitzeln, war nicht eben raffiniert gewesen, das war ihr klar. Aber sie befand sich in der Recherche für ihren nächsten Roman. Was deutlich größer und wichtiger klang, als es war.
Eigentlich war Vera ja Fremdsprachenassistentin, von Haus aus, wie man das nannte. Französisch und Italienisch hatte sie damals gelernt und durch ihre Arbeit eben ihren Mann getroffen. Dann waren die Kinder gekommen, früher, als Vera das damals geplant hatte, und mit nur wenigen Jahren Berufserfahrung im Gepäck war der Zug als Übersetzerin dann noch schneller abgefahren gewesen, als Vera nach dem richtigen Gleis hatte suchen können. Weil Carlo wie ein Wahnsinniger arbeitete, um seinen Feinkost-Import expandieren zu lassen, blieb Vera mit den Kindern zu Hause, wo sie sich einige Jahre lang mit der Nonna um die Vorherrschaft im Haushalt stritt. Bis sie eines Tages beschloss, dass es das Theater nicht wert sei, und Gina das Feld überließ.
Federico wurde im selben Jahr eingeschult, als der kleine Kiosk die Straße runter einen neuen Pächter suchte, weil der alte von einer Wespe gestochen wurde und niemand, inklusive seiner Wenigkeit, wusste, dass er eine Wespenallergie hatte. Obwohl Vera damals bereits ahnte, dass mit dem Kiosk nicht viel rumkam, war die Gelegenheit doch günstig: Sie hatte eine Beschäftigung und konnte der Nonna zumindest stundenweise entfliehen.
In Veras Kiosk bekam man alles: Brot, Pasta, Zigaretten, Zeitschriften, Batterien und Briefmarken, aber auch Tampons, Schmuddelheftchen und in Ausnahmen einen Grappa umsonst. Außerdem verfügte der kleine Laden mit den Regalen, die bis unter die Decke ragten, über eine kleine Annahmestelle für Pakete. Das war ziemlich praktisch für die Leute in der Nachbarschaft, weil sie nicht für jede Sendung zur Hauptpost marschieren mussten. Die hatte abenteuerliche Öffnungszeiten und die unfreundlichsten Postbeamten, die man sich nur vorstellen konnte. Wohl dem, der deswegen einen Laden wie den von Vera um die Ecke hatte! Hier ließen sich nicht nur Pakete aufgeben, sondern auch abholen. Der Kiosk warf für Vera nicht viel ab, war jedoch eine angenehme Möglichkeit, mit den Menschen aus dem Viertel in Kontakt zu kommen.
Zum Beispiel mit Sigrid Beyse, einer Dame in den Achtzigern, die jeden Tag mit ihren Dackeln Kalle und Keks vorbeikam, um Lose zu rubbeln, eine Zeitschrift zu kaufen oder ein Schwätzchen zu halten. Meist drehten sich die Gespräche um die Verdauung der beiden Hunde, Keks hatte mit Diabetes zu kämpfen, Kalle mit dramatischem Übergewicht, was Frau Beyse jedoch nicht davon abhielt, täglich eine Knackwurst an die Hunde zu verfüttern.
Seitdem es die Annahmestelle für Pakete gab, kam auch Lennard Nothnagel alle naselang vorbei. Der betrieb nämlich einen Online-Shop und hatte schon mehr als einmal versucht, ihr die Vorzüge des digitalen Einkaufens schmackhaft zu machen. Vera hielt nicht viel davon, vor allem wenn sie sah, dass Lennard zwar viele Pakete bei ihr aufgab, aber mindestens genauso viele für ihn selbst ankamen, weil er offenbar keine Ahnung hatte, dass man Sekundenkleber, Herrensandalen und Bierglasuntersetzer nicht nur im Internet fand, sondern auch in den Geschäften vor Ort. Natürlich kam Vera diesbezüglich niemals auch nur ein kritisches Wort über die Lippen. Lennard war ein guter Kunde, außerdem war er nett und passte manchmal, wenn sie nicht konnte, kurz auf den Kiosk auf. Darüber hinaus hatte er ihr damals, als sie den Paketeservice eingerichtet hatte, mit der Technik geholfen und ihr mit viel Geduld die Funktionen des Handscanners erklärt, den sie brauchte, um die Barcodes einzulesen. Sicher hatte er das nicht nur aus Altruismus getan – aber das war im Ergebnis ja egal.
Ihr liebster Stammkunde jedoch war Günther Maserati, den alle im Viertel nur Guntero nannten. Er war ein deutsch-italienischer Journalist, der viele Jahre in Mailand gearbeitet und zahlreiche Preise für seine Enthüllungsstorys gewonnen hatte. Als seine Mutter krank wurde, kam Guntero in die alte Heimat zurück, nach Monheim. Erst hier bemerkte er, wie anstrengend dieses Leben auf der Überholspur gewesen war – immer auf der Suche nach der nächsten Story, die Deadline und den Atem des Chefredakteurs im Nacken. Er beschloss, die Zelte in Mailand abzubrechen und im Rheinland einen Neuanfang zu wagen. Beim »Monheimer Morgen«. Nun schrieb er nicht mehr über die Verstrickungen von Politik und Mafia, über die Müllberge in Bologna oder illegal entsorgte Chemikalien im Canal Grande, sondern über Vorlesewettbewerbe und Bürgermeisterwahlen, und ja, so richtig aufregend fand er das nicht. Aber was sollte er stattdessen tun? Ein Leben wie früher wollte er auf keinen Fall, auch nach dem Tod seiner Mutter, und vielleicht, ja vielleicht würde er eines Tages sogar den Roman abschließen, mit dem er vor etwa acht Jahren begonnen hatte. Vera war sich mittlerweile sicher, dass Guntero sein Werk niemals vollenden würde. Der Roman, ein Jahrhundertwerk, wie er meinte, umfasste mittlerweile mehr als tausendeinhundert Seiten. Sie kannte sich nicht gut aus in der Buchbranche, aber selbst als die Laiin, die sie war, konnte sie sich denken, dass es sich ein Verlag sehr genau überlegen würde, ob er ein Werk verlegte, das es im Umfang locker mit einem Telefonbuch aufnehmen konnte. Man hatte ja schließlich eine Verantwortung. Die Abholzung des Regenwalds einzudämmen, beispielsweise.
Das Schreiben war dennoch etwas, das Vera und Guntero miteinander verband – wenn auch erst seit kurzem. Vor vielen Jahren hatte Vera, als sie noch dachte, es liege wirklich an ihren mangelnden Kochkünsten, dass sie in der Küche nicht zum Zug kam, einen Kurs an der örtlichen Volkshochschule belegt. Die Stimme ihrer Schwiegermutter im Ohr (»Emilio, ist es zu fassen! Diese Frau kann nicht einmal eine Zabaglione schlagen!«), lernte Vera, wie man Mürbeteig knetete, Rouladen band und Rosenkohl blanchierte. Doch leider konnte sie das erworbene Wissen praktisch nie anwenden, da deutsche Kost in Piccola Italia, also dem Reich der Regina Nonna, natürlich nicht gestattet war. In ihrem Frust belegte Vera im darauffolgenden Halbjahr einen weiteren Kurs, in dem sie Stricken lernte, nur um festzustellen, dass Nonna Gina auch darin viel geschickter war als sie. Es folgten weitere Fähigkeiten, die Vera sich aneignete, Qigong, Hübsches aus Salzteig, Goldschmieden, doch nie fand sie etwas, in dem sie gut war und das ihr gleichzeitig Freude bereitete.
Bis sie letztes Jahr, aus völliger Langeweile heraus, einen Kurs in Kreativem Schreiben besuchte, gemeinsam mit ihrer besten Freundin Simone. Am Ende des Kurses kam sogar ein Verleger vorbei, Manfred Hülsenbeck, der über sein Ein-Mann-Unternehmen sprach, den Buchmarkt erklärte und von seinem Literaturwettbewerb erzählte: 2000#x2005;Euro und eine garantierte Veröffentlichung könne man gewinnen, wenn man ihm binnen drei Monaten ein vollständiges Manuskript zu einem beliebigen Thema zuschicke.
Und so fing Vera an zu schreiben. Das Handwerkszeug hatte sie im Kurs gelernt, und genug Zeit blieb im Kiosk auch. Eine richtig schöne Liebesgeschichte dachte sie sich aus, die irritierenderweise immer wieder ins Erotische abdriftete – vielleicht auch weil sie selbst an dieser Front etwas ausgehungert war. Natürlich sprach sie mit Guntero niemals darüber, und auch nicht über den Inhalt ihres Manuskriptes. Sie tauschten sich vielmehr über das Schreiben an sich aus, über das Eintauchen in eine andere Welt, das Entwerfen von Geschichten, wie man ein gutes Kapitel beginnt, wo es endet … und Vera achtete sehr darauf, dass sie kein pikantes Detail ihrer möglicherweise etwas zu frivol geratenen Geschichte preisgab, sondern Guntero stattdessen die Notlüge auftischte, sie arbeite an einer Kurzgeschichtensammlung. Gleichwohl war sie froh, dass es wenigstens eine Person in ihrem Leben gab, die ihr kleines Hobby ernst nahm. Auch wenn Guntero mit seinen bald fünfzig Lenzen, der speckigen Lederjacke, die er Tag und Nacht, sommers wie winters und zu jedem Outfit zu tragen schien, dem ausladenden Schnauzbart und der etwas aus der Mode gekommenen Brille nicht gerade die Zielgruppe repräsentierte, für die Vera ihren Roman verfasst hatte.
»Antipasti d’amore« war ein Roman über die Liebe. Und weil es um eine römische Restaurantbesitzerin und ihren schärfsten Kritiker ging, mit dem sie nicht nur eine leidenschaftliche Affäre begann, sondern für den sie auch immer wieder neue aphrodisierende Gerichte ersann, war Vera dazu gezwungen gewesen, der Nonna Rezepte aus der Heimat aus der Nase zu ziehen. Natürlich ohne zu sagen, was sie damit vorhatte. Wenn die Nonna gewusst hätte, dass die Rezepte in abgewandelter Form in Veras schlüpfrigem Buch vorkamen, hätte sie die Schwiegertochter vermutlich mit dem Nudelholz in der Hand aus dem Haus gejagt. Virginia, wie die Nonna eigentlich hieß, auch wenn alle sie Gina nannten, bedeutete »die Keusche«, und sie machte ihrem Namen wirklich alle Ehre.
»Nachkochen?«, sagte Vera nun und riss die Augen in gespieltem Entsetzen aus. »Wo denkst du hin? Niemals würde ich es mit dir aufnehmen wollen, Nonna! Keine kocht so gut wie du.«
Das war noch nicht mal gelogen. Aber wie würde sie die Kurve jetzt zum Rezept kriegen, das sie von der Schwiegermutter bekommen wollte?
»Ich dachte nur, wenn du eines Tages, nun ja …« Sie suchte nach Worten, da sie das Gefühl beschlich, mit ihrer Argumentation vermintes Gebiet zu betreten. »Gott bewahre, aber wir werden ja alle nicht jünger. Und wenn du dann mal … also … Die Kinder wollen doch sicher wissen, wie sie die köstlichen Gerichte aus deiner Heimat zubereiten, damit sie immer an dich denken können …«
Oh-oh. Die Augen der Nonna wurden zu schmalen Schlitzen. Es war eine schlechte Idee, mit der eigenen Schwiegermutter über ihr Ableben zu sprechen. Immer, aber mit einer italienischen Ausgabe ganz besonders. Hastig schlug Vera ein Kreuz, nicht weil sie selbst religiös war, im Gegenteil. Aber sie wusste, dass das Gefuchtel das Potenzial hatte, Nonna Gina zu beruhigen – zumindest hoffte Vera es.
»Aber das hat ja noch Zeit«, beeilte sie sich zu sagen, »du wirst ja sicher noch viel, viel älter!«
Die Nonna schnaubte, Vera schluckte erschrocken und hätte sich am liebsten im Spülbecken ertränkt. Wieso war sie auch so unglaublich ungeschickt, sobald sie mit ihrer suocera allein war?
Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, stellte sie sich manchmal den Tag vor, an dem die Familie Abschied von der kratzbürstigen Alten nahm und Vera endlich wieder Herrin im eigenen Haus wurde. Dann würde sie kochen, wonach es sie gelüstete, würde in der Küche herumwirbeln, würde Pasta aus der Tüte kaufen und Kartoffeln essen, jeden zweiten Tag, mindestens, und sowieso ganz andere Geschmäcker auf die Zunge einladen.
Doch bis dahin hieß es warten. Denn Nonna Gina erfreute sich, sah man von etwas bedenklichen Leberwerten einmal ab, bester Gesundheit.
Vera holte einen der Pastateller aus dem Wasser und fuhr mit der Spülbürste über den Rand. »Vielleicht schreibst du deine Lieblingsrezepte ja mal auf«, machte sie einen weiteren Vorstoß, in der Hoffnung, er möge harmlos klingen. Sie drehte sich ein weiteres Mal um und schlug die Augen auf. »Für die Kinder?«
»Bah.« Die Schwiegermutter sah weg. Vera wusste, dass das italienische »bah« für alles eingesetzt werden konnte: Ekel, Fassungslosigkeit, Entsetzen, Abneigung, aber auch widerwillige Zustimmung und die einsilbige Version von »Ich habe es dir doch gleich gesagt«.
Vera war nicht klar, was genau sie verbrochen hatte, um von Carlos Mutter so wenig gemocht zu werden. Allein die blonden Haare und ihre Herkunft waren doch keine ausreichenden Gründe, seit so langer Zeit stutenbissig zu sein. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass Carlo Ginas und Emilios einziges Kind war. Man wusste ja, wie sich die italienischen Mamas um ihre Söhne kümmerten. War Gina möglicherweise eifersüchtig? Oder fand sie Carlos Wahl nicht angebracht? Eigentlich empfand sich Vera als eine ganz gute Partie. Sie war eine liebende Mutter, eine fürsorgliche Ehefrau, vorzeigbar, sozial engagiert und freundlich. Gut, vielleicht war ihr Talent beim Staubwedeln und Fensterputzen nicht ganz so klar zu erkennen – aber die Menschen waren doch verschieden. Vera jedenfalls war ganz zufrieden mit sich. Selbst nach zwei Kindern und obwohl sie mittlerweile schon 43 war, hatte sie ihre Figur zumindest in Grundzügen behalten und war nicht wie ein Hefeteig auseinandergegangen, wie so viele andere.
Nonna Gina starrte sie an und schwieg. Dann zog sie laut die Nase hoch, verkniff den Mund und wandte den Kopf ab. »Ich überlege es mir.«
»Danke, Nonna«, erwiderte Vera, unterdrückte ein Augenrollen und nahm sich vor, beim nächsten Staubwedeln nach einem Büchlein, einem Stapel Notizen oder wie auch immer die Schwiegermutter ihre Rezepte zu Papier brachte, Ausschau zu halten.
Nonna Gina stand vom Tisch auf und verließ die Küche. Vera hörte, wie sie sich in die Kissen des Sofas fallen ließ, eine Sekunde später setzte das Plappern verschiedener Stimmen ein. Gina guckte wieder »La forza della passione«, eine unfassbar kitschige argentinische Telenovela aus den Neunzigern, die stümperhaft für das italienische Fernsehen synchronisiert worden war. Nur zwei Jahre lang war die Serie in Argentinien produziert worden, doch Nonna Gina liebte sie, und seitdem sie auf dem Privatsender »Lady Channel« in Endlosschleife wiederholt wurde, war die Welt im Hause Renzi in Ordnung.
Vera lauschte. Ah, die Folge kannte sie. Die gehörlose Azzurra und der Meeresbiologe Manuel gestanden sich gerade zum ersten Mal ihre Liebe. Sie vermutete, dass Nonna Gina die Folge hätte auswendig mitsprechen können, aber ihr Schnarchen war das sichere Indiz, dass sie den emotionalen Höhepunkt der Folge verpennte.
Als Vera mit dem Abwasch fertig war, wischte sie das Spülbecken trocken, hängte die feuchten Lappen und die pinkfarbenen Gummihandschuhe über eine Stuhllehne und wollte gerade die Küche verlassen, als das Telefon im Wohnzimmer nebenan klingelte. Aus Gründen, die sie selbst nicht kannte, gab es im Haus keinen schnurlosen Apparat, sondern nur dieses uralte Ding mit drei Meter langem Kabel und Wählscheibe, mehr oder weniger der einzige Gegenstand, den die Nonna aus Rom mit in ihre neue Heimat Monheim gebracht hatte. Eine nervige Angelegenheit, musste man sich doch beinahe die Finger wund wählen, wenn man jemanden auf dem Mobiltelefon anrufen wollte. Und wehe dem, der eine Zahl vergaß. Der durfte gleich wieder von vorn anfangen.
Vera ignorierte das Klingeln, es passierte nämlich so gut wie nie, dass sie jemand auf der Hausleitung anrief. Sicher war es wieder nur Giggi, der mit seinem schwäbischen Reichtum prahlte.
Vera warf einen Blick auf die Uhr. Schon fast zwei, sie musste zurück in den Kiosk. Bestimmt standen Frau Beyse und die Dackel schon auf dem Fußabtreter und schauten dem Paketzusteller Hassan dabei zu, wie er die Sendungen für Lennard Nothnagel auf der Bank vor dem kleinen Gebäude stapelte. Heute musste Vera noch zum Großmarkt, Milch, ein bisschen Käse und die Dinge des täglichen Lebens besorgen, die die Leute allzu gern vergaßen und dann bei ihr bekamen. Sie hängte sich ihre Tasche um, schlüpfte in die Winterjacke und war im Begriff, die Küche zu verlassen, als die Nonna auf der Türschwelle erschien und Vera beinahe mit ihr zusammengestoßen wäre.
»Für dich«, sagte sie knapp, und Vera hielt Ausschau nach einem Zettel mit einem der Rezepte der Nonna, das sie für ihren nächsten Roman verwenden konnte.
Doch anstelle eines Papiers hielt die Schwiegermutter das Telefon in der Hand. »Ein Mann.«
Und Vera hätte schwören können, dass die Beziehung zwischen ihrer Schwiegermutter und ihr in diesem Moment noch ein paar Grad mehr abkühlte.
»Hallo?« Vera hatte nach dem Hörer gegriffen, den Nonna Gina ihr ohne einen weiteren Kommentar in die Hand gedrückt hatte, bevor sie wieder ins Wohnzimmer verschwand und die Lautstärke des Fernsehers auf schwerhörig stellte.
Das Kabel des Hausapparats war etwas länger, das schon, aber keineswegs so lang, dass Vera sich mit dem Telefon hätte zurückziehen können. Sie mühte sich einen Augenblick lang damit ab, die Küchentür hinter sich zu schließen, musste jedoch schnell feststellen, dass es hoffnungslos war. Im Wohnzimmer schrien die verschiedenen Synchronstimmen von »La forza della passione« mittlerweile so laut, dass Vera sich das freie Ohr mit der Hand zuhalten musste.
»Frau Renzi, hallo, hier ist Manfred! Manfred Hülsenbeck. Wie geht es Ihnen?«
Vera war verblüfft. Herr Hülsenbeck rief normalerweise nie ohne Vorankündigung an, vor allem nicht auf dieser Leitung. Wo war eigentlich ihr Handy? Hatte sie bestimmt wieder im Kiosk liegen lassen.
»Mir geht es gut«, sagte sie mit gesenkter Stimme, was angesichts des Lärms aus dem Nachbarraum vermutlich gar nicht nötig gewesen wäre, und versuchte, sich in Richtung Küche zu drehen. »Ist bei Ihnen alles in Ordnung?«
»Was? Ja, natürlich. Entschuldigen Sie die Störung, Frau Renzi. Ich rufe doch nicht ungelegen an?«
»Na ja, ich muss gleich in den Kiosk, und ich kann hier …« Sie fing an zu flüstern. »Ich kann hier nicht so gut reden.«
Vera fragte sich manchmal selbst, warum sie noch keiner Menschenseele von ihrem Roman erzählt hatte. Ging es tatsächlich nur um die, nun ja, erotische Komponente? Oder hatte sie Angst, sich vor ihrer Familie zu blamieren, weil die Geschichte Schund war und ihr Schreibtalent über den täglichen Einkaufszettel nicht hinausging? Aber dann hätte Hülsenbeck »Antipasti d’amore« ja wohl nicht zum Gewinner gekürt. Oder?
Als sie vor mehr als einem halben Jahr den Anruf bekommen hatte, dass ihre Geschichte verlegt werden sollte, weil Herr Hülsenbeck sie für sehr vielversprechend hielt, war sie geschockt gewesen. Danach hatte sie sich eingeredet, dass sie unter den eingereichten Manuskripten entweder das kleinste Übel gewesen sein musste oder Herr Hülsenbeck aus Zeitgründen alle nur grob überflogen hatte.
»Ich möchte mit Ihnen über die Honorarabrechnung sprechen, Frau Renzi. Passt es Ihnen gerade?«
Hülsenbeck war praktisch immer in Geldnot, das hatte Vera mittlerweile kapiert. Deshalb hatte sie auch von den versprochenen 2000#x2005;Euro für das Manuskript noch keinen Cent bekommen. Sie konnte ihren Verleger beinahe leibhaftig vor sich sehen, wie er in einem zerknitterten, schlecht sitzenden Anzug in seinem »Verlag« saß, der eigentlich ein Ein-Zimmer-Apartment in Solingen war. Auf dem Bettsofa stapelten sich die Manuskripte, die Hülsenbeck niemals veröffentlichen würde, und auf einer Wäscheleine über der Pantry trockneten die bereits einmal verwendeten Teebeutel, um Geld zu sparen. Vermutlich würde Hülsenbeck sie ein weiteres Mal darum bitten, dass er ihr das Honorar erst später überwies. Vera seufzte innerlich und machte sich auf eine weitere Ausrede gefasst.
»Natürlich passt es, Herr Hülsenbeck.«
»Gut, gut. Es geht um Ihren Roman, Frau Renzi. Genauer gesagt um die Verkaufszahlen.«
Vera hatte mit einem Mal keinen Speichel mehr im Mund, und das Schlucken fiel ihr schwer. Sie meinte zu wissen, worum es bei seinem Anruf ging – und zwar nicht darum, dass sie sich ihr Honorar mal wieder in die Haare schmieren konnte. Hülsenbeck rief vermutlich deswegen an, weil er ihr mitteilen wollte, dass sich das Buch seit seiner Veröffentlichung vor einem Monat kein einziges Mal verkauft hatte. Sie war ja bei Gott nicht die Einzige, die einen Roman dieses Kalibers auf den Markt geworfen hatte – als E-Book natürlich, das hatten Hülsenbeck und sie damals so besprochen. Nicht nur wegen der Druckkosten, die bei einem digitalen Buch naturgemäß entfielen, sondern auch wegen des besonderen Genres. Und natürlich unter Pseudonym.
»Aber Frau Renzi«, hatte Hülsenbeck sie damals zu überreden versucht, »nach diesem Weltbestseller aus Amerika hat sich der Wind doch gedreht! Danach sind die Leute ja wie die Irren in die Baumärkte gerannt, um sich Seile und Holzlatten zu kaufen und zu Hause ein Andreaskreuz im Schlafzimmer zu errichten. Ein erotischer Roman ist doch nichts, wofür man sich schämen müsste.«
»Wenn man in eine erzkatholische italienische Familie eingeheiratet hat, schon«, hatte sie dagegengehalten und sich vorzustellen versucht, wie Nonna Gina mit spitzen Fingern ein gedrucktes Buch mit dem Namen ihrer Schwiegertochter auf dem Titel hielt und die ganzen Schweinereien darin las … und damit war nicht Nonnas großartige Porchetta gemeint. Und wenn Vera dann auch noch an die Nachbarn dachte, die alle das Buch lasen und ihre geheimsten, intimsten Phantasien kennenlernten, an die Lehrer ihrer Kinder oder ihre Stammkunden im Kiosk, also, nein, da wurde ihr ja gleich ganz anders. Allein beim Gedanken, Frau Beyse erfuhr, wie sich Vera ein leidenschaftliches Stelldichein in der Küche eines römischen Restaurants im Detail ausmalte … oder Lennard. Oder Guntero! Das war ja geradezu grotesk, die Idee, das Buch unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen, selbst wenn sie damit auch auf einen möglichen Ruhm verzichten musste.
Wobei, Ruhm. Es war kindisch und selbstverliebt, überhaupt etwas von dem Buch zu erwarten. Sie sollte sich glücklich schätzen, dass Hülsenbeck sie unter den Kursteilnehmern ausgewählt hatte – und fertig. Keine Erwartungen, keine Hoffnungen.
Aber hatte er sie wirklich ausgewählt? Oder war ihr Manuskript vielleicht einfach das einzige gewesen, das in Hülsenbecks Verlag eingereicht worden war? Und war es eigentlich richtig, sein Wohnzimmer-Büro einen Verlag zu nennen? Neben einem Bildband über Wildgänse und einem schmalen Bändchen mit rheinischer Mundart hatte Hülsenbeck bislang nur einige Gedichtbände verlegt, deren Urheber er allerdings stets selbst war. Seine Verse reimten sich nicht nur nicht, sie handelten auch meist von einem langsam alternden, erfolglosen Autor, der sein trostloses Dasein in einer zugigen Wohnung in Solingen fristete und auf bessere Zeiten hoffte. Natürlich war es reiner Zufall, dass Autor und lyrisches Ich quasi identisch waren. Auf jeden Fall fand Vera die Veröffentlichungen ihres Verlegers so merkwürdig, dass sie sie immer heimlich irgendwo »vergaß«, wenn er ihr wieder einmal ungefragt ein Exemplar zukommen ließ. Im Bus, im Wartezimmer beim Arzt oder auf einer Parkbank. So gab es zumindest eine winzige Chance, dass jemand anders sich daran erfreute, redete sie sich ein.
In »Antipasti d’Amore« hatte Hülsenbeck trotz seines ansonsten eher gewöhnungsbedürftigen Programms aber Potenzial gesehen. Er hatte ihr sogar ein richtig hübsches Cover spendiert, das sich kaum von den Bestsellern unterschied, sich ein Pseudonym für sie einfallen lassen und das Manuskript von eigener Hand lektoriert (was Vera mehr als einmal unendlich peinlich gewesen war, vor allem dann, wenn er versuchte, die Passagen sprachlich zu verbessern, in denen ihre Hauptfiguren ans Eingemachte gingen).
Vor einem Monat, Anfang Januar, hatte Lucia Barone dann ihren ersten Roman veröffentlicht. Im kalten Winter seien heiße Erotikromane besonders gefragt, insbesondere zu Jahresbeginn, hatte Hülsenbeck argumentiert. Seitdem hatte Vera nichts mehr von ihm gehört und die Buchveröffentlichung ehrlich gesagt beinahe vergessen – wo dank des digitalen Formats doch nicht einmal mehr Belegexemplare bei ihr eingetroffen waren, die sie vor der Familie hätte verstecken müssen.
Doch nun spürte Vera, wie die Nervosität, die in den Tagen nach der Manuskriptabgabe Besitz von ihr ergriffen hatte, wieder aufflackerte. Hatte sich überhaupt irgendjemand für ihr Romandebüt interessiert? Oder würde sie weiterhin in der trüben See der Bedeutungslosigkeit herumfischen, vielleicht mal wieder auf der Website der VHS vorbeischauen und sich von der vermaledeiten Schwiegermutter eine allgemeine Lebensuntauglichkeit diagnostizieren lassen müssen? Warum meinte sie eigentlich einen Roman verfassen zu können? Sich Autorin zu schimpfen? Ja, wie war sie überhaupt je auf die Idee gekommen, ihr Manuskript jemandem zu zeigen – oder gar veröffentlichen zu lassen? War sie noch ganz bei Trost?
»Frau Renzi? Sind Sie noch dran?«
Vera blinzelte ein paarmal nervös. »Ja. Ja. Also, Sie rufen doch bestimmt …« Sie wandte sich ein wenig ab, damit man sie nicht hören konnte, und schirmte die Sprechmuschel mit der Hand ab. Man konnte ja nie wissen. »… wegen ›Antipasti‹ an?«
»Exakt. Also, es ist so. Die Verkäufe … herrje, was will denn jetzt der Kater? Einen Moment, Frau Renzi. Der Kater steigt mir hier grade auf den Tisch, das darf er nicht. Pscht! Dostojewski! Gehst du da runter.«
Veras Verleger legte den Hörer weg. Aus dem Hintergrund waren Geräusche zu hören, er verscheuchte wohl gerade den Vierbeiner von seinem Schreibtisch. Veras Herz schlug noch schneller. Hoffentlich verkaufte sich das Buch. Wenigstens ein paarmal. Einhundert? Das war eine gute Zahl. Obwohl vielleicht auch ein bisschen optimistisch. Immerhin war der Roman erst seit dreißig Tagen auf dem Markt. Noch dazu gab es gar keine Werbung – wie sollten potenzielle Leser also wissen, dass es »Antipasti d’Amore« gab? Sie korrigierte die Zahl auf fünfzig. Wenn sich der Roman in den vergangenen Wochen fünfzigmal verkauft hatte, war sie glücklich. Dreißig wären aber auch in Ordnung. Ein Download pro Tag. Wenigstens etwas. Mehr, als man erwarten konnte. Oder? Sie hatte so viel Freude beim Schreiben gehabt. Wochenlang hatte sie an nichts anderes gedacht als an Elisabetta und Stefano, ihre beiden Protagonisten, die sich auf ein kulinarisch-erotisches Abenteuer miteinander einließen und schließlich auch die Liebe zueinander fanden. Neben einigen sehr interessanten Stellungen und Elisabettas G-Punkt.
»So, da bin ich.« Hülsenbeck war wieder am Apparat.
Vera hielt die Luft an und schloss die Augen.
»Ihr Roman passt ja eigentlich gar nicht in mein Programm«, begann der Verleger umständlich zu erklären. »Das hat gar nichts mit Ihrem Schreiben zu tun, sondern eher mit der Thematik. So ein erotischer Stoff … Also mir ist natürlich klar, dass Ihre beiden Protagonisten sich sozusagen über die lukullischen Genüsse näherkommen. Deshalb habe ich ja auch zugestimmt, dass …«
»Herr Hülsenbeck!«, unterbrach ihn Vera atemlos. »Bitte. Verkauft sich das Buch?«
