UDDUPURTU - René Fries - E-Book

UDDUPURTU E-Book

René Fries

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Beschreibung

Dieser Text wurde in "DIE BRÜCKE - Forum für antirassistische Politik und Kultur" Nrs 161-166 veröffentlicht ("Buchmanuskript - leicht gekürzter Vorabdruck"). Auf Anraten des Chefredakteurs habe ich das Manuskript an verschiedene Verlage geschickt; bekanntlich dauert die normale Lektoratsarbeit immer monate- und oft jahrelang, vor allem bei einem "Anfänger". Nun hätte ich normalerweise noch zugewartet, aber die unaufhörlichen islamistisch-terroristischen Anschläge veranlassen mich jetzt, den Text als e-book herauszubringen. Nachstehend drei der bisher eingegangene Beurteilungen: --- "Wir verlegen nur noch Kinderbücher und denken daher, dass Ihr politisch äußerst relevanter Aufsatz bei einem anderen Verleger wesentlich besser untergebracht wäre und dort eher den Publikumserfolg bekäme, den er verdient" --- "R. Fries (...) durchleuchtet auf höchstem Niveau alle relevanten religionsphilosophischen Ansätze [...] Der Aufsatz ist für den Leser gut aufbereitet und eine ausserordentliche Bereicherung für Philosophie und Politik interessierte Laien [...] Der Text (...) dürfte vor allem Spezialisten (...) ansprechen. Eine äusserst interessante und anspruchsvolle Analyse des Nahost-Konflikts und des fundamentalistischen Terrorismus. Sehr lesenswert!" – dies von einem Verlag dem ich leider absagen musste weil dort die Neue Deutsche Rechtschreibung obligatorisch ist, und die will ich nicht weil der Text komplett verhunzt d.h. grossenteils unleserlich würde, ich habe 1 Seite in die NDR gesetzt und war entsetzt --- "Mit Vergnügen aber auch Bewunderung für die vielschichtige mit einer Fülle von Sachverhalten mit gegenseitigen Bezügen versehene Darstellung habe ich Ihren Text gelesen. Was nun die Veröffentlichung in unserem auf das katholische Schrifttum fokussierten Verlag anbelangt, so haben wir uns für eine enge Auslegung unseres Programms entschieden.

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Seitenzahl: 390

Veröffentlichungsjahr: 2016

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René Fries

UDDUPURTU

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

UDDUPURTU

Vorwort

1. "Freude schöner Götterfunken..."

2. "Geist"

3. Fundamentalisten und andere Gotteslästerer

4. Politik und Politiker

5. Nahost (Die groβe Chance)

6. Europa

7. UDDUPURTU [Die (nicht nur) politischen Konsequenzen der wissenschaftlich-historischen Wahrheit über "Mohammed": Ende des"homegrown terrorism", Friede in Nahost usw.]

8. Paradigmenwechsel?

9. "Vertrauen"

Nachwort

Acknowledgments (Widmung): für Jessica

NORBERT COBABUS

Impressum neobooks

UDDUPURTU

René Fries

Blödsinn ist zählebig (Angelika Aliti)

gefolgt durch

Norbert Cobabus

Vorwort

"The israeli-palestinian conflict remains at the heart of the growing tension between the West and the Arab world. A solution is now more urgent than ever" (BBC World Radio).

Angesichts weltweiter Emotionen mit gleichfalls weltweiten Folgen können wir uns den Luxus nicht leisten, diesen Konflikt noch sehr viel länger weiterschwelen zu lassen. Die Frage lautet also: ist es möglich, diesen Konflikt in absehbarer Zeit und ohne gröβere zusätzliche Opfer an Menschenleben beizulegen? Auch dann wenn die Hamas immer, und immer wieder querschieβt?

Im Folgenden soll eine Antwort gesucht werden, denn es kann keinen Zweifel daran geben, dass eine Beilegung genauso weltweite und zwar positive Folgen haben würde, wie sie bisher, und bekanntlich negativ, der Konflikt selbst zeitigte. Weil "eine Philosophie, die immer wissen möchte, weshalb man was tut und ob man's nicht besser lassen sollte, sich an den kleinen Konflikten labt und ungewärtig ihrer Ohnmacht vor den groβen wird" (Hans Blumenberg, Ein mögliches Selbstverständnis, Reclam 9650, S. 13), und weil von menschlichen Emotionen auszugehen ist, müssen jetzt aber erst einmal gesellschaftliche, religiöse, "(massen-)psychologische" und philosophische Betrachtungen angestellt werden, an deren Ende festzustellen sein wird, ob und wie diese Überlegungen zu einer politischen Lösung führen können. Hier nun kommt erst einmal eine etwas eigenwillige "Übersetzung": "Der israelisch-palästinensische Konflikt ist eine einmalige Chance um endlich den Weltfrieden herzustellen".

Wenn man hört dass mehr als dreiviertel aller in einer Umfrage Befragten den Islam als eine Gefahr ansehen(eigentlich zu unrecht, wie aber aus argumentationstechnischen Gründen erst im siebten Kapitel gezeigt werden kann), so heiβt dies erst und vor allem, dass so ziemlich jeder Einzelne von uns sich Gedanken darüber macht. Es heiβt aber auch – und Anschläge auf Moscheen bezw. Türkenheime belegen es – dass besagte Gedanken oftmals undifferenziert genug sind um unzulässige Schluβfolgerungen und Handlungen (22-7-2011: Oslo!)hervorzubringen; vorläufig zwar nur bei gesellschaftlichen Randgruppen, aber jene Art von Dynamik zu der man nur "wehret den Anfängen!" sagen kann, ist ja gerade in Europa sattsam bekannt. Es heiβt schlieβlich, dass die als "Gutmenschen" verschrieenen kühleren Köpfe einen schweren und immer schwereren Stand haben und haben werden – und wie aus den nachfolgenden Betrachtungen ersichtlich sein wird, muss es uns ein Hauptanliegen sein um diesen Leuten brauchbare Munition zu liefern.

Die Gefährlichkeit der eben skizzierten Entwicklung ist spätestens seit dem Mord an Theo van Gogh überall an der Tagesordnung. Nun haben ja die islamistischen Attentate in Holland oder England mit jenen in der gesamten übrigen Welt dies gemeinsam, dass in den auf sie folgenden Bekennerschreiben immer wieder auf ein für Muslime tatsächlich zentrales Problem verwiesen wird: Den israelisch-palästinensischen Konflikt.

Was aber nirgendwo, weder in den Medien noch in privaten Diskussionen zum Ausdruck kommt, ist dass auch nur ein Einziger die einzigartige Chance voll begriffen hätte die sich hieraus ergibt.

I. EINBLICKE (sur les traces de Hans Blumenberg)

1. "Freude schöner Götterfunken..."

Weil man nun aber ohne allzusehr zu übertreiben "Naher/Mittlerer Osten gleich Religion" sagen kann [die türkische AKP und die ägyptische "Moslembruderschaft" und auch die Maghreb-Salafisten sind nach dem sogenannten "arabischen Frühling" fleissiger denn je; ebenso die ölmillionenschweren Wahhabiten], so verdient erst einmal die folgende, aus einer Internet-Diskussion geholte Notiz unsere Aufmerksamkeit: "Seit dem 11. September 2001 sind wir mit einer neuen Qualität dieses aktiven apokalyptischen Terrorismus konfrontiert i. Man wird Attentäter für Geld oder aus Überzeugung, Selbstmordattentäter aber nur aus Überzeugung. Die islamistischen Terroristen fühlen sich offenbar als Märtyrer ihres Glaubens und werden von ihresgleichen hoch verehrt. Für welche Überzeugung morden sie? Seit Jahrzehnten werden die USA von fanatisierten Massen auf den Straßen des Nahen Ostens als 'der große Satan' angeklagt und die westliche Welt als die verdorbene 'Welt der Gottlosen' verdammt: Materialismus, Pornografie, Auflösung der Familie, Frauenbefreiung sind nur einige der Anklagen".

Diese Notiz ist deshalb so interessant, weil sie in komprimiertester Form den Nutzen der im Nachhinein einzuhaltenden démarche beweist, nämlich dass "die Frauen", die, wie ja schonBörne sagte, "die Achse der Welt" sind, eine notwendige erste Stufe der hier vorgelegten Studie darstellen.

Es ist aber erst einmal unerläβlich, die Unsinnigkeit des eben zitierten Amalgams von Pornographie, Frauenbefreiung und anderen Faktoren nicht nur mit historischen und philosophischen, sondern vorzugsweise mit religiösen Argumenten herauszustellen; letztere auch aus dem Koran. Gleiches wird übrigens im übernächsten Kapitel der Fall sein, wo dem "Jihad" das Wasser vollends abzugraben sein wird mit dem Beweis, dass nicht "Christen" oder "Westler" die Gottlosen sind sondern sie selbst, die Islam-Fundamentalisten. Da macht es schon einen ganz besonderen Spaβ, mit dieser Börneschen Wortkonstruktion beginnen zu können die so sehr jener allseits berühmt-berüchtigten "axis of evil" gleicht, welche George W. Bush seinerzeit in das politische Vokabular der Welt eingeführt hatte.

Noch vergnüglicher wird es wenn wir uns vergegenwärtigen, dass nicht nur Islam- sondern auch Christenfundamentalisten im "Weib" etwas Sündenbehaftetes und daher möglichst zu Unterdrückendes ii sehen.

Um allerdings die Vergnüglichkeit dieser Erkenntnis so recht würdigen zu können, muss man erst einmal ziemlich weit ausholen, weiter jedenfalls als nur bis hin zu Bibel und Koran:

Johannes von Müller, der Physiologe, hatte gesagt dass es zwei groβe Mächte gebe, "um die sich alles dreht: die Ideen und die Frauen". Das sei ganz richtig, schlieβt sich Kierkegaard an, denn es hänge damit zusammen, was die Phantasie sei und was ihre Daseinsfunktion ausmache: "Frauen und Ideen sind es, welche die Menschen ins Dasein locken. Das Wesen des Erotisch-Ideellen ist Verführung". Dies wäre nun eigentlich der Moment um Anaïs Nin, "la grande experte" in Sachen Verführung, herbeizuholen. Zunächst jedoch soll auf Clemens von Alexandrien (Stromata) verwiesen werden, bei dem sich die mythische Vermutung findet, die Philosophie sei den Griechen von einem gefallenen Engel, sozusagen als entwendetes Himmelsgut gebracht worden. Aber diese reichlich "gnostisch" anmutende Illegitimität ihres Ursprungs wird einigermaβen wettgemacht durch die Zulassung Gottes, von dem ja nicht angenommen werden darf, er hätte von diesem Vorgang nichts gewuβt: "Damals nämlich gewährte das gestohlene Gut den Menschen einen gewissen Nutzen, obwohl der Dieb dies nicht beabsichtigt hatte, indem die Vorsehung seine Freveltat zu einem nützlichen Ende brachte". Aus dieser Quelle der gefallenen Engel die – und jetzt wird's interessant – "die Geheimnisse, soweit sie zu ihrer Kenntnis gelangt waren, den Weibern ausplauderten", soll nicht nur die Lehre von der Vorsehung, sondern auch die Enthüllung der Himmelserscheinungen an die Griechen gelangt sein.

Dieses halbmythische "den Weibern Ausgeplauderte" nun verbirgt einen handfesten anthropologischen Hintergrund, der in primitiverer Form auch in der Tierwelt zu beobachten ist: Was schon Darwin "the female choice" genannt hat, und was, bei Licht besehen, das eigentliche Startsignal der Entwicklung vom primitiven Hominiden hin zum Menschen gegeben hatte.

Vor rund 500.000 Jahren verschwand der homo erectus und machte dem Neandertaler Platz, welcher die ersten Formen dessen zeigt was wir "Menschlichkeit" nennen: Gebrechliche versorgen und Tote begraben. Dies scheint nun allerdings überhaupt keine "Anpassung an die Natur" im eigentlichen Sinne zu sein, also muss der Selektionsvorteil allein beim Menschen liegen; bleibt die Frage, wer den dazugehörigen Druck ausübte. Die Antwort ist: es waren die Frauen.

Die Frauen, die also jenen Männern den Vorzug gaben, bei denen sie Verantwortungs- und Mitgefühl wahrnahmen, bei denen man also damit rechnen konnte, dass sie die Belange der Anderen in Rechnung stellen würden bei etwaigen schwerwiegenden Beschlüssen. Das dauerte dann einige Hunderttausende von Jahren, da gibt's richtige "Geröllhalden" von Sagen, Legenden und Mythologie, aber das weiβ man ja alles und das ist hier auch nicht weiter relevant – auβer, natürlich, jener Feststellung dass"die Weiber" (wieder mal) an allem schuld sind. Biblisch: Eva und der Apfel. Der Sündenfall. – "Man muss indessen annehmen", so ein ungefährer Zeitgenosse Clemens', der oft und gern allegorisierende Origenes, "dass all das Gute und Böse, das unserem Herzen eingeflüstert wird, nichts anderes bedeutet als einen Anreiz, der uns zum Guten oder Bösen veranlassen will". Ja, und: man muss bedenken, dass ein Groβteil jener patristischen Betrachtungen, Dispute und dogmatischen Zwistigkeiten ganz einfach daher rührt, dass man damals weder von Hormonen noch vom Unbewuβten, ob individuell oder kollektiv, irgend etwas wuβte (... umso mehr "wuβte" man von Teufeln, von Beelzebub und Satanas incubus/succubus).

In diesem Zusammenhang nun ist es doch beachtenswert, wie unsere "tabulose" Zeit sich immer noch der verstaubtesten Moralbegriffe bedient wenn es um jene Gottesgeschenke geht, die unsere Fortpflanzung zu dem machen, was sie ist: die allererste und stärkste Pflanzstätte zwischenmenschlicher Beziehungen.

Nun könnte man ganz unschuldig die Fundamentalisten aller Couleur fragen "Wer aber hat denn nicht nur Engel und Teufel, sondern auch Hormone und mit ihnen Triebe und fleischliche Lüste geschaffen? Ist nicht auch unsere Haut das Kleid, das Gott selbst uns gegeben hat?"

Anaïs Nin gab dieser elementaren Einsicht ein poetisches Gesicht. Begeben wir uns mit ihr "(...) hinunter in den Untergrund der Nacht, die dem ersten Mann und der ersten Frau zu Beginn der Welt so wohlgesinnt war, wo es keine Worte gab, mit denen man einander besitzen konnte, keine Serenadenmusik, keine Geschenke, mit denen man buhlen, keine Turnierkämpfe, mit denen man beeindrucken und ein Nachgeben erzwingen konnte, keine nebensächlichen Mittel, keinen Schmuck, keine Halsketten, Kronen, mit denen man überwältigen konnte, sondern nur ein einziges Ritual: ein freudiges, freudiges, freudiges, freudiges Aufspießen der Frau am sinnlichen Mast des Mannes" [Die neue Empfindsamkeit, Knaur, München 1994, S. 11]. Dies hat ja nun zwar, nicht nur wegen der darin enthaltenen Geschichtlichkeit ("zu Beginn..."), durchaus auch gesellschaftspolitische Implikationen, denn schlieβlich sind Kriege historisch ja nichts anderes als auf die Spitze getriebeneBeutezüge womit das Männchen seinem Weibchen imponieren will, wobei sich dann mit "männlicher Logik" die dazugehörigen Rechtfertigungsarien [gottgegebene Überlegenheit des eigenen Misthaufens bezw. des dort oben krähenden Hahns usw] entwickelten.

Die Extrem-Ausprägung dieser gottgegebenen Überlegenheit des eigenen Misthaufens heiβt bekanntlich "Rassismus" – und da ja die Italiener wirklich gute Opernkomponisten haben, sich also mit Arien aller Art bestens auskennen, kommt hier jetzt etwas für Feinschmecker: "Poiché la consegna era quella di negare agli etiopici ogni virtù, anche la più evidente, per accreditare la tesi che essi costituivano il popolo più barbaro ed incapace, si sostenne fin dall'inizio del conflitto che se erano in grado di opporre una certa resistenza, tutto il merito era dei 'mercenari bianchi' che militavano nelle loro file. Questi misteriosi bianchi, che in réaltà non furono mai più di cento fra esperti militari, piloti e medici, diventarono migliaia per la propaganda del regime, che doveva in qualche modo giustificare la lentezza con la quale procedevano le operazioni... – Weil die Losung lautete, den Äthiopiern jegliche, auch die augenfälligste Tugend abzusprechen um die These zu akkreditieren dass sie das barbarischste und unfähigste Volk seien, so wurde seit dem Anfang des Konflikts behauptet dass, wenn sie imstande waren einen gewissen Widerstand zu leisten, der ganze Verdienst den 'weiβen Söldnern' zukam die in ihren Reihen kämpften. Diese geheimnisvollen Weiβen, deren es in Wirklichkeit nie mehr als hundert gab bei den Militärexperten, Fliegern und Krankenpflegern, wurden durch die Propaganda des Regimes zu Tausenden, was irgendwie die Langsamkeit erklären sollte mit welcher der Feldzug voranschritt" (Angelo del Boca, "La guerra d'Abessinia 1935-1941", Feltrinelli Editore, Milano 1965, S. 79)

John Lukács faβt diese Einsicht in Die Geschichte geht weiter (Heyne, München 1996) in einer Fuβnote trefflich zusammen: "Die Empfindungen und Loyalitäten des Nationalismus sind männlich-kategorisch, intellektuell oder zumindest mental. Das intuitive Wesen derFrauen ist nicht so kategorisch, nicht so ausschlieβlich, menschlicher und potentiell universaler", vgl. auch Maupassant : "(...) denn die Frauen kennen weder Kaste noch Rasse, ihre Schönheit, ihre Grazie und ihr Charme sind ihre Herkunft und Familie. Ihre angeborene Feinfühligkeit, ihr Instinkt für Eleganz, ihre geistige Geschmeidigkeit sind ihre einzige Hierarchie, und machen die Volksmädchen den gröβten Damen gleich." [Contes du jour et de la nuit (5- "La parure"), Gallimard Folio, Paris 1984]. Diese tiefe Einsicht soll im folgenden analysiert werden.

Zunächst führt sie uns zu Angelika Aliti, welche, unschwer zu erkennen, eine "Emanze" ist. Indes kann es als Tatsache bezeichnet werden, dass jene oben genannten "Geröllhalden" auch den heute als gesichert anzusehenden und von Aliti brillant behandelten historischen Fakt beinhalten, dass die früheren matriarchalischen Gesellschaften gewaltsam durch patriarchalische abgelöst wurden. Medea, Klytämnestra, Elektra kann man als symbolische Trägerinnen sehen von wichtigen Teilen jener unter besagter "Geröllhalde" subsumierten Ereignisse, die als "mythische" Legenden Eingang in die Weltliteratur gefunden haben. Dass aber sehr viel mehr als nur "Sagenhaftes" dahintersteckt, macht Aliti in ihrem Buch "Die wilde Frau" fest am Beispiel des alten Kreta.

"Als der Archäologe Sir Arthur Evans Ende des 19. Jahrhunderts an der Nordküste der Insel Kreta bei Ausgrabungen auf die Überreste einer bedeutenden Kultur stieβ, hatte er wahrscheinlich beste Absichten, diese Kultur so verstehen zu wollen, wie sie war.

Er war allerdings nicht fähig, andere Wirklichkeiten als die, in der er lebte, als Erfahrungsgrund heranzuziehen, und so wurde er ein Opfer seiner beschränkten Deutungsfähigkeit. Dies wäre nun nicht weiter erwähnenswert, wenn es nicht zur Folge gehabt hätte, dass Evans' Miβdeutungen bis auf den heutigen Tag Einfluβ auf unser Denken haben, der weit über den Bereich Archäologie und Geschichte hinausgeht. (...) Die Welt, in der er lebte, das ausgehende 19. Jahrhundert, betrachtete sich als Höhepunkt der abendländischen Kultur, die in Griechenland ihre Wurzeln hatte (...) Die Frauen seiner Zeit waren nicht geeignet, auch nur den geringsten Zweifel darüber aufkommen zu lassen, dass Männer laut Pythagoras das gute Prinzip, die Ordnung und das Licht repräsentierten. Hätte damals jemand den guten alten Sir Arthur damit konfrontiert, dass es Kulturen gab, die matriarchalisch organisiert waren, in denen es keine HERRschaft gab und männlich und weiblich ganz anders definiert wurden, so hätte er es – obwohl ihm Bachofens Erkenntnisse über das Matriarchat als natürliche Gesellschaftsform des Menschen hätten zugänglich sein können – schlichtweg einfach nicht geglaubt, sowenig wie er grüne Marsmännchen als Erbauer der Akropolis akzeptiert hätte. (...)

Aber Blödsinn ist zählebig, und so bleibt Knossos ein Palast, auch wenn inzwischen alle, auch die Fachleute, wissen dass es nicht so ist. Wiewohl sie sich scheuen zuzugeben, was es ist: das Heiligtum einer von Priesterinnen regierten matriarchalischen Gesellschaft.

(...) Wann immer der eine oder andere Archäologe sich dem Zusammenhang zwischen Matriarchat und der menschlichen Kultur nicht mehr entziehen kann, macht er sich seltsamerweise sofort auf die Suche, um Beweise für Menschenopfer und Sklavenhaltung zu finden. Das ist höchst eigenartig. Allerdings nur auf den ersten Blick. Betrachten wir diesen sonderbaren Umstand genauer, so finden wir hier die Erklärung, warum die Kontrolle der Vergangenheit die Machtsgarantie für die Zukunft ist. Denn als wäre keine Zeit vergangen, begegnen wir damit auch gleich jenen Männern, die vor 3000 Jahren von der Donau bis nach Griechenland kamen, die das blühende Kreta zerstörten und dann behaupteten, die Minoer hielten sich ein Ungeheuer namens Minotauros, das junge Mädchen und junge Burschen fräße, die alle neun Jahre von den durch die Minoer geknechteten und unterdrückten Völkern nach Kreta als Menschenopfer ausgeliefert zu werden hätten. Davon habe die Welt befreit gehört. Diese Propagandalügen scheinen noch zählebiger als Sir Arthur's Welt der Könige. Die Wirklichkeit stand offenbar ganz und gar im Gegensatz zu den Berichten der Eroberer von der Donau. Das alte Kreta war eine ausgesprochen friedliche Welt. Es gab keine Zäune und keine Wehranlagen. Es wurden aus dieser Zeit nirgendwo Waffen gefunden. Dagegen haben Musik und Tanz eine groβe Rolle im Leben der Minoer gespielt, wie sie auch ein Volk der groβen Kunstfertigkeit waren. Ihre Häuser verfügten über Kanalisation. Es finden sich keinerlei Anhaltspunkte für Sklaverei und Tieropfer, von Menschenopfern ganz zu schweigen. Ihre Kleider waren von anmutiger Eleganz. Waren aus dem minoischen Kreta finden sich in der gesamten damaligen Welt, von Ägypten bis hinauf nach Norwegen, und überall waren die Minoer als liebenswürdige und heitere Menschen bekannt und beliebt. Wenn nun eine solche Welt in ursächlichen Zusammenhang mit einer Gesellschaftsordnung gebracht wird in der die Macht in den Händen der Frauen liegt, so dürfen wir sicher sein, dass dies gröβere Folgen für unsere Welt hat als die Korrektur einiger Museumsbroschüren in Heraklion und Athen sowie eine Anzahl an akademischen Diskussionen in archäologischen Fachblättern in London, Berlin und New York." (Die wilde Frau, Knaur, München 1994, S. 155 ff)

Dieser im eben Zitierten enthaltene Satz "warum die Kontrolle der Vergangenheit die Machtsgarantie für die Zukunft ist" nun führt uns wie selbstverständlich hin zu dem im weiteren zu behandelnden Fundamentalismus. Denn hier wird schon jetzt ein interessanter Sachverhalt deutlich sichtbar, nämlich dass im Falle der Islam-Fundamentalisten besagte Kontrolle der Vergangenheit [Mohammed darf nicht kritisiert werden, der Koran, da "von ewig her unerschaffen", erst recht nicht; und "Apostasie" wird mit dem Tod bestraft] das Fundament für genau dasselbe Ziel und nichts anderes ist, nämlich jene Machtsgarantie für die Zukunft die momentan im Irak, im Sudan, in Syrien, Pakistan, Afghanistan, Algerien, Marokko, Indonesien, Nigeria, Tschetschenien und Palästina herbeigebombt und bei uns herbeigemordet werden soll.

"Islam-Fundamentalisten"

Gilles Kepel, Die Rache Gottes (Piper Verlag GmbH, München, 2. Aufl. Nov. 2001). Daraus: "...normalerweise werden Ereignisse oder Konzepte, mit denen man Ereignisse in fremden Kulturen gedanklich zu erfassen sucht, aus dem Studium westlicher Religionen gewonnen. In Paris oder New York führt man die Ereignisse in der islamischen Welt auf den 'muslimischen Integralismus' bezw. den 'muslim fundamentalism' zurück, ohne sich klarzumachen, dass Integralismus bezw. Fundamentalismus zwei im Katholizismus bezw. Protestantismus entstandene Kategorien sind und dass ihre metaphorische Übertragung auf andere Phänomene noch lange nicht ihre Allgemeingültigkeit beweist. Ja, ich halte diese Kategorien für grobe Vereinfachungen und Verzerrungen, die die Erkenntnis des gesamten Phänomenkomplexes nur behindern. Unsere grundlegende Unfähigkeit, die islamischen Bewegungen unserer Zeit zu verstehen, ist gröβtenteils auf diese alten theoretischen Scheuklappen zurückzuführen, die unseren Blick immer mehr einengen. Wir müssen endlich die Herausforderung annehmen, die die zeitgenössischen religiösen Bewegungen für unsere traditionellen Denkschablonen darstellen, und das ist nur möglich, wenn wir sie als globale Erscheinung begreifen."

Vereinfachungen und Verzerrungen, tatsächlich; so z.B. sind in den daily bombings, beheadings, murders, mutilations, honor killings and sundry other savagery committed in the name of Allah (T.R. Clancy)zumindestdie "honor killings"nicht unbedingt und immer ausschliesslich "Allah" anzukreiden, sondern eher etwas Kulturspezifisches: "Es geht selten ein Monat vorbei ohne dass Schlagzeilen in der Presse von dem Mord dieses oder jenes Mädchens durch Bruder oder Cousin berichten, weil sie unerlaubte Beziehungen gehabt habe. Oft genug wird der Mann mit ihr zusammen getötet worden sein, oder er wird's im Nachhinein. Es ist uns mehrmals passiert, dass wir der entsetzte Zeuge waren von Szenen wo eine ganze Delegation von Christen uns triumphierend verkündigen kam dass dieser oder jener endlich seine Schwester getötet habe die sich schlecht betrug! und also die Ehre der Familie im Blut gerettet hatte!... " [Pages d'Evangile lues en Galilée, Mgr Georges Hakim, Archevêque de Galilée, 2ème édition juillet 1958, Editions E. Vercruysse-Vanhove, Saint-André/Bruges(Brügge), S. 64].

Dass die Frauen dabei "au centre des débats" stehen, überrascht nach Vorhergehendem vermutlich niemanden mehr. Auch müβte ja eigentlich jeder äffisch-angeberischer Macho den Islam-Fundamentalisten schon fast dankbar sein dass sie "objektiv" die Speerspitze bilden im Kampf des Patriarchats gegen die "Emanzen". Aber für jedes nicht von Fundamentalismus und/oder äffischem Machismo angekränkelte Männerhirn dürfte ein gewisses, wie oben erwähnt "freudiges" Aufspießen fast unübersehbar die Nähe zu "Freude schöner Götterfunken" anzeigen, welcher umso göttlicher ist als ja Gott nicht nur den Menschen, "Mann und Frau nach seinem Ebenbild" geschaffen und durch Paulus die "Einswerdung im Fleische" als "groβes Geheimnis" bezeichnet hat, sondern auch im Koran, Sure 40, 65 sagt: "Allah ist es, der euch geformt, und zwar schön geformt hat" und solcherart die kleine Frage "wozu eigentlich, wenn nicht... – (?)" provoziert, die man eigentlich nur mit "... – eben!" beantworten kann. Was jedoch nicht nur auf eine "gottgewollte primäre Instinkthaftigkeit eines blinden Triebes" verweist (oder wie immer man das zu nennen beliebt), sondern, wie die Worte "groβes Geheimnis" ja eigentlich schon andeuten, auf einen sowohl biologischen als auch "psychologischen" und jedenfalls menschlich-ganzheitlichen Sachverhalt: Wie jedermann weiβ, werden Mädchen, im Gegensatz zu Jungen, geboren mit zwei "vollständig ausgestatteten" Eierstöcken. Das heiβt, dass schon bei der Geburt der Mutter eines Jeden von uns die Hälfte der jeweiligen Person daselbst anwesend war, und weiter: schon bei der Geburt der jeweiligen Groβmutter war die Hälfte jener Hälfte – und so fort. Das kann sich jeder bis hin zum "Urknall" (Augustinus: "ictus condendi") ausdenken, und zwar so farbenprächtig wie er will. "Farbenprächtig" meint hier ausdrücklich sämtliche beim "Arboreszieren" der Spezies "links liegengelassenen" Entwicklungs- bezw. Selektionsstufen, hin zu Teilhard's "noosphère/convergence phylétique", also "von Alpha nach Omega".

Accroissement de la néguentropie und noosphère sind Erklärungsversuche (in: La place de l'homme dans la nature, éditions 10/18, Paris 1956), nicht besser und nicht schlechter als andere wissenschaftliche Hypothesen, warum sich die gesamte Schöpfung so "gebärdet" als sei ihr höchstes so nicht einziges Ziel die Zunahme des Geistes ("la cérébralisation des êtres est le véritable index de leur vitalisation", op. cit. S. 65), sowohl quantitativ als auch qualitativ. "Wo uns das Wirkliche hilflos macht, kreisen wir es mit dem Möglichen ein. Wem das wie ein Spruch der Pythia erscheinen will, möge daran denken, dass alle 'Hypothesen', als die sich wissenschaftliche 'Resultate' letztlich ausgeben müssen, den Modus der Möglichkeit haben. Das lässt nie ausser Betracht, es könnte eine von vielen die bessere von guten, doch nochmals die jederzeit durch eine bessere überbietbare sein. Immer bleibt ein Rest, der Vorsicht und Rücksicht verlangt." (Blumenberg, Lebensthemen, Reclam 9651, S. 75). Weiter: "Es gebe allerdings Unaussprechliches, sagt Wittgenstein im 'Tractatus', aber dieses habe eben seine Art, nicht nicht zu sein, es 'zeigt sich, es ist das Mystische'. Es mag sein, dass man nach dem letzten Satz des 'Tractatus' über das schweigen muss, wovon man nicht sprechen kann; aber genauer heiβt das doch nur, dass man auf eine ANDERE Art von dem sprechen muss, wovon man auf eine BESTIMMTE Art nicht sprechen kann" (in: Die Höhlen der Vernunft, Hervorhebungen im Original). Weiter: "Dass die Subjekt-Objekt-Diastase aus der ursprünglichen Einheit des In-der-Welt-seins herauspräpariert worden sei, gilt zweifellos für alle theoretischen Situationen, in denen ohnehin an 'Präparaten' im weitesten Sinn gearbeitet wird. Doch müsste das schon ein Sachverhalt auf einem dritten Niveau sein; die Wissenschaft ist nicht die Quelle, eher selbst das Derivat der Subjekt-Objekt-Konstellation. Läβt sich die ihr vorgängige Einheit anders als aus mythischen Verschmelzungserlebnissen zur Anschauung bringen, die Basis und Rückgang aller Beschreibung sein muss? Deskriptionen müssen 'eingelöst' werden; sonst sind sie nur aus Antithesen zu Problemlasten bestehende Satzkomplexe" (in: Ein mögliches Selbstverständnis, a.a.O., S. 202). Nun sind aber "mythische Verschmelzungserlebnisse" wohl wirklich das Allerletzte womit Wissenschaft sich beschäftigt [oder besser: beschäftigen darf]. Auch dies hat Blumenberg berücksichtigt und plädiert deshalb für die Philosophie als "Inbegriff von unbeweisbaren und unwiderlegbaren Behauptungen, die unter dem Gesichtspunkt ihrer Leistungsfähigkeit ausgewählt worden sind. Sie sind dann auch nichts anderes als Hypothesen, mit dem Unterschied, dass sie keine Anweisungen für mögliche Experimente oder Observationen enthalten, sondern ausschlieβlich etwas verstehen lassen, was uns sonst als ganz und gar Unbekanntes und Unheimliches gegenüberstehen müsste".

Philosophie ist also keine Wissenschaft, wie methodisch sie auch vorgeht oder vorzugehen vorgibt. Aber obwohl sie seit jeher "mit Fleiβ den Anschein ihrer völligen Nutzlosigkeit pflegt" (Ortega), hat sie schon längst [d.h. schon zu jener Zeit, als Philosophie immer auch Wissenschaft (und umgekehrt) war] auch ihren "praktischen Nutzen" bewiesen: "Alle Methodik will unreflektierte Wiederholbarkeit schaffen, ein wachsendes Fundament von Voraussetzungen, das zwar immer mit im Spiele ist, aber nicht immer aktualisiert werden muss. Aus dieser Antinomie zwischen Philosophie und Wissenschaft ist nicht herauszukommen: das Erkenntnisideal der Philosophie widersetzt sich der Methodisierung, die Wissenschaft als der unendliche Anspruch eines endlichen Wesens erzwingt sie. (...) Leibniz hat das ganze Problem wohl zuerst in seiner Auseinandersetzung mit Descartes aufgerollt [in 'Animadversiones in partem generalem Principorum Cartesianorum': ...nam si voluisset differre theorematum aut problematum inventiones, dum omnia axiomata et postulata demonstrata fuissent, fortasse nullam hodie Geometriam haberemus (Fuβnote)]. Er konfrontiert mit dem vermeintlich der Mathematik entnommenen Erkenntnisideal des Descartes, nach dem ohne volle Stringenz des Beweises kein weiterer Schritt der Deduktion vollzogen werden darf, das tatsächliche Verfahren der Geometrie seit Euklid, die manchen Beweisverzicht hingenommen habe und dadurch zu einer ars progrediendi geworden sei: hätte sie die Bearbeitung ihrer Theoreme und Probleme hinausgeschoben, bis alle Axiome und Postulate bewiesen gewesen wären, dann gäbe es vielleicht heute noch keine Geometrie – der Beweisverzicht, der Aufschub der strengsten Forderungen, als Bedingung der Möglichkeit des Erkenntnisfortschritts" (Blumenberg, Wirklichkeiten in denen wir leben, Reclam 7715, S. 42-43).

Das von Aliti besprochene Matriarchat nun ist insofern "natürlicher", als es diese fundamentale Gegebenheit ja, wenn auch nur implizit, "honoriert". Die Paulus-Worte vom "groβen Geheimnis" allerdings hat noch am schönsten Gertud von le Fort in ihrer so sehr eigenen, von Alitis Ausdrucksweise gänzlich verschiedenen und eben deshalb komplementären Sprache wie folgt erklärt: "Die Wesensschau des Weiblichen selbst ist dann natürlich bestimmt von der Höhe sowohl des Schauenden wie des Geschauten – ihre Möglichkeiten erstrecken sich durch alle Sphären menschlichen Seins. Dantes Beatrice und Strindbergs dämonische Frauengestalten, sie stellen über den Abgrund hinweg, der sie trennt, doch dieselbe Totalität des Seins her, nur in Licht oder Finsternis getaucht, auf dem Wege zum Paradiese oder zur Verdammnis des Inferno – "

Hier heiβt es scharf hinzuhören: alle Sphären menschlichen Seins, also die auf Ganzheit hinzielenden und mit Paradies oder Inferno zu "belohnenden" Zusammenhänge werden hier unübersehbar. Gertrud von le Fort fährt fort:

"Dies besagt: das mysterium caritatis zwischen Mann und Frau kann auch zum mysterium iniquitatis entarten; aber selbst in der Entartung bedeutet es in der schöpferischen Linie der Kultur immer noch Fruchtbarkeit; nur hat die Schöpfung, die aus ihm hervorgeht, zerstörenden Charakter. In dieser Tatsache liegt die ungeheure Verantwortung, die sich aus den Beziehungen zwischen Mann und Frau ergibt. Man faβt diese Verantwortung nur halb, wenn man sie lediglich in der Linie der Moral und der Generation sieht: was gegenüber dem im biologischen Sinne neuen lebendigen Wesen gilt, das gilt auch gegenüber dem lebendigen Wesen eines neuen Werkes. Gerade hier ist ein Hauptpunkt, wo die volle Mitverantwortung der Frau für die Kultur gegeben ist: das Bild, das der schöpferische Mann vor ihr hinstellt, es ist – in seiner Erhöhung wie in seiner Erniedrigung – eben das Bild, das sie ihm darreicht." (Die ewige Frau, dtv München 1965, S. 62-63)

Diese weit über den modernen [oder vielleicht besser und genauer: den in unseren Kulturministerien gehandhabten] Kulturbegriff hinauszielenden Termini wie "Mysterium", "volleMitverantwortung iii der Frau" und vor allem "Paradies/Inferno" hat ihrerseits Gabriele Gräfin Wartensleben mit klaren Worten verdeutlicht:

"Je mehr man über diese Dinge nachsinnt und im Leben Umschau hält, desto überzeugender will es scheinen, als ob jenes geheimnisvolle Gesetz der Polarität, das, so weit wir in Natur und Kunst auch umblicken mögen, überall dem schauenden Auge entgegentritt, (...) auch hier entscheidend in die Wagschale fällt. Wie das rätselhafte Sein der Natur von Kräften beherrscht ist, die gegeneinander wirken und sich bisweilen gegenseitig vernichten, dann auch wieder sich das Gleichgewicht halten."(Wahrhaftigkeit und Wesenserfüllung, Druck und Verlag von Josef Habbel, Regensburg, o.J., S. 35-36)

Bipolar stehen sich aber auch schon beim einzelnen Individuum das "Besinnungs-Ich" und das "Primitiv-Ich" (Gehlen) gegenüber. Ersteres ist abhängig vom Gemüt, das sich als solches jeder "wissenschaftlichen" Annäherung entzieht, weil reine Wissenschaft ja nur mit Merkmalsummen operieren kann und darf, während Zwischenmenschliches – und Göttliches – normalerweise nur anhand von Merkmalhierarchien erfaβbar ist.

Gefühle haben eine kognitive Funktion, auch wenn diese – Max Schelers – Position von all denjenigen angegriffen oder besser gesagt miβachtet bezw. ignoriert wird, die "technischen" Denkformen anhängen. Letztere, so Wilhelm Blechmann in Der Mensch im Futteral (Seewald Verlag Stuttgart 1980),machen aber ihre Träger unfähig, zwei der überhaupt wichtigsten Unterscheidungen zu treffen: Im zwischenmenschlichen und auch im künstlerischen sowie göttlichen Bereich sind Begriffe niemals als Merkmalsummen zu verstehen, sondern als Merkmalhierarchien, die den Eigengesetzen des zu Betrachtenden (ein Kunstwerk, ein Mitmensch, Gott) zu entsprechen haben. Es ist aber schon längst altmodisch und unschick geworden, gerade unsern Gefühlen jene Eigenschaften zuzuweisen, die unsere tieferen Einsichten erst ermöglichen. Der "Tod der Musen" (Weidlé) ist also abhängig vom Tod des Humanen. Dass dies stimmt, geht schon daraus hervor dass Kunst, jedenfalls in ihren höchsten Offenbarungen, nicht und niemals in Formeln untergebracht werden kann. Das Ursprüngliche sind nämlich die Ideen; erst sie machen, dass unsere Sinne überhaupt zur Wahrnehmung imstande sind. Und: nicht erst Kant sondern (…)schon Longinus wuβte, dass Urteilsvermögen die Frucht langer Erfahrung ist. "Im allgemeinen", schreibt er, "wird groβe Kunst die Menschen mitreiβen und sie zu groβen Gedanken inspirieren". Denn "nur die ganz groβe Kunst in ihren ganz groβen Gnadenstunden vermag in der vergänglichen Gestalt das Unvergängliche zu verkünden." (G. von Le Fort, op. cit., S. 12)

Wozu Blumenberg (in: Filosofia 14, S. 855-884) bemerkt: "In der Technisierung beschränkt sich der Mensch auf die Möglichkeiten des Verstandes und entzieht sich dem Anspruch der Vernunft. Diese kantische Begriffsdifferenz hat Husserl auf die Intentionalität des Bewußtseins bezogen: Vernunft ist erfüllte Intention, vollendeter Besitz des Gegenstandes in der Fülle seiner Aspekte oder doch zumindest das Sich-Offenhalten für diese Fülle".

Dass neuerdings auch schon Politologen wie Markus Reiter vor einer "Gefahr der Analphabetisierung unserer Gefühlswelt" warnen zu müssen glauben, macht die Sache auch nicht besser. Denn wie schon bei Bronislaw Malinowski nachzulesen, geht es hier letztlich um die eigentlichen Grundlagen menschlicher Kultur: "die Kultur hängt hauptsächlich ab von dem Grad bis zu welchem die menschlichen Gefühle erzogen, angepasst und in komplexen und plastischen Systemen organisiert werden können" (in "La sexualité et sa répression dans les sociétés primitives", Payot, Paris, Neuauflage 1971, S. 195).

Der "elementare Durst" nach der soeben genannten Ganzheit ist denn auch, laut Christine Graf, "ein allgemeiner und notwendiger Teil der menschlichen Erfahrungen. (...) In meinen Ausbildungen und späteren Arbeit habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass praktisches erfahrbares Tun 'auf einer anschaulichen Ebene' verstanden wird und sich im seelischen Erleben heilende Wirkung einstellt. Lernen, sich erfahren, mit möglichst allen Sinnen, mit Kopf, Herz und Verstand, bieten optimale Bedingungen ganzheitlich zu werden. Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen ist ein wichtiges Ziel für mich".

Nun ist aber dies vielgeschmähte und verlachte Gemüt, als höchstes Persönlichkeitsintegral, bestimmend für Aufnahme, Retention und Anverwandlung des Aufgenommenen im Assimilationsprozess, welcher zwar gleichsam automatisch abläuft, jedoch ohne strenge geistige Schulung ("groβe Kunst")ins Leere laufen muss. Hier wird deutlich, dass auch dort wo es scheinbar "nur" um Intimes z.B. zwischen Liebenden geht, Kultur unerläβlich ist. Da überrascht es nicht, dass die gemüthafte Bindung an eine Wertewelt für den Einzelnen von höchster Prägekraft ist. Besonders die ontogenetische Schichtung von Treuebindungen wird nach der Pubertät bedeutsam. Bemerkenswert nun ist in diesem Zusammenhang, dass auch die klinische Medizin auf dem Gebiet der Stressforschung sich solche Ansichten angeeignet hat.

Allerdings konnte vor kurzem noch ein Roger Schütz von Taizé schreiben, dass sich zur Zeit in der nördlichen Hemisphäre ein Zusammenbruch des moralischen Gedächtnisses vollziehe und dass Werte wie Treue und Ausdauer ganz einfach in Vergessenheit gerieten. Aber auch José Ortega y Gasset, auf den noch zurückzukommen sein wird, hat schon im Interbellum vergleichbare Tendenzen aufgezeigt.

Warum diesem Zusammenbruch, so es ihn denn gibt, eine ganz besondere Wichtigkeit zukäme, geht aus dem hervor was jetzt wohl ausführlicher besprochen werden muss. Dem Geist iv.

2. "Geist"

2.1. Ohne diese ausführlichere Besprechung wäre nicht nur die nachfolgende "Fundamentalistenschelte" unverständlich, sondern würden auch die in den letzten Kapiteln anvisierten "Lösungsvorschläge" jeglicher Begründung ermangeln. Also heiβt es wieder einmal weit ausholen:

Max Scheler, in einem exposé an G. v. Hertling: "(...) dass die Gesetze des Geistes, um dessen Begriff es sich hier handelt, von aller Sonderbeschaffenheit der menschlichen Gattung und ihrer Organisation unabhängig sind". Weiter: "(...) das Zugeständnis, das sogar Tertullian der von ihm keineswegs für unkörperlich gehaltenen Seele machen musste (usw)", in: Hans Blumenberg, Höhlenausgänge, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1300, FFM 1989, S. 328. Weiter: In dem schon 1978 bei Albin Michel in Paris erschienenen L'Esprit, cet inconnu (Der Geist, dieser Unbekannte) beschreibt Jean E. Charon (directeur de recherches nucléaires au Commissariat à l'Energie Atomique de Sarclay) auf S. 44 ff "die Struktur einer Materie die einen Raum des Geistes 'enthält' ", also Partikel die "einen Raum umschliessen der seinen informationellen Inhalt niemals verlieren kann" und die "nach unserem körperlichen Tod übrigbleiben, praktisch für die Ewigkeit". Eine unmissverständliche Bestätigung der Haupt-Intuition der meisten Religionen, die ihrerseits mehr als einmal bestätigt wurde: "... die Quantumwelt wird regiert durch eine Art Gesetz zum Erhalt der Information", soNatuurwetenschapen techniek (NWT) 10/2010 und nochmals "(...) das schafft aber ein stachliges Problem für den Quantumphysiker, den sogenannten Informationsparadox. Denn wo bleibt all die Information die in dem Schwarzen Loch aufbewahrt wurde? Verschwand sie mit der Hawking-Strahlung ins Weltall, etwa so wie ein Radiosender seine Musik in den Äther schickt? Es klingt einleuchtend, ist aber unmöglich. Denn die Hawking-Strahlung entsteht ja ein ganz klein wenig ausserhalb des Wahrnehmungshorizonts. Und Information darf nicht so mir-nichts-dir-nichts verloren gehen" (NWT 12/2010). In Le hasard et la nécessité (Edition du Seuil, Paris 1970, S. 135) hatte übrigens auch Jacques Monod schon geschrieben dass "man akzeptieren muss (im Sinn von zugeben, eingestehen) dass er (i.e. der Geist) zumindest im Quantum-Maβstab eine substantielle Wirklichkeit ausdrückt (darstellt)".

2.2. Also: Die schiere Mordlust mit der das patriarchalische System, das ja die von Aliti und le Fort angemahnte volle Mitverantwortung nicht zugestehen kann ohne sich selbst zu zerstören und eben deshalb jegliche wirkliche Frauen-Emanzipierung bekämpft hat und bekämpfen muss, diese Mordlust des Patriarchats kommt zweifellos am deutlichsten zum Ausdruck in dessen heutigen Hauptverfechtern, den islamistischen Fundamentalisten – die ja nun wirklich, wie alle Fundamentalisten zu allen Zeiten, die ärgsten Gegner jeglichen Geistes d.h. jeglicher Kultur sind. Bevor nun aber auf diese Leute näher eingegangen werden kann, muss zunächst Hans Blumenberg zu Wort kommen: "Kultur besteht darin, dass die Natur es sich leisten kann oder zuzulassen gezwungen wird, ihr selektives Verfahren zugunsten der physisch und reproduktiv Tüchtigsten zurückzunehmen, einzuschränken, auszusetzen und durch abschirmende Empfindungen neuer Art: Wertempfindungen, Vergnügen, Genuβ, überbieten zu lassen. Ohne den Schutz für die Mitesser, ohne den Schonraum der Höhle und die Macht der Mütter in der Höhle wäre die Entstehung der kulturell typischen Figuren in der Menschheitsgeschichte undenkbar. (...) Kultur ist und wird bleiben eine 'Verschwörung' gegen die exklusive Standardisierung des Menschlichen durch die Tüchtigsten, Nützlichsten, Stärksten (…). Wenn nun das, was zur Rechtfertigung des blanken Daseins und zur Kompensation von Leistungsausfällen erfunden worden war, aufsteigt zum Anlaβ der Bewunderung und sogar zur Qualifikation für den Reproduktionsprozeβ, so ist das nicht nur Ergebnis eines Kunstgriffs der Selbstbehauptung in hoffnungsloser Lage, sondern steht in Konvergenz zum anthropogenetischen Prozeβ selbst, bringt zur vorzeitigen Ausprägung, was in diesem ohnehin und aus immanenter Tendenz bevorsteht." (Höhlenausgänge, a.a.O., S. 32 ff).

Noch einmal scharf hinhören: "anthropogenetischer Prozeβ" und "immanente Tendenz". Was übrigens Teilhard's Entwicklung zur "noosphère" entspricht oder dem, was Jacques Monod "cette rage de l'hydrogène à créer l'esprit", etwa: "diese wütende Zielgerichtetheit des Wasserstoffs um den Geist hervorzubringen" nennt.

Weiter Blumenberg: "Was 'Geist' oder ein wenig anders heiβen mag und so oder ein wenig anders entstanden sein kann, steht von diesem Ursprung her und durch ihn zur Rationalität der Selbsterhaltung verquer – auβer zu der seiner eigenen."

Dies nun: "steht (...) verquer" ist der Dreh- und Angelpunkt der nachfolgenden historischen, den "Geist" betreffenden Analyse. Zuerst jedoch bedarf die soeben angesprochene "immanente Tendenz" wohl noch einer kurzen philosophischen Erläuterung.

In Husserls Geschichtsbild fängt die "immanente Teleologie des europäischen Menschentums" bei den Griechen an, und zwar als "ein neues Interesse am All." Eingeschlossen in besagtes neues Interesse waren "intentionale Unendlichkeiten" die nur ineinem Menschentum wirksam werden konnten "das, in der Endlichkeit lebend, auf Pole der Unendlichkeit hinlebt". Es gibt bei ihm aber auch, sozusagen als "Rahmen", eine bruchlose und widerspruchsfreie Einstimmigkeit des Gegebenen, die er auch die "universale Normalstimmigkeit der Erfahrung" nennt und in der es begründet ist, dass wir das uns Gegebene als Wirklichkeit bewerten und gelten lassen. Die "solcherart beim Individuum entstehende 'Horizontstruktur' ist (...) so etwas wie eine morphologische Bestimmtheit." Wie auch Ortega schreibt, "dass die geschichtliche Wirklichkeit in einer früheren und tieferen Schicht eine biologische Potenz ist".

"Immanente Teleologie" auch bei J. Burckhardt: Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870-71 und der nachfolgenden Kommune reiste er nach Rom und genoβ dort, wie er seinem Kollegen Nietzsche schrieb, die Fülle herrlicher Kunstwerke mit dem ausdrücklich vermerkten Hintergedanken, eine höhere Macht könnte ihn, Burckhardt, nach Rom verschlagen oder beordert haben um den Vatikan zu photographieren bevor etwa einschauderhaftes Schicksal darüber hinweggehe. Denn seitdieser Pariser Kommune sei überall in Europa alles möglich. Weiter, schrieb er, überkomme ihn manchmal ein Grauen,die Zustände Europas könnten sozusagen über Nacht in eine Art "Schnellfäule" umschlagen. "Und wer weiβ, wie diese Zeiten erst noch werden wollen".

Dies verräterische – bei einem präzisen Stylisten wie Burckhardt auf jeden Fall verräterische weil sehr bewuβt geschriebene – wollen deutet hin auf etwas das der oben genannten "immanenten Teleologie des europäischen Menschentums" zumindest ähnelt, und kann auch mit Max Schelers "intentionalem Fühlen" in Verbindung gebracht werden sowie mit jenem "unterirdischen Wühler", der etwas später bei Kafka vorkommt. Es gibt denn auch tatsächlich, wie die Kenner jener Epoche wissen, ein entsprechendes "Generationsgefühl", worüber z.B. auch Ernst Wiechert ausführlich geschrieben hat v. Und wobei es demzufolge um nichts weniger als um einen Gedankenstrang geht, der eine wie immer geartete aber jedenfalls auch nicht allzu vage "menschheitlich-geistige Intentionalität" zur Voraussetzung hat, und dem also einige der gröβten damals lebenden Geister ungefähr gleichzeitig nachhingen.

Dass all diese, zwangsläufig unausgegorenen d.h. "unkritischen" Generationsgefühle alsbald auf die blutigste Art bestätigt werden sollten und zwar gleich doppelt, braucht hier nicht noch extra betont zu werden.

Die weiter oben herausgehobenen Termini 'anthropogenetischer Prozeβ' und 'immanente Tendenz' scheinen jedenfalls, rein philosophisch gesehen, unanfechtbar.

Die Weltgeschichte nun, also das laut Leibniz bestmögliche vi Umsetzen der o.g. immanenten Tendenz, ist "objektiv dialektisch"; wie Jakob Böhme ganz richtig erkannte, kann der jovialische Schein des Lichts ohne Dunkelheit noch nicht mal gedacht werden. Und über Böhme schreibt also Ernst Bloch (in: Zwischenwelten in der Philosophiegeschichte, Suhrkamp, Ffm 1977, S. 228 ff): " ...im Volk lief dagegen mit völliger Ungleichzeitigkeit etwas weiter, was viel älter war, eben die alte manichäische Lehre, durch Traktätchen verbreitet in finsteren Kneipen, in Schmieden, in Spinnstuben, wo es sonderbare Hergereiste gab, die etwas erzählten, was ganz anders klang als das, was der Herr Pfarrer in der Kirche predigte. Das lebte in den versponnenen Menschen und den versponnenen Winkeln und Konventikeln weiter, ging von Mund zu Mund, war wohl auch gefährlich, gesagt zu werden. (...) Diese Welt war auch da, und sie ist den bürgerlichen Literaturhistorikern und Philosophiehistorikern völlig entgangen. Und plötzlich tauchte im 17. Jahrhundert aus dieser Welt ein Denker auf, ein bedeutender Philosoph, der nichts mit der scholastischen Bildung zu tun hatte, der ein Handwerker war (...) mit viel trüber Mystik, aber auch mit der tiefsinnigsten Form von Dialektik, die es seit Heraklit gab".

Wie tiefsinnig, das zeigt Leibnizens Pech – sogar Voltaire hat damals "nix kapiert".

Man weiβ, dass Leibnizens "Optimismus" das Pech hatte, dem Lissaboner Erdbeben von 1755 nicht gewachsen zu sein, weil die damalige Wissenschaft ja nicht so weit wie die heutige war und das alte augustinische "unde malum?" ["woher (kommt) das Böse?"] deshalb eine Virulenz hatte bezw. behielt wie sie jedoch im Lichte neuerer Forschung nicht mehr gegeben erscheint: der Zusammenhang zwischen Tektonik (Erdbeben), Gebirgsformierung, Klima (Wind, Regen), Erosion und Leben ist ja derart, dass das Leben ohne die genannten Phänomene nicht möglich bezw. nicht entstanden wäre. Noch grundlegender, nämlich von der Astrophysik her, wird dieser Sachverhalt in der nl. Zeitschrift Natuurwetenschap en techniek (NWT) 4/2003 beleuchtet: "Überdies entstehen Gammablitze während jener (Stern-)Explosionen, die Hoflieferanten sind von allen Elementen schwerer als Helium. Erst gegen Ende ihres Lebens, wenn der Wasserstoff verbraucht ist, formen Sterne schwerere Elemente. Die verbreiten sich durchs Weltall nachdem der Stern stirbt. Ohne kosmische Superexplosionen gäbe es keinen Sauerstoff, Kohlenstoff, Calcium und Eisen. Ohne kosmische Superexplosionen kein Leben."

Die Böhme'sche "objektive Dialektik" – ohne Dunkelheit ist Licht noch nicht einmal denkbar – scheint also konstitutiv für die gesamte Schöpfung zu sein.

Nun hat aber die dem alten augustinischen "unde malum?" eigene Virulenz ja nicht nur Leibniz zu seinen Essais de théodicée veranlaβt, sondern auch Bossuet nicht losgelassen.

"ESSAIS DE THEODICEE – Sur la bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal", chronologie et introduction par J. Brunschwig, Garnier-Flammarion, Paris 1969. Hierzu Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1301, Ffm 1998, S. 129: "In der 'Théodicée' setzt sich Leibniz mit der Auffassung Bayles auseinander, dass es Vernunfteinwände gegen die Religion gebe, die nicht oder zumindest noch nicht entkräftet werden könnten; Leibniz meint (§ 27), dass die aristotelische Logik völlig ausreiche, um jede solche Argumentation jederzeit zu bewältigen, sofern sie wirklich rein deduktiv-rational sei. Anders sei es bei den Einwänden, die auf Wahrscheinlichkeit beruhen, car l'art de juger des raisons vraisemblables n'est pas encor bien établi, de sorte que nostre Logique à cet égard est encor très imparfaite, et que nous n'en avons presque jusqu'icy que l'art de juger des demonstrations (§ 28). Aber dieser mangelhafte Zustand der Logik falle bei der Verteidigung der Religion nicht ins Gewicht, da eine Auseinandersetzung mit Argumenten der Wahrscheinlichkeit insofern sinnlos sei, weil die Geheimnisse der Religion ohnehin den Schein der Wahrheit gegen sich haben, also ihrerseits nicht wahrscheinlich gemacht oder gegen Wahrscheinlichkeit in Schutz genommen werden können: quand il s'agit d'opposer la raison à un article de nostre foy, on ne se met point en peine des objections qui n'aboutissent qu'à la vraisemblance: puisque tout le monde convient que les mysteres sont contre les apparences, et n'ont rien de vraisemblable, quand on ne les regarde que du côté de la raison (§ 28). Die Wahrheit kann den Schein der Wahrheit gegen sich haben, und sie kann selbst des Scheins entraten" –

...weil ja oft genug vergessen wird dass das "was wir sehen und hören, nie die untersuchten Phänomene selbst sind, sondern nur ihre Auswirkungen" (Fritjof Capra, Das Tao der Physik, Knaur 77324, München 1997, S. 49). Und Blumenberg, in Höhlenausgänge, a.a.O., S. 158/-9: "Zwar gibt es inzwischen eine Astronomie, die nicht mehr auf die phoronomische Berechnung langfristiger Gesetzmäβigkeit eingeschränkt ist. Als Himmelsmechanik und erst recht als Astrophysik vermag sie die Erscheinungen weitgehend zu erklären, sofern man in den Ausdruck 'Erklärung' Voraussetzungen eingehen lässt, die ihrerseits dem strikten Anspruch auf Erklärung entzogen sind", denn "das Unerklärte umschlieβt das Erklärte in unvorstellbarem Ausmaβ " (Sigmund Ginsberg). Auch eine "distinction du genre de celle que la découverte de Gödel nous oblige à faire entre la vérité et la démontrabilité formelle / Unterscheidung jener Art wie sie die Entdeckung Gödels uns zu machen zwingt zwischen Wahrheit und formaler Beweisbarkeit" (Jacques Bouveresse, Conférence du 17 juin 1998 à l'Université de Genève, in: Athena //un2sg4.unige.ch/athena/ bouveresse/bou_pens.html#Note5) ist hier zu berücksichtigen.[Nicht fehl am Platz ist wohl auch ein bekannter Ausspruch Einsteins: "Soweit die Gesetze der Mathematik sich auf die Realität beziehen, sind sie nicht gesichert; und soweit sie gesichert sind, beziehen sie sich nicht auf die Realität."]

Sowieso ist "(...) das Eigentliche dort zu suchen, wo die wissenschaftliche Interpretation nichts mehr findet, die alles, was ihr Gehege übersteigt, als unwissenschaftlich brandmarkt" (Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1987, S. 124). Man braucht also nicht so weit zu gehen wie Richard Feynman ("Science is the belief in the ignorance of the experts", www.real-science.com/) um mit Leibowitz zweifelnd den Kopf zu wiegen.

Bossuet's – übrigens gleichzeitig mit Leibnizens "Théodicée" angestellten – Betrachtungen zur Geschichte als Heilsgeschichte, so wie sie in Discours sur l'Histoire universelle (Garnier-Flammarion, Paris 1966) niedergelegt sind, bieten wohl die biblisch beschlagenste, historisch (immer noch) überzeugendste und literarisch beste Darstellung dessen, was nun zu behandeln ist.

Auβer Bossuet aber sind hier Leute wie Corbin, Grousset, Kalisky oder auch Arnaldez heranzuziehen die, weil "islamspezifischer" als Bossuet, uns jetzt die Munition für die am Anfang des Kapitels angekündigte "Fundamentalistenschelte" liefern werden. Denn da besagte Fundamentalisten im Nahen/Mittleren Osten "wirken" oder jedenfalls dort ihre Wurzeln haben, so kann es überhaupt nicht schaden, ihnen das genau dort stattgehabte Wirken jenes "Geistes" der auch im Islam als "heiliger" bekannt ist ("rûh"), doch einmal näher vor Augen zu führen:

Im Petersdom zu Rom wird der Hl. Geist zwar als Taube dargestellt, aber die Manifestierungen seines Wirkens sind oft alles andere als sanft. Es gibt denn auch in der Bibel einen Satz der ungefähr lautet "wen Gott liebt, den züchtigt er". Das gilt, sagt Bossuet, auch für Völker. Nur, die "Liebe" Gottes wird meist erst im Nachhinein ersichtlich und auch nur, wenn man die Geschichte als das sieht, was sie auch ist, nämlich "Heilsgeschichte". Es geht dabei um viel mehr als nur um "des einen Uhl, des andern Nachtigall".

Ganze Reiche wurden ja zu Groβmächten weil blutrünstige Herrscher und Schriftgelehrte eines Nachbarlandes mit vereinten Kräften irgendeiner Bevölkerungsgruppe dort das Leben sauer machten, allein weil sie "anders dachte". Hier in Flandern denkt man dabei vor allem an die vom Herzog Alba vertriebene flämische Intelligentsia die dann in Holland die "gouden eeuw" (das "goldene Jahrhundert" der nl. Weltmacht) heraufführte. Bekannt ist aber auch die Geschichte der 4.000 Toten in der "nuit de la St. Barthélémy" und der dadurch vertriebenen französischen Hugenotten, die maβgeblich am Aufbau Preuβens, also des "Erbfeindes", beteiligt waren.

"Hierauf stellte der Herzog von Guise seine Hauptleute zu beiden Seiten des Louvre auf, mit dem Befehl, keinen, der im Dienste des Prinzen von Bourbon stand, herauszulassen. Was Cosseins betrifft, so vermehrte und erneuerte man seine Mannschaft und gab ihm denselben Befehl (...) Charron benachrichtigte alle Hauptleute der Stadt, sie hätten sich um Mitternacht vor dem Rathaus einzufinden. Dort empfingen sie aus dem Munde Marcels - weil dieser beim König viel galt - den ihnen willkommenen, wenn auch seltsamen Befehl und vor allem das Verbot irgendjemanden zu verschonen; in allen Städten Frankreichs geschehe, was hier (...) Am Tor des Louvre und drinnen wurden getötet: Pardillan, Saint Martin, Beauvais und Pilles; wie dieser letzte seine Gefährten tot sah, rief er: 'Ist das der Friede, den der König mit seinem Treuewort uns zugesichert? Räche, o Gott, diese Treulosigkeit!' Mit diesen Worten zog er seinen Mantel aus und starb unter den Streichen der Halbarten. Der Vizegraf von Léran stand nach den ersten Streichen wieder auf und stürzte sich auf das Bett der Königin von Navarra; die Kammerfrauen retteten ihn... " (nach Théodore Agrippa d'Aubigné). Die letzten Worte des Herrn von Pilles "Räche, o Gott, diese Treulosigkeit!" nun also, die haben sich später auf eine furchtbare Art verwirklicht: