Ultramarin - Ann-Christin Kumm - E-Book

Ultramarin E-Book

Ann-Christin Kumm

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Beschreibung

Verführerisch, verstörend und absolut gegenwärtig: Voll schimmernder Ambivalenz schreibt Ann-Christin Kumm in ihrem Debüt von Herkunft, Queerness, Macht und Intimität. Die Sommer gehören Lou und seinem charismatischen Freund Raf, dessen Anziehungskraft sich niemand entziehen kann, am allerwenigsten Lou. Doch diesmal ist es anders: Auch die blonde Nora steigt mit ins Auto an die dänische Küste. In einem alten Ferienhaus in den Dünen leben die drei in den Tag hinein, springen in die Wellen, rauchen, kochen, streichen umeinander herum. Was von außen wie ein unbeschwerter Urlaub scheint, eröffnet in dieser neuen Konstellation langsam dunkle Abgründe. Lou ist sich auf einmal nicht mehr sicher: Will Raf noch seine Nähe oder verachtet er ihn für seine Ergebenheit? Und warum verschwindet Nora eines Nachmittags ohne ein Wort? Ann-Christin Kumms Debüt ist ein psychologisch meisterhaft konstruiertes und erotisch flirrendes Spiel mit Macht, Manipulation und Begehren.

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das ist das Cover des Buches »Ultramarin« von Ann-Christin Kumm

Über das Buch

Die Sommer gehören Lou und seinem charismatischen Freund Raf, dessen Anziehungskraft sich niemand entziehen kann, am allerwenigsten Lou. Doch diesmal ist es anders: Auch die blonde Nora steigt mit ins Auto an die dänische Küste. In einem alten Ferienhaus in den Dünen leben die drei in den Tag hinein, springen in die Wellen, rauchen, kochen, streichen umeinander herum. Was von außen wie ein unbeschwerter Urlaub scheint, eröffnet in dieser neuen Konstellation langsam dunkle Abgründe. Lou ist sich auf einmal nicht mehr sicher: Will Raf noch seine Nähe oder verachtet er ihn für seine Ergebenheit? Und warum verschwindet Nora eines Nachmittags ohne ein Wort? Ann-Christin Kumms Debüt ist ein psychologisch meisterhaft konstruiertes und erotisch flirrendes Spiel mit Macht, Manipulation und Begehren.

Ann-Christin Kumm

Ultramarin

Roman | Hanser Berlin

Für Lou

Der leblose Körper ruht dicht vor dem Holzstapel, die Augen zur Decke gerichtet, leer. Der Mund steht leicht offen. Halb Lächeln, halb Verblüffung. Ein Arm ist in einem seltsamen Winkel abgespreizt, an der blutigen Stirn haften einige blonde Strähnen. Ich habe das Bedürfnis, sie beiseitezustreichen. Ordnung zu schaffen. Verschränke die Finger ineinander, um es nicht zu tun.

Sie hätte nicht mitkommen dürfen. Ich hätte das nicht zulassen dürfen. Hinterher weiß man so etwas.

Ein Geruch nach Harz und Rinde. Und nach Eisen, aber das könnte Einbildung sein. Vor dem schmalen Fenster hat eine Spinne ihr Netz aufgehängt, darin kleine, eingewickelte Körper. Staubkörner schweben im einfallenden Sonnenlicht.

Ich sollte entsetzt sein. Oder wenigstens erstaunt.

Aber ich bin weder das eine noch das andere.

SAMSTAG

Es war neun Uhr morgens und bereits heiß. Ich hatte den Sitz ganz zurückgeschoben, die Füße hochgelegt. Raf lehnte neben der offenen Fahrertür und rauchte. Er trug das Led-Zeppelin-Shirt, das ich ihm letztes Jahr geschenkt hatte, seine Arme und Beine sommerbraun. Ich streckte mich. Raf warf seine Kippe weg. Nora war ein paar Minuten zu spät.

Hey Rafi, sagte sie, und etwas in mir zuckte zusammen.

Sie legte ihre dünnen Ärmchen um Rafs Nacken, der es geschehen ließ. Dann nahm sie ihren Rucksack ab, ich stieg aus, hob das Ding hoch und warf es auf den Rücksitz.

Hey Lou, sagte Nora.

Umarmung mit Wangenkuss. Ich drückte sie kurz, sehr vorsichtig. Sie schien mich eine halbe Ewigkeit festzuhalten. Ihr Haar roch nach Fruchtshampoo.

Schön, sagte Raf. Können wir dann.

Er stieg ein, schlug die Fahrertür zu. Auch ich setzte mich wieder ins Auto. Nora steckte den Kopf zu mir herein.

Wo ist Sophie, fragte sie.

Offenbar hatte Raf ihr kein Wort gesagt. Sophie allerdings auch nicht.

Siehst du doch, sagte er. Nicht hier.

Hä, sagte Nora.

Sie musste weg, sagte ich. Irgendein Wald, der abgeholzt werden soll. Sie ist zum Protestcamp gefahren.

Wahrscheinlich sitzt sie gerade auf einem Baum, fügte ich hinzu.

Nora schwieg. Warf mir einen Blick zu, als könnte ich irgendetwas für sie tun.

Boah, Nora, sagte Raf. Jetzt entscheid dich halt.

Einen Moment noch verharrte sie. Dann hob sie die Schultern.

Okay, sagte sie. Leiser: Warum nicht.

Raf startete den Motor.

Ich dachte, dass sie sich in diesem Punkt recht ähnlich waren. So wie Raf ging auch Sophie gern davon aus, dass man ihr schon die richtigen Fragen stellen würde, wenn man eine Information brauchte. Sie selbst hatte nur ihre Sache im Kopf. Und gegen Waldrettung, Protestcamps oder Anti-Braunkohle-Aktionen ließ sich schwer argumentieren. Wer wollte sich denn wichtiger nehmen als den Klimawandel.

Rafs Gründe waren normalerweise weniger edel. Aber er hatte diese Art, mich anzusehen und mir das Haar aus dem Gesicht zu streichen, ich schaffte es nicht, ihm etwas übelzunehmen.

Ich warf einen Blick in den Rückspiegel, als wir losfuhren, Nora starrte aus dem Fenster, hörte Musik dazu.

Ich sagte mir, es würde uns guttun, wenn eine dritte Person dabei wäre. Auch wenn es nicht Sophie war. Mir würde es guttun. Und auf den Fotos, die Raf mir gezeigt hatte, war das Haus nicht eben klein. Genug Platz für alle.

Wie lang bleibt Sophie eigentlich weg, fragte ich.

Raf zuckte mit den Schultern. Beschleunigte, um noch über die Ampel zu kommen, ich gab mir Mühe, nicht die Augen zu schließen. Ich selbst fahre eher defensiv. Andere sagen schissig dazu.

Wahrscheinlich werden sie morgen von den Bäumen gepflückt, sagte Raf, spätestens übermorgen. Aber das heißt ja bei ihr nichts. Vielleicht hat sie schon was Neues geplant. Oder sie verbringt noch Zeit bei ihren Leuten da.

Er machte Musik an, ein Zeichen, dass er nicht reden wollte. Zog nach rechts auf die A7. Die Autobahn war so gut wie leer, ich war froh darüber.

Sag Bescheid, wenn ich dich ablösen soll, okay, sagte ich.

Hm?, machte Raf.

Ich sagte, wenn ich mal fahren soll, sag Bescheid.

Sicher, sagte er.

Seine Finger klopften den Takt auf das Lenkrad. Ich sah wieder in den Rückspiegel. Noras Körper lehnte an ihrem Rucksack. Sie hatte sich irgendein Kleidungsstück unter den Kopf gelegt, ihre Augen waren geschlossen, ihr Mund leicht geöffnet. Ich fand, dass sie zart wirkte. Kaputtbar. Wusste nicht, wie ich darauf kam. Ob es am Schlaf lag oder an Nora selbst.

Ich wandte den Kopf und sah aus dem Fenster. Felder, verdorrte Wiesen, jemand hatte einen Drahtzaun hinter der Leitplanke entlanggezogen, damit die Rehe nicht auf die Fahrbahn liefen. Hin und wieder saß ein Raubvogel auf einem der Holzpfähle.

Drehst du mir mal eine, sagte Raf.

Ich klappte das Handschuhfach auf und nahm den Tabak heraus. Die Beats ließen den Kunststoff erzittern. Es war eine von Rafs Lieblingsplaylists. Ich hätte gern etwas Ruhigeres gehört, zumindest: leiser. Aber es wäre sinnlos gewesen, Raf jetzt damit zu kommen. Die erste Zigarette geriet krumm, ich platzierte sie auf der Ablage. Drehte eine neue, steckte dann beide in den Mund, um sie anzuzünden. Gab die zweite an Raf weiter. Eine Weile hing meine Hand in der Luft zwischen uns. Ich schaute zu, wie die Glut sanft das Papier fraß. Dann nahm er sie.

Ich halte bei Flensburg, sagte er. Passt dir das.

Ich zog an meiner Kippe.

Mach mal, sagte ich.

An der Raststätte ließen wir Nora als Erste aufs Klo, ich hatte irgendwie vergessen, dass sie da war. Erst als sie aus dem Auto stieg, fiel sie mir wieder ein. Die Sonne knallte aufs Dach. Ich öffnete meine Tür, streckte versuchsweise einen Fuß. Ich hatte noch nicht richtig begriffen, dass wir im Urlaub waren. Sophie fehlte, ihre endlosen Diskussionen mit Raf fehlten, die sie während der Fahrt von der Rückbank aus führte. Immer von der Rückbank, vorgebeugt zwischen unsere Sitze, das Haar nach hinten werfend.

Die Beziehung der beiden war ein Phänomen. Raf ließ seiner Schwester alles durchgehen, ohne sich aufzuregen, manchmal ärgerte er sie mit seinem einen Jahr Vorsprung, nannte sie »Kleines«. Davon abgesehen pure Liebenswürdigkeit. Manchmal dachte ich, es lag eigentlich daran, das mit Raf. Dass er seine Zuneigung für Sophie aufbrauchte. Der er nie böse war, mit der er nie die Geduld verlor.

Sophie dagegen war launenhaft, blieb es auch ihm gegenüber, als wäre er irgendwer, ohne besonderes Anrecht. Vielleicht war das gut so. Vielleicht musste man Sophie dafür dankbar sein, es gab sonst niemanden, von der oder dem sich Raf irgendetwas sagen ließ.

Ich sah Nora hinterher, wie sie über den verbrannten Rasen ging. Ihr Gang wirkte etwas unsicher. Sie war genauso blond wie die Geschwister, aber deutlich kleiner.

Was machst du, sagte Raf träge. Nahm mir den Tabak aus den Händen, seit Minuten hielt ich ein Blättchen zwischen den Fingern.

Nichts, sagte ich.

Sie hat was, sagte Raf. Findest du nicht.

Ich sah sein Grinsen aus dem Augenwinkel.

Sie ist hübsch, sagte ich.

Du bist auch hübsch, keine Angst, sagte Raf.

Ich habe keine Angst, wollte ich sagen. Ich schwieg. Nahm die Zigarette, die er mir gedreht hatte, es haftete, dachte ich unwillkürlich, sein Speichel daran.

Sie hat einen hübschen kleinen Arsch, sagte er.

Ich nahm einen tiefen Zug. Lass das doch, sagte ich.

Raf streckte die Hand aus, fuhr mir durch die Haare.

Du bist süß, wenn du eifersüchtig bist.

Er verlagerte die Hand in meinen Nacken. Ließ sie dort. Ich schloss die Augen.

Ich bin nicht eifersüchtig, sagte ich.

Ich fragte mich durchaus, wie das werden würde, ohne Sophie. In den vergangenen Jahren waren wir jeden Sommer zu dritt unterwegs gewesen. Selbst in dem Jahr nach Korsika, als ich dachte, ich könnte das nicht mehr, Urlaub mit Raf. Nie wieder.

Wenn du runterfällst, musst du wieder aufsteigen, hatte Raf gesagt.

Außerdem hast du dich schon fast ein Jahr lang verkrochen, sagte Sophie, das kann nicht gesund sein. Komm mit uns nach Rom, sagte sie.

Wenn ich jetzt zurückdenke, war das in Rom wohl das Schönste, was wir hatten.

Auch diesmal hatten wir vorgehabt, mit Sophie zu fahren. Besser gesagt, die beiden hatten beschlossen, mich in das Haus mitzunehmen. Sophie hatte behauptet, dass sie am Meer die nötige Ruhe finden würde, um an ihrer Diss weiterzuschreiben. Dann hatte sie im letzten Moment angekündigt, sie wolle Nora einladen. Ich kannte Nora nur flüchtig, hauptsächlich von Sophies Geburtstagspartys. Aber ich wurde ja ohnehin nicht gefragt.

Warum nicht, hatte Raf gesagt. Bring sie mit. Je mehr Leben in dieses Haus kommt, desto besser.

Und jetzt hatte Sophie sich anders entschieden. Vielleicht wegen der Bäume, die sie retten, der Zeichen, die sie setzen wollte. Vielleicht auch wegen der Geschichte mit dem Haus. Vielleicht hatte sie Angst. Zumindest konnte ich mir anders kaum erklären, wieso sie plötzlich Nora hatte dabeihaben wollen. Ich vermutete, dass sie etwas Beistand suchte.

Wir müssen das doch nicht machen, hatte ich gesagt, als sie mir davon erzählten.

Wir könnten auch nach Schweden fahren. Oder Norwegen. Einfach weiter nach Norden. Ist doch auch am Meer.

Sophie hatte kurz meine Hand gedrückt.

Es ist Zeit, hatte sie gesagt. Zeit für das Haus.

Zum Zwanzigjährigen, hatte Raf gesagt.

Er tat so, als machte es ihm nicht das Geringste aus, dass Sophie abgesprungen war. Als wäre es keine große Sache. Doch ich sah den Ausdruck in seinen Augen. Die Spannung in seinem Kiefer.

Ich drückte die Zigarette aus, Nora war zum Auto zurückgekehrt. Machte irgendwelche Dehnübungen, als wären wir bereits den ganzen Tag unterwegs gewesen.

Ich brauche Kaffee, sagte ich.

Für mich eine Cola, sagte Raf.

Ich fragte Nora, ob sie auch etwas wollte, aber sie schüttelte den Kopf. Stand auf einem Bein, den anderen Fuß über den Oberschenkel gelegt. Ich fand es übertrieben, wie sie mich dabei anlächelte.

Drinnen stellte ich meinen Mehrwegbecher auf den Tresen. Einen großen Kaffee bitte, sagte ich, schwarz.

Den darf ich nicht nehmen, sagte die Frau. Sie stellte einen Pappbecher unter die Maschine.

Hygiene, sagte sie. Sie können sich das dann umfüllen.

Ich dachte an Sophie. Sie hätte sich das nicht gefallen lassen. Hätte eine Diskussion angefangen, gefragt, ob man hier noch nichts vom Mehrweggesetz gehört habe. Es wirkt belanglos, würde sie sagen, aber das ist es nicht. Verstehst du, Lou, es sind diese ganzen kleinen Entscheidungen. Sie glaubt wirklich daran. Und wenn man in ihrer Nähe ist, glaubt man es auch.

Ich ging zurück zum Wagen, nippte an meinem Kaffee. Er war dünn und säuerlich. Raf war nicht zu sehen, ich legte ihm die Colaflasche auf den Sitz. Nora hatte die Heckklappe geöffnet und saß auf unseren Reisetaschen.

Na, sagte ich freundlich. Stellte den Becher auf dem Autodach ab, um eine zu drehen.

Na, sagte Nora. Sie fügte hinzu: Komische Aktion von Sophie.

Ich sah sie an, wartete. Aber sie sagte nichts mehr.

Raf kam zurück, streckte die Hand aus. Ich gab ihm die Zigarette.

Soll ich mal fahren, sagte ich.

Nein, sagte er, wieso denn. Komm jetzt.

Ich stieg ein, Nora sprang vom Kofferraum und schlug die Klappe zu. Warf sich auf den Rücksitz, als hätte sie Angst, wir könnten sie zurücklassen. Vielleicht, dachte ich, war das nicht so abwegig, wie es sein sollte.

Das Haus lag am Ende einer langen Auffahrt, einer Art Feldweg. Ich hätte den Abzweig auf jeden Fall übersehen, der links von der Schotterstraße abging. Raf wies auf den Briefkasten neben einer verkrümmten kleinen Kiefer, er trug die Nummer 5.

Orientier dich daran, sagte er.

Am Horizont türmten sich die Dünen, wir konnten nicht allzu weit vom Meer entfernt sein. Raf folgte den zwei sandigen Spuren zwischen Gras und Heidekraut, hinter einigen Bäumen kam das Haus zum Vorschein. Es stand in einer Senke, kleinere Hügel rund um das Grundstück versperrten die Sicht. Eingeschossig, ums Eck gebaut, das Holz tiefschwarz gestrichen, als hätte jemand das ganze Ding in Teer getaucht. Rundherum eine Terrasse aus Dielen. Die Rahmen der Fenster waren weiß lackiert, an einigen Stellen blätterte die Farbe ab.

Raf parkte auf einem Grasstück links vom Haus. Stieg aus ohne ein weiteres Wort.

Ich sah nach hinten.

Nora?, sagte ich.

Sie schlug die Augen auf, ich glaubte ihr nicht, dass sie wirklich geschlafen hatte.

Nice, sagte sie. Ein bisschen düster vielleicht, ich dachte irgendwie, das Haus wäre rot.

Hm, machte ich.

Ich öffnete die Autotür, atmete den Geruch von Meer und Wiesengras ein. Dann folgte ich Raf, er schloss gerade die Haustür auf.

Der Platz für die Schlüssel, sagte er, ist in dem Spalt unter diesem Fenster hier.

Er reichte mir den Schlüsselbund.

Der große, runde ist für die Haustür. Der eckige für die Terrassentüren.

Und der dritte, fragte ich.

Holzschuppen, sagte Raf.

Ich begann unser Zeug auszuladen. Während ich zwischen Auto und Wohnküche hin- und herlief, sprang Nora durchs Haus. Schaute in die Schlafzimmer, untersuchte das Bad und die Küchenschränke.

Es roch nach Holz und Kamin und ein wenig nach Staub. Längst nicht so abgestanden, wie ich erwartet hatte. Nora öffnete alle Fenster und die Terrassentür. Schließlich begann sie, die mitgebrachten Lebensmittel einzuräumen.

Auf den schmalen Fensterbänken lagen jede Menge Muscheln, Stücke von Treibholz und diese rauen, schwarzen Kapseln, wie jene, die mein Vater mir gezeigt hatte, als ich klein war. Rocheneier, hatte er gesagt. Ich ging hin und nahm eines in die Hand, strich mit dem Daumen über die Oberfläche.

Rochen sind inzwischen so stark gefährdet, sagte Nora plötzlich neben mir, man findet die Kapseln fast gar nicht mehr.

Beinahe hätte ich ihr das Ding vor die Füße geworfen.

Musst du dich so anschleichen?

Hä, sagte sie, was ist denn mit dir.

Ich fing mich, legte das Ei zurück auf die Fensterbank. Ließ Nora stehen und ging raus, um nach Raf zu schauen. Ich fand ihn auf der Rückseite des Hauses, er saß auf dem Terrassenrand und rauchte. Ich setzte mich zu ihm. Das Grundstück war mit Gras bewachsen, eine große, nach hinten leicht ansteigende Fläche, an ihrem Ende der Schuppen, den Raf erwähnt hatte. Daneben ein Schaukelgerüst, ebenso schwarz gestrichen. Die Wiese sah aus, als wäre sie vor nicht allzu langer Zeit gemäht worden. Jemand kümmerte sich. Mir ging auf, wie absurd mein Gedanke war — anzunehmen, dass die ganze Familie das Haus mied. Warum sollten sie.

Nora erschien in meinem Blickfeld. Ich beachtete sie nicht. Drehte mir eine Zigarette.

Hinter den Hügeln der Himmel, fast unnatürlich blau.

Schön hier, sagte Nora.

Wir waren seit Mams Tod nicht mehr hier, sagte Raf. In diesem Ton, der sich Nachfragen verbat. Allerdings wusste Nora davon nichts.

Ist das ihr Haus gewesen, fragte sie.

Raf schnippte einen Grashüpfer von seinem Oberschenkel.

Es gehört meiner Tante, sagte er. Unsere Familie mütterlicherseits kommt aus Dänemark.

Wow, sagte Nora, warum hat Sophie das nie erzählt? Sprecht ihr Dänisch?

Nein, sagte Raf und stand auf.

Ich gehe schwimmen, sagte er. Kommt jemand mit.

Wir gingen einen schmalen Pfad entlang, zwischen Heidekraut und Rosen und irgendwelchen anderen, kleinen Sträuchern. Hielten auf die Dünen zu. Linker Hand hörte plötzlich die Vegetation auf. Aufgerissene Erde bis zum Kiefernwald in der Ferne, Baumstümpfe und Sandhügel. Reifenspuren. Wenige Grashalme.

Was ist das denn, fragte ich, obwohl ich eigentlich nichts hatte fragen wollen.

Das, sagte Raf, werden Ferienhäuser für urlaubsbedürftige Deutsche.

So wie unser Haus, sagte Nora.

Sie setzen die zu Hunderten hierhin, sagte Raf, schöne Glasfronten, kurzer Weg zum Strand, und wenn du das Fenster aufmachst, kannst du deinem Nachbarn in den Kaffee spucken. Im Frühjahr ist Baubeginn.

Deshalb, dachte ich. Deshalb hatten sie unbedingt hierherfahren wollen. Bevor es mit der Ruhe vorbei war. Sophie musste es das Herz zerreißen. Wahrscheinlich konnte sie aus dem Kopf sagen, welche seltenen Pflanzenarten hier gerade zerstört wurden. Aber warum hatte sie sich dann umentschieden.

Raf hatte das Haus kaum je erwähnt. Nur, dass sie als Kinder viel hier gewesen waren. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Raf mit fünf oder sechs diesen Pfad entlanggegangen war. Mit einer kleinen Sophie, mit seinen Eltern.

Ich habe nur einmal versucht, Raf nach seiner Mutter zu fragen. Wie das für ihn war.

Hör mal, sagte er, ich war noch so klein. Ich hatte nicht mal das Rauchen angefangen. Was willst du hören.

Nichts, sagte ich.

Dann frag doch nicht so blöd, sagte er.

Der Strand war weit und leer. In der Ferne konnte ich vereinzelt Menschen ausmachen, Schattenrisse vor dem graublauen Wasser. Sobald wir die Dünen hinter uns hatten, knallte uns der Wind ins Gesicht. Die Brandung war ohrenbetäubend. Ich blieb stehen, zog die Schuhe aus. Der Wind riss an meinen Haaren, meinem T-Shirt. Auch Raf war stehen geblieben. Ich nahm den Tabak heraus, drehte uns eine, mühsam. Zündete sie an im Schutz von Rafs Körper. Ich widerstand dem Bedürfnis, meinen Kopf an seine Schulter zu legen. Oft wollte er nach der Fahrt eher seine Ruhe.

Nora kümmerte sich nicht weiter um uns. Sie war vorgelaufen, warf ihr Handtuch in den Sand und ihre Kleidung hinterher. Ihr Bikini war dunkelrot. Der Wind trug Teile ihres Lachens bis zu uns, als sie sich ins Wasser warf.

Raf ging gemächlich, ich passte mich seinen Schritten an, eine Hand in der Hosentasche.

Das erste Mal, dachte ich wieder, ohne Sophie. Es war seltsam.

Ich blieb stehen, als Raf seine Kippe fallen ließ. Hob sie auf und legte sie zu meiner, in eine kleine, runde Dose, die ich zu dem Zweck überall mit hinnahm. Ich blickte zum Wasser. Nora sah klein aus in den Wellen. Vielleicht war es auch nur die Entfernung.

2010/2011

Ich hatte mich neben ihn gesetzt, ganz hinten im Klassenraum.

Willkommen, hatte Raf gesagt, in der letzten Reihe.

Er lachte, als ich mich verbeugte. Nicht unfreundlich.

Ich hasse diese Stadt, war das Erste, was ich zu ihm sagte. Er erwiderte, ich würde mich daran gewöhnen.

Ich übertrieb nicht. Ich hasste die vielen Menschen und den Berufsverkehr und den Geruch der U-Bahn. Hasste die vollgepissten Hausecken ebenso wie die überteuerten Geschäfte. Die Anzugträger in der Großen Bleichen. Die eilenden Frauen mit Kaffee und Telefon in Händen, die zerlumpten Gestalten vor dem Discounter, die Kinder, deren Klamotten teurer aussahen als mein Taschengeld eines ganzen Jahres, ich hasste sie alle.

Ganz besonders hasste ich die Wohnung. Dachgeschoss, gleichförmiger Klinkerbau außen, graue Auslegeware innen. Die Räume schmal und stickig. Ich nahm meiner Mutter den Umzug übel und ließ es sie wissen. Verkroch mich in meinem Zimmer oder trieb mich bis zur Dämmerung draußen herum. Die Tage der letzten Ferienwoche verbrachte ich damit, mir die Parks anzusehen. Den Fluss auch, aber dort waren mir zu viele Menschen. Zweimal fuhr ich mit der S-Bahn raus und wanderte gekränkt in der Peripherie herum. Ich mied es, meiner Mutter zu begegnen. Und wenn, fing ich Streit an. Warf ihr die Stadt vor, den abermaligen Verlust unseres Zuhauses, die Trennung von Richard und, wo ich gerade dabei war, die Scheidung von meinem Vater gleich dazu.

Ich weiß nicht. Vielleicht wünschte ich mir, dass sie mich anschrie. Zurückschimpfte. Dass sie mich darauf hinwies, dass ich noch nie viele Freundschaften gehabt hatte. Dass es schlicht kein soziales Umfeld gab, aus dem sie mich hätte herausreißen können. Dass sie sich Tag für Tag in einem nervtötenden Job abarbeitete, für den sie überqualifiziert war, um die Miete zu bezahlen. Vielleicht hoffte ich wirklich, sie würde sich mir entgegenstellen. Sich nicht einfach alles gefallen lassen. Aber sie sagte lediglich: Ach, weißt du. Und dann machte sie weiter. Die Arbeitsflächen in der Küche ein zweites Mal abwischen. Oder Spinnweben aus den Ecken holen. Oder irgendetwas anderes Stumpfsinniges.

Einmal habe ich es versucht. Die letzte Doppelstunde war ausgefallen, ich hatte mehr Zeit als sonst, bis sie von der Arbeit zurückkam. Ich stürzte mich auf die Wohnung. Räumte das abgewaschene Geschirr in den Schrank, saugte die Böden, die Ecken, ich wischte sogar auf den Oberschränken in der Küche, es lag kaum Staub darauf. Ich scheuerte das Bad, jede einzelne beschissene Fliese. Brachte den Müll runter. Rieb den Spiegel ab, der im Flur hing. Einmal, dachte ich. Dieses eine Mal konnte sie einfach die Hände in den Schoß legen. Konnte sich hinsetzen und ausruhen. Vielleicht würde ich ihr sogar von meinem Tag erzählen.

Als sie schließlich kam, musste ich mich zusammenreißen, sie nicht blöd anzugrinsen. Sie begrüßte mich, ich antwortete, tat, als wäre alles wie immer. Als hätte ich nicht gerade Stunden damit verbracht, die Bude zum Glänzen zu bringen.

Willst du nen Kaffee, fragte ich.

Aber sie schüttelte den Kopf. Sah sich um, als habe sie etwas verloren. Dann begann sie, die Fenster zu putzen.

Als ich das Schulgebäude zum ersten Mal betrat, hegte ich keine großen Erwartungen. Die Schule galt als eine für schwierige Fälle, für diejenigen, die es anderswo nicht geschafft oder es von Anfang an nicht richtig versucht hatten. Die Fluktuation war hoch. Von unserem Jahrgang sollten nur zwanzig Abitur machen, der Rest tauschte sich aus.

Über Raf hieß es, er sei von seiner alten Schule geflogen, nachdem er einen Hecht in den Goldfischteich des Direktors gesetzt hatte, der alle Fische fraß und anschließend verhungerte. Niemand hielt das für einen ausreichenden Grund, und man erzählte sich, in Wahrheit habe er einen aus seiner Klasse die Treppen hinuntergestoßen. Andere behaupteten, er habe etwas mit einer Referendarin gehabt, sie auf dem Pult im Chemieraum gevögelt. Jeden Mittwoch, bis sie einmal vergaßen die Tür abzuschließen. Ich vermute, dass Raf das selbst gestreut hatte. Ich habe ihn nie gefragt.

Kichern und Flüstern, wenn er durch die Flure ging. Die Älteren ignorierten ihn, wie sie uns alle ignorierten, aber sie verscheuchten ihn nicht, wenn er sich in den Pausen in ihren Raucherecken aufhielt.

An jenem Tag allerdings wusste ich davon noch nichts. Ich hatte mich für diese Schule entschieden, weil ich nicht die geringste Lust verspürte, mich anzustrengen. Ich hatte überlegt, mir die Sache ganz zu schenken, nach der Neunten aufzuhören. Aber ich hatte noch keine Idee, was ich machen wollte, und es schien mir geraten, mir alle Möglichkeiten offenzuhalten. Ich hatte noch vor Augen, wie meine Mutter sich durchs Abendgymnasium gequält hatte, nach der Arbeit, sie war unausstehlich gewesen in der Phase. Ständig übermüdet. Vertane Zeit, sagte sie später. Ich beschloss also, vernünftiger zu sein.

In der Pause des ersten Tages nahm Raf mich mit. Damals rauchte ich nicht, aber ich fand es angenehm, neben ihm zu stehen, ein wenig abseits von den anderen. Ich weiß nicht mehr, worüber wir sprachen. Ich erinnere mich, dass mir Rafs Ansichten ziemlich überlegt vorkamen, etwas eitel formuliert vielleicht, er stellte seine Arroganz immer gern zur Schau. Aber nichts, was er sagte, schien aus der Luft gegriffen.

Ich bot ihm die Hälfte meines Snickers an, später sagte er, das sei süß gewesen von mir. Vielleicht hat es da schon angefangen, ich weiß es nicht. Manchmal denke ich, es begann erst nach der ganzen Sache mit Jakob. Aber vielleicht war Jakob nur ein Zwischenspiel. Nichts von Bedeutung. Vielleicht hat etwas in mir von Anfang an nur Raf gesehen.

Es war meine Idee, ihn morgens abzuholen. Raf kam häufig zu spät, nicht selten waren es ganze Stunden, die er versäumte. Ich fuhr durch die halbe Stadt, um zur Villa der Geschwister zu kommen, damals wohnten sie noch bei ihrem Vater. Ich ging an den schmiedeeisernen Zäunen, den gestutzten Rhododendren entlang mit einer Art fasziniertem Ekel. Das Gartentor öffnete elektrisch. Raf behauptete, er hörte den Wecker nicht. Sein Vater war morgens häufig in der Klinik, stand zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten im Operationssaal. Meistens machte Raf Kaffee, er bestand darauf, noch eine zu rauchen, ehe wir aufbrachen, auf der Sandsteinterrasse hinter dem Haus. Ich gewöhnte mir an, früher bei ihm aufzuschlagen als nötig, ich genoss diese kurze Zeit am Morgen, in der ich ihn für mich hatte.

Erst viel später ging mir auf, dass Sophie ihn ebenso gut hätte wecken können. Dass es meiner nicht bedurft hätte.

Ich begegnete ihr zumeist an der Haustür. Sie fuhr mit dem Rad zur Schule, irgendein Eliteladen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Sie fuhr auch im Winter Fahrrad, auch bei strömendem Regen, wozu, sagte sie, gibt es Duschen. Sah mich an, mitleidig, als wäre ich ein verweichlichtes Stadtkind. Dabei war ich viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, als wir noch bei Richard wohnten. Zwischen den Feldern und an den Fluss, oder ich fuhr in den Wald, nahm mir etwas zu essen mit und blieb den ganzen Tag weg. Seit unserem Umzug stand das Rad in meinem Zimmer. Ich mochte mich dem Stadtverkehr nicht aussetzen.

Ich sagte Sophie nichts davon. Aber ich spürte ihren Blick auf mir.

Glaubst du, Sophie kann mich nicht leiden, fragte ich Raf einmal. Wir standen in der offenen Terrassentür, von draußen zog die nasskalte Februarluft herein.

Lou, sagte er. Du bist echt komisch manchmal.

Dann sah er mich von der Seite an.

Sag doch, dass du am Erfrieren bist, sagte er. Legte einen Arm um mich. Und ich lehnte den Kopf an seine Schulter und wartete, bis er seine Zigarette aufgeraucht hatte, und dann noch eine Weile, bis ich ihn daran erinnerte, dass wir losmussten.

Wir sprachen nie über dieses Ritual, das wir die ganze Schulzeit über pflegten. Auch später nicht, als wir längst zusammenwohnten und mir alles vertraut war an Raf. Seine ungeduldige Art, sich die Zähne zu bürsten. Der Ausdruck in seinem Gesicht, wenn er müde wurde. Sein Keuchen, wenn er in jemanden eindrang.

Ich habe ihn nie gefragt, ob er den Wecker tatsächlich überhörte. Oder ob er die gemeinsame Zeit mit mir wollte, ein paar entspannte Minuten, ehe der eigentliche Tag anfing. Damals redete ich mir ein, es wäre eine Gegenleistung für die Stunden, die Raf mit mir Vokabeln übte und Grammatik. Mich vor der Fünf in Französisch bewahrte und sicherlich vor einer Vier in Englisch. Ich habe keinerlei Begabung für Fremdsprachen. Raf dagegen lernte sie rasch, mühelos, wenn er Lust dazu hatte. Konnte sich während unserer Reisen innerhalb von Tagen verständigen. In Griechenland, in Italien. Auf Korsika. Ich würde, sagte ich Raf, nie wieder nach Korsika fahren. Nicht nach Jakob. Es ist das Einzige, was ich Raf je abgeschlagen habe.

Ich beschloss jedenfalls, dieses Abholen als eine Art Bezahlung für die Nachhilfe zu betrachten. Es gab mir das Gefühl, zu etwas nütze zu sein, und das tat mir gut. Meiner Mutter erzählte ich von Raf, sie sagte, sie freue sich, dass ich so schnell Anschluss gefunden hätte. Aber ich brachte ihn nie mit nach Hause. Ich konnte ihn mir nicht vorstellen in unserer armseligen Wohnung, in dieser Beengtheit. Ich wusste nicht, was ich mehr fürchtete, seinen Spott oder sein Mitleid. Meine Mutter forderte mich wieder und wieder auf, ihn einzuladen, zum Essen, zum Übernachten, Mama, sagte ich. Bitte. Irgendwann gab sie es auf, wie sie alles aufgab.

Sophie lernte ich erst im Frühjahr darauf wirklich kennen. In den Osterferien, als Raf mich fragte, ob ich mit nach Mecklenburg wollte. Wollte ich natürlich. Es war kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag, den ich verschwiegen und zu dem ich niemanden eingeladen hatte. Ich hatte überlegt, mich in den Park zu setzen oder an den Elbstrand, und mich zu betrinken. Die Aussicht war wenig verlockend. Am Ende ging ich mit meiner Mutter essen, nach ihrer Arbeit. Es freute sie, und ich konnte mir einbilden, meine Unfreundlichkeit der letzten Monate etwas wiedergutzumachen.

Das Angebot der Geschwister mutete an wie ein verspätetes Geburtstagsgeschenk. Aber das sagte ich ihnen nicht.

Was habt ihr vor, fragte ich Raf. Im See baden?

Er zuckte mit den Schultern.

Mal gucken, sagte er.

Ich erfuhr später, dass Raf und Sophie stets abwechselnd entschieden, wo sie ihre Ferien verbrachten. Dass diesmal Sophie an der Reihe gewesen war. Sie nahm an irgendeinem Projekt teil, es ging um Fische oder Wasserflöhe oder Ähnliches, deshalb die Seen. Sie verbrachte die meiste Zeit des Tages mit ihrer Forschungsgruppe, während Raf und ich zwischen Jugendherberge und See hin- und herpendelten, etwas schwammen, zu viel rauchten und träge nach den Mücken schlugen. Das Wasser war kalt und klar und zog mir die Haut zusammen. Dagegen schien die Aprilsonne bereits warm auf uns herunter. Raf quälte mich mit Vokabeln. Später, behauptete er, würde ich ihm dankbar dafür sein. Wenn ich ein Wort nicht wusste, schlug er mir manchmal an den Hinterkopf, mit der Faust.

Die Leiterinnen von Sophies Gruppe, die als Aufsichtspersonen durchgingen, bekamen wir kaum zu Gesicht, aber davon wusste meine Mutter ja nichts. Raf sagte, sein Vater würde seine Abwesenheit vermutlich erst bemerken, wenn gegen Ende der Woche dieselben Lebensmittel im Kühlschrank lagen wie zu Beginn.

Witzig, sagte ich.

Kaum, sagte Raf ruhig.

Es war das Jahr, in dem ich sowohl das Rauchen als auch das Joggen anfing, was sich, wie ich fand, gegenseitig gut ausglich. Raf brachte mir bei, Zigaretten zu drehen. Er widmete sich dem ebenso gründlich und systematisch wie dem Unterfangen, mir englische Grammatik nahezubringen. Da er mich anhielt, alle zu krumm geratenen Kippen sofort wegzurauchen, war ich am Ende unserer Ferien ziemlich süchtig.

Sophie dagegen nahm mich frühmorgens zum Laufen mit. Eigentlich hatte ich eher Konversation machen wollen, als ich sie fragte, seit wann und wie lang sie joggen ging.

Morgen um sechs hier, sagte sie. Das wird dir guttun. Sonst wirst du noch genauso faul wie mein Bruder.

Beim ersten Lauf kam ich nur mit, weil Raf mir prophezeit hatte, ich würde ohnehin keine fünf Minuten durchhalten. Das zweite Mal, weil es mir gefiel. Trotz meiner stechenden Lungen und ausgetretenen Sneaker und der lächerlichen Schweißflecken auf meinem T-Shirt.

Nach dem Urlaub bat ich meine Mutter um Geld für meine neue Freizeitbeschäftigung, sie freute sich so sehr, dass ich endlich aus meinem Zimmer herauskam, es war schwer auszuhalten. Ich holte mir ein Paar Laufschuhe. Vom Restgeld kaufte ich Tabak.

SONNTAG

Das Haus hatte vier Schlafzimmer, zwei mit Doppelbetten, zwei mit Stockbetten, ich bezog eines der letzteren, ohne überhaupt Fragen zu stellen. Ich nahm das obere Bett, wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich die Hand flach an die Decke legen. Das untere nutzte ich, um mein Zeug darauf abzulegen. Rafs Unordnung hatte im Laufe der Jahre auf mich abgefärbt. Später warf ich einen Blick in Noras Zimmer — sie schien sämtliche Kleidungsstücke auf dem Fußboden verstreut zu haben, auf dem Bett lagen Bücher und ihre Kopfhörer und anderer Kleinkram, es sah aus, als wäre etwas explodiert. Aus irgendeinem Grund enttäuschte mich das.