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Die Welt aus der Sicht Albrecht Dürers: Was Werke und Aufzeichnungen verraten Er war Maler und Mathematiker, Kupferstecher, Vielreisender und Tagebuchschreiber: Aus dem Nachlass Albrecht Dürers lässt sich viel über das Leben im Europa des frühen 16. Jahrhunderts lernen. Romedio Schmitz-Esser ist Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg. Anhand der Schriften und Kunstwerke des Universalgenies zeichnet er ein lebendiges Bild der europäischen Geschichte um 1500. Ein spannender Einblick in die Lebenswirklichkeit der Frühen Neuzeit! - Eine Zeit des Umbruchs: Vom Mittelalter zur Renaissance aus der Sicht des Künstlers - Geschlechterrollen, Gesundheit, Ernährung: Einblicke in den Haushalt Albrecht Dürers - Werke, Briefe und Aufzeichnungen des Meisters liefern Informationen über die Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit - Zwischen christlicher Morallehre und Nachahmung der Antike: Das humanistische Weltbild - Die Geschichte Europas um 1500 aus der Sicht eines genialen ZeitzeugenDas Leben zu Beginn der Neuzeit: Aufbruch in ein neues Zeitalter Mit der Entdeckung Amerikas, den ungeahnten Möglichkeiten des Buchdrucks und der neuen Strömung des Humanismus war der Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert turbulent. Aus Albrecht Dürers Lebenswerk erfahren wir viel über die Bedeutung von Kindheit, Familie und Sexualität in dieser Zeit. Auch über Handwerk, Handel und Bankwesen ist in seinen Aufzeichnungen viel Interessantes überliefert. All dies hat Romedio Schmitz-Esser zu einem spannenden Gesamtwerk über die verschiedenen Lebensbereiche am Übergang vom Spätmittelalter zum Zeitalter des Humanismus und der Renaissance zusammengestellt. Ein Geschichtsbuch der etwas anderen Art: Machen Sie sich gemeinsam mit Albrecht Dürer auf eine Reise durch die europäische Geschichte um 1500!
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Seitenzahl: 787
Veröffentlichungsjahr: 2023
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.
wbg Theiss ist ein Imprint der wbg.
© 2023 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.
Lektorat: Melanie Kattanek, Gunzenhausen
Gestaltung und Satz: Anja Harms, Oberursel
Umschlagabbildung: Albrecht Dürer, Selbstbildnis im Alter von 26 Jahren, 1498, Madrid, Museo del Prado; Bridgeman Images
Abb. auf S. 2: Albrecht Dürer, Bildnis einer jungen Frau mit geflochtenem Haar, Staatliche Museen zu Berlin (Gemäldegalerie), 1497. bpk / Gemäldegalerie, SMB / Christoph Schmidt.
Umschlaggestaltung: Andreas Heilmann, Hamburg
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de
ISBN 978-3-8062-4608-7
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): ISBN 978-3-8062-4640-7
eBook (epub): ISBN 978-3-8062-4641-4
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Innentitel
Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Informationen zum Autor
Impressum
Vorwort
Karte: Europa um 1500
Zur Einführung
1 Geburt
2 Kindheit
3 Familie
4 Schulbildung
5 Humanismus
6 Universität
7 Buch und Buchdruck
8 Soziale Durchlässigkeit
9 Ehe
10 Genderrollen
11 Sexualität
12 Frömmigkeit
13 Antijudaismus und Antisemitismus
14 Träume und Vorzeichen
15 Handwerk
16 Kunst und Künstler
17 Individualität
18 Mobilität
19 Handelsnetzwerke
20 Venedig und Italien
21 Stadt und Reich
22 Reliquien und Ablässe
23 Kirchenreform und Reformation
24 Päpste und Kurie
25 Die Habsburger und das Reich
26 Kunst und Herrschaft
27 Kaiser und Kurfürsten
28 Kriegsführung und Ritterlichkeit
29 Recht und Gerechtigkeit
30 Haushalt
31 Ernährung und dörfliches Leben
32 Essen
33 Armut
34 Gerüche und Sinneserfahrung
35 Musik, Feste und Theater
36 Kredite, Geld und Banken
37 Kleidung
38 Luxus
39 Osmanisches Reich
40 Beide Indien
41 Afrika, die dunkle Hautfarbe und die Sklaverei
42 Tierwelt
43 Natur und Umwelt
44 Körper und Gesundheit
45 Hygiene und Reinheit
46 Krankheit
47 Zeit
48 Alter
49 Tod und Sterben
50 Begräbnis
Zum Schluss
Anhang
Anmerkungen
Bibliographie
Bildnachweis
Personenindex
Ortsindex
„Ein yeder kehr vor seinem thor, / Er findt ja koth genug davor.“1 Unter den Gedichten, die sich aus der Feder Albrecht Dürers erhalten haben, findet sich auch diese knapp gefügte Lebensweisheit. Für seine Dichtkunst ist der Nürnberger Künstler weit weniger bekannt als für seine Gemälde, Zeichnungen und Drucke. Und doch ist vielleicht gerade dieser Spruch ein guter Startpunkt für ein Buch, das keinem kunsthistorischen oder biographischen Narrativ über Dürer folgt. In der überflutenden Literatur zu diesem Meisterkünstler wäre das auch nur der Versuch, alten Wein in neue Schläuche zu füllen. Hier aber geht es um einen anderen Ansatz: Mit Dürer als einem Menschen, der sich darüber Gedanken machte, wie man richtig leben sollte, wollen wir vor die Tür treten und die Straße kehren. Auf den folgenden Seiten wollen wir Freuden und Leiden aus seinen Augen betrachten, ihn als Begleiter auf dem Weg durch die Zeit um 1500 an der Seite haben. Statt Dürer einmal mehr zu beschreiben und seine Werke zu sezieren, blicken wir aus seinen Augen auf die Welt um ihn herum. Er leiht uns dazu seine Texte und seine Bilder, die schlaglichtartig zeigen, wie man sich diese dynamische Epoche vorstellen kann. So entsteht ein kulturhistorischer Rundgang, auf dem wir zwar Dürer näher kennenlernen, ihn aber vor allem selbst seine Welt beschreiben lassen – wie Dante den römischen Dichter Vergil für seine Reise durch die Unterwelt wählt, so ist unser Begleiter durch die Epochenwende in der Mitte des letzten Jahrtausends dieser begabte Handwerker aus Nürnberg.
Ein solcher Zugang ist auch ein Wagnis, weshalb ich gleich damit beginnen möchte, Dürer zu folgen und vor meiner eigenen Tür zu kehren. Dieses Buch verlässt die Komfortzone des akademischen Diskurses: Unverschanzt – nämlich ohne einen überbordenden Anmerkungsapparat – wird hier in bunten Farben und mit breiten Strichen eine Epoche beschrieben, die in ihren Komplexitäten sicher auch andere Lesungen ermöglichen würde. Doch wer den Elfenbeinturm verlassen möchte, muss sich auch auf dieses Wagnis einlassen, das im englischsprachigen Raum wohl mehr als in der deutschsprachigen Welt gelobt werden wird. Das bringt mich dazu, einige Worte zum Gebrauch und Stil der folgenden Seiten vorauszuschicken:
Direkte, wörtliche Zitate wurden mit Endnoten ausgewiesen. Sie stammen zumeist aus dem umfangreichen schriftlichen Nachlass Dürers selbst und sind in der Regel in seiner Sprache belassen. Das mag für manche zunächst ungewohnt sein, ist die Orthographie Dürers doch nicht jedermanns Sache. Meine Hoffnung ist aber, dass so ein wenig vom Gefühl der Zeit auch in der Sprache und Formulierung erhalten bleibt. Wo es größere Schwierigkeiten im Verständnis zu geben drohte, habe ich eine neuhochdeutsche Variante angeboten, das Original ist dann im Zitat in der Endnote zu finden. Mitunter sind in den Endnoten auch Ergänzungen, Übersetzungen oder Erklärungen aufgeführt. Verzichtet wurde hingegen im restlichen Text auf die Zitation, auch wenn er natürlich auf der Arbeit anderer Autorinnen und Autoren basiert. Wo prominente Ideen herausgegriffen wurden, werden diese Forscherinnen und Forscher im Fließtext genannt. Ich glaube, das nimmt dem Lesefluss nur wenig und hilft doch dabei, sich in der Forschung leichter einen Weg zu bahnen, wo dies gewünscht wird. Vor allem aber bietet das Buch eine Auswahlbibliographie, die nach Themen sortiert ist und so das Weiterlesen erleichtert. Alle Werke, aus denen hier geschöpft wurde, sind dort aufgeführt – aber zugleich ist sie nur ein winziger Ausschnitt aus der wahren Flut an Publikationen zu Dürer und seiner Zeit, und viele Aspekte hätte man sicher auch anders akzentuieren können.
Dieses Buch wäre nicht entstanden ohne meine Studierenden hier in Heidelberg, die während einer Vorlesung im Sommersemester 2022 mit ihren vielen anregenden Fragen geholfen haben, meine Ideen noch weiter zu verfeinern. Ihnen möchte ich deshalb auch an erster Stelle danken. Meinen studentischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sei für die unermüdliche Unterstützung gedankt, die sich besonders in der Beschaffung unendlich scheinender Buchstapel und von Digitalisaten ausdrückte: Damit hielten sie den Prozess des Schreibens und Konzipierens immer am Laufen. Besonders genannt seien Laura Eger, Simon Heyne, Max Kühborth, Gianni Pignone, Mascha Radisch, Jennifer Siebel und Patrick Wintermantel. Mein besonderer Dank geht zudem an all jene, mit denen ich das Buchprojekt während seiner Entstehung besprechen konnte, insbesondere Manfred Berg, Tobias Bulang, Dagmar Eichberger, Hanna Hirt, Christian Jaser, Nikolas Jaspert, Anna Lidor-Osprian, Rebecca Müller, Bernd Schneidmüller, Paul Schweitzer-Martin, Aaron Vanides und Alicia Wolff. Wie es so schön in englischsprachigen Publikationen heißt, sind ihre Anregungen ein großer Gewinn gewesen, wenn auch alle Fehler einzig diejenigen des Autors bleiben. Und nicht zuletzt seien Daniel Zimmermann und das Team von der wbg genannt, insbesondere Regine Gamm und Melanie Kattanek für ihr aufmerksames Lektorat und Anja Harms für Satz und Layout. Sie alle haben dieses Buchprojekt mit großem Enthusiasmus begleitet.
Mein besonderer Dank gilt wie immer meiner Frau Claudia, die mich in diesem Projekt stets ermuntert und aufgerichtet hat, wenn es einmal hakte. Das sonnige Gemüt unserer Tochter Tara sorgte für die nötige Leichtigkeit und gab den Mut, auch einmal ein Buch zu versuchen, dessen Anmerkungsapparat hoffentlich keine abschreckende Wirkung hat und das leicht erzählt ist. Möge es vielen Leserinnen und Lesern Freude machen!
Ggeben zw Heidelberg an sant Sebaldi dag, als man czalt noch Cristi vnsers liben herren gepurt czweitausend vnd in dem dreyundczwenczigsten jor
Adam und Eva (Der Sündenfall), Kupferstich, 1504.
it Adam und Eva fing alles an. Zumindest für Albrecht Dürer und die meisten seiner Zeitgenossen stand das fest. Eva nahm der Schlange den Apfel ab und legte damit den Grundstein für das menschliche Schicksal. Zugleich aber ist sie hier dargestellt in Anlehnung an eine berühmte Venusstatue aus der römischen Antike, die heute in den Uffizien in Florenz aufbewahrt wird: die Venus Medici. Ihr männliches Gegenüber rief beim gebildeten Kenner der antiken Skulptur hingegen den Apoll von Belvedere aus den Vatikanischen Museen ab. Das traurige Schicksal der Vertreibung aus dem Paradies verbindet sich in Dürers Sicht mit einer gleich zweifachen Feier menschlicher Größe: der Freude am Körper durch die Rezeption der Antike und der Zurschaustellung der Fähigkeiten der eigenen Zeit in Form von Dürers gekonntem Kupferstich, der im neuesten Medium seiner Gegenwart, im Druck, weite Verbreitung finden konnte. Dieser Widerspruch zwischen christlicher Morallehre, biblisch begründeter Heilsgeschichte und zugleich unbändigem Willen zur Ausschöpfung des Lebens in der Nachahmung und Übertreffung der Antike kennzeichnet eine ganze Epoche: Willkommen in der Zeit um 1500!
Anhand von fünfzig Querschnitten nähern wir uns in den folgenden Kapiteln dieser aufregenden Zeit der Renaissance und der humanistischen Rückbesinnung auf die Antike an der Wende vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit. Es ist eine Welt in Bewegung, die nach neuen Antworten auf alte Fragen sucht und dabei die moderne Welt grundlegt, zugleich aber auch in mittelalterlichen Denkmustern fest verhaftet ist. Gerade hier wird sichtbar, wie entscheidend ein Verständnis der fernen Epoche des Mittelalters ist, um unsere Gegenwart wirklich zu verstehen. Das Konzept dieser Annäherung ist dabei gezielt einfach und klar gehalten: Es sind fünfzig Kunstwerke Albrecht Dürers, die fünfzig Einblicke in die Welt des ungewöhnlichen Künstlers erlauben. Der Hase, der hier zu Füßen der menschlichen Stammmutter Eva von hinten zu sehen ist, lässt bereits vermuten, dass auch einige der bekanntesten Werke des Nürnberger Meisters zu den Anknüpfungspunkten gehören. Doch auch weniger bekannte Werke sind darunter, denn der Fokus liegt hier nicht auf der Kunst, sondern auf der Geschichte, soweit man diese beiden Bereiche für den berühmten Nürnberger überhaupt trennen kann.
Dürer ist schon lange, insbesondere seit dem Aufkommen seines Kultes in der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts vor allem selbst ein Objekt der Beschreibung: Man blickt auf seine Kunst, versucht den Künstler zu verstehen. Hier verfolge ich gerade die umgekehrte Idee: Welche Welt war es denn, in der Dürer selbst sich bewegte, die er wahrnahm, die auf ihn einwirkte? Damit wird der Künstler zum Schlüssel für ein Verständnis Europas in der Zeit um 1500, eine umtriebige, vielgestaltige Welt, die überhaupt erst die Voraussetzungen für sein Wirken geschaffen hat. Der Übergang vom ausgehenden Mittelalter in die Frühe Neuzeit wird hier greifbar, und Dürer nahm an diesem Wandel aktiv und gestaltend teil. Zugleich floss in seine Biographie vieles ein, was die Stadt und die Welt des späten Mittelalters prägte.
Dieser Blick auf die Zeit um 1500 erlaubt es uns auch, eine Familie kennenzulernen, die in einem der lebhaftesten Zentren im Europa dieser Zeit wohnte. „ALBERT(vs) DVRER NORICVS FACIEBAT“2, „Albert Dürer aus Nürnberg machte dies“, schreibt der Künstler stolz auf die Tafel über dem Arm Adams. Der Horizont dieser Familie, das werden wir sehen, erstreckte sich aber durchaus nicht nur auf die Pfarre von Sankt Sebald, sondern ging weit über die Stadtgrenzen hinaus. Verwandte Dürers lebten in Ungarn und in Köln, er selbst und seine Frau reisten viel und unabhängig voneinander. Die reichen Quellen, die wir in der Zeit um 1500 und insbesondere für Dürer besitzen, erlauben uns auch sehr intime Einblicke in sein Leben: Wir lernen Albrecht und Barbara kennen, die Eltern des Künstlers, die er ebenso im Bild wie in seinen schriftlichen Erinnerungen festhielt. Wir können in die Ehe der Dürers hineinschauen und erfahren mit Agnes, wie und warum geheiratet wurde, welche konkrete Funktion die Ehe besaß – und dass in dieser unruhigen Zeit nicht immer romantische Liebe das beste Maß für solch eine ernste Beziehung darstellen konnte. Der Haushalt der Dürers war organisiert, er diente dem Beruf und dem Verkauf – eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gab es in einem solchen Leben nicht. Ein harter Alltag mit vielen Ungewissheiten, sozialen Grenzen und rasch wechselnden Einnahmen zeigt hier sein oftmals raues, mitunter durchaus auch fröhliches Gesicht.
Auch unser Reisebegleiter hat Humor. So schläft die Katze zu Füßen von Adam und Eva noch, während die Maus unschuldig vor ihr spielt. Wir als Betrachter können aber eigentlich schon ahnen, was folgen wird: Mit dem Sündenfall wird dieses paradiesische Idyll der Realität mit ihrem blanken Überlebenswillen der Kreaturen und der unerbittlichen Hierarchie der Nahrungskette weichen. Die Katze in uns muss damit erwachen, die Maus vor ihr fliehen. Wir beschäftigen uns aber nicht nur mit Nahrungsmitteln und Tieren, auch das Leben in der spätmittelalterlichen Stadt wird eine Rolle spielen.
Warum aber können wir überhaupt so genau in das Leben der Familie Dürer blicken? Hier erweist sich ein wichtiger Vorteil unseres Zugangs, über einen bedeutenden Künstler auf seine Zeit zu schauen: Gerade weil Dürer so geschätzt wurde und dieser Ruhm ihm seit dem 16. Jahrhundert trotz aller Konjunkturen letztlich kontinuierlich folgte, haben Bildwerke und Textzeugnisse, die sich auf seine Person bezogen, in besonderer Weise überlebt: Sie wurden gesammelt, erforscht, publiziert. Als Ausgangspunkt eignen sie sich also gut, um eine ganze Epoche besser zu verstehen; dabei erweist sich Dürers Leben in vielen Aspekten als gar nicht so ungewöhnlich, wie wir an mehreren Stellen der Betrachtung sehen werden. Gerade seine familiären Verhältnisse, seine persönliche Frömmigkeit, der große geographische Horizont der eigenen Geschäftsbeziehungen, Dürers Interaktion mit der patrizischen Elite und den Handwerkern Nürnbergs lassen sich gut vergleichen. Nicht alles ist besonders an diesem Ausnahmekünstler, und diese Gewöhnlichkeiten machen ihn zu einem guten Begleiter für unseren Ausflug in die Zeit um 1500.
Die freie Reichsstadt Nürnberg nahm mit ihren überregionalen Handelsnetzwerken und der jährlichen Schau der Reichskleinodien eine zentrale Stellung ein, kannte dabei aber zugleich große soziale Unterschiede in der Bevölkerung. Einige der gebildeten Humanisten, unter denen sich Albrecht Dürer bewegte, verfügten über große Mittel und stammten aus dem Patriziat der Stadt; daneben wirkten in Nürnberg viele Handwerker, die das Rückgrat der städtischen Wirtschaft bildeten. Dies war eine Zeit, in der einem Künstler der Aufstieg vom einfachen Handwerker zu einem zentralen Mitglied der urbanen Elite gelingen konnte. Dabei halfen neben künstlerischem Können auch die neuen Medien, allen voran der Druck, Einnahmequellen zu erschließen und den Markt für die eigene Kunst zu erweitern. Was Dürer ins Bild setzte, bietet tiefe Einblicke in seine Gesellschaft: in Genderrollen, soziale Differenzen, auf die geistige Rahmung des eigenen Lebens. Auch das politische und kulturelle Leben in Europa wird hier greifbar, etwa bei einem Blick auf den Hof Kaiser Maximilians und die Verhältnisse im Reich.
Zeitgleich schwelten in der Gesellschaft Forderungen nach einer Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern, die schließlich im Ausbruch der Reformation mündeten. Reisen, die Dürer insbesondere an den Oberrhein, nach Venedig und in die Niederlande führten, brachten ihn mit dieser Welt im Aufbruch in Kontakt. Das betraf nicht nur die Entwicklung der Kunst und das Selbstverständnis von Künstlern im Speziellen, sondern auch die neuen Horizonte, die die beginnende europäische Expansion den Zeitgenossen erschloss. Der Papagei über der Tafel mit seinem Namen verweist auf die nur zwölf Jahre vor der Entstehung dieses Drucks erfolgte erste Fahrt des Christoph Kolumbus in die Karibik und nach Amerika.
Auch die Einstellung zu Natur und Umwelt war von diesen Umwälzungen direkt betroffen: Die Tierdarstellungen Dürers gehören zu den bis heute beliebtesten Sujets seines Schaffens – es stellt sich die Frage, wie die Zeitgenossen auf solche Bilder von Nashörnern, Hasen und Walrössern reagierten. Und schließlich lässt sich am Beispiel des Nürnbergers auch die Einstellung zum Körper, zu Gesundheit, Krankheit, Tod und Sterben nachzeichnen.
Der Fokus unseres Einblicks in die Zeit um 1500 liegt auf Lateineuropa, und mit Dürer wählen wir auch einen Vertreter der christlichen Mehrheitsgesellschaft, der, wie wir sehen werden, nur ein eingeschränktes Verständnis von jüdischen oder muslimischen Vorstellungen hatte. Und er teilte mitunter auch die Vorurteile seiner Zeitgenossen in Bezug auf Religion, sozialen Status und Herkunft. Der Komplexität der Welt, die ihn umgab, entspricht auch die Komplexität der Verflechtung der einzelnen Themenbereiche, die hier angesprochen werden. Dürers Leben lässt sich nicht idealtypisch in einzelne Teile scheiden, sondern alle Lebensbereiche und alltäglichen Realitäten spielten vielmehr ineinander, wie in unserem Leben auch. Insofern ist es am Beginn eines solchen Vorhabens wichtig, die notwendige Auswahl, die hier erfolgte, zu bemerken: Dies ist ein selektiver Blick auf die Zeit um 1500, und nicht immer kann jedem Kunstwerk und jedem Themenfeld in jeder Hinsicht volle Gerechtigkeit widerfahren. Doch erzählen ist auch immer fortlassen, die Geschichte rekonstruieren heißt zugleich, Lücken zu akzeptieren und gezielt Schlaglichter zu setzen.
Auch hier ist der „Sündenfall“ von 1504 ein gutes Beispiel. Für ihn sind Vorskizzen erhalten, die sich heute im Ashmolean Museum in Oxford und im British Museum in London befinden. Sie zeigen nicht nur, wie Dürer seinen Kupferstich sorgfältig durch Überlegungen zur Konstruktion des idealen menschlichen Körpers vorbereitete, sondern auch, wie er diese Arbeit nach dem Erscheinen des Drucks noch weiterführte. Neue Kompositionsansätze, die wir in weiteren zwei Blättern (ebenfalls in London) aus der Folgezeit erkennen können, flossen in das heute im Prado in Madrid aufbewahrte Gemälde mit der Darstellung Adams und Evas ein. Doch nicht nur Dürers Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern auch die seiner Schüler lässt sich greifen, stammen doch zwei Kopien, die heute in den Uffizien in Florenz und im Landesmuseum Mainz gezeigt werden, aus seiner Werkstatt. Ein kunsthistorischer Blick würde diese Spuren verfolgen; hier aber dient nur der ältere Kupferstich als Ausgangspunkt der Betrachtung. Das hat den nicht ganz unangenehmen Nebeneffekt, dass wir nicht bei jedem Bild die oft komplexen Fragen der Zuschreibung an Dürer oder sein Umfeld im Detail nachvollziehen müssen, sondern uns auf den kulturhistorischen Blick konzentrieren können.
Der Kupferstich mit dem Sündenfall wurde von Dürer auf 1504 datiert. Er liegt damit etwa in der Mitte des Lebens dieses Mannes, der 1471 geboren und 1528 gestorben ist. Allein in diesen drei Zeitschnitten blicken wir auf ein sehr unterschiedliches Europa: 1504 hatte die europäische Expansion mit vielen, rasch aufeinander folgenden Expeditionen nach Nord- und Südamerika bereits in einer Weise begonnen, die 1471 noch kaum denkbar gewesen war. Doch die Ereignisse, die zur Reformation führen sollten, die das alte Glaubensgebäude der lateinischen Kirche in den Grundfesten erschütterte, lag noch in ebenso unabschätzbarer Zukunft. Der Blick auf die Welt Albrecht Dürers muss also diese Dynamiken innerhalb seiner eigenen Lebensspanne berücksichtigen. Immer wieder werden die spezifischen, rasch wechselnden Lebensumstände deshalb Thema sein.
Auf der anderen Seite wird die Kultur und Mentalität der Epoche vorgestellt. Dabei wird es also auch um langsame Entwicklungen gehen, die sich eher schleichend und für die Zeitgenossen kaum merklich ergaben. Das gilt etwa für die Geschichte der Stadt um 1500, die eine aus der heutigen Fernperspektive entscheidende Rolle spielte, auch wenn das den meisten Nürnbergern aus Dürers Umfeld kaum der Notiz wert gewesen ist.
Wenn wir uns über einen Künstler seiner Zeit nähern, so scheint es mir auch angebracht, über die Sinneserfahrung dieser Welt nachzudenken. Wie fühlte sich diese Welt an? Zumindest mit der geistigen Hand fassen wir Pelze am Kragen von Patriziern an, riechen exotische Gewürze am Nürnberger Markt – und die Abwässer, die durch die Straßen der spätmittelalterlichen Stadt fließen. Dabei wird auch die enorme Schere zwischen Arm und Reich in dieser Zeit fassbar. Gleiches gilt für das auditive Erleben dieser Welt: Laute Rufe auf den Straßen und das Quieken umherirrender Schweine, Theaterstücke zur Belehrung der sich herandrängenden Laien und die Musik bei Hofe oder an Hochfesten in der Kirche, sie alle sind Teil der Erfahrungswelt eines Albrecht Dürer gewesen.
Doch Albrecht Dürer war auch ein besonderer Mann, ein herausragender Künstler, den schon seine Zeitgenossen für außergewöhnlich hielten. Erst das eröffnete ihm auch die Tore zu den Häusern der Reichen und zum Hof der Mächtigen. Die politischen Verhältnisse der Zeit kannte Dürer, und auch wenn er nicht an den dynastischen Auseinandersetzungen und militärischen Feldzügen seiner Epoche direkt teilnahm, so wirkten sich diese doch unmittelbar auf sein alltägliches Leben aus. Nicht jeder seiner Zeitgenossen porträtierte den Kaiser, führte Werke für dessen Hof aus und erhielt Unterstützungsschreiben von höchster Stelle, die ihm das Leben leichter und die Einnahmen zahlreicher machen sollten. Auch dieser Blick in eine Welt im politischen, ökonomischen und sozialen Umbruch wird uns an der Seite des Künstlers ermöglicht.
Kehren wir aber am Ende dieses ersten Überblicks noch ein letztes Mal zu Adam und Eva zurück: Der Biss in den Apfel wird das Begehren der beiden Dargestellten in Kürze entfachen und sie dazu verdammen, im Schweiße ihres Angesichts die tägliche Nahrung zu erarbeiten. So möge auch hier die Lust auf eine Annäherung an die Zeit Albrecht Dürers entfacht sein, auf das Europa an der Epochenwende um 1500. Und auch hier wird das Erste, was uns begegnet, das menschliche Leiden sein, wenn wir uns zunächst der Geburt im ausgehenden Spätmittelalter zuwenden.
Geburt Christi, Federzeichnung, Kunstsammlungen der Veste Coburg, um 1492/93.
iese Federzeichnung entstand während Dürers Reise an den Oberrhein, die er als wandernder Handwerker in seinen frühen Zwanzigern unternahm. Geburten kannte der junge Dürer aus dem kinderreichen Haushalt seiner Eltern, die zusammen nicht weniger als achtzehn Kinder hatten. Die Szene hatte aus seiner Perspektive sicherlich einen anderen Charakter als für uns: Die für Mutter und Kind geglückte Geburt, die hier am Beispiel der Heiligen Familie ins Bild gesetzt ist, war in der Zeit um 1500 durchaus keine Selbstverständlichkeit. Die drei über das Jesuskind wachenden Engel und die Kerze in der Hand des Josef, der seine Augen nicht auf das Kind, sondern auf seine Frau richtet, scheinen das zu reflektieren. Selbst eher zurückhaltende, auf archäologischen Befunden basierende Schätzungen gehen davon aus, dass im Mittelalter rund ein Fünftel der Kinder bei der Geburt oder noch als Kleinkind starb. Zum Vergleich: Heute liegt die Sterblichkeit von Kindern bis zum fünften Lebensjahr in Deutschland bei unter 0,5 Prozent. Das heißt, die Gefahr ist nur ein Vierzigstel so groß wie vor fünfhundert Jahren.
Auch Albrecht und Barbara Dürer erfuhren diese harte Realität am eigenen Leib: Von achtzehn Kindern überlebten wohl nur drei bis ins Erwachsenenalter. Für das Jahr 1523 wissen wir, dass lediglich der dann älteste Sohn Albrecht und seine Brüder, Endres (Andreas) und Hans, noch lebten. Wie in vielen vorindustriellen Gesellschaften stand auch hier die hohe Geburtenrate einer hohen Kindersterblichkeit gegenüber. Diese hohe Kindersterblichkeit betraf alle gesellschaftlichen Schichten. Ein gutes Vergleichsbeispiel bietet die kaiserliche Familie: Von den insgesamt sechs Kindern, die Eleonora von Portugal und Friedrich III. gemeinsam hatten, wurden nur zwei erwachsen: Kunigunde und Maximilian. Wir werden beiden im Laufe unserer Geschichte wieder begegnen. Die meisten Kinder des Kaiserpaares wurden nicht älter als ein Jahr. Das Problem der Kindersterblichkeit bestand also in allen sozialen Milieus und lässt sich mit den aus heutiger Sicht mangelnden medizinischen Kenntnissen erklären, genauso wie das hohe Risiko für die Mütter bei der Geburt. Gerade um 1500 versuchte man, die Geburtshilfe (Obstetrik) auf neue Beine zu stellen, doch führte diese einsetzende Professionalisierung nicht zu einer grundlegenden Verbesserung der Situation.
Die Geburtsbegleitung war im Mittelalter vor allem Sache von Frauen: Die werdende Mutter wurde von weiblichen Verwandten und, wo es diese gab, von Hebammen unterstützt. Dieses System geriet aber in der Zeit Dürers in Bewegung. In den Städten begann die Obrigkeit im 15. Jahrhundert, das Hebammenwesen zunehmend genauer zu reglementieren, um für möglichst alle Einwohnerinnen einen Zugang zu dieser Hilfestellung sicherzustellen. Seit 1417 ist in Nürnberg eine Vereidigung der Hebammen nachweisbar, und die Stadt scheint hier eine Vorreiterrolle eingenommen zu haben – es ist die erste belegte solche Eidleistung im Reichsgebiet. Die Hebammen mussten ihre Hilfe für „einer iglichen geberennden frauen, sy sey reich oder arm“3, zusichern und den Willen bekunden, jeder Frau nach bestem Vermögen zu helfen. In Regensburg erließ man 1452 eine Hebammenordnung, die sicherstellen sollte, dass nur fähige, von der Stadt durch Eid bestellte Hebammen tätig wurden. Darin wurde nicht nur die Hilfe für alle Bewohnerinnen der Stadt geregelt, sondern auch das persönliche Verhalten der Hebammen reglementiert. Dazu gehörte die Zurückhaltung beim Trinken und eine Beschränkung der Urlaubszeiten außerhalb der Stadtmauern. Hingewiesen wurde auf die Behandlung von Notsituationen, in denen Gefahr für das Wohl der Mutter und des Kindes bestand. Nicht zuletzt drohte in solchen Fällen auch eine spätere gerichtliche Untersuchung.
Es ging also einerseits um die Sicherung der Qualität der Versorgung und den Zugang für alle Frauen – nicht nur der reichen – zu den Hebammen, was auch zu einer Verbesserung der Situation in den Städten geführt haben dürfte, aber wohl das Gefälle zwischen Stadt und Land verstärkte. Andererseits erkennen wir hier auch den Versuch, die moralische Überwachung in städtischer Hand zu organisieren. Dies betraf die Lebensführung der Hebammen, denen bei Unglücksfällen durchaus ernste Konsequenzen drohen konnten, ebenso wie die Mütter, deren ehelicher Status hier eine Rolle spielte, und die Kinder, deren Seelenheil ein wichtiger Punkt in dieser Straffung des obrigkeitlichen Griffs darstellte. Zwar musste man sich bei einer Handwerksgattin wie Barbara Dürer wohl keine Sorgen um außer- oder voreheliche Geburt machen, aber auch das Seelenheil ihrer Kinder stand auf dem Spiel. Im Januar 1476 gebar sie Zwillinge, Agnes und Margaretha, doch starb die um eine Stunde jüngere Margaretha und musste zuvor noch notgetauft werden.
Die Nottaufe war deshalb wichtig, weil die ungetauften Kinder christlicher Eltern nach kirchlicher Lehre mit dem Tod in die Hölle gelangten, ohne Aussicht auf künftiges Entrinnen. Erst die Taufe machte sie zu Mitgliedern der christlichen Heilsgemeinschaft und sicherte die Möglichkeit einer Aufnahme in Fegefeuer oder Himmel. Welch große Sorge diese Aussicht den Eltern dieser Zeit machte, lässt sich an den religiösen Reaktionen ablesen. Zum einen reagierte die mittelalterliche Theologie durch die Einführung der Vorstellung eines „limbus puerorum“, eines Ortes am Rande der Hölle, an dem die Kinder zumindest nicht körperlich litten. Andererseits etablierten sich in Europa spezialisierte Heiligtümer, die den verzweifelten Eltern ein Angebot machten: Die hierher gebrachte Leiche eines Kindes konnte auf einen Rost über heiße Kohlen gelegt und so wundersam wiederbelebt werden – man deutete die erste Regung des Körpers infolge der Hitzeeinwirkung als Zeichen des Lebens, das die Nottaufe noch ermöglichte.
Im ausgehenden 15. Jahrhundert florierten diese Wallfahrtsstätten – die Marienkirche von Oberbüren bei Bern nahm unter ihnen eine besondere Stellung ein. Ein scharfer Brief des Bischofs von Konstanz, der diese Wallfahrt unterbinden wollte, spricht für das Jahr 1486 von zweitausend präsentierten Kinderleichen, und archäologische Grabungen in Oberbüren haben ein Bild ergeben, das der Angabe zumindest nicht widerspricht. Die Autoritäten der Kirche standen dem Treiben dieser Heiligtümer kritisch gegenüber und betrachteten es als unglücklichen Auswuchs einer Frömmigkeitspraxis, die man besser abschaffen sollte. Zugleich aber zeigt sich hier, dass sich viele Eltern in der Praxis mit dem Schicksal ihrer ungetauften Kinder nicht abfinden konnten. Eine verinnerlichte Religiosität spricht aus dieser Not, und das daraus erwachsene Konfliktpotenzial entlud sich schließlich in der Reformation: Um 1530 zerstörte die Berner Obrigkeit das Heiligtum – das sie noch zwei Generationen zuvor aus ökonomischen Grün den kräftig gefördert hatte.
Dass die Hebammen die Nottaufe möglichst garantieren sollten, war vor diesem Hintergrund verständlich. Doch das in dieser Forderung zugleich ausgedrückte Misstrauen gegenüber den bei der Geburt helfenden Frauen beschränkte sich nicht nur auf die städtische Obrigkeit. Die medizinische Kompetenz der Hebammen wurde in dieser Zeit zunehmend hinterfragt. Universitär geschulte Ärzte priesen ihr scheinbar überlegenes Wissen um die Geburtshilfe an und fanden durch den frühen Buchdruck eine Möglichkeit, ihre Ideen von der Obstetrik weit zu verbreiten. Ein gutes Beispiel für diesen Prozess ist das erstmals 1513 erschienene Handbuch „Der schwangeren Frauen und Hebammen Rosengarten“, in dem der Arzt Eucharius Rößlin das bisherige Buchwissen sammelte. Dieser „Ratgeber“ wurde, in mehrere Sprachen, darunter auch das Lateinische, übersetzt, zu einem wahren Bestseller der Frühen Neuzeit. Das Werk war reich bebildert und bestach vor allem durch die Abbildungen der unterschiedlichen Kindslagen im Uterus. Auch ein Bekannter Dürers, der Frankfurter Martin Caldenbach, war mit einigen Holzschnitten an der ersten Druckfassung beteiligt, der viele Neuauflagen folgen sollten. Rößlin selbst hatte seine Karriere als Apotheker in Freiburg im Breisgau begonnen, doch als er nach einer Schlägerei der Stadt verwiesen wurde, ging er als Stadtarzt nach Frankfurt am Main und Worms. Die Obstetrik war damit auf dem Weg, langsam zu einer männlichen Domäne zu werden, und die Berufung auf medizinische Traditionen der Antike und des Mittelalters trat in Konkurrenz zum praktischen Wissen der Hebammen. Es sollte aber noch bis ins 19. Jahrhundert dauern, bis wirkliche Fortschritte in der Bekämpfung der Kindersterblichkeit erzielt werden konnten.
Auch an anderer Stelle veränderte sich die Einstellung zur Geburt, nämlich in Bezug auf die familiäre Erinnerung an das Ereignis selbst. Wir wissen, dass Dürer am 21. Mai 1471 geboren wurde, und gerade das ist bemerkenswert. Noch zweihundert Jahre zuvor hätte man kaum für einen Fürstensohn gewusst, wann genau er geboren worden war, geschweige denn für einen Handwerkersohn. Dass etwa Herzog Rudolf IV. von Österreich in der Wiener Hofburg in (oder bei) dem Gemach, wo er geboren worden war, eine Kapelle einrichtete, die sich auch durch die Wahl des Patroziniums zu Allerheiligen auf seinen Geburtstag bezog, gehört zu den ungewöhnlichen Akten des 14. Jahrhunderts. Normalerweise war es im Mittelalter der Sterbetag, an den man erinnerte. Nur manche Adelige bezogen sich auf ihren Geburtstag, wie es sich etwa bei Herzog Philipp dem Kühnen von Burgund in der Verehrung des Patrons seines Geburtstags, des Heiligen Antonius, zeigt. Hundert Jahre später hatte sich die Welt verändert: Der Handwerker Albrecht Dürer der Ältere nennt für jedes seiner Kinder Geburtstag und Geburtsstunde – die Erinnerung an den Geburtstag war auch in einem bürgerlichen Umfeld gebräuchlich geworden. Hier bricht sich eine neue Weltsicht Bahn, die ganz langsam und allmählich den Wert des Lebens höher zu schätzen beginnt als allein das Jenseits. Eine im Werk Dürers immer wiederkehrende Folge dieses Wissens ist auch die Kenntnis des genauen Alters – ohne eine Erinnerung an den Geburtstag wussten die meisten Menschen des Hochmittelalters nicht, wie alt sie genau waren. Die Nürnberger der Zeit Dürers hingegen waren sich ihres Alters bewusst und konnten es benennen.
Aber nicht nur der Tag, sondern sogar die genaue Geburtsstunde erschien Vater Dürer der Notiz würdig. Das mag mit dem persönlichen Charakter der Aufzeichnung zusammenhängen, bei der man die Umstände genauer erinnern wollte, also auch die Tageszeit der Geburt. Zum Allgemeingut des 15. Jahrhunderts gehörte jedoch auch das Wissen um die Bedeutung der Sterne für das eigene Leben. Astronomie und Astrologie empfand man als eine Einheit: Die Berechnung von Planetenbahnen führte zur Möglichkeit, Vorhersagen über die Zukunft zu machen. Dies war keine esoterische Nischenmeinung, sondern Mainstream, den Gelehrte wie der bedeutende Wissenschaftler Regiomontanus vertraten. In einer ganzheitlichen Sicht auf die Welt, die von neoplatonischen Gedanken in humanistisch gebildeten Kreisen mit einem philosophischen Antikenbezug noch weiter gestützt wurde, wirkte der Makrokosmos stetig auf den Mikrokosmos des einzelnen Menschen ein. Bei der Niederschrift der Geburtsstunden dürfte dieser Gedanke eine Rolle gespielt haben, und auch am Hof des astrologisch interessierten Kaisers Friedrichs III. war er allgegenwärtig.
Der Blick auf die Sterne war gerade erst wieder groß in Mode gekommen. Tatsächlich hatten die Kirchenväter der Spätantike insbesondere mit der Astrologie Schwierigkeiten, denn sie widersprach der für die christliche Heilslehre zentralen Annahme eines freien Willens. Diese kritische Haltung hatte sich im Frühmittelalter durchgesetzt, während die Astronomie für die Zeitrechnung und die Festtagsbestimmung weiterhin zu den Grundlagen der höheren Bildung gezählt wurde. Seit dem 15. Jahrhundert schwanden diese Vorbehalte gegenüber der Astrologie jedoch deutlich, und die Trennung zwischen den beiden Aspekten der Sternbeobachtung schmolz dahin. Bereits der berühmte Zodiakmann aus dem im frühen 15. Jahrhundert entstandenen Stundenbuch des Duc de Berry zeigt die Tierkreiszeichen in ihrer Beziehung zu einzelnen Körperteilen – diese Interdependenz war etwa für medizinische Eingriffe von besonderer Bedeutung und brachte die Verbindung von Sternenkonstellationen und menschlichem Körper auf den Punkt.
Die Determinierung des eigenen Lebens durch die von Gott gesetzten Gestirne mag auch ein beruhigender Gedanke gewesen sein in einer Welt, in der viele plötzliche Schicksalsschläge drohten. Doch es gab auch konkretere Methoden der Bewältigung persönlicher Lebensprüfungen. Die hohe Kindersterblichkeit hatte zur Folge, dass man mehrere Geschwister mit demselben Namen benannte. So konnten familiär geschätzte Namen weitergegeben, die Erinnerung an früh verlorene Kinder durch ein neues Leben überschrieben werden. Unter Dürers Geschwistern ist dieser Effekt gleich mehrfach zu beobachten: Dreimal wurde Johannes (bzw. die Kurzform Hans) als Name gewählt – tatsächlich ist nur einer dieser drei Brüder erwachsen geworden, und es ist wohl anzunehmen, dass die beiden ersten vor der Geburt des überlebenden Hans gestorben sind. 1470 wurde als zweites Kind ein Johannes geboren, 1478 als zehntes Kind ein Hans, bevor 1490 ein weiterer Hans als siebzehntes Kind das Licht der Welt erblickte. Wenn man keine Doppelung der Namen annimmt, so starb der erste Johannes mit weniger als acht Jahren und der erste Hans noch vor seinem zwölften Geburtstag. Ganz ähnlich verhält es sich mit den zwei Söhnen, die den Namen Sebald trugen: Der erste wurde 1472 geboren, der zweite 1486. Wahrscheinlich lebte also der ältere Sebald nicht einmal bis zum Alter von vierzehn Jahren, und beide Sebalde gehörten jedenfalls nicht zu den erwachsenen, überlebenden drei Brüdern, die Dürer im Jahr 1523 nennt.
Die Namenswahl für die Kinder folgte um 1500 vor allem drei Überlegungen: Zunächst gab es Leitnamen in den Familien der Eltern; sie wurden über die Generationen weitergegeben, stärkten den Zusammenhalt des Familienverbands und konnten durchaus auch persönliche Nähe spiegeln. Oftmals bezog sich der Name aber auch auf die Taufpaten der Kinder. Machte die Furcht vor dem raschen Sterben auch eine baldige Taufe des Kindes üblich, so galt das Ereignis doch in der Regel als ein freudiges Fest, das man mit einem Festmahl beging. Dazu gehörte auch, dass durch die Taufpatenschaft neue freundschaftliche und familiäre Bindungen eingegangen oder weiter gepflegt wurden. Seltener konnte schließlich die Wahl des Namens den Tag der Geburt spiegeln, indem man sich für den Tagesheiligen als Namensgeber entschied. Vor allem war dieser Patron des Geburtstags – so wie der Namenspatron – oftmals Fokus persönlicher Frömmigkeit. So wissen wir von dem 1380 verstorbenen König Karl V. von Frankreich, dass er die Heilige Agnes besonders verehrte, an deren Tag er geboren worden war. Zu Dürers Geburtstag vermerkte sein Vater, dies sei „an St. Prudentien tag“4 erfolgt, also am Tag der Heiligen Pudentiana, einer römischen Jungfrau und Märtyrerin der Zeit der ersten Christen in Rom, der auch eine der ältesten Kirchen der Ewigen Stadt geweiht ist. Der Vermerk bot einen konkreten Anknüpfungspunkt für die persönliche Devotion des Kindes, der sich mit dessen Geburtstag verband.
Die Stillzeit dauerte in dieser Epoche oft lange, denn man hielt ein langes Stillen aus medizinischer Sicht für das beste Vorgehen. In Fällen, wo die Mutter nicht stillen konnte, nutzte man gekochte Kuhmilch und eigens für deren Verabreichung hergestellte Vorrichtungen: Durchaus kreativ präparierte man dazu Tierhörner oder Zitzen, etwa die eines Schafes – diese Lösung ist beispielsweise für die Danziger Bürgersfrau Barbara Lubbe in ihrer Familienchronik für das Jahr 1475 belegt. Bei reicheren Familien gab es die Möglichkeit, dass Ammen die Mutter entlasteten, was auch zu einer höheren Kinderzahl beitragen konnte. Dort, wo auch die früh gestorbenen Kinder aufgeführt wurden, kann man im adeligen Milieu erkennen, dass zehn Kinder pro Ehe durchaus eher die Regel als die Ausnahme waren. Der Einsatz von Ammen scheint auch in einem gehobenen bürgerlichen Haushalt wie dem Barbara Dürers eine Erklärung für die sehr hohe Frequenz an Geburten zu sein. Zu Lebzeiten Albrecht Dürers kam jedoch auch Kritik am Ammenwesen auf. Die eben genannte Barbara Lubbe aus Danzig verzichtete absichtlich und ausdrücklich auf eine Amme. Das hätte auch Erasmus von Rotterdam gefallen, der in seinen „Colloquia familiaria“ einschärft, dass die Eltern die Säuglinge umsorgen und schon die jüngsten Kinder erziehen und zur Bildung anhalten sollten, weshalb man die Kleinkinder besser nicht den Ammen übergebe. Mag heute anders als vor fünfhundert Jahren künstliche Babymilch als Ersatz zur Handhabung durch die Eltern existieren, so sah man damals doch aus ähnlichen Gründen das Stillen durch fremde Frauen gesellschaftlich kritisch, weil es die persönliche Bindung zwischen Kind und Mutter unterbreche. Diese Betonung der Beziehung zum Kind dürfte auch ein Ausweis der eher steigenden emotionalen Bindung der Eltern an jedes einzelne Kind darstellen.
Reicher Kindersegen war aber nicht allen Familien gleichermaßen beschert, und vielleicht war er angesichts der Risiken und Einschränkungen, die sich für das Leben der Eltern daraus ergaben, auch gar nicht immer gewünscht, vor allem, wenn die Altersversorgung oder das adelige Standesbewusstsein davon nicht abhingen. Jedenfalls gab es alternative Lebensentwürfe zu den achtzehn Kindern Barbara Dürers: Sie blieb ohne leibliche Enkel, denn weder Albrecht noch dessen Brüder Endres oder Hans hatten eigene Kinder.
In besonderem Maße lag die Erziehung kleiner Kinder in den Händen der Eltern. Das galt vor allem in der ersten Lebensphase als Kleinkind, in der „infantia“, die etwa bis zum Alter von sieben Jahren dauerte. Doch auch für diese Zeit gab es in spätmittelalterlichen Städten bereits die Möglichkeit, die Kinder auswärts betreuen zu lassen, ohne dass es sich um eine Schule im Sinne einer Lerneinrichtung handelte – vielleicht ein wenig wie dies heute etwa in einer Kita der Fall wäre. Erst danach begann die mögliche Schulbildung, die in einem bürgerlichen Umfeld um 1500 üblich wurde und auf die wir etwas später erneut treffen werden.
Bedenkt man die vielen, sehr realen Gefahren, die sich mit der Geburt im 15. und 16. Jahrhundert verbanden, so musste den Betrachtern der Zeit die Geburt des Christuskindes unter den ärmlichen und notdürftigen Verhältnissen im Stall von Bethlehem und der doch so selig und glücklich gezeichneten Szene umso berührender erscheinen. Je stärker die Gefahr und menschliche Schwäche empfunden wurde, umso strahlender war ihre Verheißung in der eigenen, oft leidvollen Existenz, in der Geburt und Tod weit näher zusammenrückten, als dies heutzutage der Fall ist. Und diese Unsicherheit hielt auch in der Kindheit an, die nun folgte.
Selbstbildnis als Dreizehnjähriger, Silberstiftzeichnung, Albertina Wien, 1484.
it Stolz erinnerte sich Albrecht Dürer an sein Jugendwerk, indem er auf diese feine, mit Silberstift angefertigte Zeichnung nachträglich schrieb: „D[a]z hab ich aws eim spigell nach mir selbs kunterfet Im 1484 Jar do ich noch ein kint was.“5 Der Künstler verrät hier nicht nur seine Technik, das Selbstporträt mittels eines Spiegels anzufertigen, sondern er benennt den Dreizehnjährigen auch als „kint“. Uns erscheint das nicht weiter überraschend, denn auch wir würden heute einen Jungen oder ein Mädchen dieses Alters mit dem gleichen Terminus belegen. Doch bei einem genaueren Blick auf die Dauer der Kindheit und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft dieser Zeit sieht man, dass im Kopf der damaligen Betrachter kein ganz analoges Bild entstanden sein dürfte. Sicher gehörte der hier dargestellte Junge zu den Heranwachsenden und galt noch als sehr jung, doch er stand auch auf der Schwelle zwischen dem Schulalter, dem er gerade entwachsen war, und seiner handwerklichen Ausbildung, die ihn auf den Weg zur Integration in die Welt der Erwachsenen brachte. In dem mehrstufigen Verständnis von Kindheit, von dem noch die Rede sein wird, ist der Junge bereits in die dritte Lebensphase eingetreten. Das Umfeld nahm den jungen Mann bereits ernst, denn ein Schulkind war er nicht mehr. Und so erstaunte es wohl auch wenig, dass in diesem zart gezeichneten Kopf mit den langen Haaren selbstständige Ideen für das eigene Leben heranreiften, die die elterlichen Erwartungen schon bald herausfordern sollten.
Kind zu sein, bedeutete im 15. Jahrhundert vor allem, mit weitreichenden Erwartungen der Eltern konfrontiert zu sein: Die Fortführung des väterlichen Geschäfts, die soziale Stellung der Familie und nicht zuletzt die Altersversorgung der Eltern hingen direkt von den eigenen Kindern ab. Dieser Druck lastete insbesondere auf den männlichen Nachkommen, und ganz besonders auf den Erstgeborenen. Albrecht Dürer befand sich in eben dieser Situation. Er stammte aus einer Familie von Goldschmieden: Sein Großvater und sein Vater hatten diese Profession ergriffen, und so erwartete man auch von ihm, dem ältesten Sohn, dass er das Metier und eines Tages auch den Betrieb des Vaters erben würde. Albrecht selbst nennt sich im familiären Kontext „Albrecht Dürrer der jünger“,6 also als der jüngere Albrecht gegenüber seinem gleichnamigen Vater. Die Erwartungshaltung, dass er eines Tages die Fußstapfen seines Vaters ausfüllen würde, stand also täglich im Raum.
Bald wurde aber klar, dass der junge Albrecht sich mehr für die Malerei als für das Goldschmiedehandwerk interessierte. Der junge Lehrling stellte nur wenige Jahre nach der Anfertigung dieses Selbstbildnisses seinem Vater selbstbewusst die eigenen Ideen vor, wie er selbst schreibt: „Daß hielt ich mein vatter für. Aber er was nit woll zu frieden, dann jhn reuet di verlorne zeit, die ich mit goltschmid lehr hete zugebracht.“7 Auch wenn der Vater also um die Zeit der vermeintlich falschen Ausbildung trauerte, lenkte er doch ein – er respektierte den Wunsch des Sohnes und vermittelte ihm 1486 sogar einen Platz als Gesellen in der Werkstatt des Michael Wolgemut, wo der junge Albrecht dann drei Jahre lang als Maler ausgebildet wurde. Mit fünfzehn Jahren also, nur zwei Jahre nach der Anfertigung dieser Zeichnung, zeigte der junge Mann eine eigene Agency und begann einen neuen Lehrberuf. Zu diesem Zeitpunkt blickte er nicht nur auf seine Ausbildung zum Goldschmied zurück, sondern auch auf einen, wenn auch relativ kurzen, Schulbesuch. Dieser wird ihm Lesen und Schreiben und einige grundlegende Einsichten in die Mathematik mitgegeben haben.
Dass sich der hier abgebildete junge Mann im Alter von dreizehn sowohl von kleineren, noch vom Vormund abhängigen Kindern als auch von gänzlich auf sich selbst gestellten Erwachsenen unterschied, zeigen die Ereignisse beim Tod des Vaters im Jahr 1502: Während der jüngere Bruder Hans mit zwölf Jahren im Haushalt des ältesten Bruders, eben Albrecht Dürers, verblieb und hier versorgt wurde, musste es Andreas, der zweitälteste Bruder, mit seinen achtzehn Jahren verlassen und gründete seinen eigenen Haushalt.
Die Veränderungen im Status der Heranwachsenden, denen wir in der Familie Dürer begegnen, sind typisch für die Zeit und entsprechen der Gliederung des Alters in einer mittelalterlichen Tradition. Es ist nicht ganz einfach, ein konkretes Datum für die Selbstständigkeit eines Kindes zu nennen, denn die Rechtslage und lokale Bräuche konkurrierten hier ebenso wie die in der Gesellschaft diskutierten Lebensaltermodelle. Ein gesetzliches Alter für die Volljährigkeit gab es entsprechend nicht, und regionale Traditionen und kirchenrechtliche Bestimmungen, aber auch die persönliche Entwicklung und die konkrete familiäre Situation bestimmten letztlich den Gang der Dinge. So könnten wir mit einem um 1510 entstandenen und heute im Kunsthistorischen Museum in Wien aufbewahrten Gemälde von Dürers bedeutendstem Schüler, Hans Baldung Grien, einen einfachen Schluss ziehen: Das Bild zeigt den Tod mit drei Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensphasen – ein Kleinkind, eine sich im Spiegel anschauende, erwachsene Frau und einen alten Mann. In diesem Sinne war auch der auf dem Selbstporträt Dürers dargestellte Dreizehnjährige ein „kint“, wie er ja selbst schreibt.
Für ein besseres Verständnis der gesellschaftlichen Praxis im Umgang mit den Kindern ist aber nicht dieses, oft auf die Heiligen Drei Könige bezogene Dreiphasenmodell besonders hilfreich. Nützlich erscheint eher das auf sechs Lebensphasen angelegte und für spätmittelalterliche Gelehrte auf die Weltzeitalter verweisende Modell, das sich schon im 12. Jahrhundert auf Glasfenstern der Kathedrale von Canterbury findet. Demnach stehen der „infantia“, der Zeit als Kleinkind, die „pueritia“ und die „adolescentia“ gegenüber, die ein phasenweises Erwachsenwerden beschreiben:
Die „pueritia“ ist die zweite Altersstufe zwischen dem Kleinkind und dem jungen Mann. Sie dauerte von einem Alter von etwa sieben Jahren bis zu rund Dreizehn oder Fünfzehn und entsprach der Zeit der schulischen Erziehung, in der in einem bürgerlichen Umfeld zumindest die grundlegende Bildung und eine moralische Unterweisung der Kinder durch die Lehrer erfolgte. Wir könnten die „pueritia“ also auch als Schulzeit bezeichnen, da die meisten Kinder – so wie auch Albrecht Dürer – kaum länger in die Schule gingen, sondern mit dem Erreichen der „adolescentia“ die Schule verließen.
In der dritten Phase, der „adolescentia“ in der Mitte der Teens, war dann zunehmend eigene Initiative möglich, auch wenn die Wahl des konkreten Berufs oftmals durch die Familie determiniert wurde, wie schon angesprochen. Jetzt kam es zur Berufsausbildung oder zum Studium, auch Wanderjahre waren möglich und üblich. Junge Männer versuchten sich nun zu orientieren und allmählich auf einem konkreten Lebensweg zu etablieren. Sie stellten die Weichen für den weiteren Lebensweg, etwa indem sie als Handwerker in dem erlernten Beruf, in dem sie sich professionalisierten, arbeiteten und am Ende dieser Phase vom Lehrling zum Gesellen aufstiegen. Im nächsten Schritt, am Ende der „adolescentia“, war es damit auch naheliegend, an einen eigenen Hausstand zu denken und für ihn vorzuarbeiten, sodass eines Tages eine Ehe möglich werden sollte. Ein wichtiges Ziel bei diesem Eintritt in die volle Selbstständigkeit war der Aufstieg zum Meister in einer Zunft – es konnte mit Mitte Zwanzig erreicht sein, zog sich oftmals aber auch länger hin.
Für Mädchen gab es diesen Zwischenschritt, der ihnen eine Etablierung in der Bildung oder in einem Beruf ermöglicht hätte, in der Regel nicht. Der Eintritt in die dritte Lebensphase der „adolescentia“ mit etwa fünfzehn Jahren oder auch schon etwas jünger war für sie zugleich der Zeitpunkt, ab dem sie auf das Leben als Ehegattin zugingen. Die Familie trachtete spätestens jetzt aktiv danach, einen geeigneten Ehemann für die Tochter zu finden. Gemeinsam ergab sich aber in dieser Perspektive eine ähnliche Logik für junge Männer und Frauen: In beiden Fällen entschied sich in der Mitte der Teeniejahre, wie der künftige Lebensweg aussah, auch wenn sich das aufgrund der unterschiedlichen Genderrollen bei Männern auf den Beruf, bei Frauen vor allem auf den Familienstand bezog.
Eine unterschiedliche Behandlung von Jungen und Mädchen war für diese Epoche nicht ungewöhnlich. Selbst eine gewisse Vernachlässigung des weiblichen Nachwuchses scheint in dieser Zeit nicht unüblich gewesen zu sein. So konnte man statistisch für Italien und Frankreich einen Überschuss an männlichen Nachkommen nachweisen, der sich dadurch erklären mag, dass man Mädchen von Anfang an schlichtweg weniger förderte und die Kindersterblichkeit bei ihnen höher lag. Eine Ungleichbehandlung bestand dabei nicht nur in armen Familien oder in der bürgerlichen Mittelschicht, sondern lässt sich auch für den Hochadel plausibel machen. Als 1457 Maria, die Erbtochter des Herzogs von Burgund und spätere Frau Maximilians I., mit großem Aufwand und Pomp getauft wurde, fand man zwar mit dem französischen Thronfolger Ludwig (XI.) einen prominenten Paten, doch der eigene Großvater erschien nicht zur Feier. Glaubt man der Chronik der Herzöge von Burgund aus der Feder des hofnahen Geschichtsschreibers Georges Chastellain, so „wollte der Herzog nicht bei dieser Taufe dabei sein, weil es nur ein Mädchen war. Hätte es Gott aber gefallen, ihm einen Sohn zu senden, hätte er ein großes Fest gegeben, doch so wollte er sich dabei nicht zeigen.“8 Ob dies der Grund für die Abwesenheit Philipps des Guten war oder nicht – es schien dem Chronisten zumindest möglich, dass seine Leser das vollkommen plausibel fanden. Trotzdem wurde nun gerade dieses Mädchen die Erbin eines der mächtigsten Herzogtümer in Europa, zugleich aber auch Spielball mächtiger Männer – wir werden darauf an anderer Stelle zurückkommen.
Doch auch der Dreizehnjährige auf dem Porträt stand zumindest unter strenger Überwachung bei seinen täglichen Handlungen und war von den weitreichenden Erwartungen der Eltern nie ganz frei. Albrecht und seine Geschwister wurden vom Vater täglich „mit zucht“9 zu Gottes Ehre und Nächstenliebe erzogen, wie der Künstler sich später erinnert. Auch die Mutter ermahnte die Kinder stetig zu einem gottgefälligen Leben, eine Pflicht, der sie bis zu ihrem Lebensende nachkam. Und dieser Überwachung ließ sich nur schwer entkommen, denn man lebte schon rein physisch weit enger zusammen, als man sich das heute in Europa vorstellen kann. In einem Haushalt, in dem achtzehn Kinder geboren wurden, ging das gar nicht anders. Üblicherweise schlief die spätmittelalterliche Familie in einem Raum, oft sogar mit Gästen, also Verwandten oder Freunden, falls diese zu Besuch waren. So lässt Giovanni Boccaccio im „Decamerone“, einem Hauptwerk der italienischen Literatur des ausgehenden Mittelalters, Panfilo in Kapitel IX,6 erzählen, wie zwei Männer bei einem Wirt spät abends einkehren: Der Wirt stellt in einem einzigen Zimmer drei Betten für sich, seine Frau, seine Tochter und die beiden Fremden auf – die dann in wechselnder (und natürlich unzüchtiger) Kombination paarweise beieinander schlafen. Ein weiteres, kleines Beistellbett wird zwischen den Betten verschoben: Darin liegt der einjährige Sohn des Wirtspaares, der noch gestillt wird. In Buchilluminationen zu dieser Geschichte aus dem 15. Jahrhundert wird diese beengte Schlafsituation eindrücklich ins Bild gesetzt.
Auch im Haushalt der Dürers werden die Geschwister sich die Betten geteilt haben, und die Schlafwiege neben Barbara Dürers Bett war bei ihrem Kindersegen selten leer. Den Kindern der Zeit war also körperliche Nähe sicher, doch auch stetige Überwachung ihrer Handlungen und ihrer Sexualität, so wie auch für die Eltern echte Intimität ein seltener Luxus gewesen sein dürfte. Wenn auch unter anderen Vorzeichen, war eine solche Nähe auch im fürstlichen Umfeld nicht unüblich; gerade die kleinen Kinder in ihrer „infantia“ wohnten in der Regel räumlich zusammen, erst später erhielten sie eigene Gemächer.
Das Beispiel der Familie Dürer zeigt uns aber auch, dass die Verhältnisse zwischen den Haushalten der Zeit stark variierten. Weder Albrecht noch seine Brüder Hans und Andreas hatten Kinder. Hans war unverheiratet geblieben, bei Albrecht und Andreas stellten sich keine leiblichen Erben ein. Nach dem Tod von Andreas im Jahr 1555 erbten Ehefrau und Stieftochter gemeinsam seinen Besitz.
Ganz sicher beeinflusste die Fragilität des Lebens auch den Umgang der Eltern mit den Kindern; zumindest Barbara und Albrecht Dürer kannten das Gefühl des Verlusts nur zu genau. Gab es nur einen männlichen Erben, so verhielt man sich umso sorgenvoller; in solch einer Situation verzichtete man etwa selbst in einem adeligen Umfeld auf den sonst üblichen Aufenthalt an einem fremden Hof. Als im Jahr 1533 der sächsische Prinz Severin elfjährig in Tirol verstarb, wo er mit den kaiserlichen Kindern gemeinsam erzogen werden sollte, bemühte sich die Regierung in Innsbruck sehr, durch Obduktion und genauen Bericht an den Hof der Eltern allen Verdacht einer Vernachlässigung des Kindes auszuräumen. In einer Welt, in der bereits die Kinder aus dynastischer Perspektive eng mit der politischen Zukunft ganzer Länderkomplexe verbunden waren, traf ein solches tragisches Schicksal nicht nur die Emotionen der Eltern, sondern gefährdete auch ganz handfest diplomatische Beziehungen und künftige Bündnisinteressen im Reich.
Wie aber gestaltete sich nun das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern auf emotionaler Ebene? Es scheint plausibel, dass der ältere Albrecht Dürer die ungewöhnliche Begabung seines Sohnes erkannte, die sich in dem außergewöhnlichen Selbstporträt zeigte – immerhin kennen wir kaum ein vergleichbares älteres Bildbeispiel aus dem süddeutschen Raum. Eine einfühlsame Beobachtung des Kindes und seiner Fähigkeiten lag den Zeitgenossen – wie eben Dürers Vater – nicht grundsätzlich fern, aus persönlichen Zeugnissen wie Briefen kann man Anzeichen für emotionale Nähe zwischen Eltern und Kindern eindrücklich erschließen. In Familienaufzeichnungen beschreibt umgekehrt Dürer seine Eltern zärtlich, und er schenkte ihnen persönlich und in seinem künstlerischen Werk bis an deren Lebensende große Aufmerksamkeit.
Trotzdem war das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern in dieser Zeit wohl weniger von Liebe als vielmehr von großem, tief eingeübtem Respekt gekennzeichnet. Wenn die jüngsten Beobachtungen des Kunsthistorikers Stephan Kemperdick zutreffen, dann spiegelt sich das auch direkt in diesem Selbstbildnis. Die engste Parallele dafür bietet nämlich ein ähnliches Selbstporträt des Vaters, von dem der Junge die Technik einer Zeichnung mit Silberstift wohl auch gelernt hatte. Indizien sprechen dafür, dass dieser Vater mehr war als nur ein einfacher Goldschmied: Wahrscheinlich hatte er selbst bei den Künstlern in den Niederlanden, die er als junger Mann bereist hatte, auch die Malerei erlernt. In diesem Licht wäre der junge Dürer sogar sehr direkt dem Vorbild des Vaters gefolgt, von dem er als Kind ebenso als Goldschmied wie als Maler ausgebildet worden war. Damit hätten wir keinen rebellischen Ausbruch eines künstlerischen Genies, sondern einen für die Zeit viel typischeren Fall von Förderung entlang des vom Vater vorgelebten Lebensweges, der jedoch gerade durch die aufkommende Drucktechnik neue künstlerische Anwendungsfelder der handwerklichen Fähigkeiten bot.
Die Zeichnung ist also ein Zeichen weniger der Liebe zu den Eltern als vielmehr der aufmerksamen Verfolgung der von ihnen vorgelebten handwerklichen Fähigkeiten. Das biblische Gebot, Vater und Mutter zu ehren, nahmen die strikt zu einem christlichen Leben erzogenen Kinder der Zeit ebenso wichtig, wie sie im Laufe ihrer Kindheit die Hierarchien ihrer Gesellschaft zwangsläufig akzeptierten und internalisierten. Schließlich war auch die Familie um 1500 hierarchisch geordnet.
Bildnis der Barbara Dürer, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, um 1490.
elche Mutter würde sich nicht freuen, wenn ihr neunzehnjähriger Sohn ein solch gekonntes Porträt von ihr machte? Das heute in Nürnberg aufbewahrte Bild der Barbara Dürer verweist uns auf das persönliche Verhältnis des jungen Malers zu seinen Eltern. Die Familie gab die Rahmenbedingungen vor, innerhalb derer ein Kind des ausgehenden 15. Jahrhunderts sich entwickeln konnte. Und das betraf nicht nur die persönliche Entfaltung, das soziale Netzwerk des Kindes und die familiäre Erinnerungskultur, sondern zumindest ebenso stark die beruflichen Perspektiven.
Barbara Dürer war die Tochter des Goldschmieds Hieronymus Holper, in dessen Werkstatt Albrecht der Ältere lange Jahre gearbeitet hatte, bevor er sie, die Tochter des Meisters, schließlich ehelichte. Das berufliche Umfeld hatte also physisch und persönlich eine viel konkretere Verbindung zum Privatleben dieser Handwerker. Zugleich spannte sich das Familiennetz über ganz Mitteleuropa: Dürers Vetter Niklas war Geselle beim Vater in Nürnberg gewesen, hatte vom familiären Netzwerk also auch in seiner Ausbildung profitiert und arbeitete in Köln als Goldschmied; Dürers jüngerer Bruder Hans verließ Nürnberg 1525 und war in Krakau als Maler tätig, wo er 1534 starb. So boten Familienverbände auch Anlaufstationen in weiter entfernten Städten, was der Mobilität bei der Ausbildung und dem Erschließen der Märkte für die eigenen Produkte ebenso zugutekam wie der Suche nach Heiratsverbindungen innerhalb der sozialen Schicht jenseits bereits bestehender Familienbande: Kunigunde Ellinger, die Frau des Hieronymus Hol per und damit die Großmutter Dürers mütterlicherseits, zum Beispiel stammte aus dem mittelfränkischen Weißenburg, also nicht aus Nürnberg. Die Handwerker dieser Zeit bildeten also keineswegs nur innerstädtische Heiratsnetzwerke aus. Hierin waren sie den Kaufleuten ähnlich, die das Familiennetzwerk oftmals dafür nutzten, an vielen Orten direkte Vertreter eigener Interessen zu installieren, die auch in das lokale Patriziat einheirateten. Solche Netzwerke lassen sich beispielsweise für die Hansestädte im Nord- und Ostseeraum gut greifen und sind auch für italienische und süddeutsche Handelshäuser dieser Zeit nicht unüblich gewesen. Denn wem sollte man vertrauen, wenn nicht den eigenen Verwandten?
Diese Verbindungen innerhalb einer breit verstandenen Verwandtschaft waren damit zwar auf vielen Ebenen nützlich und gegenwärtig, doch organisierte man sich zugleich im konkreten Umfeld in der Kernfamilie kleiner. Der übliche Maßstab der bürgerlichen Welt war der sogenannte Gattenhaushalt, bestehend aus einem Ehepaar und dessen Kindern, die zunächst für eine Vergrößerung des Haushalts sorgten, bis sie auszogen, um eigene Familien zu begründen. Diese Familienform stellt in der europäischen Geschichte den dominierenden Regelfall dar, auch in der spätmittelalterlichen Stadt. Sie stand zugleich aber in einem gewissen Gegensatz zu den Verhältnissen im ländlichen Raum, wo Verbünde von Geschwistern, vor allem aber größere Strukturen, die als Hausgemeinschaft auch über die engere Verwandtschaft hinaus die Angehörigen des Hofes hierarchisch zusammenbanden, üblich waren, was auch durch die ökonomischen Grundbedingun gen der Landwirtschaft gefördert wurde.
Und je nach Region traf man im Europa um 1500 zudem auf die größere Sippenstruktur, durchaus auch in Städten, wie etwa Florenz, Metz oder Reims. Generell aber verengte sich im ausgehenden Mittelalter der ursprünglich wesentlich weiter verstandene, ältere Familienbegriff – etwa der „familia“ im Sinne einer Gemeinschaft von Hörigen mit ihrem Herrn – immer mehr zugunsten der engeren Gattenfamilie, wobei diese Kernfamilie eingebettet blieb in größere Strukturen des Haushalts, seien es die Gesellen und Bediensteten bei Handwerkern, der fürstliche Hof oder das bäuerliche Gesinde. Sippenstrukturen verloren so auch auf dem Land, wo die Hörigkeit im Laufe des Mittelalters zugunsten von Pacht- und Zinsverhältnissen generell deutlich abgenommen hatte, um 1500 an Boden.
Was ihre Größe anging, so glich die Kernfamilie also schon stärker modernen Formen – weit weniger aber ergibt sich eine solche Parallele zur Gegenwart im Hinblick auf ihre inneren, hierarchischen und patriarchalen Strukturen. Selbst bei diesem Porträt der Mutter spielt der Vater nicht zufällig eine wichtige, wahrscheinlich sogar entscheidende Rolle. Wir blicken hier nicht nur auf eines der frühesten Tafelwerke und gemalten Porträts Dürers überhaupt, sondern – wenn die neueren Beobachtungen dazu stimmen – auch auf ein Werk aus einem konkreten Zusammenhang der elterlichen Gattenfamilie: Es ist das Gegenstück zu dem wohl älteren Porträt Albrecht Dürers des Älteren, auf dessen Rückseite die Datierung 1490 und das Allianzwappen der Familien Dürer und Holper zu sehen sind. Die beiden Figuren sind einander zugewandt. Dargestellt ist also das Ehepaar als Kern der Familie. Der neueren Deutung von Stephan Kemperdick folgend, fertigte Albrecht Dürer der Ältere beim Gegenstück der Barbara wohl ein Selbstporträt an, und der älteste Sohn stellte diesem dann das Pendant zur Seite, indem er seine Mutter porträtierte und im Kunstwerk dem Vater nacheiferte.
Rund dreißig Jahre später, in den ruhigeren Tagen nach Weihnachten 1523, sammelte Albrecht Dürer einige Aufzeichnungen seines mittlerweile verstorbenen Vaters und stellte auf dieser Basis „aus meines vatters schriften“10 eine kurze Familienchronik zusammen. Das Dokument ist uns glücklicherweise in mehreren Abschriften des 17. Jahrhunderts erhalten und erhellt die Herkunft der Familie. Demzufolge stammten die Dürers aus dem Osten des Königreichs Ungarn, und man wusste sogar noch, aus welchem konkreten Dorf man kam: Ajtós, gelegen bei Gyula, das damals ein befestigter Ort mit einer königlichen Burg war und das sich heute im östlichen Teil Ungarns befindet. Die nächstgrößere Stadt war das rund fünfundsiebzig Kilometer nördlich gelegene Oradea (Großwardein, heute in Rumänien). Dort erhielt der Großvater, Anton Dürer, seine Ausbildung zum Goldschmied, die den Aufstieg eines ersten Familienmitglieds zum Handwerker bedeutete. Der Familienname bezog sich direkt auf die Herkunft der Dürer, denn Ajtó heißt auf Ungarisch „Tür“, die „Dürer“ sind also ganz wörtlich Personen aus dem Dorf Ajtós. Das Wissen um diese Herkunft verband sich also auch mit dem Nachnamen.
Um 1500 befanden sich diese Familiennamen für den Großteil der städtischen Bevölkerung noch in der ersten Phase ihrer Verfestigung zum familiären Nachnamen. War es bei adeligen Geschlechtern schon seit dem Hochmittelalter üblich geworden, sich nach der eigenen Stammburg zu bezeichnen und ein Wappen zu führen, das oftmals den Namen dieser Burg ins Bild setzte, hatten Herkunftsbezeichnungen in städtischen Kreisen erst jetzt einen ähnlichen Status erreicht. Das Wappen der Dürer zeigte entsprechend eine offene Tür und spielte damit auf die Herkunftserzählung der Familie an; wir werden darauf zurückkommen. Doch nicht nur Zunamen konnten sich zu Familiennamen entwickeln: Vor allem Berufsbezeichnungen gehörten dazu. Im Mendelschen Zwölfbrüderbuch, in dem zahlreiche Handwerker abgebildet sind, die in dieser karitativen Nürnberger Stiftung im 15. Jahrhundert untergekommen waren, sind die meisten Männer mit ihrem Vornamen und dem Zunamen ihres Handwerks benannt. So ist beispielsweise ein „Herman Schuhster“11 tatsächlich auch bei der Ausübung seines Handwerks gezeigt – die Berufsbezeichnung war also noch identisch mit dem Familiennamen und sollte sich erst jetzt davon emanzipieren. Heute ist ja längst nicht jeder Schmitz ein Schmied, wie Ihnen der Autor dieser Zeilen aus eigener Erfahrung sagen kann.
Nicht nur bei der Namensnennung glich sich um 1500 die städtische Mittelschicht älteren Bräuchen des Adels an. Die Familienchronik der Dürer zeigt, dass es in der Familie eines Goldschmieds dieser Zeit ganz selbstverständlich Schriftstücke gab, die die eigene Familiengeschichte festhielten. Damit können wir zugleich die historische Erinnerung einer Handwerkerfamilie um 1500 greifen. Bestimmt wird sie vom Konzept eben der Gattenfamilie, denn sie konzentriert sich vor allem auf die Elterngeneration, die Geschwister und die eigenen Kinder – Dürer kopierte die regelmäßigen Notizen, die sein Vater von der Geburt jedes seiner achtzehn Kinder gemacht hatte, in den Text wörtlich hinein. Die Erinnerung fokussierte sich also auf die – ohnedies sehr große – engere Familie mit Bezug zu den Eltern.
Die erinnerten Generationen waren also relativ wenige: Man kannte den Großvater und stellte damit patrilineare Verwandtschaften in den Vordergrund. Dieser Fokus hatte auch einen praktischen Nutzen: Zu enge Verwandtschaftsverhältnisse bei der Ehe wurden damit ausgeschlossen. Insofern ist es eher überraschend, dass die dafür relevante Ebene der Urgroßeltern und auch die genauere Benennung der kognatischen (also weiblichen) Verwandtschaft bei den Dürer offenbar nur eine untergeordnete Rolle spielte – zumindest wurde sie nicht in die Schriftform gesetzt. Das deutet darauf, dass die Vorstellungen des kanonischen Rechts in der Alltagspraxis urbaner Pfarrer vielleicht nicht immer perfekt umgesetzt werden konnten, vor allem wenn eine der Familien einen Migrationshintergrund hatte, wie hier. Zur Erinnerung und Verschriftlichung von Verwandtschaftsverhältnissen in dieser Zeit trug die zunehmende Durchsetzung der kanonistischen Vorstellungen in der Praxis aber recht sicher bei.
Ein wichtiger Quantensprung in der Verschriftlichung stellte sich aber erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein, als zumindest die katholischen Pfarren als Folge des Tridentinischen Konzils dazu verpflichtet wurden, Pfarrmatrikeln zu führen, die die Verfolgung von Verwandtschaftsverhältnissen durch Dokumentation vor allem der Taufen und Eheschließungen erleichterten. Bis heute ist dies ein auch für engagierte Ahnenforscher spürbarer Wechsel in der Nachvollziehbarkeit von Familiengeschichten und für Ehepaare ein wichtiger Anlaufpunkt in der Vorbereitung kirchlicher Hochzeiten. Um 1500 war diese Nachvollziehbarkeit aber erst noch in Entwicklung begriffen.
