2,99 €
Heutzutage hat jeder und jede irgendwie das Gefühl, dass die künftigen Zeiten schwieriger werden, besonders für die kommenden Generationen. Irgendwie sollte sich etwas ändern und nachhaltig sollte es auch sein. Die meisten wollen ihren Beitrag dazu leisten, nur wehtun darf er nicht. Leider sagt die Wissenschaft etwas anderes und warnt uns eindringlich vor den Folgen unseres bisherigen Lebensstils. Mit dem falschen Bewusstsein und seinen gesellschaftlichen Gründen befasst sich der Autor eingehend. Er zeigt das Beharrungsvermögen des bisherigen Denkens und Handelns auf. Im Anschluss werden mit Hilfe der Philosophie der Praxis die Bewusstmachung der objektiven Realität verdeutlicht. Schließlich gelangt er durch einen Frage-Antwort-Dialog zu neuen Erkenntnissen. Mit seinem Buch weist der Autor auf die dringende Notwendigkeit des Um- und Neudenkens hin.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 466
Veröffentlichungsjahr: 2021
Mein Dank für die Überarbeitung meines Manuskripts gilt
Gerd Mäschle
sowie für die Druckvorbereitung
meinem Sohn Alexander
Gewidmet ist dieses Buch
meiner künftigen Enkelin und
allen im Jahr 2021 Geborenen
Manfred Norwat
Umdenken -
schnell und radikal
Vom falschen Bewusstsein über die Philosophie der Praxis zu neuer Erkenntnis
2021 Manfred Norwat
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-41969-8
Hardcover:
978-3-347-41970-4
E-Book:
978-3-347-41971-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig.
Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugängigmachung.
Über den Autor
M. Norwat, Jahrgang 1949, Dipl. Betriebswirt (FH), Dipl. Sozialarbeiter (FH), einige Jahre im Personalwesen, überwiegend in der Migrationsarbeit tätig, seit 2014 im Ruhestand. Als Sozialpädagoge auf Teilzeitbasis Mitarbeiter in einer Bildungseinrichtung.
Vorwort
Einleitung: Bewusstseinsstörungen in der aktuellen Coronakrise
A. Ursachen des falschen Bewusstseins
1. Evolutionäre Elemente des Menschseins
2. Folgen elterlicher Erziehungsmängel in Gestalt des Narzissmus
3. Einsamkeit des Individuums
4. Prägung durch das Bildungssystem
5. Entfremdung in der Arbeitswelt
6. Kultur des Konsumismus
7. Welt des Kleinbürgertums
8. Gesellschaftliche Ideologie des Antikommunismus
9. Manipulation durch die Medien
B. Philosophie der Praxis
1. Streifzug durch die europäische Geistesgeschichte
2. Dialektischer Materialismus
3. Historischer Materialismus
4. Politische Ökonomie des Kapitalismus
C. Zusammenfassungen
1. Einleitung
2. Kapitel A
3. Kapitel B
D. Schritte zu neuer Erkenntnis
Literaturverzeichnis
Vorwort
In meinem ersten Buch „Die Gesellschaft der Zukunft – Der Entwurf einer neuen Gesellschaftsordnung“ beschreibe ich ein mögliches künftiges Gesellschaftssystem, das auf den zwei Grundsätzen der partizipativen Demokratie und der egalitären Ökonomie basiert. Anstatt der heutigen repräsentativen Demokratie habe ich ein Modell entwickelt, in dem jeder und jede Bürger*in für eine bestimmte Zeit die Geschicke des Landes mitbestimmt. Dies gilt für den Reproduktions- ebenso wie für den Produktionsbereich. Die Mitbestimmungsrechte aber auch Pflichten werden nicht durch Wahlen erworben sondern in einer Rotation von einer Person an die nächste übertragen. Dieses demokratische System ist herrschaftsfrei. Die Produktionsmittel sind vergesellschaftet und es wird in einem planvollen Prozess das hergestellt, was die Gesellschaft und der/die Einzelne zu einem würdevollen Leben benötigen. Jeder und jede hat den gleichen Anteil und freie Auswahl an den hergestellten Gütern und Dienstleistungen. Ein Wissenschaftsrat achtet mit seinem Vetorecht darauf, dass Produktion und Konsum im Einklang mit der Natur stattfinden. Bildung, Kultur, Rechtswesen, Freizeit sowie das soziale Miteinander sind so organisiert, dass sie ihren Beitrag zur Entwicklung einer humanen und ökologischen Gesellschaft leisten.
In meinem 2.Buch „Revolutionen gestern und morgen – Ihre Ursachen, Verlauf, Bedeutung“ gehe ich der Frage nach, wie das langfristige Ziel der im ersten Buch beschriebenen Gesellschaft erreicht werden kann. Es kann nicht in einem großen Sprung erfolgen, sondern nur etappenweise. Hierfür sind jedoch umwälzende Schritte notwendig. Wir kennen nicht die Zukunft, jedoch die Vergangenheit. Daher habe ich mich mit der Geschichte der Revolution befasst und bin je nach ihrer Bedeutung näher auf die nationalen Umwälzungen eingegangen. Ich habe ergründet, was das Wesen und das Gemeinsame der Revolutionen ausmachen und habe die entsprechenden Schlussfolgerung daraus gezogen. Aufgrund dieser Erkenntnisse habe ich eine mögliche künftige Umwälzung skizziert.
In meinem 3.Buch „Was ist zu tun? Vom gesellschaftlichen Istzustand (Corona-) über alternative Aktivitäten zu notwendigen Strategien“ habe ich mich mit den heutigen Möglichkeiten zur Systemveränderung hin zu einer sozialen, ökologischen, basisdemokratischen und friedlichen Gesellschaft befasst. Aus aktuellem Anlass bin ich zunächst auf die Coronaepedemie eingegangen und habe den sozialökonomischen Istzustand unserer Gesellschaft beschrieben. Im Anschluss habe ich anhand der Schriften bedeutender Geisteswissenschaftler die sozial-psychologischen Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft skizziert, um darauf aufbauend die ganze Breite der Systemopposition darzustellen. Zum Schluss habe ich mögliche Strategien zur Überwindung dieser krisenhaften Gesellschaft aufgezeigt.
In diesem 4.Buch „Umdenken – schnell und radikal - Vom falschen Bewusstsein über die Philosophie der Praxis zu neuer Erkenntnis - gehe ich auf die geistige Auseinandersetzung über das Ziel, den Weg und den Start zur Erreichung einer humanen Gesellschaft ein. Wie der Titel schon andeutet, muss dies wegen der ökologischen aber auch politischen und ökonomischen Gefährdungslage schnell und bewusstseinssprengend geschehen. Hierbei gehe ich wiederum von der Coronakrise als Beispiel für falsches Bewusstsein aus. Anhand verschiedener Bereiche der Gesellschaft versuche ich deren Ursachen zu ergründen, zeige die notwendigen Methodenansätze auf, um schließlich zur richtigen Erkenntnis über die notwendigen Schritte zu gelangen. An dieser Stelle möchte ich mich bei Kai Degenhardt bedanken, der mir erlaubt hat, für den Buchtitel ein Lied seines verstorbenen Vaters Franz-Josef Degenhardt zu verwenden. Es ist der Refrain aus dem Song „Arbeitslosigkeit“ und lautet: „Umdenken Mister, umdenken Mister, und zwar schnell und zwar radikal“. Dieser Refrain trifft die Notwendigkeit zur raschen Bewusstseinsveränderung wie kein anderer.
Einleitung: Bewusstseinsstörungen in der aktuellen Coronakrise
Bedingt durch die Corona-Pandemie haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in unserem Land deutlich zu ihren Ungunsten verändert. Es hat sich eine Spaltung aufgetan, zwischen einer Mehrheit, die die Regierungsmaßnahmen im großen und ganzen mitträgt und einer Minderheit, die sie lautstark ablehnt. Die Diskussionen und Auseinandersetzungen um die Einschätzung von Corona und die daraus folgenden staatlichen Maßnahmen belasten das gesellschaftliche Klima erheblich. Nicht nur auf Kundgebungen, Demonstrationen und in den Parlamenten sondern auch im privaten Kreis sowie am Arbeitsplatz eskaliert der gesellschaftliche Diskurs in heftige Vorwürfe und gegenseitige Beschuldigungen. Zusätzlich werden die Auseinandersetzungen durch die modernen Medien insbesondere mit ihren verschiedenen Internet-Plattformen in einem zuvor nicht gekannten Ausmaß beflügelt.
Bevor ich mich näher mit dem gesellschaftlichen Diskurs befasse, möchte ich auf einige wesentlichen Fakten zur Corona-Pandemie eingehen. Hierbei beziehe ich mich u.a. auf Wikipedia-Texte zur Covid-19-Pandemie.
Covid 19 ist eine Atemwegserkrankung, die erstmalig gegen Ende des Jahres 2019 in Wuhan/China auftrat und am 31.Dezember von chinesischen Behörden der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet wurde, die am 11.März 2020 aufgrund ihres Fortschreitens sie zur weltweiten Pandemie erklärte. Am 9. Februar überstieg die Zahl der registrierten Todesfälle mit über 800 die der Sars-Pandemie 2002/2003. Am 15.Februar starb als erster Mensch in Europa ein Chinese in Paris und bereits am 23.Februar gab es die beiden ersten toten Europäer in Italien. Schon am 19.März vermeldete Italien mehr Todesopfer als China. Während in China die Zahl der Infizierten zurückging, stieg deren Zahl in Europa sowie Ende März die Zahl der Todesopfer in den USA steil an. Im Mai und Juni entwickelte sich Südamerika zu einem Hotspot der Pandemie. Schließlich meldete im August Indien die höchste Zahl von Neuinfizierten innerhalb eines Tages (Wikipedia Covid-19-Pandemie).
Im Mai 2021 schätzte die WHO, dass bis dahin weltweit ca. 6-8 Mio. Menschen an Covid-19 gestorben sind. Für Deutschland werden Stand 5.10.2021 vom Robert-Koch-Institut (RKI) 4.260.187 laborgetestete Nachweisfälle, darunter 93.883 Todesfälle, ein Inzidenzwert von 63,6 und einem Hospitalisierungswert von 1,55 gemeldet (RKI, Corona in Deutschland, die wichtigsten Zahlen vom 5.10.21). Mitte Februar 2020 wurde eine chinesische Studie veröffentlicht, wonach von 44.672 untersuchten Covid 19-Fällen 81% milde Krankheitsverläufe, 14% schwere mit Lungenentzündung und Dyspnoe (Atembeschwerden) hatten, 5% der Patienten erlebten einen Atemstillstand, einen septischen Schock oder Multiorganversagen sowie in 2% der Fälle verlief die Krankheit tödlich.
Das Risiko zu sterben erhöht sich mit dem Alter sowie für Personen mit Immunschwäche und Vorerkrankungen. Lt. WHO waren im April 2020 95% aller in Europa gemeldeten Todesfälle der Altersgruppe über 60 zuzuordnen. Mehr als 50% der Verstorbenen waren über 80 Jahre alt. Eine Untersuchung in Italien vom März 2020 ergab, dass lediglich 0,8% der Toten keine Vorerkrankung, während 25,1% eine und 25,6% zwei Vorerkrankungen hatten. Sogar drei oder mehr Vorerkrankungen wurden bei 48,5% der Fälle festgestellt.
In einem Interview mit dem Deutschlandfunk hat der bekannte Virologe Kekulé vom Universitätsklinikum Halle festgestellt: „Natürlich ist es so, dass die Grippe in mancher Saison in Deutschland mehrere Tausend – es gab sogar mal einen Fall, wo es über 20.000 Tote verursachte. Ja, das macht die Grippe, aber man muss das immer ins Verhältnis stellen. Wir haben in Deutschland natürlich auch über 10 Millionen Infizierte gehabt in dem Jahr, wo es mal so hoch war. Wenn Sie das dann herunterrechnen, ist die Sterblichkeit der Grippe bei 0,1 % oder eines zu 1.000 und die Sterblichkeit von diesem Coronavirus liegt bei 0,5 bis 1,5%, irgendwo in dem Bereich, das heißt, ich sage mal so grob 1: 100. Das heißt, das Virus ist für denjenigen, der die Infektion bekommt, zehnmal gefährlicher“ (Wikipedia, Covid-19-Pandemie, Gefährlichkeit der Krankheit).
Neben der Todesfolge sind auch die schwere Krankheitsverläufe zu beachten. Insbesondere wenn die Lunge betroffen ist, kann neben deren Schäden auch der Herzmuskel stark beeinträchtigt werden. Schließlich ist es für die Kranken eine wahre Tortur im Krankenhaus über einen längeren Zeitraum durch einen Schlauch mit Sauerstoff versorgt zu werden und dies in einem bewusstlosen Zustand. Auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus leiden viele Covid-19-Patienten an den Folgen dieser Krankheit, wie allgemeine körperliche Schwäche, Atemnot bei Anstrengungen usw.
Durch Atemschutzmasken, Hygieneregeln, Testen sowie Einschränkung der Kontaktmöglichkeiten hat man versucht, die Ausbreitung der Viruserkrankung zu stoppen. So beschlossen die Bundes- und Landesregierungen Mitte März 2020 weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Nur die Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigen wurde aufrechterhalten. Zwar wurden im Mai weitgehende Beschränkungen wieder aufgehoben, aber im Oktober aufgrund gestiegener Coronazahlen wieder verschärft. Seit Dezember 2020 bestanden wiederum erhebliche Einschränkungen des öffentlichen Lebens wie geschlossene Restaurants, keine Veranstaltungen, eingeschränkte Treffen, Schulschließungen, wo möglich, Verlegung von Büroarbeiten ins Home Office. Besonders in Familien, die in beengten Verhältnissen wohnen, führte das andauernde Zusammenleben von Erwachsenen und Kindern zu einer erheblichen Belastung für den Familienalltag und zu einer starken Beeinträchtigung der Kindesentwicklung.
Die Pandemie führte auch für große Teile der Wirtschaft und für die öffentlichen Kassen zu einem starken Rückgang des Umsatzes und der Einnahmen. Reisebüros verzeichneten im April 2020 Einbrüche ihres Geschäftsumfanges von 84%, das Gastgewerbe von 68%, Unterhaltung und Erholung von 43%. Andrerseits profitierte die Pharmaindustrie mit einem Anstieg der Auslastung um 7% und die Kfz-Industrie wie Daimler und BMW konnten erhebliche Gewinnsteigerungen ebenso wie der Onlinehandel (Amazon) Rekordumsätze verzeichnen. Bis April 2020 meldeten die Betriebe für 10,2 Millionen Beschäftigte Kurzarbeit an. Die Zahl der Erwerbstätigen sank um 1,1% auf 44,8 Mio. Gegenüber dem ersten Quartal 2020 gab es im 2.Quartal einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in Höhe von 9,7%. Aufgrund der zahlreichen Hilfen insbesondere für Selbständige und betroffene Betriebe wurde das Haushaltsjahr der öffentlichen Kassen mit einem Defizit von 158,2 Mrd. € (4,8% des BIP) abgeschlossen (Wikipedia, Covid-19-Pandemie in Deutschland, Wirtschaftskrise).
Auch im gesundheitlichen Bereich führte die Pandemie zu einer erheblichen Beeinträchtigung. Einerseits ergab sich für die Krankenhäuser durch die Bereitstellung und Vorhaltung von Intensivbetten sowie medizinischem und Pflegepersonal eine hohe Belastung, andrerseits eine geringere Auslastung, weil viele sonstige Operationen verschoben wurden und viele anstehende Behandlungen aus Furcht vor Ansteckungsgefahr im Krankenhaus und in den Arztpraxen von den Patienten nicht wahrgenommen wurden. Die kostenintensive Vorhaltung von Intensivbetten wurde jedoch den Krankenhäusern vom Staat großzügig ersetzt. Auch sank die Bereitschaft, Blut zu spenden, erheblich. Im Frühjahr 2020 kam es zu Engpässen bei der Versorgung mit Mundschutzmasken, die erst mit der Zeit durch Produktionsumstellungen in einschlägigen Betrieben sowie Lieferungen aus dem Ausland, insbesondere China ausgeglichen werden konnten.
Die Bundes- hat zusammen mit den Landesregierungen im November 2020 eine nationale Impfstrategie zur Eindämmung der Corona-Pandemie beschlossen. Die von den verschiedenen Pharmaunternehmen entwickelten Impfstoffe können erst nach Zulassung der europäischen Arzneimittelagentur (EMA) eingesetzt werden. So erhielt als erster Impfstoff das von der deutschen Firma BionTech und dem amerikanischen Unternehmen Pfizer gemeinsam entwickelte RNA-Impfstoff am 21.12.20 die bedingte Zulassung und bereits am 26.12. fanden die ersten Impfungen statt. Im Januar 2021 erfolgten die Genehmigungen für den Impfstoff der Fa. Moderna und der Fa. Astra Zeneca sowie im März den der Fa. Johnson & Johnson.
Zunächst wurden die Personengruppen mit der höchsten Ansteckungsgefahr, die Älteren, die mit Vorerkrankungen und die Beschäftigten in Pflegeberufen geimpft. Seit Mitte Juli 2021 kann jeder Impfwillige in Deutschland sofort geimpft werden. Stand 5.10.21 sind 108,1 Mio. Dosen sowie 68,2% der Bevölkerung einmal und 64,7% vollständig geimpft (RKI, 5.10.21). Lt. Bundesregierung sollen bis 21.September 21 alle Impfwilligen ein Angebot zur Impfung erhalten haben. Wegen weiterer Mutationen wie die Delta-Variante wurde von der Gesundheitsministerkonferenz von Bund und Ländern beschlossen, dass ab September 2021 Auffrisch- und Zusatzimpfungen starten. In Israel, das mit der Verimpfung seiner Bevölkerung weit fortgeschritten ist, wurde in einer Studie festgestellt, dass der Schutz vor Erkrankung beim Biontech-Impfstoff nach einigen Monaten nicht mehr 90 % sondern nur noch 64% erreicht und deshalb eine weitere Impfung besonders im Hinblick auf die Delta-Variante notwendig wird.
Das ebenfalls beschlossene Impfangebot an 12- bis 17-jährige ist umstritten. Dazu ein Zitat aus Wikipedia: „Der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank-Ulrich Montgomery, wandte sich am 26.Mai 21 dagegen, Minderjährigen eine Impfung zu empfehlen. Es gebe zur Zeit noch zu wenig Daten, die Aussagen über das Risiko bei Kindern zuließen. Es sei jedoch bekannt, dass der Krankheitsverlauf bei Kindern deutlich geringer und weniger gefährlich als bei Erwachsenen oder Betagten ist. Alena Buyx, die Vorsitzende des deutschen Ethikrates, befindet für 12- bis 15-jährige ein Impfangebot deshalb für richtig, weil sie auch selbst natürlich einen Schutz haben möchten. Auch bei Jugendlichen gebe es schwere Verläufe und das Long-Covid-Syndrom (Nachwirkungen nach Genesung, d.Verf.). Es kämen auch Gruppenschutzgründe hinzu, so dass die Schule sicherer werde“. Am 16.August 21 hat die Ständige Impfkommission die Empfehlung zur Impfung von Kinder und Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren auch ohne Vorerkrankungen ausgesprochen. (Wikipedia, Covid-19-Impfung in Deutschland, Impfung bei Kindern, Jugendlichen und Genesenen).
Nach dem Bund-Länderbeschluss vom 10.8.21 sollen ab dem 23. August folgende Vorschriften gelten: Ab einer 7-Tage-Inzidenz von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner greift die 3 G-Regel. Ungeimpfte müssen einen negativen Antigen-Schnelltest (nicht älter als 24 Stunden) oder einen negativen PCR-Test (nicht älter als 48 Stunden) vorlegen, um Zugang zu bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens zu erhalten. Dazu zählen: Besuch von Krankenhäuser, Altersund Pflegeheime, Zugang zur Innengastronomie, Teilnahme an Veranstaltungen und Feste in Innenräumen, die Inanspruchnahme von körpernahen Dienstleitungen, Sportausübung im Innenbereich sowie die Beherbergung mit Tests während des Aufenthalts. Erschwerend kommt hinzu, dass ab 11. Oktober die Tests kostenpflichtig werden.
Inzwischen hat das baden-württembergische Sozialministerium bekanntgegeben, dass nicht mehr allein die Inzidenzzahl zur Bewertung der Pandemie herangezogen sondern als zentraler Indikator die Belastung der Intensivstationen mit Covid-Patienten festgelegt werden soll (Gäubote vom 5.8.21, Land will Inzidenz aus Coronaverordnung streichen). Hierbei kann auch von der Testpflicht für Ungeimpfte bei einer Inzidenz von 35/100.000 abgesehen werden.
Bei einer starken Minderheit der Bewohner in Deutschland besteht ein großer Vorbehalt gegenüber der Impfung. Es wird beanstandet, dass der Impfstoff nicht lange genug getestet wurde. Üblich ist eine Entwicklungs- und Testphase von 5-6 Jahren, beim Covid 19- Impfstoff war es nur ca. 1 Jahr. Außerdem ist es ein neues Impfverfahren, dass nicht genügend ausgereift ist. Lt. Spiegel Online im Juli 21 sind weitere Gründe: die Sorge vor Nebenwirkungen der Impfung (und negativen Langzeitfolgen, der Verf.), die Vorstellung, man solle an einem „Gen-Experiment“ teilnehmen, sowie die Haltung, es reiche, wenn andere sich impfen lassen (die sog. Herdenimmunität der Nichtgeimpften, der Verf.). Nach einer Umfrage von YouGov vom Mai 2021 ist die Bereitschaft zur Impfung von Erwachsenen über 18 Jahre auf 75% gestiegen, der Anteil der Unentschlossenen sank von 16% auf 11%, danach beträgt der Anteil der Verweigerer 14% .
Das Robert-Koch-Institut (RKI) erklärte im Juli 21, dass man selbst bei einer 100%-igen Impfquote nicht den Erreger vollständig eliminieren könne. Hierzu führte das RKI aus: „Die Vorstellung des Erreichens einer 'Herdenimmunität' im Sinne einer Elimination oder sogar Eradiktion (Auslöschung) des Virus ist jedoch nicht realistisch“ (Wikipedia, Covid-19-Impfung in Deutschland, Impfziele).
Gegen die Maßnahmen der Regierung bildeten sich ab März 2020 Protestbewegungen. In Berlin wurde von dem Dramaturgen Anselm Lenz und dem Autoren Hendrik Sodenkamp eine Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand (KDW) gebildet. Die Initiatoren gehörten dem Haus Bartleby, einem 2014 gegründeten Künstlerprojekt zur Kapitalismuskritik an. Es wurden wöchentliche sog. „Hygienedemos gegen Grundrechtseingriffe bei der Pandemiebekämpfung“ organisiert. Jedoch die Volksbühne, vor der die Kundgebungen stattfanden, ebenso wie das Haus Bartleby distanzierten sich von den Aktionen. Von den Sprechern wurde die Gefährlichkeit von Covid-19 bestritten sowie die Maßnahmen der Bundes- und Landesregierungen als „Notstandsregime“ gebrandmarkt. Sie beriefen sich dabei auf das Grundgesetz. Weiterhin wurde beanstandet, dass die Mainstreampresse gleichgeschaltet und die öffentliche Diskussion abgeschafft worden sei. Schon früh wurden die Lockdown-Beschlüsse als Ermächtigungsgesetz einer „De-facto-Diktatur“ diffamiert. Trotz der damaligen weltweiten 200.000 Todesfällen wurde weiterhin behauptet, dass der Virus nicht gefährlich sei.
Auch andere Organisationen und bekannte Einzelpersonen wie das rechtsextreme „Netzwerk Demokratie e.v.“, der durch KENFM bekannte frühere Radiomoderator Ken Jebsen, der Gründer der Plattform Rubikon Jens Wernicke, der Verbreiter der rechtspopulistischen Epoch Times Oliver Janich sowie Martin Lejeune des geschichtsrevisionistischen Blogs „Die rote Fahne“ brachten sich ein.
Nach Ruth Herzberg von der linksliberalen Wochenzeitung „der Freitag“ „waren Männer und Frauen jeden Alters, Punks, Hippies und Spießer, schwarzer Block und tätowierte Lichtenberg-Hools sowie Verwirrte, Ängstliche, die ein Ventil bräuchten, unter den Teilnehmern. Es seien nicht alles Rechte oder Linke. Die Proteste wurden jedoch zunehmend von AfD, NPD, Identitären und QAnon-Anhängern unterstützt oder laut Robert Kiesel (Tagesspiegel) von Rechtspopulisten bis hin zu Rechtsextremen gekapert“ (Wikipedia, Proteste gegen Schutzmaßnahmen wegen der Covid-19-Pandemie in Deutschland). Hier hat sich eine sog. Queerfront zwischen einer ursprünglich der alternativ-linksliberalen zuzurechnenden Szene und dem rechten Spektrum gebildet, die beide von ihrer Einstellung und Ideologie betrachtet bisher überhaupt keine Übereinstimmung fanden. Die rechten Gruppen, die anfangs in der Minderheit waren, beherrschen inzwischen das Lager der Coronaleugner immer mehr und ziehen es stark auf ihre Seite. Sie verfügen damit über eine Massenbasis zum Ausleben ihrer Aggressionen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft.
Dass die Teilnehmer mit der Zeit immer militanter wurden, beweist der Übergriff von ca.15 von ihnen auf ein Kamerateam der ZDF-heute-show am 1.Mai 2020. 5 Teammitglieder wurden verletzt, vier davon schwer.
Besonders der bekannte Koch Attila Hildmann tat sich durch gesteigerte Anschuldigungen hervor. Er stellte abstruse Behauptungen auf, u.a. dass Gesundheitsminister Spahn im Auftrag des amerikanischen Milliardärs Bill Gates Eugenik und Völkermord bewirken wolle. Ich möchte hier nicht weiter auf die Absurditäten und Hasstiraden des Attila Hildmann eingehen, aber er bekam auf Kundgebungen Redemöglichkeiten und fand seine Zuhörerschaft.
Als weiteres frühes Zentrum der Coronaproteste entwickelte sich Stuttgart. Hier bildete sich unter dem Slogan „Querdenken 711“ (nach der Telefonvorwahl) zunächst mit einer geringen Anzahl von 20 Personen auf dem Schlossplatz eine Protestbewegung zu den Pandemiemaßnahmen der Regierungen. Schon auf der dritten Demonstration am 25.April 2020 beteiligten sich 500 Personen. Die wöchentlichen Demonstrationen, zumeist am Samstag, erhöhten schnell ihre Teilnehmerzahlen und so fanden größere Kundgebungen auf dem Cannstatter Wasen statt. Zu Beginn wurden von dem Organisator Ballweg unter dem Eindruck der verheerenden Covid-Pandemie in Bergamo/Italien auf Twitter zwar die Coronaregeln gutgeheißen, aber auf den Veranstaltungen wurden doch unbelegte Behauptungen der Virologen Wordag und Bhagdi vorgetragen. Auch Ken Jebsen war auf den Kundgebungen durch Redebeiträge präsent.
Bereits am 2.Mai 2020 kamen 5.000 Teilnehmerinnen zu den Kundgebungen. Hier trat auch der Mitbegründer von Widerstand 2020, Ralf Ludwig auf. Er verbreitete die Version einer absoluten Gesundheitskontrolle mit Impfzwang. Zu einer bundesweit beachteten Großkundgebung kam es am Karsamstag, den 3.4.21, als 15.000 Menschen größtenteils ohne Maske und Mindestabstand demonstrierten. Die anschließende Kundgebung fand unter dem Motto „Grundrechte sind nicht verhandelbar“ statt. Journalisten wurden von Teilnehmern bedrängt und auch körperlich angegriffen. Das Team von tagesschau 24 wurde mit harten Gegenständen beworfen, so dass es seine Übertragung abbrechen musste. Nach Ansicht des deutschen Journalistenverbandes (DJV)-Vorsitzenden Frank Überall erfolgte kein genügender Schutz der Medienschaffenden durch die Polizei. Diese wurde auch dafür kritisiert, dass sie gegen die Nichtbeachtung der Vorgaben (Masken, Abstand) nicht genügend vorgegangen sei und sich gegenüber den Regelverletzern kooperativ zeigte, während sie gegen Gegendemonstranten einseitig einschritt.
Der Schwerpunkt der Proteste war jedoch die Hauptstadt Berlin. So fand am 1.August 20 eine genehmigte Großdemonstration von ca. 30.000 Teilnehmern statt. Gruppen, an führender Stelle Querdenken 711, für die Corona keine Seuche, sondern vor allem eine Verschwörung ist, haben dazu aufgerufen. Wiederum wurden die Auflagen des Maskentragens und des Mindestabstandes missachtet, was schließlich zur formalen Auflösung der Demonstration, aber nicht zu deren Räumung führte. In den Auseinandersetzungen mit den Demonstrationsteilnehmern soll es lt. verschiedenen Presseberichten und einem Tweet der Polizei zwischen 18 und 45 verletzte Polizisten gegeben haben.
Aufgrund der Erfahrungen vom 1.August wurde eine vorgesehene Demonstration am 29.August vom Berliner Senat nicht genehmigt. Nach Einspruch vor dem Verwaltungsgericht Berlin wurde dieses Verbot aufgehoben und mit einem Mindestabstandsgebot erlaubt. Dieses Mal war das ganze rechte Spektrum präsent. Vom compact-Verleger Jürgen Elsässer, dem rechten Vordenker Götz Kubitschek, dem Vormann der identitären Bewegung Martin Sellner, den AfD-Politiker*innen Höcke, Chrupalla, Weidel, Brandner sowie NPD, III.Weg, Reichsbürger usw. Es schlossen sich der Sänger Xavier Naidoo und der allseits bekannte TV-Koch Hildmann an. Das Berliner Bündnis gegen Rechts organisierte genehmigte Gegenkundgebungen. Wegen der Nichteinhaltung der Auflagen wurden im Innenstadtbereich Kundgebungen und Demonstrationen von der Polizei aufgelöst und gegen Mittag beendet.
Am Nachmittag kam es zu einer weiteren Kundgebung von ca. 40.000 Teilnehmern an der Siegessäule. Der Organisator und Querdenken 711-Gründer Ballweg forderte auf der Kundgebung die sofortige Aufhebung der Coronamaßnahmen und die Abdankung der Bundesregierung. Auf Plakaten wurden die Konterfeis des bayerischen Ministerpräsidenten Söder, des Virologen Drosten und weiterer Politiker und Journalisten in Häftlingskleidung mit der Aufschrift „Schuldig“gezeigt. Zwar sagte Ballweg auf der Kundgebung, dass Links- und Rechtsextremismus keinen Platz in der Querdenken-Bewegung habe. Dass diese Feststellung nur einseitige Lippenbekenntnisse sind, konnte man an dem gehäuften Auftreten der Rechtsextremisten mit entsprechenden Plakaten, Transparenten und Reichsflaggen konstatieren. Auf der Kundgebung wurden bewusst verschiedene Falschmeldungen verbreitet, u.a. dass sich Polizisten den Demonstranten angeschlossen hätten und eine Demonstrantin von der Polizei getötet worden wäre.
Vor allem organisiert von den Reichsbürgern fanden vor der russischen Botschaft heftige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten statt. Von diesen wurde die Forderung nach einem Friedensvertrag erhoben, da Deutschland noch ein besetztes Land sei.
Zu einer Zuspitzung kam es, als gegen Abend ca. 450 Demonstranten die Treppen zum Reichstag hinaufstürmten und sich Einlass verschaffen wollten, was zunächst von nur wenigen Polizisten bis zum Eintreffen von Verstärkung abgewehrt wurde. Alle im Bundestag vertretenen Parteien außer AfD waren schockiert über diesen Vorgang und verurteilten ihn. Auch im Oktober und November fanden Demonstrationen und Kundgebungen statt. Am 18.November, als über das dritte Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite abgestimmt wurde, fanden trotz Verbotes Demonstrationen und Auseinandersetzungen mit der Polizei statt. 365 Personen wurden verhaftet und 257 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Da viele Demonstranten nach Auflösung der Veranstaltungen den Kundgebungsplatz nicht räumten, wurden von Seiten der Polizei Wasserwerfer jedoch nur mit milder Berieselung eingesetzt. Am selben Tag belästigten von der AfD eingeladene Besucher Politiker wie den Wirtschaftsminister Altmeier, den Grünen-Fraktionschef Hofreiter oder den SPD-Politiker Schulz.
Auch nach der Novellierung des Infektionsschutzgesetzes am 21.April 21 fanden Demonstrationen statt, die ebenfalls wegen Nichteinhaltung der Coronaregeln aufgelöst wurden. Es kam teilweise zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Hierbei wurde von Demonstranten einseitige Videoaufnahmen über Gewalttätigkeiten der Polizei gemacht und ins Netz gestellt. Von den Rednern wurden Vergleiche mit der NS-Diktatur gezogen, der Holocaust relativiert oder sich als Verfolgter mit den Juden des Dritten Reiches gleichgestellt, sich mit Widerstandskämpfern wie den Geschwistern Scholl verglichen sowie die mediale Berichterstattung als Lügenpresse tituliert. Zum Zeichen der Verfolgung wurden von Teilnehmern Judensterne mit der Inschrift „Ungeimpft“ getragen. 250 Personen wurden wegen Verstößen gegen die Coronaregeln, Angriffe auf Einsatzkräfte, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte sowie versuchter Gefangenenbefreiung festgenommen.
Auf der Demonstration am 1.August 21 ist ein Demonstrant nach der Festnahme an Herzversagen gestorben. 503 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet, 43 davon wegen tätlichen Angriffs auf Polizisten. Andersdenkende sowie ein Fernsehteam wurden attackiert. Besonders schlimm erging es dem Berliner Landesvorsitzenden der Deutschen Journalisten-Union (dju), der vom Fahrrad gezerrt, geschlagen und getreten wurde. Aufgrund der Auseinandersetzung kam es anscheinend auch zu Übergriffen der Polizei, welche von Teilnehmern gefilmt und dem UN-Sonderberichterstatter Melzer übermittelt wurden. Die Polizei überprüft ebenfalls die Vorwürfe übermäßiger Gewalt aus ihren Reihen.
Auch in Leipzig fanden entsprechende Protestkundgebungen statt. Hier bezog man sich im November 20 mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ vor allem auf die Demonstrationszüge gegen das SED-Regime Ende der 80er Jahre. Man wollte mit der Demonstration auf dem Leipziger Innenstadtring an die damalige Ereignisse anknüpfen. Am Abend eskalierte die tagsüber friedliche Demonstration an einer Straßensperre der Polizei, wo von Seiten der Demonstranten Pyrotechnik und von den Ordnungskräften Pfefferspray eingesetzt wurden. Der QuerdenkenWortführer Ludwig begrüßte am Tag danach die Teilnahme der Rechtsextremen, weil man zusammen mit der NPD u.a. sich für Freiheit und Demokratie einsetze.
Die Demonstrationen, Kundgebungen und die Begleitbotschaften von den verschiedenen und einseitigen Plattformen des Internets haben zu einer Aufheizung des politischen Klimas in unserem Land geführt. Nach Wikipedia beschrieb Erik Peter von der taz „die Teilnehmer als Szene der Verschwörungstheoretiker mit kruden Theorien über die Ursachen der CoronaPandemie. Sie verbinde das Gefühl von Regierung und Medien belogen zu werden. Sie leugneten die Gefährlichkeit des Virus, machten dafür zum Teil Bill Gates verantwortlich, schürten Furcht vor Zwangsimpfungen, sähen sich als Aufklärer, Querdenker oder das Volk und nähmen Kritik an Verschwörungsmythen als Beleg für den undemokratischen Mainstream“ (Wikipedia, Proteste gegen Schutzmaßnahmen wegen der Covid-19-Pandemie in Deutschland, Einordnungen).
Ich meine, dass es in der Welt und natürlich auch in Deutschland viele Problembereiche und Unzulänglichkeiten existieren, über die es zu diskutieren aber auch gegen die es sich zu engagieren gilt:
- Ja, es gab Verschwörungen, Lügen und gesellschaftsschädigende Geheimoperationen wie z.B. die unaufgeklärten Morde am amerikanischen Präsidenten Kennedy, den schwedischen Ministerpräsidenten Palme, die TonkingLüge mit dem angeblichen Überfall nordvietnamesischer Boote auf ein amerikanisches Kriegsschiff als Vorwand zur Bombardierung Nordvietnams, die Lügen des amerikanischen Außenministers Powell vor der UNO zur angeblichen Giftgasbedrohung durch den Irak, die Widersprüche in der offiziellen Darstellung der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon vom 11.9.2001, die Aufdeckungen der geheimen Abhörmethoden und Anschläge US-amerikanischer Nachrichtendienste und Militärs durch Snowden und Assange.
- Ja es gab an den Regierungsmaßnahmen zur Coronabewältigung viel Kritikwürdiges wie zunächst zu späte und zu zögerliche Einleitung der Schutzvorkehrungen insbesondere bei den Risikogruppen,
nicht genügender Vorrat an Masken und Bereicherung durch CDU/CSU-Abgeordnete,
Herunterfahren des Freizeitbereichs wie Gaststätten, Kultureinrichtungen usw. bei zu geringer Einschränkung der Produktion nicht lebensnotwendiger Güter,
zu Beginn ungenügende Koordination der Impfkampagne,
nicht genügende Unterstützung von Familien, die in beengten Verhältnissen leben,
hohe finanzielle Zuwendungen an Großfirmen wie Lufthansa, ohne auf die Geschäftspolitik Einfluss zu nehmen,
durch Auszahlung von Kurzarbeitergeld hohe Profitraten z.B. bei der Automobilindustrie (Daimler, BMW),
Nichtbeteiligung des online-Handels (Amazon) an den Kosten der Pandemie trotz hoher Umsatz- und Gewinnsteigerung.
- Ja, die Rolle von Bill Gates ist kritisch zu sehen. Einerseits hat er ein Riesenvermögen angehäuft, andrerseits will er der Menschheit als selbsternannter Philanthrop in seinem Sinne Gutes tun, wozu Impfaktionen gehören. Nur das Impfen allein genügt nicht, man muss auch die Ursache von Pandemien bekämpfen wie bei der aktuellen Covid 19 Pandemie das Eindringen des Menschen in tierische Bereiche oder allgemein die sozialen Diskrepanzen für die Entstehung und Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten. Natürlich hat Gates Einfluss, aber auch andere reiche Menschen und Politiker haben großen Einfluss. Dass andrerseits die Mitglieder der Elite aus persönlichen, wirtschaftlichen oder politischen Gründen sich nicht immer einig sind und ein bestimmender Einfluss einen Gegeneinfluss hervorruft, ist eine bekannte Tatsache. Nur in einem sind sie sich einig, das System, das sie so sehr begünstigt, solange wie möglich zu erhalten. Über die Wege dorthin gibt es unter ihnen verschiedene Auffassungen. Den Einfluss von Gates kann man daher nicht absolut setzen (er will die Welt beherrschen) sondern man muss ihn relativieren.
- Ja, es stimmt, die Pharmaindustrie hat mit ihrer Lobby großen Einfluss auf die Bundesregierung. Dies haben jedoch auch andere Wirtschaftsbranchen. Und dieser Einfluss bestand schon vor der Coronapandemie. Dies ist immer wieder zu kritisieren, unabhängig von dem Geschrei der Coronaleugner. Außerdem hat die Pharmaindustrie hohe Gewinnmargen, die der vielen anderen Industriezweige weit übertreffen. Es ist bekannt, dass die Medikamente überteuert sind und durch die Patentierung neuer Arzneimittel hohe Preise erzielt werden können. Lebensnotwendige Medizin kann daher unterentwickelten Ländern für eine gewisse Zeit nicht zur Verfügung gestellt werden. Uns ist noch gut in Erinnerung, dass die Pharmaindustrie schädliche Medikamente auf den Markt gebracht hat, die wie Contergan schlimme Missbildungen bei Neugeborenen verursacht haben oder die Antibabypille Yasmin, die zu schweren Thrombosen bei Frauen führten. Es ist bekannt, dass die Pharmafirmen von einem hohen Medikamentenverbrauch profitieren und für den Arzt die einfachste und schnellste Behandlung die Verschreibung von Medikamenten ist. Schließlich kann ein zu hoher Medikamentenkonsum zur Sucht führen, wovon in Deutschland geschätzt 1,4 bis 1,9 Millionen Menschen, davon 2/3 Frauen betroffen sind (NetDoktor, Medikamentensucht v.9.12.19). Allerdings muss auch konstatiert werden, dass mit Medikamenten viele Krankheiten eingedämmt sowie beseitigt wurden und sie zur Lebensverlängerung einen erheblichen Beitrag geleistet haben. Ob es uns gefällt oder nicht, wie bei anderen Medikamenten und Impfstoffen gibt es keine andere Lösung, als den Coronaimpfstoff von den bestehenden Pharmaunternehmen mit ihrem großen Forschungspotential und umfangreichen Produktionsanlagen entwickeln und produzieren zu lassen. Die Gesellschaft und die politisch Verantwortlichen sind daher in der aktuellen Gefahrenlage dem Goodwill der Pharmaindustrie ausgeliefert.
- Ja, es trifft zu, die Medien und hier besonders die des Mainstreams werden zum großen Teil von den Verlegern in ihrer Grundausrichtung bestimmt und von den Chefredakteuren wird auf die Einhaltung der offenen aber meist stillschweigenden Prinzipien geachtet. Jede/r Journalistin und Redakteurin, der/die sein/ihr Arbeitsverhältnis nicht gefährden will, achtet darauf, dass er/sie nicht mit den Verlagsgrundsätzen in Konflikt gerät. Außerdem sind die Verlagshäuser kapitalistische Unternehmen mit einer bestimmten Renditeerwartung nach dem Motto: gut ist, was sich gut verkauft. Da ein großer Teil der Einnahmen einer Zeitung von den Großanzeigen abhängt, kann eine zu kritische Haltung gegenüber den gewerblichen Inserenten nicht erwartet werden. Dies alles muss man als Leser im Hinterkopf gespeichert haben, um die Informationen und Kommentare der Presseorgane richtig einzuordnen. Andrerseits die Presse als „Lügenpresse“ zu bezeichnen, ist völlig überzeichnet. In den seriösen Medien wird im allgemeinen objektiv über die Fakten und über verschiedene Meinungen zum Coronathema berichtet. Auch wird zum Teil heftige Kritik wie in den Nachrichtenmagazinen des öffentlichen Fernsehens am Regierungshandeln sowie an der Umsetzung durch die Behörden geübt. Hinzu kommt noch die alternative und linksgerichtete Presse, die eine systemkritische Grundhaltung hat. Zwar verfügt sie nicht über die hohe Auflage der großen Presseorgane, aber sie kann ihre Leserschaft ungehindert nach ihrer Sichtweise informieren. Dies gilt natürlich auch für die rechtsgerichtete Zeitungen, Zeitschriften und Magazine. Andererseits wird auf den Internetplattformen der Impfskeptiker und Gegner der Regierungsmaßnahmen zu Corona sehr einseitig von deren Standpunkt informiert und die Gegenmeinungen völlig außer acht gelassen. Man kann nur festhalten, dass mit einseitigen, entstellenden und erfundenen Behauptungen Zusammenhänge hergestellt werden, die nicht mehr den Tatsachen entsprechen, sondern einer blühenden Phantasie entspringen.
- Ja, der neu entwickelte Impfstoff ist nicht genügend auf Langzeitfolgen getestet worden. Die Verkürzung der Entwicklungszeit von 5-6 Jahre auf ca.1 Jahr kann man mit einem gewissen Misstrauen begegnen ebenso der neu entwickelten Wirkungsweise der Impfung. Nur andrerseits gab es in absehbarer Zeit keinen wirklichen Schutz gegen den Virus, Medikamente waren in ihrer Wirkung eingeschränkt. Es käme zu einer großen Unzufriedenheit und Coronaerschöpfung in der Bevölkerung, wenn man 6 Jahre auf die Bereitstellung des Impfstoffes hätte warten müssen.
- Ja, die verschiedenen Impfstoffe schützen nicht 100%. Es können Nebenwirkungen entstehen und vielleicht auch Langzeitfolgen auftreten Statistisch gesehen tritt dies jedoch in einem sehr geringen Umfang auf. Von der Logik betrachtet müsste ein/e Impfgegner*in jedes Medikament ablehnen, da auf dessen Beipackzettel alle möglichen Nebenwirkungen aufgelistet sind. Daher sollte jeder/jede eine Risikoabschätzung vornehmen: durch was ist er/sie mehr gefährdet, durch Corona oder einen Anticorona-Impfstoff. Und hier spricht die bisherige Erfahrung ganz klar für die Impfung als einen größeren Schutz und eindeutig geringeren Gefahr.
- Ja, der Regierung galt die größte Sorge der Überlastung des Gesundheitswesens. Bei einer möglichen exponentiellen Ausbreitung des Virus und der darauf folgenden Selektierung und Abweisung von Kranken in den Hospitälern wäre es zu Panik und Empörungen unter den Betroffenen und ihren Angehörigen gekommen. Man konnte gut die Folgen der Pandemieleugnungen in Brasilien und den USA unter Präsident Trump feststellen. Die Erzielung einer Herdenimmunität wie in Schweden hat zu einer höheren Todesrate im Verhältnis zur Einwohnerschaft als bei uns geführt. In Indien war deutlich festzustellen, dass nach einer scheinbar eingedämmten Pandemie diese wieder schlagartig und mit voller Wucht sich ausbreitete, als auf religiösen Festen mit großen Menschenmassen die Coronagebote wie Maskentragen und Abstandsregel nicht eingehalten wurden. Andrerseits konnte das Corona-Ursprungsland China mit drakonischen Maßnahmen die Epidemie zurückdrängen und bis heute eindämmen.
- Ja, die eingeführte 3 G-Regelung ab 23.Aug.21 führt für Nichtgeimpfte zu einem gewissen Nachteil gegenüber Geimpften und Genesenen. Sie sind verpflichtet vor Eintritt in einen reservierten Bereich wie einem Lokal oder eine Veranstaltung sich testen zu lassen, was aufgrund seiner kurzen Wirkungsdauer aufwendig ist. Wenn ab Oktober die Tests noch kostenpflichtig werden, führt dies zu einer erhöhten Belastung und Einschränkung für die Nichtgeimpften und folglich zu einem starken Nachlassen ihrer Testbereitschaft. Einerseits, wenn man von einer bestimmten Ansteckungsfreiheit bei den Geimpften ausgeht, so können sich logischerweise vor allem nur die Nichtgeimpften anstecken. Ansonsten hätten die Impfwilligen sich nicht impfen lassen müssen. Natürlich trägt zur Eindämmung der Coronaepidemie eine hohe Verimpfung der Bevölkerung bei, andrerseits ist eine gewisse Reserviertheit gegenüber den Impfstoffen wie oben dargelegt verständlich. Daher wäre eine größere Toleranz zwischen Geimpften und Nichtgeimpften angebracht. Bei Streitfällen muss der Sachverhalt einer Ungleichbehandlung durch Gerichte entschieden werden.
Über diese ganzen politischen, medizinischen, ökonomischen und soziale Fragen kann sich auf vernünftige Weise auseinandergesetzt und nach Lösungen gesucht werden. Den politisch Verantwortlichen ist zu gute zu halten, dass sie es noch nie mit einer Viruspandemie diesen Ausmaßes zu tun hatten. Hier mussten sie sich auf die Beratung durch Wissenschaftler und Experten, die oft genug nicht einer Meinung sind, verlassen und aus der politischen Verantwortung heraus schnell geeignete Maßnahmen ergreifen. Es war stets eine Suche nach dem richtigen Weg und da unter ihnen ebenfalls keine vollständige Einigkeit bestand, ein mühsames Vortasten nach der besten Methode, die oft nur über unzulängliche Kompromisse zu erzielen war. Schließlich kann bekanntlich mit dem CoronaVirus nicht verhandelt werden. Und ob zu seiner Bekämpfung ein gefundener Kompromiss der Sache dient, lasse ich dahingestellt. Diese offenen Fragen und Unwägbarkeiten verunsichern viele Menschen. Das Nichtvorhandensein einfacher Wahrheiten, sondern die anstrengende Suche danach sowie den bestmöglichen Lösungen im gesellschaftlichen Kontext zermürben vor allem Menschen, die sich nach klaren Verhältnissen sehnen, wie sie scheinbar vor Corona herrschten.
Nahezu abstrus wird es, wenn aufgrund der Pandemie den Regierenden Verschwörungen unterstellt werden. Diese könnten stattfinden, wenn Gefahr dem herrschenden Gesellschaftssystem drohen würde, was durch Corona als Naturereignis nicht der Fall ist. Schließlich musste die bestimmende Regierungspolitik auch Federn lassen, z.B. durch das Aufgeben des ausgeglichenen Haushaltes (Schwarze Null) für die Dauer der Pandemie und die zu erwartende Diskussion über „Wer zahlt die Rechnung?“ Vor allem die CDU als Partei des sog. Mittelstandes mit vielen Selbständigen und Kleingewerbetreibende musste aufgrund der Schließung von Restaurants, Hotels, Dienstleistungsbetrieben und Läden gegenüber manchem ihrer Anhänger trotz staatlicher Unterstützung einschneidende Maßnahmen ergreifen, wodurch mehr als genug bürgerliche Existenzen gefährdet wurden. Zurecht kann man die Frage stellen: Cui bono? Wem würde eine solche Verschwörung nützen?
Völlig schräg wird es, wenn Vergleiche mit der Historie angestellt werden. Wenn Coronaleugner und Impfgegner sich als Verfolgte des Dritten Reiches darzustellen versuchen. Hier werden die Grundlagen und Maßstäbe für einen vernünftigen Diskurs aufgegeben. Wissen die Leute überhaupt, was die Verfolgung im Dritten Reich bedeutete? Die Vergleiche sind eine Verhöhnung der damaligen Opfer und eine lächerliche Stilisierung als Widerstandskämpfer für die demokratischen Rechte.
Dass der sog. Einsatz für das Grundgesetz und die Menschenrechte nur eine vorgeschobene Behauptung ist, zeigt sich an der Verunglimpfung und Bedrohung Andersdenkender auf der Straße und im Internet. Hier wird auf ganz böswillige Art und in einer Sprache, die menschenverachtend ist, meist anonym Amts- und Verantwortungsträgern massiv gedroht. Es wird bewusst die Ebene der demokratischen, fairen und respektvollen Auseinandersetzung verlassen.
Bekanntlich herrscht bei uns Meinungsfreiheit. Hier kann jeder sagen und schreiben was er will, so lange nicht die Rechte eines Dritten verletzt werden. Und dies ist ziemlich weit gefasst. Die eigene Meinung kundzutun, auch wenn es an die Grenze des Erlaubten stößt, ist jedem und jeder ihr gutes Recht. Nur in einer aufgeheizten Stimmung, wenn zum Widerstand gegen eine sog.Diktatur aufgerufen wird, ist die Grenze der Rechtsstaatlichkeit schnell erreicht. So kann sich der eine oder andere Wirrkopf ermächtigt fühlen, „die Sache in die eigene Hand zu nehmen“, sog.Widerstand zu leisten und Anschläge auf Personen des öffentlichen Lebens auszuführen. Dass dies gar nicht so weit hergeholt ist, beweist die Tatsache, dass Amokläufer und Attentäter vor der Tat im Internet psychisch und ideologisch aufgerüstet haben. Daher können Hetze und Hasspredigten sehr gefährliche Folgen haben.
Schließlich ist zu fragen, warum diese völlige Negierung der Pandemiegefahr, die totale Ablehnung der Regierungsmaßnahmen und schließlich das sich Hineinsteigern in Verschwörungslegenden und Hasstiraden? Woher kommt das? Wieso können zum großen Teil bis dahin angepasste Menschen, die bisher meist unauffällig ihrer Arbeits- und Freizeitbeschäftigung nachgingen und ihr soziales Umfeld hatten, auf einmal so „ausrasten?“
Aus verschiedenen Gesprächen mit Coronaskeptikern (außer Rechtspopulisten und -Extremisten) gelangte ich zu der Erkenntnis, dass abgesehen von verschiedenen persönlichen Eigenheiten doch Gemeinsamkeiten festgestellt werden können:
- eine ausgeprägte Individualität, die sich nicht gerne in gesellschaftliche Organisationen wie Parteien und Gewerkschaften einbringt, Freiheit bedeutet für sie vor allem persönliche und nicht politische Freiheit;
- staatliche Maßnahmen werden im allgemeinen danach beurteilt, ob sie der eigenen Person nützen oder ihren Handlungsspielraum einschränken, dann sind sie abzulehnen, auch wenn sie durch die gesellschaftliche Notwendigkeit gerechtfertigt sind;
- Zurückhaltung gegenüber einem ehrenamtlichen unbezahlten Engagement, jede Art von Arbeit sollte nach ihrer Auffassung auch vergütet werden;
- Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber sozial benachteiligten Personen sind unterentwickelt, die soziale Empathie gilt nur für Personen des unmittelbaren sozialen Umfeldes;
- Skepsis bis Ablehnung gegenüber der Schulmedizin, Beschäftigung mit und Anwendung von alternativen Heilmethoden, Hang zur Esoterik und Astrologie;
- gegenüber dem gesellschaftlichen Geschehen eine reservierte Haltung, Ereignisse werden eher über die elektronischen Medien konsumiert als versucht sich u.a. auf lokaler Ebene einzubringen;
- Unverständnis gegenüber einem langfristigen politischen Engagement (Bohren dicker Bretter), Politik wird mehr an der Erzeugung von Sensationsereignissen gemessen;
- eine sehr einseitige Informationsgewinnung, das Bemühen um eine ausgeglichene Meinungsbildung wird strikt abgelehnt, man will in den eigenen „Echokammern“ verbleiben, sich bestätigen lassen und andere versuchen zu missionieren;
- eine radikalisierte Ausdrucksweise, es wird nicht mit Verbalinjurien gegen Prominente aus Politik, Wirtschaft und Medien gespart.
Aufschlussreich ist eine Meinungsumfrage der Basler Universität vom Dezember 2020 unter Coronaleugnern. Danach ist unter ihnen mit 25% und damit mehr als doppelt so hoch wie im gesellschaftlichen Durchschnitt ein hoher Anteil an Selbständigen ebenso wie dem von Akademikern und Personen mit Fachhochschulabschluss. 60% von ihnen ordnen sich dem Mittelstand zu. Zu den Medien meinen 95% von ihnen, dass ihre Bewegung verzerrt wiedergegeben und damit abgewertet wird. 75% von ihnen gehen davon aus, dass Medien und Politik unter einer Decke stecken, was nach Meinung des Verfassers nur zum Teil stimmt. Ein hoher Anteil von 90% meint, dass man in Deutschland nicht mehr frei seine Meinung äußern kann, ohne Ärger zu bekommen (das trifft vor allem am Arbeitsplatz zu, d.Verf.). Ebenso klagen über 95 % von ihnen, dass sie vom Staat bevormundet werden. 80% meinen, dass die Coronainfektion nicht gefährlicher als eine schwere Grippe sei. Etwas überraschend ist eine verbreitete kritische Grundhaltung gegenüber dem Großkapital. 78% meinen, dass Banken und große Konzerne zu den Profiteuren der Coronakrise gehören. Außerdem meinen 55%, dass die Politiker von der Wirtschaft gekauft (s.Parteispenden und Lobbyunwesen, d.Verf.) sind. Und schließlich vertreten 80% die Meinung, dass die regierenden Parteien das Volk hintergehen. 95% sind überzeugt, dass die Coronamaßnahmen Freiheit und Demokratie bedrohen und sie sich im Widerstand gegen die sich abzeichnende Corona-Diktatur befinden. Der Basler Soziologe Nachtwey fasst die Ergebnisse der Studie zusammen: “Viele Teilnehmer an den Protesten sind eher antiautoritär und staatskritisch eingestellt, hängen alternativen Formen der Medizin an und stehen der industriellen Moderne kritisch gegenüber“ (Klefner/Meisner, Fehlender Mindestabstand, Freiburg i.Br. 2021, S.287-290).
Die Coronaleugner werfen der Mehrheitsgesellschaft vor, sie würde die Fakten nicht zur Kenntnis nehmen, treu die Anweisungen der Regierung ausführen und sich wie die Lämmer zur Schlachtbank führen lassen. Entweder ist die Mehrheit zu devot oder sie haben sich nicht ausreichend mit den Fakten befasst. Wenn sie aufwachen werden, ist es wahrscheinlich bereits zu spät, frei nach dem Motto: wer mit Notstandsmaßnahmen ins Bett geht, wacht in einer Diktatur auf. Sie, die Coronaleugner und Queerdenker, werden es schon zu verhindern wissen.
Diese mentalen Einstellungen, das realitätsferne und illusionäre Verständnis von Politik und damit verbunden zahlreiche Enttäuschungen über das politische Geschehen hat seine Ursachen in den verschiedenen Facetten unseres gesellschaftlichen Daseins, die ich im Kapitel A „Ursachen des falschen Bewusstseins“ näher ergründen werde. Im Kapitel B „Philosophie der Praxis“ mache ich den Leser/die Leserin mit methodischen Grundlagen zur Bewusstmachung unseres Lebens, der Gesellschaft und der Umwelt vertraut. Im Kapitel D “Schritte zu neuer Erkenntnis“ versuche ich anhand der gewonnenen Methoden Schritte zur Überwindung des falschen Bewusstseins zu entwickeln. Dabei ist das Coronaleugnungsphänomen ein aktuelles und sehr gutes Beispiel für falsches Bewusstsein. Dieses lässt sich jedoch auch an anderen Ereignissen und Entwicklungen festmachen. Deshalb werde ich in den folgenden Kapiteln mich nicht nur an Corona orientieren sondern es inhaltlich verallgemeinern.
A. Ursachen des falschen Bewusstseins
1. Evolutionäre Elemente des Menschseins
1.1. Angst
In der Frühgeschichte der Menschheit erfüllte die Angst für den Menschen eine wichtige Schutzfunktion in einer ihm feindlich gesonnenen Umgebung. Sie schärfte seine Sinne, hielt seine Körperkraft in Spannung und erhöhte somit seine Überlebenschance. In Gefahrensituationen musste das Gehirn, dem die Außenreize über die Sinnesorgane übermittelt wurden, augenblicklich entscheiden, ob der betreffende Mensch fliehen oder kämpfen sollte. Maßgebend für das lebenssichernde Verhalten war die wahrheitsgetreue Widerspiegelung der objektiven Realität, ergänzt durch die aufgrund von Wissen und Erfahrung gewonnenen richtigen Erkenntnis, die zur lebensrettenden Entscheidung führte und somit seine Überlebenschancen erhöhte. In Konfrontation mit einem wilden Tier mit größerer Schnelligkeit war es, wenn kein Baum in der Nähe stand, sinnlos zu fliehen. Wenn auch kein Versteck vorhanden war, musste er mit seinen Waffen um sein Leben kämpfen. Natürlich hing die Entscheidung zu kämpfen oder zu fliehen von der psychischen Verfassung ab, ob derjenige eher ein Kampfes- oder eher ein Fluchttyp war. Auf die psychische Konstitution wirken viele persönliche Erfahrungen und Entwicklungen des Menschen ein.
Wenn Ängste durch Wahrnehmungen, die nicht der objektiven Realität entsprechen, hervorgerufen werden, kommt es folglich zu Störungen, die sich in Unsicherheiten, Zwänge, allgemeine Furcht, Phobien, Paniken bis hin zu Psychosen äußern können (Wikipedia, Angst). So können heutzutage Schul-, Höhen-, Herz-,Terror-, Abstiegs-, Bindungs-, Inflationsängste usw. entwickelt werden. Da viele Menschen Angst vor den Folgen haben, können sie sich oft schwer entscheiden und blockieren sich daher selbst. Weiterhin sind Einschränkungen im täglichen Handeln möglich, wenn Menschen sich vor der Entdeckung eines vergangenen Fehlverhaltens fürchten (Bude, Gesellschaft der Angst, S.11). Schließlich ist auch die Angst vor der Angst möglich. d.h. ich habe Angst davor, dass mich bestimmte Angstzustände quasi überfallen und ich ihnen ausgeliefert bin.
Eine intensiv erlebte Angst entsteht für das Neugeborene beim Geburtsvorgang. Er wird aus dem geschützten Raum des Mutterleibs und aus dem Zustand der Versorgung herausgepresst und den Gefahren des Lebens ausgesetzt. Da das Neugeborene völlig hilflos und allein lebensunfähig ist, ist die schrittweise Erkundung seiner Umgebung stets mit Angst verbunden. Diese kann ihm nur die Mutter in ihrer innigen Verbindung zum Kind nehmen. Für sein späteres Leben ist es von immenser Bedeutung, wie die Mutter mit ihrem Kind umgeht und ihm ein Urvertrauen vermitteln kann.
Hier entsteht die Grundlage, ob der spätere Erwachsene selbstbewusst oder ängstlich sein Leben bewältigt. Die Erziehungskunst der Eltern und in den ersten Jahren besonders der Mutter besteht in der liebevollen Verbindung zum Kind und in dessen schrittweisen Entlassung in die Selbständigkeit des Jugend- und Erwachsenenalters. Fromm schreibt hierzu: „Die Mutterliebe beginnt mit dem Einssein und führt zum Getrenntsein. Die erotische Liebe (mit dem späteren Lebenspartner, d.Verf.) beginnt mit dem Getrenntsein und endet im Einssein“ (Fromm, Wege aus einer kranken Gesellschaft, S.36). Das Loslassenmüssen des Sohnes oder der Tochter ist mit Verzicht auf das geliebte Kind verbunden und führt besonders bei Müttern zu Verlustängsten.
Lt. Apotheken-Umschau vom 6.12.17 ist bei Angststörungen das Angstzentrum im Gehirn überaktiv. Dies kann von verschiedenen Faktoren abhängen. Sie können durch familiäre Veranlagung übernommen, durch frühkindliche Erfahrung geprägt, durch traumatische Erlebnisse oder Persönlichkeitsstörungen hervorgerufen worden sein. In bestimmten Gehirnbereichen liegt oft eine erhöhte Reaktionsbereitschaft auf verschiedene Reize wie Stressfaktoren vor. Bei den Nervenbotenstoffen kommt es dann zu Ungleichgewichten.
Da wir seit 76 Jahren in Mitteleuropa zwar in einem oft spannungsgeladenen Zustand aber dennoch in Frieden leben, sind wir gegenüber früheren Generationen nicht mit deren Ängsten um sich und ihren Nächsten belastet. Diese Kriegsängste waren existentiell und betrafen nahezu alle Bevölkerungsschichten. Eigentlich ist die 76-jährige Friedenszeit eine gute Voraussetzung, um angstfrei in einer liberalen und sozialen Gesellschaft leben zu können. Dass dem nicht so ist, belegen folgende Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) vom Oktober 2020:
„In Deutschland sind jedes Jahr etwa 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung psychisch erkrankt. Das entspricht rund 17,8 Millionen betroffene Personen, von denen pro Jahr nur 18,9 % Kontakt zu Leistungsanbietern aufnehmen. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen Angststörungen (15,4 %), gefolgt von affektiven Störungen (9,8 %), unipolare Depression allein 8,2 % und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum (5,7 %). Psychische Erkrankungen zählen in Deutschland nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Neubildungen und muskuloskelettalen Erkrankungen zu den vier wichtigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben zudem im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine um 10 Jahre verringerte Lebenserwartung. 2019 nahmen sich in Deutschland etwa 9000 Menschen das Leben. Zwischen 50 % und 90 % der Suizide lassen sich auf eine psychische Erkrankung zurückführen“ (dgppn, Basisdaten psychische Erkrankungen, August 2021).
Uns interessieren an dieser Stelle nicht die individuellen Ängste, wie die Angst vor Mäusen, vor dem Fliegen usw. sondern die allgemeinen auf die Gesellschaft bezogenen sozialen Ängste, die die richtige Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität beeinträchtigen. Man kann davon ausgehen, dass die mildere Form der Sorgen, aber auch Ängste um den Arbeitsplatz und die Karriere, die finanzielle Situation, die Familie und hier besonders die Kinder sowie die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung zwar unterschiedlich beim Einzelnen ausgeprägt, jedoch für die meisten von ihnen mäßig bis sehr belastend sind. Die unter Angstsymptomen wie schlaflose Nächte leiden, suchen oft keinen Arzt auf, nehmen u.a. symptomhemmende Medikamente und versuchen so gut wie möglich ihr Leben zu bewältigen. Allerdings wird von vielen angstgeplagten Menschen versucht, ihre Angstzustände durch den Missbrauch von Alkohol und Psychopharmaka zu verdrängen.
Die Dunkelziffer der unter sozialer Angst Leidenden dürfte daher um ein Vielfaches höher sein wie der von der DGPPN angegebene Wert von 15,4% bei allen Angststörungen. Was trägt die Gesellschaft zu den sozialen Ängsten bei?
Wir leben in einer Zeit des Neoliberalismus. Über dessen Entstehung, Ideologie und gesellschaftlichen Bedeutung habe ich mich bereits in meinen Büchern „Revolution gestern und morgen“ im 3.Exkurs S.202-205 und im Buch „Was ist zu tun?“ im Kapitel 2.6 „Singuläre Aktivitäten“ ab Seite 358 eingehend beschäftigt.
Nach Mausfeld trägt in kapitalistischen Demokratien der Zwang zur Lohnarbeit für den größten Teil der erwachsenen Bevölkerung zur Erzeugung gesellschaftlicher Angst bei. Nach ihm ist Arbeit im Kapitalismus ohne Angst undenkbar (Mausfeld, Angst und Macht, S.25).
Der Neoliberalismus erhebt den Anspruch, den ganzen Menschen zur Ware umzugestalten, sozusagen einen neuen Menschen aus ihm zu machen. Aus einem abhängig Beschäftigten, der nichts als seine Arbeitskraft zu verkaufen hat, soll sich ein „unternehmerisches Selbst“ entwickeln, das stets darauf bedacht ist, seine Arbeitskraft zu optimieren und gewinnbringend für sich und den Käufer seiner Arbeitskraft einzusetzen (Mausfeld, S.81). Da der Beschäftigte „der Unternehmer seiner selbst“ ist, steht er mit anderen Arbeitskräften in ständiger Konkurrenz um die besser bezahlten Arbeitsplätze. Zu bedenken ist dabei, dass es für einen begehrten Arbeitsplatz stets mehrere Bewerber gibt. Nur einer kann jedoch der glückliche Arbeitsplatzgewinner sein, dafür bleiben viele frustrierte Verlierer zurück. Daher stimmt es einfach nicht, dass bei intensiver Anstrengung der Erfolg sich schon einstellt. Es gibt keine Garantie darauf. Die Zahl der Verlierer ist stets höher als die Zahl der Gewinner. Die vermeintliche „Glücksideologie“ des Neoliberalismus steht im schroffen Gegensatz zu bisherigen Erfahrungen der Arbeiterbewegung, die durch Zusammenschluss in Gewerkschaften und deren solidarischer Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne ihre Ziele gegenüber den Kapital-Unternehmern notfalls im Arbeitskampf teilweise durchsetzen konnten.
Die Selbstoptimierung des Beschäftigten und auch des Arbeitsuchenden verlangt eine stetige Vervollkommnung seiner Arbeitskenntnisse und Erfahrungen, hohen Arbeitseinsatz, ein gepflegtes Äußeres und gesunde Lebensweise, ein freundlicher Umgang mit Kunden, andererseits ein egoistisches und wenn notwendig rücksichtsloses Verhalten gegenüber Kollegen und Kolleginnen. Als Arbeitskraft-Unternehmer muss ihm geläufig sein, dass auch durch seinen Arbeitseinsatz der Gedeih des Beschäftigungs-Unternehmens abhängt und er dadurch zur Sicherung seines Arbeitsplatzes beiträgt.
Dieses verinnerlichte ökonomische Denken und die daraus folgende Vereinzelung des Beschäftigten führt zu einer starken psychischen Belastung. Als soziales Wesen ist der Mensch gerade auch am Arbeitsplatz auf einen kollegialen und empathischen Umgang in der Kollegenschaft angewiesen. Den Kollegen oder die Kollegin nicht als Mitbetroffene des Arbeitsregimes sondern ständig als Konkurrent*in um die bestmögliche Arbeitsstellung und Bezahlung anzusehen, strengt unverhältnismäßig stark an.
Gerade unter den höheren Beschäftigten wie leitende Angestellte bis zur Geschäftsführung und Vorstandsebene herrscht ein großer Konkurrenzdruck. Hier ist der Kampf um die Pfründe besonders unerbittlich. Wer auf der Karriereleiter emporkommen will, muss sich ständig selbst optimieren und darf auf Mitbewerber keine Rücksicht nehmen. Empathie oder Mitgefühl sind fehl am Platze. Natürlich wird von der Unternehmensleitung auf einen höflichen und korrekten Umgang Wert gelegt, aber dies ist nur Fassade, hinter der sich oft die niedrigsten Instinkte verbergen. Die Rücksichtslosigkeit gegenüber Gleichgestellten und der hohe Leistungsanspruch gegenüber den Untergebenen ist natürlich gepaart mit Wohlverhalten gegenüber den Vorgesetzten und deren gewinnenden Vereinnahmung. Im Berufsalltag werden Fremdzwänge in Eigenzwänge umgedeutet und Selbstausbeutung wird auf paradoxer Weise mit dem Gefühl der Freiheit verbunden (Mausfeld, S.82).
Um als ein besonders erfolgreicher Manager aufzufallen, muss man auch gewisse Risiken eingehen, die sich am Rande der Legalität und oft schon darüber hinaus befinden. Gerade in letzter Zeit ist so mancher hochgelobte Manager über seine illegalen Praktiken gestolpert und nach deren Aufdeckung tief gefallen. Dabei hat er durch sein Vabanquespiel dem Unternehmen einen großen Schaden zugefügt (VW, Wirecard usw.).
Natürlich wird die erfolgreiche Anpassung an das Unternehmenscredo und dem neoliberalen Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“ mit einer hohen Vergütung honoriert. Jedoch die errungene Stellung zu halten oder vielleicht noch weiter aufzusteigen erzeugt bei den unterlegenen Mitbewerbern Neid- und Rachegefühle. Auch die jüngeren, möglicherweise leistungsstärkeren und mit „viel Biss“ versehenen Aufstiegswilligen können die erreichte Position gefährden. Daher darf man sich keine großen Fehler erlauben und nicht in die Abseitsposition geraten. Diese Befürchtungen führen zu Angstgefühlen um die soziale Stellung, an der auch das Familienleben, der hohe Lebensstandard und das soziale Umfeld teilhaben. Die Angst um den Statusverlust kann besonders bei älteren Führungskräften zu manch schlafloser Nacht, erhöhten Alkoholkonsum oder Medikamentenmissbrauch führen, was wiederum zu Spannungen in der Familie beiträgt. Ist man erst in diesem Statusdenken gefangen, gibt es oft keinen Ausweg als im Beruf sich bis zur völligen Erschöpfung einzubringen. Den Arbeitsplatz zu wechseln kann zwar für ältere Führungskräfte verlockend, aber mit noch nicht absehbaren Risiken verbunden sein.
Psychische Belastungen erleben auch Beschäftigte im unteren Segment des Arbeitsmarktes. Zu den Niedriglöhnern veröffentlichte das Statistische Bundesamt im Oktober 2020 für 2018 folgende Zahlen:
„ Im April 2018 lag die Niedriglohngrenze bei einem Bruttoverdienst von 11,05 Euro pro Stunde. Niedrigere Stundenverdienste wurden als Niedriglohn eingestuft. 2018 wurden 21,1 % der Beschäftigungsverhältnisse mit Niedriglohn entlohnt. Damit wurde jeder fünfte Job mit weniger als 11,05 Euro brutto pro Stunde vergütet. Viel weiter verbreitet als im früheren Bundesgebiet waren Niedriglöhne in den neuen Ländern, wo 29,1 % der Jobs einen Niedriglohn bekamen, im früheren Bundesgebiet waren es 20,0%“. Weiterhin teilte das Statistische Bundesamt mit, dass die niedrig entlohnten Jobs sich gegenüber 2014 um 393.00 erhöht haben.
Die Niedriglohnjobs befinden sich vor allem im Dienstleistungsbereich wie Gebäudereinigung, Paketzustellung, Sicherheitsbereich, Pflege, Gastronomie, in Friseursalons und Billigläden, wo 15% aller Beschäftigten tätig sind (Bude S.84). Es sind durchweg körperlich anstrengende Tätigkeiten, oft wahre „Knochenjobs“, die von den Beschäftigten mit einer ebenfalls hohen Vorgabe an Arbeitsqualität ausgeführt werden müssen. Die Leistungsanforderungen sind so hoch angesetzt und die relativ geringe Bezahlung hängt von der Erfüllung der Arbeitsvorgaben ab, dass die Beschäftigten oft nur mit viel Schweiß den vertraglich zugesagten Lohn erreichen. Leider hält der Körper diese Arbeitsbelastung nicht lange aus. Nach 10 Jahren Dienstleistungs-„Maloche“ gehört man schon zum alten Eisen und kann mit dem Arbeitstempo der Jüngeren oft nicht mithalten. Die Dienstleistungsjobs können jedoch im Vergleich zu den Industriearbeitsplätzen kaum robotisiert und somit wegrationalisiert werden. Im Gegenteil, so wurden z.B. durch die starke Zunahme von Internetbestellungen die Paketzustellung stark ausgeweitet.
Besonders die prekären Beschäftigungen finden sich im Niedriglohnbereich. Es sind Tätigkeiten mit Befristung, Minijobs, Leiharbeit oder ähnlichem. Durch ihren unsicheren Arbeitsstatus, ihren häufigen Wechsel zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit befinden sich die „Prekären“ neben einem eingeschränkten Lebensstandard in der Ungewissheit über die Aussichten der näheren Zukunft. Wenn man noch eine Familie zu versorgen hat, so ist bei diesen geringen Einkommen die Haushaltskasse stets angespannt und oft heißt es: Warum ist am Ende vom Geld noch so viel Monat übrig? Und wenn die Miete sowie die Energiekosten einen großen Teil des Einkommens wegfressen, bleibt kaum Geld übrig, um sich etwas Besonderes zu gönnen oder um Rücklagen für Unvorhergesehenes anzusparen. Das sich Ständig-einschränken-müssen führt bei den Konsumerwartungen der Kinder aber auch der Eltern zu häufigen Familienkonflikten. Oft bleibt nichts anderes übrig als in einem Zweitjob oder durch Hinzuverdienst des Ehepartners die Haushaltskasse aufzufüllen. Die zusätzliche Arbeit trägt natürlich zu einer weiteren Belastung bei. Mausfeld fasst die Lebensumstände des Prekariats wie folgt zusammen: „Mangel an Ansehen, Mangel an Sicherheit, Mangel an gesicherten Gütern und stabilen Beziehungen“ (Mausfeld S.79).
Ob es die körperliche Arbeitsbelastung, der unsichere Job, das unzureichende Einkommen, die dauernden Auseinandersetzungen in der Familie um das „liebe“ Geld und die geringen Aussichten auf Verbesserung der sozialen Situation sind, es erzeugt Verdruss über die eigene Lage, Wut auf die politischen „Sonntagsredner, die bei einem hohen Status und mit gutem Einkommen schöne Worte über die Gesellschaft und ihren sozialen Kitt von sich geben. Die haben sowieso keine Ahnung, wie es sich da unten lebt“. Und dann noch die Angst, ob man dies alles bewältigen und seinen Elternpflichten nachkommen kann. Arbeitslosigkeit und Hartz IV bedeuten gerade für Familienväter in Gesetzesform gegossene Demütigungen.
Nach Bude handelt es „sich eben nicht um die Angst, als Gruppe oder Kollektiv gedemütigt oder vergessen zu werden, sondern als Einzelne auszurutschen, das Gleichgewicht zu verlieren und im freien Fall ohne den Schirm eines haltenden Milieus oder einer traditionellen 'Verliererkultur' abzustürzen und im sozialen Nichts zu verschwinden“ (Bude, S.21).
Erschwerend kommt noch hinzu, dass durch die neoliberale Beeinflussung jedem Individuum die Verantwortung für den beruflichen Erfolg bzw. Misserfolg zugeschoben wird. Beim beruflichen Scheitern hat man sich eben nicht genügend angestrengt. Dass der Verlust des Arbeitsplatzes jedoch in den meisten Fällen nichts mit der Leistungskraft des Beschäftigten zu tun hat, sondern durch unternehmerische Entscheidungen, wie Einsparungen, Rationalisierungen, Produktionseinschränkungen, Betriebsverkäufe oder Stilllegungen bedingt sind, auf die die Arbeitsleistung des einzelnen Beschäftigten kaum einen Einfluss hat.
Heitmeyer hat in der Bewältigung der sozialen Diskrepanzen eine „rauhe Bürgerlichkeit“ entdeckt, „die sich bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit,Verwertbarkeit und Effizienz orientiert und somit Gleichwertigkeit von Menschen sowie ihre psychische wie physische Integrität antastbar macht und zugleich einen Klassenkampf von oben inszeniert. Teile des Bürgertums haben die Solidarität mit 'denen da unten' aufgekündigt und pflegen einen eisigen Ton der Verachtung gegen Hartz IV-Empfänger und Langzeitarbeitslose, die als 'Nutzlose' und 'Ineffiziente' diskriminiert werden“ (Mausfeld, S.93-94).
Die Erzeugung von Angst ist nach Mausfeld ein wichtiges Machtinstrument der Herrschenden. Er schreibt: „Macht löst bei den ihr Unterworfenen häufig Gefühle aus, von der Macht überwältigt und ihr gegenüber ohnmächtig zu sein. Macht erzeugt also Angst. Da Angst wiederum Macht über die Geängstigten ausübt, haben diejenigen, die es verstehen, Angst zu erzeugen, eine sehr wirkungsvolle Methode, auf diese Weise ihre Macht zu stabilisieren und zu erweitern. Angsterzeugung ist ein Herrschaftsinstrument, und Techniken zum Erzeugen von gesellschaftlicher Angst gehören zum Handwerkszeug der Macht“ (Mausfeld, S.14).
Wer in prekären Verhältnissen lebt und sich täglich für sich und seine Familie abrackern muss, für den sind die gesellschaftlichen und Weltprobleme wie die bedrohte Ökologie, die Kriegsgefahr und die Einschränkung von Freiheitsrechten durch die Digitalisierung so unkonkret und weit weg, dass überhaupt keine Sensibilisierung für die Menschheitsgefahren entsteht. Die eigene problematische Situation steht eindeutig im Vordergrund, darüber hinaus fehlt die Kraft und die Ausdauer, sich einzubringen. Nur wenn Ausländer als Konkurrenten um Arbeitsplätze und Wohnungen hinzukommen und sich der Ausländeranteil in den Schulen auf den Schulbesuch der Kinder negativ auswirkt, dann kann er oder sie schon einmal ausrasten.
Mausfeld stellt zum Problem der politischen Passivität fest: „ Armut ist zugleich ein von den Nutznießern dieser Umverteilung (von unten nach oben, d.Verf.) erwünschter Effekt. Denn sie verhindert Partizipation, erzeugt Lethargie und diszipliniert gerade diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die eigentlich das größte Interesse an einer Änderung haben sollten. Armut und Armutsängste sind
