11,99 €
'Linoleum-Thais' und 'Kuckucksuhren-Osteuropäer', Iraner mit Rolex und Kubaner mit Kapuzenshirt – Marko Martin reist um die Welt, flaniert durch Berlin und lässt sich mitnehmen, aufpicken, abschleppen. Der Blick in die Wohnungen, in die Schlafzimmer fremder Länder fördert manche Wahrheit zutage, die sexuellen Gewohnheiten, Lebenslügen und Sehnsüchte seiner Dates erst recht: 'Aber wovon sie alle schwärmen, alle, ist Tel Aviv. Stell dir vor, ausgerechnet das verbotene, ihnen unzugängliche Tel Aviv, der Traum von nackten Israeli-Soldaten.' Wenn der Weg zum Kennenlernen auch erst einmal durchs Bett führt, taugt diese geballte Ladung internationaler Affären kaum als Porno, denn seine Geschichten sind umrankt und durchdrungen von vielfältigen literarischen Inspirationen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2016
Marko Martin, Schriftsteller und Weltreisender aus Passion, glaubt nicht an das jüngste Gerücht, alles sei heute nur digital und virtuell. Eine Nacht in Guatemala-City, ein Morgen in Lissabon, der via Angola nach Schwaben führt; ein Club in Vientiane, dessen Tür plötzlich von innen verschlossen wird: Raum für Geständnisse, Geschichten und ein Geschehen, das nicht in Reiseführern zu finden ist. Die jungen Männer, die dem Autor auf seinen Streifzügen durch die Kontinente begegnen, sind zweifelsfrei real, und die Geschichten, die sie ihm schenken, lassen gar eine Art Utopie aufscheinen: Erfahrungen sind vermittelbar, physische Lust und die reflektierte Freude am Erzählen sind stärker als Tabus und Pressionen. Ob in Bombay, Istanbul oder Tel Aviv, in Madrid, Berlin oder San José - es gibt sehr wohl noch Abenteuer zu erleben in dieser Welt. Marko Martin, ironischer Sprachspieler und skrupulöser Intellektueller zugleich, hat ein mutwilliges Vergnügen daran, ihr literarischer Chronist zu sein.
Marko Martin, geb. 1970, verließ im Mai 1989 die DDR und lebt, sofern nicht auf Reisen, als Schriftsteller in Berlin. Als Autor bekannt wurde er durch seinen Roman «Der Prinz von Berlin». Seine Erzählbände «Schlafende Hunde» und «Die Nacht von San Salvador» erschienen in der Anderen Bibliothek. Es folgten «Treffpunkt 89», «Madiba-Days» und zuletzt die Liebeserklärung «Tel Aviv. Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt».
Marko Martin
Umsteigen in Babylon
Erzählungen
Männerschwarm Verlag
Hamburg 2016
Pour H. – comme d’habitude
Sie müssen begreifen, dass das eigentliche Vergnügen des Körpers, wenn man es in seiner Stummheit belässt, auf ärgerliche Weise gleichförmig ist. Und Sie müssen wissen, mein Freund, nur ein in diesen Szenen ausgesprochenes Wort besitzt die Kraft, jene in einem solchen Licht erscheinen zu lassen, dass sie unvergesslich bleiben.
Milan Kundera, Das Buch der lächerlichen Liebe
In den Büchern der klugen alten Meister ist davon die Rede – auffindbar in versteckten Antiquariaten, geführt von kurzsichtigen Alten mit gichtigen Händen –, in den Autobiografien längst oder kürzlich Dahingegangener. Wohin gegangen?
Immerhin waren sie sich über das Woher im Klaren gewesen – oder gaben zumindest glaubhaft vor, es zu sein. Kleinbürger, Großbürger, Gymnasiasten, enthusiastische Entdecker väterlicher Bücherschränke oder staubiger Leihbibliotheken. Wir entdeckten die Stadt, den Sex, den Alkohol, die Freundschaft. Oh Octavio Paz! Oh Neruda, Moravia, Carpentier und Milo Dor! Oh Vargas Llosa! Ja, ein von jeglicher falscher und bemühter Ironie befreites, offenen Auges staunendes Oh all den Großen, die in höheren Jahren, nun selbst in ihren Bibliotheken sitzend oder jungen Journalisten bevorzugt weiblichen Geschlechts Auskunft gebend, des Surrealismus nicht vergaßen. (Oh Breton und Eluard, oh Nadia und Elsa!) Eine vielfältige Gier: das Leben und die Bücher, die Straße und die Studierstube, die Bars und die Einsamkeit in der Menge der Kinobesucher. Zeit der Schwarzweißfilme, Hotel du Nord, Zeit der Jugend. Erste Frauen, erste Zigaretten, Gedichte, und den Mantelkragen hochgeschlagen. Und sie waren sechzehn, höchstens zwanzig.
Oder aber: Diese schlaksigen Jugendlichen, derer Du manchmal in der U-Bahn oder auf Parkbänken ansichtig wirst: nachlässig rasiert, die Brillengläser verschmiert, in den verschwitzten Händen die Secondhand-Paperbacks von Jack Kerouac. Und dazwischen mitunter einer der ganz Schlauen, ganz Schwierigen, ganz Ausgebufften oder schlichtweg auch nur absolut Vereinsamten, vertieft in die Poeme von Ginsberg, Gary Snyder oder die Verse des frühen Wondratschek. Oh Chuck, oh Carmen! Du aber, Schreiber dieser Zeilen, Ende dreißig / Anfang vierzig, und noch immer Gast in heruntergekommenen Hotels, deren materialisierte, in Maßen jüngere Sternchen Du wie einst als Jüngling mit Herzklopfen erwartest, wenn sie die Klinke einer Sperrholztür drücken, was ist mit Dir?
Warum diese Absteigen in Mexico-City Madras Santiago Vientiane oder Alicante? Fusseliger Teppich, Zigarettenlöcher in Fenstervorhang und Bettdecke, mitunter eine Kakerlake im Bad, furchterregend flüchtige Hieroglyphe auf schlierigen Kacheln. Unter dem schmalen Balkon ein Ausschnitt vom Meer oder auch nur der Blick auf eine Seitenstraße, nach Sonnenuntergang unter verdächtigem Neongeflacker belebt – und Du, Du mit um die Hüfte geschlungenem Badetuch, Zigarettenrauch in die Luft blasend, kryptische Kringel als Fortsetzung Deines seltsamen Lächelns? Welche Begründung also für diese Art Existenz, für Paz und Wondratschek – ja ebendiese ! –, weiterhin auf Deinem Nachttisch, gleich neben den Präservativen, und auf dem Bettlaken noch immer der Abdruck eines zweiten oder dritten Körpers? In Deinem Alter, Mann, und statt Triumph, Scham oder gar der befremdenden Passivität Pasolini’scher Vorstadtwiesen-Dankbarkeit nichts weiter als diese Deine frohgemute, skeptische Verwunderung. Sie aber kamen vom Surrealismus und gingen in ihre Bücher.
Ist es also vielleicht doch ein wenig Neid, gar eine versteckte Trauer? Aber nein, Du siehst dich höchstens um und hörst Dich antworten – Si, amigo, si –, Berührungen empfangend und gebend, schwitzend und in Maßen keuchend, doch weder Geld noch Manuskripte, noch Erfahrungen wechseln ihre Besitzer, und das Einzige, was Du in diesen Nächten, wenn das orange Laternenlicht von draußen und das Rattern der Klimaanlage alles ins Tropische verklären, was Du in solch verlotterten Stunden vermisst, ist lediglich die Kompaktheit einer Metapher, eines einzigen Satzes für all das. Oder etwa doch nicht, mein Freund? Weshalb nämlich schwelgt Deine Begründung, Dein Eingeständnis, Deine halbe Konkurserklärung dann derart in Details? Und weshalb noch immer dieses impertinente Grinsen, unangemessen einem Alter, in welchem andere bereits Väter sind, wissende Erzeuger von Söhnen, Töchtern und anderen bleibenden Memoiren.
Die Hemden, die T-Shirts und die Adidas-Schuhe, Babak, die ganzen Klamotten.
Blaue Jogginghose, selbstverständlich irgendein Markenname, und dazu das weiße Muskelshirt: der erste Eindruck im Dämmer des Clubs, an der Bar hinter der Tanzfläche. Danach die erste Nacht, zusammen verbracht. Und am nächsten Abend jenes bis zur Mitte seiner dunkel behaarten Unterarme hochgekrempelte Hemd. Natürlich auch die Jeans. Pierre Cardin, du erinnerst dich. Sind wir etwa Dritte Welt? Die perfekte Dopplung, mein Freund. Das Wagenfenster bis zum Anschlag heruntergedreht, Musik im Autoradio, Ellenbogen im Fensterrahmen. Die Rolex an der linken Hand, die das Steuer hält. Herumfahren in der Stadt, Herumsuchen, ab und zu ein scheues, ein werbendes Lächeln in meine Richtung: Siehst du? An den Kreuzungen – träge trieft der vom Rot der Ampel gefleckte Regen auf den schadhaften Asphalt, versinken die Häuschen in der Zona Una in zusätzlicher Dunkelheit – schnell die Scheiben hochgedreht, und ich frage, vielleicht ein bisschen benebelt von all den geleerten Cervezas zuvor: «Wegen der Basidsch?» Logisch, ich höre dein Lachen.
Natürlich versteht Lucas nichts. Sieht mich von der Seite an, kneift die Augen zu und reißt sie wieder auf, beugt sich dann auf seinem Sitz ein wenig nach vorn, schaut nach oben auf den Wechsel von Gelb zu Grün und startet, ein winziges Schlingern der Reifen auf regennasser Straße.
«Was sagst du?»
«Wegen der Revolutionswächter, der Basidsch. In der Unterstadt rekrutierte Schlägertruppen des Regimes, die Jagd machen auf Frauen ohne Schleier, auf händchenhaltende Paare, auf Leute, die im Auto Musik hören …»
«Und wo soll das sein?»
Ich sag’s ihm, und er schaut mich an, als hätte ich Mars gesagt; die Welt ist zu groß. Babak, hörst du: Wo soll das sein?
Lucas schüttelt den Kopf, ein wenig ungläubig. «Nicht deswegen. Ich möchte nur nicht beklaut werden, keine kalte Knarre vor meinen Augen haben. Nicht heute Abend und vor allem nicht hier.»
Erneut waren wir unterwegs in Zone 1 der Hauptstadt. Schäbige, verfallene Palacios, Eisenjalousien, Rollgitter, übereinandergenagelte, morsche Bretter anstelle von Ladentüren, bröckelnde Balustraden, flügellahme, zu Fratzen entstellte Engel und Putten über Portalen, schiefe Dachtraufen neben winzigen, menschenleeren Balkonen, Regenfäden-Schicksalsfäden im Zentrum der Macht. Plaza Mayor, Kathedrale, Bischofssitz, und der Präsidentenpalast genau wie in Asturias’ Roman ein dunkelgraues Steinmonster mit barocker Lügenfassade. Klapp-klapp der Soldatenstiefel davor und das auf die Gewehre aufgepflanzte Bajonett nicht etwa mit blitzender, sondern enttäuschend stumpfer Spitze senkrecht über den Epauletten.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
