17,99 €
Ovid Preis 2025 Shortlist Kurt-Tucholsky-Literaturpreis 2023 2019/2020. Zwischen den Jahren kehrt Marko Martin, diesmal mit seinem Partner, nach Hongkong zurück. Sie ahnen nicht, dass sie Zeugen historischer Ereignisse werden sollen. Die letzten Proteste der Demokratiebewegung, gefolgt von einer Welle von Verhaftungen, dazu die Nachricht von einem neuartigen Virus: Sars-Cov-2. Der Anfang vom Ende des freien Hongkong. Marko Martin hat die »Sonderzone« oft besucht und sie als Insel der Freiheit kennengelernt. Zusammen mit seinem Partner streift Martin nun erneut durch die faszinierende Stadt. Doch die Angst vor neuen Repressionen gegen die Demokratiebewegung ist spürbar, egal ob bei Museumsangestellten oder im hedonistischen Nachtleben. Als sie am 1. Januar 2020 an der Demonstration für den Erhalt der Bürgerrechte teilnehmen, ahnen sie ebenso wenig wie der prominente Aktivist Joshua Wong, dass es vorerst die letzte sein wird. »Die letzten Tage von Hongkong« sind persönliches Journal und Hommage an diese einzigartige Stadt, ihre Bewohner, ihre Filme und die Welt, von der sie erzählen. Kann womöglich das Erinnern die Ignoranz der Macht überlisten und das Erzählen die freie Stadt fortleben lassen? »Marko Martin hat eine bewundernswerte Gabe, die Dinge zu sehen; durch seine Augen werden die Dissidenten in Hongkong als Menschen erkennbar, Menschen mit einer ungewissen Zukunft.« Mario Vargas Llosa »Marko Martins Herz schlägt für die Verbotenen und die Verfolgten.« Alexander Cammann, Die Zeit »Marko Martin ist nicht nur ein bemerkenswerter Autor, er ist ein wahrer Humanist. Was er schreibt, muss man gelesen haben.« Anne Applebaum, Pulitzer-Prize-Trägerin
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2021
Marko Martin
Die letzten Tage von Hongkong
Tropen
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Tropen
www.tropen.de
© 2021 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Cover: Zero-Media.net, München
unter Verwendung zweier Abbildungen von © Gettyimages/Westend61 (Mann) und © plainpicture/Magnum, the plainpicture edit/Pablo Pellegrin (Skyline)
Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-608-50523-8
E-Book ISBN 978-3-608-11680-9
Juli 2020, Peñas Blancas, Grenzübergang Costa Rica-Nicaragua
28. Dezember 2019, Hongkong
29. Dezember 2019
30. Dezember 2019
31. Dezember 2019
Neujahr 2020
2. Januar 2020
3. Januar 2020
4. Januar 2020
5. Januar 2020
6. Januar 2020
7. Januar 2020
21. August 2020, Prag
Autoreninfo
Hongkong ist die einzige chinesische Gesellschaft, die für die kurze Spanne von hundert Jahren ein Ideal durchlebte, das in der chinesischen Gesellschaft nie verwirklicht worden war: In dieser Zeit brauchte sich niemand vor dem mitternächtlichen Klopfen an der Tür zu fürchten.
Tsang Ki-fan, chinesischer Journalist, 1988
Nein, diese Stadt, in der hundert Blumen verblühen, / kann es nicht geben. Das ist ein Hirngespinst, / eine Halluzination ist es, eine Fälschung, / eine Science-Fiction-Oper, ein wackliges Wunder.
Hans Magnus Enzensberger, Hong Kong 1997
Nirgendwo sonst auf der Welt wird der Kampf zwischen freiem Willen und Autoritarismus deutlicher als hier. Wie der Kanarienvogel in der Kohlemine oder das Frühwarnsystem an einer tsunamigefährdeten Küste senden wir ein Notrufsignal an den Rest der Welt. Denn Hongkong von heute ist das, was übrigbleibt von der Welt von morgen.
Joshua Wong, Hongkonger Bürgerrechtler, 2020 (zzt. wieder in Haft)
Enrique ist zunehmend verzweifelt. Immer wieder läuft er zwischen den metallicgrauen Containerhäuschen der Grenzposten hin und her, seine schwarzen Stoffhosen staubig, das kurzärmelige Hemd verschwitzt, ein Plastikschirm als Virenschutz vor sein Gesicht geschnallt.
In der Hand hält er das in San José abgestempelte Papier mit dem vierundzwanzig Stunden alten Negativ-Resultat des Covid-Tests. No me dejan entrar. Sie lassen mich nicht rein. Und dann, mit beinahe brechender Stimme herausgeschrien, erneut jener Satz, den er mir ein paar Tage zuvor auf Facebook geschrieben hatte: Es hat nichts mit der Pandemie zu tun.
Eine aus San José mitgereiste Freundin nimmt die Szene mit Enriques Smartphone auf, und so geht das Video für kurze Zeit viral: Zuerst ist das Video öffentlich, dann nur noch für den Freundeskreis sichtbar, schließlich wird es aus Angst gelöscht: Im zur Familiendiktatur Daniel Ortegas gewordenen Nicaragua wissen nicht nur die Grenzposten, wer abzustrafen und zu observieren ist.
Enrique, der bei den vorangegangenen Familienbesuchen in der alten Heimat ja schon immer gefilmt hatte: Das schießende Militär vom Frühjahr 2018, als die Arbeiter und Studenten gegen ein Regime demonstrierten, das den revolutionären Sandinismo längst nur noch im Namen führte; Schüsse in den Straßen Managuas, vor Einkaufszentren, selbst vor den offenen Türen der Kirchen; Menschen, die auf der hauptstädtischen Parademeile das überlebensgroße Hugo-Chávez-Porträt attackiert hatten und dabei auch jene absurden Metallbäume herausrissen, deren artifizielle Kronen nach dem Willen des Ehepaars Ortega die Kosmologie der Mayas mit ihrer kruden Herrschaftsideologie von »Harmonie, Christentum und Sozialismus« verbinden sollten. Zuvor hatte er auch die Campesino-Proteste von 2013 gefilmt, nachdem ohne jegliche Ausschreibung eine ominöse Hong Kong Nicaragua Canal Development Investment Company den Zuschlag für einen »Nicaragua-Kanal« erhalten hatte, der innerhalb von zehn Jahren den Kanal in Panama übertrumpfen und obsolet machen sollte. Bauern fürchteten die Enteignung ihres Landes, Fischer eine weiträumige Versumpfung des Nicaraguasees, während die Medien, im Besitz der Ortega-Familie oder ihrer Oligarchen-Freunde, von einer Zukunft voll chinesischer Containerschiffe und abgeworfener Dollar-Milliarden schwadronierten.
Enrique, obwohl weder Aktivist noch Journalist, filmte, postete und sparte nicht an Spott. Wie etwa Präsident Ortegas Gattin, la primera dama Rosario Murillo mit ihrer Vorliebe für bunte Freundschaftsarmbänder, Silberreifen und esoterische Poesie, dieses Kanal-Poem veröffentlicht hatte. Eine Art Neruda’scher Canto General des autoritären Business-Kommunismus, doch in all den redseligen Zeilen nie präsent: ihr Sohn Laureano, ausgebildeter Opern-Tenor und als offizieller nicaraguanischer Verhandlungsführer das Gegenüber des festland-chinesischen Company-Chefs Wang Jing, der dank seiner Verbindungen zum Pekinger Parteiapparat und der sogenannten Volksbefreiungsarmee zum Forbes-Listen-Milliardär aufgestiegen war – und das als ehemaliger Student traditioneller Heilmedizin, ohne Abschluss.
Ich war Enrique und seinem Freund Sergio in einer Bar in San José begegnet. Als Ingenieurs-Studenten in Managua waren sie nach verzweifelter Jobsuche und ohne die notwendigen Verbindungen »nach oben« nach Costa Rica entwichen, wo sie sich neu erfanden – als Start-up-Designer.
»Kein Genosse Heilpraktiker in Costa Rica und auch kein Tenor, der für seinen Clan die Milliarden-Geldwäsche übernimmt«, sagte Enrique und lachte auf, während sein Arm um Sergios Schultern lag.
Das stimme zwar, entgegnete Sergio, weder Tenor noch Terror, aber auch hier sei nicht alles perfekt und selbst Ämter-Korruption kein Fremdwort. Trotz Demokratie und Menschenrechten und Sozialstaat und Digitalwirtschaft: von wegen »die Schweiz Mittelamerikas«.
»Und woher weißt du das alles?«
»Aus unserer Erfahrung. Und aus den Medien.«
»Siehst du! Und erzählst es obendrein ohne Angst einem Reisenden, an der Bar, auf der Terrasse, jetzt hier an der Ecke zur Avenida Ocho …«
»Hör mal. Weshalb sollte ich denn Angst haben? Schließlich sind wir hier in Costa Rica!«
Als könnten sie es, dachte ich, noch immer nicht richtig glauben. Dass es eine solche zur Gesellschaft gewordene Unwahrscheinlichkeit gab, so ganz ohne Revolutionen und Bürgerkriege und bebrillte Uniform-Caudillos von links oder rechts, die doch angeblich organisch dazugehörten zum hiesigen »Kulturkreis«. Enrique mit dem kurz rasierten Haar und dem freundlichen Spott in den Augen, Sergio mit seinen nur mühsam gebändigten Locken und einer Sanftheit, die nichts von Unterordnung hatte: Er war es gewesen, der mich angesprochen und unter den Soundbites von Latino-Pop ins Gespräch gezogen hatte und danach auf die Terrasse, wo Enrique bereits auf uns wartete, rauchend und beobachtend. Ein Spiel, abgekartet oder nicht, das vier Jahre später wiederholt wurde und sich da längst zu einer Freundschaft entwickelt hatte.
Meine Aufenthalte in der Region aber waren keine Urlaubs-, sondern immer Arbeitsreisen gewesen, zumindest in den Stunden bis Sonnenuntergang. Treffen mit NGO-Leuten, Schriftstellern, Gewerkschaftern. Etwa jener Mittag mit dem Geschichtsprofessor, der zu Fuß zum vereinbarten Treffen in einem kleinen unprätentiösen Altstadt-Restaurant gekommen war.
Irgendwann hatte Luis Guillermo Solís, Mitte der achtziger Jahre Stabschef im Außenministerium und einer der Planer der zentralamerikanischen Friedensgespräche in Nicaragua, El Salvador und Guatemala, sogar von seinen Deutschland-Aufenthalten gesprochen. Von seiner sozialliberalen Prägung durch Hans-Dietrich Genscher und Willy Brandt, den er 1990, auf dem Vereinigungsparteitag von westdeutscher SPD und ostdeutscher SDP, schließlich auch persönlich getroffen hatte. »Hombre, was soll ich sagen? Da hatte sogar ich Tränen in den Augen.«
Später, nach dem Espresso, bezahlte er die Rechnung, murmelte etwas von Die-Tochter-aus-dem-Kindergarten-abholen und machte sich nach einer kurzen Umarmung auf den Weg. Ein paar Jahre später, im Frühjahr 2014, wurde Luis Guillermo Solís zum Präsidenten von Costa Rica gewählt; der erste seit sechs Jahrzehnten, der keiner der beiden Mitte-rechts und Mitte-links angesiedelten Traditionsparteien angehörte. Beinahe achtundsiebzig Prozent hatten für ihn votiert. Und noch im Mai desselben Jahres ließ der katholische Familienvater am Präsidentensitz die Regenbogenfahne hissen, als Tribut zum Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie.
Und so war auch jener Tag des Restaurant-Treffens einer dieser Tage, an denen sich sagen ließ: Trotzdem und Dennoch. Die Welt ist nicht nur von Schurken und Diktatoren bevölkert, denn da gab und gibt es ja schließlich auch dieses im Weltmaßstab derart winzige Costa Rica – winzig wie das ebenso erzdemokratische Uruguay und im Grunde so unwahrscheinlich wie mein geliebtes, heterogenes Tel Aviv inmitten einer Region mörderischen Identitätsterrors. Oder eben wie diese Stecknadel namens Hongkong vor dem Riesenleib einer autoritären Weltmacht. So etwas wie Geborgenheit gebende Namen, hinter denen ja Wirklichkeiten standen – und Menschen. Jener andere Nachmittag 2010 in Hongkong etwa mit Emily Lau, der Bürgerrechtlerin, die in »Mainland China banned« war, wie sie mit selbstbewusstem Lächeln sagte, dort in ihrem Abgeordnetenbüro im kolonialbritisch antikisierten Gebäude des Legislative Council, nahe der Harbourfront-Promenade. Tage, Begegnungen und Gestimmtheiten wie diese. Befreiungsseufzer im Wind der Weltgeschichte, eine Träne im Ozean oder doch mehr? Dennoch, trotzdem.
2019 meldeten die Medien, dass Herr Wang, der ehemalige Heilmedizinstudent mit Partei- und Armeeanbindung, nicht mehr auf der Forbes-Milliardärsliste stehe und sogar sein Unternehmensbüro in Hongkong aufgelöst habe. Die Bauern und Fischer um den Nicaraguasee konnten aufatmen, doch sollten Enrique und Sergio nun etwa nur deshalb zurückkehren in die intransparente Kleptomanen-Diktatur der Ortegas? Aber nein, por qué? Stattdessen ihre Facebook-Fotos, immer zu zweit, ironisch gebrochene Halbgötterpose, im Kreis neuer Freunde in San José (ihre liebende Symbiose, die manch nächtliche Präferenz für grupos nicht ausschloss), in Badehose oder mit Weihnachtsmütze, mit Dinner-Krawatte vor Kerzenlicht oder die Ärmel aufgekrempelt beim Ausmessen von Wohnungen, Transportieren von Möbeln: So wie es ist, ist es gut in San José.
In den Frühlings- und ersten Sommerwochen 2020 aber plötzlich keine weiteren Fotos, doch dann Anfang Juli: Enrique und Sergio erneut in stilisiertem Herzrahmen, mit schwarzem Hintergrund. Mein Smiley – und Enriques sofortige Nachricht: Nein, kein Grund zur Freude. Weißt du, Sergio ist nicht mehr, hat das Krankenhaus nicht lebend verlassen … Und dann, in die bestürzten Nachfragesätze hinein: Nein, das war es nicht, nicht das Virus mit den schrecklichen vier Buchstaben, wo wir doch in dieser Hinsicht immer extrem aufgepasst haben. Und ebenfalls nein: Es war auch nicht wegen der Pandemie.
Als wäre das ein Trost, schreibt Enrique ein paar Tage später: Die Liebe deines Lebens inmitten des allgemeinen Sterbens zu verlieren. Und dann, ein paar Sekunden danach: Vielleicht hätte es tatsächlich eine Art Trost sein können, etwas mit Abertausenden Menschen in genau dieser Zeit Geteiltes. Etwas von außerhalb und nicht diese Herzschwäche, die in den fast drei Jahrzehnten seines Lebens unentdeckt in Sergio gesiedelt hatte, bis sie dann plötzlich …
Was bleibe, schreibt Enrique, sei jetzt vor allem die Familie in Nicaragua, die Familien, seine und Sergios Eltern, die ihnen doch vor Jahren sogar für die Ausreise ihren Segen gegeben hatten.
Tage später steigt Enrique zusammen mit einer Freundin in den Überlandbus, der sie auf der Panamericana bis nach Peñas Blancas bringt. In seiner Hand das mit einem Tuch vor dem aufwirbelnden Bodenstaub an der Grenzstation geschützte Kästchen – Sergios Urne.
Was Enriques Freundin schließlich filmt: Der Grenzbeamte ohne Maske, der das Papier mit dem Covid-Testresultat ebenso wenig beachtet wie Enriques eindringliche, schließlich flehende Worte über die Beerdigung, die kirchliche Zeremonie, die wartenden Familien. Die sture, automatenhafte Antwort des völlig unbeeindruckten Uniformierten: Non posible, non posible.
Was ich sehe: Wie Enrique, hinter ihm der abgewandte Rücken des Beamten, der in seinen Container zurückkehrt, weiterhin Bericht gibt. Wie er von der Anmaßung eines Regimes spricht, all diejenigen, die ihm nicht zujubeln, abzustrafen – selbst noch im Fall einer Beisetzung. Was ich sehe: Wie schließlich die Freundin das Kästchen mit Sergios Asche aus Enriques Händen nimmt, ihm das Smartphone zurückgibt und nun allein die Grenze überquert. Natürlich habe ich es auch für ihn getan, schreibt Enrique danach.
Später schreibe ich ihm, was seine Geschichte womöglich mit jener Stadt verbindet, in der doch nicht nur ein Herr Wang und dessen Hintermänner ihren ominösen Geschäften und geostrategischen Plänen nachgingen: Hongkong. Sondern Abertausende, ja beinahe eine Million, über die Monate hinweg auch dort den Mut gefunden haben, den Mächtigen öffentlich zu sagen, was sie von ihnen und ihren Anmaßungen hielten.
Schreibe ihm auch von jenem bebrillten, auf freundliche Weise uncharismatischen jungen Mann, der mit seinem Megafon vis-à-vis der Subway-Station Causeway Bay zur friedlichen Revolte ermutigt hatte. Menschen jeglichen Alters waren vom Victoria Park dorthingeströmt und durch Central Hongkong gezogen. Eine Menge, deren Gesichter keine Sekunde lang zur anonymen Masse geworden waren, eher schon zur Inkarnation dieser unwahrscheinlichen Stadt. Ich erzähle Enrique in San José von Joshua Wong in Hongkong und davon, wie die Geschichte ausgegangen ist.
Nur wenig später, im Herbst 2020, wurde Joshua Wong zusammen mit seiner Weggefährtin Agnes Chow zu dreizehn Monaten Gefängnishaft verurteilt. Ich schreibe Enrique von diesen tapferen Menschen und sehe dabei noch einmal das kluge Lächeln in Sergios Gesicht, eine seiner widerspenstigen Strähnen mutwillig aus der Stirn geschoben. Als hätte er, in Managua ebenso wie in San José, schon immer gewusst, dass unser allzu kurzes Leben genau dieses Dennoch ist.
Chinese Box: System ineinandersteckender Kästchen,eine Art Äquivalent zu russischen Matroschkapuppen.In englischen Lexika als Synonym für das Prinzipliterarischer Rahmenhandlungen beschrieben.(Seltsamerweise mit den Beispielen von Mary Shellys »Frankenstein« und Joseph Conrads »Heart of Darkness«.)
Beim Anflug auf Hongkong die Halluzination, ironische Reminiszenz an ziemlich alte Blicke: Eine Stewardess im hellblauen Kostüm hebt ihre weiß behandschuhten Hände und weist mit lächelndem Bedauern auf die inzwischen eingeschalteten No-smoking-Lichter über den Sitzreihen. Dann werden unter den Tragflächen die ersten Flachdächer von Kowloon sichtbar, mit ihren Antennen, Aufbauten und winzigen Tropengärtchen, ehe die Maschine auf Höhe der Fassaden gleitet. Ich blicke aus dem Pan-Am- oder British-Airways-Fenster zu den wäschebehängten Balkonen und in die Sweatshops oder illegalen Bordelle oder auch Wohnwaben der Hongkong-Chinesen, in deren Inneren im Fernsehen möglicherweise gerade ein Kung-Fu-Film läuft. Schon aber schraubt sich der Flieger wieder nach oben, beschreibt eine Kurve, geht tiefer und tiefer, und dann ist da auch schon Kai Tak Airport und diese enorm kurze Rollbahn, die direkt am Hafenbecken endet. Die Maschine rast aufs Wasser zu, bremst ein paar Meter davor, wendet, jetzt fast schon in Schrittgeschwindigkeit, und wenig später öffnet die Stewardess, ihr hellblaues Käppchen gegen einen plötzlichen Windhauch mit der Handschuhrechten sogleich wieder in Form bringend, die Tür zur Gangway.
Danach dies: Nach Kerosin, flüssigem Asphalt und verfaulten Früchten riechende feuchte Hitze, wie ein schweres nasses Handtuch in einem Dampfraum. Die Kleidung der Einheimischen in der Ankunftshalle sitzt jedoch perfekt, viel- oder dezent einfarbige, hoch aufgeschlitzte, eng taillierte Kostümröcke, in der Armbeuge das Handtäschchen wie eine Waffe. Lächeln und Stimmengesumm und nochmals Lächeln und fein abgestufte Begrüßungsriten, Zurufe und an- und abfahrende Taxis, Warteschlangen vor den Telefonzellen. Ernst oder herausfordernd blickende Business-Männer in dunklen Anzügen oder in Leinen, mit und ohne Hut, mit und ohne Mundwinkel-Zigarette, mit und ohne unter den Arm geklemmte South China Morning Post. Wie mit dem Lineal gezogene Schnurrbärtchen, samtseidenes Haar und kühle Marmorhaut, konturiert wie Scherenschnitte. Dazwischen aber immer auch das Unförmige, kolonial-verschwitzt Gerötete, mit und ohne Pusteln, so manche Gin-Fahne schon am Morgen. Dazu ein paar Polizisten mit Tropenhelm und kurzen Khakihosen, Gepäckträger, mit gekreuzten Beinen in ihren Rikschas wartende Fahrer, Wasserflaschen und Früchte anpreisende Kinder und Jugendliche mit Traggestellen vor der Brust. Geschrei und Hitze.
Ist es so gewesen, damals? Jedenfalls: Nie unterwegs sein ohne Assoziationen und, hoffentlich, auch im Wissen um ihre Fragwürdigkeit und Bedingtheit. Quer- und Rückverweise in einem Geflecht, das nicht nostalgisch ist, sondern atmen lässt, da es doch an Zeitlichkeit erinnert, beruhigend und verstörend zugleich. Dazu, ungleich relevanter – die Bilder, die Realität der letzten Wochen und Monate: Dies ist in Wirklichkeit eine Maschine von Cathay Pacific, deren Piloten und Flugbegleiterinnen sich solidarisch erklärt haben mit den Demonstrierenden, die die Zufahrtsstraßen und sogar die Ankunftshalle des Flughafens besetzen, um gegen die Unterminierung von Hongkongs Autonomiestatus zu protestieren. Die Aktivisten, junge Männer und Frauen, werden den einreisenden Passagieren Flugblätter reichen, mit denen sie ihre Aktionen erklären und insistieren, dass sie dies nicht nur für ihre Stadt tun, sondern auch für deren Gäste, ja für die ganze Welt: Würden Hongkong und die Möglichkeit zu freier Rede fallen, hätte nicht allein der chinesische Autoritarismus einen weiteren Sieg errungen.
Draußen vor der Halle sprechen auch Angehörige der Gewerkschaften des Bodenpersonals und der Flugbegleiter mit den Hongkong-Besuchern und werben um Verständnis: Es gibt Schlimmeres als verspätete oder gecancelte Flüge, dramatischere Beeinträchtigungen als bestreikte Busse und U-Bahnen. (Doch war all das bereits im August geschehen, ehe die Staatsmacht zurückschlug und sogar bei Cathay politische Säuberungen durchgeführt hatte.)
Jetzt, der frühmorgendliche Anflug auf den 1998 eröffneten Check Lap Kok Airport. Nicht unspektakulär, obwohl wir nicht mehr mitten im Stadtgebiet landen werden, sondern auf einer weiträumigen Fläche, die ins Meer verschoben wurde, nördlich der Peripherie-Insel Lantau. Unter uns bereits sichtbar: die ersten, scheinbar bewegungslosen Trawler mit ihrem weißen Schweif, dazwischen kleinere Fischerboote. Noch sind wir zu hoch in der Luft, um da unten im kabbeligen Wasser Formen unterscheiden zu können: Sampans, Dschunken, Schmugglerkähne – Orson Welles und Curd Jürgens auf der Fähre nach Hongkong?
Ein paar Stunden zuvor, während des nächtlichen Zwischenaufenthalts in Doha, inmitten eines taghell glitzernden, zur Edel-Shopping-Mall umgewandelten Flughafen-Terminals, in dem groß gewachsene, bärtige Träger von Turbanen und schneeweißen Dschellabas in somnambuler Eleganz umherschlenderten, hatte H. lächelnd gesagt: »Schon ’ne ganz andere Klasse als das Gesundbrunnen-Center in Berlin.«
Wir beide, seit nun über einem Vierteljahrhundert ein Paar und häufig zusammen auf Reisen, als Gleichaltrige scheinbar Fremdes dann auch zusammen entdeckend und kommentierend, Augen auf und einander in zwei sich vermischenden Sprachen ins Wort fallend. Mit Referenzsystemen spielend nicht aus Renommiergehabe, sondern aus Freude an einer Welt, die doch erzählbar sein muss und gewiss nicht nur bevölkert ist von verkapselten Monaden. Also: Wie von unseren Reisen berichten? Was nämlich taugt ein Reisender, der entweder nur sich selbst beobachtet oder stattdessen das Zickzack der eigenen Perspektive verschweigt, als wäre er der Durchblicker vom Dienst, als gäbe es tatsächlich so etwas wie – Objektivität?
Die Einreise-Prozedur vor der Schalterreihe mit den rot aufleuchtenden Digitalzahlen: schnell und unkompliziert. Von einem weiblichen Immigration Officer mit professionellem Lächeln in die Reisepässe gedrückte Visumstempel und zuvor – noch? – kein minutenlanges Namen-Checken im Computer hinter der Glasscheibe. Keine Aufenthaltsbegründung muss angegeben, keine Hoteladresse, kein Rückflugticket vorgezeigt werden. Und schon gar kein Schleusen durch ein Labyrinth von Schaltern, Boxen und neonhellen Gängen voller Kameras, Ganzkörper-Scanner und Handgepäck-Durchleuchter, ehe zum Schluss dann erneut Flugticket, Einladungsbrief, Hotelbuchung und jenes Visum betrachtet und mit den Computerangaben abgeglichen wird, das die Chinesische Botschaft in Berlin schließlich doch noch großmütig am letzten Tag vor der Abreise ausgestellt hat – nach einem zwei Monate dauernden »Prüfungsprozess«, bei dem nach dem Inhalt der selbstverfassten Bücher gefragt wurde und nach einer Begründung für die Mitgliedschaft im Internationalen PEN-Club, die dem zuständigen Beamten vermutlich tiefes Misstrauen einflößte. (Gerade hier nun würden die Bilder jener seltsamen Chinareise im September präsent bleiben und womöglich sogar die hiesigen Eindrücke konturieren als ungemütliche, ganz und gar nicht sanfte Nostalgie-bereits-im-Moment-des-Wahrnehmens: Hongkong, wie lange noch?)
In der Ankunftshalle fragt H.:
»Siehst du Demonstranten?«
»Nein, aber auch keine Polizisten. Außer sie setzen inzwischen Undercover-Leute ein …«
Die Nachrichten im Spätsommer waren voll davon: Wie die pro-demokratischen Aktivisten nicht nur zu Hunderttausenden die Hauptstraßen in Kowloon und Hong Kong Island bevölkerten, sondern sogar bis hierher vordrangen. Rufe und Sprechchöre, Plakate und Banderolen, auf denen Rule of Law und Save the Human Rights zu lesen waren. Und inmitten der protestierenden Menschenmenge verdutzte Touristen – Budget-Traveller mit Rucksack oder Jutetasche, die dann sogleich ihre Smartphones für ein paar Selfies zückten. Oder auch Reisegruppen, die sich hinter dem Fähnlein ihrer überforderten Führer drängten und erleichtert schienen, wie freundlich ihnen die Demonstranten eine Gasse nach draußen bahnten, wo bereits ihre Busse warteten. In den Abendnachrichten war zu sehen, wie einer der Reisenden, vermutlich ein Australier oder auch ein Nordeuropäer im Pensionsalter, ob des Spaliers ganz beglückt seine Handteller in Brusthöhe aneinanderdrückt und sich lächelnd nach rechts und links verbeugt. Obwohl der Hongkong-Bericht nicht mehr als ein Zwei-Minuten-Schnipsel gewesen war, hatte die Kamera sogar noch die Reaktion der Frau des Händefalters eingefangen: Wie sie ihn halb verlegen, halb ärgerlich am Jackenärmel zieht, dabei jedoch ebenfalls, wenngleich etwas krampfhaft, in die Gesichter der protestierenden Männer und Frauen lächelte und ihrem Gatten dabei zwischen den Zähnen etwas zuflüstert, was Idiot-wir-sind-hier-nicht-in-Thailand oder Misch-dich-nicht-in-fremde-Angelegenheiten-ein bedeuten könnte. Damit endete der Bericht, doch auch in den sozialen Netzwerken fanden sich danach, zumindest für diesen Tag, keine Informationen über offensichtliche Polizeigewalt am Flughafen. Zusammengeprügelt wurde in anderen Teilen der Stadt.
Mühelos, Geld aus dem Automaten zu ziehen und danach draußen ein Taxi zu finden – keine Warteschlange, kein Gedränge. (Auch der signifikante Rückgang des Hongkong-Tourismus in Folge der Massenproteste und angesichts der Unsicherheit, ob und wie die Kommunistische Partei in Peking reagieren würde, war zuvor zum Medienthema geworden: Ein Fall für besorgte Reiseveranstalter und ausgewiesene Rückerstattungs-Experten, für hippelige Schnäppchenjäger und wenige westliche Außenamtsmitarbeiter, die eine generelle Reisewarnung verneinten, jedoch von allzu großer Nähe zu »Menschenansammlungen« abrieten.)
Das Gepäck verstaut, das Taximeter korrekt auf den Tagestarif eingestellt. Nachdem der schmalschultrige weißhaarige Fahrer den Versuch eines post-britischen Willkommens-Smalltalks über das unerwartet frühlingshaft frische Wetter mit kantonesischem Gebrumm abgeblockt hat, fragt H.: »Erinnerst du dich noch an den Weg hinüber nach Hong Kong Island?«
»Nur vage. Das letzte Mal war immerhin vor zehn Jahren.«
»Beruhigend! Erspart uns wenigstens ›Aber damals‹-Kommentare!«
»Freu dich nicht zu früh …«
Die Landschaft jenseits der zweispurigen Autobahn, die nach einigen Kilometern über eine gigantische Hängebrücke auf die Insel Tsing Yi und von da aufs Festland nach Kowloon führt: zersiedelt, aber nicht unansehnlich. Schmale weiße Hochhäuser mit dem üblichen Feng-Shui-Durchlass für wanderwillige Geister unterhalb der grünen, noch im Morgennebel liegenden Berge. Unter der Brücke: Trawler und Containerschiffe auf dem Weg zum Aberdeen Harbour. Kurven, Bögen, übereinander und parallel verlaufende Straßen, näher rückende Häuser, höher und höher. Die letzten Schäfchenwolken am Himmel und die ersten roten Doppelstockbusse, dann das grelle Kunstlicht im Unterwassertunnel nach Hong Kong Island. Dort wieder hoch ans frühe Tageslicht, und zu dieser Zeit noch kaum Verkehr auf der Connaught Road West und der Des Voeux Road West.
»Erinnerst du dich jetzt?«
»Eher an ein Gefühl als an einzelne Gebäude. Diese seltsame Illusion von Geborgenheit beim Lesen der Straßennamen, beim Anblick der Doppelstockbusse. Etwas, das mir in London noch nie passiert ist. Ein Gefühl wie im Auge des Orkans.«
Der Check-in geht ebenso schnell vonstatten wie zuvor die Einreiseprozedur am Flughafen. Nicht direkt an der Wand hinter der Rezeption, doch prominent gegenüber den Lifts platziert, im rechten Winkel zu einem schmalen bodentiefen Fenster, das den Blick auf Häuserschluchten freigibt, hängt die Fotografie.
»Sieh an … Sogar hier.«
Halbe Schulterdrehung zurück, kurzes Innehalten. Habe ich ein Konterfei des Großen Vorsitzenden Xi erwartet, sogar hier? H. zeigt lächelnd auf das gerahmte Schwarzweißbild eines straff gekämmten Grauhaarigen, dessen wuchtiges Faltengesicht samt der breiten Krawatte auch einem Ostblock-Funktionär der sechziger Jahre hätte gehören können. Hier aber ist es, da H. doch zu relativ moderatem Preis ein Doppelzimmer im Ibis gefunden hat, das Porträt des inzwischen achtundachtzigjährigen Patriarchen und Gründers des weltweit tätigen Accor-Hotelkonzerns: Gérard Pélisson.
»Nicht gerade der Ian Dunross von Nobel House, Chef und allmächtiger Tai-Pan eines Milliarden-Unternehmens«, sage ich.
»Der existiert ja auch nur in einem Tausend-Seiten-Hongkong-Schmöker von James Clavell, falls ich mich richtig erinnere.«
»Sag nicht nur. Ohne solche Schmöker, die eine Stadt zumindest in Teilen lesbar machen … Außerdem wurde er in den achtziger Jahren verfilmt, mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle. Wer aber wird sich Monsieur Pélissons annehmen, bei all der Glamour-Abwesenheit von Accor-Ibis-Mercure-Novotel-ja-selbst-Sofitel?«
»Na ich …«
Hoch in die vierunddreißigste Etage, mit dem Rollkoffer über den lindgrünen, aseptisch riechenden Korridorteppich, mit weißem Magnetkärtchen die Tür zum Zimmer geöffnet, das natürlich eher ein Zimmerchen ist, mit einer zusätzlich darin eingemauerten Badzelle, der tatsächlich das auf der Website versprochene Panoramafenster mit Hafenblick besitzt. Und schon im Aufzug sind sie da, Erinnerungen an ein Anderswo, als wäre das allein angemessen für die einstige britische Kronkolonie. (Auch wenn sich jetzt die Pronomen ändern, um näher heranzoomen zu können.)
Wie sie Ende der neunziger Jahre, damals noch Studenten, auf einer Normandie-Reise spätabends in Dieppe angekommen waren und alle Hotels entweder ausgebucht oder zu teuer fanden – bis auf das Ibis (oder war’s ein Novotel?), für das ihre verbliebenen Francs gerade noch ausreichten, da H. doch ein Discount zustand. War er nicht in Berlin Mitglied des UFE, der Union des Français de l’étranger geworden, die französische Expats rund um die Welt versammelte, unter der huldvollen Präsidentschaft von Gérard Pélisson? War es nicht so, dass man einander nicht nur zum Erfahrungs-Ausplausch (eine von H.s Wortschöpfungen) bei der Fête de la Musique oder zum Quatorze Julliet traf, am Ku’damm im Veranstaltungsraum des Maison de France die WM-Spiele von Allez les bleus verfolgte oder im Januar im Kuchenteig der Galette des Rois das verborgene Porzellanfigürchen aufzuspüren suchte – sondern mit der UFE-Mitgliedskarte in den Herbergen des Monsieur Pélisson auch zu reduziertem Preis übernachten konnte? Was dann allerdings an der Rezeption in Dieppe mit einem bedauernden désolé abgebürstet wurde. Zum Glück hatten sie gleich darauf und direkt am Strand eine andere Unterkunft gefunden, verblüffend preisgünstig und sogar nobler.
Was blieb, war die Erinnerung an H.s mokantes »C’est encore typique français«, gut gelaunter Spott über eine erzfranzösische Melange aus hochtönender Ankündigungslyrik und mürrisch abwimmelnder Bürokratenprosa.
»Bin gespannt, wie es hier ist«, sagt H. und schaut aus dem Fenster hinunter auf den Hafen, wo sich der diesige Nebel gehalten hat, vielleicht sogar für den ganzen Tag. »Nicht wegen irgendeiner tea time im Hotel Peninsula. Auch nicht wegen der Doppelstockbusse und englischen Straßennamen. Jedenfalls nicht nur deswegen.«
»Dafür wären wir sowieso zu spät. Eigentlich sogar schon eine Generation zu spät. Das Handover der Kronkolonie war am 1. Juli 1997, vor beinahe einem Vierteljahrhundert. Der Union Jack ging runter und die rote Flagge wurde aufgezogen, mit allen Konsequenzen. Und da wir damals in Berlin dieses ermäßigte Studenten-Abo der taz hatten, endlich mal ein Spar-Versprechen, das nicht trog, konnten wir dort sogar lesen, mit welcher Sympathie über die tapferen Versuche von Chris Patten, dem letzten britischen Gouverneur, berichtet wurde. Wie er wirklich bis zur letzten Mitternacht alles in Bewegung gesetzt hatte, um Peking wenigstens noch ein Fitzelchen Demokratie für Hongkong und seine Bewohner abzuhandeln.«
»Wobei Zyniker-Realisten natürlich daran erinnerten, dass erstens Hongkong 1842 als Resultat typischer Kanonenbootpolitik britisch geworden war. Und zweitens für Pattens schöne Ideen von Bürgerbeteiligung eigentlich schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs genug Zeit und Möglichkeiten bestanden hätten.«
»Aber viele nahmen Patten immerhin die gute Absicht ab. Noch 2006, 2007 und 2010, als ich hier war, sprachen eine Menge Hongkong-Chinesen voller Hochachtung von ihm. Da ja auch seine konservativen Tories daheim in London nicht unbedingt begeistert davon waren, wie er hier noch um das letzte Kleingedruckte im letzten Paragrafen gekämpft hatte. Damit in der Stadt zumindest die Justiz autonom und die Presse frei blieb. Damit niemand ausgeliefert wurde. Damit bei den Wahlen dann wenigstens ein Drittel der Abgeordneten frei gewählt werden konnte, wenn schon der überwältigende Rest von einem Gremium des pekingtreuen Big Business im Voraus bestimmt wurde. Fanden damals weder Kommunisten noch Kapitalisten noch die rechtslinken Kulturalisten besonders toll, dass er so störrisch darauf insistierte, dass auch Chinesen ein Recht auf freie Wahlen und Demokratie hätten. Trotzdem erlitt zumindest er danach keinen Bruch, dampfte ab und war anschließend eigentlich fein raus: Kanzler der Unis von Newcastle und Oxford, EU-Kommissar und noch ein paar andere hohe Posten. Während die Leute hier in Hongkong von solchen Karrieren nur träumen konnten. Dabei hatte damals die Hardcorezeit noch gar nicht begonnen. Jedenfalls das alles kein Vergleich zum Bedeutungsverlust der UFE in Berlin und anderswo. Die Globalisierung frisst ihre Kinder, die vom Alter her allerdings auch schon unsere Väter sein könnten, mindestens. Seltsam, oder?«
So seltsam nun auch wieder nicht. Der Medienmogul, der damals versucht hatte, Chris Pattens (selbst)kritische Hongkong-Memoiren zu verhindern, weil sie seinen eigenen China-Connections hätten gefährlich werden können, war kein anderer als Rupert Murdoch, der Besitzer von Fox News, der amerikanischen Version autoritärer Gehirnwäsche. (Unmöglich, solche Verknüpfungen zu ignorieren.) Seltsames Vor und Zurück? Vielleicht eher eine mögliche Annäherung an das, was die Stadt alles einmal gewesen war, was einen Teil ihrer Andersartigkeit ausgemacht hatte. Vielleicht ja auch kreiselnder Versuch, all das, mit dem Hongkong jetzt und vor aller Weltöffentlichkeit zu kämpfen hat, zumindest am ersten Tag auf Abstand zu halten? Denn welche Worte gibt es schon angesichts dieses brachialen, so ganz und gar unkaschierten Versuchs einer festlandchinesischen Totalübernahme, gegen die sich die Menschen hier wehren, noch?
(»Ein letztes Mal ins halbfreie Hongkong, cheers!«, hatte auf dem Weiterflug von Doha ein offenbar angesäuselter Brite ein paar Sitzreihen vor uns gegrölt, der Sound risikolos auftrumpfender Selbstgewissheit schwappte über die zur Seite geneigten Schöpfe der Schlafenden hinweg und schien dabei beinahe wie eine Travestie der Pekinger Drohungen der letzten Monate und Wochen: Richtung vorgeben, Entscheidungen herausposaunen. Genau wissen, wo es langgeht. Große Linien ziehen und Pflöcke einschlagen. Tendenzen erkennen oder sie gleich selbst herstellen. Perspektiven wie Betontunnel. Der ganze anmaßende Dominanz-Dreck. Denn gleichzeitig hätte dieser Typus eventuell ja wohl auch von China schwärmen können, Wirtschaften ohne Gewerkschaften, ohne parlamentarisches Blabla, totales Durchregieren ohne Minderheiten-Gedöns, eine Weltmacht gewordene Männerfantasie. Unfaire Spekulation?)
Rückblick in die Gesichter der westlichen Passagiere, die sich schon am Flughafen in Frankfurt die vor den Gates massenhaft ausliegenden Gratis-Exemplare von China Daily griffen, ohne sichtliche Irritation darüber, dass sie darin keine Nachrichten und Meinungen erwarteten, sondern lediglich die offiziellen Verlautbarungen der Volksrepublik. Dabei war es durchaus faszinierende Lektüre: die im Befehlston angesprochenen Genossen längst zu Consumern geworden und mit einem Unmaß sich über Seiten hinziehender wirtschaftlicher Supererfolgsmeldungen überschüttet, die freilich und im Gegensatz zu früher wohl nicht einmal gefaked waren. Der Verweis auf den Kommunismus und eine imaginäre Zukunft abgelöst durch Appelle an die mächtige chinesische Nation und den Consumer-Wunsch, reich zu werden. Ultra-positivistische Rechtfertigung des Geschehenden (ganz einfach weil es geschieht und deshalb überzeugen muss), die Gehirnwäsche jedoch dargeboten in empörend schlichter Sprache: gut/schlecht, patriotisch/feindlich, korrekt/lügnerisch, richtig/falsch. Die Macht, weil sie Macht ist, muss sich längst nicht mehr abgeben mit fein ziselierter Dialektik und mit jener komplizierten Anordnung aus Schlingen und emotionalen Erpressungen, die vor Jahrzehnten, in einer anderen Zeit, womöglich noch Dissidenten dazu gebracht hatte, solche zu dechiffrieren und argumentativ ad absurdum zu führen. Weshalb nämlich all die Mühe, wenn die gewünschten Gehorsams-Resultate inzwischen doch ungleich einfacher zu erzielen sind, auch ohne die Mithilfe zynischer Journalisten-Genossen und rabulistischer Partei-Akademiker. Stattdessen ganz simpel, als wäre es ein Satz-Baukasten für Roboter. Vertikal: von oben nach unten. Linear: Du gehst von da nach dort, und wie du gehst, beobachtet eine Kamera und bewertet danach ein Punktesystem.
Wie also könnte sich ein Dagegen buchstabieren? Vielleicht so: In ebenjenem Beharren auf kreisender Erinnerung. In Zickzackwegen jenseits der virtuellen und realen Appellplätze der Macht. In einem Kreuz-und-quer, Vor-und-zurück, in Seitenpfaden und Gedächtnissträngen – nicht allein als individuelle Präferenz, sondern, ästhetisch und politisch, womöglich tatsächlich als Notwehr? Waren nicht auch die Demonstrierenden, die sich mehr und mehr dezentral versammeln, sogar bei Bruce Lee, dem Kung-Fu-Filmstar der siebziger Jahre, fündig geworden? »Be water«, hatte er als Parole ausgegeben. Sei fluide und flexibel.
Dennoch: Dieses Mal bin ich nicht auf Reportagereise, und so finden sich nun im Notizbuch auch keine E-Mail-Adressen und Handynummern der pro-demokratischen Multiplikatoren, die ich in den Jahren zuvor getroffen hatte. Stattdessen ein eher unspektakuläres Programm: Mit H., der zum ersten Mal hier ist, durch die Stadt streifen, vom Peak hinunter auf die Fähre, von der Nathan Road zurück nach Wanchai, von den Museen in die Clubs, mit der Star Ferry hinüber nach Macau. (Zauber allein schon dieser Wegbeschreibung. Hinüber nach Macau.)
H. aber hatte sich bereits zuvor gewundert, warum bei dieser Reise keine Besuche bei Oppositionellen eingeplant waren. »Nachmittags bei Aktivisten und mitternachts durch die Clubs – das hätte etwas Frivoles. Wir wollen keine Katastrophentouristen sein.« Durchaus möglich, dass ich Ausflüchte gebrauchte. (Denn war nicht genau das der Hongkong-Mix der vergangenen Aufenthalte gewesen, möglichst hellwaches Gleiten zwischen Wirklichkeiten und Orten, Menschen und ihren Biographien – in einer Stadt, deren Heterogenität und Hier-atmen-Können gewiss ihr Wertvollstes war?) Weshalb aber jetzt noch einmal erfragen, was in den zurückliegenden Monaten doch in nahezu jedes auswärtige Mikrofon, in jede Kamera gesagt und in jeden Schreibblock diktiert worden war: Während die Volksrepublik China in immer neuen Anläufen versucht, den vertraglich gesicherten Autonomiestatus der Stadt zu zerstören, gehen Zehn-, ja Hunderttausende auf die nächtlichen Straßen, ihre hochgehaltenen Mobiltelefone ein einziges Lichtermeer, ihre selbst gebastelten oder im Supermarkt gekauften Masken ein Schutz gegen die vom Festland herbeigeschafften Gesichtserkennungsprogramme. Dazu die zuvor klandestin verteilten, spezielleren Atemschutzmasken – eine Antwort auf die immer brutaler werdenden Tränengas-Attacken der Polizei.
Durchaus möglich also wäre es gewesen, ein paar der damaligen Kontakte zu aktivieren und einige der jüngeren Aktivisten zu treffen, sie an den Orten zu besuchen, die sie als Unterschlupf benutzen, nachdem sie die elterlichen Wohnungen sicherheitshalber verlassen hatten – da es ja bereits so weit gekommen ist, dass sie untertauchen müssen. Aber was dann? Sie damit vielleicht sogar in Gefahr bringen, während der eigene Pass doch schützt und auch der Rückflug bereits gebucht ist? Dieser Zweifel am Allmachtswahn eines pathetischen »Ihnen eine Stimme geben«, während man doch selbst rein gar nichts riskierte. Als bräuchten die Menschen hier, dank all der neuen Informationsmöglichkeiten zumindest virtuell mit der ganzen Welt verbunden, ausgerechnet einen Reisenden aus Berlin, um gehört zu werden. Hybris, Engagement-Vorspiegelung und die obszöne Versuchung eines Kicks.
Stattdessen erzähltes Vergegenwärtigen anderer Brüche, Schichtungen und Veränderungen: Als könnte auch das ein Einspruch sein gegen drohende Amnesie, gegen die gewaltsam mit Verhaftungen durchgesetzte oder auch lautlos voranschreitende Eingemeindung der Stadt in das digitalkapitalistische Pekinger Partei-Universum. Eventuell wäre es ja sogar das: ein winzig kleiner Widerhaken im Programm der gedächtnislosen Unterwerfung. (Und war nicht, nur drei Monate zuvor, bei jener Reise ins festlandchinesische Chengdu/Hauptstadt der Provinz Sezuan, offenbar geworden, dass die verordnete Erinnerungslosigkeit selbst dort so nicht funktioniert – bei den nächtlichen Begegnungen in einem unpolitischen, versteckt liegenden Club am Promenadenufer des Jinyiang-Flusses?)
Der Nebel unten am Hafen löst sich langsam auf oder scheint zu wandern. Die Konturen kleinerer Schiffe werden sichtbar, rechter Hand die zwischen Hong Kong Island und Kowloon verkehrenden Fähren. Auch die Hochhäuser zu beiden Seiten des Hafenbeckens schälen sich heraus, doch bleibt die mehrstöckige Digitalanzeige des riesigen Gebäudes unweit des Hotels seltsam verwaschen, wie mit Spinnweben überzogen: 2020.
»Vier Tage zu früh. Haben die’s aber eilig«, sagt H.
Wir hingegen nicht. Mit etwas Geduld gelingt das heiße Duschen im winzigen Bad – eine Übung für Schlangenbeschwörer. Die übliche Hippeligkeit des Überwachseins verabschiedet sich und macht einer Müdigkeit Platz, die sich schon im Voraus freut: Endlich wieder ein Bett mit Kopfkissen und Steppdecke statt des lediglich um wenige Grad zurückklappbaren Kabinensitzes und alsbald drahtig werdender Halswirbel. Der Vorhang vor der städtischen Hafenlandschaft und dem vagen 2020 wird zugezogen, und schon halb im Schlaf murmelt H.: »Erzählst du auch die Story der eleganten, wütenden Airline-PR-Lady, die gleich zu Beginn, als sie dich hier in Hongkong traf …? Hieß sie nicht Susan Song?«
»Nein, das war die Hotelmanagerin in Guangzhou … Oder in Zhongshan, der anderen Millionenstadt im Perlflussdelta.«
Camp-Schnurren von früher, denke ich im Wegdämmern, allesamt gerahmt von den riesigen Städten der Region. Hat Zeit, hat Zeit.
Aufwachen im halbhellen Zimmer. Hinter dem ersten Vorhang befindet sich noch ein zweiter, lichtundurchlässiger, der jetzt links des Panoramafensters eine Art Stoffsäule bildet und ein stummes Schauspiel flankiert: 2020 blinkt nun schneeweiß herein, auch hat der späte Abend die Lichter ringsum angeknipst. Erleuchtete Wohnwaben der vielstöckigen Häuser auf der hiesigen, der Island-Seite, und drüben, im Westen Kowloons, ein buntes Zeichen- und Firmenlogo-Geflimmer entlang der Dächer der Bürogebäude – grob- oder auch feingliedrige Halsketten an augenlosen Gestalten.
»Gehen wir hinüber?«
Besser noch nicht. Nicht schon jetzt mit der Fähre nach Kowloon – am ersten, trotz stundenlangen Schlafs noch immer eher halb wach wahrgenommenen Abend. Und wohl besser auch nicht sogleich zu Fuß hinauf in die Hollywood Road, die sich, wie der Stadtplan zeigt, nur ein paar schlangenförmige Straßen weiter erstreckt. Purer Zufall, denn H. hatte alle Buchungen gemacht, aber noch scheint es zu früh, in der Beletage einzurauschen. Es sei denn …
»In the mood for Club-Hopping? Immerhin ist heute Samstag …«
»Schon vergessen, was dir dieser Venezolaner Abel vor Jahren an einem Londoner Montagabend, ich glaub, in einer Bar in der Old Compton Street, gesagt hat? Only losers go out on weekends … Na, er musste es ja wissen, der Koks-Kurier fürs Bankenviertel.«
»Falsch! Der Kurier war sein kolumbianischer Kumpel, der aus Cali.«
»Kain, um bei den Alliterationen zu bleiben.«
Ein paar Wortspiele beim Anziehen und im Lift, doch keine Hast, kein hektisches HK-wir-Kommen. Und auch nicht – nicht mehr, Privileg der Jahre – das Phantasma irgendeiner Verpassens-Angst, nur weil gerade die Samstagnacht beginnt.
Mit dem Taxi in die Hennessy Road nach Wanchai. Ein bisschen herumlaufen und gucken, ein bisschen windig-frische oder benzingetränkte Luft atmen, wieder (oder erstmals) staunen. Kopf in den Nacken rund um den hiesigen Times Square. Die himmelhoch strebenden Gebäude behängt mit zuckenden Bildflächen und darauf Models und Modenschauen, tanzende und essende Menschen, Herren und Damen, aus Nobelkarossen steigend oder sich Diamantringe an die Finger steckend.
H. bemerkt, dass all die so kühlen Eleganten ja tatsächlich asiatisch oder eurasisch aussähen und unter ihnen keinerlei blonde oder blondierte Gestalten seien – ganz anders, als wir es in den Werbeclips lateinamerikanischer Sender gesehen haben. Vielleicht weil man das Projizieren hier bereits hinter sich hat, dank der Potenz heimischer Wirtschaftskraft?
Parfumduft streift uns, als käme er ebenso von den Werbeflächen herabgeschwebt wie die eilenden, ein wenig somnambul wirkenden perfect beauties beiderlei Geschlechts, die mit Einkaufstüten, selbst jetzt zu später Stunde noch, unterwegs sind, Blick allein auf ihre Smartphones. Dazu eine Kakofonie, die nicht unangenehm ist: schepperndes Klingeln der Fußgängerampeln bei Grün, schmatzendes Quietschen anfahrender Busreifen, kantonesische Pop- oder Opern-Sequenzen aus den neonfarben erhellten Läden und Schnellrestaurants, Menschen jeglichen Alters, die auf kleine Knopfmikrofone in Brusthöhe einreden und Plakate in den Händen halten. Darauf: grellbunt-verwaschene Fotos von Shrimps, Schweinebäuchen und Schweinefüßen, Enten- und Hähnchenflügeln, Fischbällchen, Frühlingsrollen, Kutteln und Dim-Sum. Die Filialen von Armani Versace Swarovski Gucci Ferragamo liegen nämlich bereits hinter uns, inzwischen laufen wir durch die Nebenstraßen. Auch die schicken Anzug- und Kostüm-Konsumenten eilen nun hierher, schauen in die taghell erleuchteten Apotheken mit ihren bis zur Decke reichenden Regalen voll chinesisch beschrifteter Packungen und Döschen und Fläschchen, strömen unter dem Gebrumm eines mechanischen Pandabären in die No-Name-Schuhläden mit ihren gigantischen SALE-Schildern oder gleiten zu den rustikalen Essläden mit ihren ganzkörper-gebratenen Enten und borstigen Schweineschnauzen in den hitzebeschlagenen Fenstern – für irgendeine Kleinigkeit to go oder zum kurzen Verweilen auf den breiten Bänken aus rissigem Lederimitat: Tsingtao-Bier oder Grüner Tee, dazu Wantan- oder Morchel-Suppe oder Hühnchen, das genauso aussieht wie draußen auf den Plakaten.
»Und übrigens auch so schmeckt«, sagt H., legt die verzierten Stäbchen beiseite, fragt nach Messer und Gabel und schabt dann die labbrig-weiße Hühnerhaut mit ihren verbliebenen Pusteln vom Fleisch, das er quasi mit zusammengebissenen Zähnen kaut.
»In meiner Erinnerung war’s besser«, sage ich und liege damit falsch: Hatte ich mich nicht noch jedes Mal darüber gewundert, wie hier und in der Volksrepublik, ja selbst in Taiwan, Hühnchen gekocht und überdies so geschnitten wird, dass man stets den Eindruck hat, ein Maximum an Knochen im Mund zu haben?
Dann schon lieber, wir sind wieder unterwegs, für fünfzehn HK-Dollar ein Plastiktütchen voller Fischbällchen mit Chilisoße, aufzupicken mit einem Holzstäbchen, und inmitten von Menschenmassen, die sich freilich nie im Weg zu sein scheinen, sich nie anrempeln, einander stets blicklos ausweichen.
Die volle Dröhnung also, gleich am ersten Abend, womöglich ein Gefühl von Überfordertsein? In den Jahren zuvor waren wir zusammen mit Rucksäcken auf den indonesischen Inseln unterwegs gewesen, in Kambodscha und in Vietnam – zu einer Zeit, als das Land noch nicht als »Tiger« gehandelt wurde und in Saigon noch nicht der massive Glasbeton schlanker Hochhäuser andere Gebäude der gleichen Art gespiegelt hatte.
»Vergiss nicht diesen Zwischenaufenthalt in Singapur«, sagt H. »Die surrende Luxus-Stille nach dem Chaos von Jakarta. Und hier? Fremd scheint es vor allem wegen der mit dem Westen assoziierten Formen und Label, die hier ein völlig anderes Bild ergeben.«
»Das Angeberwort dafür hieße Kontext …«
»Solange sie nicht mit vorgehaltenen Händen kichern, wenn ein groß gewachsener Schwarzer zusammen mit einem Weißen auftaucht …«
»Und niemand uns wie damals auf der Flusspromenade in Phnom Penh alle paar Meter fragt, das eingerollte Metermaß schon in der Hand, ob wir uns messen lassen möchten.«
»Dabei waren sie voll Lächeln. Das höfliche Lächeln nach dem Kicher-Schock!«
»Sag ich doch. Fremd, aber nicht beängstigend. Das schon gar nicht.«
Weil es vielleicht so war, dass die fast immer zum Hass führende Furcht, sich beim Durch-die-Stadt-Gehen in anonymer Masse zu verlieren, dass der antiurbane Affekt, der die eigenen Einsamkeitsgefühle partout auch anderen unterjubeln will, ohnehin fast immer von unglücklich-quecksilbrigen Ressentiment-Seelen aus der Peripherie bewirtschaftet wurde, von denen also, die in den Metropolen ihres vorherigen Kleinstadt-Prestiges verlustig gegangen waren? Die vor Stadt-Verachtung dampfenden »Konservativen Revolutionäre« der zwanziger Jahre. Doktor Goebbels und sein schrilles Leiden an der ihn ignorierenden Publizisten- und Literatenszene der Weimarer Republik. Saloth Sar alias Pol Pot als erfolgloser Student im Paris der Fünfziger. Christa Wolfs erste Romangestalt Rita in ihrem Puristen-Abscheu vor dem vermeintlichen Sündenbabel Westberlin. Heiner Müller, auf dem Rückweg vom Hudson an die Spree, voll galliger Visionen von Alligatoren, die in New Yorks Kanalisation Arbeiter auffressen. Doktor Radovan Karadžić’ Frust angesichts des multiethnischen Sarajevo, wo man seine selbst verfassten serbischtümelnden Volkslieder nicht entsprechend goutierte. Dazu all die islamistischen Vorort-Mörder der Gegenwart …
»Schon klar«, sagt H. und schüttelt den Kopf, während er ein mildes Gähnen unterdrückt, »dass du sofort das große Ding daraus zimmern würdest. Die Theorie hat allerdings schon bei uns zwei Großstadt-Fans ihren Haken, honey. Als wären dein sächsisches Herkunftsnest und mein Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe und danach Draveil weit vor den Toren von Paris die Inkarnationen von Metropolen gewesen …«
Fragen: Wer von all den nächtlich Dahineilenden war bei den vergangenen Demonstrationen dabei gewesen oder würde an den folgenden teilnehmen? Wer von all denen, die jetzt im Stehen Sitzen Gehen auf ihre Smartphones schauen, liest gerade von etwaigen neuen Polizeitaktiken, von Verhafteten oder Freigelassenen? Wer von ihnen verabredet sich in diesem Moment für eine große Zusammenkunft oder für eine der vielen kleinen, mobilen Aktionen auf Plätzen, in Einkaufszentren oder vor Polizeistationen? Wer von den jungen Leuten, die da in ihren taillierten weißen Hemden, die Ärmel akkurat umgekrempelt, oder in Jacketts und Hoodies vorbeistreifen, gehört zu denen, die bei den Protesten Ganzkörper-Schwarz und zu den Masken dunkle Sonnenbrillen trugen? Die sich mit den Einsatzkräften Straßenkämpfe lieferten, mitunter auch mit Steinen in der Faust? Wer von ihnen plant wohl gerade, später auf der Hennessy Road Vitrinen zu Bruch gehen zu lassen – als Zeichen größter Verzweiflung oder vielleicht in manchen Fällen ja auch diskret aus Peking orchestriert, da die Partei doch seit jeher solche Bilder braucht und herstellt, damit sie dann »auf wiederholte Bitten der friedlichen und besorgten Bevölkerung« ihre Panzer und Soldaten schicken kann. Berlin 53, Budapest 56, Posen 56, Prag 68, Danzig 70, Warschau 81. Und, natürlich: Peking, Platz des Himmlischen Friedens, Juni 89. Weshalb sollte ein ähnliches Szenario für Hongkong undenkbar sein? Welche verborgenen Pläne also, welche Strategien und – jetzt und hier auf der endlos scheinenden Straße mit ihren Doppelstockbussen und Straßenbahnen, die schier unentwegt nach Ost und West fahren und bimmeln und hupen und stoppen und weiter mitten im Autostrom treiben wie große gutmütige Tiere – und welche Ängste und Hoffnungen bei denen, die aus- und einsteigen und fahren oder Halt machen bei den Geschäften, die noch immer zur Straße hin weit offen sind?
(Schönheit, ich finde sie in den Gesichtern des Widerstands. Aber das war Protestlyrik von anderswo, und wer sie zitierte, wusste zwar womöglich, dass der Satz aus Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands stammte, aber wer hatte eigentlich das Mammutwerk je wirklich gelesen?)
»Warum lachst du?«, fragt H. dann beim erneuten Versuch satt zu werden, in einem Nudelrestaurant an der Heard Street. Um uns herum weitere schmatzende und redende Nudel-Vertilgende, die Smartphones neben oder hinter den Suppenschalen schräg gestellt gegen das Holzgerüstchen der Sojasoßen-Batterie.
»Weil ich mir gerade einen oder zwei überforderte Westler vorstelle. Von Roland Barthes’ kryptischen Grübeleien über ›östliche Morphologie‹ und die vermeintliche Starre hiesiger Augenlider dazu gebracht, sich irgendetwas über ›asiatische Werte‹ zusammenzuspinnen. Über Stille und Harmonie und Yin und Yang und natürliche Autoritäten, die ›unserer‹ auf Dissens basierenden Debattenkultur derart fern seien, dass die Rufe nach Demokratie und individuellen Menschenrechten hier zwangsläufig ›schollenfremd oder spätkolonialistisch oder künstlich‹ oder was auch immer bleiben müssten. Oder auch: ›Wer konsumieren kann, findet politische Forderungen wahrscheinlich weniger wichtig.‹ Wobei das machtfreundliche Gerede sogar in der Gegenrichtung funktioniert: ›Solange jemand noch nicht konsumieren kann, wird für ihn politischer Protest kaum Sinn ergeben.‹ Bah!«
H. lacht. »Und andere Schnell-Erklärer, die solche Interpretationsumwege gar nicht brauchen. Gut möglich, dass sie angesichts der geradezu makellosen Marmorhaut um sich herum eher ganz schnell ins Sabbern geraten. Dass sie die lächelnden jungen Frauen in ihren kurzen Röcken und engen Jeans für willige Schulmädchen halten und die gut aussehenden jungen Männer, an deren Handrücken du sehr wohl ablesen kannst, dass sie bereits um die dreißig sind, für ebenso frei verfügbare boys …«
»Nicht dass manche der Pseudo-Girls und -Boys nicht mit genau solchen Ausländer-Phantasmen spielen würden, sie mitunter, ein Spiel im Spiel, sogar erwarten …«
»Andere Baustelle«, sagt H. ironisch, ein weiterer der in Berlin erlernten Sprüche.
Auf dem Weg zum Taxistand plötzlich eine längere Schlange vor einer Bushaltestelle, genauer: von einer Seitenstraße zur nächsten eine fast akkurate Linie entlang der Bordsteinkante. Aber die jungen Leute da warten ja gar nicht! Recken stattdessen ihre eingeschalteten Mobiltelefone über die Köpfe, was eine zweite Linie ergibt, eine in den Bewegungen ihrer Hände und Arme leicht zitternde Lichterkette. Sie alle tragen Masken, manche Brille beschlägt und wird in die Stirn geschoben, ein paar von ihnen halten schmale Transparente in die Höhe: Free Hong Kong. Restore Hong Kong, Revolution of Our Times.
»Siehst du …«
Ein flaues Gefühl im Magen, an ihnen vorbeizulaufen. Obwohl einige doch freundlich lächeln (von wegen ausdruckslose Pupillen à la Roland Barthes) und den hochgestreckten Daumen oder das Victory-Zeichen zeigen, während wir ihnen zunicken und schon mitten in dieser etwas Unziemliches, Wohlfeiles erspüren, das wohl auch dann nicht verschwände, falls wir jetzt stehenblieben. Welche Anmaßung nämlich, den Mutigen Mut zuzusprechen oder sie über die Motivation ihres Muts zu befragen, hier auf dem nächtlichen Trottoir.
»Make pictures«, ruft einer aus der Linie, und das machen wir dann auch. Zumindest das können wir tun, als Mindestes: wahrnehmen, was geschieht. (Für ein Später, an das in diesem Moment weder wir noch die Demonstranten denken möchten?)
