(Un-)gerechte (Un-)Gleichheiten -  - E-Book

(Un-)gerechte (Un-)Gleichheiten E-Book

0,0
17,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ob es um Bildung, die Einkommen von Spitzenmanagern oder Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern geht: Fragen der (Un-)Gleichheit und Gerechtigkeit begegnen uns täglich in den Medien. Gleichzeitig handelt es sich seit den Anfängen des Faches um klassische Themen der Soziologie: Wie viel Ungleichheit ist gerecht? Wie viel Ungleichheit kann eine Gesellschaft verkraften, wie viel braucht sie? Ab welchem Punkt drohen Widerstand oder Exklusion? In diesem Band beleuchten renommierte SozialwissenschaftlerInnen und Publizisten diese Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Das Buch bietet einen Überblick über die soziologische Debatte und schließt – durchaus polemisch – an aktuelle politische Diskussionen an. Mit Beiträgen von Jutta Allmendinger, Rainer Hank, Sighard Neckel, Paul Nolte, Hartmut Rosa u. a.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 211

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ob es um Bildung, die Einkommen von Spitzenmanagern oder Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern geht: Fragen der (Un-)Gleichheit und Gerechtigkeit begegnen uns täglich in den Medien. Gleichzeitig handelt es sich seit den Anfängen des Faches um klassische Themen der Soziologie: Wie viel Ungleichheit ist gerecht? Wie viel Ungleichheit kann eine Gesellschaft verkraften, wie viel braucht sie? Ab welchem Punkt drohen Widerstand oder Exklusion? In diesem Band beleuchten renommierte SozialwissenschaftlerInnen und Publizisten diese Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Das Buch bietet einen Überblick über die soziologische Debatte und schließt – durchaus polemisch – an aktuelle politische Diskussionen an. Mit Beiträgen von Jutta Allmendinger, Rainer Hank, Sighard Neckel, Paul Nolte, Hartmut Rosa u. ‌a.

 Steffen Mau, geboren 1968, ist Professor für politische Soziologie an der Universität Bremen.

 Nadine M. Schöneck, geboren 1975, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Bremen.

(Un-)Gerechte(Un-)Gleichheiten

Herausgegeben von Steffen Mauund Nadine M. Schöneck

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe der edition suhrkamp 2684.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.

Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlag gestaltet nach einem Entwurf von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt

eISBN 978-3-518-73828-3

Inhalt

Steffen Mau/Nadine M. SchöneckEinleitung: (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten

Heinz BudeBrennpunkte sozialer Spaltung

Hartmut RosaVerstrickt im Steigerungsspiel: Wie der Kampf gegen Ungleichheit diese reproduziert

Steffen MauDie halbierte Meritokratie

Gert G. WagnerUngleichheit muss nicht ungerecht sein – sie ist aber oft unvernünftig

André KieserlingUngerecht, aber nützlich. Zur Verteilung der wissenschaftlichen Reputation

Bildung

Richard MünchMehr Bildung, größere Ungleichheit. Ein Dilemma der Aktivierungspolitik

Jutta AllmendingerMehr Bildung, größere Gleichheit. Bildung ist mehr als eine Magd der Wirtschaft

Markt

Bruno S. FreyMärkte, Gerechtigkeit und die Rolle von Vielfalt

Sighard NeckelDie Ungleichheit der Märkte

Sozialstaat

Rainer HankWarum der Sozialstaat in die Ellenbogengesellschaft führt

Stephan LessenichDie Umverteilung nach der Umverteilung: Warum der Kapitalismus den Sozialstaat braucht

Geschlechter

Cornelia KoppetschGefühlte Gleichheit? Gerechtigkeit in Paarbeziehungen

Ute SacksofskyFrauenquoten – Weg zur Gleichheit der Geschlechter oder »umgekehrte Diskriminierung« von Männern?

Erben

Jens BeckertBesteuert die Erben!

Thomas StraubhaarHände weg vom Erbe!

Globale Ungleichheit und Migration

Anja WeißWie nah ist das Ferne?Gerechtigkeit in Zeiten der Globalisierung

Ludger PriesTransnationalisierung sozialer Ungleichheit und gerechte Migration

Demokratie

Wolfgang MerkelUngleichheit als Krankheit der Demokratie

Paul NolteDemokratie und Gleichheit: Verbündete, Feinde, endlose Spannungen

Über die Autorinnen und Autoren

Steffen Mau/Nadine M. SchöneckEinleitung: (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten

Vor rund einem Jahrzehnt spielte sich auf einer großen internationalen Konferenz mit Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten eine aufschlussreiche Szene ab: Ein bekannter deutscher Soziologe sprach über soziale Ungleichheiten in Europa und führte zahlreiche, aus seiner Sicht relevante Ungleichheitsdimensionen auf. Als er zum Ende kam, wurde es unruhig im Saal, und aus einer Ecke regte sich besonderer Unmut. Ein britischer Leitartikler meldete sich zu Wort und begann zu schimpfen. Aus seiner Sicht würden Soziologen nichts anderes tun, als immer neue Ungleichheiten zu entdecken und diese zum Problem zu machen. Sie erzeugten ihren Gegenstand gleichsam selbst und hätten bedauerlicherweise kein Instrumentarium entwickelt, gute und wünschenswerte Ungleichheiten von problematischen Ungleichheiten zu unterscheiden. Dieser Vorwurf saß, betraf er doch das Kerngeschäft soziologischer Analyse und die Frage danach, ob die Relevanzbehauptung der Ungleichheitsforschung überhaupt eine wissenschaftliche oder lebensweltliche Fundierung hat.

In der Tat kommt man nicht umhin zu konzedieren, dass diese Frage in vielen Arbeiten zur Ungleichheitsthematik stillschweigend in den Hintergrund gedrängt wird. Soziologen interessieren sich für die Beschreibung von Ungleichheiten sowie die Mechanismen ihrer Genese und weniger dafür, in welchem Sinne sie eigentlich ein »Problem« darstellen. Die von Rousseau (1984 [1755]) in seinem Diskurs über die Ungleichheit hergestellte Verknüpfung zwischen dem Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen und der Frage, ob und wie sie gerechtfertigt wird, ist später bemerkenswerterweise nach und nach aufgegeben worden. In einer Art unausgesprochener Arbeitsteilung wurden die normativen Fragen den Philosophen überlassen, die sie häufig fern aller Empirie und ohne weitergehende Kenntnis der Ursachen, Erzeugungsdynamiken und Folgen sozialer Ungleichheiten behandeln.

War es rund um das Thema Ungleichheit für lange Zeit recht still geworden, boomt es nun wieder. Ungleichheit hat die Titelseiten der Tageszeitungen erobert, und selbst konservative Medien schwenken nun auf den ungleichheitskritischen Diskurs ein. Plötzlich gelten Aussagen als opportun und mehrheitsfähig, die man zuvor als diskursive Reflexe der üblichen »Betroffenheitsakteure« abgetan hatte: der Gewerkschaften, der Linken oder derjenigen, die im gesellschaftlichen Verteilungsspiel ganz allgemein zu kurz gekommen sind. Dass sich die Debattenlage so heftig verschoben hat, hängt vor allem mit gesellschaftlichen Veränderungen zusammen, also dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Aufgehen der Einkommensschere, der sich zuspitzenden Vermögenskonzentration, der anhaltend engen Verkopplung von sozialer Herkunft und Lebenschancen, der stärkeren Sensibilisierung für globale Ungleichheiten und der Entstehung einer gesellschaftlichen Unterschicht am unteren und einer neuen Gruppe von »Obertanen« am oberen Ende der Sozialstruktur.

Einige statistisch belegbare Entwicklungen sind in diesem Zusammenhang in der Tat frappierend: Zwar können wir im Zuge des ökonomischen Wachstums in bevölkerungsreichen Ländern wie China, Indien oder Brasilien die Herausbildung einer neuen Mittelschicht beobachten, gleichzeitig wachsen jedoch die Einkommens- und Vermögensungleichheiten innerhalb dieser Länder. Auch global ist der Reichtum äußerst ungleich verteilt: Die eine Hälfte befindet sich in den Händen von einem Prozent der Weltbevölkerung, die übrigen 99 Prozent teilen sich die andere Hälfte. Auch für Deutschland liegen Zahlen vor, die auf eine überaus schiefe Verteilungssituation hinweisen: Das private Vermögen konzentriert sich zunehmend bei einer kleinen Bevölkerungsgruppe. Der viel diskutierte vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hat diesen Tatbestand vor einiger Zeit gut dokumentiert (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2013). Zwar erlitt dieser Trend in Folge der jüngsten Finanzkrise eine kleine Delle, aber seitdem steigt das Vermögen der Privilegierten weiter an, und die gesamtgesellschaftliche Ungleichverteilung nimmt weiter zu. Zugleich lässt sich ein profunder Strukturwandel der Ungleichheit beobachten, etwa Prekarisierungstendenzen im unteren Arbeitsmarktsegment, die Entstehung eines Dienstleistungsproletariats, ein erhöhtes Armutsrisiko von Alleinerziehenden und Großfamilien, verstärkter Wettbewerbsdruck in nahezu allen Lebensbereichen, Verdrängungsprozesse in den Innenstädten, die auch die Mittelschicht betreffen, oder ungleiche Lebenschancen im Kohortenvergleich.

Die moralische Empörung über solche Befunde ist verständlich, denn die sozioökonomischen Entwicklungen der letzten Jahre stellen ein (zumindest in Westeuropa) lange Zeit konsensuell getragenes Verteilungsmodell infrage. Der Kuchen sollte nicht nur wachsen, alle sollten zunehmend größere Stücke davon abbekommen, nicht nur einige wenige. Wenn in Betriebskantinen, Fernreisebussen oder auch universitären Einführungsseminaren zur Sozialstrukturanalyse über Ungleichheit gesprochen wird, dann endet dies oft im Lamento, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Es geht hier vor allem um das diffuse Gefühl, dass Dinge aus dem Lot geraten sind, konkret: dass einige Gruppen unverhältnismäßige Einkommensgewinne und Vermögenszuwächse erzielen können und dass Privilegien mitunter auf unrechtmäßige Weise zustande kommen. Die von vielen Menschen wahrgenommenen Verwerfungen der Ungleichheit haben ihre Akzeptanz prekärer gemacht. Einerseits. Andererseits ist der Umverteilungs- und Ungleichheitsbegrenzungsoptimismus immer weiter abgeflaut, und dies aus dreierlei Gründen: Wir werden Zeugen einer gewissen Schicksalsergebenheit, da man den Lauf der Dinge ja ohnehin nicht ändern könne; hinzu kommt eine nicht unbeträchtliche Skepsis in Bezug auf die Frage, ob staatliche Ungleichheitskorrekturmaßnahmen überhaupt geeignet sind, um die gewünschten Resultate zu erzielen; und schließlich ist nach wie vor die Überzeugung weit verbreitet, der Markt sei zwar taub gegenüber den Gerechtigkeitsansprüchen der Gesellschaft, als Wohlstandsproduzent aber unerreicht und alternativlos. Wer seine Erträge und schöpferischen Leistungen erhalten wolle, müsse daher auch akzeptieren, dass er immer wieder Ungleichheiten produziert.

Diese Diskussion ließe sich in vielen argumentativen Schleifen weiterführen, stellt sich doch sofort die Frage, ob die hier angesprochenen Ungleichheiten tatsächlich marktfunktional sind oder ob sie die Effizienz des Marktes nicht doch eher unterminieren. An dieser Stelle bräuchte man dann allerdings ein Kriterium, mit dessen Hilfe sich Markt und Ungleichheit in ein Verhältnis setzen lassen, ohne die Einbettung in gesellschaftliche Zusammenhänge zu vernachlässigen (vgl. Beckert 2014). Können nicht auch Moral und grundlegende Gerechtigkeitsimperative Marktversagen verhindern und das Überleben der Märkte sichern? Heutzutage erscheint es schon beinahe naiv, auf Märkten produzierte Ungleichheiten ausschließlich als notwendig, funktional und naturwüchsig zu beschreiben, gesellschaftliche Gerechtigkeitsansprüche hingegen als Effizienzbremsen und Ausdruck einer grassierenden Neidkultur.

Es ist wohl so: Das Streben nach mehr Gleichheit ist ins Hintertreffen geraten und als politisches Ziel verblasst, zugleich flammt in nennenswerten Teilen der Bevölkerung auch Empörung über allzu große Ungleichheiten auf. Die »Krise der Gleichheit« (Rosanvallon 2013, S. 15) und die »Krise der Ungleichheit« treten also gleichzeitig auf – das macht die Lage so kompliziert. Daher wird es auch immer wichtiger, die Fragen nach dem gewünschten, notwendigen oder erträglichen Maß an Ungleichheit offener und ehrgeiziger zu adressieren, als dies bislang häufig der Fall gewesen ist. Eine rein normative Betrachtung legitimer Ungleichheiten greift zu kurz, eine rein effizienztheoretische Begründung führt ebenfalls in die Irre. Moderne Gesellschaften sind weitaus mehr als moralische Veranstaltungen, sie sind aber auch sehr viel mehr als optimale Märkte. Geht man von dieser simplen Prämisse aus, kann man ohne ideologische Scheuklappen die eigentlich interessanten Fragen erörtern. Es geht darum, normative und funktionale Aspekte zusammenzudenken, anstatt sie gegeneinander auszuspielen. Dann sieht man schnell, dass beispielsweise die Hyperkonzentration von Vermögen nicht nur moralisch zweifelhaft sein kann, sondern zugleich dysfunktional – mit gravierenden Folgeschäden für wirtschaftliches Handeln und soziale Integration.

Um eine offene Auseinandersetzung über die normativen, sozialen und funktionalen Fragen, die tief in der Ungleichheitsthematik stecken, in Gang zu setzen, haben wir die Autorinnen und Autoren dieses Sammelbandes gebeten, ihre Standpunkte und Sichtweisen pointiert zu Papier zu bringen: Welche gesellschaftlichen Probleme ergeben sich durch die gegenwärtig beobachtbaren Ungleichheitsdynamiken? Wo schlägt Ungleichheit in Ungerechtigkeit um? Auf welche Weise lässt sich wirksam gegensteuern? Welche Ungleichheiten brauchen wir, welche sollten vehement bekämpft werden? Die Antworten und Problematisierungen sind aus der Sicht der Soziologie, der Geschichte, der Politik-, der Wirtschafts- und der Rechtswissenschaften formuliert.

Den ersten Teil dieses Bandes bilden fünf grundlegende Beiträge, die sich dem Ungleichheits-Ungerechtigkeits-Nexus aus unterschiedlichen (theoretischen) Perspektiven widmen. Im zweiten Teil des Bandes werden sieben ausgewählte, unserer Auffassung nach besonders aktuelle Felder der Ungleichheit von jeweils zwei Beitragenden – konträr oder komplementär – beleuchtet: Bildung, Markt, Sozialstaat, Geschlechter, Erbschaften, Zuwanderung und Demokratie. Als Fluchtpunkt dienen stets die beiden zentralen Fragen: Inwiefern ist Ungleichheit dysfunktional, das heißt mit (hohen) individuellen und gesellschaftlichen Kosten verbunden? Aber auch: Inwiefern kann Ungleichheit funktional (bzw. zumindest akzeptabel) sein?

Gerade in einem Buch, das sich mit Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten befasst, möchten wir ausdrücklich darauf hinweisen, dass mit männlichen Bezeichnungen im Regelfall selbstverständlich auch Frauen angesprochen sind.

Unser Dank gilt zunächst unseren neunzehn engagierten Autorinnen und Autoren. Zudem danken wir Susanna Kowalik, Jonas Mielke und Julia Feldmann, die unsere Arbeit kompetent und gewissenhaft unterstützt haben, und Heinrich Geiselberger vom Suhrkamp Verlag, der dieses Projekt geschmeidig begleitet hat.

Literatur

Beckert, Jens (2014), »Die sittliche Einbettung der Wirtschaft. Von der Effizienz- und Differenzierungstheorie zu einer Theorie wirtschaftlicher Felder«, in: Der Wert des Marktes. Ein ökonomisch-philosophischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, herausgegeben von Lisa Herzog und Axel Honneth, Berlin: Suhrkamp, S. 548-576.

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hg.) (2013), Lebenslagen in Deutschland – Vierter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (veröffentlicht am 7. März 2013).

Rosanvallon, Pierre (2013), Die Gesellschaft der Gleichen, Hamburg: Hamburger Edition.

Rousseau, Jean-Jacques (1984 [1755]), Diskurs über die Ungleichheit. Discours sur l'inégalité. Kritische Ausgabe des integralen Textes von Heinrich Meier, Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Heinz BudeBrennpunkte sozialer Spaltung

Seit ungefähr einem Vierteljahrhundert werden die weitgehend bekannten Befunde über die Persistenz sozialer Ungleichheit in der Öffentlichkeit als schlagende Belege für eine soziale Spaltung unserer Gesellschaft und mithin ein wachsendes Gerechtigkeitsproblem gewertet. Wenn die Einkommenschancen und Lebensverhältnisse von Reichen und Armen auseinanderdriften, wenn die Nettoeinkommen der Mittelschichten stagnieren (oder gar sinken) und wenn sich in den Schichtzwischenräumen Gruppen bilden, deren Angehörige sich von der gesellschaftlichen Entwicklung abgehängt fühlen, dann ist der soziale Zusammenhalt gefährdet. Dann reden wir nicht mehr über weithin akzeptierte Verhältnisse von Oben und Unten, sondern von sich verschärfenden Tendenzen einer Spaltung zwischen Drinnen und Draußen. In seinem 2012 veröffentlichten Buch Coming Apart formuliert Charles Murray, der einst Ronald Reagan bei seiner neoliberalen Revolution assistiert hat, eine zwischen Empörung und Verzweiflung schwankende Prognose für die Zukunft der USA: Die Nation zerfalle in eine neue Ober- und eine neue Unterklasse. Die Leute mit den »systemanalytischen Fähigkeiten« (vgl. Reich 1992), die im großen Cluster der Wissens- und Kulturindustrien beschäftigt sind, hätten mit den Leuten ohne college degree, ohne Krankenversicherung und ohne Familienmahlzeiten, mit Menschen, die sich von Job zu Job hangeln und auf keine Arbeit stolz sein können, nichts mehr zu tun. Es gäbe keine Volkspartei mehr, in der sie sich gemeinsam aufgehoben fühlen, keine Fernsehprogramme, die sie gemeinsam sehen, und keine Stars, denen sie gemeinsam zujubeln könnten. Steht eine solche Situation heute allen Gegenwartsgesellschaften bevor, ob sie nun zu den entwickelten Volkswirtschaften der OECD-Welt, zu den mit Macht aufschließenden Schwellenländern oder zu den fraktalen Gesellschaften Afrikas gehören?

Zur Kennzeichnung der neuen Lage hat sich der Begriff der sozialen Exklusion eingebürgert, der die Teilhabe am großen Ganzen zum Maßstab der Gerechtigkeit macht. Er impliziert eine Zwei-Welten-Theorie, wonach in der einen Welt eine »Mehrheitsklasse« lebt, die sich als Treiberin und Profiteurin des gesellschaftlichen Wandels begreift, und in der anderen eine irreguläre Klasse von Ausgegrenzten, Ausgebeuteten und Aussortierten, die mit Statusfatalismus geschlagen sind und sich weder für sich noch für ihre Kinder noch etwas ausrechnen. Der Begriff der sozialen Exklusion bringt den Verlust des Integrationsoptimismus einer »langen Nachkriegszeit« zum Ausdruck, der auf der Vorstellung einer sich ausbreitenden und tief verankerten Mitte der Gesellschaft beruhte. Randgruppen nahm man natürlich zur Kenntnis, aber man hoffte, diese durch randgruppenspezifische Adressierungsprogramme nach und nach in die Mitte holen oder sie zumindest an die Mitte anschließen zu können. Gerechtigkeitsansprüche wurden durch Integrationsangebote befriedigt. Die Integration erst von Flüchtlingen und Vertriebenen, dann von Gastarbeitern und Zugewanderten schien letztlich der Beweis dafür zu sein, dass dieses Unterfangen – trotz der nicht zu leugnenden Anerkennungskämpfe zwischen Etablierten und Außenseitern – funktionieren könnte. Dieser prinzipielle Kohäsionsoptimismus, der zum Teil als Ausdruck einer Mittelklassenhegemonie gebrandmarkt wurde, ist heute einem prinzipiellen Pessimismus über die Einigungs- und Ausgleichsfähigkeit von Gesellschaften unserer Art gewichen. Die »Mehrheitsklasse« zeigt sich durch das Entstehen von Subkulturen beunruhigt, die nicht mehr den Aufstiegswillen, die Bildungsbereitschaft, Leistungsmotivation und Selbstdisziplin aufbringen, die lange als notwendig erachtet wurden. Die Ausgeschlossenen im ethnisch heterogenen Milieu winken ihrerseits ab, weil sie an das Aufstiegsversprechen durch Bildung und das Beteiligungsversprechen durch Politik schon lange nicht mehr glauben.

Bisweilen drängt sich der Gedanke auf, dass vor unseren Augen mit Gesellschaftsmodellen ohne Mitte und Maß experimentiert wird. In den USA, in Südafrika oder in Russland scheint ein neuer Typ von Klassengesellschaften zu entstehen, bei dem die Privilegierten und die Unterprivilegierten ohne den Puffer einer vertikal differenzierten und horizontal pluralisierten Mitte direkt aufeinanderstoßen. Heute sind die Supermärkte für »organische« Lebensmittel in Brooklyn, Prenzlauer Berg oder London South West Orte offener Trennungen zwischen einer hoch gebildeten, sich gesund ernährenden und locker gestimmten auf der einen und einer gering qualifizierten, an Junkfood gewöhnten und mehrfach (gering-)beschäftigten Population auf der anderen Seite. Die einen kaufen dort französischen Käse, kalifornische Erdbeeren und deutschen Pumpernickel, die anderen räumen, wischen und gehen den Kunden beim Einpacken der Waren zur Hand. Der creative class (Richard Florida 2002) steht ein neues »Dienstleistungsproletariat« gegenüber.

Göran Therborn konstatiert in seinem 2013 erschienenen Buch The Killing Fields of Inequality, dass in den USA die Lebenserwartung von weißen Männern ohne College-Abschluss zwischen 1990 und 2007 um drei Jahre zurückgegangen ist; bei den weißen gering gebildeten Frauen sogar um fünf Jahre. Zwischen African und White Americans hat sich der Abstand in der Lebenserwartung im gleichen Zeitraum freilich reduziert. Allerdings betrug im Jahr 2008 der Abstand zwischen Schwarzen mit weniger als zwölf Jahren Schulbildung und Weißen mit mehr als sechzehn Jahren sage und schreibe zwölf Jahre. Das ist dieselbe Differenz wie zwischen den USA und Bolivien. Doch selbst im Bildungswunderland Finnland ist zwischen 2004 und 2007 die Lebenserwartung bei Arbeitslosen und Alleinlebenden wieder auf den Stand vom Ende der achtziger Jahre gefallen.

Die Paradoxie heutiger Formen der sozialen Ungleichheit ergibt sich aus der extremer gewordenen Selektivität der Begünstigungen und Benachteiligungen innerhalb eines gemeinsamen gesellschaftlichen Bezugskosmos. So hat eine Armutsstudie, die in Großbritannien 2014 unter der Leitung von David Gordon durchgeführt wurde, ergeben, dass trotz steigender Wirtschaftskraft die materielle Not zunimmt. Obwohl sich die ökonomische Gesamtleistung des Landes in den vergangenen drei Jahrzehnten verdoppelt hat, hat sich der Anteil der Haushalte, die ihre Wohnung im Winter nicht ausreichend heizen können, von 14 Prozent auf 33 Prozent erhöht. Einen solchen Befund kann man schlecht als Steigerung relativer Armut durch relativen Reichtum abtun. Denn zum sprichwörtlichen warmen Essen für die Kinder gehört im Winter eine warme Stube für die ganze Familie. Wer sich das in einem Kernland Europas nicht leisten kann, ist nicht nur relativ, sondern absolut arm!

Wie jedoch sieht die Lage hierzulande aus? Spaltet sich auch die deutsche Gesellschaft, deren Steuerungselite sich bei jeder Gelegenheit zur sozialen Marktwirtschaft bekennt? Wer sind bei uns die Gewinner, wer die Verlierer dieses ominösen Zeitalters des Neoliberalismus, das die ganze Welt seit Beginn der achtziger Jahre in einen anderen Bewegungszustand versetzt hat?

Das Gefühl, dass sich unsere Gesellschaft spaltet, wird zuerst und zumeist in der gesellschaftlichen Mitte artikuliert. Die Karriere des Protestworts »Gentrifizierung« veranschaulicht die Stimmung in der deutschen Mehrheitsklasse. Davon betroffen fühlt sich in den städtischen Ballungsräumen nicht in erster Linie die proletarische Stammbevölkerung von Bezirken, in denen die Immobilienpreise und Mieten aufgrund des Zuzugs einer neuen, lebenskulturell ambitionierten und symboltechnisch kompetenten Population in die Höhe schnellen. Es ist vielmehr diese Vorhut der Umwandlung, die sich von einer finanzstärkeren Klientel, die das Flair von Clubs, Galerien und Lofts liebt, verdrängt sieht. Es kommen zuerst die Künstler und Kreativen, die die Freiräume besetzen und den »Trash« inszenieren, und dann die Rentiers und Erben, die die ungezwungene Atmosphäre und das süße Leben suchen.

Man darf sich diesen Wandel nicht als einen Prozess der sukzessiven Verdrängung vorstellen, man sollte ihn besser als einen der fortwährenden Überlagerung und Verflechtung begreifen. Die Avantgarde der Raumpioniere und die Nachhut der Besserverdienenden teilen schließlich den Geschmack und die Gepflogenheiten. Es kann sogar sein, dass man sich von der weiterführenden Schule oder aus dem Studium kennt. Die eine hat trotz einer Abiturnote von 1,0 Kunst studiert, der andere hat es trotz eines Durchschnitts von 2,0 nach einer Warteschleife an einer ausländischen Universität doch noch geschafft, einen Studienplatz für Medizin zu ergattern. Beide wohnen sie jetzt in demselben angesagten Viertel: in einer mietpreisgeschützten Altbauwohnung die alleinerziehende Künstlerin mit ihrer Tochter, in einer Eigentumswohnung im Dachausbau der Sportarzt mit seiner fünfköpfigen Familie. Mit vierzig Jahren gehört sie – gemessen an Einkommen, Bildungsabschluss und Berufsposition – zur unteren und er zur oberen Mitte der Sozialstruktur. Mit einer unternehmerisch geführten sportmedizinischen Praxis ist einfach mehr Geld zu machen und mehr Prestige zu behaupten, als es einer freischaffenden bildenden Künstlerin mit gelegentlichen Förderungen und ohne Galeristen möglich ist. Angesichts der Entwicklung auf dem Immobilienmarkt muss sich die Künstlerin als Verliererin und kann sich der Sportarzt als Gewinner der innerstädtischen Dynamik empfinden.

Die Spaltung zwischen oberer und unterer Mitte stellt sich in der Generationenfolge weniger als ein stabiles Resultat von Herkunft, sondern mehr als ein variables von Karrieren dar, die gesellschaftliche Positionszuweisungen oft als zufällig erscheinen lassen. Es ist die falsche Wahl des Studienfachs, des Freundeskreises, des Mentors, des Lebenspartners oder des Wohnorts, die den Unterschied macht. Die untere Mitte ist freilich nicht nur von den Anwältinnen, Architekten, Übersetzerinnen, Familienhelfern, Projektmitarbeiterinnen bevölkert, die sich mit akademischer Qualifikation als Solounternehmer mit faktischen Stundenlöhnen von etwa zehn Euro durchschlagen, vielmehr finden sich da auch viele Angestellten- und Facharbeiterhaushalte mit drei oder mehr Kindern, die mit den Eineinhalb-Einkommen der Eheleute oder Lebensgemeinschaftspartner nur über einen »prekären Wohlstand« verfügen (Hübinger 1996).

Sie alle schauen mit einer gewissen Verbitterung auf die Doppelverdiener-Haushalte von high potentials, die in den letzten dreißig Jahren erhebliche Einkommens- und Vermögensgewinne erzielt haben. Insbesondere dann, wenn sie sich, wie die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigen, mit fünf bis zehn Mitarbeitern selbstständig gemacht haben. Ihr Lebenszuschnitt ist von unbekümmertem Komfort gekennzeichnet, sie können ihren Kindern eine exzellente Ausbildung finanzieren und einem gesicherten Lebensabend in der eigenen Immobilie entgegensehen – mit genügend Spielraum für schöne Theaterabende und interessante Ferienreisen.

Die wahrnehmbare Differenz in den Lebenschancen zwischen denen, die trotz guter beruflicher Qualifikationen und hohem gewerblichem Engagement mehr oder minder über die Runden kommen, und jenen, die Tag für Tag erleben, dass Leistung sich lohnt, spaltet die gesellschaftliche Mitte in Deutschland. In dem Maße, wie die Ausscheidungswettbewerbe auf den verschiedenen Karrierestufen nach dem Winner-take-all-Prinzip funktionieren, bleibt in der Mitte eine sich beständig vergrößernde Restpopulation zurück, die sich mit dem begnügen muss, was die anderen an Geld und Prestige übrig lassen. Wenn die Statusreproduktion von Herkunft auf Karriere umstellt, dann ist vor der Exklusionsdrohung fast niemand gefeit. Es fehlt dann auch ein übergreifendes Gerechtigkeitsnarrativ, das gesamtgesellschaftliche Geltung beanspruchen kann.

Den anderen Brennpunkt der sozialen Spaltung stellen die unteren Ränge des gesellschaftlichen Positionssystems dar. Hier findet die Konfrontation statt zwischen den Angehörigen einer Gruppe der marktbezogenen Proletarität, die trotz Vollzeitbeschäftigung arm bleiben, und den Mitgliedern eines Milieus der staatsbezogenen Prekarität, die zwischen Beschäftigung, Quasi-Beschäftigung und Nicht-Beschäftigung hin- und herwechseln.

Das Ressentiment-Bild des sich auf dem Sofa räkelnden, Fernsehen schauenden, Kartoffelchips verzehrenden und Bösartigkeiten von sich gebenden Arbeitslosen hat ausgedient. Der »aktivierende Sozialstaat« hat zumindest im wirtschaftlich prosperierenden Deutschland, in dem es in Bayern oder Baden-Württemberg seit Jahren Bezirke mit Vollbeschäftigung gibt, amtserfahrene, maßnahmegeschulte, beschäftigungsflexible und pendelbereite »Grenzgänger am Arbeitsmarkt« hervorgebracht (Grimm et al. 2013). Prekarität ist hier ein lebenspraktischer Dauerzustand des ruhelosen Hin und Her zwischen institutionell bereitgestellten Arbeitsgelegenheiten, befristeter Beschäftigung und überwachter Nicht-Beschäftigung. Man strampelt sich ab, fasst neuen Mut – und kommt doch über eine gläserne Decke nicht hinaus, weil einen Beziehungskrisen, Haushaltsüberschuldungen, psychische Zusammenbrüche und unkalkulierbare Lebensereignisse immer wieder zu Boden werfen.

Das sind nicht die auf eine Zahl von einer Million geschätzten Langzeitarbeitslosen, die von den Jobcentern als »unvermittelbare Population« verwaltet werden, weil sie sich wegen »multipler Vermittlungshemmnisse« als ungeeignet für das Besteck von Qualifizierung, Beratung und Probebeschäftigung erweisen. Wer nach ärztlichem Befund drei Stunden am Tag arbeiten kann, ist noch lange nicht dem ganz normalen Stress der Berufswelt gewachsen. Es geht beim sozialstaatlich aktivierten Prekariat um die anderen zwei bis drei Millionen, die den Traum von einer festen Stelle, die ihren Qualifikationen und Talenten entspricht, nicht aufgeben wollen. Dafür lassen sie sich immer wieder zurichten, aber dann sollen diejenigen, die sie für verantwortlich halten, ihnen im Gegenzug auch weiterhelfen.

Diesem Traum haben die zwölf bis fünfzehn Prozent aller Beschäftigten, die in der Gebäudereinigung, der Paketzustellung, bei den Sicherheitsfirmen, in der Pflege, in Gaststätten, in Friseursalons oder in Billigläden tätig sind, längst abgeschworen. Das sind einfache Dienstleistungen, für die wenig bezahlt, bei denen aber viel verlangt wird. Paketzustellung ist eine körperlich belastende und mental anspruchsvolle Tätigkeit. Die Leute, die einem die Sendungen von den bekannten Internethändlern liefern, müssen bei der Zusammenstellung der täglichen Tour nicht nur logistisch fit sein, sie müssen auch in Wohnanlagen kommen, bei denen ihnen niemand die Tür öffnet, sie müssen nicht allein Bücher, sondern zunehmend auch Möbel und Autozubehör in obere Stockwerke von Häusern ohne Aufzug wuchten, und sie müssen sich bei alledem kundenfreundlich und dienstleistungsbereit zeigen. Das macht man bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von vierzig bis fünfzig Stunden bestenfalls zehn bis fünfzehn Jahre – und dafür wird man mit 900 bis 1100 Euro netto im Monat entlohnt.

Die endemische Kostenkrankheit in diesen Dienstleistungsbranchen, die der Ökonom William J. Baumol (1967) schon Ende der sechziger Jahre festgestellt hat, bringt es mit sich, dass höherer Profit nur durch ein Drehen an der Belastungsschraube zu erreichen ist. Die Normzeit für die Pflege eines bettlägerigen alten Menschen, die Reinigung eines Büros mit Fensterbankputzen, Papierkorbentleerung und Nasswischen oder die Verteilung der Zeitungen in einem Wohnhaus mit elf Zustelladressen lässt sich immer noch weiter reduzieren. Darauf achtet ein System von watchdogs, die bei Ermüdungserscheinungen oder Kundenbeschwerden sofort anschlagen und die körperliche Belastbarkeit des Einzelnen infrage stellen.

Das kapitalistische Wohlstandsversprechen, demzufolge man sich durch harte Arbeit auch ein paar schöne Dinge leisten kann, geht bei den einfachen Dienstleistungen nicht auf. Welche kleinen Freuden kann man sich bei dieser Entlohnung am Wochenende noch leisten? Wie soll man für ein schönes Auto oder ein gemütliches Sofa sparen? Welche Alterssicherung ist bei diesen Löhnen möglich?

Die im Segment der einfachen Dienstleistungen Beschäftigten bilden heute ein Serviceproletariat, das im Unterschied zum Industrieproletariat keinen kollektiven Block bildet. Das Gesicht der Proletarität unserer Jetztzeit ist weiblich, ethnisch heterogen und qualifikatorisch diffus. In der Putzkolonne arbeitet eine ehemalige Abteilungsleiterin aus Moldawien neben einem syrischstämmigen jungen Deutschen ohne Schulabschluss und einem Sachsen, der früher als Metaller tätig war. Ein wegen der offenen Grenzen nicht versiegender transnationaler Unterschichtungsprozess sorgt dafür, dass der Omnibus fürs Dienstleistungsproletariat, um das Bild von Joseph Schumpeter (1953 [1927]) zu verwenden, trotz der durch körperlichen Verschleiß bedingten Ausstiege immer wieder mit neuen, anfangs frischen Fahrgästen gefüllt wird.

Das Einzige, worauf die Proletarier unserer Zeit stolz sind, ist, dass sie ihr Geld selbst verdienen und nicht vom Staat abhängig sind. Deshalb sind ihnen die Grenzgänger am Arbeitsmarkt, die sich dem Sozialstaat in die Arme werfen und auf die Wiederkehr der »goldenen Epoche« der arbeiterlichen Respektabilität hoffen, nicht grün. Das Prekariat der vergehenden Großgruppengesellschaft und das Proletariat der sich ausbreitenden Gesellschaft der Individuen stehen sich so fremd gegenüber, dass sie keine Sprache für gemeinsame Ideen, Interessen und normative Ansprüche mehr finden können.

Literatur