Un-heimliches in Hatten und andernorts - Galerie Kunstvoll (Hrsg.) - E-Book

Un-heimliches in Hatten und andernorts E-Book

Galerie Kunstvoll (Hrsg.)

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Beschreibung

Herausgeberin ist die Galerie Kunstvoll, Hatten, Landkreis Oldenburg. Die beteiligten Autor*innen (in alphabetischer Reihenfolge): Felicia Aparicio Lukaßowitz, Daniela Behrens, Marlies Blauth, Monika Dietrich, Oliver Fahn, Rieke Geldmacher, Lotte Greschik, Eva Joan, Christian Knieps, Dorothee Krämer, Thomas Krause, Vanessa Kreitlow, Philipp Mattes, Sarah Maxl, Eline Menke, Kerstin Riechert, Milena Sagawa-Krasny, Norbert Schäfer, Samantha Schwetmann, Marec Béla Steffens, Laura Sophie Stölzl, Anna Neele Tetenborg, Andrea Tillmanns, Holger Vos, Majon Wallis und Cleo A. Wiertz. --- Wenn beunruhigende Dinge auf dem Dachboden geschehen, wenn ein Ort verflucht scheint oder wenn man ein verlassenes Haus betritt, kann das unheimlich sein. Wenn geheim gehaltene Gefühle hervorkommen, wenn Verbrechen aufgeklärt werden oder wenn lang gehegte Träume endlich wahr werden, wird etwas Heimliches un-heimlich gemacht, also offengelegt. Diese Anthologie versammelt unterschiedliche Texte und Kunstwerke, die sich alle auf das Thema "Un-heimlich" beziehen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Galerie Kunstvoll (Hrsg.)

Un-

heimliches

in Hatten

und andernorts

Geschichten und Gedichte

Anthologie

2025

Un-

heimliches

in Hatten

und andernorts

Anthologie

1. Auflage

© der Werke liegen

bei den jeweiligen

Künstler*innen und

Autor*innen

2025

https://galerie-kunstvoll.blogspot.com/

[email protected]

Korrektorat: Team Galerie Kunstvoll

Umschlaggestaltung: © Anke Vos

Herstellung:

epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheits-verordnung: [email protected]

Inhalt

Vorwort

Varyx

drei Uhr morgens

Cordes

Kurz vor dem Aufhellen

Der Hain

Glasauge

Siebrecht

Unheimlich unperfekt

Das Traumhaus

Mittwinter

Die Stubenfliege

Was die Luft souffliert

Der Speicher

Felder

Wenn die Eiswölfe singen

Gespenster

Marlena

Im Schlaf

Das Manuskript – eine (un)heimliche Übergabe

Moorflüstern

Lila

Hinter Trugfenstern

Bergwanderung

Nachts

Die Leihgabe der Madame Guillotine

finster doch sollen die nächte sein

Am Fluss

schattenmeister

Die perfekte Serie

Unästhetische Ansprache

Der Ausflug

Drei Microstories/Drabbles

Hinter dem Sichtbaren

Die Künstler*innen

Die Autor*innen

Vorwort

Wenn beunruhigende Dinge auf dem Dachboden geschehen, wenn ein Ort verflucht scheint oder wenn man ein verlassenes Haus betritt, kann das unheimlich sein.

Wenn geheim gehaltene Gefühle hervorkommen, wenn Verbrechen aufgeklärt werden oder wenn lang gehegte Träume endlich wahr werden, wird etwas Heimliches un-heimlich gemacht, also offengelegt.

Im Herbst des Jahres ihrer Eröffnung sucht die Galerie Kunstvoll nach un-heimlich(en) kreativen Werken. Dabei geht es nicht ausschließlich um Werke aus dem Bereich der bildenden Kunst, sondern auch um literarische Texte. Beabsichtigt ist, dass Gesehenes und Gelesenes (oder Gehörtes) in den Köpfen der Besucher*innen in einen individuellen Dialog treten.

Um diesen Dialog auch jenen zu ermöglichen, die keine Gelegenheit hatten, die Ausstellung zu besuchen, sind die Werke in diesem Buch abgedruckt.

So vielfältig wie die Werke in der Galerie sind auch die Texte in der vorliegenden Anthologie: Es sind hier klassische Gruselstories zu finden, atmosphärisch dichte Kurzgeschichten, die Verborgenes offenbaren, Geschichten mit Lokalbezug und lyrische Texte, die mit sprachlichen Bildern und Assoziationen in unbekanntes (nicht heimeliges) Terrain führen.

Wir danken allen Künstler*innen für ihre Teilnahme an diesem unheimlich spannenden Projekt. Bei aller Unterschiedlichkeit haben ihre Werke doch eines gemeinsam: Sie sind allesamt unheimlich gut!

Viel Freude beim Betrachten und Lesen wünscht

das Team der Galerie Kunstvoll

Hatten, im Herbst 2025

Varyx

Christian Knieps

Den ganzen Tag lang lief schon der Fernseher. Das bläulich wirkende Flimmern warf merkwürdige Schatten in den abgedunkelten Raum, in dem Timothy stand. Es war seine Eigenheit, beim Fernsehen zu stehen, und auch nur in einem abgedunkelten Raum. Weil ihn das Sonnenlicht viel zu sehr von den Geschehnissen auf dem Bildschirm ablenken würde, sagte er immer. Dass er stand, hatte die einfache Bewandtnis, dass er zuweilen bei gewissen szenischen Sequenzen Angstschübe bekam, die so stark auf ihn wirkten, dass er ihnen nachgeben musste. Er musste es einfach tun und versteckte sich, es blieb ihm keine andere Wahl. Den Mut, diesen Angstreiz auszuhalten, hatte er nicht. Das wusste Timothy und hatte längst damit abgeschlossen. Indem er akzeptierte, dass es Rahmenbedingungen für das Fernsehen gab, akzeptierte er außerdem, dass er beim Fernsehen nicht entspannen konnte. Sondern es war Arbeit. Harte, widerliche Arbeit, der er sich aber nicht entziehen konnte. Hier fehlte nicht nur der Mut, sondern er wollte es auch nicht. Fernsehen war für ihn das Tor zur Welt außerhalb des Hauses, das er seit längerem nicht verlassen hatte. Offiziell hieß es, er habe eine Lichtallergie der höchsten Stufe, doch seine Eltern wussten, dass er nur schauspielerte. Sie hatten ihn einmal dabei erwischt, wie er sich hinter einer Hecke versteckt die Arme aufkratzte, um die Allergie vorzutäuschen. Zuerst ließen sie ihn gewähren und schützten ihn vor seiner eigenen Lüge, doch dann fehlte ihnen irgendwann der Mut, ihm zu sagen, dass er sich behandeln lassen müsste.

Seit Timothy in seinem Zimmer lebte, abgedunkelt, ausgemergelt, stets bereit, hinter die Couch zu springen, wenn das szenische Treiben zu heftig wurde, hatte er sich nicht mehr blutig kratzen müssen. Seine Mutter kam zwei Mal am Tag vorbei und sah nach ihm, stellte ihm Wasser und etwas zu essen auf den kleinen Tisch, sah in der angrenzenden und vom Vater nachträglich eingebauten Toilette nach, ob noch alles in Ordnung war, und schloss dabei sogar die Zimmertüre, damit das Licht aus dem Flur nicht zu sehr auf Timothy fiel.

Die Eltern dachten, dass sie ihren Sohn so weit verstanden, dass er nichts anderes wollte, als fernzusehen. Doch Timothy wusste viel mehr über seine Eltern, als sie ahnten. Denn wenn sein Vater zur Arbeit fuhr und seine Mutter den Halbtagsjob in einer kleinen Drogerie am Ende der Straße antrat, kam Timothy aus seinem Zimmer heraus und streunte durch das Haus. Meistens ziellos und ohne, dass er etwas anfasste, sondern eher aus dem Grund, herauszufinden, ob eine Bedrohung für ihn existierte, von der er wissen müsste. Doch in der Regel fand er nichts. Was er allerdings jeden Tag prüfte, war die Türe zum Dachboden, in dem der Vater seine wichtigsten Gegenstände aufbewahrte. Timothy wusste von seinem Vater, dass er zwar ein guter Mensch war, aber auch seine dunklen Züge besaß, die er jedoch nicht beschreiben konnte. Er spürte nur die Dunkelheit, wenn sein Vater ihm nahekam – und es war eine andere Dunkelheit als jene, die er in seinem Zimmer hatte. Keine optische Dunkelheit, sondern eine kalte, tiefergehende Dunkelheit ohne Namen.

Auch an diesem Tag ging Timothy durch das Haus und er berührte nichts außer die Klinke zum Dachboden. Aus irgendeinem Grund gab die Klinke nach. In Timothy wallte die Angst in wilden Schüben und er stürzte ohne Rücksicht auf irgendeinen Gegenstand, der ihm im Weg stehen konnte, in sein Zimmer und warf sich in sein Versteck. Er lauschte, doch es war nichts zu hören. Er versuchte zu erspüren, ob etwas Fremdes, etwas Bedrohliches in das Haus gelangt wäre, doch da war ebenfalls nichts. Nach einer Weile kam Timothy auf den Gedanken, dass es wohl gar keine Bedrohung gab, sodass er aus seinem Versteck hervorkroch und auf leisen Sohlen zur Tür schlich, hinaussah und nichts Ungewöhnliches entdeckte.

Indem sich Timothy durch einen Blick auf die Uhr versicherte, dass seine Eltern noch lange nicht nach Hause kamen, trat er aus seinem Zimmer heraus und schlich zur Türe zum Dachboden zurück. Bei jedem Schritt blieb er stehen, prüfte seine linke Seite, dann seine rechte, und blickte nach hinten, ob sich etwas in seinem Nacken näherte. Doch es blieb alles still. Er erreichte die Türe, die weithin offenstand. Er konnte in den Dachboden hineinsehen und sah erst einmal kaum etwas anderes als ein offen isoliertes Dach und eine Treppe, die einige Stufen hatte. Wenn er es sich genauer überlegte, hätte er auch nichts anderes erwarten können, denn sein Vater war sehr darauf bedacht, dass niemand erfuhr, was auf dem Dachboden vor sich ging. Somit musste sein Vater Sorge dafür tragen, dass jemand, der zufällig ein paar Treppenstufen nach oben kam, nichts weiter als das Dach zu sehen bekam. Es musste wie ein normaler Dachboden wirken, der nichts Interessantes barg.

Timothy musste sich einen Schlachtplan für den Fall überlegen, dass er mitten auf der Treppe stand und plötzlich etwas oben auf dem Dachboden oder hinter ihm erschien und ihm den Fluchtweg versperrte. Beinahe wäre er wieder in sein Zimmer geflüchtet, doch aus irgendeinem Grund setzte er seinen Fuß auf die erste Treppenstufe. Wiederum alle vier Seiten stetig prüfend, stieg er die Treppe hinauf und schaute über den Rand des Einschnitts, indem er sich auf seine Zehenspitzen stellte. Hier oben schien keine Bedrohung zu sein, und auch standen überraschenderweise nur sehr wenige Gegenstände in dem Raum.

Timothy hatte ein riesiges Lager erwartet, mit sehr vielen Gegenständen, denn er konnte sich erinnern, dass sein Vater früher des Öfteren mit einem Gegenstand unter dem Arm auf dem Dachboden verschwunden war und ohne ihn wiederkam. Wo diese Gegenstände geblieben waren, fragte er sich, aber vielleicht hatte sein Vater den Dachboden in der letzten Zeit entrümpelt, während Timothy in seinem abgeschotteten Zimmer fernsah. Doch irgendetwas in ihm wollte das nicht glauben – es musste eine andere Erklärung geben. Er drehte sich nach allen Seiten und suchte den einen Gegenstand, den es zu finden galt. Woher Timothy wusste, dass er genau nach einem einzigen Gegenstand suchte, konnte er sich nicht zusammenreimen, doch als er seinen Blick auf eine aufgerichtete und scheinbar schwebende Armeedecke in tiefem Schwarzgrau richtete, ahnte er, dass er den Gegenstand gefunden hatte. Langsam ging er darauf zu und je näher er der Decke kam, desto stärker wurde seine Anspannung. Sie wuchs so sehr, dass er sich beinahe nicht getraut hätte, die Decke anzuheben, um zu schauen, was darunter war. Er wollte wieder zurück in sein Zimmer und sich überlegen, ob er beim nächsten Mal den Mut finden würde, das Geheimnis zu lüften. Aber was, wenn es kein weiteres Mal gab? Immerhin hatte der Vater die letzten zwei Jahre kein einziges Mal die Türe unverschlossen gelassen. Was, wenn es wieder zwei Jahre dauern würde? Was, wenn es noch länger dauerte? Vielleicht bis in alle Ewigkeit? Könnte Timothy so lange aushalten?

Diese Unsicherheit entschied für ihn die quälende Frage und er legte die Hand auf die Decke. Im ersten Moment fühlte sich die Decke wie eine normale Decke an, die man über sich legt, um darunter einzuschlafen. Auch im zweiten und dritten Moment änderte sich nichts, sodass Timothy schon dachte, dass die Decke nur deswegen über dem Gegenstand war, um ihn vor Staub und Alterung zu schützen. Diese neue Frage ließ seine Gedanken kurz schweifen, und just in diesem Moment zog er die Decke vom Gegenstand. Was vor ihm stand, war ein Spiegel. Ein mannshoher Spiegel, in dem sich Timothy betrachten konnte. Ein Spiegel! Nichts weiter war daran zu erkennen, sondern nur sein Spiegelbild. Timothy war enttäuscht und ging langsam auf die Rückseite des Spiegels, der immer noch ein Spiegelbild für ihn bereithielt. Jetzt konnte er ihn noch berühren, aber mehr als kaltes Glas, auf dem seine schweißnassen Fingerabdrücke kurz zu sehen waren, ehe sie wieder verschwanden, war nicht zu spüren. Kein paralleles Universum, das sich dahinter öffnete, kein Tor zur Vergangenheit oder Zukunft oder irgendetwas in der Art, was er schon mal in einer Fernsehsendung gesehen hatte. Er schaute an den Rand des beinahe randlosen Spiegels, doch seine Untersuchung brachte nur eine kleine Gravur zutage: VARYX.

Timothy war enttäuscht, hob die Decke vom Boden und versuchte, sie so gut es ging, über den Spiegel zu werfen, sodass sein Vater nach seiner Rückkehr von der Arbeit keine Veränderung feststellen würde. Auf der anderen Seite war noch eine kleine Stelle des Spiegels unbedeckt und Timothy schaute in der letzten Hoffnung hinein, dass der Spiegel doch mehr sei als nur ein gläsernes Etwas, aber er sah nur sich selbst, wie er ein leicht zorniges und enttäuschtes Gesicht machte. Mit dieser Geste schob er die Decke über den Spiegel und verhüllte ihn so, dass er meinte, die Verhüllung ähnelte der seines Vaters. Langsam durchwanderte Timothy den Raum, suchte den Dachboden noch nach spannenden Dingen ab, musste aber feststellen, dass er nichts fand, das von Interesse war. Ein paar alte Sachen, die er sogar von den unteren Etagen her kannte, alte Haushaltsgeräte, Kleidungsstücke und anderen Kram. Es schien, als wäre dies hier ein normaler Dachboden mit einem normalen Spiegel und anderen normalen Gegenständen.

Timothy schaute kurz nach, ob alles seine vorherige Ordnung hatte, und kletterte die Treppe nach unten. Dort schloss er die Türe zum Dachboden, prüfte die Klinke nach Stellung und Fingerabdrücken, doch diese war so sehr abgenutzt, dass sein Vater nicht erkennen würde, dass er oben gewesen war – insbesondere, da sein Vater nie festgestellt hatte, dass Timothy täglich die Klinke auf Verschluss prüfte. Er schlich in sein Zimmer zurück und setzte sich auf die Couch. Ehe ihm auffiel, dass er fernsah, ohne zu stehen, musste es Abend geworden sein, denn seine Mutter klopfte, und das tat sie nur, um ihm das abendliche Essen zu bringen. Timothy reagierte panisch und sprang auf die Türe zu, schmiss sich mit seiner Schulter dagegen und schrie lauthals wie ein Wahnsinniger vor sich her. Nach einem kurzen Versuch der Beruhigung zog seine Mutter ab und Timothy war für den Moment gerettet. Auch wenn eine solche Explosion ein neuer Moment war und sich daraus wieder Neuerungen in der Beziehung zu seinen Eltern ergeben würden, musste er unter allen Umständen verhindern, dass ihn seine Mutter sah, wie er normal auf der Couch saß und in den Fernseher starrte.

Mit dem Rücken an der Tür glitt Timothy auf den Boden und musste zugeben, dass er nun zwar wusste, dass etwas auf dem Dachboden war, das sein Interesse geweckt hatte, dieser Gegenstand aber nichts außer ein normaler Spiegel schien. Oder konnte vielleicht sein Vater etwas anderes mit dem Spiegel anstellen als er selbst? Gab es vielleicht einen Mechanismus, der ihn für andere Menschen wie einen normalen Spiegel aussehen ließ, während er am Ende doch ein Tor zu einer anderen Welt war?

Timothy ärgerte sich, dass er den Spiegel nach der ersten Enttäuschung nicht eingehender untersucht und so früh wieder aufgegeben hatte. Außer der Einstanzung hatte er nichts gefunden. Da aber sonst nichts Interessantes und Auffälliges an dem Spiegel zu finden war, kein Mechanismus, kein Sprung im Glas, ärgerte sich Timothy über seine schnelle Aufgabe. Es musste doch etwas zu finden sein. Warum sonst stand der Spiegel so präsent im Raum, unter einer grauen Armeedecke versteckt? Wenn er nur ein einfacher Spiegel wäre, hätte ihn sein Vater in die Ecke gestellt. Irgendwohin, wo er nicht im Weg stand. Wer weiß, was passiert wäre, wenn er länger hineingestarrt hätte. Vielleicht hätte sich das Spiegelbild zu drehen begonnen oder wäre durchlässig geworden. Timothy wurde immer wütender auf sich selbst, da es jetzt passieren konnte, dass er die nächsten Jahre nicht mehr auf den Dachboden gelangen konnte, wenn seinem Vater kein Lapsus mehr geschah. Vielleicht auch nie wieder!

Timothy wachte erst aus seiner Gedankenwelt wieder auf, als er vernahm, dass das Fernsehprogramm wegen einer Sondermeldung unterbrochen wurde. Er stand auf, wanderte zur Couch und setzte sich auf sie, in der Gefahr, dass seine Eltern hereinkamen und ihn normal vor dem Fernseher sitzen sehen würden. Doch das war Timothy egal. Er sah, wie ein Moderator zwischen mehreren Live-Schaltungen hin und her dirigierte – von Vulkanausbrüchen und Erdbeben, gigantischen Flutwellen und sintflutartigen Regenfällen, Erdrutschen und Lawinen aus Eis und Lava. Es schien, als wäre die Welt an vielen Stellen gleichzeitig aus dem Gleichgewicht geraten. Timothy fragte sich, ob die eine Katastrophe die andere bedingte oder ob es einfach nur die Apokalypse sei, die die Menschheit vernichten würde. Angst hatte er keine, sondern vielmehr war er gebannt von den Zerstörungen, die er zu sehen bekam. Von immer mehr Orten der Welt wurde berichtet, doch Timothy hatte keine Angst, dass ihn oder das elterliche Haus eine der Katastrophen ereilen würde. Das hoffte er nicht, das wusste er.

Plötzlich hörte er hektisches Treiben im Haus. Scheinbar war sein Vater nach Hause gekommen und erzählte der Mutter, was auf der Welt los war. Timothys Mutter, die kein Fernsehen sah oder Radio hörte, redete erschrocken und hysterisch darüber, dass auch ihr Ende gekommen sei. In diesem Geschrei verstand Timothy keine Inhalte, bis mit einem Mal die Türe zu seinem Zimmer aufgerissen wurde, der schattige Umriss seines Vaters in voller Größe im Licht des Flurs erschien und er mehrfach die Waffe abdrückte, mit der er seinen Sohn erschoss. Mit dem letzten Augenaufschlag sah der auf der Couch zusammensinkende Timothy im Fernseher, wie ein Vulkan mit einem monströsen Knall explodierte.

Meike Selke: CoronasNerve

drei Uhr morgens

Eva Joan

wieder kommen die Dämonen

die Dunkelheit ist voll

von den Gespenstern

unausgesprochener Worte

und verlorener Erinnerungen

bleiche Schattengestalten

hängen neben

verschwommenen Gesichtern

wie eine schwere Last

unter der Zimmerdecke

können jederzeit herabfallen

Gedanken gleichen

umhertreibenden Wolken

die dem Sturm

bedrohlich nahe kommen

sich nicht zwischen Krieg und

Frieden entscheiden können

nein ... die Toten

haben uns nicht vergessen

und während draußen

der Wind schwer

durch die Bäume streicht

warte ich in stiller Demut

auf das Ende der kalten Nacht

Cordes

Samantha Schwetmann

Es benötigte keiner Worte, wie so viele Dinge im Leben. Als sie den Schulhof an diesem Morgen betrat, spürte sie sofort, dass etwas geschehen war. Die Aufregung der Mitschüler, ihr Tuscheln, wie sie enger beieinanderstanden, als würden sie Geheimnisse erzählen, die Augen geweitet. Ein Außenstehender hätte die Unruhe der Kinder vielleicht auf die baldigen Herbstferien geschoben, doch sie gehörte zu ihnen und sie spürte, dass etwas gänzlich Anderes in der kühler werdenden Luft lag. Ihre Hände glitten an die Riemen des Schulranzens, hielten sich dort fest und sie suchte mit den Augen bekannte Gesichter, steuerte auf diese zu. Ihre Ankunft löste geradezu eine neue Welle der Aufregung bei den anderen Kindern aus, bot sie doch eine Möglichkeit, noch einmal zu erzählen, was geschehen war.

„Hast du das mitbekommen? Der Cordes ist tot!“, rief man ihr zu, der Tonfall so, als würde man Flüstern, während die Lautstärke eher Schreien entsprach.

„Der vom Kiosk?“, fragte sie, ihre Augen nun ebenso geweitet wie die um sie herum.

„Ja! Aber nicht einfach so!“ Man trat näher an sie heran, als würde sie jetzt in das Geheimnis eingeweiht, das ohnehin jeder zu kennen schien. »Ertrunken ist der. In einem Graben.«

Sie verzog das Gesicht. „Die haben doch gerade nur knietief Wasser und der war doch erwachsen, hätte sich einfach hinstellen können.“

„Ja, eben!“

Die Kinder schrien durcheinander, jeder ihrer Klassenkameraden redete auf sie ein und sie tat sich schwer damit, all die Informationen, die ihr an den Kopf geschleudert wurden, herauszuhören. „Die haben ihn heute Morgen entdeckt, draußen bei den Feldern. Vielleicht hat ihn jemand umgebracht.“

Für einen Moment klang die Aussage spannend und geheimnisvoll, versprach ein Rätsel, wurde dann aber von einem Gefühl der Angst abgelöst. Sie mochte sich nicht vorstellen, dass in der kleinen Gemeinde jemand war, der einen anderen tötete. Das Klingeln der Schulglocke unterbrach die Kinder jedoch. Sie stöhnten laut auf, gab es gerade doch etwas deutlich Interessanteres als Unterricht. Jedoch setzten sich bei dem Geräusch ihre Körper fast automatisch in Bewegung, pawlowsche Konditionierung, hinein in die Grundschule, hinein in die Klassenräume, wo der Alltag begann, auch wenn um sie herum so Aufregendes geschah.

Den Cordes kannte jedes Kind. Unweit der Schule hatte er einen Kiosk, den viele nach Unterrichtsschluss ansteuerten, wenn sie noch nicht nach Hause wollten. Er war alt, aber nicht richtig alt. So alt wie Eltern es waren, vielleicht ein bisschen mehr. Jeden Tag stand er dort hinter der Theke, reagierte wortkarg auf Fragen, wirkte aber dennoch nicht übellaunig. Er tolerierte den Lärm, der manchmal herrschte, wenn sie mit vielen im Laden waren, die Zeitschriften ansahen, ohne welche zu kaufen, und aufgeregt über den Inhalt diskutierten. Ihr war zudem aufgefallen, dass er meist ein paar gratis Gummitiere hineintat, wenn man eine Süßigkeitentüte bei ihm zusammenstellte. All das sorgte dafür, dass sich die Kinder bei ihm im Laden wohlfühlten und nicht wie Störenfriede, was ihn beliebt gemacht hatte.