Unbekannte Heimat - Anna Malou - E-Book

Unbekannte Heimat E-Book

Anna Malou

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Beschreibung

Heimat, was ist das? Für jeden Menschen ist das offensichtlich etwas Anderes. Jedoch braucht jeder Mensch so etwas wie eine Heimat, um Wurzeln zu schlagen und sich wohl zu fühlen. Was bedeutet es jedoch für Menschen, die – wie in der Coronazeit – ihre eigene Heimat nicht mehr wiedererkennen, weil das Leben sich derartig gewandelt hat. Was bedeutet es für die Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie, aus sozialen oder politischen Gründen fliehen müssen, um zu überleben, weil sie Hungersnöten oder Kriegen ausgesetzt sind? Können sie in der Fremde eine neue Heimat finden? Manche Menschen finden auch in sich selbst keine Heimat mehr, weil das eigene Leben zu ihnen nicht mehr passt. Anna Malou beschreibt in ihrem Buch in Form von Kurzgeschichten verschiedene Lebenssituationen, die – mit den Blickweisen von Betroffenen – mal humorvoll und mal ernsthaft erzählt werden. Die Blickrichtung zu ändern, erweitert auf jeden Fall den Horizont.

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Seitenzahl: 81

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Anna Malou

Unbekannte Heimat

Kurzgeschichten

Engelsdorfer Verlag Leipzig

2025

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Angaben nach GPSR:

www.engelsdorfer-verlag.de

Engelsdorfer Verlag Inh. Tino Hemmann

Schongauerstraße 25

04328 Leipzig

E-Mail: [email protected]

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Copyright (2025) Engelsdorfer Verlag Leipzig Alle Rechte bei der Autorin

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

Vorwort

Wir alle leben in einer Welt, in der nichts mehr so ist, wie es jemals war, alles ist im Umbruch. Die Leidtragenden sind die Armen und Schwachen, die Alten, die Kranken und die Kinder, die sich nicht wehren können, wenn Machthaber Kriege anzetteln, wenn das Recht des Stärkeren regiert.

Dieser Kurzgeschichtenband soll eine Ermutigung sein, Lebensgeschichten von Betroffenen aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wir alle sollten mit Verständnis und Hilfsbereitschaft auf Fremde und Schwache zugehen, um Ihnen hier in unserem Land eine neue Zukunft zu geben. Oft hilft dabei einfach ein Perspektivenwechsel.

Behandle andere Menschen stets so, wie du selbst behandelt werden möchtest und bleibe menschlich!

Die Holocaustüberlebende Margot Friedländer sagte dazu: „Menschen, ganz egal welcher Hautfarbe, welcher Religion – sie sind Menschen und müssen als Menschen respektiert werden.“

Inhalt

Vorwort

Ausflug in Coronazeiten

Auszeit

Ein neuer Tag

Fast angekommen

Flaschenpost

Gibt es ein Morgen?

Idomeni

Nacht

Neustart

Pandemie

Stationen

Lebensspuren

Was wäre, wenn…

Syrien

Wunder

Fantasiereise

Ukraine

Biografie

Bibliografie

Ausflug inCoronazeiten

Sonne und ich – stehe im Stau, endlos, immer wieder. Ist die Menschheit völlig verrückt geworden? Ist es so völlig falsch, wenn ich wenigstens am Wochenende aus meiner Hochhaussiedlung in Hamburg entfliehen möchte, um am Meer ein wenig Entspannung zu finden? Aber offensichtlich stehe ich mit diesem Wunsch nicht völlig allein da.

Die Minuten verrinnen, mir läuft der Schweiß den Rücken entlang. Ich atme schwer und kann mich auf das, was ich tun soll, nämlich Autofahren, nur noch schwer konzentrieren. Das Radio spielt Evergreens, immer wieder und ich bin unzufrieden mit mir selbst, dass ich mich nicht ausreichend vorbereitet habe. Jetzt fahren auch noch Autos rechts an mir vorbei, benutzen die Rettungsgasse, um schnell zum Baden zu kommen. Meine Kinder quengeln, meine Frau schimpft und ich bin dem Wahnsinn nahe. Was ist das nur für ein Leben, wenn man um das Einfachste und Natürlichste, nämlich ein paar Stunden Freizeit, kämpfen muss?

Dazu fällt mir kein Kommentar mehr ein. Und schließlich, nach endlos gefühlten zwei Stunden erreiche ich Scharbeutz, den Ort, an dem sich für mich und meine Familie die Sehnsucht nach dem kühlen Bad erfüllen soll. Ich suche nach einem Parkplatz, jedoch kurve ich eine knappe halbe Stunde herum, ohne einen solchen finden zu können. Schließlich fahre ich in den Nachbarort, nach Haffkrug, um dort am Bahnhof zugegebenermaßen widerrechtlich zu parken. Mein Weg nach Scharbeutz ist dann auch nur eine knappe halbe Stunde lang. Meine Kinder meckern über den Spaziergang bei der Hitze, meine Frau meint nur: „Konntest du wirklich keinen dichteren Parkplatz finden, das ist doch alles doof!“ Und so stiefeln wir auf dem Fußgängerweg entlang, um dann nach guten 25 Minuten festzustellen, dass der Strandzugang gesperrt ist: Es gibt dort eine Ampel und die zeigt ROT. Ich kann es nicht fassen, meine Familie schimpft schon wieder – und auch die folgenden zwei Strandzugänge sind gesperrt.

Nun versuche ich es anders: Ich zücke einen Fünfzigeuroschein und drücke diesen jovial dem Strandkorbvermieter mit der Bemerkung in die Hand, dass dieser doch sicher auch mal eine Ausnahme machen könnte. Dieser aber zeigt sich entsetzt, lässt sich doch nicht bestechen und ist erbarmungslos ernst: „Nein, das kann ich nicht machen, wirklich nicht!“

Ich schwitze nun auch vor Erschöpfung und Mutlosigkeit, meine Frau fängt an, mit mir zu diskutieren, und meine Kinder fangen an, sich zu streiten. Die Situation eskaliert zusehends, und ich weiß nicht, was zu tun ist. Ich tue so, als ob ich noch einen Trumpf im Ärmel hätte. Überraschung! „Was haltet ihr davon, wenn wir einfach mal schnell über die Dünen laufen, das wird schon keiner mitbekommen.“ Gesagt, getan, wir starten zu fünft den Angriff auf das Meer. Jedoch haben wir kaum den halben Dünenberg bewältigt, als der erste Ordnungshüter uns zurückpfeift. Kleinlaut muss ich mich schuldig bekennen und nun auch noch das Gespött meiner Familie ertragen und ein Strafgeld bezahlen. Das ist mehr, als ich aushalten kann.

Wir suchen uns also eine Gaststätte, in der es etwas zu trinken gibt, natürlich draußen und mit Abstand, aber ohne Maske. Ich sitze, Schweiß gebadet, und möchte nur noch meine Ruhe und etwas zu trinken. Nach einer halben Stunde Pause werden meine Kinder jedoch unruhig und quengeln herum, dass sie doch nun endlich einmal zum Baden gehen möchten. Das kann ich gut verstehen, geht es mir selbst doch nicht viel besser. Aber noch immer fällt mir keine Lösung ein. Vielleicht, wenn wir noch ein wenig warten …

Wir bestellen also noch ein Getränk und dann noch eines und schließlich kann nur noch meine Frau zurückfahren. Aber mir ist es jetzt egal, ich kann nicht mehr! Und nachdem wir so zweieinhalb Stunden gewartet haben, ist es jetzt halb fünf und die Ampel zeigt auf Grün, es ist nicht zu fassen! Wir dürfen jetzt mit einem Halbtagesticket an den Strand. Meine Kinder rennen voraus und sind viel schneller im Wasser, als ich ihnen folgen könnte. Ich sitze im Sand und bin froh, dass meine Frau sich um die Kinder kümmert. Ich sitze und sitze und will nur noch meine Ruhe vor meiner Familie, vor den anderen Badegästen, vor den Vorschriften, vor dem Straßenverkehr, vor dem Zuviel an Freizeit … Ich fühle mich wie gelähmt, bin regungslos erschossen und will alles, nur nicht gestört werden, heute jedenfalls nicht mehr.

Nach zwei Stunden Badezeit kommt meine Familie zufrieden zurück und ich bin auch zufrieden, endlich Pause, nun schaffe ich vielleicht doch noch den Rückweg. Jedoch ist meine Frau die Vorsichtigste aller Frauen und sagt ganz klar: „Ich fahre zurück.“ Nun gut, auch das ist mir recht. Die Kinder sind jetzt ruhig und zufrieden auf ihrem Rücksitz, und ich erlebe die drei folgenden Staus nicht mehr, ich schlafe tief und fest in den kommenden drei Stunden, bis wir – zugegebenermaßen etwas verspätet – aber zufrieden wieder in unserer Wohnung in Hamburg ankommen.

Früher, als ich noch jung war, liebte ich das Meer mit seiner wechselnden Kulisse, mit seinen Schiffen, der reflektierenden Sonne und den Wasserschlachten, aber heute ist es mir egal, dieser Aufwand lohnt sich in meinen Augen überhaupt nicht mehr.

Und so wünsche ich mir für das kommende Wochenende Regen, ganz viel, so dass ich dann hoffentlich entspannt auf meinem Balkon sitzen kann, den Regentropfen lauschen und endlich meine Ruhe finden kann.

Und was machen meine Kinder? Ehrlich gesagt, das ist mir dann manchmal sogar egal.

Auszeit

Da steht sie nun und wartet. Der Zug ist nicht pünktlich. Es dauert. Die Minuten verrinnen.

Und schon wandern ihre Gedanken zurück zu den letzten Wochen: Auszeit – jeder für sich allein, das hatten sie sich gewünscht und auch in die Tat umgesetzt. Jeder hatte eine spannende Zeit, die neue Impulse setzt, neue Gesprächsthemen eröffnet, neue Gedanken ermöglicht. Aber auch neue Kontakte entstehen, wenn man allein unterwegs ist. Das alles hilft dabei, seine eigene Position im Leben neu festzusetzen und zu definieren, festgefahrene Strukturen in Beziehungen neu zu ordnen und zu aktualisieren. Spannung ist gewünscht, denn niemand weiß so recht, was unterwegs alles geschehen kann.

Der Zug hat Verspätung, nochmals zehn Minuten. Meine Nachbarin fragt mich: „Auf wen warten Sie denn? Auf Ihren Mann?“ Meine Antwort ist kurz: „Ja“, und meine Gedanken sind in den Wochen vor unserer Reise, in denen sich alles um Corona gedreht hat: Keine Besuche, keine Events, zurückgezogenes Leben nur zu zweit, manchmal unterbrochen von den Besuchen der Kinder, natürlich nur mit Test und immer mit Herzklopfen – geht es ohne Infektion vorüber?

Und so waren die letzten Wochen ein Aufbrechen zu neuen Ufern immer mit der Frage verknüpft, kann ich das alles noch nach diesen Monaten der Einsamkeit? Das Herzklopfen ist geblieben, der Start war nicht einfach, aber seltsamerweise erinnern sich Körper und Seele an das, was sie einmal gelernt haben. Es ist noch immer fast alles möglich, auch wenn die ersten Schritte in die wiedergewonnene Eigenständigkeit und Freiheit unsicher sind. Verblüffend, dass man offensichtlich auch nach Jahren alles das wiederfinden kann, was man einmal hatte. Also doch, Lernen für das Leben, und das lässt sich auf alle Bereiche übertragen.

Die Gedanken wandern zurück zu dem in den letzten Wochen Erlebten: Traumhafte Landschaften unter südlicher Sonne, höchst unterschiedliche Quartiere, neue Menschen mit Überraschungen im Gespräch. Die Schönheiten des Lebens vollständig gebündelt, das ist es, was sie gerade erlebt hat. Auszeit an fremden Stränden mit neuen Menschen, Orten und Gegebenheiten. Lachen und Entspannung, Schwerelosigkeit, all` das hatte in den letzten Jahren, Corona bedingt, so sehr gefehlt. Und jetzt, das Leben wieder zu spüren, das ist wie eine Offenbarung. Positiv denken, das ist nun wieder möglich, alle Batterien sind wieder aufgeladen und das Leben ist wieder schön, dieses Gefühl herrscht in ihr vor. Wie lange das bleibt, wer weiß es so genau? Sie hofft auf ein offenes Ende.

Und plötzlich kommt Bewegung in die Menschengruppe am Bahnsteig. Der Zug wird nun doch angekündigt – 15 Minuten zu spät. Sie läuft ihm entgegen, noch immer wartend, und es dauert endlos, bis sie ihn erkennt, hinter einem Fenster steht er – auch wartend.

Die Menschen schieben sich aus dem Zug heraus und da steht er auf einmal vor ihr: braun gebrannt, fröhlich lächelnd und nimmt sie in seine Arme. Das ist schön, nach so langer Zeit. Die Frau neben ihr lächelt sie an und freut sich offensichtlich auch über das Wiedersehen bei ihrer Gesprächspartnerin.