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Paula Schwarz

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Beschreibung

»Ich will was Geiles machen für die Menschheit« - Paula Schwarz

Als Milliardärstochter lernt Paula Schwarz die Kehrseite von übermäßigem Reichtum kennen: Klassendenken und misogyne Machtstrukturen lehren sie früh, dass viel Geld kein Garant für ein glückliches Leben ist. Mit 18 Jahren unterschreibt sie eine Generalvollmacht und überträgt ihre Rechte auf ihren Vater, der diese ein ganzes Jahrzehnt lang ohne ihr Wissen ausübt. Paula rebelliert, befreit sich aus den familiären Strukturen und entwickelt eine eigene Vision für die Gesellschaft. Sie kämpft für soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und eine faire Ressourcenverteilung. Und gleichzeitig um ihre eigene Selbstbestimmung, Integrität und Gesundheit. Ihr Credo: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene, um die Welt zu retten. Wie dieser Wertewandel gelingen kann, zeigt sie in ihrem Buch.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch:

»Ich will was Geiles machen für die Menschheit« - Paula Schwarz

Als Milliardärstochter lernt Paula Schwarz die Kehrseite von übermäßigem Reichtum kennen: Klassendenken und misogyne Machtstrukturen lehren sie früh, dass viel Geld kein Garant für ein glückliches Leben ist. Mit 18 Jahren unterschreibt sie eine Generalvollmacht und überträgt ihre Rechte auf ihren Vater, der diese ein ganzes Jahrzehnt lang ohne ihr Wissen ausübt. Paula rebelliert, befreit sich aus den familiären Strukturen und entwickelt eine eigene Vision für die Gesellschaft. Sie kämpft für soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und eine faire Ressourcenverteilung. Und gleichzeitig um ihre eigene Selbstbestimmung, Integrität und Gesundheit. Ihr Credo: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene, um die Welt zu retten. Wie dieser Wertewandel gelingen kann, zeigt sie in ihrem Buch.

Über die Autorinnen:

Paula Schwarz wird 1990 in München geboren. Ihr Vater gehört zu den Erben der Schwarz Pharma AG, die 2007 für 4,4 Milliarden Euro veräußert wird. Paula wächst zwischen München und Griechenland auf, besucht zwischenzeitlich ein Internat in England. Nach ihrem Abitur 2008 studiert Paula Politikwissenschaften in Berlin, später Financial Management in Stanford. In dieser Zeit ist sie bereits für Human Rights Watch und als EU-Fördermittelberaterin tätig. 2015 gründet sie das StartupBoat und gehört laut Forbes Magazin zu den 30 unter 30 Social Entrepreneurs in Europa. Es folgen weitere Projekte wie das World Datanomic Forum und Cosmopolis. Heute ist Paula Mutter dreier Kinder und lebt zwischen Paris und San Francisco.

Alexandra Friedmann ist freie Autorin und Journalistin. Sie arbeitete unter anderem für die taz, verfasste mehrere Romane sowie Skripte für funk/MDR und den RBB. Zudem ist Alexandra Friedmann als Übersetzerin und Content Creatorin tätig.

Paula Schwarz

mit Alexandra Friedmann

Unbezahlbar

Wie ich aus altem Reichtum ausbrach, um neue Werte für alle zu schaffen

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Copyright © 2025 by Ariston, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

www.penguin.de/verlage/ariston

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Kossack, Hamburg

Redaktion: Evelyn Boos-Körner

Umschlaggestaltung: Birgit Kohlhaas Buchgestaltung unter Verwendung eines Fotos von Paula Schwarz © privat

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-33752-0V001

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1Gerechtigkeit

Gerechte Welt – eine Utopie?

Reiche weiße Männer

Don’t look rich: Toxische Geldbeziehungen

Keine Frage der Fairness

Die Utopie ist tot – lang lebe die Utopie

Kapitel 2Gleichberechtigung

Weil ich ein Mädchen bin

Das Erbe der entmächtigten Frau

Das Geld der Frauen – ein neues Paradigma?

Die Aufwertung des weiblichen Prinzips

Kapitel 3Selbstbestimmung

Das beherrschte Mädchen

Selbstbestimmung, Freiheit, Menschenwürde: ein Luxus für alle, die es sich leisten können?

Der Preis der Freiheit

Kapitel 4Unversehrtheit

Äußerer Zwang und innere Zwänge

Wenn ein krankes System systematisch krank macht

Arbeit, die auf der Seele brennt

Im falschen Körper: Wie patriarchale Strukturen sich auf die Gesundheit von Frauen auswirken

Eine neue Brille für unsere Systeme: Warum soziale und wirtschaftliche Kurzsichtigkeit am Ende allen schadet

Kapitel 5Genügsamkeit

Viel Platz, wenig Raum: Wenn Überfluss zum Fluch wird

Die Unersättlichen: Wird »genug« uns jemals genug sein?

Die Tretmühlen des Glücks

Eine neue Sinnwirtschaft: Wie der Verzicht von wenigen zum Gewinn für alle wird

Kapitel 6Fürsorge

Money can’t buy you love

Nicht okay, Boomer: Warum wir einer Gerontokratie entgegensteuern müssen

Bildung ist Beziehungsarbeit: Warum wir eine neue Schule brauchen

Kapitel 7Alter Reichtum, neue Werte

Wände aus Papier

Von Geld und Werten: Eine neue Währung für den Wandel

Über die Autorinnen

Vorwort

Wenn meine Geschichte ein Märchen wäre, könnte sie in etwa so klingen: Es war einmal eine Königstochter, die in einem prächtigen Schloss lebte. Sie hatte alles, was sie sich nur wünschen konnte: ganze Räume voller Spielzeug, Schränke voll schöner Kleider und Diener, die immer höflich lächelten. Man sagte, das Mädchen habe Glück: sie führte ein Leben voller Luxus und Komfort, sie besaß viele wunderbare Dinge, von denen andere nur träumten, sie bewegte sich in den höchsten Kreisen und konnte die Welt bereisen, wenn sie es denn wollte. Der Reichtum und der Einfluss ihrer Eltern öffneten ihr alle Türen. Alles hätte ganz wunderbar sein können, doch hinter den glänzenden Fassaden verbarg sich eine andere Wirklichkeit: Die Königstochter lebte in einem unsichtbaren Gefängnis aus Erwartungen, Traditionen und Regeln, die sie nicht gemacht hatte.

So, wie es in jedem echten Märchen eine dunkle Seite gibt, die nicht sofort sichtbar ist, gab es auch in meinem Leben eine zweite Wahrheit: Das Märchenschloss, in dem ich aufwuchs, war in Wirklichkeit ein goldener Käfig, in dem Besitz meinem Eindruck nach wichtiger war als persönliche Freiheit, in dem Frauen oft unsichtbar gemacht wurden und in dem der Drache, den ich besiegen musste, aus papierenen Fesseln und getrockneter Tinte bestand.

Ich bin in eine sehr vermögende Familie hineingeboren worden. Mein Großvater und mein Urgroßvater haben nach dem Zweiten Weltkrieg das Pharmaunternehmen Schwarz Pharma aufgebaut. Meine Familie besaß Anteile an dem Unternehmen, das 2007 für insgesamt 4,4 Milliarden Euro veräußert wurde. Von außen betrachtet hatte ich die besten Voraussetzungen, um ins Leben zu starten. Doch die Realität sah leider anders aus. Ich wuchs mit vielen Erwartungen auf: wie ich zu sein hatte, was ich anziehen sollte, mit welchen Leuten ich mich umgeben sollte. Mein Leben fühlte sich sehr fremdbestimmt an. Das änderte sich auch nicht, als ich erwachsen wurde. Kurz nach meinem 18. Geburtstag unterschrieb ich am Tag nach meiner Abiturfeier noch unter Alkoholeinfluss eine Generalvollmacht, die viele meiner Rechte in Vermögensfragen auf meinen Vater übertrug. Zu jenem Zeitpunkt konnte ich die Tragweite dieser Vollmacht und ihre späteren Konsequenzen nicht erahnen. Jahre später wurde mir klar: Ich hatte die Kontrolle über mein Leben aus der Hand gegeben. Fast ein Jahrzehnt lang agierte mein Vater ohne mein Wissen in meinem Namen. Es entstanden Unternehmenskonstrukte, in die ich bis heute eingebunden bin, wenngleich mein Vater sie komplett kontrolliert. Obwohl ich die Vollmacht 2017 zurückziehen konnte, habe ich noch immer keine Entscheidungsmacht über die Vermögenswerte, die von diesen Unternehmen verwaltet werden und die rechtlich mir gehören. Viele Jahre lang habe ich um meine persönliche und juristische Selbstbestimmung gekämpft und tue es heute noch.

Dies ist kein Märchen mit einem einfachen Happy End – es ist die Geschichte eines langen und schmerzhaften Weges, auf dem ich lernen musste, mich von den Zwängen meines Umfelds zu befreien, die Glaubenssätze abzulegen, die mich kleinhielten, und den Mut zu finden, nicht nur für mich selbst, sondern auch für eine gerechtere und menschlichere Gesellschaft einzustehen.

Schon als Kind lernte ich, dass Geld nicht automatisch Glück, Selbstbestimmung oder Respekt bedeutet. Vieles, was mir widerfahren ist, hatte mit den Machtstrukturen meines Elternhauses zu tun. Rückblickend erkenne ich: Niemand wollte mir vorsätzlich schaden. Als Erbin waren die Erwartungen an mich klar definiert, mein Handlungsspielraum als Frau dagegen erschreckend gering. Ich bewegte mich in einem System, das ich niemals hinterfragen oder kritisieren durfte.

In meinem Leben habe ich viele Dinge getan, um zu gefallen. Dieses Buch zu schreiben, gehört nicht dazu. Die vielen schmerzlichen Erinnerungen hervorzuholen und sie zu Papier zu bringen, war oft nicht leicht. Ich tat es, weil ich mir bewusst darüber bin, dass es Frauen gibt, die an solchen Strukturen zerbrochen sind. Wenn ich meine Geschichte erzähle, geht es mir nicht darum, anzuklagen, sondern um Klarheit und Richtigstellung und nicht zuletzt auch um meine eigene Würde. Dieses Buch soll kein Angriff auf meine Familie sein. Mir ist bewusst, dass ich Teil eines Geflechts bin, in dem sich ungesunde Muster fortsetzen – weitergegeben von einer Generation zur nächsten. Beinahe wäre ich an diesen Mustern zerbrochen. Heute bin ich dankbar dafür, freier zu sein und mein Leben nach meinen eigenen Werten ausrichten zu können. Mit meiner Geschichte möchte ich zeigen, dass Transformation möglich ist – und wie wichtig dabei Ehrlichkeit und Klarheit sind. Wenn mein Leben anders verlaufen wäre, wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin. Als mein wichtigstes Erbe sehe ich daher die Lehren, die ich durch meine Eltern lernen durfte. Heute hoffe ich, dass ich mit meiner Familie einen Weg der Heilung beschreiten kann. Zum Teil ist es uns auch schon gelungen, wofür ich sehr dankbar bin.

Manchmal offenbaren gerade die eigenen Fesseln, wie dringend sich größere Strukturen wandeln müssen. Der Wunsch nach Freiheit und danach, die Welt um mich herum mitzugestalten, hat mich früh geprägt. Ich wollte für meine Überzeugungen einstehen und etwas bewirken. Als Social Entrepreneurin setzte ich mich für Dinge ein, die mir wichtig waren: 2014 wurde ich vom Berliner Senat und der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH) eingeladen, an der Tour des Venture Bus durch Ostafrika teilzunehmen – eine Reise durch Tansania, Ruanda, Kongo, Uganda und Kenia, bei der junge Unternehmer:innen gemeinsam Ideen für die Region entwickelten. Dort entstand JamboCar: die erste Mitfahrzentrale für Ostafrika. Ich gewann mit dem Projekt den Wettbewerb und konnte den Service erfolgreich in mehreren Ländern starten, bevor ich ihn später an BlaBlaCar übergab. Nur ein Jahr darauf gründete ich StartupBoat – eine mobile Plattform, auf der Menschen aus der Technologiebranche, aus Politik, humanitären Organisationen und Wissenschaft an Lösungen für die schwelende Flüchtlingskrise im Zuge des Syrienkriegs arbeiteten. Ich hielt Vorträge und gab Ted Talks, mein Gesicht erschien auf Magazincovern, 2016 wurde ich vom Magazin Forbes unter die »30 Under 30 Social Entrepreneurs in Europe« gewählt. Und doch: Trotz des äußeren Erfolgs fühlte ich mich manchmal insgeheim wie eine Betrügerin. Denn privat war mein Leben noch immer geprägt von Fremdbestimmung. Immer wieder wurde mir das Gefühl vermittelt, dass mit meiner eigenen Wahrnehmung etwas nicht stimmte. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis ich mich befreien würde. Als ich die Vollmacht endlich zurückziehen und einen selbstbestimmten Weg einschlagen konnte, war ich bereits 27 Jahre alt. Mir wurde suggeriert, dass ich alles verlieren würde, dass ich ganz allein dastehen würde, wenn ich diesen Schritt wagte.

Doch für mich gab es zu diesem Zeitpunkt kein Zurück mehr. Ich war furchtbar wütend. Auf meine Familie. Auf mein gesamtes Umfeld. Oft war ich wenig diplomatisch, und manchmal sah ich keinen anderen Ausweg, als alle Brücken abzubrechen und den Kontakt zu Menschen zu kappen, die ich mein Leben lang kannte. Es war eine Zeit, in der es mir sehr schwerfiel, zu vertrauen. Heute weiß ich, dass meine Handlungen vor allem von Angst motiviert waren. In meiner Familie gab es Frauen, die wohl nicht zuletzt auch an den ungesunden Strukturen beinahe zugrunde gegangen sind, in denen auch ich lebte. Ich fürchtete mich davor, dass mir Ähnliches widerfahren könnte. Es ist mir heute ein Anliegen, die Hintergründe meiner Handlungen zu beleuchten und Verantwortung für diese zu übernehmen.

Meine Geschichte wäre sicherlich anders verlaufen, wenn ich als Junge und nicht als Mädchen zur Welt gekommen wäre. Darum möchte ich dieses Buch besonders an Frauen richten (wenngleich ich überzeugt bin, dass auch Männer es unbedingt lesen sollten). Immer wieder haben Frauen versucht, jene Strukturen zu durchbrechen, die ihre Gleichberechtigung behindern. Sie haben es nicht immer geschafft – und selbst wenn sie erfolgreich waren, erhielten sie dafür nicht immer die Würdigung, die sie verdienten. Mir hat es oft geholfen, mich mit den Schicksalen von Frauen auseinanderzusetzen, die mir vorausgegangen sind. Die Geschichten, die sich in meiner Familie abspielten, waren mir ein Mahnmal: Ich habe aus ihnen gelernt, dass Anpassung an ein ungesundes System nicht funktioniert. Um ein System gerechter zu machen, muss man es verändern. Ich möchte festhalten, wofür ich mich eingesetzt habe. Um jene zu inspirieren, die nach mir kommen.

Meine Welt hat sich mehr als einmal um 180 Grad gedreht, und ich glaube, dass wir auch in der Gesellschaft schnell radikale Änderungen schaffen können – Änderungen, die langfristig Gutes bewirken. Damit uns dies gelingt, müssen wir uns besinnen: darauf, wer wir sein wollen, und auf die Werte, für die wir einstehen wollen.

Unsere Systeme kranken an so vielen Stellen, dass man kaum noch weiß, wofür man zuerst eine Medizin brauen soll. In einer globalisierten, durch Kapitalismus geprägten Welt hat unser Geldsystem einen Zustand regelrechter Dekadenz erreicht: Die voranschreitende Konzentration von Reichtum und Macht untergräbt demokratische Strukturen und Institutionen und trägt massiv zur gesellschaftlichen Spaltung bei. Frauen sind noch immer in vielerlei Hinsicht benachteiligt – auch in den sogenannten emanzipierten Teilen der Welt. Grundlegende Werte wie Selbstbestimmung und Menschenwürde, wie sie in den Verfassungen vieler demokratischer Nationen verankert sind, fallen immer wieder wirtschaftlichen und politischen Interessen zum Opfer. Profitgier und das Streben nach schnellem Wachstum und kontinuierlich steigender Produktivität fordern ihre Opfer: Wenn der Organismus überlastet ist, erkranken seine Zellen – in einer Gesellschaft sind das die Individuen. Gleichzeitig wird unser Alltag von Marketing dominiert, das Konsumsüchte erzeugt und viele Menschen in einem Hamsterrad des Habenwollens gefangen hält, ohne dabei als Gegenleistung die versprochene Zufriedenheit zu bieten. Auf vielen Ebenen beobachte ich eine extreme Kurzsichtigkeit, ganz nach dem Motto: »Nach mir die Sintflut.« Das ist besonders verheerend für künftige Generationen, denen so schon heute die Chance auf ihre volle Potenzialentfaltung verwehrt bleibt, während ihre zukünftige Lebensgrundlage – unser Planet – weiter zerstört wird. All das sind Themen, die mich privat und beruflich immer wieder beschäftigen. Nicht für jedes dieser Probleme habe ich eine einfache Lösung parat – doch ich möchte zumindest dazu beitragen, ein Problembewusstsein zu schaffen. Dabei geht es mir nicht darum, einfach nur zu kritisieren, was falschläuft. Vielmehr möchte ich zeigen, dass wir alte Strukturen, die uns nicht dienlich sind, gehen lassen müssen, wenn wir Platz für neue und gesündere schaffen wollen.

Wie in der persönlichen Entwicklung muss auch auf gesellschaftlicher Ebene eine Schieflage erst einmal erkannt werden, bevor echte Veränderung eintreten kann.

Ich wünsche mir, dass ihr dieses Buch als Impuls nutzt, euch auf die Reise zu machen: zu euch selbst und zu einem besseren Miteinander. Wir wissen alle, dass das System, in dem wir leben, so nicht mehr funktioniert. Es ist an der Zeit, uns kollektiv zu besinnen und neue Wege zu gehen. Wir müssen verstehen, warum Dinge schieflaufen, und aktiv etwas dagegen unternehmen. Im besten Fall finden wir sogar Alternativen, die so attraktiv sind, dass wir uns auf sie einigen können … Dies ist die Hoheitsdisziplin, die wir lernen müssen. Wir könnten damit beginnen, darüber nachzudenken, was gut und gesund für uns ist, was der Mensch für ein glückliches Leben tatsächlich braucht. Ob es nur kleine Schritte sind oder ein radikaler Richtungswechsel: Alles, was uns diesen Zielen näher bringt, bringt uns voran.

Ich bin überzeugt davon, dass Heilung möglich ist – auf persönlicher und auf gesellschaftlicher Ebene. Wenn ich darüber nachdenke, wie oft ich am Abgrund stand und was mein Körper durchgemacht hat, kann ich nur staunen: Heute habe ich drei gesunde Kinder, mental und auch physisch geht es mir besser als je zuvor. Ich kann meine Arbeit fortsetzen und etwas bewirken. Dafür bin ich sehr dankbar.

Und das Märchen? Es hatte seine Höhen und Tiefen und es ist noch nicht zu Ende. Die Königstochter, die keine mehr sein wollte, hat ein großes Stück Weg noch vor sich. Vielleicht wird er wieder durch dunkle Wälder und tiefe Täler führen. Doch sie hat beschlossen, ihn zu gehen. Denn sie hat eine Mission und ein klares Ziel vor Augen: Sie möchte eine bessere und gerechtere Welt für alle schaffen, die auf zwischenmenschlichen Werten und innerem Reichtum beruht.

Kapitel 1

Gerechtigkeit

Gerechte Welt – eine Utopie?

Stellen wir uns einmal eine Utopie vor, in der die einflussreichsten Player der Weltwirtschaft zusammenkommen, um Lösungen für sämtliche Probleme unseres Planeten zu finden. Und Probleme gibt es allemal: Kriege und (drohende) Klimakatastrophen, Ressourcenknappheit, Ressourcenverschwendung und unfaire Ressourcenverteilung, Hungersnöte in Dritte-Welt-Ländern und Armut überall auf der Welt, Migrationswellen, struktureller Rassismus und Sexismus, um nur einige zu nennen … Die Liste der Probleme, die wir nur zu gut aus den Nachrichten kennen, scheint endlos. Sie zu lösen, ist sicher keine leichte Aufgabe, auch nicht für die Reichen und Mächtigen dieser Welt. Doch wenn diese Eliten all ihre Energie, all ihre Ressourcen und ihren Einfallsreichtum bündeln würden, dann hätten wir vielleicht eine Chance. Man könnte neue Ansätze finden. Man könnte neue Technologien entwickeln, die uns allen dienen und unseren Planeten nicht zerstören. Man könnte Wege finden, um Ressourcen gerechter zu verteilen. Diese Menschen, die so viel Geld und Macht besitzen, dass sie für uns alle mitentscheiden, könnten sehr vielen Mitmenschen ihre Würde zurückgeben, wenn sie es wollten. Die Welt wäre dann sicher noch immer kein perfekter Ort. Ein besserer Ort wäre sie allemal. Vor allem für jene, die das Pech hatten, im »falschen Land«, in der »falschen Gesellschaftsschicht« oder mit dem »falschen Geschlecht« geboren worden zu sein.

»Den Zustand der Welt verbessern« – dieser Aufgabe hat sich das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum/WEF) offiziell verschrieben. Das WEF, 1971 als Stiftung gegründet, ist vor allem für das jährliche Flaggschiffevent in Davos bekannt. Hier trifft sich, wer in Weltwirtschaft und Politik Rang und Namen hat. Das Who’s who der globalen Elite ist hier unter sich – dafür sorgt das WEF durch astronomische Mitgliedsbeiträge und Eintrittspreise. Nur um die Größenordnung einmal deutlich zu machen: Eine einfache Mitgliedschaft in der WEF-Stiftung kostet ein Unternehmen rund 63 000 Euro. Dafür erkauft sich ein Unternehmen das Recht, einen/eine Vertreter:in nach Davos zu schicken – die Eintrittskarte kostet dann noch einmal weitere 26 000 Euro. Wer mit Gefolge kommen will, zahlt bis zu 630 000 Euro Mitgliedsbeitrag pro Jahr, plus Eintrittskarten, versteht sich.1 Das sind Summen, die für mittelständische oder kleine Unternehmen kaum zu stemmen sind. Anders ist das bei Politiker:innen: Sie erhalten auf Einladung freien Zutritt. Und wer nicht eingeladen ist oder zum illustren Club gehört, kann nicht mitreden und auch nicht mitentscheiden.

2015 wurde ich in das Netzwerk Global Shapers gewählt, eine WEF-Initiative für junge Systemdenker:innen mit über 500 lokalen Hubs weltweit. Als Vize-Chair leitete ich eine Zeit lang den Berliner Hub und konnte somit auch am Forum in Davos teilnehmen, ohne die horrenden Beiträge und Eintrittspreise zahlen zu müssen. Ich sprach auf Veranstaltungen des Rahmenprogramms und hatte unter hohen Sicherheitsvorkehrungen auch Zugang zu Teilen des zentralen Programms des Forums. In dieser Zeit war ich in der Flüchtlingshilfe tätig. Die westliche Welt erlebte eine der verheerendsten Flüchtlingskrisen der Geschichte. Als Folge des syrischen Bürgerkriegs hatten bis zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Jahr 2016 über 6 Millionen Menschen2 ihr Land verlassen, viele von ihnen traten die gefährliche Flucht über das Mittelmeer nach Europa an. In den Jahren 2015 und 2016 allein hatten 2,5 Millionen Menschen in den Mitgliedsstaaten der EU einen Asylantrag gestellt.3 Überall entstanden Flüchtlingslager, in denen Geflüchtete zum Teil unter verheerenden Bedingungen lebten. So auch auf der griechischen Insel Samos, auf der ich zu jener Zeit lebte. Es war mir damals unmöglich, die Ankunft dieser Menschen auf der Insel zu ignorieren, die Umstände ihrer verzweifelten Flucht über das Meer, die desolaten Zustände in dem ehemaligen Gefängnis, das nun zum Flüchtlingslager umgebaut worden war und vom Militär bewacht wurde. Ich hatte zuvor bereits den Start-up-Inkubator StartupBoat gegründet. Die ursprüngliche Idee war es, Investoren nach Griechenland zu bringen. Angesichts der Flüchtlingskrise war für mich jedoch schnell klar, dass wir den Inkubator für Hilfsprojekte nutzen wollten: So brachte ich soziale Start-ups und weitere Akteure wie Unternehmen zusammen, um konkrete Lösungsansätze zu erarbeiten und diese an den Grenzen und in den verschiedenen Auffanglagern vor Ort zu implementieren. Auch in Davos, dieser malerischen Berggemeinde im schweizerischen Prättigau, gab es so ein Lager.

In der Utopie, die ich mir ausmale, bliebe die Existenz eines solchen Lagers gleich vor der eigenen Haustür bei den rund 3000 Weltverbesserern des WEF nicht unbemerkt. In einer besseren Welt wäre es dem ein oder anderen womöglich in den Sinn gekommen, dort einmal vorbeizuschauen und zu fragen: »Was braucht ihr? Können wir irgendwie helfen?«

Um es einmal vorwegzunehmen: Einen Ansturm von Helfenden auf das Flüchtlingslager hat es nicht gegeben. Schließlich ist es auch eine Frage der Sicherheit. In den letzten Jahren lag das Sicherheitsbudget des WEF bei über 42 Millionen Euro. Das Forum trägt übrigens nur etwa 10 Prozent dieser Kosten, für den Rest kommen die Kantone und der Schweizer Bund auf.4 Neben Polizeikräften rücken bis zu 5000 Soldat:innen an, der Luftraum wird überwacht – safety first. Man schirmt sich ab in Davos, man bleibt unter sich.

Stattdessen konnte man im Forum an einer Virtual-Reality-Simulation teilnehmen. Unter dem Motto: »Ein Tag im Leben eines Geflüchteten« sollte man mithilfe einer VR-Brille eine simulierte Flucht »miterleben«, vom Verlassen eines Kriegsgebiets bis zur Ankunft in einem Flüchtlingslager.5 Ein 45-minütiges virtuelles Elendsabenteuer für die Elite. Die Intention dahinter mag eine gute gewesen sein. Die Privilegierten zu einem Perspektivwechsel bewegen, warum nicht? Säßen nicht gleich nebenan reale Geflüchtete, deren Lebensumstände und Bedürfnisse kaum jemanden zu interessieren schienen.6 »Wie geht das zusammen?«, fragte ich mich.

Man kann diese Geschichte als Anekdote abtun, die sich nicht verallgemeinern lässt. Doch dieses Erlebnis verstärkte meinen Eindruck, dass auf Veranstaltungen wie dem WEF gern sehr viel geredet und dann wenig unternommen wird. Es war ein Moment, in dem mir aufging, dass etwas nicht stimmte. Dass man sich bei der Rettung der Welt doch immer wieder ganz schön ungeschickt anstellte. Aber warum?

Um zu verstehen, wieso in unserer kapitalistischen, globalisierten Welt so viele Dinge so offensichtlich schieflaufen, muss man fragen: Wer sind eigentlich diese Entscheider:innen und warum ist ihr illustrer Club so klein? Wir haben bereits gesehen, dass die monetäre Schwelle für eine Teilnahme am Weltwirtschaftsforum bewusst hoch angesetzt ist. Die große Ausnahme bilden natürlich hochrangige Politiker:innen, die zwar keinen direkten Cashflow, aber umso mehr Macht mitbringen. Sie sind die Ehrengäste und Zielscheiben der Lobbyarbeit, die einen zentralen Zweck des Forums bildet. Ganz offensichtlich ist das WEF ein hermetisch abgeriegelter Kreis, zu dem Normalsterbliche in der Regel keinen Zugang erhalten. In Davos treffen sich Geld und Macht, um die Geschicke der Welt zu beeinflussen. Das Event steht exemplarisch für ein System, in dem eine Handvoll Menschen jenseits von demokratischen Prozessen erheblichen Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen. Dinge, die uns alle angehen und Auswirkungen auf Millionen von Menschen haben. Vor dem Gesetz seien alle Menschen gleich, heißt es im 3. Artikel des deutschen Grundgesetzes. Tatsächlich beginnt die Ungleichheit an einem bestimmten Ort: dem Portemonnaie. Und sie wird immer größer.

Reiche weiße Männer

Mein Vater ist studierter Mediziner. Wäre er, wie die meisten anderen Menschen, seinem Beruf nachgegangen, hätten wir als Familie der oberen Mittelschicht angehört und im Vergleich zu vielen anderen ein durchaus wohlhabendes Leben geführt. Doch ich erinnere mich nicht daran, dass er jemals als Arzt praktiziert hätte. Als ich 17 Jahre alt war, wurde das Pharmaunternehmen, das mein Urgroßvater kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet hatte, für 4,4 Milliarden Euro veräußert.7 Ein Teil dieser horrenden Summe fiel meinem Vater zu. Wie viel genau, entzieht sich bis heute meiner Kenntnis. Auch weiß ich nicht, wie seine Vermögensverhältnisse zuvor ausgesehen haben. Aber eines ist sicher: Das Erbe hat meinen Vater an die Spitze der Vermögenspyramide katapultiert. In meinem Leben wurde dieser Moment durch einen Umzug markiert: Aus einem bereits großzügigen Einfamilienhaus zogen wir in eine Villa mit 36 Zimmern in bester Münchener Lage. Spätestens ab diesem Moment zählte mein Vater zu den Superreichen dieses Landes.

Das Erbe machte ihn zudem zu einem typischen Vertreter der deutschen Vermögenselite: Dieser ist männlich, hat Abitur und keinen Migrationshintergrund, ist selbstständig und hat seinen Wohnsitz im Südwesten Deutschlands.8 Das Stereotyp des weißen reichen Mannes ist – zumindest in Deutschland – noch immer Realität. Und in den meisten Fällen ist der Reichtum nicht einmal selbst erworben.

»Der Unterschied zwischen Arm und Reich entscheidet sich meist beim Spermienlotto«, schreibt der Journalist Jens Berger in der Neuauflage seines Bestsellers Wem gehört Deutschland?. Reich wird man also nicht vorwiegend durch harte Arbeit oder dadurch, dass man Geld spart. Abgesehen von wenigen Ausnahmen können kein Studium und keine Karriere die Kluft überwinden, die ererbtes Vermögen aufmacht. Ökonomen und Sozialforscher sehen sogar eine Rückkehr zu feudalen Strukturen.9 Im Feudalismus genoss die Aristokratie ein Geburtsprivileg, das nicht infrage gestellt werden durfte. Zu erben spielte eine zentrale Rolle, und das tut es heute, im 21.Jahrhundert, erneut.10

Wie weit die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland auseinandergeht, zeigt sich an der Verteilung des neu erwirtschafteten Privatvermögens im letzten Jahrzehnt: Wenn der Vermögenszuwachs ein Kuchen mit zehn Stücken wäre, hätten die oberen 1,5 Prozent der Bevölkerung sich gleich mal fünf der Stücke einpacken lassen. Die ärmeren 50 Prozent der Bevölkerung hingegen könnten sich nur eine dünne Scheibe von einem der Kuchenstücke abschneiden und müssten diese dann unter sich aufteilen – diese Menschen kommen zusammen auf nur 1,1 Prozent an Vermögenszuwachs. Hinzu kommt: Von diesen sinnbildlichen Krümeln bekommen längst nicht alle etwas ab. Im Zuge der Coronapandemie erreichte die Armutsquote in Deutschland einen Höchststand von 16,9 Prozent. Von Vermögenszuwachs können diese Menschen nur träumen. Sie besitzen so wenig, dass sie weder Geld sparen noch investieren können; manche sind zudem verschuldet.11

Diese Zahlen spiegeln sich auch in der globalen Vermögensverteilung wider: 2022 hielten die oberen 1,1 Prozent der Erwachsenen 45,8 Prozent des weltweiten Vermögens, während die ärmsten 52,5 Prozent nur 1,2 Prozent des globalen Vermögens besaßen.12 In den letzten Jahren habe ich immer wieder Zeit in San Francisco verbracht, wo der Vater meiner Kinder lebt und arbeitet. Dort findet man aktuell ein erschreckendes Beispiel für die Folgen eines solchen Turbokapitalismus vor: In der Bay Area herrscht eine verheerende Wohnungskrise, 2024 lebten dort rund 39 000 Menschen auf der Straße.13 Während die Mieten weiter steigen, stehen in San Francisco 18 Millionen Quadratmeter an Büroflächen leer.14 Zu Zeiten des Booms von Silicon Valley hatte man hier vorwiegend Bürogebäude und Shoppingmalls errichtet, die Tech-Unternehmen strömten in die Stadt, die Wohnungsmieten schossen in die Höhe. Die Mittelschicht wurde zunehmend aus der Stadt verdrängt, doch kaum ein Jahrzehnt später platzte die Tech-Blase. Übrig blieb eine Stadt, vollgestellt mit leeren Bürogebäuden und verlassenen Einkaufszentren, wo Wohnraum für Menschen hätte entstehen können. Auf den 18 Millionen Quadratmetern an leer stehenden Büros könnte man theoretisch 92 000 Menschen beherbergen. Das würde sicherlich einige Investitionen und auch politischen Willen erfordern – Büroflächen lassen sich nicht von heute auf morgen in Wohnungen umgestalten. Langfristig wäre es vielleicht eine Möglichkeit, die Stadt wieder lebenswerter zu machen. Tatsächlich geschah überwiegend etwas ganz anderes: Viele Investoren stießen die Immobilien ab und verkauften sie oft weit unter Marktwert. Sie betrieben Schadensbegrenzung – für das eigene Portfolio wohlgemerkt, nicht aber für die Gesellschaft.15

Die Rede ist hier von Menschen, die schon mal einen Verlust in dreistelliger Millionenhöhe verkraften können, ohne Bankrott anmelden zu müssen: die Reichsten unter den Reichen. 2024 gab es weltweit 2682 Milliardär:innen, deren Gesamtvermögen sich schätzungsweise auf 14 Billionen US-Dollar belief.16 14 000 000 000 000 US-Dollar. Diese Zahl hat so viele Nullen, dass die meisten Menschen sich kaum vorstellen können, was sie bedeutet. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob die Menschen, die Vermögen in solchen Größenordnungen besitzen, es selbst begreifen. Zumindest, was die Verantwortung angeht, die so viele Nullen mit sich bringen. Fakt ist nur: Das Vermögen der Reichsten wächst mit rasanter Geschwindigkeit. Alle Milliardär:innen zusammen sind heute um 34 Prozent (sprich um 3,3 Billionen US-Dollar) reicher als noch 2020, Tendenz steigend. Gleichzeitig haben 4,77 Milliarden Menschen, die zu den ärmsten 60 Prozent der Menschheit zählen, seit 2020 insgesamt 20 Milliarden US-Dollar an Vermögen verloren.17 In Deutschland besitzen rund 3300 Superreiche fast ein Viertel des gesamten Finanzvermögens – und jede:r einzelne von ihnen mehr als 100 Millionen Dollar.18 Würde man das gesamte Finanzvermögen in Quadratmeter umrechnen, so könnten diese 3300 superreichen Menschen die Fläche von Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland Pfalz für sich allein beanspruchen. Da könnte man sich durchaus breitmachen, während es für die restlichen 99,99 Prozent der Bevölkerung in den verbleibenden Bundesländern ziemlich eng werden würde.19

Wie man es dreht und wendet: Alles deutet darauf hin, dass es im kapitalistischen Geldspiel viele Verlierer und nur wenige Gewinner gibt, die es geschafft haben, das Real Life Monopoly für sich zu perfektionieren. Für Gesellschaften bedeutet dies, dass Machtverhältnisse sich zunehmend verschieben und konzentrieren. Geld bedeutet nicht automatisch Macht. Aber sehr viel Geld erleichtert es denen, die es besitzen, Macht auszuüben, wenn sie es denn wollen. Das ist eine Ungerechtigkeit an sich. Hinzu kommt, dass diese Menschen ihre Macht weitestgehend nach eigenem Ermessen einsetzen können: im besten Fall zum Wohle aller. Doch, wie man am Zustand der Welt gut ablesen kann, in sehr vielen Fällen vor allem zum eigenen Vorteil. Das Ungleichgewicht, das so entsteht, wirkt sich nicht nur negativ auf die Lebensverhältnisse von Menschen aus. Es beeinflusst auch die Beziehungen der Klassen innerhalb einer Gesellschaft. Eine gesunde Beziehung kann nur entstehen, wenn die Parteien einen offenen und ehrlichen Dialog auf Augenhöhe führen. Solch ein Dialog über Geld und Gerechtigkeit findet bis heute viel zu wenig statt. Und das hat einen Grund.

Don’t look rich: Toxische Geldbeziehungen

Während ich aufwuchs, habe ich einiges über Geld beigebracht bekommen. Leider waren es nicht immer die Dinge, die ich am liebsten gelernt hätte und die mir später im Leben gegebenenfalls nützlich gewesen wären. Vor allem lernte ich, dass es nicht gut ist, über Geld zu sprechen. »Über Geld spricht man nicht, Geld hat man«, weiß der Volksmund. Bei uns ging es natürlich konkret um das Geld der Familie. »Don’t look rich«, lautete die Maxime. Also sinngemäß: Sag nicht, wie viel du besitzt. Sprich nicht mit den falschen Leuten. Zeige in der Öffentlichkeit nicht, dass du reich bist. Als Erbin musst du dich beschützen. Wenn du das nicht tust, wirst du ausgenutzt. Denn alle, die weniger besitzen, wollen dir dein Geld wegnehmen. Das stand zum Teil im krassen Gegensatz zum Lebensstil meiner Eltern. Es ist sicher fraglich, wie eine riesige Villa im besten Münchener Viertel oder teure Designerklamotten von unserem Reichtum ablenken sollten. Dennoch galt es immer, irgendwie unter dem Radar zu bleiben, um keinen Neid zu erzeugen und zu verhindern, dass irgendjemand unnötige Fragen stellt.

In den Kreisen, aus denen ich komme, sind solche Maximen weitverbreitet. Natürlich kommt es vor, dass vermögende Menschen um finanzielle Unterstützung gebeten werden. In meinem Umfeld gab es zuletzt so einen Fall. Eine sehr vermögende Dame bekam einen Anruf von einem älteren Herrn. Es war der Ehemann des Kindermädchens, das viele Jahre in ihrem Haus gearbeitet und ihre Kinder großgezogen hatte. Das ehemalige Kindermädchen war bereits verstorben, ihr Ehemann mittlerweile über 90 Jahre alt. Er bat um Hilfe, da es Probleme mit seinen Rentenzahlungen gab. Die vermögende Dame wimmelte ihn ab. Mit »Personal« wollte sie nichts zu tun haben. Ob der Mann wirklich in Not war oder sich (womöglich für jemand anderen, für seine Kinder oder Enkel) Geld erschleichen wollte, kann niemand wissen. Der Mann verstarb nur wenige Tage nach dem Anruf. 

Ob man Menschen in Not hilft oder nicht, sei jeder und jedem selbst überlassen. Alle, die auf der Straße an einem Obdachlosen vorbeigehen, müssen diese Entscheidung treffen. Legt man der Person ein paar Münzen hin oder nicht? Kauft sie sich von dem Geld womöglich Alkohol oder Drogen? Ist sie überhaupt bedürftig oder »tut sie nur so«? All das sind legitime Fragen, die sich viele von uns in dieser oder ähnlicher Form schon mal gestellt haben. Wie man sie beantwortet und welche Handlungen sich daraus ergeben, liegt im eigenen Ermessen. Was hier jedoch stets zutage tritt, ist ein Machtgefälle in der Beziehung zum anderen. Wer mehr besitzt, entscheidet, welche Menschen der eigenen Hilfe und Aufmerksamkeit – ja, des eigenen Mitgefühls – würdig sind und welche nicht.

Eine solche Machtverschiebung findet auch auf gesellschaftlicher Ebene statt, und sie ist umso größer, je weiter die Schere zwischen den Ärmsten und den Reichsten auseinanderklafft.

Geld sei »Macht in Beziehungen«, schreibt die BASF-Erbin Marlene Engelhorn in ihrem Essay Geld.Betrachtet man die Gesellschaft als ein Geflecht von Beziehungen, wird schnell klar, wer am längeren Hebel sitzt. Wenn Normalsterbliche an Reichtum denken, erscheinen vor dem inneren Auge Bilder von Yachten und Villen, von teuren Autos, Privatjets und Galaempfängen. In unserer von Hochglanzbildern gefluteten Welt wird Reichtum vor allem mit materiellem Luxus assoziiert. Doch es gibt noch andere Arten von Luxus. Intransparenz zum Beispiel. Wer gelernt hat, dass man über Geld schweigt, wird seine Vermögenswerte kaum freiwillig offenlegen. Forscher:innen, die sich mit Reichen und Superreichen beschäftigen, kommen oft nur schwer an verlässliche Daten. Viele Mitglieder der Geldelite nutzen zudem das weltweite Offshore-System. Dieses erlaubt Vermögenden, ihr Geld in komplizierten, undurchsichtigen Konstrukten zu verstecken, und dies nicht nur, um Steuern zu umgehen. Das Offshore-System »verkauft den Reichen Geheimhaltung«, schreibt die US-amerikanische Soziologin Brooke Harrington.20 Um überhaupt einen Blick hinter die Kulissen dieser Konstrukte zu werfen, besuchte Harrington zwei Jahre lang einen Kurs für Vermögensverwalter und führte Dutzende Interviews mit Menschen, deren Beruf es ist, Vermögen zu verschleiern. Sie fand viele Indizien dafür, dass Vermögende das Offshore-Finanzsystem erfolgreich dafür nutzen, um Gesetze anderer Länder zu umgehen und sich Gerichtsurteilen, Umweltschutzbestimmungen, der Kontrolle durch Aufsichtsbehörden oder auch den Forderungen zukünftiger Ex-Frauen zu entziehen. Zudem würden sie ihr Kapital horten, anstatt es produktiv einzusetzen.21 Es handle sich hierbei um ein System, das gezielt »demokratische, wirtschaftliche und soziale Institutionen untergräbt und das Alltagsleben von Milliarden von Menschen beeinträchtigt«. Die Geheimhaltung sei dabei ein zentrales Instrument der Macht, während »die Mehrheit der Menschen mehr überwacht würde als je zuvor«.22 Das gilt vor allem für den ärmsten Teil der Bevölkerung. Wer Sozialleistungen wie Bürgergeld oder Wohngeld beantragt, muss sich vor dem Staat geradezu »nackt machen«, was die eigene finanzielle Situation betrifft.

Welche Art von Beziehung ist das, in der die einen genötigt werden, alles preiszugeben, während die anderen sich seelenruhig ausschweigen können? Kommen Vermögende doch in Bedrängnis, gehen sie schnell zum Gegenangriff über: So wird Menschen, die sich mit Reichtum beschäftigen oder es gar wagen, Lösungen für die Ungleichverteilung vorzuschlagen, gern unterstellt, sie seien nur neidisch auf das Geld anderer.

Ich will nicht behaupten, dass Neid und Habgier nicht existieren. Auch mir sind im beruflichen Umfeld schon Menschen begegnet, die mir gegenüber nicht wohlwollend waren. Menschen, die womöglich dachten, ich hätte dadurch, dass ich in eine vermögende Familie hineingeboren wurde, sowieso mehr als genug von allem, sodass es okay sei, mich auszunutzen. Beruflich wie privat muss man natürlich lernen, auf die Intentionen von Menschen zu achten – da geht es mir sicher wie vielen anderen auch. Was auch immer die Rechtfertigungen sind, die Menschen dazu bewegen, sich anderen gegenüber unfair zu verhalten – diese Mechanismen hat es immer gegeben. Sie sind dort am präsentesten, wo die Ungleichverteilung der Ressourcen am größten ist. Doch der generelle Vorwurf einer »Neiddebatte« ist etwas anderes: Er unterstellt von vornherein Charakterschwäche und zielt auf die moralische Abwertung von Menschen, die auf ein schwelendes gesellschaftliches Problem hindeuten und versuchen, im kollektiven Diskurs Lösungsansätze zu finden. Wer mit der Neiddebatte argumentieren muss, hat schon lange keine logischen Argumente mehr. Um Neid und Habgier entgegenzuwirken, ist es am besten, Gerechtigkeit zu schaffen. Mich persönlich haben die negativen Erfahrungen gelehrt, verantwortungsvoller zu handeln und mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, so umzugehen, dass es für die größtmögliche Anzahl von Menschen förderlich ist.