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„Stell dir vor, dein Leben ist wie eine Achterbahnfahrt. Aber du kannst nicht lachen - und auch nicht schreien. Da ist kein schön-aufregendes Bauchkribbeln. Du suchst das Steuer, die Bremse, die Tür zum Ausstieg - aber da ist nichts. Du kannst nicht heraus. Dir wird schlecht, aber die Fahrt geht weiter!“ So oder so ähnlich könnte Martin sein Leben beschreiben, von dem er nur noch wenig erwartet nach seinem Winter im Wohnheim für Obdachlose, wo er landete, nachdem er die Ehe mit Anette an die Wand gefahren hat. So etwas wie Glück empfindet er mit Sigrid, ein kleines, herrliches, unerwartetes, bescheidenes, andächtiges Glück. Ist es zu viel verlangt zu hoffen, dass es noch ein klein wenig andauert? Aber der Wagen rast weiter, bergauf, bergab, in die Dunkelheit, in den Tunnel, in den Blackout, der Martin endgültig aus der Bahn katapultiert und ihm das letzte nimmt, das er noch besaß: Seine Freiheit.
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Nummer sechs lebt nun schon zwei Wochen bei mir. Es wird nicht mehr lange dauern, und ich werde sie auf dem Rücken liegend wahrscheinlich auf der Fensterbank finden, so wie zwei ihrer Vorgänger. Die erste lag auf dem Boden unter dem kalten Heizkörper, die zweite vor dem Spind. Eine habe ich bis heute nicht gefunden, obwohl ich immer wieder suche.
Ich sehe zu, wie sie ihren Rüssel in den Honigtropfen auf meinem Handrücken tupft. Wenn ich mich sehr langsam und vorsichtig bewege, kann ich mit dem Zeigefinger meiner anderen Hand die feinen Härchen auf ihrem Rücken berühren. Um das fertigzubringen habe ich bei dieser vier Tage gebraucht. Bei den anderen ging es schneller.
Gleich wird sie sicher wieder mit ihren kleinen scheint’s sinnlosen Rundflügen beginnen, ganz nahe vor meinem Gesicht. Die Flügel brummen dabei. Ein tiefes, entspanntes Brummen ist das, ganz anders als das übliche fast lautlose Fliegen sonst tagsüber, wenn sie sich die Zeit vertreibt.
Die vier toten Fliegen liegen rücklings in ihrer grotesken Starre aufgereiht auf der Ablage über meinem Waschbecken gleich neben den beiden alten Zahnpasta-Flecken. Die ersten beiden Körper sind bereits kleiner geworden, hellgrau und porös. Würde ich sie hochnehmen, um sie woanders hinzulegen, würden sie zerfallen. Die Beine lösen sich schnell vom Körper nach dieser Zeit. Deswegen lasse ich sie liegen. Es liegt sonst nichts auf dieser Ablage außer der Fliegenkörper. Und Staub. Weil ich wegen der Fliegen dort nicht richtig putzen kann.
Wenn der Sommer vorbei ist, ungefähr in zwei Monaten, jetzt ist Juli, wird es aus sein mit den Fliegen. Ich werde mir keine mehr mitnehmen können aus dem Hof vor dem großen Fenster am Eingang, wo sie immer sitzen und sich sonnen. Ich kann eine Fliege mit nur einer Hand fangen, ohne dass sie sich dabei verletzt. Es gelingt nicht immer, wenn ich es versuche. Aber dass es gelungen ist, merke ich an dem Krabbeln in meiner fast geschlossenen Hand. Dann muss sie nur noch die langen Minuten überstehen, die es dauert, bis ich von dort in meinen vier Wänden angekommen bin. Und die Hand öffne. Nicht alle überleben das.
Dass ich noch nicht durchgedreht bin, liegt wahrscheinlich auch an den Fliegen. Ich kümmere mich um sie und sie sich um mich. Nach einer Zeit habe ich zu jeder schon eine Beziehung gehabt. Ich weiß, wie sich das für andere anhören muss.
Meistens wecken sie mich, wenn es im Zimmer hell wird. Das ist im Juli lang bevor ich aufstehen muss. Sie laufen über mein Gesicht, oder ich höre das warme Brummen nahe an meinem Ohr. Ich füttere sie mit Honig oder Marmelade aus den kleinen Plastiktöpfchen, die ich manchmal vom Frühstück mitgehen lasse. Ich unterhalte mich mit ihnen. Eine Stubenfliege kann bis zu 42 Tage alt werden.
Ich liege auf meinem schmalen Bett und schaue an die Decke. Sehe Bilder in meinem Kopf. Ganze Filme laufen da ab. Aber dass ich mich nicht mehr an diese zwei Tage erinnern kann, erschreckt mich. Mein Kopf hat mich schon lang nicht mehr so im Stich gelassen. Es ist irritierend, dass da diese Lücke ist. Vorsichtig taste ich mit der rechten Hand an meinen linken Ellbogen. Das Grind ist nach 28 Tagen abgefallen. Die Haut dort ist noch immer zu glatt, haarlos und ein bisschen taub. Meine Hüfte schmerzt nicht mehr so sehr. Sie hat ja auch schon vorher wehgetan.
Die Sonnenstrahlen, die durch das kleine Fenster den Weg in mein Zimmer finden, wandern im Laufe eines Nachmittags vom Spind an der einen Längsseite über die schmale Wand mit der Tür, dem Waschbecken und dem Klo zur anderen langen Wand, an der mein Bett steht. Als sie gestern das Fußende erreicht hatten, war es fast Abendessenszeit, 17.21 Uhr. Jeden Tag wird es etwas früher sein, bis zum 21. Dezember. Viele Tage sind ohne Sonne.
Wären meine Umstände anders, würde mir dieses Zimmer hier wahrscheinlich gefallen. Es ist trocken und dicht, im Winter vermutlich gut geheizt. Es hat alles, was ich brauche. Ich habe schon schlechter gelebt. Aber es geht mir nicht gut. Ich bin nicht frei. Jeder Tag ist gleich, manchmal unterschiedlich der Nachmittag. Feste Abläufe, feste Regeln, immer die gleichen Menschen um mich herum. Ich muss funktionieren, obwohl mein Kopf schmerzt, das Gehirn entweder zu langsam oder zu schnell arbeitet, ich mich wie tot und gefühllos fühle oder kurz davor bin auszurasten.
Wenn es dann später, gestern war es 22.08 Uhr, ganz dunkel ist, liege ich meistens schon ein oder zwei Stunden hier und heule. Nicht immer, aber oft. Neben meiner Tür hängt ein Kalender. Jeder Tag ein Blatt. Ich bekam ihn geschenkt, als ich hier einzog. Es war im Mai, Anfang Mai. Eigentlich der schönste Monat im Jahr.
Dr. Andersen sagt, es ist gut, wenn ich weine. Ich habe einen Gedächtnisausfall, eine Amnesie. Ich muss Gefühle zulassen. Sie will mir helfen, dass ich mich wieder erinnern kann. Und mit dem klarkommen lerne, was ich dann weiß.
Meistens weine ich um Sigrid. Sie fehlt mir so sehr, dass es weh tut. Im Bauch, in der Brust, im Kopf. Aber ich weine auch um meinen Sohn, der Victor heißt, und nun fast neunzehn Jahre alt ist. Ich weine um meine Frau. Ich weine um mich und um mein verdammtes sinnloses Leben, um das, was ich anderen angetan habe und darum, dass ich es bis heute beim besten Willen nicht besser machen kann. Obwohl vieles auch gut war. Obwohl es glückliche Jahre gab. Es gab Liebe, es gab Lachen. Nein. Die Liebe ist bis heute in meinem Herzen. Aber sie liegt da wie eine offene Wunde. Sie schmerzt. Sie nässt und eitert. Sie will nicht verheilen. Die Wunde sollte sich schließen. Eine offene Wunde ist immer eine Gefahr.
Wenn ich die Augen schließe, ist alles von Sigrid da: Ich spüre ihre Haut unter meinen schwieligen Fingern, ihre Haare, die sie sich immer färbte, was ich nicht mochte, an meiner Nase kitzeln. Wie wir beieinander lagen und uns erzählten, wirres Zeug, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, bis es draußen hell wurde. Irgendwann stand sie auf und machte uns Kaffee in ihrer kleinen Maschine auf dem Tisch vor dem Bett. Sogar das Fauchen und Zischen und Gurgeln der Kaffeemaschine habe ich noch im Ohr. Während wir den Kaffee in kleinen heißen Schlucken fast andächtig tranken, schwiegen wir, schauten aus dem kleinen Fenster in den Himmel. Manchmal liebten wir uns danach, schliefen ein paar Stunden, bis sie mich rüttelte, meistens gegen elf und sagte, ich müsse nun gehen.
Sehr selten nur kann ich in dem kleinen Streifen Himmel, den ich durch mein Fenster hier sehen kann, den Mond entdecken. Und ich sage mir, dass es der gleiche Mond ist, den ich früher schon so oft gesehen habe. Über dem Getreidefeld am Waldrand, wenn ich alleine war, wenn es von der Wiese her nach Heu roch und laut die Grillen zirpten. Vom Balkon unserer Wohnung im dritten Stock, die ich mit meiner Frau und meinem Sohn bewohnte. Über dem Meer in der Nacht von der Terrasse der kleinen Pension im Urlaub - voll war er und mein Sohn sagte, er sähe aus wie ein zu heller Pfannkuchen. Der kalte Mond meiner Kindheit, der mir immer ein bisschen Angst einjagte, weil es dann, wenn er groß war, immer so viele Schatten im Zimmer gab. Den besonderen Mond im Frühsommer, wenn ich an lauen Abenden die Fledermäuse beobachtete und die Kirschbäume ihren Blütenduft verströmten. Den Blutmond, wie er sehr selten und wie ein Planet riesengroß über dem Horizont auftauchte und mir undefinierbare, unheimliche, herrliche Gefühle machte. Der Mond hier sieht anders aus. Er ist klein, unscheinbar und viel zu weit weg, um mich irgendetwas fühlen zu lassen.
Sigrid ist keine schöne Frau. Genau so wenig schön wie ich. Wir sind auch beide nicht mehr jung. Als wir uns kennenlernten war sie neununddreißig und ich sechsundvierzig. Es war nicht immer klar zwischen uns. Sie stand eines Tages hinter dem Tresen der kleinen Steh-Pizzeria, in dem ich mir manchmal in letzter Zeit ein warmes Essen erstand. Ich kannte den Besitzer, wir hatten einen Deal, wie ich eben hier und da einen Deal brauchte, um über die Runden zu kommen. Ich half ein bisschen aus, ein, zwei Stunden Arbeit - dafür bekam ich ein Essen oder etwas Geld.
Alberto musste ihr von mir erzählt haben, denn als ich mich gegen 9.00 Uhr abends etwas irritiert durch die offen stehende Tür hineindrückte, mich hinten an den Tresen setzte, schob sie mir auf einem Pappteller ein Stück schon leicht trockene Margharita zu und öffnete eine Flasche Apfelschorle für mich. Die ganze Zeit, während ich aß, sagten wir beide nichts, kein einziges Wort. Ich weiß noch, dass ich mich gefragt habe, was Alberto wohl über mich erzählt haben mochte. Ich versuchte, einen guten Eindruck zu machen und sauber und ordentlich zu essen, was mit einem länger nicht geschnittenen Bart nicht ganz einfach war. Ich machte mir manchmal noch Gedanken über mein Aussehen, über meine Haltung. Ich war noch nicht soweit, dass mir das egal war. Als mir Sigrid den Rücken kehrte, um die Arbeitsflächen abzuwaschen, musterte ich sie. Sie war klein, leicht vollschlank, ihr künstlich ins Aubergine gehende Haar hatte sie zu einem sehr kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie bewegte sich schnell aber ohne Hast; bei ihren kleinen energischen Putzbewegungen schien sie nachzudenken. Als ich mein Essen beendet hatte, räusperte ich mich. Sie drehte sich um, und ich bildete mir ein, ihre Mundwinkel umspielte ein Lächeln: „Wenn du morgen wiederkommst, komm um halb neun. Du sollst dann spülen.“ Zwei Finger an meiner Schirmmütze, stolperte ich irgendetwas murmelnd hinaus. Ich hörte noch ihr „Gute Nacht“, da war ich schon auf der Straße.
Ich spüre, dass mir ein Tropfen schräg über die Wange unter das Ohr und den Hals hinunterläuft. Ich spüre den Tropfen noch im Nacken seitlich im Haar versickern. Meinen Bart habe ich jetzt übrigens nicht mehr. Ich wische mit dem Handrücken über meine Wange, die Fliege schreckt von irgendwoher auf und fliegt zum Fenster, es dämmert bereits. Das Fenster ist gekippt, aber der Spalt ist geschützt mit einem feinmaschigen Gitter, so dass niemand etwas hinein oder hinauswerfen kann. Keine Fliege würde da hindurch kommen. Ich brauche also keine Angst zu haben, dass sie mir abhandenkommen könnte. Ganz öffnen kann ich das Fenster nicht.
Ich stehe auf von meinem Bett und wasche den Honigrest von meiner Hand. Dann trete ich ans Fenster. Es ist ungefähr vierzig Zentimeter hoch und einen Meter breit, auf der Höhe meiner Schultern, wenn ich davor stehe. Selbst, wenn ich mich strecke oder mich auf meinen Stuhl stelle, kann ich nicht auf die Erde sehen. Ich sehe nur den oberen Teil des gegenüberliegenden Gebäudes und einen Streifen Himmel darüber.
Eigentlich mag ich keine Apfelschorle.
Am nächsten Morgen melde ich mich wie immer pünktlich zum Dienst. Ich bin niemand, der zu spät kommt, eher zu früh. Ich trage mich ein in die Liste an der Wand neben der Tür. Mein Dienst geht von halb acht bis halb zwölf, vier Stunden wie immer. Es geht darum, Kunststoffteile vom Träger zu lösen. Die einzelnen Teile lassen sich durch eine kurze Dreh-Knick-Bewegung sehr einfach mit einem leisen Geräusch ablösen und werden in unterschiedliche Kartons einsortiert. Die ganze Aufmerksamkeit gilt der Stückzahl in den Pappschachteln. Es müssen 36 sein. In jedem Karton. Nicht 35 oder 37, sondern genau 36. 7 Teile müssen abgelöst werden. Ich zähle also „1, 1, 1, 1, 1, 1, 1“ und dann „2, 2, 2, 2, 2, 2, 2“ und so weiter. 35 mal und dann sieben mal 36. Jedes Mal, wenn das Teil mit einem „Klack“ in den Karton fällt. Das „Klack“ verändert sich, je nachdem, ob es noch auf den Pappboden, auf wenige Kunststoffteile oder auf viele fällt. Doch darauf darf ich nicht achten. Das bringt mich zu leicht durcheinander. Wenn ich 7 x 36 gezählt habe, verschließe ich die Deckel, räume die fertigen Kartons in eine Kiste unter dem Tisch, hole mir eine neue Wanne Kunststoffteile von meinem Tischnachbarn und beginne wieder von vorne.
Wenn man sich verzählt, was bei mir häufiger vorkommt, muss man den Karton ausschütten und die Zahl überprüfen. Ich mache das mittlerweile regelmäßig am Anfang einer Serie, wenn ich ziemlich sicher bin, bei „36“ angekommen zu sein. Das Geräusch, wenn ich eine Schachtel auf den Tisch ausschütte, stört den Kollegen neben mir. Er hat mich schon öfter deswegen angefahren. Ich sage nichts. Ich schaue ihn auch nicht an. Ich will keine falschen Stückzahlen abgeben.
Es ist unglaublich schwer, sich vier Stunden so konzentrieren zu müssen. Ich will meinen Gedanken nachgehen. Es nicht zu können, ist wie Folter für mich. Wenn wir zu viele Fehler machen, zu lange brauchen oder es irgendwie Streit gibt, werden wir versetzt oder können selbst für den nächsten Montag eine andere Arbeit beantragen. Wir müssen dann aber jemanden finden, der mit uns tauschen möchte. Ich habe schon mehrmals getauscht, insgesamt vier Mal. Die anderen Arbeiten sind nicht besser.
In der Mittagspause gehen wir zum Essen in die Kantine. Wir stehen in langen Reihen an um Kartoffelbrei mit Soße und zerkochtem Fleisch. Oder Nudelsuppe mit Würstchen und Brot. Danach eine Stunde Mittagsruhe. Ich will mich nicht beklagen. Jeden Tag ein warmes Essen. Ich hatte schon schlechtere Tage.
Letztes Jahr im Sommer allerdings war ich reich. Ich war frei, reich und glücklich. Das erste Mal wieder nach Jahren der Dunkelheit. Ich werde diesen Sommer nie vergessen. Er hat sich tief eingebrannt in meine Seele. Sein Duft, seine Geräusche, alles ist da, wenn ich die Augen schließe.
Ich hatte den Winter in einer Wohngemeinschaft für Heimatlose verbracht. Es ist unglaublich schwer anzunehmen und auszuhalten, dass man so tief gesunken ist. Es ist fast unmöglich ohne zu trinken. Die anderen Kerle dort haben kein Benehmen, duschen sich nicht, reden zu viel dummes Zeug. Du wirst angemacht. Wenn du dich zurückhältst, bist du der Außenseiter. Ich habe versucht, mich irgendwie zu retten, diese Wochen zu überleben. Es stank nach Pisse überall. Manche Kerle machten ins Bett, weil sie zu besoffen waren, rechtzeitig auf’s Klo zu gehen. Es roch nach Schweiß, Kotze und anderem.
Ich will nicht sagen, dass ich immer die Ausnahme war. Es gab Tage, da war mir alles egal. Da kam ich nicht hoch. Konnte an nichts mehr glauben, weil es zu lange abwärts gegangen war. Weil ich keinerlei Kraft mehr hatte. Weil es immer schlimmer wurde. Ich wollte nicht mehr. Wusste auch nicht wofür, denn da gab es niemanden und nichts mehr in meinem Leben. Ich selbst war ein Nichts zu dieser Zeit, kleine wertlose Überreste eines verkommenen Menschen, die sich auflösten in Dreck, Abschaum, Ekel, Verachtung, Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit und Schwäche. Dann konnte ich mich selbst nicht ertragen.
Ich kann mich aber an den einen Tag erinnern, als wäre es letzte Woche erst gewesen. Nach der endlos langen Winterdunkelheit und -kälte, der Ewigkeit in Gestank und Dreck und Minderwertigkeit kamen draußen die ersten wärmeren, trockenen Tage. Es erwachten tatsächlich von irgendwo her kleine Lebensgeister in mir, von denen ich lange nichts mehr gewusst hatte. Irgendetwas zog mich hinaus aus meinem muffigen Bett. Ich zog mir andere Kleidung an, nahm meinen Rucksack mit meinen wenigen Sachen darin und ging hinaus. Die Sonne blendete mich. Ich musste ständig auf den Boden schauen. Ohne zu denken ging ich den Weg aus dem schäbigen Viertel hinaus an die stärker befahrene Straße und lief langsam in eine Richtung, die weg führte. Wie ferngesteuert. Einfach nur weg. Ich wusste nicht wohin, bis ich den Wald sah. Ich wollte den Geruch des Waldes. Ja: Nach wochenlanger Totenstille in mir war da wirklich wieder ein Gedanke, ein Wunsch! Das Geräusch der Vögel! Die aufgewärmte, trockene Erde! Leben! Die Bäume waren noch kahl, aber vielleicht konnte ich Knospen sehen, irgendetwas entdecken, das lebendig war, neu, gut und richtig! Ich versuchte, meinen Schritt etwas zu beschleunigen, was mir schwer fiel. Mein Körper tat mir weh, ich fühlte mich schwach, ich hatte keine Kraft.
Die Erinnerung an diesen Tag ist deutlich… wie ich sehr langsam über die glatte Rinde einer Buche am Waldrand strich… Ihre Blattknospen entwickelten sich immer am langsamsten. Wenn schon alle anderen Bäume neue frische grüne Blätter haben, die Buche behält ihr altes Laub am längsten. Man könnte meinen, sie sei nicht über den Winter gekommen. Dann plötzlich, wenn der Frühling schon lang da ist, plötzlich über Nacht fallen die Blätter, und die Knospen haben deutlich grüne Spitzen.
Ich kannte viele Bäume in diesem Wald schon lang. Ich sah die Bänke, auf denen ich schon früher oft gesessen hatte, nicht immer allein. Aber ich setzte mich nicht. Ich bog ab und ging langsam am Bach entlang. Um diese Jahreszeit rauschte er, später im Sommer war es mehr ein Gurgeln, je nach Wassermenge. Das Wasser heute war graubraun. Ich verspürte keine Lust, meine Hände hineinzuhalten. Schließlich ging ich noch einmal vom Weg ab, einen Trampelpfad entlang. Ich kannte diesen Wald hier wie meine Westentasche. Aber meine Kondition war so schlecht. Ich konnte nur langsam gehen, hatte schlechte Schuhe. Meine Füße waren nicht gesund.
Von weitem sah ich den Waldspielplatz. Es waren Kinder da. Ich drehte den Kopf weg.
Mehrmals bog ich vom Pfad ab, bis es keinen mehr gab und sich der Waldboden spurlos vor mir ausbreitete. Ich wusste, wo ich war. Ich wusste nun, wohin ich wollte. Ich steuerte bergan, langsam setzte ich Fuß vor Fuß. Es gab noch kein wildes Kraut auf dem Boden, nur viele kleine Bäumchen und an den lichten Stellen Buschwindröschen, die vereinzelt bereits blühten. Ich wollte sie nicht zertreten. Ich hielt die Richtung, es ging nach Westen. Ich schnaufte wie ein alter Postgaul und begann stärker zu schwitzen. Mein Körpergeruch ekelte mich. Ich hoffte, ich würde die Strecke schaffen.
Als ich schließlich nach einer Ewigkeit oben ankam und die Felsgruppe sah, schossen mir Tränen in die Augen. Ich ließ meinen Rucksack auf den Boden gleiten und sank auf das trockene Laub. Ich wusste nicht, was das für Tränen waren. Tränen der Erleichterung, noch am Leben zu sein, etwas von mir zu spüren, das wieder leben wollte? Tränen der Freude, an meinem geliebten Ort zu sein, der mir vertraut war, an dem ich mich nicht so einsam fühlte? Tränen des Schmerzes, der Trauer, weil mein vernachlässigter, heruntergekommener Körper mir keinen guten Dienst mehr leistete?
Ich lag auf dem Rücken und schaute durch die noch kahlen Baumwipfel in den blauen Himmel. Meine Hände wühlten unter der trockenen, knisternden Laubschicht die Walderde auf. Ich griff zwei Handvoll, richtete mich auf und hielt sie mir unter die Nase. Ooh, der Duft dieser Erde!! Nirgends riecht die Erde fruchtbarer, reicher und vielfältiger als im Wald. Nach Pilzen, Moos, Laub, Verwesung, aber so angenehm und frisch, dass ich nicht genug davon bekommen konnte. Sie war schwarz, leicht und trocken, und ich verbrachte eine ganze Zeit damit, sie zwischen meinen Händen zu kneten und zu reiben, mit meiner Nase den frischen Waldboden-Duft zu inhalieren und mein Hirn damit zu durchtränken.
Wie viele Stunden hatte ich hier bereits verbracht. Zuerst mit 8 oder 9, und später noch hin und wieder, bis ich meine Frau kennenlernte. Immer allein. Niemals hatte ich jemandem diesen Ort gezeigt. In der Nähe hörte ich das Gluckern der kleinen Quelle. Alles war wie früher, wie immer.
Ich spürte etwas wie Geborgenheit an diesem Ort und konnte es nicht begreifen. Setzte Geborgenheit nicht voraus, dass da etwas war, ein Mensch, dem ich wichtig war, der es mir schön machen wollte, der sich um mich kümmerte, der wusste, wie mir zumute war? Diesen Menschen gab es nicht. Ich war allein. Und trotzdem spürte ich es. Es war eine besondere Stimmung, und mir kam plötzlich das Wort Auferstehung in den Sinn. Auf einmal war mir klar, was es bedeuten konnte. Aufstehen vom Toten. Aufstehen aus meinem eigenen geistigen Grab, hinaus ans Licht. Wer eigentlich hatte es geschaufelt? Ich kannte dunkle Phasen in meinem Leben zur Genüge, aber noch nie war der Nebel so dicht gewesen, der Tunnel so hoffnungslos lang, dass ich nicht mehr an das Licht glauben konnte, wie in den letzten Monaten.
Hoffnung. Auferstehung. Geborgenheit. Ich war nicht gestorben. Etwas Winziges in mir lebte. Es fühlte sich an, als wäre ich nicht ganz allein. Deutlich spürte ich meinen Herzschlag und eine Ahnung von leise schüchternem Glück.
Ich habe die Augen geschlossen und scheue davor zurück, sie zu öffnen. Will die Erinnerung an den Walderde-Duft festhalten, den gefühlten Gedanken an Auferstehung, der zu einem anderen Leben zu gehören scheint.
Ich kenne jede Einzelheit in diesem Zimmer auswendig. Wenn ich in dieser Kopfstellung die Augen öffne, sehe ich in die obere rechte Zimmerecke und ein paar sehr feine Risse im Putz. Sie haben die Form eines asymmetrischen Ypsilons. Wenn ich den Kopf einen halben Zentimeter nach links drehe, sind da Stellen an der Decke, die beim letzten Tünchen übersehen wurden. Es sind zwei sehr schmale spitz zulaufende unregelmäßige Dreiecke. Je dunkler es im Raum wird, umso deutlicher sind sie. Ich lasse die Augen geschlossen. Ich weiß nicht, wie spät es ist. Welches Programm heute Nachmittag? Wie viel Zeit seit dem Mittagessen?
Mit geschlossenen Augen versuche ich, das Gefühl in meinem Magen zu deuten. Ich muss erst versuchen, mich an das Essen zu erinnern, um einschätzen zu können, wie lang meine Verdauung brauchen wird und dann das Gefühl in eine mögliche Uhrzeit umrechnen. Das ist wie ein Zwang. Ich könnte auch einfach auf meine Uhr schauen. Oder das schrille Klingeln abwarten, dass draußen im Gang die Zeit taktet und regelmäßig die Stille zerreißt.
Ich muss mich viel zu lang konzentrieren, um darauf zu kommen, welcher Wochentag heute ist. Nicht die Augen öffnen…. Der Kalender würde es verraten. Ich will selber darauf kommen. Es ist kein guter Tag heute…. Es fällt mir nicht ein!
Allein diese Kleinigkeit macht mich wütend! Die Wut steigt erst sehr leise aber unaufhaltsam im Bauch auf, wird stärker und kribbelt. Ich kenne das und auch die schon aufsteigende Enge, die Angst, das Brummen im Kopf… Gute Gefühle von eben fallen plötzlich in unendliche Tiefe wie ein Körper vom Hochhaus. Die Welt in mir ändert sich in Bruchteilen von Sekunden. Nur dadurch, dass ich wieder versage!
Es geht nichts voran!! Es wird nichts besser!! Alles verläuft in Wellen! Nach jedem Auf ein Ab. Kaum habe ich das Gefühl, eine gute Phase zu haben, etwas gut hinzubekommen, ein winziges Bisschen Stabilität zu spüren, verzweifele ich Tage später wieder an meiner eigenen Schwäche. Ich kann es mir nicht verzeihen! Warum kriege ich diese Kontrolle nicht hin? Ich balle die Hände zu Fäusten und reiße die Augen auf - In dieser Sekunde kreischt draußen die Glocke. Abrupt, fast gleichzeitig richte ich mich auf. Meine Fäuste schlagen automatisch ein paar Mal gegen meine Schläfen und meine Stirn. Funktioniere! Los, funktioniere endlich! Ich habe den Wunsch, das starke Bedürfnis, meinen Kopf gegen die Wand zu schlagen!! Schmerz!! Ich kann ihn erzeugen, er ist zuverlässig da, wenn ich ihn brauche!! Ein echter Freund!! Er zieht all meine Aufmerksamkeit in einer halben Sekunde auf sich. Ich kann es aushalten. Ich kann es!! Der Schmerz lenkt mich ab, und wenn er nachlässt fühle ich mich besser, gut, ….
Aber ich schlage meinen Kopf nicht gegen die Wand. Wie ferngesteuert wanke ich zur Tür, drücke die Klinke und trete schwankend in den Flur.
Es dauert eine ungewisse Zeit, bis mir einfällt, dass ich nicht weiß, wo ich hin muss. Wochentag?? Termin?? Ich laufe den anderen nach, die Treppen hinunter, unerkannt im Gemenge, so als wüsste ich genau, was ich wollte. ‚Nicht auffallen!‘ Plötzlich stehe ich im Werkraum, rieche Leim, Holz, sehe Jungs, die Werkzeug holen. Ich war hier noch nicht, drehe um, werde angerempelt und höre einen Fluch. Sekundenlang sehe ich auf einen tätowierten Oberarm. Welches Gesicht von all denen hier gehört dazu?
Ich komme irgendwie raus auf den Flur, nächste Tür, ein großer leerer Raum, ein paar Kerle tragen Stühle von außen zu einem Kreis, setzen sich, schauen gedankenverloren vor sich auf den Boden. Ich bleibe stehen, die Szene kenne ich. Soll ich mich auch setzen? Ich stehe weiter herum, bis ich merke, dass ich angestarrt werde. Alle glotzen, ein paar grinsen, ich werde unruhig. Ein lächelnder Mann, den ich kenne, aber dessen Name mir gerade nicht einfällt, kommt auf mich zu, fasst mich an den Schultern und geht mit mir in den Gang hinaus. Es ist mir peinlich, wie er mich anschaut. Ich merke, dass ich auf’s Klo muss. Er bringt mich in ein Büro schräg gegenüber, ohne etwas zu sagen, schiebt mich vor einen Tresen und verschwindet wieder. Eine Frau kommt auf mich zu und fragt mich nach meinem Namen. Ich denke kurz nach und fürchte mich schrecklich, vielleicht nicht antworten zu können. „Martin“, sage ich dann. Und nach einer Weile „Marquardt“. Gott sei Dank!
Die Frau sucht in einer Liste. Erklärt mir, wo ich hin muss. Sieht mich an. Zwei Sekunden zu lang. Ähnlich wie gerade fühle ich mich unwohl. Die Frau dreht um, geht an ihren Schreibtisch, greift zum Telefon, spricht mit jemandem, kurze Sätze. Sie öffnet eine Klappe im Tresen, kommt auf mich zu, will mich zu einem Stuhl führen, ich merke, wie etwas Warmes meine Beine hinunterläuft, merke, wie die Frau und ich auf den Boden schauen, sie schimpft leise. Worte, die ich nicht verstehe. Da öffnet sich die Tür und zwei Männer kommen herein. Sie haken mich links und rechts ein, ich versuche mitzukommen. Irgendwie funktionieren meine Füße nicht wie sonst. Ich trippele so gut ich kann mit, merke, dass die Wärme und Nässe an meinen Beinen sich verwandelt in ein Brennen, Jucken, Scheuern. Ich kann nicht stehen bleiben, mittlerweile fühle ich mich mitgezogen, mitgezerrt, schwarze und bunte Kreise erscheinen vor meinen Augen, meine Zunge liegt wie ein Bleiklumpen in meinem Mund. Warum spricht denn niemand mit mir, warum bleiben sie nicht stehen? In meinem Kopf ist Scheiße, Watte, Nichts, denke ich, bevor ich in ein Zimmer geführt werde und sie mich auf einen Stuhl drücken. Sie bleiben links und rechts von mir stehen, bis der Doc kommt. Den Doc kenne ich. Es gibt einen älteren und einen noch älteren. Das ist der noch ältere. Ich mag ihn nicht. Er leuchtet in meine Augen, greift meinen Arm, desinfiziert eine Stelle. Während er eine Spritze aufzieht und mich kurz fragt, ob ich mit Hilfe einverstanden bin, ich irgendwie noch ein Nicken zustande bringe, drückt er Flüssigkeit in mich hinein. Ich werde auf eine Liege gehievt, dann bin ich irgendwie weg. Jedenfalls ein Teil von mir.
Ich denke an Durst. Großen Durst. Ist das MEIN Durst? Und Hitze. Mir ist heiß, ich schwitze. Ich merke langsam die Nässe in meinem Rücken vom Nacken bis zum Po. Langsam wird mein Kopf klar. Ich spüre meinen Körper. Aber ich kann mich nicht bewegen. Meine Arme und Beine sind zu schwer. Ich versuche, meinen Kopf zu heben und mich umzuschauen. Ich sehe meinen Körper gesichert, das Arztzimmer. Es riecht unangenehm süßlich. Ich beginne mich zu erinnern. Erinnerung ohne Gefühle: das ist wie Bratwurst mit Kraut, wie Bier ohne jeden Geschmack. Tot, leer, ohne Freude, ohne Inhalt. Ohne süß, bitter, scharf, sauer, ohne alles. Man könnte es gleich sein lassen. Und das tue ich. Ich versuche, nicht zu denken. Abwarten. Es fällt mir nicht schwer. Ich bin müde. Noch mehr als heiß und durstig. Es wird schon richtig sein, es wird jemand kommen. Egal. Schlafen….
Sigrid Maria Boremij, Zeugenbefragung, Wiedergabe wörtlich Datum: 10. Juni 20..
„Ja, wir waren befreundet. Eng befreundet. Ich kannte ihn gut. Aber bevor das passiert ist, haben wir uns schon Wochen nicht gesehen. Wir waren so gut wie getrennt. Geschrieben haben wir uns noch ein paar Mal. Über Handy, ja. Ich weiß, dass da Kontakt war. Aber wir haben uns nicht mehr gesehen. Außer mal zufällig. Sind uns aus dem Weg gegangen. Wir hatten noch nicht reinen Tisch gemacht. Sagt man so? Uns nicht ausgesprochen. Das war nicht seine Art, reden über schwierige Sachen….
Wenn ich sage, ich kenne ihn gut, ist das komisch. Ich dachte, ich kenne ihn. Aber irgendwie auch nicht. Manchmal war er tagelang verschwunden, ich wusste nicht, wo er war, habe nichts von ihm gehört. Vielleicht weiß ich auch bis heute nicht, was das war für ihn, unsere Sache. Keine Ahnung, wohin er wollte, mit uns, mit mir. Meistens war er eben da, wir blieben auch mal ein paar Tage zusammen, also, meist er in meiner Bude. Einfach, weil es da größer war als bei ihm. Manchmal verschwand er ohne etwas zu sagen. Manchmal redete er von seiner Frau. Er hat auch einen Sohn. Er redete nicht böse über sie, nach all dem, was sie ihm angetan haben. Niemals hat er ihr mir gegenüber etwas vorgeworfen. Ich wusste gar nicht, ob er sie vielleicht sogar noch mochte. Das war schlimm für mich, ist doch wohl klar, oder?
Ja, und wir haben auch gestritten. Aber sehr, sehr selten. Dann meist über unsere Zukunft. Ich durfte nichts sagen, mich nicht einmischen. Sein Leben sei seine Sache, so wie mein Leben meine Sache sei, meinte er.
Aber meistens war es gut bei uns. Wir verstanden uns. Haben es schließlich beide nicht leicht. Ich glaube, er war oft traurig und fühlte sich einsam. Wir teilten miteinander, was wir hatten. Aber seine Freiheit ging ihm über alles. Deswegen war es auch schwierig mit der Arbeit bei ihm. Er ist keiner der streitet. Wenn ihm jemand zu viel vorschreiben wollte, wenn er sich schlecht behandelt fühlte oder ihm irgendwas nicht passte, zog er sich zurück. Er wollte sich nicht binden. Er blieb dann einfach weg, glaube ich. Na ja, das kann ich verstehen. Schlechte Jobs halt, behandelt wird man wie Dreck und kann schauen, wie man an sein Geld kommt. Und wenn man Geld bekommt, reicht es hinten und vorne nicht. Aber hart arbeiten! Fix und fertig ist man am Abend. Ich kenne das. Da muss mir keiner was erzählen.
Ich kann mich aber nicht erinnern, dass er jemals böse war oder jemandem Gewalt antat. Das war gar nicht seine Art. Er rastete manchmal aus, das war aber nicht gegen mich oder Menschen, die ihm nahestanden, das war seine eigene Wut, auf Gott und die Welt und gegen sich selbst am meisten. Außer einmal zum Schluss. Okay, ja, das ist wahr. Das war aber wirklich das einzige Mal. Der ist da echt ausgerastet. Aber so schlimm war das auch wieder nicht. Er hat ihm halt eins auf die Nase gegeben, ein paar Mal glaube ich ins Gesicht. Der ist dann hingefallen, hatte Nasenbluten, aber hat schlimmer ausgesehen als es war. Da war er stinksauer, das stimmt. Er ist dann einfach ab. Ist auch noch nicht ewig her.
Danach haben wir uns noch ein paar Mal zufällig gesehen, aber er war da völlig anders. Er war verändert. Verschlossen. Behandelte mich fast wie eine Fremde. Wie gesagt, wir haben nicht gesprochen seit dem. Das hat mir einen gewaltigen Knacks gegeben. Er geht mir aus dem Weg. Aber ich mein, entweder er will mich und sagt es mir und wir machen gemeinsame Sache, dann gehör ich ihm. Oder er hat seinen Abstand, seine Freiheit, ich lass ihn in Ruhe, aber dann ist es auch meine Sache, was ich mache, oder?
Und ich wusste ja, dass er nicht reden wollte oder nicht reden konnte. Aber das ist schwer auszuhalten für mich. Wir waren im Bett zusammen, wir haben uns alles Mögliche erzählt und gelacht und geweint, und da kann er über so was nicht sprechen? So etwas Wichtiges? Kann er mir nicht sagen, was ich bin für ihn? Was er mit mir will oder nicht will? Mich lieber verlieren? Versteh ich nicht. Dann bin ich ihm vielleicht doch nicht so wichtig. Ich mein, wir sind zwei erwachsene Menschen. Da kann man doch reden. Ich hab ihn doch lieb gehabt. Aber okay, komisch bin ich ja auch irgendwie.“
Der Doc sagte, ich soll meine Tabletten nehmen. Ich hätte das wohl vergessen? Es sei wichtig, dass ich sie regelmäßig nehme. Er müsse nun mehr Überwachung anordnen. An was ich vorher gedacht habe? Ob ich starke Gefühle hatte, bevor es mir schlecht ging? Mein Gehirn wolle die Erinnerung noch nicht zulassen. Ich sei noch nicht soweit. So oder so ähnlich habe ich verstanden.
Ich hätte zu Dr. Andersen gemusst. Heute weiß ich es. Ich habe auf meinen Plan geschaut. Aber ich weiß es auch so. Ich bedauere sehr, dass ich gestern den Termin verpasst habe. Jetzt wird es wieder Tage dauern, bis ich sie sehen kann. Ich fühle mich gut bei ihr. Sie macht keinen Druck. Sie strahlt etwas aus, das ist angenehm. Sie mag mich irgendwie. Ich bin mir sicher.
Ich weiß, dass ich meine Tabletten nicht regelmäßig nehme. Nicht alle. Nicht immer. Ich habe da eine Methode. Ich will selbst entscheiden. Ich will es selber schaffen. Ich habe früher nie etwas genommen. Ich will fühlen. Alles fühlen. Ich will lernen es auszuhalten. Oder lernen, wie es besser werden kann. Es ist das erste Mal, das mir dieser Wunsch so richtig bewusst wird.
Heute bin ich krankgeschrieben. Ich darf mich ausruhen, muss nicht arbeiten, muss nicht unter Menschen. Das ist gut. Ich bleibe einfach in meinem Zimmer. Das Essen wird mir gebracht. Auch wenn es Krankenkost ist. Besser als in der Kantine vielleicht Toni und Richie zu begegnen. Bestimmt haben sie es erfahren, das von gestern. Ich könnte es an ihren Gesichtern lesen. Das würde mir Angst machen. Das von gestern in ihrem hämischen Grinsen wiederzufinden… Ich muss mich vor ihnen in Acht nehmen. Sie nutzen es aus, wenn jemand schlecht drauf ist, wenn jemand einen schwachen Tag hat. Wenn sie es wissen, wissen es alle. Ich habe wirklich Angst vor ihnen. Nicht nur ich. Sie sind wie bösartige Hunde, die die Angst wittern und dann zupacken.
Ich suche Nummer sechs, stehe auf, strecke mich vorsichtig. Mein Kopf tut weh. Sie hat mich heute Morgen nicht geweckt, oder habe ich es nur nicht bemerkt? Schnell schaue ich zur Fensterbank, aber ich sehe sie nicht liegen. Sie sitzt nicht am Fenster. Aber dort, im Waschbecken ist sie. Gott sei Dank! Auf dem Tisch liegen Krümel vom Frühstück.
Ich beschließe, Gymnastik zu machen und lasse es dann doch. Könnte ein guter Tag werden. Wahrscheinlich wirken die Medikamente von gestern noch nach. Ich will nicht daran denken.
Man sagte mir schon oft, ich sei ein stark introvertierter Mensch. Mag sein. Für meine Zeit hier ist das nicht schlecht. Solange ich hier etwas zu denken habe, solange Bilder in meinem Kopf sind, solange ich mich an vieles erinnere, gutes und schlechtes, wird es mir nicht langweilig werden. Aber ich bin noch nicht so lange hier. Was wird sich in meinem Kopf verändert haben in einigen Monaten? Was, wenn es Jahre dauern wird?
Lieber an etwas anderes denken. Die Fliege setzt sich auf meinen Arm. Langsam und vorsichtig, um sie nicht aufzuschrecken, setze ich mich auf meinen Stuhl.
Ich überlege, ob es gefährlich ist, wenn ich versuche, mich weiter zu erinnern. Bevor es anfing gestern. Ich starre vor mich hin. Schließe die Augen. Es dauert ein paar Minuten, bis ich es wieder weiß. Es zieht in meinem Bauch, aber nicht unangenehm. Es könnte gut gehen. Ich will es versuchen.
Auf der Anhöhe, wenn man aus dem Wald heraustritt auf die Lichtung, steht eine Felsgruppe. Felsen, weit weniger als haushoch, vielleicht zweieinhalb Meter oder etwas höher. Acht Schritt lang, fünf breit. Man kann sie besteigen, sich auf sie setzen. Da hat man schon eine schöne Aussicht. Aber das beste: Man kann durch einen Spalt hineingelangen. Es gibt eine Art kleinen niedrigen Innenraum, vielleicht gut zwei bis drei Quadratmeter. Weil er so klein und niedrig ist, dieser Raum, gibt es außer mir wohl wenige Menschen, die es interessiert hat, ihn zu erkunden. Ich habe nie Flaschen oder Asche und nur selten Müll entdeckt, wenn ich hineingekrochen bin. Der Spalt liegt geschützt und hat eine Art kleinen Vorplatz. Dort sind die Steine flach und etwas abgestuft, so dass man sich gut darauflegen oder setzen kann und trotzdem trocken bleibt. Nur wenn der Regen stark von der Seite kommt und West- oder Nordwind weht, wird man dort nass. Vor der Felsengruppe ist noch zwanzig oder fünfundzwanzig Schritt freie Fläche, bevor der Hang wieder abfällt und der Baumbewuchs beginnt.
