Und die Vögel werden singen - Aeham Ahmad - E-Book
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Und die Vögel werden singen E-Book

Aeham Ahmad

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Beschreibung

Der »Pianist aus den Trümmern« erzählt seine Geschichte erstmals selbst: Aeham Ahmads Buch »Und die Vögel werden singen. Ich, der Pianist aus den Trümmern« ist ein zutiefst beeindruckendes Zeugnis von Widerstand und Zuversicht. Ein junger Mann spielt Klavier inmitten der Bombenkrater. Für seine Nachbarn, vor allem für die Kinder, um sie von den Schrecken des Krieges abzulenken. Über YouTube hat sein Spiel Menschen auf der ganzen Welt erreicht und bewegt. Nun erzählt Aeham Ahmad seine ganze Geschichte. Von seiner behüteten Kindheit in einem noch friedlichen Syrien, von seinem blinden Vater, dem Instrumentenbauer, von seinen Freunden Mahmoud und Meras, mit denen er durch die Straßen von Damaskus zieht. Doch er erzählt auch von den Anfängen der Rebellion, dem Beginn des schrecklichen Krieges und von seiner lebensgefährlichen Flucht nach Deutschland, das ihm zur neuen Heimat werden muss. Und immer wieder ist es seine Musik, die andere Menschen getröstet, ermutigt und ihm selbst buchstäblich das Leben gerettet hat.

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Seitenzahl: 421

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Aeham Ahmad

Aufgeschrieben von Sandra Hetzl und Ariel Hauptmeier

Und die Vögel werden singen

Ich, der Pianist aus den Trümmern

 

 

Über dieses Buch

 

 

Damaskus, 2014: Ein junger Mann spielt Klavier inmitten der Bombenkrater. Seit Monaten hungern die Menschen in seinem Viertel. Er weigert sich, es hinzunehmen. Schiebt sein verstimmtes Klavier hinaus in die Ruinen und singt, für seine Nachbarn, vor allem für die Kinder. Und das Wunder geschieht: Die ganze Welt hört zu.Über Youtube wird Aeham Ahmad zu einem Symbol für den Friedenswillen der Menschen in Syrien. Nun erzählt er seine ganze Geschichte: Von seiner behüteten Kindheit in einem noch friedlichen Syrien, von seinem blinden Vater, dem Instrumentenbauer. Von Tahani, einer jungen Kunstlehrerin, in die er sich bald verliebt. Doch er erzählt auch von den Anfängen der Rebellion, dem Beginn des schrecklichen Krieges und von seiner Flucht nach Deutschland. Aeham Ahmad hat Unglaubliches erlebt. Sein Leben berührt. Seine Musik tröstet. Sein Protest ermutigt. Seine Geschichte wird unseren Blick verändern: Sie ist ein zutiefst beeindruckendes Zeugnis von Widerstand und Zuversicht.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Aeham Ahmad, geboren 1988 in Damaskus, wuchs auf in Yarmouk, einem Vorort von Damaskus. Bereits mit vier Jahren förderte sein Vater sein musikalisches Talent. Mit sieben erhielt er Klavierunterricht am Arabischen Institut in Damaskus. Später studierte er Musikpädagogik in Homs und arbeitete als Musiklehrer. 2015 floh er vor dem Krieg nach Deutschland. Heute lebt er mit seiner Familie in Wiesbaden und gibt Konzerte in ganz Europa. Im Dezember 2015 wurde Ahmad ausgezeichnet mit dem Internationalen Beethovenpreis für Menschenrechte.Sandra Hetzl, geb. 1980 in München, pendelt zwischen Beirut und Berlin. Sie übersetzt die Werke zahlreicher arabischer Autoren ins Deutsche. Zudem ist sie der Kopf hinter dem 10/11-Kollektiv, einem Labor und Sprachrohr für zeitgenössische arabische Literaturformen.Ariel Hauptmeier, geb. 1969 in Bad Oeynhausen, zog viele Jahre als Reporter um die Welt. Er war lange Redakteur bei "Geo" und gehört zu den Gründern des Reporter-Forums. Heute ist er Textchef beim Berliner Recherchezentrum CORRECTIV.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Einige Namen wurden geändert, um die Betreffenden zu schützen.

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: buxdesign, München

Coverabbildung: Niraz Saied und Getty Images

ISBN 978-3-10-490510-5

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

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Inhalt

[Vorbemerkung]

Die drei Vögel

Meine Augen werden deine Augen sein

Das Herz der Welt

Was geht mich Mozart an?

In Syrien haben die Wände Ohren

Was hätte ich die Musik geliebt

Musik mit Aeham

A Room Of One’s Own

Der Tee muss ziehen

Von Damaskus nach Homs

Da traf mich die Liebe wie ein Schlag

Schrei nach Freiheit

Der Exodus

Die Granate am Falafelstand

Mein Freund Raed

Eine Idee wird geboren

Der UNRWA-Karton, ach weh, ach weh

Dann wurde Zeinab erschossen

Der Kaiserschnitt des Salafisten

Burn, Piano, Burn

Flucht aus Yalda

Im Knast von Homs

Nach Norden

Es ist so laut in mir

[Karten]

Danksagung

Wir kommen aus der [...]

Aeham Ahmad: Yarmouk – Music for Hope

Einige Namen wurden geändert, um die Betreffenden zu schützen.

Die drei Vögel

Bilder erzählen nie einen Anfang. Und sie verschweigen, was nach ihnen kommt. So auch jenes Foto von mir, auf dem ich am Klavier sitze und singe, inmitten der Ruinen meines Viertels. Zeitungen in aller Welt haben es gedruckt. Bis heute höre ich raunend sagen, dass es eines jener Fotos sei, die man vom syrischen Krieg erinnern werde. Weil es größer als der Krieg sei. Doch wenn ich an den Augenblick denke, an dem es entstand, schiebt sich ein Bild vor alle anderen: das Bild dreier Vögel. Aber auch das ist nicht der Anfang.

Es begann im Morgengrauen. Zusammen mit meinen beiden Freunden Marwan und Raed war ich mal wieder Wasser holen gewesen. Das bedeutete, in der Dämmerung aufzubrechen und einen dreirädrigen Karren mit einem 1000-Liter-Tank drauf zur nächsten Wasserstelle zu schleifen, zu einer der letzten Leitungen, die noch funktionierten, den Tank dort zu befüllen und das schwere Gefährt schwitzend zurückzuschieben.

Wir lebten in Yarmouk, einem Viertel von Damaskus. Assads Armee hatte uns von allem abgeschnitten. Von Wasser und Strom, von Brot und Reis. Über 100 Menschen waren verhungert.

Nachdem wir den Tank bei uns in der Straße abgestellt hatten, legte ich mich noch mal hin. Kurze Zeit später weckte mich mein Sohn Ahmad, er war fast zwei, brabbelte mir etwas ins Ohr und steckte mir verspielt sein Fingerchen ins Auge. Das tat höllisch weh. Ich sprang auf. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Auch Kaffee oder Tee gab es schon lange nicht mehr. Also hatte ich mir angewöhnt, mir morgens einen Trunk aus Zimt zu brühen. Zimt gab es reichlich, seit Bewaffnete ein Gewürzdepot gestürmt hatten. Eigentlich keine schlechte Beute. Doch wer brauchte schon Zimt, wenn es nicht mal Brot gab? So wurde er verkauft für einen Spottpreis. Da es auch keinen Zucker gab, waren manche dazu übergegangen, Enthaarungspaste zum Süßen zu nehmen, erbeutet von irgendeiner anderen Gruppe. Zimt-Kaffee mit Enthaarungspaste. So tief waren wir gesunken.

Einige Monate zuvor hatte ich begonnen, zusammen mit einigen Jungs aus dem Viertel auf der Straße zu singen. Wir hatten mein Klavier auf einen Transportwagen gehievt, es vor die Ruinen geschoben und gemeinsam gegen den Hunger angesungen. Auf YouTube bekamen wir viele Klicks. Aber die meisten Leute bei uns im Viertel interessierte das nur kurz. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Wer hungrig ist, hat andere Sorgen.

Nun hatte sich unser Chor aufgelöst. Die einen sagten, sie hätten keine Zeit, neben all dem Wasserholen und dem tagelangen Anstehen für ein paar Kilo Reis von der UN. Die anderen wollten, dass wir uns einen Sponsor suchten. Ich war strikt dagegen. Ich würde mich vor keinen Karren spannen lassen. Da sprangen auch die letzten ab. Übrig blieben nur Marwan und ich. Marwan, mein Nachbar und mein Freund, mit dem ich morgens immer Wasser holte.

An diesem Tag hatten wir beide uns mit einem Fotografen verabredet. Ich wollte allein vor den Ruinen singen. Ich hatte noch nie allein gesungen. Es musste sein. Ich wollte etwas tun.

Bei Marwan bin ich, trotz unserer Freundschaft, immer der »Prof«. Oder genauer: Geht es ums Wasserholen, heiße ich Aeham, aber wenn das Klavier ins Spiel kommt, bin ich der Prof. Ich habe ihm dreitausendmal gesagt, dass ich das komisch finde. Worauf er immer sagt: »Ach so, geht klar. Aeham!« Und fünf Minuten später nennt er mich wieder Prof.

Ich ging hinüber, ihn zu wecken. »Marwan! Komm, steh auf, wir sind verabredet!«, rief ich von unten herauf.

Und noch mal. »Na, Marwan? Wie sieht’s aus? Kommst du mit, das Klavier schieben?«

Normalerweise ist Marwan um jede Zeit bereit für mich. Das war das erste Mal, dass ich von ihm so etwas wie Unwillen hörte. »Na gut, ich komme«, brummte er aus dem Fenster.

Gemeinsam gingen wir zum Musikladen, hievten den Transportwagen mit dem 250 Kilo schweren Klavier über die Schwelle und schoben los zum Haus von Niraz, dem Fotografen.

Jeder in Yarmouk kannte ihn. Er trug Kinnbart und Nickelbrille und hatte seine langen Haare zu einem Zopf zusammengebunden, ein Künstlertyp mit einem Hammer-und-Sichel-Tattoo auf dem Handrücken. Große Agenturen veröffentlichten seine Bilder, bis nach Ramallah hatte er Ausstellungen gemacht.

Auch Niraz hatte keine Klingel, aber wir hatten ein Zeichen vereinbart: Wir würden ein Steinchen gegen sein Fenster werfen. Es durfte nicht zu groß sein, seine Scheiben gehörten zu den wenigen im Viertel, die noch heil waren. Vielleicht hatte er bis jetzt Glück gehabt, aber er war auch besonders vorsichtig: Sobald Bomben fielen, riss er die Fenster auf, damit sie nicht zersprangen.

Ganz sanft warf ich das erste Steinchen. Und noch eins. Und noch eins. Doch Niraz kam nicht. Da verlor Marwan die Geduld: »Wieso wacht denn der nicht auf? Dein Freund hier hält sich wohl für was Besseres!«

Vor der Revolution war Marwan Bodybuilder, er hat kurzrasierte Haare, ein rundes Gesicht und ziemlich breite Schultern. Schon griff er nach einem Betonbrocken und warf ihn gegen das Fenster. Klirrend fielen die Scherben ins Zimmer. Sekunden später stand Niraz fluchend am Fenster. Eine Tirade hagelte auf uns nieder nach dem Motto: »Verflixter Gott, der euch erschaffen hat, Himmelherrgottnochmal! Nicht mal was zu fressen haben wir, nix zu trinken …«, und so weiter – da war man schnell beim Propheten.

Schon stürmte Niraz aus der Haustür, um auf Marwan loszugehen. Der krempelte sich angriffslustig die Ärmel hoch. Ich warf mich dazwischen. »Challas, genug!«

»Ich bezahle dir dein blödes Fenster!«, rief Marwan.

»Als ob du Geld hättest!«, zischte Niraz zurück. Übellaunig ging er schließlich ins Haus, um seine Kameras zu holen.

Wir zogen los. Marwan und ich schoben den Wagen mit dem Klavier. Verdammt, war der schwer. Sonst hatten wir ihn immer zu sechst oder siebt über die kaputten Straßen befördert. Ich fühlte mich noch verlassener. Niraz ging derweil um uns herum und fotografierte. Marwan schnaubte wütend vor sich hin.

»Hilf uns gefälligst«, schnauzte er Niraz an, »du kannst noch genug fotografieren!« Doch der dachte gar nicht dran.

Niraz’ Wohnhaus lag am Rand von Yarmouk. Von da waren es nur wenige Minuten zur Front. Wir bogen in die Palästinastraße, die früher voller Geschäfte gewesen war und nun verlassen dalag. Bis Niraz stehenblieb und im Brustton der Überzeugung sagte: »Das ist es. Hier drehen wir.«

Die Zerstörung war hier besonders schlimm. Betongerippe ragten in den Himmel wie riesige Grabmale, das Innerste der Häuser war nach außen gekehrt. Kreuz und quer hingen Rohre, Kabel und Jalousien aus den Höhlen. Zwischen den Trümmerstücken, die auf der Straße herumlagen, wuchs Unkraut.

Ich setzte mich ans Klavier und überlegte, was ich singen sollte. In den vergangenen Monaten hatte ich Dutzende Lieder geschrieben. Die Musik war nur so aus mir herausgesprudelt. Mir fiel ein Gedicht ein, das mir vor einigen Tagen ein Mann gegeben hatte.

Er hieß Ziad al-Charraf und war einst der Honigverkäufer in unserem Viertel gewesen, ein wohlhabender, gebildeter Mann. Ich kannte ihn nur flüchtig. Ziad hatte einen Doktortitel, Honig verkaufte er aus Leidenschaft. Er machte Exkursionen zu Imkern in den Bergen oder reiste in ferne Länder wie den Jemen, um eine neue Honigmischung zu kosten. Damals. Vor dem Krieg.

Nun war er zu mir gekommen und hatte mir einen Zettel gereicht. Ziad sah schrecklich aus, er wirkte wehrlos und verloren. Seine Lider waren halb geschlossen, seine Augen müde und leer. Und ich Idiot las die Zeilen durch und bemerkte altklug: »Das ist wunderschön geschrieben, aber ich glaube nicht, dass sich das singen lässt. Ich könnte es vielleicht als Gedicht vortragen und dazu Klavier spielen, aber singen?« Es ging so:

Ich habe meinen Namen vergessen,

die Buchstaben und den Sinn,

Ich habe die Wörter vergessen,

aus denen ich Lieder zu formen pflegte.

Ich habe meine Stimme vergessen

und mein Bild,

meinen Ort.

Ich habe die Mühen des Wegs vergessen,

zum Himmel, zum Menschen,

zum Ruhm, der einmal war.

Palästinenser,

Palästinenser.

Und hier steht die Zeit still

vor einem Laib Brot,

vor einem Hilfsgüterkarton.

Oh, mein Ruhm.

Palästina.

Oh, meine Mutter.

Palästina.

»Bitte, versuch es, Aeham«, sagte Ziad matt. »Es ist für meine Frau.« Und dann erzählte er mir die Geschichte: Seine Frau war hochschwanger gewesen. Sie hatte einen Passierschein, um nach Damaskus zu gehen und dort das Kind zur Welt zu bringen. Doch als sie zum Checkpoint kam, ließen die Soldaten sie nicht durch. Irgendein Bürokrat hatte den Namen in ihrem Passierschein falsch geschrieben. Alle anderen Angaben stimmten. Bis auf diesen Buchstabendreher. Die Soldaten kannten kein Pardon.

Stundenlang wartete sie am Checkpoint, dass irgendwer den Passierschein korrigierte. Setzte sich. Stand wieder auf. Und brach irgendwann zusammen, fiel vornüber auf ihren Bauch. Sie starb auf dem Weg in die Klinik. Das Baby hatte überlebt. Niemand wusste, ob es gesund sein würde.

Ziad hatte seine Frau über alles geliebt. Das war keine arrangierte Ehe gewesen, sondern eine Liebesheirat. Seine Frau war seine beste Freundin. Sie hatten drei Töchter. Dieses war ihr erster Sohn.

Und nun stand Ziad vor mir mit diesen unendlich müden Augen, und ich stammelte: »Es tut mir leid. Bitte vergiss, was ich gesagt habe. Ich werde es vertonen. Ich werde ein Lied für deine Frau machen.« Abends setzte ich mich ans Klavier und überlegte mir eine Melodie.

Während Niraz noch seine Kameras aufbaute, tauchte plötzlich eine Frau auf, in der Hand ein Tablett. Dass jemand mit einem Klavier an diesem trostlosen Ort aufkreuze, erklärte sie uns, habe sie so sehr begeistert, dass sie ihren letzten Kaffee aufgebrüht habe. Den sie seit langem aufspare für einen besonderen Anlass. Und der sei jetzt. Hier und jetzt wolle sie ihren letzten Kaffee trinken und mir dabei zuhören. »Was ihr macht, ist sehr, sehr wichtig«, sagte sie und goss mir eine Tasse ein. Dankbar lächelte ich sie an und genoss den bitteren Kaffeegeschmack.

In diesem Augenblick bemerkte ich das Zwitschern dreier Vögel. Sie saßen auf einem Balkongeländer im ersten Stock, direkt vor mir. Und das war ein kleines Wunder. Jede Granate, jeder Schuss lässt als Erstes die Vögel fliehen, verirrten sich doch mal welche nach Yarmouk, wurden sie gleich heruntergeschossen, die Mägen waren schließlich leer. Als ich anfing zu spielen, begannen die Vögel wieder zu singen.

Das Vogelgezwitscher, das ich so lange nicht gehört hatte, der Duft von Kaffee, den ich seit Monaten vermisste, die Wut über unsere leeren Mägen, mein Auge, das noch immer tränte vom Finger meines Sohnes: All das vermischte sich mit dem Zimtgeschmack in meinem Bauch, der Müdigkeit vom Wasserschleppen und dem leeren Blick von Ziad al-Charraf. Ich schloss die Augen und begann:

Ich habe meinen Namen vergessen,

die Buchstaben und den Sinn.

Ich habe die Wörter vergessen,

aus denen ich Lieder zu formen pflegte.

Ich lehnte mich zurück und sang. Ich hatte die Nase so dermaßen voll, ich war so angewidert von allem, bis zum Hals voll mit Kummer und Sorgen. Ziads Schmerz riss in mir, die verhungerten Kinder rissen in mir, das Verschwinden meines Bruders riss in mir. Ich war wütend auf das verstimmte Klavier und auf meine kaputten Hände, ich fühlte mich allein, was machte ich hier draußen zwischen den Ruinen, wo waren die anderen, warum hatten sie mich im Stich gelassen? All meine Verzweiflung legte ich in diese Zeilen.

Als ich spielte, musste die Frau weinen. Der Text brachte die ganze Verlorenheit zum Klingen, in der wir uns befanden, die Frau, die drei Vögel, Niraz, Marwan und ich. Mein Gesang kam wie ein Schrei von jemandem, der in einen Abgrund stürzt und der Höllenfahrt eine Melodie gibt.

In diesem Moment muss Niraz auf den Auslöser gedrückt haben.

Heute, in Deutschland, werde ich manchmal gefragt: Welche Farbe hatte dein Zelt dort im Palästinenserlager? Ach du lieber Himmel! In einem Zelt soll ich gesessen haben? Mir gehörte eine Eigentumswohnung, eine große und schöne! Unser Musikladen florierte. Bis der Krieg kam und alles zerstörte. Bis eine Granate mir die Sehnen zweier Finger durchschnitt. Bis ein Mädchen neben meinem Klavier erschossen wurde. Bis der IS mein Klavier verbrannte. Bis ich in einen Kerker geworfen wurde. Bis ich abhauen konnte.

Wenn du vor Hunger und Bomben fliehst, lässt du deine Welt zurück. Und verwandelst dich in eine jener grauen Gestalten, die schon immer im Elend gelebt haben müssen und nun nach Europa kommen, um teilzuhaben am großen Reichtum. So behaupten es jene, die nicht verstehen, wer wir sind und woher wir kommen. Die Angst haben vor uns. Doch meine Geschichte ist eine ganz andere.

Hier erzähle ich sie. Gegen die falschen Vorstellungen. Gegen die Vereinfachungen. Gegen die Bilder, die lügen, auch wenn sie ein Fünkchen Wahrheit enthalten.

Meine Augen werden deine Augen sein

Wie alt war ich? Zwei? Gab es diesen Augenblick? Oder hat meine Erinnerung, diese listige Schmeichlerin, ihn aus vielen Mosaiksteinchen zusammengesetzt? Wer weiß das schon. Ich kann nur sagen: Ich erinnere mich. Ich sehe ihn genau vor mir, diesen Morgen. Und darum sage ich: Hier begann es. Und es begann mit Musik.

Mein Bett stand unter dem Fenster, die Sonne schien herein. Schräg über mir lag mein Vater und spielte Geige. Den Kopf der Geige hatte er in die Matratze gedrückt, ihren Korpus unter sein Kinn geklemmt, der Geigenbogen kam auf mich zu und strich wieder davon. Ein süßer Duft wehte durch den Raum, vom Jasminbaum, der unter meinem Fenster wuchs, das Gurren von Tauben mischte sich in die Musik, von den Volieren nebenan. So hörte ich meinem Vater zu, klein, geborgen, glücklich.

Dass er anders war als andere Männer, wurde mir schnell klar. Er hatte keine Augen, nur diese schwarzen Gläser, in denen ich mich spiegelte. Vor die Tür ging er nie allein, doch im Haus kannte er sich bestens aus. Nachts schaltete mein Vater immer den Strom in unserer Wohnung aus, um zu sparen. Schwarz wie ein Tunnel war die Wohnung dann; musste ich auf die Toilette, rief ich nach ihm. Er stand auf und begleitete mich. Nirgends stieß er an, nichts warf er um, ruhigen, sicheren Schrittes ging er voran. Und ich war es, der blind hinter ihm hertappste.

Noch etwas erstaunte mich: Konnte Mutter etwas nicht finden, die Streichhölzer, die Topflappen, die große Schere, dann fragte sie meinen Vater. »Abu Aeham, hast du das gesehen?« Und mein Vater antwortete: »Schau doch mal in der Küchenschublade ganz rechts.« Und da war das Teil dann auch.

Ein halbes Dutzend Blindenstöcke besaß mein Vater, doch er weigerte sich, sie zu benutzen. Die Straßen unseres Viertels waren für einen Blinden voller Hindernisse: Die Bürgersteige schief gepflastert, die Autos wild geparkt, und die Arbeiter, die die Gullis reinigten, mussten vielleicht mal dringend weg und ließen das Loch im Boden stundenlang offen. Einmal, lange vor meiner Geburt, tastete sich mein Vater mit seinem Blindenstock die Straße entlang, erspürte nicht, dass ein Gullideckel fehlte, und stürzte ab. Einen Zahn schlug er sich aus, zerschrammt, orientierungslos, verdreckt lag er im Gulli. Das war das letzte Mal, dass er allein hinausging.

Mit drei Jahren kam ich in den Kindergarten, von da an war ich es, der ihn führte. Er nahm mich an die Hand, wir zogen los, ich kommentierte, was ich sah: ein Auto von rechts, ein Schlagloch, ein rennender Mann. Mit den Jahren verstanden wir uns auch ohne Worte. Es genügte eine leise Bewegung nach rechts, um ihn nach rechts zu bewegen, nach links, damit er dorthin ging. Als würde uns ein unsichtbares Band verbinden. Als seien meine Augen seine Augen.

So liefen wir durch Yarmouk, eines der lebendigsten, überfülltesten Viertel von Damaskus. Die Häuser roh und unverputzt, die Hauptstraßen verstopft mit hupenden Autos, die Gassen, die davon abzweigten, immer kleiner und verwinkelter, bis irgendwann nur noch Fußgänger hindurchpassten. Über alles Mögliche plauderten wir, während wir durch das Geflecht der Gassen gingen, und dann sagte mein Vater plötzlich: »An dieser Ecke rechts.« Und das stimmte dann! Nicht ein Mal haben wir uns verlaufen. Ich fragte mich manchmal, ob er tatsächlich blind sei.

Wir gingen zum Kiosk, die starken, langen al-Hamra- Zigaretten kaufen, zwei Päckchen rauchte mein Vater pro Tag. Zu seiner Lieblingsschwester Amina, die Biologie studiert hatte, er liebte es, auf eine Tasse Tee bei ihr vorbeizuschauen. Zum Krankenhaus, als ihn einmal Herzrasen plagte. Und jeden Tag zum Kindergarten, morgens um acht. Zwischendurch besuchte er einen Freund, der um die Ecke wohnte, um elf holte er mich ab, und wir gingen gemeinsam zurück.

Gegen Mittag kam meine Mutter heim, sie unterrichtete an einer Grundschule bei uns im Viertel, und dann aßen wir Labneh, eine Art Frischkäse, mit Brot und Olivenöl. Oder Shanklish, die würzig-pikanten levantinischen Käsebällchen. Oder mein Vater machte mir ein Spiegelei. Bis er einmal fast das Haus abgefackelt hätte. Er hatte schon den Gasherd aufgedreht und das Öl in die Pfanne gegeben, da wurde er abgelenkt. Er ging ins Wohnzimmer. Plötzlich roch er das verbrannte Öl. Wir stürmten in die Küche. Die Pfanne stand in Flammen, der Plastikgriff war geschmolzen. In seiner Panik machte mein Vater, was man auf keinen Fall tun sollte: Er schüttete Wasser auf das brennende Öl.

Es gab eine kleine Explosion und eine riesige Rauchwolke, er schrie: »Hol dein Kopfkissen!«, ich rannte los und brachte es ihm, und damit erstickte er endlich den Brand.

Hustend rannten wir auf die Straße. Nachbarn kamen angelaufen, sie hatten den Rauch gesehen. »Ist alles in Ordnung?«, riefen sie und reichten uns Wasser. Da kam meine Mutter zurück, sah, was los war, und begann zu zetern. »Ahmad, habe ich dir nicht tausendmal gesagt, dass du auf mich warten sollst mit dem Essen«, schimpfte sie, »das ganze Haus hättest du niederbrennen können.«

»Challas«, schon gut, sagte mein Vater. »Lass uns reingehen.«

Wir begannen, die Wohnung aufzuräumen. Bis meine Mutter sagte: »Abu Aeham, lass uns draußen etwas essen gehen.« Alles war wieder gut. Bei seinem eigentlichen Namen, Ahmad, nannte sie ihn nur, wenn sie wütend auf ihn war. Meist nannte sie ihn liebevoll Abu Aeham, Vater von Aeham.

Am meisten bestürzt hatte dieses Missgeschick meinen Vater selbst. Dass ihm das passieren konnte. Ihm, dem Perfektionisten. Der alles genauestens im Voraus plante. Der erst Geigenspieler wurde und dann Tischler. Der auf Hochzeiten Geige spielte und Schränke baute. Einmal die Säge nicht richtig angesetzt und es wäre vorbei gewesen mit den Auftritten.

Nur einmal habe ich ihn verletzt gesehen und beobachtet, wie er sich stundenlang den Finger leckte. Wie ein Löwe, der sich einen Dorn in die Tatze gerammt hat. Aber er fand den Dorn nicht. Er rief mich zu sich und bat mich, den Finger anzuschauen. Ein winziger Holzspan steckte darin und hatte sich entzündet. Mit einer Pinzette zog ich ihn heraus.

Auch die Möbel in unserer kleinen Wohnung hatte mein Vater selbst geschreinert. Sie waren massiv und solide, einzig mit den Farben stimmte hier und da etwas nicht. Ich liebte es, auf den riesigen Schrank aus Walnussholz zu klettern und mich dort zu verstecken. Sogar ein Fernsehteam war einmal bei uns und porträtierte meinen Vater. Den blinden Tischler aus Yarmouk.

Und dann das: Wir gingen eine Straße entlang, wie immer dirigierte ich ihn mal nach rechts, mal nach links, den Hindernissen ausweichend – da gab es plötzlich einen dumpfen Schlag. Mit der Stirn war mein Vater gegen einen offenstehenden Fensterladen gerannt. Ich hatte nur auf das geachtet, was vor unseren Füßen war, nicht darauf, ob es ein Hindernis auf seiner Augenhöhe gab. Aus einer Platzwunde an der Stirn lief Blut, seine Brille war heruntergefallen.

»Papa, es tut mir leid!«, rief ich und brach in Tränen aus. Noch immer hielt er mit der Linken meine Hand umklammert, auf keinen Fall wollte er die Orientierung verlieren. Inzwischen waren Passanten auf uns aufmerksam geworden, einer bückte sich, hob die Brille auf und funkelte mich böse an. Mein Vater setzte die Brille wieder auf. Ein Glas hatte einen Sprung. Jemand reichte ihm ein Tuch, er wischte das Blut ab. Ich schluchzte. »Alles ist gut, Aeham«, sagte er, »alles ist gut, lass uns nach Hause gehen.«

Dort holte er sich reinen Alkohol und einen Wattebausch aus einem Schrank, setzte sich auf einen Stuhl und tupfte die Wunde sauber. Wir schwiegen. Schüchtern beobachtete ich ihn. Ich hatte ihn verletzt! Das war meine Schuld! Doch dann stand er auf, gab mir einen Kuss und sagte: »Aeham, mach dir keine Sorgen! Das wird noch viele Male passieren.«

An den Wochenenden fuhren wir in jenen Jahren oft nach Duma, vor den Toren von Damaskus. Schon zur Zeit der alten Römer wurde dort Wein angebaut, die Tafeltrauben aus der Gegend galten als die saftigsten im Nahen Osten. Die Häuser in Duma waren neu, auch wir besaßen dort ein kleines Apartment, meine Mutter zweigte jeden Monat ein Fünftel ihres Gehalts ab, um es abzuzahlen.

Eines Morgens, die Sonne war gerade aufgegangen, bin ich zusammen mit meinem Vater in die Weinberge gegangen. Zuerst am Ufer eines kleinen Flusses entlang und dann hinauf in die Hügel. Plötzlich rief uns einer der Weinbauern zu sich. »Ahmad« – er kannte meinen Vater – »komm herüber, lass uns zusammen Tee trinken!« Wir betraten seinen Hof.

Im Islam heißt es: Gott erhört die Blinden. Auf dem Land war solcher Glaube besonders verbreitet, weshalb mein Vater hier auffallend höflich behandelt wurde. Wir setzten uns unter einen der knorrigen Rebstöcke. Der Bauer schenkte meinem Vater Tee ein, ich lehnte mich gegen den Stamm und aß mich satt an süßen Trauben. Sie hingen über mir, die Strahlen der Morgensonne brachen sich in ihnen und ließen sie leuchten, als seien es Kristalle. Und während die beiden Männer über Männerdinge sprachen, freute ich mich über das Funkeln, und auch dieses Bild gehört zu den schönsten meiner Kindheit.

Habe ich als Kind meinen Vater gemalt, dann als ein Strichmännchen mit einer großen, schwarzen Brille. Nur so kannte ich ihn. Hatte er keine Augen? Oder doch? Wenn ja, wie sahen sie aus? Ich wollte es wissen. Und so fragte ich ihn eines Tages, da ging ich schon zur Schule: »Papa, was ist mit deinen Augen?« Erstaunt schaute er mich an. Und lachte dann sein lautes, tiefes Lachen. Ich stimmte ein mit meinem hellen Kinderlachen, wir lachten, er im Bariton, ich im Kontertenor. »Willst du es wirklich wissen?«, fragte er dann. »Ich zeige sie dir. Aber du musst mir versprechen, keine Angst zu haben.« Ich versprach es.

Er nahm die Brille ab und drehte sein Gesicht langsam von rechts nach links. »Papa …«, stockte ich. Es war schrecklich.

Sein linkes Auge sah grau und wässrig aus. Iris, Pupille und weiße Augenhaut verschwammen zu einer stumpfen Kugel ohne Blick. Wo das rechte Auge hätte sein müssen, gähnte ein Loch. In der Sekundarstufe, erfuhr ich nun, war ein anderer Schüler versehentlich in ihn hineingelaufen, den gestreckten Zeigefinger voran. Und stach ihm damit in das Auge, in dem mein Vater einen Rest Sehkraft besaß. Mit dem er Hell und Dunkel unterscheiden konnte. So verletzt war der Augapfel, dass er entfernt werden musste.

Ich war geschockt. Mein Vater, mein allmächtiger Held, hatte nur ein Auge – und das sah furchterregend aus. Fast hätte ich geweint. »Ich werde immer für dich da sein«, stammelte ich. »Meine Augen werden deine Augen sein.«

Mein Vater setzte die Brille wieder auf. Schweigend saßen wir eine Weile beieinander. Dann wurde die Spannung zu groß, und wir sprachen über ein belangloses Thema.

Und wenn ich heute an diesen Moment denke, heute, in meiner Wohnung in Wiesbaden, dann bricht es mir das Herz. Ich habe mein Versprechen gebrochen. Ich habe ihn alleingelassen, allein in Yarmouk. Ich bin davongelaufen.

 

Später erfuhr ich, wie sich alles zugetragen hatte. Mein Vater war acht Jahre alt, da entzündete sich sein Auge. Ärzte? Augenspezialisten? Die gab es damals nicht. Nicht für eine palästinensische Flüchtlingsfamilie in einem Dorf irgendwo in Syrien. Mehrere Kinder im Dorf hatten solche entzündeten Augen, erinnert er sich, es muss ein Virus gewesen sein. Seine Mutter behandelte ihn mit Kräuterumschlägen und brachte ihn, als das nichts nützte, zu traditionellen Heilern, die Kranke mit dem Wissen der Ahnen und allerlei Hokuspokus kurieren wollten. Doch die Entzündung wurde nur schlimmer.

Sein Vater, mein Großvater, gehörte zu jenen Palästinensern, die 1948 aus dem heutigen Israel vertrieben wurden. Mehr als 700000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen. In den Strom der Vertriebenen reihte sich auch die Familie meines Großvaters ein. Sie stammte aus der Gegend von Safad und baute dort Feigen und Aprikosen an, Zitronen und Orangen, besaß Kamele und Schafe. Und weil sie glaubte, der Krieg würde nicht lange dauern, ließ sie fast alles dort. Doch es gab kein Zurück. Am Ende landete die Familie mit leeren Händen in Dili, einem Dorf im Süden Syriens.

Alle mussten nun in einem Raum wohnen. Außen war das Haus aus Stein, innen aus getrocknetem Schlamm, zum Wasserholen gingen die Frauen einen Kilometer weit zu einem Bach, die Krüge auf dem Kopf balancierend. Inmitten dieser Armut heirateten meine Großeltern, und ein Jahr später, das war 1952, wurde mein Vater geboren, der erste von zehn Geschwistern.

Er weiß, wie die Welt aussieht. Acht Jahre lang hat er sie sehen können. Dann kam die Entzündung. Und nichts half. Eine Gruppe von Beduinen glaubte, ihn heilen zu können, indem sie seinen Hinterkopf und Nacken mit einem glühenden Eisen brandmarkten; die Narben hat er heute noch. Seine Mutter brachte ihn zu Zigeunern, sie behandelten ihn mit einer Art Kajalstift, den sie um das Auge auftrugen. Mein Vater glaubt, dass es der Sand darin war, der die Hornhaut seines Auges vollends zerstörte. Ganze fünf Prozent betrug seine Sehkraft am Ende noch, er konnte nur noch Lichter erkennen, nur Hell und Dunkel. Alles musste er neu lernen, wie ein Kleinkind tapste er durch die Gegend und stieß überall an. War zu nichts zu gebrauchen.

Kurz darauf kamen Krankenschwestern in das Dorf, für eine Impfkampagne. Sie erzählten meinen Großeltern von einer Blindenschule in Damaskus. Eine Woche später fuhr ein Auto vor im Dorf. Radia al-Rikabi saß darin, die Tochter von Rida Pascha al-Rikabi, dem ersten Premierminister des Königreichs Großsyrien. Sie hatte in Damaskus eine Blindenschule gegründet. Inspiriert von ihrem blinden Bruder, der studierte und im Fernsehen Geige spielte.

Frau Rikabi sprach mit meinen Großeltern – und nahm meinen Vater mit. Er hatte große Angst. Er wusste nicht, wohin sie fuhren, er war acht Jahre alt und erst seit kurzem blind, nie hatte er das Dorf verlassen. Nach zwei Stunden kamen sie in der Blindenschule an. Er wurde geduscht, bekam neue Kleider und ein frisch bezogenes Bett. Es gab Tische und Stühle, alles war sauber und frisch. Doch wochenlang waren seine Augen nass von Tränen. Er vermisste seine Eltern. Er hatte Angst, dass sie nicht wüssten, wo er sei.

Sein Vater besuchte ihn an den Wochenenden, so oft er sich die Fahrt nach Damaskus leisten konnte. Doch eine Erzieherin verbot ihm, seinen blinden Sohn anzusprechen. Nur aus der Ferne durfte er ihn ansehen und musste dann still wieder gehen. Und später wunderte sich mein Vater, wer ihm die teuren Süßigkeiten mitgebracht hatte.

Er hat sich schrecklich einsam gefühlt. Bis eines Tages einmal meine Großmutter mitkam und es nicht aushielt und zu ihm stürmte und ihn in den Arm nahm und ihn küsste und gar nicht wieder loslassen wollte. Es gab richtig viele Tränen. Fortan durfte mein Vater übers Wochenende nach Hause fahren.

In der Schule lernte mein Vater, was ein Blinder lernen muss: Lesen nach der Brailleschrift, durch eine unbekannte Straße gehen, Teppiche knüpfen, Tischdecken weben, Korbstühle flechten, Bürsten und Besen anfertigen. Radia al-Rikabi war wie eine Mutter zu den Kindern, flickte ihre Kleider und nahm sie auf den Schoß. Aber sie war auch streng: Abends machte sie ihren Kontrollgang durch den Schlafsaal, hatte jemand seine Füße nicht gewaschen, dann gab es ein Donnerwetter. Alle fürchteten sich davor.

Mein Vater war unendlich neugierig, er untersuchte alles mit seinen Händen. Zuerst schlich er sich heimlich in die Holzwerkstatt, schließlich mit Erlaubnis der Direktorin. Er bastelte ein Flugzeug, eine kleine Kutsche, einen Handkarren – alles aus Holz. Zu meinem Vater sagte Frau Rikabi immer wieder: »Ahmad, du hast eine große Zukunft vor dir.« Das hat ihn sehr angespornt.

Eines Tages kam ein neuer Lehrer an die Schule. Er unterrichtete Musik. Welches Instrument magst du am liebsten?, fragte er meinen Vater. Der antwortete, Geige, er liebe den Klang der Geige. Wenn deine Eltern dir eine Geige kaufen, sagte der Lehrer, gebe ich dir Unterricht. Ja, das wollte mein Vater. Am Wochenende darauf fuhr er heim zu seinen Eltern und bestürmte sie, ihm eine Geige zu kaufen.

Doch die schüttelten den Kopf. Nicht nur, weil sie bitterarm waren. Eine Geige würde so viel wie 40 Liter Olivenöl kosten, rechnete ihm sein Großvater vor, so viel, wie er in drei Monaten verdiente. Er wollte auch nicht, dass mein Vater Musiker wird. Musiker waren für ihn Landstreicher, bessere Bettler, die an der Straßenecke standen und für ein Almosen Geige spielten. »Willst du so ein Zigeuner werden?«

Mein Vater gab nicht auf. So sehr wünschte er sich, Geige zu lernen, dass er zu einer Notlüge griff. Er erzählte seinem Vater, jeder an der Schule müsse nun ein Instrument spielen. Wer keines habe, müsse die Blindenschule verlassen. Das wirkte. Das wollte mein Großvater auf keinen Fall. Er gab nach und lieh sich von Verwandten Geld und besorgte meinem Vater eine Geige. Made in East Germany.

Mein Vater legte sie nicht mehr aus der Hand. Zwölf, 15 Stunden übte er an manchen Tagen. Bald trat er auf, zuerst in der Blindenschule, später in Restaurants. So konnte er es sich leisten, Abitur zu machen – und sich an der Universität von Damaskus für Arabische Literatur einzuschreiben. Zu Prüfungen brachte er einen Freund mit, dem er die Antworten diktierte. Lehrbücher ließ er sich von Freunden vorlesen und nahm sie auf Kassette auf. So kam, im Lauf der Jahre, eine Bibliothek von mehreren tausend Kassetten zusammen. Nach seinem Studium gab er sie an andere sehbehinderte Studenten weiter. Es heißt, die Kassetten kursieren heute noch.

Einige Jahre lang versuchte er sich als Arabischlehrer, doch das gefiel ihm nicht. Lieber wollte er sein Leben der Musik widmen. Eines Tages beschloss er, er wolle Instrumente bauen. Ein Blinder, der Instrumente baut? Alle zeigten ihm einen Vogel. Was hat ein Blinder in einer Tischlerei zu suchen? Umgeben von Hämmern, Sägen, Bohrern, Hobeln, Raspeln – Gerätschaften, mit denen sich selbst Menschen verletzen, die zwei gesunde Augen haben!

Aber mein Vater war stur. Er kaufte sich mit Hilfe seiner Brüder Holz, fragte in Tischlereien nach, wie man bestimmte Arbeiten ausführt, besorgte sich Werkzeuge und machte sich daran, seine erste Oud zu bauen – jenes dickbäuchige arabische Instrument, von dem die europäische Laute abstammt. Er verschnitt das Holz und ruinierte die erste Laute. Aber er kaufte sich neues Holz. Lernte, wie man die drei Schalllöcher präzise in das Deckblatt schneidet. Wie man Hals und Griffbrett anleimt. Wieder und wieder machte er alles falsch. Und schaffte es irgendwann doch: Nach drei Jahren stellte er seine erste Laute her.

Und so ging es weiter. Als sein Akkordeon einmal kaputt war, baute er es auseinander, um auch hier herauszufinden, wie es funktioniert. Im westlichen Tonsystem ist jede Oktave in zwölf gleiche Halbtonschritte unterteilt, im arabischen in 18 Vierteltöne. Ein halbes Jahr lang werkelte mein Vater, dann hatte er aus dem westlich gestimmten Akkordeon ein orientalisch gestimmtes gemacht. Aus ganz Syrien kamen nun Leute zu ihm, die ihr Instrument umstimmen lassen wollten. Der Nächste, der das konnte, saß in Ägypten.

Eines Tages im Jahr 1985 kam eine junge Lehrerin zu ihm, um ihr chinesisches Akkordeon bei ihm reparieren zu lassen. Nach einigen Tagen kehrte sie zurück, um ihr Instrument abzuholen. Aber so einfach ließ mein Vater sie nicht gehen. Er verwickelte sie in ein Gespräch und lud sie ein, Akkordeonunterricht bei ihm zu nehmen. Es war – meine Mutter.

Sie war Grundschullehrerin für Musik und Kunst, sie sang im Schulchor und war eine hervorragende Sopranistin. All das imponierte meinem Vater. Er spielte damals in etlichen Bands, zahlreiche Frauen hatten ihr Interesse an ihm bekundet, immer hatte er abgelehnt. Genau wie meine Mutter, die immer wieder von Kollegen umworben wurde und stets Nein gesagt hatte. Mein Vater imponierte ihr. Alles schien er zu können. Sie vergaß beinahe, dass er blind war. Und während sie Akkordeon spielten, lernten sie einander kennen. Und beide stellten fest: Das ist der Mensch, den sie seit langem suchten.

In einer der Akkordeonstunden fragte mein Vater sie, ob sie seine Frau werden wolle. Sie sagte Ja.

Kurz darauf zog er sein feinstes Hemd und eine gebügelte Hose an und machte sich auf, bei ihren Eltern vorzusprechen. Ihr Vater war nicht abgeneigt. Doch ihre Mutter war dagegen. Unverrichteter Dinge zog er wieder ab. »Du kannst doch keinen Blinden heiraten!«, sagte sie später zu meiner Mutter. »Einen Behinderten! Willst du ein Leben lang Krankenschwester spielen?«

Aber meine Mutter bestand darauf. Und auch mein Vater – seine Dickköpfigkeit sei gepriesen! – ließ nicht locker. Einmal nahm er seine Geige mit und spielte seiner zukünftigen Schwiegermutter ein Ständchen, und am Ende saßen alle da und sangen Lieder von Fairouz, der Schlagerdiva aus Beirut. Zwei Monate später stimmte die Mutter der Verlobung zu.

Ein Jahr später, am 5. Juni 1987, haben meine Eltern geheiratet.

Und zehn Monate später bin ich auf die Welt gekommen.

 

Auch von meiner Mutter habe ich ein frühes Bild und auch das erstaunlich scharf: Ich sitze im Kinderwagen, wir sind auf dem Markt von Yarmouk, meine Mutter hat mich zum Einkaufen mitgenommen. Die Rufe der Menschen, das Feilschen der Händler, die Gerüche nach Blumen und Fisch, Gewürzen und verfaultem Obst – und mittendrin ich, ein Prinz auf seinem winzigen Thron. Ich beobachte meine Mutter, wie sie von Stand zu Stand geht, hier die besten Paprikaschoten auswählt, dort die frischeste Petersilie. Dann schiebt sie mich zu einem Brunnen – Damaskus war berühmt dafür, dass an vielen Straßenecken Wasser sprudelte –, nimmt einen Kamm Weintrauben und spült ihn im frischen Wasser. Sie beugt sich zu mir, steckt mir eine Traube in den Mund und sagt strahlend: »Habibi«, mein Liebling. Und noch eine Traube. Und noch einen Kuss.

Morgens, ehe sie zur Arbeit ging, legte meine Mutter oft eine Kassette von Fairouz ein, ihrer Lieblingssängerin, und sang mit ihr ein Duett, ehe sie sich ein Kopftuch umband und beschwingt das Haus verließ. Nach dem Mittagessen musizierte sie oft mit meinem Vater zusammen. Hochzeitsgäste lieben es, zu den neuesten Hits zu tanzen, und so hörte mein Vater die angesagten Lieder morgens von Kassetten ab und spielte sie nachmittags auf der Geige nach. Meine Mutter sang dazu, während sie abwusch oder die Wäsche zusammenlegte.

In der orientalischen Musik gibt es nicht die festgelegten Halbtöne der westlichen Musik, die Tonfolgen gehen frei moduliert ineinander über, und meine Mutter war eine Meisterin darin, mit den Melodien zu spielen, die Themen immer neu zu improvisieren. Sie sang, wenn sie unseren Kanarienvogel fütterte, und manchmal legte der dann den Kopf schief und flötete mit ihr gemeinsam. Sie sang, wenn sie kochte.

Einmal schreinerte mein Vater einen großen Tisch samt Stühlen. Ehe er die Stücke auslieferte, lud meine Mutter ihre Kollegen aus der Schule zum Abendessen ein. Den ganzen Nachmittag über stand sie in der Küche und bereitete die Speisen vor: Hummus, Ofenkartoffeln, gebratene Zucchini, Baba Ghannousch, ein Auberginen-Sesam-Mus, Tabbouleh, Kafta. Und sang und sang. Und legte dann kostbare Aghabani-Spitzendecken auf den Tisch, mit denen ihr Vater handelte. Es wurde ein ausgelassener Abend. Und ich habe das erste Mal an einem Tisch gesessen.

Abends, vor dem Zubettgehen, las meine Mutter mir aus Büchern vor, die sie in der Bibliothek ihrer Schule auslieh. Ich liebte die Geschichten von Aladin und der Wunderlampe und von Sindbad, dem Seefahrer. Und ich liebte es, ihrem feinen Hocharabisch zu lauschen.

Als ich drei Jahre alt war, bekam ich einen Bruder. Einige Tage vor der Geburt legte meine Mutter meine Hand auf ihren Bauch. Ich fühlte die winzigen Tritte. »Schau, wie stark er schon ist«, sagte meine Mutter, »er wird bestimmt mal ein richtiger Rabauke.« Und das wurde er, Alaa, mein Bruder. Er konnte noch nicht richtig laufen, da stürzte er sich auf mich und biss nach mir, wie ein junger Löwe. Kaum dass er laufen konnte, raufte er sich mit den anderen Jungen im Viertel. Auf meine Eltern hat er nie gehört. Ach, hätte er doch nur auf sie gehört.

In unserem Haus gab es sechs Wohnungen, für meinen Großvater, für uns und für vier Brüder meines Vaters. Über uns wohnten Onkel Mohammed und seine Frau, Tante Ibtihal. Mit ihr hat meine Mutter sich überhaupt nicht verstanden. Was haben die beiden gezankt! Es genügte der kleinste Anlass, schon schraubten sich ihre beiden Stimmen in die Höhe und – crescendo, crescendo – der Streit begann.

Wir wohnten im Erdgeschoss, schellte es, dann ging oft ich zur Haustür. »Das kann doch nicht sein!«, rief meine Mutter irgendwann, »dass nur wir immer die Haustür aufmachen für die Herrschaften da oben!« Sie stapfte hoch zu Tante Ibtihal, um sich zu beschweren. Crescendo, crescendo …

Ein anderes Mal hatten die Späne aus der Werkstatt meines Vaters oben auf der Dachterrasse die weißen Laken von Tante Ibtihal verschmutzt. Schon stand sie bei uns vor der Tür, und es ging wieder los. Oder eine der beiden hatte alle Wäscheleinen belegt, so dass die andere ihre Wäsche nicht aufhängen konnte. So sehr stritten sich die beiden einmal, dass Tante Ibtihal die Wäsche meiner Mutter nahm und sie hinunter auf die Straße schleuderte. Erbost warf meine Mutter die Wäsche von Tante Ibtihal hinterher.

»Heh, spinnt ihr«, schallte es von unten herauf, »seid ihr eigentlich noch bei Trost?« Während oben auf der Dachterrasse das Zanken begann, wer nun nach unten gehen und die Wäsche holen müsse.

Als ich begann, Klavier zu spielen, habe ich manchmal morgens vor der Schule geübt, eine halbe Stunde lang. Tante Ibtihal mochte das gar nicht – und nahm dann einen Besenstiel und klopfte damit auf den Boden. Auf-hö-ren!! Das konnte meine Mutter gar nicht leiden. Eines Morgens übte ich wieder, Tante Ibtihal begann zu klopfen, worauf meine Mutter wutentbrannt nach oben marschierte. Ich hörte lautes Klatschen. Als meine Mutter wieder herunterkam, waren ihre Haare zerzaust und ihre Wangen gerötet. »So, das haben wir geklärt«, sagte sie. Hatten sie einander wirklich geohrfeigt?

Die Männer der Familie hörten dann demonstrativ weg. Es gibt eine Redewendung bei uns: Wenn sich die Frauen streiten, sollen die Männer lächeln. Oder sich zumindest heraushalten. Man kann es nur schlimmer machen.

Ich glaube, es war der Stress, der meine Mutter manchmal so aus der Haut fahren ließ. Sie hatte wirklich viel zu tun. Morgens arbeitete sie in der Schule, dann musste sie einkaufen und waschen und kochen und den Haushalt machen, und danach bereitete sie den Unterricht des nächsten Tages vor. Sie hatte einen blinden Mann, der zu Hause blieb und sich um uns Kinder kümmerte, aber vieles eben auch nicht machen konnte. War meine Mutter entspannt, war sie der warmherzigste und liebenswerteste Mensch, den man sich vorstellen kann.

Und ohnehin – wenn an einem Tag die Fetzen flogen, hatten sich am nächsten Tag wieder alle gern. So ist das bei uns. Alle leben im selben Haus, zumindest in derselben Straße, ganz bestimmt aber im selben Viertel. Nie wäre jemand auf die Idee gekommen, von der Familie wegzuziehen. Schon gar nicht wegen eines Streits. Die Familie ist alles. Ohne Familie bist du nichts. Alle halten zusammen. Wie sehr mag ich Tante Ibtihal heute. Stundenlang können wir telefonieren.

Und darum fällt es mir manchmal so schwer, in Deutschland zu sein, weit weg von meiner Familie. Und noch viel schwerer ist es für meine Mutter. Es bricht ihr das Herz, dass sie ihre Enkel nicht mehr um sich hat. Ich lebe jetzt in Wiesbaden. Vor einigen Tagen war eine ältere Dame aus Köln bei uns zu Besuch. Sie saß auf dem Sofa und spielte mit Ahmad und Kinan, meinen beiden Söhnen. Ich machte ein Foto von den dreien und schickte es meiner Mutter. Es sollte ein netter Gruß sein. Es hat sie tief verletzt.

Einige Stunden später rief sie mich an. »So, habt ihr also eine neue Oma«, sagte sie, und ich konnte die Tränen in ihrer Stimme hören. Ich entschuldigte mich bei ihr. Doch sie begann zu schluchzen und verfluchte den Krieg und die Bomben und Assad, der ihr Leben zerstört und ihr meinen Bruder Alaa weggenommen und uns auseinandergetrieben hat. »Dieser Scheißkrieg!«, schluchzte meine Mutter, »dieser Scheißkrieg!«, und wollte sich gar nicht wieder beruhigen.

 

Es gab in Yarmouk keine Spielplätze. Wie auch, niemand hatte dieses Viertel je geplant. Entstanden war es 1954, als die syrische Regierung hier Zehntausende palästinensischer Flüchtlinge ansiedelte. Bis dahin hatten sie in Notquartieren gehaust. Die UNRWA – das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East) – vergab an geflüchtete Familien 300 syrische Pfund pro Zimmer, manchmal auch drei Säcke Zement und zehn hölzerne Baupfeiler. So wuchs patchworkartig die Siedlung zu einem großen Viertel. Auch unser Haus war so entstanden. Daran erinnerte unsere Haustür, sie stammte von der Scheune eines Bauernhofs, mein Großvater hatte sie von einem Schrotthändler erstanden. In die große Tür war eine kleine eingelassen. Das Haus wuchs, das alte Tor blieb, und jedes Mal, wenn wir die kleine Tür öffneten, quietschte sie in ihren Angeln. Alle paar Jahre strichen wir das Tor weiß. Denn weiße Türen bringen Glück, sagt man in Syrien.

Als ich klein war, dachte ich, der Türknauf sei aus Gold. Später erfuhr ich, dass er aus Messing war. Wertvoll muss er trotzdem gewesen sein, denn einmal hörte ich ein Schaben an der Tür, und als ich sie öffnete, rannte jemand weg, eine Metallsäge in der Hand.

Wir wohnten an einer Straßenecke. Nach vorn war eine vielbefahrene Hauptstraße voller Gemüseläden, in den Nebenstraßen gingen nur Fußgänger. Trat ich aus dem Haus, war links ein Kiosk, der Kaugummis, Cola, Eis und Sammelkarten verkaufte. Natürlich haben wir dort unser gesamtes Taschengeld gelassen. Aus irgendeinem Grund hieß der Kiosk »Istiqama« – Ehrlichkeit. Wir Kinder haben uns darüber stundenlang den Kopf zerbrochen. Warum nur hieß der Laden so? Der Mann, dem der Kiosk gehörte, war überhaupt nicht ehrlich.

Manchmal waren die Kaugummis, die er uns verkaufte, so alt, dass man sich die Zähne daran ausbiss. Kinder können noch nicht richtig zählen, er betrog sie schamlos. Hattest du fünf Bonbons gekauft, stelltest du draußen fest, dass es nur vier waren, und wenn du ihn dann zur Rede stelltest, stritt er alles ab. Na warte, dachte ich eines Tages, als ich bei ihm Kaugummis gekauft hatte, bin zu meiner Mutter gelaufen und habe ihr mein Leid geklagt: »Der Mann hat mich betrogen!« – »Wie bitte!«, rief sie, stürmte nach unten, stellte ihn zur Rede und brachte mir ein zusätzliches Kaugummi mit.

Am liebsten spielten wir Dahhal oder Tobbeh. Stundenlang, im Treppenhaus und auf der Straße. Dahhal war ein Murmelspiel. Wir zogen fünf Linien, und wer seine Glaskugeln am geschicktesten darauf warf, gewann die wertvollsten Stücke des Gegners. Bei Tobbeh legte man einen Stapel Sammelkarten auf den Boden, presste seine Hand so fest wie möglich darauf und hob sie dann blitzschnell ab, so dass die Karten hochgeschleudert wurden und hoffentlich auf der Rückseite landeten; all diese Karten durfte man behalten. Wir spielten es, bis unsere Finger schmerzten.

Darum hat meine Mutter einmal meine gesamten Karten in den Müll geworfen. Sie fürchtete, ich würde meine Hände ruinieren. Wie sauer war ich! Nie wieder, drohte ich, würde ich das Klavier anrühren. Bis sie mir Geld gab und ich mir im »Ehrlichkeit« neue Sammelkarten kaufen konnte.

Noch lieber durchstreifte ich mit meinem roten Fahrrad das Viertel, zusammen mit meinem besten Freund Samir. Eines Tages sahen wir auf der Straße einen Werkzeugkoffer stehen. Und niemanden weit und breit. Das Werkzeug könnte mein Vater sicher gut gebrauchen, dachten wir, und was niemandem gehört, darf man mitnehmen. Also luden wir den Werkzeugkoffer auf den Gepäckträger und schoben los.

Plötzlich rief ein Mann hinter uns her: »Stopp! Stehengeblieben! Das ist mein Werkzeugkoffer!« Und sprintete hinter uns her. Bald stand er wütend neben uns, ein Handwerker, der in einem der Häuser zu tun hatte.

»Wie heißen eure Väter?«, schnaubte er, »wir gehen jetzt zu ihnen und erzählen ihnen, dass ihr zwei kleine Diebe seid.«

»Bitte nicht!«, riefen wir. »Bitte, nehmen Sie Ihre Kiste, und dann ist alles wieder gut!«

»Nichts ist gut«, rief er, »wo wohnen eure Väter? Ihr werdet schon sehen!«

Diebe kommen ins Gefängnis, wusste ich. Würden wir nun ins Gefängnis müssen? Ich hatte schreckliche Angst. Wir schoben zu meinem Vater.

»Aeham«, schimpfte der mit mir, als ihm der Mann die Geschichte erzählt hatte, »wie kannst du so was machen?!«

»Aber Papa, ich habe es für dich mitgenommen!«, heulte ich.

»Aha«, rief der Mann, »ihr steckt unter einer Decke!«

Mein Vater stutzte. Und brauchte eine Weile, bis er dem Mann das ausgeredet hatte.

Heute schmunzle ich über diese Geschichten.

Es ist erstaunlich: Erinnere ich mich an meine Kindheit, dann scheint immer die Sonne. Nicht einen Regentag sehe ich vor mir. Ich erinnere mich an den Duft des Jasminbaums und den Geruch der Olivenölseife, mit der ich mir jeden Morgen das Gesicht wusch. Ich erinnere mich an die Hitze des Sommers, das Hupen der Autos, die Rufe der Gemüsehändler und das Ploppen des Fußballs gegen unsere Hauswand.

Andere Väter hatten nie Zeit für ihre Kinder. Sie schufteten von morgens bis abends, und wenn sie freitags freihatten, waren sie zu müde, um mit ihnen zu spielen. Dann gingen sie morgens zur Moschee, und nach dem Mittagessen gingen alle zusammen spazieren. Danach trafen die Väter im Café ihre Freunde, Brüder und Cousins, und wenn sie zurückkamen, schliefen die Kinder schon. Kein Wunder, dass alle später nur von ihren Müttern erzählten. Weil sie ihre Väter kaum gesehen haben.

Mein Vater aber war immer da. Er gab mir die Flasche, wechselte meine Windeln, wusch ab, räumte auf. Beantwortete mir die tausend Fragen, mit denen ich ihn löcherte. Papa, warum sind wir Flüchtlinge? Warum sind wir Muslime? Gibt es Gott? Sogar aufgeklärt hat er mich später. Undenkbar in der arabischen Welt. Mit seinem Vater über Sexualität zu reden.

Die anderen Jungen haben ihre Väter gefürchtet. Ihre Strenge, ihre Schläge. Ich habe meinen Vater durch unser Viertel geführt. Er war mein Freund.

Das Herz der Welt

Je näher der Tag rückte, desto aufgeregter wurde mein Vater. »Noch 60 Tage«, sagte er mir eines Morgens, »dann ist die Aufnahmeprüfung für die Musikschule.« Von da an zählte er die Tage rückwärts. Noch 30 Tage, noch 20, noch zehn. Er rauchte mehr als sonst, ein sicheres Zeichen, dass er aufgeregt war. Als es noch drei Tage waren, holte ihn sein Freund al-Chadra ab, der Keyboarder aus seiner Hochzeitsband, gemeinsam fuhren sie den Weg zur Staatlichen Musikschule ab. Nichts wollte mein Vater dem Zufall überlassen.

Jedes Jahr im Sommer, inmitten der großen Ferien, wenn es in Damaskus am heißesten ist, wenn die Straßen und die Häuser glühen und es auch nachts kaum kühler wird, wenn jeder, der es sich leisten kann, ans Meer fährt und alle anderen den halben Tag im Schatten dösen – lud Solhi al-Wadi ein zur Aufnahmeprüfung an der Musikschule. Solhi al-Wadi, der berühmte Dirigent! Ihm kam die Hitze gerade recht. Nur die fleißigsten Kinder wollte er in seiner Schule haben, die begabtesten und ehrgeizigsten.