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Gute Nachrichten sind selten eine Meldung wert – auch nicht, wenn sie in diesen Tagen aus Israel kommen. Dabei gibt es sie, und sie sind nachzulesen in diesem Buch, das rechtzeitig zum 75. Jahrestag der Staatsgründung erscheint. Der israelische Journalist und Autor Igal Avidan berichtet, entgegen der üblichen Fernsehbilder, aus einer bewegten Gesellschaft, in der Juden und Araber längst ein Zusammenleben gefunden haben, das den Vorstellungen von ewigem Hass (von Politikern auf beiden Seiten gern geschürt) nicht entspricht. Eine friedliche und zugleich brüchige Co-Existenz auf dem Vulkan – davon erfährt man in diesen Reportagen aus dem Alltagsleben in Israel. Gewaltsame Übergriffe sind zwar an der Tagesordnung, gegenseitige Hilfe, Solidarität, Nachbar- und Freundschaft aber auch. Dieses Buch zeigt, dass die israelische Gesellschaft – allen Rückschlägen zum Trotz – dabei ist, zusammenzuwachsen. »1991, als die Israelis von irakischen Raketen bedroht wurden, reiste ich dorthin, um mich mit den Menschen zu solidarisieren. Igal Avidan sorgt sich heute um die innere Bedrohung Israels. In seinem Buch redet er nicht nur über Israel, er redet mit Israelis – Juden wie Arabern. So gibt er die Stimmen derer wieder, die in den Medien sonst selten Gehör finden. Sein Buch differenziert, jenseits bestehender Klischees und Vorurteile.« Günter Wallraff
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Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Igal Avidan
Jüdisch-arabisches Zusammenleben in Israel
Einleitung
Kibbuz Lochamei haGetaot
Akko
Haifa
Jaffa
Lod
Ramle
Jerusalem
Nachwort
Danksagung
Über den Autor
Ein Buch beginnt mit einem Satz: »Wir sind nicht in Deutschland, wir sind in Israel«, sagte ein Beter in der Stadt Lod angesichts der abgebrannten Synagoge.
Ein Buch beginnt mit einem Bild: Zwei Männer tragen zwei Thorarollen aus diesem verkohlten Bethaus.
Ein Buch beginnt mit einem Video: Ein aufgebrachter Mob überfällt einen wehrlosen Menschen. Er liegt regungslos auf der Straße. Ein Teenager steht neben seinem Kopf, beugt sich hinunter und schlägt ihm mit der Faust mehrmals ins Gesicht.
Ein Buch beginnt mit dem Post des Israelis Eliran als Reaktion auf ein Video verwüsteter arabischer Geschäfte: »Das ist nicht der Weg des Judentums,« schrieb er. »In der Geschichte sind schon zu viele Läden zerstört worden, nur weil ihre Besitzer jüdisch waren.«1 Dann sammelte der religiöse und zionistische Jude im Internet einige Tausend Schekel Spenden. Er fuhr hundert Kilometer von Beersheba nach Bat Jam und verteilte die Spenden unter den betroffenen arabischen Ladenbesitzern.
Während der gewaltsamen Ausschreitungen vom Mai 2021 war ich schockiert von der arabischen Gewalt, schämte mich für die jüdische und fand Trost in Elirans menschlicher Geste. Ein Jahr später war ich nach einer langen Coronapause wieder in Israel. Weil mich die Bilder von geschändeten Synagogen, brennenden Autos, Geschäften und Kulturstätten nicht losließen, beschloss ich, eine Reise durch Israel zu unternehmen, um den »Menschen an der Front« zu begegnen und ihnen zuhören, vor allem denjenigen, die an ein Zusammenleben glauben – aller Gewalt und Zerstörung zum Trotz.
Die beiden Grundprinzipien Israels als jüdischer und demokratischer Staat begleiten diesen seit seiner Gründung im Jahr 1948. Eine der zentralen Herausforderungen ist das Verhältnis zu den arabischen Israelis, die etwa ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen, Tendenz leicht steigend. Ungeachtet der generell friedlichen Beziehungen kommt es immer wieder zu politischen Spannungen und auch Gewalt zwischen israelischen Juden und Arabern. Im Mai 2021 erlebte Israel die wohl schwersten Straßenschlachten seit 1948.
Wie haben arabische und jüdische Israelis diese Ausbrüche erlebt? Wie sehen sie die Zukunft? Diese Fragen sollen sich als roter Faden durch meine Begegnungen ziehen. Welche Auswirkungen haben die Unruhen bei meinen Gesprächspartnern hinterlassen? Haben sie ihre Einstellungen zum Zusammenleben geändert? Befragt habe ich bei meinen zwei Reisen fünfzig Juden und Araber in den fünf »gemischten Städten«, die ich besuchte: Akko, Haifa, Jaffa (ein Stadtteil von Tel Aviv), Lod und Ramle sowie Jerusalem und Kibbuz Lochamei haGetaot, wo ich im Haus der Ghettokämpfer etwas über den Umgang arabischer Israelis mit der Shoah lernen wollte.
Meine Gesprächspartner redeten gern, manche von ihnen führten mich sogar herum. Eine paritätische Zahl von jüdischen und arabischen Interviews war nicht möglich und nicht unbedingt sinnvoll, wichtiger war mir das, was dabei zur Sprache kam. Ich bemühte mich um verschiedene Perspektiven, versuchte, unterdrückten Stimmen zuzuhören, und bevorzugte Brückenbauer gegenüber Brandstiftern.
Der tagelange Gewaltausbruch vom Mai 2021 fand zu einem politisch ungewöhnlichen Zeitpunkt statt, ohne deshalb kurzfristig das politische Geschehen zu beeinflussen. Offensichtlich erkannten Politiker aus beiden Völkern, dass ihr Handeln trotz des Blutvergießens bei ihren Wählern immer noch genug Zustimmung genießt. Denn fast keiner wollte durch mutiges Vorpreschen seine politische Karriere beschädigen. Am 5. Mai 2021 wurde der liberale Zentrumspolitiker Yair Lapid vom Staatspräsidenten beauftragt, eine neue Regierung zu bilden. Mit am Verhandlungstisch saß auch die islamische Vereinigte Arabische Liste (Raam): ein Novum in Israels Geschichte. Nach dem Ausbruch der Gewalt brach deren Vorsitzender Mansour Abbas die Koalitionsverhandlungen ab, setzte sie jedoch nach dem Ende der Auseinandersetzungen fort. Man einigte sich rasch, und am 2. Juni 2021 entstand die erste Koalition in Israel unter Beteiligung einer arabischen Partei, die jedoch keinen Minister nominierte. Das wäre zu viel gewesen angesichts des andauernden Konflikts mit den Palästinensern.
Der israelisch-palästinensische Konflikt dominiert die Israel-Berichterstattung in Deutschland. Wichtiger und interessanter scheint mir zurzeit der Blick auf die etwa zwei Millionen arabischen Israelis (obwohl sich manche als Palästinenser bezeichnen, wäre diese Bezeichnung für die Leser verwirrend). Sie lassen sich nicht beispielsweise mit der türkischen Minderheit in Deutschland vergleichen, denn die arabische Minderheit in Israel besteht ja nicht aus einstigen Migranten: Einwanderung nach Israel ist zwar offizielle Politik, aber diese gilt nur für Juden und ihre Familienangehörigen. Das im März 2022 novellierte Staatsangehörigkeitsgesetz erschwert hingegen die Zusammenführung arabischer Israelis mit Palästinensern und Arabern aus feindlichen Staaten.
Zu Beginn der jüdischen Zuwanderung ins Land Israel Ende des 19. Jahrhunderts waren neunzig Prozent der Bewohner dort Araber. Als die UN-Vollversammlung 1947 beschloss, das Land zwischen Jordan und Mittelmeer in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen, stellten die Araber knapp zwei Drittel der Einwohner. 1948 wurden sie aufgrund von Flucht und Vertreibung im neuen Staat Israel zur Minderheit, denn nur wenige arabische Flüchtlinge (der Begriff Palästinenser war damals nicht geläufig) durften nach Kriegsende zurückkehren. Ein Fünftel der Araber, die 1948 in Israel blieben, wurden zu »inneren Flüchtlingen«. Sie fanden Zuflucht in arabischen Ortschaften unweit ihrer Heimatdörfer, in die sie bis heute nicht zurückkehren dürfen. Ihre Ortschaften wurden einem Militärregime unterstellt, nicht jedoch gemischte (jüdisch-arabische) Städte wie Haifa oder Jaffa. Viele Araber in Israel verloren ihr Land, auf dem jüdische Neueinwanderer angesiedelt wurden. Obwohl sie allmählich eingebürgert wurden, fühlen sie sich dennoch bis heute als Bürger zweiter Klasse. Schließlich sind arabische Israelis Teil des palästinensischen Volkes – manche heiraten Palästinenser aus dem Westjordanland oder dem Gazastreifen, andere haben Verwandte dort oder in Jordanien, im Libanon oder Syrien.
Ein Beispiel für diese Verbindung ist der Nakba-Tag am fünften Tag des hebräischen Monats Ijjar, an dem arabische Israelis der palästinensischen Katastrophe von 1948 gedenken. Familien oder Mitglieder eines Dorfes versammeln sich an diesem Tag, der auch der israelische Unabhängigkeitstag ist, in ihrem ehemaligen Dorf oder neben dessen Resten. Für Palästinenser in Ostjerusalem, im Westjordanland, Gaza und im Ausland hingegen fällt der Gedenktag auf den 15. Mai. In den frühen 1990er Jahren nahmen die jährlichen Gedenkfeiern arabischer Israelis an diesem Tag einen bedeutenden Platz im öffentlichen Diskurs der Gemeinschaft ein. Als Gegenmaßnahme verabschiedete Israel 2011 das »Nakba-Gesetz«, das die Kürzung staatlicher Förderung für solche Organisationen zulässt, die der Nakba anstelle von Israels Unabhängigkeitstag gedenken. Das Nationalstaatsgesetz von 2018 schreibt den jüdischen Charakter des Staates fest und stellt die Gleichberechtigung der arabischen Israelis in Frage. Zudem ist Arabisch nicht mehr Amtssprache. Laut Gesetz gelten nur die jüdische Besiedlung des Landes und die jüdische Einwanderung als Grundfeste. Die arabischen Israelis stecken in der Zwickmühle: Ihr Staat befindet sich in einem Konflikt mit ihrem Volk, der alle Palästinenser betrifft, auch die in den besetzten Gebieten und diejenigen, die geflüchtet sind. Und er flammt immer wieder auf, in den letzten Jahren im Gazastreifen oder in der Altstadt von Jerusalem. Über Friedensperspektiven redet in Israel zurzeit kaum jemand, und seit der palästinensische Terror zurückgegangen ist, ignoriert die israelische Öffentlichkeit die Palästinenser weitgehend. An den hohen jüdischen Feiertagen, am Pessach- und Purimfest, verhindert Israel seit Jahren die Einreise aus den Palästinensergebieten. Man wähnt sich in Sicherheit dank des (an manchen Stellen leicht überwindbaren) Grenzzauns, der Mauer und der amerikanischen Luftabwehrraketen.
Anders erleben das die arabischen Israelis, auch wenn sie selbst schon Opfer von Terroranschlägen oder Raketenangriffen waren. Nur ganz wenige von ihnen beteiligten sich an Terroranschlägen. Hunderte oder sogar Tausende nahmen jedoch an den Attacken auf Juden im Mai 2021 teil. Weil die meisten Täter und Opfer in derselben Stadt leben, manchmal sogar in derselben Straße, konnte keine Sperranlage diese Explosion der Gewalt verhindern. Viele meiner Gesprächspartner erwarten für die Zukunft noch schlimmere Unruhen. Deswegen ist dieser innerisraelische Konflikt für Israel existenzieller als die vorherigen, denn er betrifft seine Identität, vor allem als Demokratie.
Die Stimmung unter den Palästinensern in Ostjerusalem war Ende April 2021 gereizt, weil die Wahl des palästinensischen Parlaments am 22. Mai und die Präsidentschaftswahl am 31. Juli 2021 auf ein unbestimmtes Datum verschoben worden waren. Ausgelöst wurden die Unruhen dann durch Proteste palästinensischer Bewohner des Stadtteils Sheikh Jarrah, die in Ostjerusalem gegen die geplante Räumung ihrer Unterkünfte durch Juden protestierten. Sie weiteten sich aus durch Zusammenstöße zwischen rechtsextremistischen Israelis und protestierenden Arabern am Nablus-Tor in der Altstadt sowie zwischen Muslimen und Polizisten auf dem Tempelberg. All das während des Fastenmonats Ramadan.
Am 10. Mai 2021 feierten Tausende Israelis den Jerusalemtag, mit dem in Israel der Vereinigung der Hauptstadt im Krieg von 1967 gedacht wird. Für arabische Israelis steht dieser Tag sinnbildlich für die Präsenz der israelischen Besatzung. Nachdem Polizisten aus der al-Aqsa-Moschee mit Steinen beworfen worden waren, stürmten sie auf den Tempelberg und warfen Blendgranaten in die Moschee. Dutzende Menschen wurden verletzt.
Daraufhin stellte die in Gaza regierende Hamas ein Ultimatum: Israel solle binnen einer Stunde seine Truppen vom Tempelberg und aus Sheikh Jarrah abziehen. Nur Minuten nach Ablauf des Ultimatums feuerte die Hamas eine Raketensalve vor allem in Richtung Jerusalem, so dass der Fahnenzug abgebrochen werden musste. Das war eine Blamage für Israel und ein Propagandasieg für die Hamas, die sich als »Beschützer der al-Aqsa-Moschee« profilieren konnte. Als Reaktion startete die israelische Armee im Gazastreifen die groß angelegte Militäroperation »Beschützer der Mauer«. Damit schwappte die Gewalt auf das Kernland Israel über und breitete sich vor allem auf die gemischten Städte aus, in denen keine Mauer Schutz bietet – ein guter Nachbar aber schon.
1https://www.facebook.com/photo.php?fbid=6061791937179430&set=a.215664491792233&type=3
Das Haus der Ghettokämpfer im gleichnamigen Kibbuz im Norden Israels schrieb bereits mehrmals Geschichte. Das erste bescheidene Archiv wurde im April 1950 von ehemaligen Widerstandskämpfern und Partisanen gegründet – am Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto. 1959 wurde neben dem osmanischen Aquädukt der jetzige Museumsbau eingeweiht, der an das israelische Parlament erinnert. Heute blickt er auf das Amphitheater, grüne Felder und einen Orangenhain. Bei der Shoah-Gedenkzeremonie im April 2020, nur einen Monat nach Ausbruch der Coronapandemie, waren es zum ersten Mal keine Shoah-Überlebenden, die zum Gedenken an die sechs Millionen jüdischen Opfer sechs Leuchter anzündeten. Man wollte sie nicht gesundheitlich gefährden, und deswegen entzündete zum ersten Mal eine Araberin das Feuer zu Ehren der Judenretter: Hadil Mazel.2 Mazel lebt mit ihrer Familie in einem Kibbuz und arbeitet als Krankenschwester in der Notaufnahme des Hagalil-Krankenhauses in der Stadt Naharija. Die 33-jährige Beduinin wuchs in Ramle mit Shoah-Überlebenden als Nachbarn auf. »Jitzhak hat mir während meiner Kindheit immer wieder seine Geschichte erzählt, wie er seine Frau Chaja vor dem Tod gerettet hat. Auch später waren sie Helden, als sie nach Israel kamen, den Staat gründeten und ihn all die Jahre verteidigten.« Bei der Zeremonie erinnerte sie an die polnische Familie Mackiewicz, die das jüdische Mädchen Lila und fünf ihrer Familienangehörigen retten konnte. Lila Hundert, die im Kibbuz lebte, starb dort mit 88 Jahren.
Geschichte schrieb hier auch Noha Khatib, die sich als Araberin, Palästinenserin und Muslima definiert. Sie leitet seit 2017 das Zentrum für humanistische Bildung, welches das Haus der Ghettokämpfer in seiner Arbeit ergänzt. »Ab der fünften Klasse besuchte ich eine arabische Schule, wo mich die Shoah überhaupt nicht interessierte. Im Gymnasium war die Shoah ein Teil der Prüfung in Geschichte, und wir lernten die Antworten auf die möglichen Fragen auswendig, mehr nicht.«
Die Wende kam für sie erst in der ersten jüdischarabischen Schule in Israel, die sie 1998 im Regionalrat Misgav mitgründete. »Ich entdeckte die Shoah erst als Lehrerin in dieser bilingualen Schule, als eine Kollegin mir die Geschichte ihres Vaters, eines Shoah-Überlebenden, erzählte. Das schockierte mich, weil auf einmal aus der Geschichtsstunde eine unmittelbare persönliche Geschichte wurde.« Seitdem bildet die Shoah einen Mittelpunkt ihrer Arbeit.
Immer wenn sich der Shoah-Gedenktag näherte, erzählt Khatib, berieten die Lehrer, ob und wie man das Thema mit Kindern behandeln solle. »Statt einer Gedenkzeremonie organisierten wir Diskussionsgruppen von Lehrern und Schülern. Es war mir klar, dass man Erstklässler damit verschonen muss.«
Ging es darum, über den Schmerz Menschen miteinander zu verbinden?
»Ja, Gefühle wirken hier viel stärker als Fakten und lassen auch starke Aussagen leichter ertragen. Die Empathie gilt zuerst meinem Gegenüber und nicht einem Volk. Was mich motivierte, war, dass ich das machte, woran ich glaube, und zu sehen, dass es möglich ist. Heute ist es Realität, und dieses Bildungssystem wächst.« Die Politik außerhalb der Schule interessierte sie nicht. 2004 gründete sie die einzige binationale Schule in einem arabischen Ort, die sie bis 2008 leitete. Dort gingen auch ihre Kinder zur Schule. »Solche Projekte fördern eine gesündere Gesellschaft.«
Die Idee des Zentrums für humanistische Bildung stammte von Schulleiterin Raya Kalisman, die in einem Dorf in Galiläa lebte und jahrelang Begegnungen mit arabischen Schulen organisierte. »Nur über die Shoah sprachen wir niemals.« In Washington besuchte sie 1994 das neue Holocaust Memorial Museum und initiierte danach zusammen mit anderen ein Bildungsprojekt zur Shoah. Was sie damals erstaunte, war zum einen, dass die Projektleiterin schwarz war, und zum anderen, dass die Jugendlichen, die an diesem Projekt teilnahmen – afroamerikanische, Latino- und asiatische Jugendliche –, neue Erkenntnisse über den Rassismus und die Gewalt gewinnen konnten, die sie im Alltag erlebten. »Ich verstand durch diese wunderbaren Begegnungen mit den Jugendlichen, dass die Shoah, so wie das Thema in Washington behandelt wurde, auch meine arabischen Nachbarn interessieren könnte.« Kalisman gründete 1995 das Zentrum für humanistische Bildung, das sie achtzehn Jahre leitete. »Ich bin sehr stolz, dass auch während der Intifada 2000 und während des Zweiten Libanonkriegs 2006, der Militäroperationen in Gaza und der schweren Terroranschläge, kein Seminar abgesagt werden musste.« Das Zentrum brachte arabischen Kindern die Shoah durch Begegnungen mit Juden bei.
Wie steht es mit dem Shoah-Unterricht in arabischen Schulen?
Khatib: »Wir fangen damit – und auch das ist neu – in der neunten Klasse an (also mit fünfzehn). Man blendet das Thema auch wegen des israelisch-palästinensischen Konflikts aus. Wir aber wollen die israelische Gesellschaft prägen, und deswegen arbeiten wir auch mit Erwachsenen und mit verschiedenen Gruppen.«
Doch nicht alle wollen mitmachen. Im Oktober 2021 lud Noha Khatib den rechtsnationalen Abgeordneten Bezalel Smotrich ins Zentrum ein. In einem offenen Brief hatte sie seine Aussage im Parlament den arabischen Kollegen gegenüber als rassistisch kritisiert. Smotrich hatte sie als Feinde bezeichnet und hinzugefügt: »Es ist ein Fehler, dass ihr hier seid, nur weil Ben Gurion die Arbeit nicht zu Ende brachte und euch 1948 nicht vertrieb.«
Folgte der Politiker deiner Einladung?
»Nein, das habe ich auch nicht erwartet. Aber ich versuche, die Menschen, die er vertritt, zu einer Diskussion über Werte und Bildung einzuladen, die viel wichtiger ist, als Skandale in der Knesset anzuzetteln. Solchen Menschen ist das Wohl der Gesellschaft völlig egal, sie wollen nur Gift versprühen.« Seit Ende 2022 ist Bezalel Smotrich Finanzminister und im Verteidigungsministerium zuständig für die Palästinenser im Westjordanland.
Khatib brachte ein Jahr lang jüdische und arabische Schulklassen zusammen, »damit den Schülern ein Fenster geöffnet wurde und das Leben hier aus einer anderen Perspektive erlebt werden konnte. Solche Begegnungen werden in der jeweiligen Gruppe vorbereitet, um authentische Fragen zu diskutieren und nicht über den Diskurs in den Medien. Wir denken uns diese Fragen aus und bereiten die Diskussionen vor, weil unsere Gesellschaft in getrennten Gruppen lebt.« Die Shoah dient als Hintergrund, um Schlussfolgerungen zu ziehen. »Ein Beispiel: Du wohnst in einem Mietshaus. Wen würdest du als Nachbarn ablehnen? Als die Teilnehmer die Ergebnisse der Gruppe auf der Tafel sehen, sind sie verlegen.« Sind ihr die Befürchtungen von jüdischer Seite bewusst, die Araber könnten nur deshalb Interesse für das Leiden der Juden in der Shoah zeigen, damit Juden das Leiden ihrer Familien in der Nakba anerkennen? »Natürlich. Jeder bringt seinen Schmerz in die Diskussionsrunde, auch die Nakba. Wir schreiben nicht vor, welche Leiden zulässig sind und welche nicht. Es geht nicht um Vergleiche; niemand wäre erleichtert, weil der Schmerz des anderen größer ist. Würde ich aber einem arabischen Jungen in der Shoah-Ausstellung verbieten, Vergleiche zu ziehen, würde er nichts anderes tun. Jedes Jahr kommen Richter und ihre Helfer zu einem dreitägigen Seminar hierher – vermittelt durch eine Absolventin von uns, die selbst Richterin ist.«
In unserem ersten Gespräch sagtest du: »Wenn ich vor einer Shoah-Überlebenden sitze, sehe ich meine Oma vor mir.«
»Stimmt. Auch meine Oma wurde aus ihrem Dorf Bassa in den Libanon vertrieben. Sie kehrte zurück, durfte aber ihr Haus nicht betreten, und seitdem ist sie ein Flüchtling. Von ihrem Dorf stehen nur noch Reste der Moschee und der Kirche.« Da, wo sich das Dorf befand, liegen heute die Orte Betzet, Shlomi und Achziv. Khatib selbst wohnt in der Stadt Karmiel,3 einer längst gemischten Stadt, wo es aber immer noch keine arabischen Einrichtungen gibt.
Und keine arabischen Straßennamen?
»Bestimmt nicht, aber das ist auch nicht mein Herzenswunsch. Ich bin nicht gekommen, um diese jüdische Stadt oder mich selbst zu ändern. Hätte ich kleine Kinder, würde ich mich für einen bilingualen Kindergarten engagieren und für gemeinsame Einrichtungen dieser Art, statt Diskussionen darüber zu führen, wie sich der jüdische Charakter bewahren lässt.«
Sorgen über die Zukunft macht sich Khatib nicht, denn das Zentrum wird zu einem geringfügigen Teil vom Bildungsministerium finanziert. »Ich wünsche mir, sie würden dort unsere Arbeit angemessener würdigen, auch finanziell«, schmunzelt sie. »Aber wir haben auch private ausländische Förderer und Organisationen.«
Noha Khatib sieht sich nicht als Shoah-Expertin, sondern als »Expertin für zwischenmenschliche Beziehungen, Werte und Bildung sowie dafür, Gruppen aus verschiedenen Kulturen zusammenzuführen – auch mittels jüdischer Geschichte und der Shoah«. Aktuell beleuchtet eine Ausstellung die Verfolgung der Zeugen Jehovas durch die Nationalsozialisten. »Diese Stimmen sind selten, und wir wollten sie zeigen, weil es unsere Aufgabe ist, unbekannte Geschichten über die Shoah und den zivilen Widerstand zu bringen. Für ihre Werte mussten sie einen Preis zahlen. Die Initiative kam von den Zeugen Jehovas. Die vorige Ausstellung stellte die Weiße Rose vor, die auch unserer Sichtweise entspricht.«
Die Unruhen 2021 bezeichnet Khatib als »surreal«, vor allem die Lynchversuche und die Angst, fremdes Gebiet zu betreten. »Das waren sehr schwierige Tage, viel Spannung lag in der Luft, obwohl sich an meinem Alltag nichts geändert hatte. Natürlich machte ich mir Sorgen um meinen Sohn, wenn ich ihn zum Bus brachte, und hatte Angst, es könnte was passieren. Aber ich wollte nicht nachgeben. Mir fehlt das kontinuierliche Gespräch, nicht nur bei solchen erschreckenden Ereignissen. Und sie werden nur noch schrecklicher, wenn wir unsere Haltung nicht ändern.«
Auch Yigal Cohen schrieb als erster orientalischer Direktor eines Shoah-Museums in Israel Geschichte. Obwohl seine Eltern aus Tunesien stammen, interessiert sich der 52-Jährige, seit er sich erinnern kann, für die Shoah. Befeuert wurde seine Neugier durch Begegnungen mit einem Rabbiner in der Religionsschule, die er besuchte, einem Shoah-Überlebenden, »der mir von seinen Erlebnissen erzählte. Bis heute erinnere ich mich an diesen alten Mann mit der eintätowierten Nummer auf dem Unterarm. Ich las viel und schaute mir als Kind am Gedenktag andauernd alle Sendungen darüber an. Ich spürte, das ist ein Teil von mir. Erst in diesem Haus erfuhr ich, dass mein Urgroßvater in der Zeit der sechsmonatigen deutschen Besatzung Tunesiens verhungerte. Zudem spricht mich jüdische Kultur sehr an, und jiddische Lieder, die ich hier höre, bewegen mich zu Tränen.«
Cohen leitete das multikulturelle Anne-Frank-Gymnasium in einem Kibbuz an der libanesischen Grenze, mit jüdischen und arabischen Schülern.
Wie gestaltete man den Shoah-Gedenktag in der Schule?
»Nicht viel anders als an jeder staatlichen Schule. Wir behandeln das Thema Völkermord aber nicht nur an dem Tag. Zu den bewegendsten Veranstaltungen in der Schule – das mag dich überraschen – gehörte der Gedenktag für den Völkermord an den Tscherkessen am 21. Mai.«
Davon habe ich noch nie gehört.
Cohen strahlt: »Ich wusste, dass ich dich überraschen werde. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden fast anderthalb Millionen Tscherkessen Opfer eines systematischen Massenmordes durch das russische Zarenregime.«
Die große Mehrheit der Bewohner in Galiläa sind arabische Israelis, und die versucht Cohen in sein Shoah-Museum zu locken. »Ich will aber nicht, dass arabische Schuldirektoren Anweisungen vom Ministerium bekommen, Schulklassen hierherzubringen, sie sollen aus eigenem Willen kommen. Ich will, dass junge Araber aus der Gegend ihre eigene Identität mitbringen und sich unseren Werten hier verbunden fühlen. Das ist die große Herausforderung und nicht, arabisch sprechende guides auszubilden.« (Er bezieht sich auf den großen Konkurrenten Yad Vashem.) Das findet er wichtig gerade wegen der Gewalt zwischen Juden und Arabern in Israel. »Wir wollen hier unsere unterschiedlichen Narrative vorbringen, gerade um diese Spannungen zu überwinden und die Menschen beider Völker einander näherzubringen, zumindest die ›Verrückten‹ unter ihnen.«
Nun sieht allerdings die Realität etwas anders aus, »denn für Araber führt von der Shoah ein direkter Weg zur Gründung Israels. Über das Wirtschaftsministerium kommen Gruppen gefährdeter arabischer und jüdischer Jugendlicher, die im Rahmen ihres Studiums insgesamt dreimal dazu verpflichtet sind. Beim ersten Mal haben sie wenig Interesse. Aber schon mit dem zweiten und dritten Besuch sind sie voll präsent. Andere Gruppen kommen über das humanistische Bildungszentrum.« Solche Besuchergruppen stellen nur fünf, sechs Prozent der gesamten Besucher, schätzt Cohen, der aber hofft, über sie auch ihre Eltern und weitere Kreise erreichen zu können.
Die Angst jüdischer Israelis, arabische Besucher könnten als Gegenleistung für ihr Interesse an der Shoah Anerkennung für die Nakba erwarten oder sogar fordern, ist Cohen bewusst. »Der Vergleich zwischen Shoah und Nakba ist lächerlich und tut dem Wunsch (der Araber, I. A.) nach mehr Anteilnahme an ihrem Schmerz wegen der Nakba Unrecht. Man kann das Leiden nicht messen, und wir wollen zeigen, dass es verschiedene Sorten von Leiden gibt.« Die Veranstaltung Den Schmerz der anderen begreifen des Goethe-Instituts und der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv zum Thema Holocaust, Nakba und Deutsche Erinnerungskultur, die ursprünglich am 9. November 2022, dem Jahrestag der Pogromnacht 1938, eröffnen sollte, musste nach Protesten abgesagt werden. Diese Gegenüberstellung hält Cohen für sehr problematisch.
»In Israel gibt es drei Holocaust-Tage. Am Kaddisch-Tag, am 10. Tag des hebräischen Monats Tevet, gedenken viele orthodoxe und religiöse Juden der Shoah, auch an der Religionsschule, an der ich studierte. Am 27. Tag des Monats Nisan findet der staatliche Shoah-Tag statt, zwischen dem Tag, an dem der Aufstand im Warschauer Ghetto begann, und dem Gedenktag für die Gefallenen sowie dem Unabhängigkeitstag. Der junge Staat wollte durch diesen Termin das Gedenken an die Shoah mit dem Aufstand und dem damit verbundenen Heldentum verknüpfen. Für uns im Ghettomuseum ist der 27. Januar, der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, sehr wichtig, um die Shoah mit universalen Themen zu verbinden. Ein Grund dafür ist, dass wir Nichtjuden für das Andenken an die Shoah gewinnen möchten. Am kommenden internationalen Holocaust-Tag thematisieren wir Flucht damals und heute, beginnend mit dem Kindertransport und weiter mit aktuellen Flüchtlingsgeschichten wie der einer Frau aus Ruanda und einer aus dem Libanon.«4
2015 behauptete Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, der Mufti von Jerusalem, Husseini, habe Hitler überredet, die Juden zu vernichten. Im August 2022 verkündete Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas, Israel habe »fünfzig Holocausts an den Palästinensern« begangen. Cohen kritisiert beide Äußerungen, »denn sie schaden beiden Völkern. Wir müssen einen Weg finden, hier gemeinsam zu leben. Eine Äußerung wie die von den ›fünfzig Holocausts‹ ist Schwachsinn, denn wir müssen den Kontakt mit vielen Palästinensern aufrechterhalten, damit wir eines Tages hier normal leben könnten«, sagt er sehr erregt. »Auch von israelischer Seite finden leider zahlreiche solcher ›verbalen Anschläge‹ statt.«
Habt ihr Kontakt zur Palästinenserbehörde?
»Wir haben es versucht mit einem Bildungsprojekt, aber es ist noch zu früh. Erst einmal wollen wir mit den arabischen Israelis zusammen arbeiten.«
Und mit arabischen Diplomaten?
»Wir planen ein Bildungsprogramm über nordafrikanische Juden in der Shoah, und das könnte ein Anlass sein.« Auch eine entsprechende Ausstellung gehört zu seinen vielen Zukunftsplänen. Dann spricht er leidenschaftlich über einen neuen Roman zum Thema, den er gerade verschlungen hat. Eine Szene berührte ihn besonders: Am Ende der deutschen Besatzung versammelt der Kantor die Juden in Tunis in der Synagoge und erzählt ihnen vom Schicksal der Juden in Polen, und sie beginnen zu weinen. »Es ist ein schauriges Erlebnis, das zu lesen, als ob ich dort im Publikum sitzen würde.«
Im Ghettomuseum versucht man, auch symbolisch Lehren aus der Shoah für einen jüdisch-arabischen Ausgleich in Israel zu ziehen – anhand eines Gegenstandes aus der Dauerausstellung. »Jüdische Zwangsarbeiterinnen in einem Außenlager von Auschwitz bauten eine Waage aus Draht«, erklärt Cohen. »Damit teilten sie täglich ihre kläglichen Brotrationen gerecht auf.« Die Waage schmückt eine Medaille für einen neuen Preis, den das Museum vergibt. Darauf steht ein Spruch aus dem Talmud: »Und wo Unmenschlichkeit herrscht, versuche Mensch zu sein.« Den Preis verlieh das Museum 2019 an Masad Barhoum, den medizinischen Direktor des Krankenhauses in Naharija für sein außerordentliches humanitäres Wirken. Der Professor leitet als einziger arabischer Direktor ein staatliches israelisches Krankenhaus.
2https://www.ynet.co.il/articles/0,7340,L-5718485,00.html
3Karmiel wurde 1964 gegründet, um Galiläa »jüdischer zu machen«. Heute sind zwanzig Prozent der 50.000 Einwohner arabisch, Tendenz steigend, weil viele junge Paare kein freies Grundstück im Dorf der Familie finden können.
4Als sich Israels Armee im Mai 2000 aus dem Südlibanon zurückzog, flüchteten etwa siebentausend Soldaten der verbündeten Südlibanesischen Armee und ihre Angehörigen nach Israel.
Am 11. Mai 2021 artet eine Demonstration in Akko, mit der gegen die Gewalt in Jerusalem protestiert werden soll, selbst in Gewalt aus. Am »Kanonenplatz« am Rande der Altstadt beschießen junge arabische Männer die wenigen Polizisten mit Steinen und Feuerwerkskörpern.5 Lokale arabische Aktivisten und Würdenträger verhandeln mit der Polizeiführung über den Rückzug der Uniformierten, um die Lage zu beruhigen. Aber das gelingt nicht ganz. Die wenigen Polizisten – die meisten waren als Verstärkung nach Jerusalem geschickt worden – drängen die Randalierer in Richtung Moschee. Zugleich evakuieren sie eingekesselte Juden aus der Altstadt, wo nur Araber wohnen und wo es brennt. Ein 84-jähriger Gast des Hotels Efendi erleidet schwere Verbrennungen und eine Rauchvergiftung, an der er später stirbt. Die Brandanschläge, die offenbar nur jüdischen Geschäften galten, kann niemand verhindern. Arabische Einrichtungen in der Altstadt wurden offenbar nicht angegriffen.
Gegen alle Prognosen flammt die Gewalt auch in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai auf, auch im überwiegend von Arabern bewohnten Wolffsohn-Viertel. Hanna Ganashvili, die dort wohnt, wird am Abend im arabischen Lebensmittelladen gewarnt, sie solle schnell weg, »die Juden« würden einen Krieg anzetteln. »Ich ging nach Hause und hörte draußen das Geschrei Allahu akbar.« Sie ruft ihren Sohn Mor an, der sie beruhigt: »Alles in Ordnung, ich komme.« Auf dem Weg zu ihr kommt dem dreißigjährigen Versicherungsangestellten der Weg durch Akko ruhig wie immer vor, abgesehen von einer jüdischen Demonstration. »Ich telefonierte mit meinem Bruder und sagte, ›ich bin gleich bei Mama, alles okay‹. Als ich über einen Platz fuhr, sah ich auf einmal mit Steinen und Schlagstöcken bewaffnete Vermummte.« Auf einer Handyaufnahme sieht man (in der TV-Dokumentation) Dutzende von Menschen in Schwarz; am Strommast weht die palästinensische Fahne. »Sie warfen mir hasserfüllte Blicke zu und spuckten auf das Auto«, erzählt Mor. »Immer noch am Telefon rief ich meinem Bruder zu, dass jetzt irgendwas Schlimmes passieren könnte.« Vielleicht fällt ihm ein, dass die kleinen Israelfahnen, die er zu Israels Unabhängigkeitstag im April an beiden Seitenfenstern befestigt hat, auf die hasserfüllten Männer wie rote Tücher wirken.6
Gegen 21.20 Uhr trifft er an einer Kreuzung auf Dutzende junge Männer, die die große Straße blockieren. Als er sie sieht, versucht Mor, rückwärts zu fahren. »In dem Moment versuchte jemand, mich aus dem Auto zu zerren.« Ein weiterer Wagen kommt von hinten und versperrt ihm den Fluchtweg. »Mir war klar, jetzt würden sie mich umbringen«, erzählt er. »Ich versuchte weiterzufahren, schrie und stieß gegen eine Mauer. Ich hörte einen Knall, und dann war einen Moment lang Stille. Danach flogen wieder Ziegelsteine in meine Richtung. Dann wurde alles schwarz. Ich wollte aussteigen, bevor sie mich lebendig verbrannten, machte die Tür auf, rannte auf Mamas Haus zu und versuchte, mein Gesicht mit den Händen zu schützen. Der Mob holte mich ein und schlug mit Eisenstangen und Holzlatten auf mich ein. Ich hatte Schnittwunden im Gesicht und fiel zu Boden. Jemand kickte mich ins Gesicht. Mir war jetzt klar: Ich werde sterben.«
In diesem Moment öffnet Hanna Ganashvili ihre Jalousien und sieht lauter Araber, die »wild umherrannten und schrien, und etwas brannte«. Das war Mors Wagen. »In dem Moment klingelt meine arabische Nachbarin an der Tür, sagt, ich solle keine Angst haben und aufmachen. ›Dein Sohn ist unten‹, sagt sie. Ich gehe zwanzig Meter vor das Haus, sehe Blutspuren auf dem Bürgersteig und einen Mann, der dort liegt. Ich weiß sofort: mein Sohn. Denn ich kenne seine Sachen. Ich rufe: ›Mor‹ und er antwortet: ›Mama‹. Dann verliert er das Bewusstsein.« In dem Moment kommt der Lokalpolitiker Sheikh Abbas Zakour und fordert die Randalierer auf, sofort aufzuhören. Bei ihm ist der arabische Krankenpfleger Fadi Kassem.
Fadi willigt sofort in ein Gespräch mit mir ein. In Akko sei seine Zeit dieser Tage allerdings sehr knapp. Mehr Zeit hätte er unter der Woche in Holon, wo er inzwischen arbeitet, in der Stadt südlich von Tel Aviv, wo ich selbst geboren und aufgewachsen bin. Am Tag vor dem Treffen schickt er mir eine Karte von der Umgebung seines Arbeitsplatzes: direkt neben dem Jugendpark Tel Giborim. Als ich dort im Heim für geistig Behinderte eintreffe, heißt es, Fadi sei kurz weg. Ich warte in einer Holzhütte im Hof des Hospizes und finde inzwischen heraus, dass das Viertel Tel Giborim (»Hügel der Helden«) nach den Kriegshelden benannt wurde, die 1948 das arabische Dorf A-Rish und vor allem den Stützpunkt auf dem Hügel hinter uns eroberten. Der Ort passt trotzdem gut zu dem dreißigjährigen arabischen Krankenpfleger, denn er hat in der zweiten Krawallnacht in Akko einem Menschen das Leben gerettet. Kurz wurde er dafür in den Medien gefeiert und erhielt auch Auszeichnungen von seinem Krankenhaus und einem privaten College. Aber wie ergeht es einem Helden, wenn die Kameras wieder weg sind? Und was macht er so weit weg vom Schauplatz seiner eigenen Heldentaten? Der sanfte bärtige Mann mit den großen Augen und der dunkelblauen Kapuze ist überrascht, dass jemand ihn für einen Helden hält.
Die im Norden Israels gelegene Hafenstadt Akko erlebte bereits im Herbst 2008 tagelang schwere Straßenschlachten zwischen Juden und Arabern. Ausgelöst wurden sie durch einen Araber, der mit seinem Sohn am jüdischen Fastentag Jom Kippur mit dem Auto in ein überwiegend jüdisches Viertel fuhr, um dort Freunde zu besuchen. Es gibt in Israel kein Gesetz, welches das Fahren am jüdischen Fastentag verbietet, nur die gesellschaftliche Norm. Vor allem Kinder genießen dieses inoffizielle »Fahrradfest« auf den fast leeren Straßen, und die wenigen Autofahrer, vor allem Polizisten und Sanitäter, sind angehalten, besonders vorsichtig zu fahren. In Akko gerieten an dem Tag jüdische Anwohner mit dem arabischen Autofahrer in Streit, weil sie ihm vorwarfen, er sei absichtlich an diesem Fastentag hierhergefahren. Irgendwann fingen sie an, sein Auto mit Stöcken und Steinen zu traktieren. Als sich in den arabischen Stadtteilen das Gerücht verbreitete, der Autofahrer sei getötet worden, strömten wütende Araber zu Hunderten in die jüdischen Stadtteile und zerstörten wahllos Autos und fast dreißig Läden.
Die Unruhen im Mai 2021 hingegen waren eine Folge der Ausschreitungen um die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Sieht Fadi einen direkten Zusammenhang zwischen beiden Gewaltexzessen? Seine Antwort überrascht mich: Ja, Bürgermeister Shimon Lankri. Der Krankenpfleger scheint bestens informiert über die Politik in der 50.000-Einwohner-Stadt, wo jeder Dritte arabisch und Muslim ist. »Wenn man sich den kommunalen Haushalt anschaut, lässt sich eine erhebliche Diskrepanz feststellen zwischen dem jüdischen und dem arabischen Sektor«, klagt er. »Eine jüdische Bildungseinrichtung wird drei- bis viermal höher subventioniert als eine arabische. Lankri, der seit 2003 regiert, schwärmt ständig vom ›perfekten Zusammenleben‹ in Akko und betont, sein Stellvertreter sei Araber. Aber wo ist die Gleichberechtigung? Und warum hat man die angespannten jüdisch-arabischen Beziehungen so lange ignoriert, bis alles aus dem Ruder lief? Warum förderte man nicht das Positive in Akko?« Fadi nennt ein Beispiel für Diskriminierung. »Seit ein, zwei Jahren feiert man in Akko im Dezember die Feste der drei Religionen und schmückt die Straßenlaternen mit den Symbolen der Muslime, Juden und Christen. Nach dem Ramadan entfernte man aber plötzlich das muslimische und das christliche Zeichen und ließ nur den Davidstern hängen. Dahinter steckt die Stadtverwaltung.«
Fadi Kassem war nicht zufällig am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt, wie die israelischen Medien berichteten. Vielmehr hatte er von Beginn an versucht, Gewalt zu verhindern, wie er sagt. Wie kam es dazu? »Ich bin auch sozialer Aktivist und unterstütze Ahmad Tibis Partei Ta’al (die Arabische Bewegung für Erneuerung)«, sagt er. »Ich stamme aus einer großen Familie in Akko, wo man mich kennt. Im Rahmen der Akko-Bewegung organisierten wir Kinderfeste und sammelten zusammen mit dem Verein für Akko von Amihai Ben Shlush, einem Likud-Aktivisten, Spenden. Gemeinsam verteilten wir Lebensmittel an arabische und manchmal auch jüdische Bedürftige. Wir kooperierten, um das Zusammenleben zu fördern.«
Amihai Ben Shlush, den ich in einem Einkaufszentrum in Akko treffe, erzählt über sein schon fünfzehn Jahre dauerndes ehrenamtliches Engagement, auch mit Fadi. Der jüdische Aktivist koordiniert den Einsatz von dreihundert Freiwilligen, die Lebensmittel an Senioren und Überlebende der Shoah verteilen, »vor dem Schabbat, am jüdischen Neujahrsfest, am Pessachfest und auch im Fastenmonat Ramadan. Fadi ist einer der Ehrenamtlichen. Von daher kenne ich ihn gut, und wir respektieren einander, denn bei dieser Art Aktivität spielt die politische Agenda keine Rolle; es geht nur darum, den Menschen in Akko zu helfen.« Im Gegensatz zu Fadi lobt Ben Shlush den Bürgermeister von der rechtsnationalen Likud-Partei und bemängelt, dass lokale arabische Würdenträger kein Wort darüber verlieren, wenn die arabischen Jugendlichen randalieren.
