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Jan Lohl untersucht die Entwicklung der Supervision in ihrem gesellschaftlichen und politischen Kontext. Deutlich wird, dass die Supervision in ihrer gegenwärtigen Gestalt eine längere und bewegte Geschichte hat, die mit den Nachwirkungen des Nationalsozialismus und der 68er-Bewegung ebenso zu tun hat wie mit der gesellschaftlichen Individualisierung und dem neoliberalen Wandel der Arbeitswelt. Empirische Grundlage bilden biographische Interviews mit älteren Supervisor*innen aus der Gründer*innengeneration der Disziplin. Ihre Erzählungen aus der gelebten Geschichte des Arbeitsfeldes vermitteln die Supervisionsentwicklung und ihre jeweiligen gesellschaftlichen Kontexte auf eine erfahrungsnahe Weise, was den besonderen Zugang dieser Studie ausmacht.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2019
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INTERDISZIPLINÄRE BERATUNGSFORSCHUNG
Herausgegeben vonStefan Busse, Rolf Haubl, Heidi Möller,Christiane Schiersmann
Band 15: Jan Lohl
»… und ging ins pralle Leben«
Jan Lohl
»… und gingins pralle Leben«
Facetten einer Sozialgeschichte der Supervision
Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl
Vandenhoeck & Ruprecht
Gefördert durch die Deutsche Gesellschaft fürSupervision und Coaching e.V. (DGSv).
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
© 2019, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen
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Umschlagabbildung: Elena Larina/shutterstock.com
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISSN 2197-0114
ISBN 978-3-647-99904-3
Für Jörg Fellermann
Geleitwort
1Einführung
1.1Themenstellung und Forschungsperspektive
1.2Forschungsstand
1.3Rahmentheorie: Kulturelles und kommunikatives Gedächtnis der Supervision
1.4Methodenfahrplan: Narrative Interviews, thematische Segmentierung, hermeneutische Rekonstruktion
1.5Beschreibung des Samples
2Facetten der Supervisionsgeschichte
2.1Überblick: Die Geschichte der Supervision im Spiegel der Interviews
2.2Nach Nationalsozialismus und Krieg. Die Konstitutionsphase
2.3Protestbewegung und Individualisierung: Die Aufbruchphase
2.3.1Supervision, Politik und Protest
2.3.2Individualisierung von Lebenslagen als Kontext der Supervisionsentwicklung
2.3.3In Ausbildung. Supervisionsausbildungen der 1970er Jahre als Thema der Interviews
2.3.3.1Der metaphorische Ort der Ausbildung
2.3.3.2Gruppendynamik
2.3.3.3Grenzverletzungen
2.3.3.4Autorität
2.3.3.5Drei Schlusspunkte
2.4Wichtig für die Supervisionsentwicklung, »blass« in den Interviews: die 1980er Jahre
2.4.1Die Gründung der DGSv
2.5Neoliberalismus und Re-Organisation der Erwerbsarbeit. Die Konsolidierungsphase
2.5.1Supervision und Organisation
2.5.2Supervision und Coaching
2.5.3Ökonomisierung und Vermarktlichung der Supervision
2.5.4Psychische Bedingungen des (Nicht-)Wandels der Beratungspraxis von älteren Supervisor*innen …
3Schlussbemerkungen
Literatur
Dank
Jan Lohl rekonstruiert in seinem Buch die Geschichte der Supervision zum einen als Geschichte ihrer Professionalisierung, zum anderen als Geschichte ihrer politischen Ansprüche.
In Anlehnung an die Forschungstradition der Oral History hat er qualitative Interviews mit Zeitzeugen aus der Gründungsgeneration geführt und ausgewertet. Er lässt sie ausführlich zu Wort kommen, wobei seine wertschätzende Interviewführung dafür sorgt, dass die Interviewten motiviert werden, sich bei ihrem Denkprozess, insbesondere dem Denken bislang nicht gedachter Gedanken, beobachten zu lassen.
Die DGSv hat das Projekt in Auftrag gegeben, um zentrale Fragen zu klären: Wer sind wir im Vergleich, aber auch in Konkurrenz zu welchen anderen? Mit welchen unserer Leistungsangebote werben wir auf dem Beratermarkt wie erfolgreich? Wie bereiten wir uns auf die Zukunft vor? Brauchen wir eine Wertbindung?
Historische Ereignisse lassen sich verschieden erzählen. Eine beliebte Erzählung ist die heroische Selbstbeschreibung. Jan Lohl erzählt dagegen die Geschichte der DGSv als eine Problemgeschichte, in der es um wiederkehrende strukturelle Probleme der Arbeitsgesellschaft geht, die immer wieder neue Lösungen verlangt.
Er erzählt sie mit gebotener Distanz, denn Erinnerungen und liebgewordene Überzeugungen verklären das Geschehen. Um dem zu entgehen, bemüht sich Jan Lohl um größtmögliche Transparenz seines Vorgehens: wie er zu seinen Daten kommt und wie er sie interpretiert.
Jan Lohl traut der DGSv zu, unter den Supervisor*innen und deren Kund*innen ein Bewusstsein für »gute Arbeit« zu schaffen – eine Erwerbsarbeit, die kreative Potenziale entfaltet und sie nicht einem rücksichtslosen Verwertungsinteresse unterwirft.
Er sieht die DGSv in der Pflicht, die Voraussetzungen und Folgen einer kapitalistischen Arbeitsgesellschaft kritisch zu reflektieren. Das heißt nun nicht, sich parteipolitisch zu positionieren, aber doch, sich für ein Beratungsformat zu engagieren, das sich weder in Honorarfragen noch in beratungstechnischen Fragen erschöpft.
Vielmehr geht es um eine wertrationale Fundierung der Supervision. Welche Werte das sind, darüber wird in der DGSv gestritten. Vor allem jüngere Supervisor*innen neigen zu einer pragmatischen Haltung, weil sie sich – zu Recht – keine Gesinnung vorschreiben lassen wollen.
Im Umfeld der 68er-Bewegung wurde Supervision zu einer Facette kritischer Sozialarbeit. Organisationen galten als institutionalisierte gesellschaftliche Zwänge, die das Individuum unterwerfen. Folglich hieß Supervision, das Individuum zu stärken. Erst später setzte sich die Haltung durch, dass Organisationen nicht nur verhindern, sondern auch ermöglichen, sodass es heute in Supervisionen um die konflikthafte Spannung zwischen Individuum und Organisation geht, was Supervisor*innen zu Vermittler*innen macht.
Dies ist eine anspruchsvolle Aufgabe, zu deren produktiver Bewältigung es der Fähigkeit und Bereitschaft bedarf, die eigene Rolle selbstkritisch zu reflektieren. Der DGSv ist es hoch anzurechnen, dass sie keine Eloge in Auftrag gegeben hat, sondern eine historische Standortbestimmung, die Grundsatzdebatten riskiert. Dem Buch ist zu wünschen, dass es nicht auf einem Regal verstaubt.
Rolf Haubl
Supervision in ihren gegenwärtigen Formen hat eine bewegte Geschichte, die sie in hohem Maße bis heute prägt. Sie ist dabei allerdings nicht einfach nur eine ältere Beratungsform, die sich im Laufe ihrer Geschichte entwickelt und professionalisiert hat. Gleichzeitig ist die Supervision immer jung, frisch und ungemein lebendig.
Jung ist Supervision, weil Supervisor*innen, vermittelt über die Arbeitssubjekte, die sie beraten, mit zeitgenössischen Veränderungen der Arbeitswelt konfrontiert sind. »[M]an kriegt ja«, sagt Helga O. im Interview mit mir, »einen Einblick durch die Supervision in die verschiedenen Arbeitsfelder und in den Druck, der da ist«. In Supervisionsprozessen spiegeln sich die Themen und die Dynamiken, die die Arbeitssubjekte, die Teams und Organisationen, die Arbeitswelt und mitunter die Gesellschaft insgesamt beschäftigen. Supervision ist also jung, weil Supervisor*innen am »Puls der Zeit« arbeiten. Damit aber sind spezifische Herausforderungen an Supervision verbunden. Denn die gesellschaftliche Entwicklung »stellt«, so erzählt Frau O. weiter, »die Supervision echt vor neue Aufgaben«. Sie deutet an, dass die Supervision und ihre Entwicklung eng mit gesellschaftlichen Veränderungen, insbesondere der Arbeitswelt, verzahnt sind. Die Geschichte der Supervision lässt sich daher nicht verstehen, wenn ausschließlich die Entwicklung von Supervisionsmethoden und -formen, der Wandel der sozialen Praxen der Supervision oder die Veränderung von Referenztheorien und -kulturen betrachtet werden. Will man die Geschichte der Supervision und ihre Entwicklung zu einer eigenständigen Beratungsform verstehen, so ist es notwendig, sich eher an dem Wandel der Arbeitswelt und der gesellschaftlichen Entwicklungen zu orientieren, als an der Entwicklung von Beratungsmethoden (Buchinger, 1999, S. 15).
Alt aber ist Supervision, weil sie in ihrer heutigen Gestalt einen langen Konstitutionsprozess hinter sich hat, der in (West-)Deutschland nach dem Nationalsozialismus beginnt. Über die Entwicklung der Arbeitswelt hinaus, das zeigen die Ergebnisse der vorliegenden Studie, sind gesamtgesellschaftliche Veränderungen, wie die Individualisierung gesellschaftlicher Lebenslagen und die damit verbundenen Veränderungen von Berufs- und Bildungsbiografien oder politische Prozesse wie die Demokratisierung der bundesdeutschen Gesellschaft nach dem Nationalsozialismus, von besonderer Bedeutung für die Entwicklung der Supervision. Die Veränderung der Supervision hängt mit dem gesellschaftlichen Wandel selbst zusammen: Supervision hat daher eine lange bewegte Geschichte, die jenseits der Geschichte der Gesellschaft, in der wir heute leben, nicht zu verstehen ist.
Dieses Buch basiert auf einer von der Deutschen Gesellschaft für Supervision und Coaching (DGSv) finanzierten und am Sigmund-Freud-Institut durchgeführten Studie, die die Geschichte der Supervision in der Bundesrepublik empirisch untersucht hat. Auf den folgenden Seiten werden zentrale Facetten dieser Geschichte sichtbar und der gesellschaftliche Kontext der Entwicklung der Supervision deutlich gemacht. Das Erkenntnisinteresse dieser Studie zielt somit auf eine Einsicht in das Verhältnis des Entwicklungsprozesses der Supervision zu den historischen Ereignissen und Veränderungen der deutschen Gesellschaft. Erhellt werden sollen Facetten einer Sozialgeschichte, aus der heraus sich vielleicht verstehen lässt, wie die Supervision zu dem wurde, was sie heute ist. Hintergrundannahme ist dabei, dass die Entwicklung der Supervision nicht nur mit sozialen, politischen und ökonomischen Veränderungen verwoben ist, sondern dass die Reflexion dieser Veränderung dort, wo sie eine arbeitsweltbezogene Mikro- und Mesoebene betreffen, den Kern der supervisorischen Praxis selbst bilden. Dies gilt jedenfalls dann, wenn Supervision verstanden wird als eine Form reflexiver Beratung in der Arbeitswelt: Einzelpersonen oder kleine Gruppen reflektieren Themen ihres alltäglichen beruflichen Handelns gemeinsam mit einem Supervisor oder einer Supervisorin und setzen Veränderungsprozesse in Gang.
Diesem Buch liegen dreißig Interviews mit älteren Supervisor*innen zugrunde. Ihnen wird in diesem Buch ausführlich Raum gegeben, da sich in ihren Berufsbiografien die Partizipation an der überpersönlichen Geschichte der Supervision spiegelt. Die Erzählungen der Supervisor*innen aus ihrer gelebten Geschichte der Supervision vermitteln die Supervisionsentwicklung und ihre jeweiligen gesellschaftlichen Kontexte auf eine erfahrungsnahe Weise, was den besonderen Zugang der vorliegenden Studie ausmacht.
Die Geschichte der Supervision ist nicht nur jung und alt zugleich, sondern durch einen bereits angedeuteten weiteren Aspekt charakterisiert: Supervision ist eine Methode, deren Ausübung an psychosoziale Kompetenzen und Fähigkeiten gebunden ist, über die Personen verfügen: Es gibt keine Supervision ohne Supervisor*innen. Dass die Supervision und ihre Geschichte immer an Subjekte gebunden ist, hat sich die vorliegende Studie zunutze gemacht: Ältere Supervisor*innen aus der Gründungsgeneration der Supervision in der Bundesrepublik wurden in narrativen Interviews gebeten, ihre je eigene Geschichte der Supervision zu erzählen. Dementsprechend lautet die bereits im Projektantrag an die DGSv formulierte Fragestellung der Studie folgendermaßen:
»Über eine nondirektive indirekte Interviewtechnik sollen diese und weitere Themenstellungen bearbeitet werden: Wie bildet sich die Entwicklung der Supervision in den Erzählungen, Erfahrungen und Erinnerungen von älteren Supervisor*innen ab? Wie sind Ausbildung und Berufsbiografie verlaufen? Aus welchen (psychischen, biografischen, gesellschaftlichen und politischen) Beweggründen haben sich die Interviewten der Supervision zugewandt? Welche Stellung haben diese Gründe in der Ausbildung gehabt und welche Bedeutung kommt ihnen während der Tätigkeit als Supervisor*in zu? Wie haben sich ökonomische, gesellschaftliche und politische Prozesse in dieser Tätigkeit abgebildet? Gibt es hierbei wiederkehrende Themen und Aspekte – möglicherweise mit historischem Schwerpunkt? Gibt es exemplarische Supervisionsprozesse, die den Befragten besonders in Erinnerung geblieben sind?«1
Die durchgeführte Studie schließt methodologisch an eine subjektorientierte Sozialgeschichtsforschung an (von Plato, 2000, 2004). Diese geht im Kern davon aus, dass es stets Subjekte sind, die in bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen handeln und damit »Geschichte machen«.2 Sie und ihre Erfahrungen sind elementarer Bestandteil historischer Prozesse, der von der Forschung nicht vernachlässigt werden darf. Selbst eine mit historischen Dokumenten arbeitende Forschung ist notwendig auf eine Subjektperspektive angewiesen. Werden doch auch die sachlichsten Dokumente von Menschen verfasst, die Interessen verfolgen und in von Machtverhältnissen geprägten sozialen Räumen (inter-)agieren.
Hinsichtlich einer Einschätzung der Erkenntnisse, die aus dieser Perspektive empirisch gewonnen werden können, ist Folgendes von Bedeutung: Eine Forschung, die Supervisor*innen als Zeitzeug*innen interviewt, geht es nicht primär und nicht ausschließlich um die Erhebung von präzisen »Erinnerungen an Ereignisse«, sondern um die Erhebung der »Verarbeitung früherer Erlebnisse und Erfahrungen« in der Gegenwart (von Plato, 2000, S. 8). Interviews sind von Forschenden geschaffene psychosoziale Situationen, in denen Interviewte die psychischen Niederschläge vergangener Erlebnisse und Ereignisse (in ihrem »Gedächtnis«) in der Interaktion mit einer*m Forscher*in zu einem historischen Narrativ verfertigen. So wird während der Forschungssituation ein wesentlicher Teil der Bearbeitung und Interpretation historischer Erlebnisse beobachtbar, durch die erst (eine) Vergangenheit entsteht. Bedeutsam dafür, dass dieser Verarbeitungsprozess bestmöglich erfahrbar wird, ist die Form, in der die Interviewpartner*innen erzählen. Idealtypisch sollen sie keine vorformulierte Erzählung von sich oder ein ausgearbeitetes Statement zu ihrer Geschichte der Supervision abgeben, sondern in der Interviewsituation diese Geschichte als sogenannte Stehgreiferzählung entwickeln (Küsters, 2009, S. 13).3
Transkripte gelungener (narrativ-biografischer) Interviews sind daher Texte, die die
»Ereignisverstrickung und die lebensgeschichtliche Erfahrungsaufschichtung des Biographieträgers so lückenlos reproduzieren, wie das im Rahmen systematischer sozialwissenschaftlicher Forschung überhaupt nur möglich ist. Nicht nur der ›äußerliche‹ Ereignisablauf, sondern auch die ›inneren‹ Reaktionen, die Erfahrungen des Biographieträgers mit den Ereignissen und ihre interpretative Verarbeitung in Deutungsmustern gelangen zu eingehenden Darstellung« (Schütze, 1983, S. 285 f.; Rosenthal, 1995, S. 17; Wohlrab-Sahr, 1999, S. 487).
Die in einem Interview formulierte Erzählung ist nicht nur individueller Natur, sondern dokumentiert politische, soziale und kulturelle Einflüsse und Umfelder: »Wir erinnern uns schon in einer Weise, die auf kollektive Sozialisationsinstanzen verweist, im Rahmen von Kollektiven, die Erinnerungen oder Wahrnehmungen aufnehmen, bestätigen oder ablehnen, und wir erzählen von Erlebnissen in Erzählformen, die ihrerseits Erinnerung strukturiert« (von Plato, 2000, S. 10). Narrative Interviews geben daher implizit und explizit Aufschluss über den gesellschaftlichen Kontext des Ereignisses, über das erzählt wird, und über historische Sozialisationsprozesse. Zudem wird durch die Auswertung narrativer Interviews potenziell erkennbar, wie ein vergangenes Erlebnis von den Akteuren unter den Bedingungen der Gegenwart wahrgenommen wird, welche kognitiven und emotionalen, aber auch welche sozialen und kulturellen Bedeutungen ihm gegenwärtig zukommen und wo Erinnerungsnormen wirken.
Die Geschichte der Supervision ist in mehreren Aufsätzen und einigen wenigen Büchern thematisiert worden. Es finden sich erstens in Aufsatzoder Kapitelform kleinere Beiträge, die diese explizit untersuchen, darstellen oder ausgewählte Aspekte darlegen (Belardi, 1992; Gröning, 2013, S. 31–50; Kadushin, 1976/1990; Möller, 2012, S. 17–38; Petzold, Schigl, Fischer u. Höfner, 2003, S. 97–100; Schibli u. Supersaxo, 2009, S. 13–35; Schwarzwälder, 1976/1990; Weigand, 1990, 2012). Zweitens finden sich Publikationen über die Geschichte der Sozialen Arbeit, in denen die Supervision mitbehandelt wird (Müller, 2006). Drittens finden sich einige wenige umfangreichere Publikationen zur Geschichte der Supervision (Belardi, 1992; Ringshausen-Krüger, 1977; Gaertner, 1999; Steinhardt, 2005; ein Heft der Zeitschrift »Supervision« [1990] und ein Heft der Zeitschrift »Forum Supervision« [2011]).
In vielen Fällen entwerfen diese Texte Phasenmodelle der Supervision, die ich teilweise in Abschnitt 2 aufgreife und daher hier lediglich stichpunktartig nenne (vgl. im Folgenden; Lohl, 2018): Genannt werden eine Vorgeschichte und Frühformen der Supervision, die im Kontext der sozialen Folgen der industriellen Revolution in der US-amerikanischen Gesellschaft entstehen. Markiert wird vor allem eine Pionierphase nach 1945, in der Supervision aus der US-amerikanischen Sozialarbeit in die junge und sich konstituierende bundesrepublikanische Gesellschaft gelangt. Ab etwa Mitte der 1960er-Jahre wird von einer Phase der Expansion und Systematisierung der Supervision gesprochen, in der Supervision sich sukzessive von der Sozialarbeit emanzipiert und zu einer eigenständigen Beratungsform entwickelt. Nachdem in dieser Phase erste eigenständige Supervisionsausbildungen entstehen, professionalisiert sich die Supervision Ende der 1970er und in den 1980er-Jahren. Ausbildungsgänge und Fortbildungen werden spezifischer, Fachkongresse finden statt, Fachzeitschriften entstehen und 1989 wird mit der Deutschen Gesellschaft für Supervision ein Berufs- und Fachverband gegründet. Ab 1990 konsolidiert und differenziert sich die Supervision und der Supervisionsmarkt im Zuge des postfordistischen und neoliberalen Wandels der Arbeitswelt aus; Supervision expandiert und bekommt mit dem entstehenden Coaching Konkurrenz.
Hinsichtlich des Forschungsstandes ist – über die unmittelbaren Einsichten in die Geschichte der Supervision hinaus – für die durchgeführte Studie bedeutsam, wie diese Geschichte bislang untersucht wurde (vgl. Lohl, 2018, S. 99 ff.). Dies lässt sich in vier Punkten zusammenfassen:
1. Die vorliegenden Arbeiten zur Geschichte der Supervision sind begriffs-, methoden- und theoriegeschichtliche Literaturstudien.
Abgesehen von einem Heft der Zeitschrift »Forum Supervision« (2011) zur »gelebten Geschichte der Supervision« und der Arbeit von Ringshausen-Krüger (1977) liegen keine empirischen Arbeiten zur Geschichte der Supervision vor. Die bereits erwähnten Publikationen kommen weitgehend auf der Basis von Literaturstudien zu ihren Ergebnissen. Diese Studien lassen sich als Arbeiten verstehen, die die begriffliche, theoretische und methodische Entwicklung der Supervision untersuchen.
2. Die Entwicklung der Supervision wird in den vorliegenden Arbeiten zur Geschichte der Supervision aus einer Binnenperspektive heraus historisch kontextualisiert.
Die Entwicklung der Supervision wird in den vorliegenden Arbeiten bislang nicht durchgängig und nicht systematisch historisch und gesellschaftlich kontextualisiert. Dort, wo eine Kontextualisierung vorgenommen wird, geschieht dies schwerpunktmäßig mit Blick auf die Nachwirkungen des Nationalsozialismus und die »Studentenbewegung«. Geleistet wird der Brückenschlag von der Entwicklung der Supervision zu ihrem historischen Kontext aus der Perspektive der jeweiligen Verfasser*innen. Welche Themen und welche gesellschaftlichen Prozesse auf diese Weise in den Blick genommen werden, hängt ab von dem (inkorporierten) historischen Wissen der Autor*innen, von ihren historischen Interessen sowie von ihren normativen und politischen Wertsetzungen.
Hinzu kommt, dass nahezu alle Autor*innen der vorliegenden Publikationen zur Geschichte der Supervision langjährige Supervisor*innen sind. Die Untersuchung der Geschichte der Supervision findet als Binnengeschichtsschreibung durch die Profession selbst statt.
3. Die Geschichte der Supervision wird aus einer sozialen Machtposition erzählt.
Die vorliegenden Publikationen sind mehrheitlich verfasst von in der »Supervisionsszene« mehr oder weniger bekannten Supervisor*innen, die a) in der Aus- und Fortbildung von Supervisoren tätig sind und/oder Ausbildungen und Ausbildungsinstitutionen geleitet haben und die b) Zugang zu der Möglichkeit haben, über Bücher, Texte und Vorträge ihre Version der Geschichte zu veröffentlichen oder die c) Berufspolitik gemacht haben. Die Geschichte der Supervision wird von sogenannten Wissensbevollmächtigen, das heißt von den Trägern eines kulturellen Gedächtnisses der Supervision verfertigt (vgl. zum Begriff Abschnitt 1.3). Sie sprechen aus mit institutioneller Macht ausgestatteten sozialen Positionen heraus. Supervisor*innen, die eine solche Position nicht innehaben, aber Supervision als soziale Praxis (ebenfalls) alltäglich ausüben, sind an der Verfertigung einer Geschichte der Supervision bislang nicht beteiligt. Ihre Perspektive kommt in dieser Geschichte nur am Rande vor4 und wird vereinzelt entwertet.5 In den vorliegenden Publikationen zur Geschichte der Supervision werden Masternarrative6 der Supervisionsgeschichte geschaffen, für die die gelebte Alltagsgeschichte der Supervisor*innen bislang kaum eine Bedeutung hat.
4. In den vorliegenden Arbeiten zur Geschichte der Supervision überlagert sich ein Interesse an der Bildung einer professionellen Identität mit einem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse.
Die genannten Publikationen sind von einer Frage nach dem Ursprung und der Herkunft der Supervision begleitet oder motiviert. Neben einem geschichtlichen Interesse, das sich auf den Prozess der Entwicklung der Supervision richtet (Wie und in welchem Kontext hat sich Supervision entwickelt?), gibt es ein auf die Entwicklung professioneller Identität zielendes Interesse am Ursprung und der Herkunft von Supervision (Wo kommen wir Supervisor*innen, wo kommt unsere Profession Supervision her? Wer sind wir?). Hier finden sich unterschiedliche Perspektiven, die zum Beispiel entweder die Bedeutung der »psychoanalytischen Vorgeschichte« der Supervision (Gaertner, 1999) oder die des »Ursprungslandes Soziale Arbeit« (Weigand, 2012) betonen. Beide Perspektiven sind von einem defensiven Unterton begleitet und haben den Charakter eines Rechtfertigungsnarrativs. Dass Geschichte gerade dann, wenn sie als Binnengeschichte geschrieben wird, immer der Konstitution von Identität aus gegenwärtigen Interessen heraus dient, ist bislang in den Arbeiten zur Geschichte der Supervision nicht ausführlich und kaum explizit reflektiert.
Bemerkenswert ist gerade in diesem Zusammenhang Folgendes: In nahezu jedem Text zur Geschichte der Supervision wird davon gesprochen, dass die Geschichte der Supervision nicht angemessen rezipiert, aufgearbeitet oder verdrängt wurde. Bemerkenswert ist dies deshalb, weil es ab 1990 durchaus regelmäßig kleinere und größere Publikationen zu diesem Thema gab. Welche Funktion hat also der eigentlich falsche Hinweis, die Geschichte der Supervision sei wenig thematisiert, verdrängt und vergessen? Der Eindruck, den diese Formulierung bei mir hinterlassen hat, ist, dass sie die Leser*innen darauf hinweist, in dem jeweils vorliegenden Text werde endlich »richtig« über die »wahre« Geschichte der Supervision geredet – so als ob endlich ein Tabu gebrochen worden sei. Möglicherweise wird hier – überspitzt formuliert – ganz im Gegenteil ein Tabu errichtet, das verbietet, anders als in der jeweils von dem*r Autor*in vorgeschlagenen Perspektive über die Geschichte der Supervision zu sprechen. Nicht anders als bei der Konstitution jeder sinn- und identitätsstiftenden Geschichte, ist auch die Geschichte der Supervision ein mehr oder weniger umkämpftes Terrain, auf dem Geschichtspolitik betrieben, Identität gestiftet und um Hegemonie gerungen wird.
Die Idee, dass die Geschichte der Supervision wie in dem Speicher eines Computers bereitliegt und vom Forscher lediglich ans Tageslicht geholt werden muss, ist falsch. Sicherlich sind vergangene Ereignisse »Tatsachenwahrheiten« im Sinne von Hanna Arendt (1967/2006, S. 13) und als solche unveränderbar. Sie sind aber nicht identisch mit der Geschichte, die von ihnen erzählt. Zwischen Ereignis und Erzählung findet eine Transformation statt, bei der Vergangenheit interpretiert und so erst Geschichte und Geschichten geformt werden. Diese Transformation unterliegt den politischen Interessen und sozialen Einflüssen der Gegenwart. Es sind die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen, die das Erinnern regulieren und beeinflussen, wie mit Tatsachenwahrheiten umgegangen und wie Geschichte erzählt wird. Wo aber wird Geschichte eigentlich erzählt? Und: Wer ist Autor*in des erwähnten Transformationsprozesses?
Diese Fragen zielen auf die Unterscheidung eines kulturellen von einem kommunikativen Gedächtnis, die auf den Gedächtnistheoretiker Jan Assmann zurückgeht. Im kulturellen Gedächtnis gerinnt Vergangenheit »zu symbolischen Figuren, an die sich die Erinnerung heftet. Die Vätergeschichten, Exodus, Wüstenwanderung, Landnahme, Exil sind etwa solche Erinnerungsfiguren« (Assmann, 1997, S. 52 f.). Diese Erinnerungsfiguren werden in Büchern und Bildern, aber auch in Form von Architektur und Denkmälern festgehalten. Gestaltet werden sie von einer wissenssoziologischen Elite: »Dazu gehören die […] Lehrer, Künstler, Schreiber, Gelehrten, Mandarine und wie die Wissensbevollmächtigten alle heißen mögen. Der Außeralltäglichkeit des Sinns, der im kulturellen Gedächtnis bewahrt wird, korrespondiert eine gewisse Alltagsenthobenheit und Alltagsentpflichtung seiner spezialisierten Träger« (S. 54, Hervorh. JL). Hinsichtlich der Frage, wie die Sozialgeschichte der Supervision repräsentiert ist, lässt sich so zum Beispiel auf die in dem Abschnitt zum Forschungsstand genannten Publikationen hinweisen, die den Kernbestandteil des kulturellen Gedächtnisses der Supervision ausmachen.
Träger eines kulturellen Gedächtnisses der Supervision sind nicht nur Bücher, sondern Wissensbevollmächtigte wie z. B. der Mitherausgeber einer Fachzeitschrift. Er denkt während des Interviews mit mir laut über die gesellschaftliche Bedeutung der Supervision nach: Professionsauftrag der Supervision ist in seinen Augen »den sozialen Ausgleich zu unterstützen. Soziale Konflikte haben ja immer historische Grundlagen, und wenn jemand da aus dem System rausfällt, dann ist das nicht nur die Schuld des Einzelnen, sondern zwangsläufig hat man es da mit gesellschaftlichen Systemen zu tun. Und an kleinem Detail nicht nur für den Einzelnen, sondern damit auch für das Ganze, also den gesellschaftlichen Frieden zu wirken, das ist Professionsauftrag«. »Supervisor*innen des Alltags« (vgl. zum Begriff im Folgenden), die keine Fachzeitschrift herausgeben, reflektieren in den Interviews die Idee eines Professionsauftrags viel weniger, in den meisten Fällen gar nicht. Diese Differenz hängt mit den sozialen Positionen zusammen, von denen aus die Wissensbevollmächtigen – der Herausgeber – und die Supervisor*innen des Alltags – der freiberufliche Supervisor – jeweils sprechen. Der Herausgeber spricht anders über Supervision als der Freiberufler, der im Interview seine Existenzsicherung in den Vordergrund stellt: »Ich muss verdienen, weil das Haus war noch nicht abbezahlt, die Kinder waren noch in Ausbildung und so. Das hat mich auch beeinflusst, dass ich, glaub ich, manchmal, […] in supervisorischen Begegnungen etwas weichgespült daherkam, weil ich im Hinterkopf hatte, den Prozess jetzt zu verlieren, wär jetzt grad nicht so günstig«. Diese Sorgen hat der Herausgeber einer Fachzeitschrift zweifellos auch, aber die Art und Weise, wie er über Supervision spricht, richtet sich an einem anderen Orientierungsrahmen aus: Supervision wird von ihm mit gesellschaftlichen Zentralwerten verbunden (sozialer Ausgleich, Integration, gesellschaftlicher Frieden) und aus einer »Vogelperspektive« als Profession verstanden, was vor allem von seiner Position als Träger des kulturellen Gedächtnisses der Supervision abhängt. Der Freiberufler hingegen spricht aus einer »Froschperspektive« von der Supervision als einem gewöhnlichen Beruf, der im Alltag seine Existenz sichert. Beide Perspektiven sind für die Supervision und ihre Entwicklung gesellschaftlich bedeutsam, markieren aber das Spannungsfeld, in dem sich die vorliegende Studie bewegt hat: Supervisor*innen, die von einer Alltagsposition ihre Geschichte der Supervision erzählen, orientieren sich an anderen Kriterien und Werten, als die Träger des kulturellen Gedächtnisses.
