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Irena und Stefan und ihre Kinder Anton und Moritz sind gerade aus ihrem Wochenendurlaub zurück. Heute steht die jährliche Leistungsprüfung für die Hundeführer an. Doch aus dieser wird schon bald ein sehr ernster Einsatz, als Irenas Hündin Jelly einen Toten findet. Zuerst ist sogar unklar, wer der Tote ist. Aber selbst nachdem sie das herausgefunden haben, bleibt der Fall lange Zeit verworren. Keine Spuren, kein Motiv. Einfach nichts. Langsam macht sich unter den Polizisten Verzweiflung breit. Doch dann finden sie etwas sehr merkwürdiges. Und das bringt den Fall endlich ins Rollen. Die 162 Seiten des E-Books entsprechen 310 Seiten eines Taschenbuches im Format 19x12
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Veröffentlichungsjahr: 2025
… und Mord ist das dummieste
Irena und Stefan
Band 7
Die Reihe „Irena und Stefan“
Irena Schneider und Stefan Bergmann sind Polizisten bei der Kriminalpolizei der Stadt. Mit ihrem kleinen Team, zu dem noch Silke Werner und Daniel Ostmann gehören, verfolgen sie Verbrecher und klären deren Verbrechen auf. Dabei haben sie sich auch kennen und lieben gelernt.
Ihre Kinder Anton und Moritz, beste Freunde und jetzt auch beste Brüder, sind mit dieser Entwicklung mehr als zufrieden.
Freuen Sie sich auf mehr Bücher aus der Reihe.
Band 1: …und Schuld bist du
Band 2: …hier habe ich das Sagen
Band 3:…wir haben es nicht vergessen
Band 4:…jetzt sollt auch ihr es spüren
Band 5:…wenn zwei und eins gleich 2 ist
Band 6:… nur tot seid ihr auch gut
Alle Bücher sind in sich abgeschlossen und lassen sich unabhängig voneinander lesen. Mehr Spaß macht es aber, wenn Sie die Reihenfolge beachten. Mehr dazu am Ende des Buches
Vor Ihnen liegt nun
Band 7:… und Mord ist das dummieste
Das Buch
Irena und Stefan und ihre Kinder Anton und Moritz sind gerade aus ihrem Wochenendurlaub zurück. Heute steht die jährliche Leistungsprüfung für die Hundeführer an. Doch aus dieser wird schon bald ein sehr ernster Einsatz, als Irenas Hündin Jelly einen Toten findet.
Zuerst ist sogar unklar, wer der Tote ist. Aber selbst nachdem sie das herausgefunden haben, bleibt der Fall lange Zeit verworren. Keine Spuren, kein Motiv. Einfach nichts. Langsam macht sich unter den Polizisten Verzweiflung breit. Doch dann kommt ein Verdacht auf, der sich schon bald bestätigen soll. Aber wer hat den Mann umgebracht?
Das darf doch nicht wahr sein. Dieser blöde Anwalt. Ich werde mir wohl einen anderen suchen müssen. Egal, wie lange er uns schon betreut. Aber was maßt er sich an? Mit welchem Recht macht er mir Vorschriften, wem ich mein Geld einmal vermache? Das ist doch ganz alleine meine Angelegenheit. Und ich habe nun einmal beschlossen, dass er es bekommen soll!
Irena saß am Frühstückstisch und sah aus dem Fenster. Sie wartete darauf, dass Stefan und die Kinder zurück kamen. Die drei waren heute Morgen schon ganz zeitig – noch vor dem Frühstück – aus dem Haus gegangen und hatten ihr nicht verraten, wo sie hin wollten. Na gut, da hatte sie Zeit, noch einmal an den kurzen Urlaub zurück zu denken, den sie gerade mit den Jungs im Safari-Park verbracht hatten. Anton und Moritz hatten am Wochenende Geburtstag gehabt. Sieben Jahre waren sie inzwischen. Sie wollte es gar nicht glauben. Gerade noch war Anton so klein gewesen, da hatte er in ihre Armbeuge gepasst. Und jetzt. Wieder ein Geburtstag. Ihr Anton am Freitag und Stefans Sohn Moritz am Samstag. Und da die Geburtstagskinder sich schon lange einen Zoobesuch gewünscht hatten – und Zeit mit den Eltern ja sowieso – waren sie also in den Safari-Park gefahren. Die Freude war riesengroß, als die Jungs endlich gemerkt hatten, wo es hinging. Vergessen der ganze Frust der letzten Tage, als Mama und Papa das Reiseziel nicht verraten wollten. Mama und Papa – ja das waren sie nun schon eine ganze Weile für die beiden. Und so fühlten sie auch selber. Sie, die geschiedene Mutter und Kriminaloberkommissarin Irena Schneider genauso wie der verwitwete Vater und Kriminaloberkommissar Stefan Bergmann.
Jetzt waren die Wunsch-Zwillinge also schon sieben. Richtig groß. Und natürlich bekamen die Eltern das auch immer wieder mal zu hören, wenn es gerade passte. Und so stolz, wie sie einerseits darauf war, dass sie schon so große und vor allem vernünftige Kinder hatte – es war auch eine ganze Portion Wehmut dabei.
Aber jetzt wurde es nun wirklich langsam Zeit, dass ihre drei Männer zurück kamen. Sie hatten ja heute noch frei. Aber sie wussten doch auch, dass Irena heute pünktlich aus dem Haus musste. Auch ohne dass es einen neuen Fall gab. Heute Vormittag würde der Lehrgang für die Hundeführer beginnen, der dieses Mal von ihrer Dienststelle hier in der Stadt ausgerichtet wurde.
Irena war eine der besten, wenn nicht sogar der beste Hundeführer innerhalb des Bundeslandes. Und auch landesweit konnte sie durchaus immer bei den ersten zehn mitmischen. Aber dafür war natürlich auch viel gemeinsames Training notwendig. Nur gut, dass sich Jelly, ihre reinrassige Beagle- und ausgebildete Maintrailerhündin, immer freute, wenn es an die Arbeit ging.
Jetzt hörte Irena die Eingangstür gehen. Na endlich. Stefan hatte ja heute noch frei. Er konnte sich Zeit nehmen. Aber es sah ihm so gar nicht ähnlich, darüber zu vergessen, dass sie das eben nicht konnte. Gespannt, was die drei nun ausgeheckt hatten, sah sie zur Küchentür. Die Jungs hatten sich ja einen regelrechten Spaß daraus gemacht, dass jetzt mal sie mehr wussten als die Mama.
Ganz langsam öffnete sich die Tür. Wirklich ganz langsam. Fast schon wie in Zeitlupe. Dann sah sie erst einen großen Blumenstrauß. Lauter rote Rosen. Dem folgte ein etwas kleinerer aus vielen bunten Sommerblumen. Zusammen mit ihnen traten Stefan und Moritz in die Küche. Nur Anton kam ohne Blumen herein, dafür aber mit vielleicht noch strahlenderen Augen als Moritz, welcher wiederum ein wenig ängstlich blickte. Jetzt nahm er Stefans Hand.
„Du Papa, fang mal du an. Ich glaube, ich bringe kein Wort heraus. Mir hat es echt die Sprache verschlagen. Außerdem ist das ja auch deine Aufgabe.“
„Also dafür hast du ganz schön viel gesagt. Aber lass mal, Papa kann anfangen. Oder soll ich meine Mama für euch fragen.“
„Na lass mal, Anton. Das schaffe ich schon alleine. Auch wenn mir Moritz nicht hilft.“
„He Papa, so ist das ja nun auch wieder nicht. Aber ich denke wirklich, dass das deine Aufgabe ist.“
Inzwischen war Stefan an Irena heran getreten. Beinahe sah es aus, als ob er vor ihr auf die Knie fallen würde. Dann aber fasste er Moritz an der Hand und sah Irena in die Augen.
„Eigentlich wollte ich ja einen etwas feierlicheren Rahmen schaffen. Und einen schönen Ring solltest du auch bekommen. Aber nachdem ich am Wochenende mit unseren Kindern gesprochen habe, lassen die beiden mir keine Ruhe mehr. Und eigentlich ist es ja auch egal.
Irena, willst du uns – Moritz und mich – heiraten?“
Stefan hatte noch nicht richtig zu Ende gesprochen, da musste Moritz laut lachen.
„Aber Papa. Heiraten kann die Irena doch bloß dich. Aber weißt du was, Mama. Ich will dich auch was fragen. Deshalb habe ich nämlich auch einen Blumenstrauß. Den bekommst du aber erst, wenn du ja gesagt hast. Willst du meine richtige Mama werden? Wenn du den Papa heiratest, dann bekommst du mich nämlich kostenlos dazu. Mit Papa und Anton – das haben wir schon geklärt. Der Papa nimmt den Anton als Sohn.“
Irena kam gar nicht dazu, auf Stefans Frage zu antworten. Jetzt redete auch Anton noch aufgeregt dazwischen.
„Genau. Der Stefan ist ein viel besserer Papa als der Ingo, auch wenn der sich ja jetzt auch ein bisschen mehr Mühe gibt. Aber Mama, nun sag doch endlich mal was. Oder willst du etwa nicht? Du weinst ja.“
Inzwischen liefen bei Irena tatsächlich die Tränen. Anton und Moritz sahen sie ganz ängstlich an. Sollten sie ihre Mama etwa verärgert haben. Nicht, dass sie jetzt gar nicht mehr bei Stefan und Moritz bleiben wollte. Dann müsste Anton mit ausziehen und könnte nicht mehr Moritz´ Bruder sein.
„Bilde dir bloß nicht ein, dass ich hier wieder ausziehe, Mama.“
Und auch Stefan war inzwischen gar nicht mehr so richtig wohl in seiner Haut.
Da musste Irena dann doch unter den Tränen lachen.
„Ach ihr drei. Natürlich will ich. Ihr seid ja zwar schon meine Familie. Aber das so richtig amtlich zu machen. Ja, ja das will ich.“
Jetzt waren die Kinder nicht mehr zu halten. Laut jubelnd liefen sie durch die Wohnung. Dann hielten sie plötzlich beide an, so als ob sie im gleichen Moment den gleichen Gedanken gehabt hätten. Und das war wahrscheinlich auch so.
„Wir müssen gleich zu Oma Heike und Opa Frank. Sie müssen das auch erfahren.“
Und schon waren Irena und Stefan alleine.
„Schade, dass ich jetzt nicht ein bisschen mehr Zeit habe. Dann könnten wir das so richtig feiern. Aber ich glaube, Jelly wartet schon auf mich. Ich muss zum Lehrgang. Und eigentlich habe ich mich auf den ja auch gefreut. Die Feier, die holen wir am Wochenende natürlich nach. Heike wird deine Geschwister schon informieren.“
Irena bedauerte es trotz allem wirklich, jetzt nicht ein wenig mehr Zeit zu haben, die sie vielleicht auch mit Stefan allein verbringen konnte. Und so richtig romantisch war der Heiratsantrag ja nun wirklich nicht gewesen. Aber darauf legte sie eigentlich auch keinen Wert. Wenn sie daran zurückdachte, wie es das erste Mal war. So richtig mit Kerzenschein und Kniefall und allem drum herum – und dann war es ja doch schief gegangen. Und auf seine Art, ja da war dieser Antrag heute auch viel schöner gewesen. Mit der Aufregung ihrer Söhne. Und nicht zu vergessen – mit Stefans Aufregung, die wahrscheinlich noch größer als die der Kinder gewesen war.
Jetzt musste sie sich aber wirklich auf die heutigen Aufgaben konzentrieren. Fertig angezogen war sie ja schon. Schnell griff Irena nach der Hundeleine und dem Belohnungsspielzeug und dann ging sie in den Garten. Dort hatte Stefan im letzten Sommer, noch bevor sie hier mit Anton eingezogen war, einen großen Hundezwinger mit noch größeren Auslauf für Jelly bauen lassen. Kein Tierschützer hätte hier etwas auszusetzen gehabt. War das alles wirklich schon wieder fast ein Jahr her? Oder eher erst ein Jahr? Nach den Sommerferien fing für die Jungs auch schon die zweite Schulklasse an.
Als Irena nun zum Zwinger kam, hatte Jelly sie schon gehört. Aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd stand sie am Tor und wartete auf ihre Irena. Wenn sie selber schon so am früher Morgen zu ihr kam, dann stand etwas ganz besonderes an. Das wusste sie ganz genau. Sonst kam immer der Frank. Mit ihm ging sie früh eine große Runde durch die Stadt. Das machte sie gerne, hauptsächlich natürlich, damit er sich bewegte. Jelly ging dann ganz brav. Austoben konnte sie sich hier in ihrem tollen zu Hause. Und dann, wenn ihre Irena einmal in der Woche mit ihr zum Übungsplatz an der alten Werkshalle ging. Aber war es denn schon wieder soweit? Vielleicht wollten sie ja den ausgefallenen Samstag nachholen.
Brav ließ sich Jelly an die Leine nehmen. Sie hätte das ja gar nicht gebraucht. Sie würde nie, wirklich nie von Irenas Seite weichen, wenn es nicht unbedingt erforderlich wäre oder sie arbeiten musste. Dazu war sie doch schließlich viel zu gut erzogen! Aber Irena hatte ihr erklärt, dass das Gesetz – was immer das auch war – es so erforderte. Also musste es wohl so sein.
Um in den geöffneten Kofferraum von Irenas Auto zu springen, brauchte es auch keine gesonderte Aufforderung. Jelly hatte auch schon gesehen, dass ihre Irena die Tasche mit den roten Bällen und ihrem geliebten blauen Plüschhasen dabei hatte. Also sollte sie heute arbeiten. Das war doch gleich nochmal ein besonders freudiges Schwanzwedeln wert.
Irena hielt erst einmal auf der Dienststelle an. Musste das denn jetzt wirklich sein? Aber sie wollte wahrscheinlich schnell hören, ob es übers Wochenende etwas Besonderes gegeben hatte.
Am liebsten hätte Irena ja mit den anderen – mit Silke, Daniel und ihrem Chef Peter – über den Heiratsantrag gesprochen. Aber damit wollte sie dann warten, bis Stefan dabei war. Sie ließ Jelly aus dem Auto und ging mit ihr zusammen ins Gebäude.
„He Irena, du strahlst ja richtig. War euer Urlaub so toll?“
Silke sah sie neugierig an. Sah man es ihr wirklich an, dass sie heute noch einmal viel glücklicher war als sowieso schon?
„Wenn die paar Tage so wirken, mache ich das demnächst auch mal. Da fahre ich mit meinem Rene mal übers Wochenende fort. Wäre überhaupt mal eine gute Idee. Hätten wir mal ein paar Tage für uns. Denn das Mia noch mit uns mitkommen will, dass glaube ich doch kaum.“
Irena war froh, dass Silke nicht weiter nachfragte. Sie hatte nicht gedacht, dass man ihr die Freude so ansah. Und dementsprechend hätte sie so schnell gar nicht gewusst, was sie ihr antworten sollte.
„Dann suche dir aber was aus, wozu sie überhaupt keine Lust hat. Heike hat mir vorige Woche erzählt, dass sie das mit Frank auch mal machen wollten. Und dann hatten sie sich als Reiseziel ausgerechnet Paris ausgesucht. Die Rechnung hatten sie dann nicht mit ihren Kindern gemacht. Disneyland zog sie unweigerlich mit in den Urlaub, den sie sonst wohl auch schon abgelehnt hätten.“
„Okay, dann wohl eher Venedig. Aber für einen Kurzurlaub ist das alles doch zu weit. Wir haben auch hier in Deutschland schöne Ecken.“
„Das unterschreibe ich dir sofort.
Aber Themenwechsel. Gab es etwas Besonderes übers Wochenende? Ich muss zwar gleich zum Lehrgang. Und den könnte ich auch dann nicht schwänzen, wenn es hier einen neuen Fall gäbe. Aber auf dem laufenden wäre ich schon gerne.“
„Nichts, was deine oder eure Anwesenheit dringend erfordert. Eine paar kleine Schlägereien am Samstagabend in und vor der Disco. Dazu ein paar Besoffene, die im Stadtpark aufgelesen werden mussten. Aber das ist ja schon nichts Besonderes mehr. Am Freitag hat der Kaufhausdetektiv bei MediaMarkt einen Dieb gestellt. Der wollte doch tatsächlich mit einem Fernseher den Laden verlassen, ohne zu bezahlen. Dachte, wenn er sich in Arbeitssachen kleidet, denken die alle, er würde das Gerät für einen Kunden ausliefern. Aber das dachte wohl nur er. Und zwar falsch. Ansonsten war es ruhig. Ich hatte ja Wochenenddienst und habe es geschafft, mal ein paar Berichte abzuschließen. Jetzt ist die Staatsanwaltschaft dran mit arbeiten.“
„Dann können wir uns ja ins Vergnügen stürzen.“
Mal sehen, was sich Hanka Meiner, die Leiterin der zivilen Rettungshundestaffel, welche sie engagiert hatten, für den Lehrgang heute so ausgedacht hatte. Sicher war es wieder etwas ganz Besonderes, das sowohl die Hundeführer als auch die Hunde selbst an ihre Grenzen führen würde. Aber das war ja auch Sinn und Zweck eines solchen Lehrgangs. Und Irena freute sich fast – aber wirklich nur fast – genauso sehr wie Jelly darauf.
Die Person sah sich vorsichtig um. Keiner war zu sehen. Schnell liefen sie zum Auto. Nur aufpassen, dass diese Frau, die gestern die Dummies verteilt hatte, nicht eher kam als vorgesehen. Dann würden sie doch noch erwischt werden. Aber er hatte das verdient, was gleich passieren sollte. Da war sich die Person ganz sicher. Und auch die anderen würden der Person recht geben. Also zum Auto und dann…
Der Rest verlief reibungslos. Jetzt erst einmal Rückzug. Da vorn, in der Gartenbausiedlung konnte man parken, ohne sofort aufzufallen. Genauso wie gestern Abend an der Tankstelle. Schließlich war es möglich, dass die Person tanken wollte. Und weil das nicht ging, hatte sie sich erst einmal am Smartphone schlau machen müssen, wo die nächste Tanke war. Das erklärte doch, warum die Person eine ganze Weile mit ihrem Fahrzeug dort gestanden hatte. Oder nicht? Ach was, jetzt nicht darüber nachdenken. Ganz gewiss hatte auch niemand auf das Fahrzeug geachtet. War ja schließlich ein alltäglicher Anblick an so einer Stelle.
Von dem Platz aus der Siedlung heraus beobachtete die Person den Übungsplatz. Jetzt kam diese Meinert. Aber sie ging direkt auf die Halle zu. Den Fahrzeugen auf dem Feld gewährte sie nur einen Blick aus der Ferne. So war das nicht geplant. Sie sollte doch sofort dorthin gehen. Die Person wollte sehen wie dieser Gauner gefunden wurde. Aber so lange konnte sie dann doch nicht hier warten. Die Person fuhr langsam weiter. Nur noch schnell den Kofferraum leeren.
An der alten Werkshalle hatten sich schon die meisten der teilnehmenden Hundeführer eingefunden. Man kannte sich inzwischen und begrüßte sich dementsprechend herzlich. Auch die Hunde mussten sich gegenseitig beschnuppern um dann festzustellen, dass niemand neues dabei war.
Hanka Meiner hatte alles vorbereitet und bat jetzt die Teilnehmer in den Schulungsraum. Dort sollten sie heute noch ihre theoretischen Kenntnisse auffrischen. Und sich natürlich auch über Neuigkeiten austauschen. Aber vorher ging es auf den Übungsparcours.
„Ich habe heute, mit Genehmigung des Besitzers, das anliegende Feld in die Übungsfläche mit einbeziehen können. Es gibt verschiedene Ziele, genau wie ihr ja auch verschieden ausgebildete Hunde habt.
Also folgendes Szenario: eine Gruppe Drogendealer hat das Gelände zu ihrem Domizil erklärt. Man hat an verschiedenen Stellen insgesamt zehn Pakete Drogen versteckt. Ihr habt genau zehn ausgebildete Drogenhunde. Müsste also für jeden eins zu finden sein, wenn ich nicht total falsch rechne. Die sind auch so verteilt, dass nicht ein Hund alle Päckchen alleine finden sollte.“
Dabei sah sie ganz unauffällig von der Seite Jelly an. Obwohl Jelly nicht auf Drogen ausgebildet war, hatte sie solche bei Übungen schon gefunden.
„Außerdem will die Gruppe das Gelände natürlich entsprechend sichern und hat deshalb Sprengstoff versteckt. Fernando, das ist dann deine Aufgabe.“
Fernando Klein war der einzige Anwesende, der einen ausgebildeten Sprengstoffsuchhund hatte. Brutos.
„Aber natürlich habe ich auch Aufgaben für Irena Schneider und Joachim Pingel mit ihren Hunden Jelly und Balou. Die Gruppe ist nämlich noch nicht dazu gekommen, die Sprengstofffallen zu verteilen. Es haben sich zwei Personen, ich denke es waren neugierige Journalisten, auf das Gelände geschlichen.“
Die Äußerung über die Zeitungsschreiber sorgte erst einmal für allgemeine Heiterkeit. Hatte man im Alltag oftmals nichts als Ärger mit denen, konnte man heute drüber lachen.
„Nun, sie wurden dafür bestraft. Man hat sie umgebracht und auf dem Gelände gut versteckt. Denken die zumindest. Weil sie nicht mit euren Hunden gerechnet haben. Umgebracht, um es euch nicht so leicht zu machen. Ich habe natürlich keine Leichen versorgt und da draußen für euch irgendwo hingelegt sondern nur ein paar Dummies. Präpariert mit etwas Blut. Eure Hunde sind gut. Ich bin mir sicher, die finden die zwei ganz schnell. Natürlich, ohne dass ihr einen Dufthinweis von ihnen bekommt."
Genau das aber machte Irena doch etwas Bauchschmerzen. Joachims Balou war ein Leichenspürhund, für den sollte das kein Problem sein. Jelly war ein Maintrailer. Darauf trainiert, vermisste Personen zu finden. Ja, in jedem Zustand. Auch tot. Aber eigentlich hatten sie dabei immer irgendetwas vom Vermissten oder Gesuchten, dass zum Aufnehmen der Spur diente. So ganz ohne? Aber Herausforderungen waren dafür da, dass man sie meisterte. Irena wollte ganz fest daran glauben, dass Jelly auch das schaffen würde.
Langsam verteilten sie sich auf dem Gelände. Auch wenn das hier eine Prüfung für jeden einzelnen Hundeführer und jeden einzelnen Hund war, sie mussten gleichzeitig auch gemeinsam arbeiten. Also besprach man sich kurz, bevor es dann daran ging, den eigenen Hund zu motivieren.
„Sag mal Irena. Wie wollen wir es machen? Ich gehe mal davon aus, dass Hanka die Leichen nicht nebeneinander gelegt hat sondern schön weit auseinander. Ich nehme das Feld und du die Halle. Im echten Einsatz würden wir ja auch nicht mit zwei Hunden an der gleichen Stelle suchen.“
Irena dachte kurz nach. Joachim hatte recht. Er war ein fähiger Hundeführer, wenn auch etwas unsympathisch, da er sich immer die leichteren Aufgaben nahm. Und die alte Werkshalle hatte es tatsächlich in sich. Allerdings kannten sie und Jelly diese auch gut, da sie ja hier regelmäßig zum Üben herkam.
„Ach weißt du Joachim. Warum machen wir es nicht anders herum? Du sollst doch uns gegenüber nicht benachteiligt sein. Die Halle kennen wir beide, Jelly und ich, in- und auswendig. Da würde es Jelly sofort auffallen, wo etwas anders riecht als sonst, wenn wir zum Üben hier sind. Das Feld ist für uns Neuland. Ich nehme lieber das.“
Sprachs und rief nach ihrer Hündin.
„Komm Jelly, es gibt Arbeit.“
Hatte sie es doch gewusst, Arbeit. Am liebsten würde Jelly jetzt vor Freude wieder mit ihrem Schwanz wedeln. Aber sie war schließlich ein ernster, ein professioneller Polizeihund. Und da geziemte sich so etwas nicht. Außerdem war da noch dieser Balou. Der musste doch immer so angeben, wenn er mal einen Vermissten eher gefunden hatte als sie selber. Dachte wohl, sie wäre als Hunde-Frau schlechter als er als Hunde-Mann. Der hatte doch tatsächlich noch nie etwas von Hunde-Emanzipation gehört.
Jelly lief also ohne sich noch einmal nach Balou umzusehen hinter ihrer Irena her, die sich selbstverständlich auch nicht mehr umblickte.
„Komm meine Große. Heute wird es mal ein bisschen schwerer. Aber du schaffst das schon. Wir müssen einen Vermissten finden. Den haben die Verbrecher hier irgendwo versteckt. Leider wohl schon tot. Also los Jelly, such die Leiche.“
Irena wählte bewusst nicht den Begriff Vermissten. Ein Vermisster lebte. Und ein Lebender roch anders als ein Toter. Sein Blut war noch warm, das einer Leiche kalt.
Jelly hatte aber sofort verstanden, dass heute etwas anders war. Eigentlich war ihr das egal. Sie musste jemanden finden. Nur das war ihr wichtig. Und nur wenn sie es schaffte, freute sich ihre Irena. Und nur dann bekam sie ein Lob – und ihren blauen Plüschhasen. Zwar waren auch die roten Bälle toll. Für die musste sie sich nur etwas anstrengen. Die gab es, egal ob sie Erfolgt hatte oder nicht. Jelly wollte aber unbedingt den Hasen. Man hatte schließlich auch seinen Hundestolz.
Jelly sah Irena noch einmal an. Nein, heute gab es nichts, an dem sie erst einmal riechen konnte. Musste es eben so gehen. Also lief sie zielstrebig auf das Feld zu, die Nase immer schön auf den Boden gerichtet. Es dauerte auch nicht lange, da hatte sie eine Spur aufgenommen, der sie immer und ganz direkt folgte. Da waren ständig Ablenkungen, die diese Hanka mit eingebaut hatte. Mal der Geruch nach gebratenem Hühnchen. Dann lagen sogar mal ihre roten Bälle am Weg. Das sollte sie aber beides nicht suchen. Obwohl so ein gebratenes Hühnchen – war das nicht eigentlich auch eine Leiche? Aber das meinte Irena garantiert nicht. Also weiter vorwärts. Und dann roch sie es ganz genau. Da war der Geruch nach kaltem Blut. Na das ging doch schnell. Aber da war noch mehr. Hier roch es gar nicht gut. So gar nicht nach einer Übung.
Inzwischen waren Anton und Moritz von ihrem Besuch bei Oma Heike und Opa Frank zurück.
„Mann, die beiden haben sich ja bald mehr gefreut als die Mama.“
„Mensch Anton, bist du heute begriffsstutzig. Die Mama hat sich doch gefreut. Sogar so sehr, dass es ihr erst einmal die Sprache verschlagen hatte und sie stattdessen vor Freude weinen musste. Ihr blieb ja auch gar nichts anderes übrig, als sich zu freuen. Schließlich bekommt sie ja mich – und meinen Papa noch obendrein dazu.“
„Na, du bist ja ganz schön von dir überzeugt, Moritz. Außerdem heißt das den Papa und mich.“
„Nee, Oma. Dich bekommt sie nicht. Oder doch? Wie im Märchen, als Stiefmutter. Aber das geht auch wieder nicht. Die Stiefmütterchen sind doch dort immer böse. Und du bist doch die allerliebste Oma der Welt. Viel lieber als meine Oma Birgit. Dann musst du doch auch eine liebe Mutter sein.“
Birgit war Irenas Mutter, die sich nicht viel für ihren Enkel interessierte. Ganz anders als Heike, die Anton schon als Enkel adoptiert hatte, da wussten Irena und Stefan noch gar nicht, dass sie zusammengehörten.
„Also mein Papa hat immer gesagt, dass die Oma als Mama auch lieb war. Auch dann, wenn er und seine Geschwister nicht immer gefolgt haben. Er hat mir nämlich verraten, dass sie auch manchmal Streiche gespielt haben. Nur was – das weiß ich noch nicht. Außerdem ist sie dann kein Stiefmütterchen. Das sind die Blumen, die im Frühjahr bei Oma im Garten geblüht haben. Und es heißt ich glaube auch nicht Stiefmutter, sondern irgendwas mit Schweigen oder so. Die Stiefmutter, das ist dann deine Mama für mich. Aber keine Angst, ich habe sie genauso lieb, wie ich meine Mami gehabt hätte. Und lieb ist die Irena ja auch. Sie muss also nicht in glühenden Pantoffeln tanzen oder so was.“
Heike und Stefan hatten sich das ganze amüsiert lächelnd, aber bisher schweigend angehört. Bei Moritz´ letztem Satz aber mussten sie nun doch laut lachen.
„He, das ist eine ernste Sache. Ihr wisst doch, was mit der bösen Stiefmutter von Schneewittchen passiert ist.“
„Ja, natürlich. Wir finden es ja auch toll, dass ihr euch solche Sorgen um eure Mutter macht. Aber sie mit der bösen Stiefmutter zu vergleichen…“
„Sag mal Papa, wie konntest du bloß Polizist werden. Du hast wiedermal überhaupt nicht zu gehört. Wir haben sie eben NICHT verglichen. Sie ist nämlich NICHT so, sondern viel, viel lieber.
Aber lenk mal nicht ab. Oder weißt du die Antwort etwa nicht? Was wird die Oma nun?“
Nachdem das alles geklärt war und Heike sich mit Stefan gefreut hatte, wollten sie sich eigentlich gerade auf den Weg zum Sportplatz machen. Heute war noch schulfrei. Eine Runde Fußball spielen mit dem Papa aber ging immer, auch wenn man dazu auf den Platz neben der Schule musste.
Aber daraus sollte wieder einmal nichts werden. gerade als sie aufbrechen wollten, klingelte Stefans Telefon.
„Nanu, das ist Irena. Da kann nur etwas passiert sein.
Irena, was ist los?
….
Oh, oh, das klingt nicht gut. Ich komme. Hast du die anderen schon informiert?“
Irena hatte gleich gespürt, dass Jelly aufgeregt war. Ganz anders, als das bei einer Übung sein sollte. Und dass ihre Hündin den Unterschied zwischen Übung und echter Arbeit spürte, davon war sie zu hundert Prozent überzeugt. Ihr war also vom ersten Moment an klar gewesen, dass irgendetwas nicht stimmte. Sofort hatte sie gedanklich von Übung auf Einsatz umgeschaltet. Zwar hoffte sie, dass es nicht notwendig war, dass sie sich irrte. Aber Vorsicht war eben besser als sich nachher Vorwürfe zu machen.
Jelly hatte sich vor eines der geparkten Autos gesetzt und damit angezeigt, dass sie hier etwas gefunden hatte. Ihre klugen Augen wirkten jetzt richtig ernst. Und das freudige Wedeln des Schwanzes, das sie sich doch nicht hatte verkneifen können, war weggefallen. Als Irena näher kam sah sie sofort, dass der Dummie nicht wie ein Dummie aussah. Da waren zu menschliche Gesichtszüge. Das war kein Dummie, das war ein Mensch. Ein toter Mensch.
„Hallo Hanka, beendet bitte sofort die Übung. Die Kollegen sollen das Gelände absperren. Ich habe hier einen echten Toten. Ich informiere nur schnell meine Kollegen, dann übernehme ich.“
Kurz überlegte Irena, dann rief sie zuerst bei Peter und anschließend auch bei Stefan an. So leid es ihr für die Jungs auch tat. Hier wollte sie ihn unbedingt dabei haben. Jetzt aber war noch etwas ganz anderes wichtig. Auch wenn es nicht auf die Art geplant war, Jelly hatte ganze Arbeit geleistet.
„Fein gemacht, meine Große. Hier hast du deinen blauen Plüschhasen.“
Peter hatte ihr zugesichert, sowohl die Spurensicherung als auch Silke vorbei zu schicken. Außerdem wollte er sofort Frau Doktor Jasmin Kappes informieren. Die Pathologin arbeitete als Polizeiärztin in der Landeshauptstadt und war für ihre Dienststelle mit zuständig, da sie hier – eigentlich – zum Glück nicht genug Todesfälle für eine eigene Ärztin hatten. Erst hatte es seit Ewigkeiten, ja seit Jahren, keinen Mord gegeben und nun das. Das war in diesem Jahr schon der dritte Tote. Und wenn es nach den Mördern der zwei ersten gegangen wäre, dann hätte es damals schon noch eine Tote mehr gegeben. Was war nur los? Bekamen Sie jetzt etwa großstädtische Verhältnisse?
„Was hast du denn jetzt schon wieder? Balou hatte unseren Dummie fast gefunden. Wir müssen ja nun wirklich nicht alle aufhören mit suchen, bloß weil du schneller fertig warst. Was auf dem leichteren Gelände auch nicht schwer war.“
Irena konnte ihren Kollegen nur ungläubig ansehen. Hatte er das eben gerade tatsächlich gesagt? Also auch wenn sie ihn wirklich nicht besonders mochte, das hätte sie ja nun nicht von ihm gedacht.
„Sag mal, hast du ein Problem? Hattest du dir dieses Stück des Suchgebietet etwa deshalb selber ausgesucht, weil es leichter ist? Wobei ich glaube, dein Balou ist vollkommen in der Lage, auch komplizierte Aufgaben zu lösen. Aber weißt du, man soll nie von sich auf andere schließen. Außerdem ist das hier kein Wettkampf. Du hättest von mir aus gerne deine Werkshalle fertig durchsuchen dürfen, wenn uns mein Fund dafür erspart geblieben wäre. Und jetzt gehe bitte aus dem Weg, wenn du nicht vorhast, uns zu helfen. Obwohl, es ist hier nicht dein Territorium. Also lass mich arbeiten und verschwinde selber von meinem Tatort. Denke aber daran, dass du ein möglicher Zeuge bist und als solcher mit den anderen zu warten hast.
Ach, und damit du es weist, mein Dummie war vor nicht allzu langer Zeit einmal sehr lebendig.“
Bevor sich Irena umdrehte, konnte sie noch sehen, dass Joachim Pingel auf einmal sehr, sehr blass geworden war.
Noch bevor Silke oder Stefan eintrafen, war Hagen Ortler, der Leiter der Spurensicherung mit seiner Mannschaft vor Ort. Sie zogen sich umgehend ihre weißen Schutzanzüge an. Diese waren in der aufkommenden Hitze total unbequem und würden hier draußen ganz bestimmt nicht lange weiß bleiben. Aber noch mehr Spuren zu den wahrscheinlich sowieso schon massig vorhandenen wollten sie nicht hinzufügen.
„Du lässt auch nichts aus. Eine bloße Übung ist dir und Jelly wohl zu langweilig. Ihr müsst gleich einen echten Toten finden. Aber erzähl erst einmal, was muss ich wissen?“
„Wenn ich das nur selber wüsste. Ich kann dir eigentlich so gar nichts erzählen, was wichtig ist. Man, wie müssen sich Zivilisten, die plötzlich zu Zeugen werden, fühlen?
Wir hatten den Auftrag, zwei Dummies zu finden. Beide präpariert mit Blut, damit die Hunde ihre Leichen riechen konnten. Aber Jelly war sofort irgendwie anders drauf. Ich glaube, das Wort Leichen, dass ich ausgesprochen hatte, passte so gar nicht zu dem, was sie da roch. Mit anderen Worten, der Tote kann noch nicht so lange tot sein, dass er vollständig erkaltet ist. Ich selber konnte zwar keinen Unterschied in der Temperatur feststellen. Für mich ist er einfach nur kalt. Aber was verstehe ich schon von so einer Hundenase?“
„Auf jeden Fall mehr als ich, würde ich sagen. Du hast den Mann also angefasst? Es ist doch ein Mann nach deinen Worten?“
„Beides mal ja. Eindeutig ein Mann. Es sei denn, da liegt eine total unrasierte Frau. Und ja, ich habe ihn angefasst. Aber nur kurz an der Halsschlagader um den Puls zu fühlen. Da ist nichts mehr. Und ein drittes Ja. Ich habe aufgepasst, wo ich hintrete.“
„Schon gut, Irena. Diese Frage hätte ich dir nie gestellt. Ich weiß doch, dass du aufpasst. Bei deinem Kollegen da drüben wäre ich mir da nicht so sicher.“
Dabei zeigte er mit einer gekonnten Bewegung mit dem Kinn auf Joachim Pingel.
„Du kennst ihn?“
„Hm. Ist schon ein paar Jahre her. Damals habe ich bei ihm in der Dienststelle ausgeholfen. Vielleicht erinnerst du dich. Die Explosion in einer Chemiefabrik. Ich verstehe ja, dass sie mit ihren Hunden überall hin mussten. Bevor wir Spuren sichern konnten, musste noch nach Überlebenden gesucht werden. Und natürlich auch nach Sprengstoffresten. Aber musste man dazu wirklich in jeden Winkel kriechen, an denen der Hund ganz gezielt vorbei gelaufen war? In Ecken und Winkel, in denen nie und nimmer ein Mensch Platz gehabt hätte. Nicht einmal die Führer der Sprengstoffhunde haben sich solche noch einmal vorgenommen, wenn ihr Hund nichts angezeigt hat. Und Sprengstoff braucht bekanntlich viel weniger Platz als eine Person. Ich habe ihn dann gefragt, ob er seinem vierbeinigen Kollegen so wenig traut, dass er es in Kauf nimmt, Spuren zu zerstören. Da meinte er doch, ich solle mich nicht so haben. Die Spuren hätte doch die Explosion schon zerstört. Wir von der Spurensicherung wären immer so von uns eingenommen. Als ob die Fälle ohne uns nicht gelöst werden könnten. Naja, ich habe ihm darauf lieber nicht geantwortet. Wäre nicht sehr freundlich ausgefallen, meine Antwort.“
„Mach dir nichts draus Hagen. Wir wissen zwar alle, dass ihr die Fälle nicht alleine aufklärt. Aber ohne euch wären wir regelmäßig aufgeschmissen. Also, dann waltet mal eures Amtes und findet bitte, bitte ganz, ganz viele Spuren für uns.“
Stefan sah auf das Telefon in seiner Hand. Wenn er es nicht besser wüsste, könnte er ja annehmen, Irena erlaube sich einen Scherz, weil sie ihm seinen freien Tag nicht gönnte. Aber das war natürlich Quatsch, er wusste es eben doch besser. Ihm tat es nur um die Kinder leid. Da hatten sie schon mal zwei schulfreie Tage so kurz vor den Ferien – und dann das. Der Papa musste doch arbeiten, obwohl sie sich eigentlich so viel vorgenommen hatten. Aber auch das wusste er: wenn es anders gehen würde, hätte Irena nicht angerufen.
„Kommt mal her ihr beiden, ich muss mit euch…“
„Ja, ja Papa. Mit uns reden. Das kennen wir schon. Nun mach, dass du endlich fort kommst. Oder soll die Mama etwa ewig warten, bis du ihr hilfst. Ich meine, die kann das alles ja auch alleine. Und Jelly hat sie heute auch mit zur Unterstützung. Aber du musst dich ja deshalb nicht auf die faule Haut legen.“
Das verschlug ihm erst einmal die Sprache. Hatte Moritz etwa so eine schlechte Meinung von ihm?
„Also heute bist du wirklich nicht du selber, Papa. Erst soll ich die Mama heiraten und jetzt guckst du auch noch wie so ein gegelter Blitz.“
Jetzt war es an Anton, zu lachen.
„Mensch Moritz, das heißt geölter Blitz. Komm, wir gehen mal zum Opa. Weil Jelly nicht da ist war er heute noch gar nicht spazieren. Da kann er statt dessen mit uns Fußball spielen gehen. Er kann ja zugucken, wenn es ihm zu anstrengend wird.“
Stefan konnte den beiden nur hinterher sehen. Dabei kam er zum gleichen Ergebnis, wie Irena heute Morgen schon. So war das eben. Die Kinder wurden größer und brauchten einen nicht mehr so sehr wie noch vor einem Jahr. Jetzt sollte er sich aber wirklich schnellstens auf den Weg machen.
Die Fahrt durch die Stadt war heute anstrengend. Es war fast so, als ob heute alle frei hätten und deshalb ins Einkaufszentrum, welches unweit vom Tatort lag, strömen. Als er dann endlich am Übungsplatz ankam, wurde er schon von Irena und Silke erwartet. Schnell sprang er aus dem Auto.
„Was haben wir?“
„Jelly sollte eigentlich einen Dummie suchen. Aber sie war gleich so merkwürdig. Und nun seht ihn euch mal an. Der kann noch gar nicht lange tot sein.“
In dem Moment trat auch Jasmin Kappes zu ihnen. Sie hatte sich das Opfer bereits angesehen. Da sie heute Morgen sowieso in der Stadt zu tun hatte, war sie schneller vor Ort gewesen, als von den Polizisten erwartet.
„Genauso ist auch meine Einschätzung. Die Totenstarre ist noch nicht vollständig ausgeprägt. Hat gerade erst begonnen. Also auf keinen Fall länger als zwei Stunden.“
Kurz überlegte Irena. Das konnte eigentlich gar nicht sein. Jetzt war es… und zwei Stunden zurück… Da konnte Hanka gerade erst gekommen sein.
„Du, Hanka. Komm mal bitte zu mir. Wann habt ihr die Dummies in die Fahrzeuge gepackt?“
„Das war schon gestern Abend. Ihr wisst doch. Heute ist schulfrei und da wollte ich noch in Ruhe mit meiner Tochter frühstücken. Gestern Abend als ich heim bin war aber auch noch alles in Ordnung. Da saß definitiv ein Dummie in dem Fahrzeug dort drüben.“
„Das glaube ich dir ja auch. Mich interessiert eher der heutige Morgen. Wann warst du hier? Und wann kamen die ersten der Teilnehmer?“
„Also ich war definitiv die erste hier. Dachte ich zumindest. Scheinbar war aber ja doch noch irgendwer vor mir da. Naja, das war so vor knapp zwei Stunden. Und ich habe ehrlich niemanden gesehen, der nicht hier her gehört hätte. Dem wäre ich doch sofort nachgegangen.“
„Und hättest dich damit vielleicht noch selbst in Gefahr gebracht. Hast du die Dummies noch einmal kontrolliert beziehungsweise was hast du gemacht, bis die ersten Teilnehmer kamen?“
„Ich habe mich da eigentlich auf meine eigene Arbeit vom Vorabend verlassen. Ich bin lieber gemeinsam mit Kim Schilling, der Sprengmeisterin, in der alten Werkshalle gewesen. Wir haben die Sprengstoff- und Drogenproben verteilt. Das konnten wir ja noch nicht gestern vorbereiten. Dann hättet ihr heute garantiert auch noch in diversen Diebstählen zu ermitteln gehabt. Denn das einschlägige Klientel hätte hier bestimmt Selbstbedienung gemacht.“
„Die Ärztin hat gerade eingeschätzt, dass unser Toter nicht länger als zwei Stunden tot ist.“
„Oh Gott, das heißt ja, dass der Täter… Wenn ich nun nicht mit Lucy gefrühstückt hätte, dann, dann…
Ich glaube, mir wird schlecht.“
Hanka Meiner war kreideweiß im Gesicht geworden. Sie versuchte noch, irgendwo Halt zu finden. Aber im nächsten Moment war ihr schon schwarz vor Augen und sie fiel zu Boden. Der neben ihr stehende Stefan konnte sie gerade noch so weit auffangen, dass sie nicht hart aufschlug. Da musste die Pathologin auch noch beweisen, dass sie sehr wohl auch lebende Patienten behandeln konnte. Zum Glück erholte sich Hanka Meiner aber schnell wieder.
„So viel Dreistigkeit muss man als Täter erst einmal haben. Einfach eine Leiche vor den Augen der Polizei verstecken. Und dann auch noch zeitlich so knapp, dass er fast erwischt worden ist.“
Silke konnte nur den Kopf schütteln, während sich Irena inzwischen umgesehen hatte.
„Das ist aber vielleicht auch eine Chance für uns. Ich gehe mal zu Hagen, ob er eine wenn auch noch so kleine Spur vom Täter gefunden hat.“
Dieser sah sie etwas zweifelnd an.
„Ich weiß nicht so recht, Irena. Hier liegt ein Knopf. Kannst du damit etwas anfangen?“
„Kommt drauf an. Der wurde doch bestimmt mal angefasst. Und wenn das dann der Täter war, dann könnte es klappen. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.
Sag mal Hanka, bist du dann heute noch mal übers Feld gelaufen?“
„Nein, ich habe mir zwar alles noch einmal angesehen. Aber mehr so von weiten, eben nicht in die Fahrzeuge hinein. Sonst hätte ich den Toten doch entdeckt.“
„Mach dir keine Vorwürfe. Du hast alles richtig gemacht. Aber du weißt ja, wie unsere Hunde ticken.
Jelly, komm. Hier, Hanka ist eine Freundin. Die sollst du nicht suchen. Der Knopf. Ist da was? Such, Jelly, such unseren Täter.“
Das klang doch ganz anders. Hier war jetzt auf einmal alles anders. So ernst. Jetzt musste sie also einen echten Täter suchen. Jelly hatte sich auch vorhin angestrengt. Schließlich wollte sie, dass ihre Irena stolz auf sie war. Naja, und dem ollen Balou wollte sie natürlich auch etwas beweisen. Sie war zehn- ach was, hundertmal besser als der. Obwohl – über solcher Denkweise stand sie eigentlich drüber. Egal, das hier war Arbeit. Echte Arbeit. Sie schnüffelte also kurz an dem ihr hingehaltenem Knopf. Dann noch einmal. Viel war es ja nicht. Trotzdem wollte sie ihr Bestes geben. Also Kopf runter, Nase auf den Boden und los ging es. Ein paarmal drehte sich Jelly im Kreis, dann lief sie geradewegs auf das nächste Gebüsch zu. Hier roch es doch fast, als würde ein ganzer Haufen solcher Knöpfe daliegen. Brav setzte sich Jelly vor den Strauch und sah Irena aus ihrer großen Augen an.
„Gut gemacht, Jelly. Hier finden Hagen und seine Leute bestimmt noch mehr. Komm, wir suchen noch ein bisschen weiter. Der Täter ist nicht mehr hier, also muss er ja irgendwo hin gegangen sein.“
Aber so sehr Jelly es auch versuchte. Gleich hinter dem Strauch war die Straße, die an der Gartenbausiedlung vorbei zum Einkaufszentrum führte. Und dort konnte Irena jetzt Reifenspuren entdecken. Nur ein einzelnes Paar, da dieser Teil der Straße kaum befahren wurde. Rasch machte sie ein paar Fotos, dann überlies sie auch diese Spuren der Spurensicherung.
„Du kannst ja nichts dafür, meine Große, dass der Täter ein Auto genommen hat.“
„So wie sich das jetzt alles darstellt, muss der Täter noch hier gewesen sein, als die ersten von uns gekommen sind. Da werden wir doch mal sehen, wie gut oder schlecht die Kollegen als Zeugen sind. Außerdem müssen wir sehen, ob es weitere Zeugen gibt. Allerdings bezweifle ich das dann doch. Viel zu weit weg von der Zivilisation.“
Wie es aber schon fast nicht anders zu erwarten war, keiner der anwesenden Hundeführer hatte etwas gesehen. Man hatte sich vor der Werkshalle getroffen. Der Tatort lag dahinter. Merkwürdig war nur, dass keiner der Hunde unruhig geworden war.
„Ich kann mir das nur so erklären, dass wir eben doch erst angekommen sind, als er schon fort war. Zu dem Zeitpunkt hat die Leiche aber wahrscheinlich für unsere Hunde noch nicht wie eine Leiche gerochen, weil alles noch viel zu frisch war. Ich war hier die erste. Ungefähr eine viertel Stunde vor dir, Irena. Und Hanka hat ihren Hund heute ja nicht mit. Außerdem haben wir keine auf Personen ausgebildeten Hunde. Und der Pingel ist mit Balou im Fahrzeug geblieben, bis wir dann rein sind. Da hatte Balou auch keine Chance.“
Das konnte natürlich wirklich sein. Trotzdem, alles war irgendwie merkwürdig.
„Gut, fahren wir erst einmal zurück auf die Dienststelle. Hier können wir im Moment nichts mehr erreichen.
Hagen, ist der Tote eigentlich schon identifiziert?“
„Dann hättest du es doch als erste erfahren. Also nein. Keine Ausweispapiere oder sonst etwas, was darauf hinweist, mit wem wir es zu tun haben.“
Auf der Dienststelle wurden sie schon von Daniel begrüßt. Ohne das er eine gesonderte Aufforderung benötigte, hatte er bereits die Vermisstendateien durchsucht. Sie waren eben alle Profis und wussten, was zu machen war.
„Aber da gibt es noch nichts. Wir selber hier haben zurzeit gar keine offenen Vermisstenfälle. Und auch sonst sticht keiner heraus, der hier sofort passen würde. Mir fehlt da auch noch eure Beschreibung des Toten.“
