Und morgen in das kühle Grab - Mary Higgins Clark - E-Book

Und morgen in das kühle Grab E-Book

Mary Higgins Clark

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Beschreibung

Ein Spannungsroman der Extraklasse: Das spurlose Verschwinden von Nicholas Spencer, Leiter eines bedeutenden pharmazeutischen Forschungslabors, stellt die Welt vor ein Rätsel. Kurz darauf wird überraschend enthüllt, dass Spencer die Firma um Millionen betrogen hatte. Die Journalistin Marcia DeCarlo wagt sich bei ihren Recherchen zu weit vor – und begibt sich damit in Lebensgefahr.

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Seitenzahl: 463

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Inhaltsverzeichnis

WidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Copyright

Noch einmal

Für den Liebsten und Besten – John Conheeney – meinen großartigen Mann

Die Clark-Kinder – Marilyn, Warren und Sharon, David, Carol und Pat

Die Clark-Enkel – Liz, Andrew, Courtney, David, Justin und Jerry

Die Conheeney-Kinder – John und Debby, Barbara, Trish, Nancy und David

Die Conheeney-Enkel – Robert, Ashley, Lauren, Megan, David, Kelly, Courtney,Johnny, Thomas und Liam

Ihr seid ein toller Haufen, und ich liebe euch alle.

1

DIE AKTIONÄRSVERSAMMLUNG – oder sollte man besser sagen: der Aufstand der Aktionäre? – fand am 21. April im Grand Hyatt Hotel in Manhattan statt. Für die Jahreszeit war es zu kalt und winterlich, wenn auch, angesichts der Umstände, angemessen trüb. Zwei Wochen zuvor hatte die Schlagzeile, dass Nicholas Spencer, Präsident und geschäftsführendes Vorstandsmitglied von Gen-stone, beim Absturz seines Privatfliegers ums Leben gekommen sei, echte und tief empfundene Trauer ausgelöst. Sein Unternehmen stand kurz davor, von der Gesundheitsbehörde für einen Impfstoff zugelassen zu werden, der sowohl das Entstehen von Krebszellen im Körper verhindern als auch bei bereits Erkrankten die Krankheit zum Stillstand bringen würde – ein vorbeugendes und ein heilendes Mittel, dessen Entdeckung er allein für sich in Anspruch nehmen konnte. Er hatte sein Unternehmen »Gen-stone« – Gen-Stein – getauft in Anspielung auf den Stein von Rosette, der die Entzifferung der altägyptischen Hieroglyphenschrift ermöglicht und damit das Verständnis dieser bemerkenswerten Kultur entscheidend vorangebracht hatte.

Kurze Zeit nachdem die Zeitungen Spencers Tod gemeldet hatten, folgte eine Erklärung des Vorstandsvorsitzenden von Gen-stone, wonach es zahlreiche Rückschläge bei den Experimenten mit dem Impfstoff gegeben habe und man sich außerstande sehe, in der näheren Zukunft bei der Gesundheitsbehörde die Zulassung zu beantragen. In der Erklärung hieß es weiter, dass innerhalb der Firma zig Millionen Dollar unterschlagen worden waren, offenbar durch Nicholas Spencer selber.

Ich heiße Marcia DeCarlo, besser bekannt als Carley, und obwohl ich während der Aktionärsversammlung im abgetrennten Pressebereich saß und die teils wütenden, teils verblüfften oder tränenüberströmten Gesichter um mich herum sah, konnte ich immer noch kaum glauben, was ich dort erfuhr. Offenbar war Nicholas Spencer, Nick, ein Dieb und Betrüger. Das Wundermittel sollte nichts anderes als ein Produkt seiner blühenden Fantasie und seines hervorragenden Geschäftssinns gewesen sein. Er hatte all diese Menschen betrogen, die so viel Geld in sein Unternehmen gesteckt hatten, oft ihre Lebensersparnisse oder ihr gesamtes Vermögen. Natürlich hatten sie gehofft, ihr Geld zu vermehren, viele hatten aber zugleich geglaubt, dass ihre Investition ein Beitrag zur Entwicklung des Impfstoffs sein würde. Und betroffen waren nicht nur die Investoren, die Unterschlagung hatte auch die Guthaben für die Altersversorgung der Angestellten von Gen-stone, mehr als tausend Menschen, zunichte gemacht. Die ganze Geschichte schien einfach unfassbar.

Da Nicholas Spencers Leiche nicht zusammen mit den Wrackteilen seines verunglückten Flugzeugs angespült worden war, glaubte die Hälfte der Leute in der Versammlung, dass er noch am Leben sei. Die übrige Hälfte hätte ihn wohl am liebsten gepfählt, wenn seine Leiche entdeckt worden wäre.

Charles Wallingford, Vorstandsvorsitzender von Gen-stone, das Gesicht aschfahl, ansonsten jedoch von jener angeborenen Eleganz, wie sie über Generationen vererbte Privilegien und eine gute Kinderstube hervorbringen, bemühte sich, die Versammlung zu beruhigen. Andere Mitglieder des Vorstands saßen mit finsteren Mienen neben ihm auf dem Podium. Allesamt waren sie bekannte Figuren aus der Finanzwelt. In der zweiten Reihe saßen Leute, die ich als Manager der von Gen-stone beauftragten Wirtschaftsprüfungsfirma identifizierte. Manche von ihnen waren von Zeit zu Zeit im Weekly Browser interviewt worden, der Sonntagsbeilage, für die ich eine Finanzkolumne schrieb.

Zu Wallingfords Rechten, das Gesicht bleich, die blonden Haare im Nacken zu einem Knoten hochgesteckt, in einem schwarzen Kostüm, das mit Sicherheit ein Vermögen gekostet hatte, saß Lynn Hamilton Spencer. Sie war die Frau von Nick – oder seine Witwe – und zufällig meine Stiefschwester, die ich zuvor genau dreimal gesehen hatte und die ich, offen gestanden, nicht besonders leiden konnte. Ich will das erklären. Vor zwei Jahren heiratete meine verwitwete Mutter Lynns verwitweten Vater, den sie in Boca Raton kennen gelernt hatte, wo sie in benachbarten Appartementhäusern gewohnt hatten.

Beim Dinner am Abend vor der Hochzeit hatte mich Lynn Spencers herablassende Haltung in demselben Maße gestört, wie ich von Nicholas Spencers Charme angetan gewesen war. Natürlich wusste ich, wer er war. Es hatte ausführliche Storys über ihn in Time und Newsweek gegeben. Er war der Sohn eines niedergelassenen Arztes in Connecticut, eines Allgemeinmediziners, dessen eigentliche Berufung der biologischen Forschung galt. Sein Vater hatte sich in dem Haus ein Labor eingerichtet, und seit seiner Kindheit hatte Nick den größten Teil seiner Freizeit dort verbracht und seinem Vater bei dessen Experimenten assistiert. »Andere Kinder hatten Hunde«, hatte er in Interviews geäußert, »ich hatte meine weißen Mäuse. Ich ahnte nicht, dass ich damals Privatunterricht in Mikrobiologie von einem Genie bekam.« Er hatte eine Business-Karriere eingeschlagen und das Master-Diplom in Betriebswirtschaft erlangt mit dem Ziel, eines Tages eine eigene Firma für Medizintechnik zu betreiben. Er stieg bei einer kleinen Firma für Ärztebedarf in den Beruf ein, kletterte schnell an die Spitze und wurde Gesellschafter. Dann, als sich die Mikrobiologie immer mehr als der zukunftsträchtigste Zweig der Forschung erwies, reifte in ihm die Überlegung, sich diesem Gebiet zu verschreiben. Er begann, sich in die Aufzeichnungen seines Vaters zu vertiefen und entdeckte, dass dieser, kurz bevor er eines plötzlichen Todes starb, an der Schwelle zu einem bedeutenden Durchbruch in der Krebsforschung gestanden hatte. Mit seinem Medizintechnikunternehmen als Ausgangsbasis machte Spencer sich daran, eine größere Forschungsabteilung aufzubauen.

Kapitalbeteiligungen hatten ihm dazu verholfen, Gen-stone aus der Taufe zu heben, und die sich rasch verbreitenden Gerüchte über den Krebs hemmenden Impfstoff hatten die Unternehmensaktie zum heiß begehrten Objekt an der Wall Street werden lassen. Zunächst für drei Dollar angeboten, war die Aktie bis auf einhundertsechzig Dollar hochgeschnellt, und Garner Pharmaceuticals hatte – vorbehaltlich der Genehmigung durch die Gesundheitsbehörde – einen Vertrag über eine Summe von einer Millarde Dollar für die Vertriebsrechte an dem neuen Impfstoff unterzeichnet.

Ich wusste, dass Nick Spencers Frau vor fünf Jahren an Krebs gestorben war, dass er einen zehnjährigen Sohn hatte und dass er mit Lynn, seiner zweiten Frau, seit vier Jahren verheiratet war. Doch alle Nachforschungen, die ich über seinen Werdegang angestellt hatte, nutzten mir nichts, als ich ihn anlässlich jenes »Familien«-Dinners kennen lernte. Ich war einfach nicht vorbereitet auf die geradezu magnetische Anziehungskraft, die von Nick Spencer ausging. Er war einer dieser Menschen, die sowohl mit einem angeborenen Charme als auch mit einem scharfen Verstand ausgestattet sind. Etwas mehr als einen Meter achtzig groß, mit dunkelblondem Haar, tiefblauen Augen und einem gut gebauten, athletischen Körper war er physisch sehr attraktiv. Doch das eigentlich Gewinnende an ihm war die Art und Weise, wie er im Gespräch auf sein Gegenüber einging. Während meine Mutter versuchte, die Konversation mit Lynn in Gang zu halten, ertappte ich mich dabei, wie ich Nick mehr über mich selbst erzählte, als ich es je bei einer ersten Begegnung einem anderen gegenüber getan hatte.

Innerhalb von fünf Minuten wusste er Bescheid über mein Alter, wo ich wohnte, meine Arbeit und wo ich aufgewachsen war.

»Zweiunddreißig«, sagte er mit einem Lächeln. »Acht Jahre jünger als ich.«

Danach erzählte ich ihm nicht nur, dass ich eine kurze Ehe mit einem Mitstudenten von der New York University mit nachfolgender Scheidung hinter mir hatte, sondern redete sogar über mein Kind, das nur ein paar Tage zu leben gehabt hatte, weil das Loch in seinem Herzen zu groß war, als dass man es hätte schließen können. Das passte so überhaupt nicht zu mir. Ich redete nie über das Baby. Es tut zu weh. Und dennoch war es einfach, mit Nicholas Spencer darüber zu sprechen.

»Das ist genau die Art von Tragödie, die unsere Forschung eines Tages verhüten wird«, hatte er mit sanfter Stimme gesagt. »Deshalb werde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Menschen vor solchen Schicksalsschlägen zu bewahren, wie du sie erlebt hast, Carley.«

Meine Gedanken kehrten rasch wieder zur Gegenwart zurück, als Charles Wallingford so lange mit dem Hammer auf den Tisch klopfte, bis sich endlich Schweigen über die Versammlung senkte – ein zorniges, missmutiges Schweigen. »Mein Name ist Charles Wallingford, ich bin Vorstandsvorsitzender von Gen-stone«, sagte er.

Ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert sowie Buh-Rufe schlugen ihm entgegen.

Ich wusste, dass Wallingford achtundvierzig oder neunundvierzig Jahre alt war, und ich hatte ihn in den Nachrichten am Tag nach Spencers Flugzeugunglück gesehen. Er wirkte jetzt viel älter. Die Anspannung der letzten Wochen hatte ihn äußerlich um Jahre altern lassen. Kein Zweifel, der Mann litt.

»Ich habe die letzten acht Jahre mit Nicholas Spencer zusammengearbeitet«, sagte er. »Ich hatte zuvor gerade das Einzelhandelsgeschäft unserer Familie verkauft, dessen Vorstandsvorsitzender ich war, und suchte nach einer Möglichkeit, in ein Gewinn versprechendes Unternehmen zu investieren. Ich lernte Nick Spencer kennen, und er überzeugte mich davon, dass seine neu gegründete Firma bald einen durchschlagenden Erfolg in der Entwicklung neuer Heilmittel erzielen würde. Auf sein Ersuchen hin habe ich fast den gesamten Erlös aus dem Verkauf unseres Familiengeschäfts investiert und bin Gen-stone beigetreten. Ich bin daher genau wie Sie sehr betroffen über die Tatsache, dass der Impfstoff noch nicht so weit gediehen ist, dass man ihn bei der Gesundheitsbehörde zur Zulassung einreichen könnte, aber das bedeutet nicht, dass die weitere Forschung diese Probleme nicht lösen wird, wenn neue Geldmittel zur Verfügung stehen …«

Dutzende, lautstark dazwischengerufene Fragen unterbrachen ihn: »Und was ist mit dem Geld, das er gestohlen hat?«, »Warum geben Sie nicht zu, dass Sie und die ganze Bande da oben uns nach Strich und Faden betrogen haben?«

Abrupt stand Lynn auf und ergriff mit einer überraschenden Bewegung das vor Wallingford stehende Mikrofon. »Mein Mann ist gestorben, als er gerade auf dem Weg zu einem geschäftlichen Treffen war, auf dem er weitere Gelder für die Forschung beschaffen wollte. Ich bin sicher, dass es eine Erklärung für die fehlenden Geldbeträge gibt …«

Plötzlich kam ein Mann durch den Mittelgang gerannt. Er wedelte mit einem Bündel Blätter, das aussah, als sei es aus Zeitungen und Zeitschriften herausgerissen worden. »Die Spencers auf ihrem Landsitz in Bedford«, rief er. »Die Spencers Gastgeber bei einem Wohltätigkeitsball. Ein lächelnder Nicholas Spencer, der gerade einen Scheck für die New Yorker Obdachlosenhilfe unterschreibt.«

Leute vom Sicherheitsdienst packten den Mann an den Armen, als er das Podium erreicht hatte. »Was glauben Sie wohl, wo das ganze Geld hergekommen ist, hä? Ich werd’s Ihnen sagen: aus unseren Taschen! Ich habe eine zweite Hypothek auf mein Haus aufgenommen, um in Ihre beschissene Firma zu investieren. Und möchten Sie wissen, warum? Weil mein Kind Krebs hat, und ich habe Ihrem Mann und seinem ganzen Gerede über den Impfstoff geglaubt.«

Für die Presse waren die ersten Reihen reserviert worden. Ich saß am Ende der Reihe zum Mittelgang hin und hätte den Mann berühren können, wenn ich meinen Arm ausgestreckt hätte. Er war um die dreißig, ein stämmiger Typ, in Pullover und Jeans. Plötzlich verzog er das Gesicht zu einer Grimasse und fing an zu weinen. »Nun wird mein kleines Mädchen auch noch sein Zuhause verlieren«, sagte er. »Ich werde das Haus verkaufen müssen.«

Ich sah zu Lynn auf, und unsere Blicke trafen sich. Ich war mir sicher, dass mein Gesicht nicht die Verachtung verriet, die ich für sie empfand, aber das Einzige, woran ich denken konnte, war, dass allein der Diamant an ihrem Finger wahrscheinlich genug Wert besaß, um die zweite Hypothek zurückzahlen zu können, wegen der ein todkrankes Kind sein vertrautes Heim verlieren würde.

Die Versammlung dauerte nicht länger als vierzig Minuten, in denen größtenteils herzzerreißende Klagen von Leuten laut wurden, die alles verloren hatten, weil sie ihr ganzes Geld in Gen-stone investiert hatten. Viele von ihnen berichteten, sie seien zum Kauf der Aktien überredet worden, weil ein Kind oder ein anderes Familienmitglied an einer Krankheit litt, die möglicherweise mithilfe des Impfstoffs hätte geheilt werden können.

Als die Menschen hinausströmten, notierte ich einige Namen, Adressen und Telefonnummern. Dank meiner Kolumne kannten viele meinen Namen und waren begierig darauf, mit mir über ihre finanziellen Verluste zu sprechen. Sie fragten mich, ob es meiner Meinung nach irgendeine Chance gäbe, ihre Investitionen oder zumindest einen Teil davon zurückzuerlangen.

Lynn hatte die Versammlung durch einen Seitenausgang verlassen. Ich war erleichtert. Ich hatte ihr nach Nicks Absturz einen kurzen Kondolenzbrief geschrieben und ihr mitgeteilt, dass ich an der Trauerfeier teilnehmen wollte. Bisher hatte noch keine stattgefunden; sie warteten noch darauf, ob man seine Leiche entdecken würde. Inzwischen fragte ich mich, wie fast jeder andere auch, ob Nick zum Zeitpunkt des Absturzes tatsächlich in dem Flugzeug saß oder ob er möglicherweise sein Verschwinden nur geschickt inszeniert hatte.

Ich spürte eine Hand an meinem Arm. Es war Sam Michaelson, ein Reporter und alter Hase von der Zeitschrift Wall Street Weekly. »Komm, Carley, ich geb einen aus«, bot er an.

»Mein Gott, das kann ich jetzt wirklich gebrauchen.«

Wir gingen hinunter in die Bar im Erdgeschoss, wo man uns einen freien Tisch zuwies. Es war halb fünf.

»Ich habe eine eiserne Regel: Vor fünf Uhr trinke ich keinen reinen Wodka«, erklärte Sam, »aber, wie du ja weißt, ist es irgendwo auf der Welt im Augenblick bereits fünf Uhr.«

Ich entschied mich für ein Glas Chianti. Normalerweise würde ich Ende April bereits zum Chardonnay übergegangen sein, den ich bei warmem Wetter bevorzuge, aber nachdem die Versammlung bei mir ein eisiges inneres Gefühl hinterlassen hatte, brauchte ich etwas, um mich aufzuwärmen.

Sam gab die Bestellung auf und fragte dann übergangslos: »Also, was hältst du von der Sache, Carley? Meinst du, dieser Kerl liegt irgendwo am Strand in Brasilien, während wir hier miteinander reden?«

Ich gab ihm die einzig ehrliche Antwort: »Ich weiß es nicht.«

»Ich habe Spencer einmal getroffen«, sagte Sam. »Ich bin mir sicher, wenn er mir angeboten hätte, die Brooklyn Bridge zu kaufen, wäre ich darauf eingegangen. Als Verkäufer wirklich mit allen Wassern gewaschen, der Mann. Bist du ihm je persönlich begegnet?«

Ich war mir nicht ganz schlüssig, was ich auf Sams Frage antworten sollte. Die Tatsache, dass Lynn Hamilton Spencer meine Stiefschwester war und Nick Spencer somit mein Stiefschwager, war etwas, worüber ich nie gesprochen hatte. Gleichzeitig hatte mich diese Tatsache davon abgehalten, mich öffentlich oder privat über Gen-stone als Investitionsmöglichkeit zu äußern, weil ich das Gefühl hatte, man würde das als Interessenkonflikt ansehen. Leider hatte sie mich nicht davon abgehalten, meinerseits für fünfundzwanzigtausend Dollar Aktien von Gen-stone zu kaufen, weil mir Nicholas Spencer bei jenem Dinner versichert hatte, dass es, wenn der Impfstoff erst einmal das Krebsrisiko beseitigt haben würde, eines Tages einen weiteren geben würde, der alle genetischen Missbildungen ausschließen könnte.

Mein Baby ist noch am Tag seiner Geburt getauft worden. Ich hatte es Patrick genannt, nach meinem Großvater mütterlicherseits. Ich hatte diese Aktien als eine Art Tribut im Gedenken an meinen Sohn gekauft. An jenem Abend vor zwei Jahren hatte Nick gesagt, je mehr Geld sie auftreiben könnten, desto schneller würden die Testreihen mit dem Impfstoff abgeschlossen werden und das Mittel zur Verfügung stehen. »Und natürlich werden am Ende deine fünfundzwanzigtausend Dollar sehr viel mehr wert sein«, hatte er noch hinzugefügt.

Dieses Geld waren meine Ersparnisse, die ich als Anzahlung für den Kauf einer Wohnung verwenden wollte.

Ich sah Sam an und lächelte, immer noch unschlüssig, was ich ihm antworten sollte. Sams Haare schimmerten grau. Er verwendete viel Mühe darauf, sich lang gewachsene Strähnen über die kahl werdende Schädeldecke zu kämmen. Schon oft war mir aufgefallen, dass diese Strähnen verrutscht waren, so wie auch jetzt, und als alter Kumpel musste ich mich zurückhalten, um nicht zu sagen: »Gib’s auf. Die Schlacht gegen die Glatze ist verloren.«

Sam ging auf die siebzig zu, seine babyblauen Augen glänzten jedoch hellwach. Ansonsten hatte sein koboldhaftes Gesicht nichts von einem Baby an sich. Er war klug und ziemlich gerissen. Es wäre nicht fair gewesen, ihm meine Verbindung zu den Spencers zu verschweigen, aber ich würde zugleich darauf hinweisen, dass ich Nick lediglich einmal und Lynn nur dreimal gesehen hatte.

Seine Augenbrauen hoben sich, als ich ihn über die Beziehung aufklärte.

»Auf mich macht sie den Eindruck einer ziemlich abgebrühten Tussi«, sagte er. »Wie fandest du Spencer?«

»Ich hätte ihm auch die Brooklyn Bridge abgekauft. Ich fand, dass er ein toller Typ ist.«

»Und was hältst du jetzt von ihm?«

»Du meinst, ob er tot ist oder den Absturz inszeniert hat? Ich weiß es nicht.«

»Und was ist mit seiner Frau, deiner Stiefschwester?«

Ich merkte, wie ich innerlich zusammenzuckte. »Sam, meine Mutter ist wirklich glücklich mit Lynns Vater, da bin ich mir sicher, ansonsten würde sie eine unglaublich gute Theatervorstellung abgeben. Die beiden nehmen sogar gemeinsam Klavierstunden. Du hättest mal das Konzert hören sollen, das die beiden für mich gegeben haben, als ich letzten Monat ein Wochenende in Boca war. Ich gebe zu, dass ich Lynn nicht besonders mochte, als ich sie kennen lernte. Ich denke, dass sie sich jeden Morgen eine Stunde lang im Spiegel betrachtet. Aber andererseits habe ich sie bloß am Abend vor der Hochzeit erlebt, bei der Hochzeit selbst und ein weiteres Mal, als ich im letzten Jahr in Boca eintraf, während sie gerade kurz vor der Abreise war. Also, tu mir bitte den Gefallen und nenn sie nicht meine Stiefschwester.«

»Hab ich gespeichert.«

Die Bedienung brachte unsere Getränke. Sam nippte genießerisch an seinem Glas und räusperte sich. »Carley, ich habe läuten hören, dass du dich für die frei gewordene Stelle bei unserem Magazin beworben hast.«

»Ja.«

»Wie kam es dazu?«

»Ich möchte für ein seriöses Wirtschaftsmagazin schreiben, nicht bloß eine Kolumne verwalten, die im Grunde genommen nichts anderes als Füllsel innerhalb einer allgemeinen Sonntagsbeilage darstellt. Mein eigentliches Ziel ist es, Reporterin bei der Wall Street Weekly zu werden. Woher weißt du, dass ich mich beworben habe?«

»Der große Boss, Will Kirby, hat sich über dich erkundigt.«

»Und was hast du ihm gesagt?«

»Ich hab gesagt, du hättest einiges auf dem Kasten und wärst für uns ein großer Gewinn im Vergleich zu dem Knaben, der uns verlässt.«

Eine halbe Stunde später setzte mich Sam vor meinem Haus ab. Ich wohne im ersten Stock eines umgebauten alten Brownstones an der East 37th Street in Manhattan. Ich ignorierte den Aufzug – er hat nichts Besseres verdient als ignoriert zu werden – und benutzte die Treppe. Ich war erleichtert, als ich die Tür aufsperrte und mich in meine eigenen vier Wänden zurückziehen konnte. Ich fühlte mich deprimiert, und ich hatte auch allen Grund dazu. Die finanzielle Notlage all dieser Leute, die ihr Geld angelegt hatten, war mir nahe gegangen, aber da war noch etwas anderes. Viele von ihnen hatten diese Investition aus dem gleichen Grund gemacht wie ich, weil sie dem Fortschreiten einer Krankheit bei einem geliebten Menschen Einhalt gebieten wollten. Für mich kam es zu spät, aber als ich diese Aktien im Gedenken an Patrick gekauft hatte, war ich mir durchaus bewusst gewesen, dass ich auf diese Weise gewissermaßen versuchte, das Loch in meinem Herzen zu stopfen, welches noch größer war als dasjenige, das meinen kleinen Sohn getötet hatte.

Die Ausstattung meiner Wohnung stammt aus dem Fundus meiner Eltern, aus dem Haus in Ridgewood, New Jersey, in dem ich aufgewachsen bin. Da ich ihr einziges Kind bin, konnte ich aus dem gesamten Bestand auswählen, als sie nach Boca Raton umzogen. Ich ließ das Sofa in einem kräftigen Blau neu beziehen, passend zu dem Blau des alten Perserteppichs, den ich auf einem Garagen-Flohmarkt erstanden hatte. Die Tische, die Lampen und der Sessel gehörten schon zu meiner vertrauten Umgebung, als ich noch das kleinste, aber schnellste Kind der Basketball-Schulmannschaft an der Immaculate Heart Academy war.

Ein Foto der Mannschaft hängt in meinem Schlafzimmer an der Wand – ich bin diejenige, die den Ball in den Händen hält. Wenn ich mir das Bild anschaue, sehe ich, dass ich mich in vielerlei Hinsicht kaum verändert habe. Die kurz geschnittenen dunklen Haare und die blauen Augen, die ich von meinem Vater geerbt habe, sind noch die gleichen. Nie ist es zu dem Wachstumsschub gekommen, den meine Mutter mir immer vorausgesagt hatte. Damals war ich etwa einen Meter dreiundsechzig groß, und heute messe ich ganze einen Meter zweiundsechzig. Leider ist von dem siegesgewissen Lächeln nicht mehr viel übrig geblieben, das ich damals auf dem Foto zur Schau trug, als ich noch glaubte, mir würde die ganze Welt offen stehen. Es könnte mit der Kolumne zusammenhängen. Ständig gebe ich mich mit real existierenden Menschen ab, die vor real existierenden finanziellen Problemen stehen.

Aber es gab noch einen anderen Grund, weshalb ich mich an diesem Abend so leer und niedergeschlagen fühlte.

Nick. Nicholas Spencer. Mochten die bekannt gewordenen Beweise gegen ihn auch noch so überzeugend sein, etwas in mir wehrte sich entschieden dagegen, einfach zu glauben, was über ihn gesagt wurde.

Gab es eine andere Antwort auf den Fehlschlag mit dem Impfstoff, das Verschwinden des Geldes, das Flugzeugunglück? Oder gab es etwas in mir, das mich besonders leicht auf engelszüngige Hochstapler hereinfallen ließ, denen alle Menschen außer ihnen selbst herzlich egal sind? Wie bei Greg, diesem totalen Missgriff, den ich vor elf Jahren geheiratet hatte.

Als Patrick starb, nachdem er nur vier Tage zu leben gehabt hatte, brauchte mir Greg nicht erst zu sagen, dass er erleichtert war. Ich konnte es ihm ansehen. Es bedeutete, dass er kein Kind am Hals haben würde, das auf ständige Pflege angewiesen war.

Wir haben nie wirklich darüber geredet. Es gab nicht viel zu sagen. Er erzählte mir, dass der Job, den man ihm in Kalifornien angeboten habe, zu gut sei, um die Chance auszulassen.

Ich erwiderte: »Lass dich von mir nicht aufhalten.«

Und das war’s dann.

All diese Gedanken zogen mich nur noch mehr herunter, und so beschloss ich, früh schlafen zu gehen und am nächsten Morgen den neuen Tag mit klarem Kopf anzupacken.

Um sieben Uhr in der Früh weckte mich ein Anruf von Sam. »Carley, schalt mal deinen Fernseher ein. Es läuft gerade eine Nachrichtensendung. Lynn Spencer ist gestern Nacht zu ihrem Haus in Bedford hinausgefahren. Jemand hat es angezündet. Die Feuerwehr hat es geschafft, sie rauszuholen, aber sie hat eine Menge Rauch eingeatmet. Sie liegt jetzt im St. Ann’s Hospital, ihr Zustand ist ernst.«

Sobald Sam aufgelegt hatte, nahm ich die Fernbedienung, die auf dem Nachttisch lag, zur Hand. Das Telefon klingelte in dem Augenblick, als ich den Fernseher einschaltete. Die Zentrale des St. Ann’s Hospital war dran. »Miss DeCarlo, Ihre Stiefschwester Lynn Spencer befindet sich als Patientin bei uns. Sie würde Sie sehr gerne sehen. Ist es Ihnen möglich, sie heute zu besuchen?« Die weibliche Stimme klang dringend. »Sie ist furchtbar aufgeregt und muss einiges an Schmerzen ertragen. Es ist ihr sehr wichtig, dass Sie kommen.«

2

WÄHREND DER VIERZIG MINUTEN Fahrt zum St. Ann’s Hospital hatte ich den CBS-Sender eingeschaltet, um eventuell weitere Nachrichten über den Brand mitzubekommen. Den Berichten zufolge war Lynn Spencer gegen elf Uhr abends zu ihrem Haus in Bedford gefahren. Die Hausangestellten, ein Ehepaar, Manuel und Rosa Gomez, wohnten in einem eigenen Häuschen auf dem Gelände, ein Stück entfernt vom Hauptgebäude. Offenbar hatten sie an diesem Abend Lynn nicht erwartet und wussten nicht, dass sie dort war.

Was hatte Lynn dazu bewogen, gestern Abend nach Bedford zu fahren, fragte ich mich, nachdem ich beschlossen hatte, mich auf den Cross Bronx Expressway zu wagen, die schnellste Möglichkeit, um vom Osten Manhattans nach Westchester County zu gelangen, falls es keinen Unfall gibt, der den ganzen Verkehr aufhält. Das Problem besteht bloß darin, dass ein Unfall mit Stau der Normalfall ist, weshalb der Cross Bronx auch als die schlimmste Schnellstraße des Landes gilt.

Die Wohnung der Spencers in New York befindet sich an der Fifth Avenue, in der Nähe des Gebäudes, in dem Jackie Kennedy gelebt hatte. Ich musste an meine achtzig Quadratmeter Wohnfläche denken und an die fünfundzwanzigtausend Dollar, die ich verloren hatte, das Geld, das als Kapitaleinlage für eine Eigentumswohnung gedacht war. Ich musste an den Mann gestern in der Versammlung denken, dessen Kind todkrank war und der sein Haus verlieren würde, weil er in Gen-stone investiert hatte. Ich fragte mich, ob Lynn auch nur die leiseste Spur von Schuldgefühl empfunden hatte, als sie nach der Versammlung in dieses opulente Apartment zurückgekehrt war. Ich fragte mich, ob es das war, worüber sie mit mir sprechen wollte.

Der April war wieder ganz April geworden. Auf dem Weg zu der Garage drei Blocks weiter, in der mein Auto abgestellt war, sog ich die Luft tief ein und erfreute mich des Daseins. Die Sonne schien, und der Himmel war von einem tiefen Blau. Die wenigen Wolken sahen aus wie duftige weiße Kissen, die dort oben träge vorbeitrieben, als seien sie erst im Nachhinein hinzugefügt worden. Genau auf diese Art würde sie die Kissen verteilen, wenn sie ein Zimmer dekorierte, hatte mir einmal Eve erklärt, eine Innenarchitektin, mit der ich befreundet bin. Die Verteilung der Kissen müsse beiläufig wirken, wie später hinzugefügt, wenn alles andere schon an seinem Platz ist.

Das Thermometer auf dem Armaturenbrett zeigte siebzehn Grad an. Es wäre ein großartiger Tag für eine Fahrt aufs Land gewesen, wenn ich nicht schon einen Grund für eine Fahrt gehabt hätte. Dennoch war ich neugierig. Ich befand mich auf dem Weg zu meiner Stiefschwester, die für mich eine Fremde war und die aus einem mir unbekannten Grund ausgerechnet nach mir verlangt hatte, als sie ins Krankenhaus eingeliefert worden war, und nicht nach einer ihrer prominenten Freundinnen.

Tatsächlich brauchte ich für den Cross Bronx nur etwa eine Viertelstunde, fast ein Rekord, und danach wandte ich mich nach Norden auf den Hutchinson River Parkway. Der Nachrichtensprecher meldete die neuesten Details von der Sache mit Lynn. Um drei Uhr fünfzehn sei der Feueralarm auf dem Anwesen in Bedford ausgelöst worden. Als die Feuerwehr ein paar Minuten später eingetroffen sei, habe bereits das gesamte Treppenhaus in Flammen gestanden. Rosa Gomez habe ihnen versichert, dass sich niemand im Innern befinde. Glücklicherweise habe einer der Feuerwehrleute den Fiat in der Garage als den Wagen erkannt, den Lynn immer fuhr, und Rosa gefragt, wie lange er schon dort stehe. Auf ihre entsetzte Reaktion hin hätten die Männer eine Leiter geholt, das Schlafzimmerfenster eingeschlagen und seien eingestiegen. Dort hätten sie die benommene und desorientierte Lynn gefunden, die hilflos im dichten Rauch nach einem Ausweg gesucht habe. Zu diesem Zeitpunkt habe sie bereits eine große Menge Rauch eingeatmet. Sie habe Verbrennungen zweiten Grades an den Füßen erlitten, wegen der großen Hitze am Fußboden, sowie an den Händen, weil sie sich auf der Suche nach der Tür an den Wänden vorwärts getastet habe. Einer Meldung des Krankenhauses zufolge habe sich ihr Zustand inzwischen gebessert und werde jetzt als stabil bezeichnet.

In einer vorausgehenden Meldung war berichtet worden, dass das Feuer absichtlich gelegt worden sei. Jemand habe Benzin auf das Vordach gegossen, welches sich über die gesamte Länge des Erdgeschosses erstrecke. Nachdem es angezündet worden sei, habe sich eine Feuerwolke gebildet, die innerhalb von Sekunden das gesamte Erdgeschoss in Flammen habe aufgehen lassen.

Wer sollte ihr Haus anzünden?, fragte ich mich. Wusste oder ahnte irgendjemand, dass Lynn dort war? Sofort musste ich an die Aktionärsversammlung denken. Vor mir sah ich das Bild jenes Mannes, der sie angeschrien hatte. Er hatte unter anderem auch das Haus in Bedford erwähnt. Sicher würde die Polizei ihm einen Besuch abstatten, wenn sie davon hörte.

Lynn war in einem kleinen Raum in einer gesonderten Abteilung des St. Ann’s Hospital untergebracht. Sauerstoffschläuche steckten in ihren Nasenlöchern, und ihre Arme waren dick verbunden. Ihre Gesichtsfarbe dagegen war nicht annähernd so blass wie gestern, als ich sie auf der Aktionärsversammlung gesehen hatte. Mir fiel ein, irgendwo gelesen zu haben, dass bei einer Rauchvergiftung die Haut einen rötlich-violetten Schimmer bekommen kann.

Ihr blondes Haar war zurückgekämmt und sah mitgenommen, ja sogar etwas zottelig aus. Vermutlich hatte man ihr in der Notaufnahme einen Teil der Haare abschneiden müssen. Ihre Hände waren, mit Ausnahme der Fingerspitzen, verbunden. Ich schämte mich, weil ich mich einen Moment lang fragte, ob der Solitär, den sie bei der Versammlung an ihrem Finger zur Schau gestellt hatte, in dem ausgebrannten Haus zurückgeblieben war.

Ihre Augen waren geschlossen, und ich war mir nicht sicher, ob sie nicht schlief. Ich warf einen fragenden Blick auf die Krankenschwester, die mich zu ihr geführt hatte. »Vor einer Minute war sie noch wach«, sagte sie ruhig. »Reden Sie nur mit ihr.«

»Lynn«, sagte ich unsicher.

Sie öffnete die Augen. »Carley.« Sie versuchte ein Lächeln. »Danke, dass du gekommen bist.«

Ich nickte. Ich bin normalerweise nicht auf den Mund gefallen, aber ich wusste einfach nicht, was ich ihr sagen sollte. Ich war aufrichtig dankbar, dass sie keine schweren Verbrennungen erlitten hatte oder am Rauch erstickt war, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum ich die Rolle der nächsten Verwandten spielen sollte. Ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass Lynn Hamilton Spencer genauso wenig für mich übrig hatte wie ich für sie.

»Carley …« Ihre Stimme zitterte, sie bemerkte es und schloss die Lippen. »Carley«, begann sie von neuem, diesmal in ruhigerem Ton, »ich hatte nicht die leiseste Ahnung, dass Nick Geld von der Firma genommen hat. Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich weiß überhaupt nichts über den geschäftlichen Teil seines Lebens. Carley, das Haus in Bedford und die Wohnung in New York hatte er schon, als wir geheiratet haben.«

Ihre Lippen waren aufgesprungen und trocken. Sie hob ihre rechte Hand. Ich begriff, dass sie versuchte, das Wasserglas zu erreichen, ich nahm es und hielt es ihr vor die Lippen. Die Schwester war aus dem Zimmer gegangen, als Lynn die Augen geöffnet hatte. Ich war mir nicht sicher, ob ich auf den Knopf drücken sollte, um das Rückenteil höher zu stellen. Stattdessen legte ich meinen Arm um ihre Schultern und stützte sie, während sie am Wasser nippte.

Sie trank nur wenig, dann lehnte sie sich zurück und schloss die Augen, als ob die kurze Anstrengung sie erschöpft habe. In diesem Augenblick empfand ich ein Quäntchen echtes Mitleid für sie. Sie machte den Eindruck, verwundet und gebrochen zu sein. Die exquisit angezogene und frisierte Lynn, die ich in Boca Raton kennen gelernt hatte, war Lichtjahre entfernt von dieser verletzbaren Frau, die fremde Hilfe benötigte, um ein paar Tropfen Wasser zu trinken.

Als ich sie wieder auf das Kissen bettete, liefen Tränen über ihre Wangen. »Carley«, sagte sie mit müder und schwacher Stimme, »ich habe alles verloren. Nick ist tot. Man hat mich gebeten, meinen Job bei der PR-Firma aufzugeben. Ich habe Nick einer Menge neuer Kunden vorgestellt. Über die Hälfte davon hat große Summen in das Unternehmen investiert. Das Gleiche gilt für Southhampton und den dortigen Club. Leute, die meine Freunde waren, sind voller Wut auf mich, weil ich sie mit Nick bekannt gemacht habe und sie ungeheuer viel Geld verloren haben.«

Ich musste an Sam denken, der Nick als einen mit allen Wassern gewaschenen Verkäufer beschrieben hatte.

»Die Anwälte der Aktieninhaber werden Anzeige gegen mich erstatten.« In ihrer Erregung hatte Lynn immer schneller gesprochen. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm, stöhnte auf und biss sich auf die Lippen. Selbst diese leichte Berührung war für ihre verbrannte Handfläche offensichtlich sehr schmerzhaft. »Ich habe etwas Geld auf meinem persönlichen Bankkonto«, sagte sie, »und das ist alles. Bald werde ich kein Heim mehr haben. Einen Job habe ich auch nicht mehr. Carley, ich brauche deine Hilfe.«

Wie sollte ausgerechnet ich ihr helfen können?, fragte ich mich. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und blickte sie daher stumm an.

»Wenn Nick das Geld wirklich gestohlen hat, dann besteht meine einzige Chance darin, die Leute davon zu überzeugen, dass ich ebenfalls ein unschuldiges Opfer bin. Carley, es ist die Rede davon, dass Anklage gegen mich erhoben werden soll. Bitte sorge du dafür, dass das nicht geschieht. Die Leute respektieren dich. Sie werden auf dich hören. Überzeuge sie davon, dass ich nichts mit dem Betrug zu tun hatte.«

»Glaubst du, dass Nick tot ist?« Ich musste diese Frage stellen.

»Ja, das glaube ich. Ich weiß, dass Nick absolut von der Richtigkeit seines Vorgehens mit Gen-stone überzeugt war. Er war auf dem Weg zu einem geschäftlichen Treffen in Puerto Rico und ist in einen außergewöhnlich heftigen Sturm geraten.«

Ihre Stimme brach, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Nick mochte dich, Carley. Er hat dich wirklich sehr gern gehabt. Er hat dich bewundert. Er hat mir von deinem Kind erzählt. Nicks Sohn, Jack, ist gerade zehn geworden. Seine Großeltern leben in Greenwich. Jetzt wollen sie mir nicht einmal mehr erlauben, ihn zu sehen. Sie haben mich nie gemocht, weil ich ihrer Tochter ähnlich sehe und sie tot ist, während ich noch am Leben bin. Jack fehlt mir. Ich möchte ihn wenigstens besuchen dürfen.«

Dafür hatte ich Verständnis. »Lynn es tut mir Leid, wirklich sehr Leid.«

»Carley, ich brauche mehr als dein Mitgefühl. Ich brauche deine Mithilfe, damit die Leute begreifen, dass ich in keiner Weise in die betrügerischen Machenschaften verwickelt bin. Nick hat gesagt, du wärst ein starker Mensch, der viele Rückschläge durchstehen kann. Worum ich dich bitte, ist, diese Stärke für mich einzusetzen. Kannst du das für mich tun?« Sie schloss die Augen. »Und für Nick«, flüsterte sie. »Er hat dich sehr gemocht.«

3

NED SASS IN DER EINGANGSHALLE des Krankenhauses, eine Zeitung vor der Nase. Auf dem Weg zum Eingang war er einer Frau mit einem Blumenstrauß dichtauf gefolgt, und er hatte gehofft, dass man denken würde, sie gehörten zusammen, falls man ihn beobachtete. Als er drinnen war, hatte er sich schnell in einen Sessel in der Halle gesetzt.

Er duckte sich, sodass die Zeitung sein Gesicht verdeckte. Alles ging so schnell. Er musste erst einmal nachdenken.

Gestern hätte er sich um ein Haar auf Spencers Frau gestürzt, als sie auf der Aktionärsversammlung das Mikrofon ergriff, um zu erklären, dass es sich ganz bestimmt nur um einen Fehler in der Buchhaltung handle. Er hatte Glück gehabt, dass der andere Typ angefangen hatte, sie anzubrüllen.

Aber als dann alle draußen vor dem Hotel standen und er sah, wie sie in diesen dicken Schlitten stieg, war die Wut in ihm explodiert.

Er hatte sofort ein Taxi angehalten und dem Fahrer die Adresse ihrer New Yorker Wohnung angegeben, in diesem protzigen Gebäude direkt am Central Park. Er war genau in dem Moment dort eingetroffen, als der Portier ihr die Eingangstür aufgehalten und sie das Haus betreten hatte.

Während er die Fahrt bezahlt hatte und ausgestiegen war, hatte er in Gedanken Lynn Spencer im Aufzug hinauffahren sehen, in ihre protzige Wohnung, die mit dem Geld gekauft worden war, das sie und ihr Mann ihm geklaut hatten.

Er hatte dem Impuls widerstanden, ihr hinterherzurennen, und war stattdessen die Fifth Avenue hinuntergelaufen. Auf dem ganzen Weg war ihm aus den Blicken der Leute, die ihm entgegenkamen, nur Verachtung entgegengeschlagen. Sie durchschauten, dass er nicht in die Fifth Avenue gehörte. Er gehörte zu einer Welt, in der die Menschen nur die Dinge kauften, die sie absolut benötigten. Sie bezahlten sie mit Kreditkarte, um die Beträge dann in kleinstmöglichen Monatsraten abzustottern.

Im Fernsehen hatte Spencer davon gesprochen, dass diejenigen, die vor fünfzig Jahren in IBM oder Xerox investiert hätten, zu Millionären geworden seien. »Sie werden nicht nur anderen helfen, indem Sie Gen-stone kaufen, sondern Sie werden außerdem ein Vermögen machen.« Lügner! Lügner! Lügner! – das Wort explodierte in Neds Kopf.

Von der Fifth Avenue war er zu einer Haltestelle gelaufen, wo er den Bus zurück nach Yonkers nehmen konnte. Er wohnte dort in einem alten zweistöckigen Holzhaus. Er und Annie hatten vor zwanzig Jahren das Erdgeschoss gemietet, als sie frisch verheiratet waren.

Im Wohnzimmer herrschte ein heilloses Durcheinander. Er hatte sämtliche Artikel über das Flugzeugunglück und den untauglichen Impfstoff ausgeschnitten und über den Couchtisch verstreut. Die Zeitungsreste hatte er auf den Boden geschmissen. Als er nach Hause gekommen war, hatte er die Artikel noch einmal gelesen, jeden einzelnen.

Als es allmählich dunkel wurde, hatte er keinen Gedanken ans Abendessen verschwendet. Er war nur noch selten hungrig. Um zehn Uhr hatte er eine Decke und ein Kissen geholt und sich auf die Couch schlafen gelegt. Er benutzte das Schlafzimmer nicht mehr. Es ließ ihn spüren, wie sehr ihm Annie fehlte.

Nach der Beerdigung hatte der Pfarrer ihm eine Bibel in die Hand gedrückt. »Ich habe einige Stellen für Sie zum Lesen angekreuzt, Ned«, hatte er gesagt. »Vielleicht hilft es Ihnen.«

Er interessierte sich nicht besonders für die Propheten, aber beim Durchblättern war er auf eine Stelle im Buch Hesekiel gestoßen. »Ihr habt das Herz des Gerechten mit Lügen verzagt gemacht, obwohl ich nicht gewollt habe, dass er betrübt werde.« Es las sich, als ob der Prophet über Spencer und ihn sprach. Es bewies, dass Gott zornig war auf Menschen, die anderen Menschen Leid zufügten, und dass es sein Wille war, dass sie bestraft wurden.

Ned war eingeschlafen, kurz nach Mitternacht jedoch wieder aufgewacht mit dem deutlichen Bild des Herrenhauses in Bedford vor Augen. An Sonntagnachmittagen war er mehrere Male mit Annie daran vorbeigefahren, nachdem er die Aktien erworben hatte. Sie hatte sich nicht darüber beruhigen können, dass er das Haus in Greenwood Lake, das er von seiner Mutter geerbt hatte, einfach verkauft hatte, um das Geld in Gen-stone-Aktien zu investieren. Sie war im Gegensatz zu ihm nicht davon überzeugt gewesen, dass sie mit den Aktien reich werden würden.

»Das war unser Heim für unsere alten Tage«, hatte sie ihn angeschrien. Ein anderes Mal hatte sie geweint. »Ich will nicht in so einem Schloss leben. Ich habe das Haus geliebt. Ich habe so viel Arbeit hineingesteckt und es so schön hergerichtet, und du hast nicht einmal mit mir darüber geredet, dass du es verkaufen willst. Wie konntest du mir das nur antun, Ned?«

»Mr. Spencer hat mir versichert, ich würde nicht nur anderen Menschen helfen, indem ich Aktien kaufe, sondern eines Tages so ein Haus wie dieses besitzen.«

Selbst das hatte Annie nicht überzeugen können. Dann war es passiert, vor zwei Wochen, als Spencers Flugzeug abgestürzt war und sich die Nachricht verbreitete, dass es Probleme mit dem Impfstoff gab. Sie war völlig außer sich geraten. »Ich rackere mich acht Stunden am Tag im Krankenhaus ab. Du bist auf diesen Betrüger reingefallen und hast dir diese blöden Aktien andrehen lassen, und jetzt werde ich wohl für den Rest meines Lebens weiterschuften müssen.« Sie hatte so heftig geweint, dass sie die Worte nur mit Mühe herausbrachte. »Alles, was du anpackst, geht schief, Ned. Du verlierst jedes Mal deinen Job, weil du dich mit jedem anlegst. Und wenn du dann endlich mal etwas hast, dann lässt du es dir von irgendeinem Kerl abschwatzen.« Sie hatte sich die Autoschlüssel geschnappt und war hinausgerannt. Mit quietschenden Reifen war sie im Rückwärtsgang auf die Straße geschossen.

Die darauf folgende Szene kehrte ständig vor Neds innerem Auge wieder. Das Müllauto, das rückwärts herangefahren kam. Das Kreischen der Bremsen. Wie der Wagen sich zuerst aufgebäumt und dann überschlagen hatte. Wie der Tank explodiert war und das Auto sofort in Flammen aufging.

Annie. Tot.

Sie waren einander in diesem Krankenhaus vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal begegnet, als er hier als Patient gelegen hatte. Er hatte sich mit einem anderen Typen in einer Bar geprügelt und sich eine Gehirnerschütterung zugezogen. Annie hatte ein Tablett hereingetragen und ihm Vorwürfe gemacht, weil er sein hitziges Temperament nicht unter Kontrolle gehabt hatte. Sie war mutig, klein und herrisch auf eine Art, die ihm gefiel. Sie waren gleich alt, achtunddreißig. Sie waren ein Paar geworden; dann war sie bei ihm eingezogen.

Er war an diesem Vormittag hergekommen, weil er sich ihr in dieser Umgebung näher fühlte. Er konnte sich vorstellen, dass sie jeden Augenblick durch die Halle laufen und ihm sagen würde, es täte ihr Leid, dass sie so spät dran sei, eines der anderen Mädchen sei nicht erschienen und sie habe über die Mittagspause bleiben müssen.

Aber er wusste, dass das nur eine Fantasie war. Sie würde nie wiederkommen.

Mit einer heftigen Bewegung zerknüllte Ned die Zeitung, stand auf, ging zu einem in der Nähe stehenden Abfallbehälter und warf sie hinein. Er lief in Richtung Ausgang, aber einer der Ärzte, der gerade durch die Eingangshalle kam, rief ihn zurück. »Ned, ich habe Sie seit dem Unfall nicht mehr gesehen. Es tut mir aufrichtig Leid wegen Annie. Sie war ein wunderbarer Mensch.«

»Danke.« Mit Verspätung fiel ihm der Name des Arztes ein. »Ich danke Ihnen, Dr. Ryan.«

»Kann ich irgendetwas für Sie tun?«

»Nein.« Er musste etwas sagen. Dr. Ryan sah ihn neugierig an, musterte ihn von oben bis unten. Dr. Ryan wusste möglicherweise, dass er auf Annies Drängen ein paar Mal hier gewesen war, zur psychologischen Beratung bei Dr. Greene. Aber von Dr. Greene hatte er gleich die Schnauze voll gehabt, als der zu ihm gesagt hatte: »Finden Sie nicht, dass Sie mit Annie vorher über den Verkauf des Hauses hätten reden müssen?«

Die Brandwunde an seiner Hand tat verdammt weh. Als er das Streichholz auf das Benzin geworfen hatte, waren die Flammen so schnell hochgeschlagen, dass sie seine Hand erfasst hatten. Das war seine Ausrede, der Grund, warum er hier war. Er hielt die Hand vor Dr. Ryan hoch. »Ich habe mich gestern Abend verbrannt, als ich mir was zu essen gemacht habe. Ich bin das Kochen nicht gewohnt. Aber der Warteraum in der Ambulanz ist voll. Ich muss zur Arbeit. Egal, es ist nicht so schlimm.«

Dr. Ryan besah sich die Hand. »Das ist nicht ganz ohne, Ned. Es könnte sich infizieren.« Er zog einen Rezeptblock aus seiner Tasche und kritzelte etwas auf das oberste Blatt. »Besorgen Sie sich diese Salbe, und tragen Sie sie regelmäßig auf. Und in ein oder zwei Tagen sollten Sie die Hand noch mal anschauen lassen.«

Ned dankte ihm und drehte sich um. Er hatte keine Lust, noch jemand anderem zu begegnen. Gerade hatte er sich wieder in Richtung Ausgang in Bewegung gesetzt, als er erneut Halt machte. Um den Haupteingang wurden gerade Kameras aufgebaut.

Er setzte seine dunkle Sonnenbrille auf, bevor er hinter einer jungen Frau auf die Drehtür zusteuerte. Kurz darauf begriff er, dass die Kameras ihretwegen da waren.

Er wandte sich rasch zur Seite und schlüpfte hinter eine Gruppe von Leuten, die gerade das Krankenhaus hatten betreten wollen, aber beim Anblick der Kameras stehen geblieben waren. Aus Neugier. Weil sie nichts Besseres zu tun hatten.

Die Frau, die jetzt interviewt wurde, hatte dunkle Haare, war Ende zwanzig und attraktiv. Sie kam ihm bekannt vor. Plötzlich fiel ihm ein, wo er sie gesehen hatte. Sie war gestern auf der Aktionärsversammlung gewesen. Sie hatte die Leute ausgefragt, als sie aus dem Saal strömten.

Sie hatte auch mit ihm zu reden versucht, aber er hatte sich an ihr vorbeigedrängt. Er konnte es nicht leiden, wenn man ihm Fragen stellte.

Einer der Reporter hielt ihr jetzt ein Mikrofon unter die Nase. »Miss DeCarlo, Lynn Spencer ist Ihre Schwester – ist das richtig?«

»Meine Stiefschwester.«

»Wie geht es ihr?«

»Lynn hat Furchtbares durchgemacht. Sie wäre bei dem Brand beinahe ums Leben gekommen.«

»Hat sie irgendeinen Verdacht, wer das Feuer gelegt haben könnte? Hat sie irgendwelche Drohungen bekommen?«

»Darüber haben wir nicht gesprochen.«

»Glauben Sie, dass es jemand sein könnte, der Geld bei Gen-stone verloren hat, Miss DeCarlo?«

»Darüber möchte ich nicht spekulieren. Ich kann nur sagen, dass ein Mensch, der vorsätzlich ein Haus in Brand steckt und dabei in Kauf nimmt, dass sich jemand im Innern befindet und schläft, entweder psychisch krank oder durch und durch böse sein muss.«

Neds Augen verengten sich zu Schlitzen, während sich die Wut in seinem Körper ausbreitete. Annie war gestorben, gefangen in einem brennenden Auto. Wenn er das Haus in Greenwood Lake nicht verkauft hätte, wären sie dort gewesen, an dem Tag vor zwei Wochen, als sie ums Leben kam. Sie wäre dort im Garten auf den Knien herumgerutscht und hätte Blumen gepflanzt, statt aus dem Haus in Yonkers zu rennen und so furchtbar zu weinen, dass sie nicht auf den Verkehr achtete, als sie rückwärts aus der Auffahrt fuhr.

Einen Moment lang fixierte er die Frau, die gerade interviewt wurde. Ihr Name war DeCarlo, und sie war Lynn Spencers Schwester. Ich werde dir zeigen, wer hier verrückt ist, dachte er. Schade, dass deine Schwester nicht in dem brennenden Haus draufgegangen ist, so wie meine Frau im Auto. Schade, dass du nicht in dem Haus mit ihr zusammen warst. Ich kriege sie, Annie, versprach er. Ich werde sie mir alle vornehmen, alle.

4

AUF DER FAHRT NACH HAUSE konnte ich das unangenehme Gefühl nicht loswerden, das mein Auftritt bei diesem unerwarteten Pressetermin bei mir hinterlassen hatte. Es war mir sehr viel lieber, wenn ich diejenige war, die die Fragen stellte. Wohl oder übel musste ich jedoch einsehen, dass man mich von nun an als Lynns Sprecherin und Verteidigerin ansehen würde. Ich hatte mir diese Aufgabe nicht gewünscht, und ich empfand sie zudem als reichlich unpassend. Nach wie vor war ich alles andere als überzeugt davon, dass sie eine naive und gutgläubige Ehefrau gewesen war, die nichts davon bemerkt haben sollte, dass ihr Mann ein Betrüger war.

Aber war er das? Als sein Flugzeug abstürzte, befand er sich angeblich auf dem Weg zu einem geschäftlichen Treffen. Hatte er immer noch an Gen-stone geglaubt, als er in das Flugzeug gestiegen war? Hatte er im Glauben an die gute Sache seinen Tod gefunden?

Diesmal präsentierte sich der Cross Bronx Expressway in seiner gewohnten Form. Nach einem Unfall hatte sich der Verkehr auf zwei Meilen Länge gestaut, was mir jede Menge Ruhe und Zeit zum Nachdenken ließ. Vielleicht zu viel Zeit, denn mir wurde klar, dass trotz all der Enthüllungen in den letzten Wochen über Nick Spencer und sein Unternehmen immer noch etwas fehlte, etwas nicht stimmte. Die Geschichte war zu glatt. Nicks Flugzeug stürzt ab. Der Impfstoff wird als mangelhaft, wenn nicht gar als wertlos bezeichnet. Und Millionen Dollar sind verschwunden.

War das Unglück arrangiert, hielt sich Nick unter der Sonne Brasiliens auf, wie Sam gemutmaßt hatte? Oder war das Flugzeug tatsächlich mit ihm an Bord während eines Sturms abgestürzt? Und wenn ja, wo war dann das ganze Geld abgeblieben, darunter fünfundzwanzigtausend Dollar, die mir gehört hatten?

»Er mochte dich, Carley«, hatte Lynn gesagt.

Nun, ich hatte ihn auch gemocht. Deshalb hing ich an der Vorstellung, dass es eine andere Erklärung geben könnte.

Ich passierte die Unfallstelle, die den Cross-Bronx in meiner Richtung hatte einspurig werden lassen. Ein Lastzug war auf die Seite gekippt. Zerborstene Kisten mit Orangen und Grapefruits waren beiseite geschoben worden, um eine Fahrspur zu öffnen. Die Fahrerkabine des Lkw schien intakt zu sein. Ich konnte nur hoffen, dass der Fahrer unverletzt geblieben war.

Ich bog auf den Harlem River Drive ein. Es drängte mich, endlich nach Hause zu kommen. Ich wollte die Kolumne für den nächsten Sonntag noch einmal überarbeiten, bevor ich sie ins Büro mailte. Ich wollte Lynns Vater anrufen, um ihn zu beruhigen, und ihm sagen, dass keine Gefahr mehr bestünde. Ich wollte schauen, ob vielleicht Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter auf mich warteten, speziell vom Chefredakteur des Wall Street Weekly. Oh Gott, wie gerne hätte ich einen Job bei diesem Magazin, dachte ich.

Der Rest der Fahrt verlief einigermaßen glatt. Das Problem war, dass ich immer wieder an Nick Spencers Augen denken musste und an die Aufrichtigkeit, die aus ihnen sprach, als er über den Impfstoff geredet hatte. Ich erinnerte mich genau, wie ich damals auf ihn reagierte: Was für ein toller Typ!

Die Originalausgabe THE SECOND TIME AROUND erschien bei Simon & Schuster, New York

Taschenbucherstausgabe 01/2005

Copyright © 2003 by Mary Higgins Clark Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2003 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlagillustration: photonica/Ron Miller Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München Satz: franzis print & media GmbH, München

eISBN 978-3-641-10074-2

http://www.heyne.de

www.randomhouse.de

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