Und sie bewegen sich doch - Carlo Kroiß - E-Book

Und sie bewegen sich doch E-Book

Carlo Kroiß

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Beschreibung

"Doch egal, welche Position man zu Fragen der Einwanderung nach Deutschland bezieht, die ganze Debatte krankt an einem offensichtlichen Bias: Es wird mit Vorliebe über und nicht mit den Geflüchteten gesprochen", schreibt Carlo Kroiß in seinem Kursbuch-Essay und berichtet von seinen Gesprächen mit Flüchtlingen. Die Geschichten bieten interessante Einblicke in das deutsch-europäische Asylregime und darüber hinaus etwas, das sonst nirgends zu finden ist: einen Blick auf Deutschland, der einem als Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft sonst nicht zugänglich ist.

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Seitenzahl: 22

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Carlo Kroiß Und sie bewegen sich doch

Über Ankommen und Auskommen in Deutschland

Asylbetrüger, Asylanten, Asylbewerber, Flüchtlinge, Geflüchtete – es gibt zahlreiche Erzählungen über Flucht: von kriminellen Schlepperbanden und ihren skrupellosen Machenschaften, von ungebremsten Flüchtlingsströmen und Asylbetrug oder von Krieg, Verfolgung, Elend und der rettenden Flucht. Doch dies sind alles Erzählungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft über Menschen, die geflüchtet sind. Die Geschichten der Geflüchteten selbst taugen maximal als Grundlage für rührselige Einzelfallporträts in der Zeitung oder als Teil einer Fallakte in einer Schublade der deutschen Ausländerbehörden. Dabei haben die Betroffenen viel zu berichten. Nicht nur von der Flucht selbst, sondern insbesondere auch vom Ankommen in Deutschland.

Im Rahmen meines Promotionsprojektes habe ich offene Interviews mit Asylbewerbern geführt. Manche sind erst seit kurzer Zeit in Deutschland und manche schon seit Jahren. Einige haben inzwischen einen festen Aufenthaltsstatus, andere müssen sich immer noch jeden Monat bei der Verlängerung ihrer Duldung vor der Abschiebung fürchten. Ihre Geschichten bieten interessante Einblicke in das deutsch-europäische Asylregime und darüber hinaus etwas, das sonst nirgends zu finden ist: einen Blick auf Deutschland, der auf dem Grat zwischen Innen und Außen wandert. Die prekäre Lage der Flüchtlinge erlaubt Beschreibungen über inkludierende Exklusion beziehungsweise exkludierende Inklusion,1 die eine verfremdende und damit neue Perspektive auf vermeintlich Bekanntes eröffnet.

»Wenn ich das gewusst hätte« – Begegnung mit dem deutschen Asylverfahren

Roman2 lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft in Niederbayern. Seine Flucht aus Afghanistan und sein Weg nach Europa sind von Gewalt geprägt. Das Ziel ist für Roman klar: »Und ich will jetzt gar kein Krieg. […] wo ich wohne, ich will in Ruhe leben.« Vor der Ruhe steht in Deutschland für Flüchtlinge aber immer das Asylverfahren. In diesem bürokratischen Vorgang soll überprüft werden, ob tatsächlich Fluchtgründe vorliegen und welcher Aufenthaltsstatus dementsprechend zugewiesen werden kann. Romans Asylverfahren endete negativ. »Über meine Geschichte glauben die hier nicht.« Er legte Widerspruch ein, aber auch das zweite Verfahren wurde negativ beschieden.

Aus seiner Sicht wurden ihm fehlende Dokumente, die seine Verfolgung belegen könnten, zum Verhängnis: »Die sagen jetzt: Bringst du deine Dokumente oder Fotos oder so. Ich hab keine – ich kann nicht mitnehmen. Wenn so etwas Schlimmes passiert ist, niemand kann überlegen über Dokumente. Ich dachte das nicht, wenn ich nach Deutschland komme, dann die fragen nach meinen Dokumenten. Wenn ich das gewusst hätte, dann (lacht).«

Nun lebt er als geduldeter Flüchtling in Deutschland und wundert sich: »Das ist mein Leben? Ich verstehe nicht, was ist mein Zukunft?«