Und wie wir hassen! -  - E-Book

Und wie wir hassen! E-Book

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Beschreibung

Frauen hassen nicht. Sie sind die "Besonnenen", die "Diplomatischen", während Männer die Domäne der Hetzrede für sich vereinnahmt haben. Nicht selten mit Frauen als Ziel. Frauen, die sich nicht in ihre Rolle einfügen, die laut, selbstbewusst und unbequem sind. Höchste Zeit, dem Machismus Paroli zu bieten! Lydia Haider hat 15 Autorinnen versammelt – Sibylle Berg, Stefanie Sargnagel, Raphaela Edelbauer u.v.m. –, die mit furiosen Hass- und Wutreden aufwarten: gegen das Patriarchat, gegen die politische Lage, einfach gegen alles! Dabei demontieren sie die Demagogen und Hetzredner unserer Zeit und entlarven die Dynamik des Hasses. Lydia Haider ist es gelungen, einen Band mit Texten zusammenzustellen, die so heterogen wie ihre Autorinnen sind, die von Wut und Verzweiflung erzählen, aber auch Mut machen, Dinge zu ändern und überkommene Strukturen zu hinterfragen. Ein Buch, das für Furore sorgen wird! Mit Texten von Puneh Ansari · Sibylle Berg · Verena Dengler · Ebru Düzgün (Ebow) · Raphaela Edelbauer · Nora Gomringer · Judith Goetz · Gertraud Klemm · Barbi Marković · Maria Muhar · Manja Präkels · Kathrin Röggla · Judith Rohrmoser (Klitclique) · Stefanie Sargnagel · Sophia Süßmilch

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Seitenzahl: 130

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Lydia Haider (Hg.)

UND WIE WIR HASSEN!

15 Hetzreden

Inhalt

Sophia SüßmilchVollständige und faire Liste aller Dinge, die ich hasse

Raphaela EdelbauerZum Beispiel kein Fräuleinwunder

Nora GomringerKleines Protokoll mit Anrufungscoda

Sibylle BergFußball

Stefanie SargnagelKrach

EbowAMK

Barbi MarkovićKlassenbuch

Judith RohrmoserSesshaft

EbowSchmeck mein Blut

Gertraud KlemmVier Zumutungen

Judith GoetzMeine Verachtung, entbehrliche Herren!

EbowK4L

Kathrin RögglaTaxi, Taxi

Verena DenglerJordan Peterson – Hirntod eines Vortragsreisenden

EbowAsyl

Puneh AnsariTodespostings

Maria MuharSchlachthausgasse

Manja PräkelsHasshasenangst

Autorinnen

Also zu erwarten hier ein klassisches Vorwort, nun mach dies Buch zu du Koffer und leg es weg, hast etwas ganz und gar nicht begriffen in deinem Schädel drin meine Güte armselig wie vieles muss gesagt werden, was die Sager nicht und nie sagen, noch viel deutlicher und eindringlicher weil’s nicht anders geht noch kann, muss es sein dir in dein Sehen zu ziehen mit Untrost direkt und wahr an dieser Stelle ist Sprache, die dich reinfickt ins Knie zum Ausschalten eines Musters, das du Literatur nennst lieb Freund, so ist das und nur so wird’s gemacht ohne Rücksicht auf Verluste, damit du siehst Wahres was ist und noch kommt, also reiß dich zusammen jetzt oder du bleibst zurück, ganz hinten, ganz unten und unter dem unteresten Bankerl da hinten im Dreck drin in deiner Zigfachbehinderung, die dir hier nicht genommen werden kann, aber lies mal das Buch zuerst.

Lydia Haider

Sophia Süßmilch

Vollständige und faire Liste aller Dinge, die ich hasse

Ich hasse Hoden.

Wie es Lebewesen mit so etwas zwischen den Beinen geschafft haben, Frauen zu beherrschen, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. So eine Lächerlichkeit von Organ am eigenen Körper zu haben und dabei noch aufrecht und selbstbewusst durch die Straßen zu gehen. Dabei nicht ständig zu erröten. Tragt einen Hodenhalter, bei dem Gebaumel kommt mir das Kotzen. Von so etwas Ästhetischem wie Cellulite könnt ihr mit eurem Bewuchs doch nur träumen. Väter müssen ihren Söhnen beizeiten beibringen, straffende Cremes aufzutragen, die Haare sauber zu entfernen und ab einem gewissen Alter sollten alle Männer schlichtweg einen chirurgischen Eingriff in Betracht ziehen.

An den Hoden eines Mannes zeigt sich sein Charakter.

Ich hasse München.

Gott hat ein Sinnbild für den old white man erschaffen. Es heißt München. Und wenn dann die Apokalypse über die Welt hereinbricht, jede Wette, dort sitzt man das einfach aus.

Ich hasse Salzburg.

Wenn ein wirklich schlechter LSD-Trip und die schlimmste Winterdepression, die du dir vorstellen kannst, miteinander ein Kind bekommen würden, es würde Salzburg dabei herauskommen, das Disneyland für Heimatkundler.

Ich hasse cat content.

Es interessiert wirklich absolut niemanden, wie süß du in der elendigen Einsamkeit mit deinen Dreckskatzen spielst, hör auf, Instagram damit zu verseuchen, alle wissen, dass überall in deiner Wohnung, in jedem gottverdammten Winkel, Katzenhaare kleben. Wenn ich es mir recht überlege, dann mach weiter deine idiotischen Videos und verschon uns mit deiner realen Gegenwart, denn nur du nimmst den Katzenpissegeruch nicht mehr wahr, der inzwischen auch von dir ausgeht. Es gibt einen Grund für dein Alleinsein, der Grund bist du selbst, mit deinen Katzen versuchst du das zu vergessen und hast dir die Garantie damit ins Haus geholt, dass du auch allein bleiben wirst. Eigentlich fair, dass du es aller Welt über das Internet mitteilst, dass sie sich von dir fernhalten sollte.

Aber wir WISSEN ES MITTLERWEILE, denn wir sehen es JEDEN TAG VON FRÜH BIS SPÄT. Lass einfach die Tür einen Spalt offen das nächste Mal, wenn du rausgehst, ich drück dir und uns die Daumen, dass die Viecher vor das nächste Auto laufen. Oder hau dich gleich mit davor und erlös dich selbst aus deinem Elend. Dankeschön.

Ich hasse Homöopathie.

Menschen, die sonst vernünftig sind und die eigentlich auf gute Argumente hören, glauben plötzlich an etwas, das physikalischen Prinzipien widerspricht. Es gibt nur eine Regel, wenn man mit ihnen darüber diskutieren möchte: Man kann nur verlieren. Die Dummheit und der Aberglaube in ihnen überwältigen sie und nehmen ihnen die Logik weg. Gefühlig und esoterisch klammern sie sich an ihre Zuckerkügelchen, und immer, wenn du denkst, jetzt hast du sie aber überzeugt, weil dem, was du gesagt hast, kann wirklich NIEMAND widersprechen, bekommen sie diesen idiotischen Blick und labern Zeug wie »Wir Menschen wissen eben nicht alles« und »Dem Hund von einer Freundin der dritten Cousine meines Halbbruders hat es total geholfen«, sodass du ihnen eine reinhauen möchtest vor lauter Ohnmacht und Wut. In solchen Momenten tröstet mich allein die Vorstellung, dass sie sich an ihren Globuli verschlucken und elendig ersticken. Das ist die einzige Wirkung, von der ich überzeugt bin.

Ich hasse die Landbevölkerung.

Ich hasse Nichtraucher.

Jetzt gehen sie alle in die Cafés. Mit ihren Kindern. Nur, weil ihr euch für ein Leben in Frustration und Elend entscheidet, müsst ihr mich nicht mit reinziehen.

Ich hasse den Tod.

WIE KÖNNT IHR ALLE SO TUN ALS OB NICHTS WÄRE WIR WERDEN ALLE STERBEN. WIE KÖNNT IHR STRICKEN LERNEN UND JAPANISCH UND EUCH JEDEN TAG ANZIEHEN UND AUSZIEHEN UND FRESSEN UND SCHLAFEN UND LACHEN ES KÖNNTE JEDEN MOMENT AUS SEIN IHR VOLLIDIOTEN.

Haltet inne und weinet.

Ich hasse Frankfurt.

Kein Wunder, dass hier alle auf Heroin sind, das bräuchte ich auch, um wieder halbwegs klarzukommen.

Ich hasse Ausgehen.

Egal, wo man hingeht, überall Männer, bereit, dir all den Spaß, den du gerade hast, gute Gespräche, jeden noch so schönen Tanz zu vergällen, indem sie baggern wie Blöde, glotzen, labern, hinfassen, jede abweisende Geste ist für sie im Grunde genommen eine weitere Aufforderung, es noch penetranter zu versuchen, ein Nein kennen sie nicht, für sie bist du einzig und allein Gefäß ihrer Wünsche. Woher kommt dieser Druck, diese Ignoranz, sein Gegenüber als gleichberechtigten Menschen wahrzunehmen? Woher diese Selbstverblendung? Wie kann man ihnen diesen Druck nehmen?

Am besten zwei Fliegen auf einen Schlag und Hoden ab.

Ich hasse Doppelnamen.

Der hässlichste Satz, den man sich vorstellen kann: Aus einem Ich und Du wird ein Wir. Sie sind der Inbegriff der großen Koalition. Der Einigung, dass im eigenen Leben nun nie wieder irgendwas Spannendes passieren wird. Des Einverständnisses der totalen Selbstaufgabe. Das Sinnbild des Die-Klotür-offen-stehen-Lassens. Dem freudigen »Hallo« zu schlechtem Sex. Nie klang Kompromiss scheußlicher.

Ich hasse Selfies.

Die Seuche ist durchgesickert in alle Teile der Gesellschaft. Ihr alle tut es. Es gibt kaum etwas Peinlicheres, als Selfies zu posten. Schaut her, wie ich mich selbst schön finde. Und jetzt will ich die Bestätigung dafür, dass ihr mich so seht, wie ich mich gerne sehen würde. Ich würde eher Fotos von deinem letzten Stuhlgang liken als diesen sich selbst entblößenden, unangenehm intimen Schnappschuss der narzisstischen Selbstbeweihräucherung auch nur im mindesten in Ordnung zu finden. Stellt doch kurze Videos von eurem letzten Orgasmus auf Facebook. Das wäre immerhin authentisch. #felthornymightdeletelater

Ich hasse Yoga.

Diese neoliberale Selbstfindungsscheiße, diese pseudoerleuchteten Idioten, die nur mehr passiv aggressiv kommunizieren können, es wird euch nicht besser gehen, wenn ihr noch mehr und noch mehr in euch geht, dieser als Wohlbefinden getarnte Selbstoptimierungswahn, dieses Opium fürs Volk, dieses entpolitisierende Stilllegungsmittel, bei dem man die ganze Zeit ans Ficken und ans Furzen gleichzeitig denken muss. Ihr seht außerdem so bescheuert dabei aus, dass ihr quasi alle miteinander Sex haben müsst früher oder später, weil euch vögelt eh niemand mehr.

Ich hasse Achtsamkeit.

Sie ist der Sirup im Spektrum der Wahrnehmungsstörungen.

Ich hasse Psychoanalyse.

Der Papa war gemein zu dir und die Mutti außerdem? Deine Geschwister haben dich nie beachtet und in der Schule wurdest du gemobbt? Oh, warte, so ein koksender, pimmelfixierter alter Sack hat da ein paar obskure Theorien gekritzelt, damit werden seit hundert Jahren die Leute malträtiert, damit ein paar andere Leute sich in ihren Allmachtsfantasien baden können, indem sie dreimal die Woche im Wechsel fragen: »Haben Sie geträumt?« und »Was fühlen Sie dabei?«. Ach ja, dafür darfst du natürlich zahlen, und zwar kräftig und das jahrelang, sodass du in Zukunft an gar nichts anderes mehr denken kannst, als was für eine arme Sau du doch bist. Get over it.

Ich hasse auch Alkoholiker.

Ja, du bist ein ganz ein kleines armes Wesen, du musst trinken, du musst dich schämen und dann deshalb trinken. Du könntest ja im Laufe deiner elenden Trinkerkarriere noch ganz viel Scheiße bauen und allen um dich herum wehtun und ihnen Sorgen bereiten, und dann könntest du ja deshalb trinken, weil du so ein Arschloch bist. Spar dir doch das Geld, du bist eh nichts wert.

Ich hasse BHs.

Geht nach Hause, Frauen*. Zieht euren BH aus. Egal, welches Problem ihr hattet, ihr werdet es sofort vergessen und alles wird sich in Wohlgefallen auflösen.

Ich hasse Unterhosen.

Man nenne mir ein einziges, schlüssiges Argument für Unterhosen. (Außer Hoden.)

Ich hasse Ankleiden.

Ich mein. Jeden. Verdammten. Tag. Aufs Neue. Das soll wohl ein Witz sein. Wenn das das Leben ist, nein danke.

Ich hasse Selbstliebe.

Siehe auch: »Ich hasse Yoga« und »Ich hasse Achtsamkeit«. Gleicher Menschenschlag. Nicht alles an einem selbst ist liebenswert. Sehr wahrscheinlich ist sogar, dass das Allermeiste an einem selbst weder liebenswert noch besonders ist.

PS: Wäre der Satz »Jeder Mensch ist etwas Besonderes« ein Geruch, es wäre Patschuli.

Ich hasse Kiffer.

Äääääh … jetzt habe ich vergessen, was ich sagen wollte. Hahaha! Wenn du ein wandelndes Klischee werden willst, fang einfach an zu kiffen.

Ich hasse Kinder.

Kinder sind toll. Aber Koks ist billiger und schreit nicht.

Ich hasse grünen Paprika.

Ich hasse Gesellschaftsspiele.

Bumsen mit starken Regelschmerzen, die Steuerklärung machen, einen nassen Sandsack die Treppe hochtragen, Babys beim Schreien zuhören, nach Salzburg zum Sterben fahren … All das ist im Zweifelsfall sinnvoller und macht wesentlich mehr Spaß als Brettspiele.

Ich hasse das Oktoberfest.

Zelte voll mit besoffenen Männern. Gibt es etwas, das die Hölle treffender beschreibt? Sogar Brettspiele wären mir lieber.

Ich hasse Kartoffeln.

Die Kartoffel ist die CDU unter den Nahrungsmitteln.

Ich hasse Arbeit.

Arbeit macht dumm und verdirbt den Charakter. Schaut euch eure Fratzen im Spiegel an und fragt euch, woher das kommt, ihr verkrüppelten Seelen.

Ich hasse After Eight.

Es gibt nur zwei Arten von Menschen auf der Welt: Anständige Wesen mit Geschmack und Orientierung und degenerierte Arschlöcher, die sich so sehr selbst hassen, dass sie sich bei Genuss sofort bestrafen müssen und sich beim Essen gleich die Zahnbürste ins Maul stecken.

Ich hasse Unpünktlichkeit.

Respekt ist für euch ein Fremdwort, kriegt euer Leben auf die Reihe, es interessiert mich einen Scheiß, was gerade so los ist und was für Ausreden ihr wieder parat habt, denn ihr werdet nicht müde, stetig Gründe zu finden, warum eure Zeit wertvoller ist als meine. Eure Oma ist gestorben, der Hund ist krank oder ein Krieg ist ausgebrochen, ich geb einen Fick drauf.

Ich hasse Pinkeln.

Das muss aufhören, sonst lass ich einfach laufen und piss euch eure Sofas voll.

Ich hasse Choleriker.

Ich hau euch fein die Fresse ein.

Ich hasse Tirol.

Es braucht keinen Grund, um Tirol zu hassen. Fahrt selbst hin.

Ich hasse Abende.

Ich sag nur ein Wort: Freizeit.

Ich hasse schlechtes Internet.

Ich verlasse Orte mit schlechtem Internet ohne Erklärung, und das zu Recht.

Ich hasse Rosinen.

Ihr widerlichen Schweine würdet vermutlich auch genussvoll die Bröckchen eurer Kotze fressen.

Ich hasse gekippte Fenster.

Nimm einen Stift. Nimm dein Tagebuch. Und jetzt schreibst du hundertmal: Liebes Tagebuch, da ich Ambivalenz liebe und Geld hasse und mich im Alltag daran erinnern will, lasse ich meine Fenster gekippt.

Ich hasse Millennials.

Faul sein heißt jetzt self care. Dumm sein heißt jetzt YOLO. Lachen heißt jetzt LOL. Sex heißt jetzt Netflix & chill. Che Guevara heißt jetzt Yung Hurn.

Ich hasse Leute, die langsam vor mir hergehen.

Ständig halten sie an und müssen Luft holen.

Ich hasse Pizza Hawaii.

Wenn du Ananas auf deiner Pizza magst, hoffe ich, du magst sie auch auf dem Grab deiner Kinder, weil du schwach bist, deine ganze Blutlinie ist schwach und ihr werdet den Winter nicht überleben.

Ich hasse dreckige Lichtschalter.

Putzt sie einfach, ihr abscheuerregenden Mistviecher.

Ich hasse Störungen.

Und ihr alle stört mich, immer.

Ich hasse Unordnung, ich hasse Autoritäten, ich hasse Unsicherheit, ich hasse Angst, ich hasse Schlafen, ich hasse Faschos, ich hasse Bushaltestellen, ich hasse Radiergummis, ich hasse Diäten, ich hasse Streichhölzer, ich hasse Gruppen, ich hasse Nelken, ich hasse Filme mit Männern, ich hasse Handcremes, ich hasse Acrylfarbe, ich hasse Bücher von Männern, ich hasse Sonntage, ich hasse Montage, ich hasse Musik von Männern, ich hasse Termine, ich hasse Verabredungen, ich hasse Cloud Rap, ich hasse Planlosigkeit, ich hasse Lars von Trier, ich hasse E-Mail-Verteiler, ich hasse Whats-App-Gruppen, ich hasse Meinungen, Peter Pan, Zärtlichkeit, Duschen, Dreckwäsche, Münzen, Zigarren, Reiseproviant, Bahnfahren, Autofahren, Tierbabys.

Ich bin so voller Hass, das muss Liebe sein.

Raphaela Edelbauer

Zum Beispiel kein Fräuleinwunder

Sehr geehrte Jury!

Ich verstehe Sie sehr gut. Ich verstehe Sie allzu gut, mit ganzem, glühenden Kinderherzen, das Sie mir hoffentlich nicht absprechen wollen. Ich verstehe sehr gut, dass Sie eine deutsche Gegenwartsliteratur auszeichnen wollen, die einem zum Beispiel etwas Erbauliches über das Dasein als starke, erfolgreiche, junge Frau erzählt, die einem beispielsweise eine Welthaltigkeit beibringt, die einem zum Beispiel eine Geschichte erzählt, in der man sich wiedererkennt. Glauben Sie bitte nicht, dass ich das nicht verstünde. Ich habe sogar extra einige Jahre am Institut für Sprachkunst studiert und eine Unzahl an Worten gelesen sowie geschrieben, um es extra noch besser zu verstehen.

Aber ich sage es hiermit und meine es auch so, dass ich

leider verzichten muss auf

eine Karriere auf dem Literaturmarkt,

den Wer-auch-immer-Preis,

das St.-Sowieso-Stipendium,

das Schieß-mich-ins-Knie-in-Residence-Programm,

ein Lob im Feuilleton des Potemkinschen-Dorf-Botens,

die Empfehlung der berühmten Lektorin Lucy-Puppy-Ehschowissen,

den fetzigen Lummerland-ist-abgebrannt-Slam

und die Denn-sie-fühlt-wie-du-den-Schmerz-Anthologie.

Denn ich bin zum Beispiel kein Fräuleinwunder, welchselbes es brauchen würde, um bei allen Veranstaltungen standesgemäß zu reüssieren.

Ich habe Tausende Worte hinein- und wieder herausgepresst in mich bzw. aus mir, um zu schauen, ob sie sich für den Open Mike eignen, was sie zugegebenermaßen selten taten. Man hätte sie dazu auch drapieren müssen, denke ich, zu kleinen narrativen Portiönchen, was dann auch wieder mein Versäumnis war. Ich habe das Dasein einer trotzigen Bürgerstochter à la Ronja von Rönne, die stolz behauptet, den Feminismus nicht mehr zu benötigen, ebenso verfehlt wie den lieblichen Vorstadtgestus einer Vea Kaiser, die einzigen zwei Positionen, die der Kulturjournalismus für Frauen noch in petto zu haben scheint. Glauben Sie aber bitte trotzdem nicht, dass ich nicht darüber nachgedacht hätte, ob es nicht zumindest prinzipiell funktionieren könnte, ob man da ein Fräuleinwunder aus mir hätte herausfräsen können unter sensiblen Stirnfransen und bachmannesken Zigarettenwölklein.

Sehr geehrte Literaturbeiräte, ich weiß, ich habe versagt. Ich habe aus Ideen meine Romane geboren statt aus Charakteren; aus Intellektualität statt aus Empathie, was sich insbesondere für Fräuleinwunder nicht schicken tut.

Zumindest ein älterer Herr als Protagonist hätte sich ergeben können. Er hätte vielleicht Herbert geheißen. Herbert Huber. Dem Leser hätte ich zu Zwecken der Identifikation Herberts sentimentale sexuelle Gelüste vorführen können, die zwar nicht erwidert werden, die uns aber im Gegenzug gerührt hätten. Herbert hätte täglich mit einsamem Herzen im Café Prückl gesessen und sich in unentdeckten Momenten die Tränen aus den Augenwinkeln gewischt beim Anblick junger, weißbeschürzter Kellnerinnen. Stattdessen habe ich nur Konzepte und Philosophien hingestellt, denen jede Teilhabe am Herzen anderer fremd ist.

Glauben Sie jedoch nicht, dass ich nicht GEWOLLT hätte, zum Beispiel aus dem WIRKLICHEN LEBEN zu berichten oder von der Jugendfront, zumindest solange ich noch an ihr kämpfe. Besonders junge Menschen fühlen meistens sehr stark. Sie haben viele Erfahrungen zu verarbeiten und anzubieten; diese müssen zuerst sortiert und dann in Versform gebracht werden.

Wir sitzen später in der Lesung und bemerken:

Hier finden Zeilenumbrüche statt,

denn jemand

hat mit Anstand und System