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"Unerhört": Eine Entdeckungsreise durch die Welt der Gehörlosigkeit und Gebärdensprache mit vielen Praxisbeispielen. "Unerhört" bietet eine gute Basis zum Einlesen in die Themen Gehörlosigkeit, Gehörlosenkultur und Gebärdensprache. Das Buch bietet nicht nur einen umfassenden theoretischen Hintergrund, sondern beschreibt auch mit vielen Fallbeispielen die konkrete Problematik dieser Personengruppe. "Unerhört" beleuchtet medizinische, psychosoziale und politische Aspekte rund um Gebärdensprache und Gehörlosigkeit im gesamten deutschsprachigen Raum. Das Buch zeigt Praxisbeispiele auf und gibt Tipps im Umgang mit Betroffenen. Mit Bildern und Illustrationen wird die Verbindung zu der visuell orientierten Welt Gehörloser hergestellt. In einem eigenen Kapitel finden gehörlose Künstler Gehör, den sie sollen auf keinen Fall noch weitere Jahrhunderte unerhört bleiben. Zielgruppe: Angesprochen sind vor allem Angehörige sozialer, psychischer, medizinischer Lehrberufe aber auch Angehörige und Kollegen stark hörbeeinträchtigter Personen.
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Valerie Clarke
Eine Entdeckungsreise durch die Weltder Gehörlosigkeit und der Gebärdensprache
über und von Gehörlosenmit vielen Praxisbeispielen
Dieser Titel ist auch als Printausgabe erhältlich
ISBN 78-3-96557-099-3
Sie finden uns im Internet unter
www.ziel-verlag.de
Die Erstausgabe wurde gefördert und gedruckt mit Unterstützung durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Wien und des Gehörlosenverbandes WITAF in Wien.
Wichtiger Hinweis des Verlags: Der Verlag hat sich bemüht, die Copyright-Inhaber aller verwendeten Zitate, Texte, Bilder, Abbildungen und Illustrationen zu ermitteln. Leider gelang dies nicht in allen Fällen. Sollten wir jemanden übergangen haben, so bitten wir die Copyright-Inhaber, sich mit uns in Verbindung zu setzen.
Inhalt und Form des vorliegenden Bandes liegen in der Verantwortung des Autors.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Printed in Germany
ISBN 978-3-96557-102-0 (eBook)
Verlag:
ZIEL – Zentrum für interdisziplinäres erfahrungsorientiertes Lernen GmbHZeuggasse 7– 9, 86150 Augsburgwww.ziel-verlag.de4. überarbeitete und erweiterte Auflage 2022
Deckblatt/Malereien:
von Franz Tidl, gehörlos, mit bestem Dank zur Verfügung gestellt.Alle Bilder sind käuflich beim Maler zu erwerben
Gesamtherstellung:
FRIENDS Menschen Marken Medienwww.friends.ag
© Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Einleitung
Grundsätzliches
Statistische Daten
Begriffsdefinitionen
„Taubstumm“
Hörbehinderung
Der Gehörsinn
Prälinguale Ursachen
Perinatale Ursachen
Postlinguale Ursachen
Konduktive Hörverluste
Tinnitus
Progrediente Hörstörungen
Schwerhörigkeit
Hörverlust
Wie erkennt man den Hörschaden eines Kindes?
Unterteilung der Gehörlosigkeit
Taubgeborene
Spätertaubte
Audismus
Rolle des Gehörs
Exkurs: Philosophische Betrachtungsweise des Hörens
Gehörlosenkultur und -gemeinschaft
Die geschichtliche Entwicklung der Gebärdensprache
Gebärdensprache
Wie unterhält sich jemand mittels Gebärdensprache?
Handalphabet
Wie kommunizieren?
Lippenlesen
Schriftliche Kommunikation
Zusammenfassung
In einem Raum
In der direkten Kommunikation
Ferndolmetschen
Fernkommunikation – Wie kann ich also mit gehörlosen Personen kommunizieren?
Lautsprache
Praxisteil
Schulzeugnis
Krisensitzung
Polizeiprotokoll
Sachwalterschaftsbestellung
Berufsleben
Jobwechsel
Alltag
Vollmacht
Arzt
Frustrationstoleranz
Im Spital
Lärmerregung
Erlagscheine
Pflegegelduntersuchung
Beim Psychologen
Aufgeschnappt
Wohnungsangebot
Exkurs Corona
Exkurs Dolmetschen
Österreich
Ausbildung GESDO in Linz
Taube DolmetscherInnen
Modus
Ausbildung/Studium
Abschluss
Besonderheiten
Deutschland
Schweiz
„Kinderdolmetsch“
„Unsere Hände sind unsere Sprache“
Ergo dessen
Vorgegebener Lebensweg?
Entwicklung und Erziehung
Ein typischer Anfang mit untypischem Ende
Neueste Technologien
Hörende Kinder gehörloser Eltern
CODA
Bildung
Berufswelt
Bericht von Equalizent – „Wir haben einen Traum“
Hintergründe
Schulungen in Österreichischer Gebärdensprache
Innovative Bildungszugänge
Diversity & Inklusion
Ein positives Beispiel: VIS.COM
Freizeit
Weitere Freizeitbarrieren
Notrufnummern
Tabu-Themen
Aids
HIV/Aids Workshop
Gehörlos & Homosexuell ?!
Missbrauch
Therapie
„Kunsttherapie mit gehörlosen Menschen – keine stille Kunst
Zur Vorgeschichte meiner Arbeit als Kunsttherapeutin mit gehörlosem Klientel
Aus der kunsttherapeutischen Praxis
Kunsttherapie mit gehörlosen Kindern
Gewalt
Sucht
Taubblindheit
Neues Selbstbewusstsein
Gebärdensprachanerkennung
UN-Behindertenrechtskonvention
Und nun zu etwas ganz anderem …
Bilder und Gedichte gehörloser Künstler
Patricia Resl ist Herausgeberin des Buches „Wasserhände“
Karel Karban
Franz Tidl
Dawei Ni
Xiaoshu Hu
Vinh Nguyen
Abschluss
Kontaktverzeichnis
Österreich
Schweiz
Deutschland
Literaturangaben und empfohlene Literatur
Zur Autorin
Als das Buch das erste Mal erschien, war es nicht lange nach 2003, dem Internationalen Jahr der Menschen mit Behinderung.
Jetzt, fast 20 Jahre, viele Sensibilisierungsschulungen und Aufklärungskampagnen später, erleben wir noch immer, was einfache Unwissenheit über dieses Thema den betroffenen Personen an Unannehmlichkeiten und Schaden bereiten kann. Und oft schlägt ihnen auch viel Unverständnis entgegen.
Das Interesse an diesem Thema ist ungebrochen und deshalb freut es mich, dass der Verlag sich entschlossen hat, die nun mehr eine 4. aktualisierte und erweiterte Auflage herauszugeben.
Doch zum Glück hat sich in der Zwischenzeit auch einiges getan: Es gibt neue Projekte, neue Ausbildungen, neue Chancen für Gehörlose. Und trotzdem ist es noch lange nicht genug! Es bleibt für uns alle noch viel Arbeit zu leisten, um die Gleichstellung von Gehörlosen und Schwerhörigen mit hörenden Menschen herzustellen.
In den letzten 20 Jahren habe ich habe viele Eltern und Angehörige sowie Arbeitgeber gehörloser Personen erlebt, die ohnmächtig waren in ihrer Umgangsweise mit alltäglichen Herausforderungen. Viele Gehörlose haben mich nach einem einfachen Ratgeber gefragt, den sie Verwandten oder Kollegen und Kolleginnen geben können, damit sie besser verstanden werden, weil sie ihre Welt ihnen nicht immer erklären können. Meine Freundin und Grafikerin des Buches hat mich gefragt: „Warum schreibst du so viele negative Beispiele?“ Gute Frage. Vermutlich weil sich an diesen am besten die Problematik zeigt, über die ich gerne Informationen geben will. Andererseits stellt sich immer die Frage: Ist das positive Beispiel nicht im besten Fall der Normfall? Ist nicht das, was wir nun als besonders empfinden, die Umgangsform, die wir gerne als Alltag erleben würden?
Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Spaß bei der Lektüre mit vielen magischen Momenten und würde mich sehr über weitere zahlreiche Rückmeldungen freuen. Vielleicht lässt sich ja der eine oder andere Beitrag dann in der fünften Ausgabe veröffentlichen.
Ich bedanke mich herzlichst bei meinem Verlag für die Chance der Publizierung und der Neuauflage, meinen Kundinnen und Kunden und allen ArbeitskollegInnen, von denen ich viel lernen konnte und die mir ihre Texte und Werke zur Verfügung gestellt haben, bei Barbara Schuster für die ausgezeichnete grafische Unterstützung, bei meinen Rechercheprofis Karin, Friderike und Anja aus Deutschland und der Schweiz, meinen Kritikern Silvia, Heidi, Norbert und Michaela und bei Dorian, Laura, Didi, Samu und Sepp und all meinen gehörlosen Freunden, für alles was sie mich gelehrt und mir gezeigt haben.
Die Autorin möchte darauf hinweisen, dass zur besseren Lesbarkeit männliche Formen verwendet wurden, aber natürlich alle Personen in gleicher Weise gemeint sind.
Wir wissen dass die Zahlen in den letzten Jahren im Steigen begriffen sind. Doch auf Grund statistisch schwer erfassbarer Daten und nicht klar abgrenzbarer Werte von Alters- oder Lärmschwerhörigkeit oder Mehrfachbehinderungen gibt es aber noch eine zusätzliche große Dunkelziffer. Im Augenblick leben etwa 10.000 gehörlose Personen – die auch Gebärdensprachbenützer sind – in Österreich, 80.000 in Deutschland und auch die Schweiz zählt ca 10.000 Gehörlose.
Grundsätzlich sagt man, dass ein Promill der Bevölkerung gehörlos ist.
Weiter sind etwa 450.000 in Österreich lebende Personen, 14 Millionen Deutsche Bundesbürger und rund 500.000 in der Schweiz lebende Menschen von einer Hörbehinderung betroffen. Durch tägliche „Lärmverschmutzung“ sind diese Zahlen im Steigen begriffen.
Damit Sie, geschätzte Leser, das Gleiche unter den Begriffen verstehen, möchte ich kurz eine Definition der häufigsten Worte vornehmen.
Lange Zeit war der Begriff TAUBSTUMM in aller Munde, und ist es auch heute noch. Diese Bezeichnung stammt noch aus jener Zeit, in der man meinte, gehörlose Menschen seien bildungsunfähig und dumm. Aber auch an der Schwelle zum dritten Jahrtausend besteht noch immer die Benachteiligung und Diskriminierung vieler Gehörloser in der Gesellschaft.
Außerdem meinen viele Leute, dass im Wort „stumm“ nicht nur eine Sprechunfähigkeit, sondern auch Kommunikationsunfähigkeit nachgewiesen wird.1 Gehörlose verfügen über den gleichen Sprachapparat wie jeder andere Mensch auch, nur dass sie ihre Stimme und deren Lautstärke oder Klang mittels Gehör nicht steuern und kontrollieren können. (Wie das genau funktioniert können Sie im Beitrag von Frau Luckner in einem späteren Kapitel nachlesen.)
Obwohl schon 1830 das Wort „gehörlos“ eingeführt wurde, haben sich die Begriffe „taubstumm“ und die „Stummerlsprach“ bis heute hartnäckig gehalten.
Auf den nächsten Seiten werden verschiedene Begriffe verwendet, die für Gehörlosigkeit oder für von Gehörlosigkeit betroffene Menschen stehen.
Jeder dieser Begriffe ist wertfrei und in keinerlei Weise diskriminierend gemeint. Wenn ich über Gehörlose schreibe, sind auch all jene Personen inkludiert, die auf Grund von Hörverminderung, durch Hörgeräte oder Cochlear-Implantate Höreindrücke empfinden können aber hauptsächlich Gebärdensprachbenutzer sind.
Die Gruppe aller von Hörschäden betroffenen Personen ist viel zu breit gefächert, als dass man über sie alle schreiben könnte. Natürlich trifft ein Teil der (Alltags-) Probleme auch auf altersschwerhörige oder lärmschwerhörige Personen, auf Tinnitusbetroffene oder Menschen nach einem Hörsturz zu, aber all diesen Gruppen liegt die Verwendung der Gebärdensprache nicht in erster Linie am Herzen, da sie ihr Gehör erst nach dem primären Spracherwerb und der Bildung ihrer Identität verloren haben. Das bedeutet, sie hatten in ihrer Kindheit und (meist) auch im Erwachsenenalter eine Kommunikationsmöglichkeit zur Verfügung.
Wenn in den Medien von Hörbehinderungen gesprochen wird, reduziert man diese meist auf einen medizinischen Aspekt und damit auf ein möglichst rasches „Beseitigen der Beeinträchtigung“. Cochlear-Implantate und automatisches „Schreien“ mit den Betroffenen, sowie unermüdliches Hör- und Sprechtraining sind die Folge.
Gehörlose Personen wünschen sich vor allem die Akzeptanz der Gebärdensprache, die ihre Muttersprache ist und die eine unmissverständliche Kommunikation und einen ungehinderteren Zugang zu Informationen und Bildung gewährleisten würde. Die Gehörlosengemeinschaft möchte, dass in erster Linie die Aufmerksamkeit auf ihre visuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten, nicht auf das Fehlen eines Sinnesorgans gerichtet wird.
Etwas akustisch nicht wahrnehmen zu können, stellen sich hörende Menschen oftmals furchtbar vor, und bemitleiden jeden, der nicht die Vögel am Morgen oder ein gutes Radioprogramm hören kann. Auch sind viele Ärzte der Meinung, Gehörlosigkeit wäre ausrottbar, beseitigbar, und die Gebärdensprache nur ein System, dass aus der Not heraus entstanden ist.
Solche Einstellungen führen mitunter dazu, dass an Dolmetschkosten oder Fernseh-Untertiteln gespart wird und das Geld in viele medizinische Untersuchungen und Forschungen zur Behebung des „Schadens“ fließt.
In einem Lehrbuch für Zivildienstleistende in Österreich steht in einem Kapitel zur Gehörlosigkeit:2
Die Sprachbildung in der Schule muss über die sprachliche Kommunikation hinaus die Annahme des lautsprachlich gebundenen Denkens zum Ziel haben. Wenngleich der gehörlose Mensch nie zu jener Sprachbeherrschung gelangt wie Vollsinnige, ist es dem Gehörlosen doch möglich, eine höhere Schulbildung zu erwerben. Auch stehen ihm eine Zahl von Berufsmöglichkeiten offen, so dass einer beruflichen Eingliederung grundsätzlich nichts im Wege steht. Ziel ist das „Hinführen“ des gehörlosen Menschen zu einem „Normalmenschen minus Gehör“. Dies bedeutet, dass alle Sekundärerscheinungen einer Gehörlosigkeit (wie Stummheit, Einschränkung des Vorstellungsschatzes und des vermittelten Erfahrungserwerbs […]) vermieden oder doch in Grenzen gehalten werde sollen.
Solange man solch diskriminierende Texte in Lehrbüchern wiederfindet, weiß man, dass noch ein weiter Weg zu gehen ist, bevor gehörlose Menschen als vollwertige Mitglieder in unsere Gesellschaft aufgenommen werden.
Doch bevor wir uns genauer mit diesem Thema beschäftigen, schauen wir uns kurz an, was die Medizin unter Gehörlosigkeit versteht und wie es überhaupt zu Hörbeeinträchtigungen kommt.
Verwenden Sie bitte immer den Begriff Gehörlosigkeit / gehörlos.
Um ein Geräusch wahrnehmen zu können, muss sich der Schall einen komplizierten Weg ins Gehirn bahnen und dort im Hörzentrum des Großhirns in einen Laut umgewandelt werden. Dabei wird der Schall zuerst vom äußeren Ohr eingefangen, durch das Trommelfell über die kleinen Gehörknöchelchen im Mittelohr und anschließend durch das Innenohr via Haarzellen (wo der Schall in Nervenimpulse umgewandelt wird) an das Großhirn weitergeleitet. Lassen aber ein oder mehrere Glieder dieser Kette nach, kann es zu Hörbeeinträchtigungen bis hin zur Gehörlosigkeit kommen.
Unter prälingualen Ursachen versteht man alle Komplikationen, die dazu führen, dass das Baby bereits vor der Geburt von einer Hörschädigung betroffen ist. Gründe dafür sind:
•erblich bedingte Ursachen (trifft nur in 10 % der Fälle zu)
•die Folge einer Infektion der Mutter während der Schwangerschaft, (etwa Röteln, Masern, Mumps, …)
•eine Krankheit der Mutter während der Schwangerschaft (z. B. wenn die Mutter zuckerkrank ist etc.)
•falsche oder zu viele Medikamente in der Schwangerschaft
Insgesamt trifft eine angeborene Hörbehinderung auf 36,1 % aller Gehörlosen zu. Nur 10 % aller Fälle sind erblich bedingt.4
Wenn es während der Geburt zu Sauerstoffmangel des Kindes kommt, oder das Kind ein zu geringes Geburtsgewicht aufweist, unter Säuglingsgelbsucht leidet oder Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Mutter und Kind existiert, kann es zu Hörschädigungen während des Geburtsvorgangs kommen.
Eine andere Erklärung bilden postlinguale Ursachen: Das heißt, das Baby hatte schon Hörerlebnisse, bevor die Hörbehinderung eingetreten ist. Gründe dafür sind 5:
•Infektionen, wie Tuberkulose, Scharlach, Masern, Mumps, Keuchhusten
•Stoffwechselerkrankung (kretine, endemische Taubheit)
•Infektionen wie Mittelohrentzündungen oder Meningitis
•Schädelverletzungen
•Geräuschschäden durch laute Musik, Schießerei
Diese aufgezählten Hörschäden sind zumeist von Dauer. Deswegen darf man sie nicht mit folgender Gruppe von Hörbeeinträchtigungen verwechseln:
Dabei handelt es sich um vorrübergehende Hörverluste. Sie kennen es sicher alle, wenn man Flüssigkeit im Ohr oder leichte „Verlegungen“ des Ohrs durch vermehrte Zerumenbildung hat. Wenn das bei einem Kind öfters der Fall ist, kann es mitunter zu einer leichten Störung der Sprachentwicklung des Kindes führen. Auch Mittelohrentzündungen können zu kurzfristigen Hörverlusten führen. Weiterhin können eine Gehöratresie (Verschluss des Gehörganges) oder eine Gehörgangsstenose (Verengung des Gehörganges) schuld an einer vorrübergehenden Hörstörung sein.6
Eine auch nicht zu vernachlässigende Gruppe ist die der Tinnitusbetroffenen. Unter Tinnitus versteht man ein permanentes Wahrnehmen eines Brummens, Rauschens, Tönens, Klopfens, Zischens oder Pfeifens. Dieses durchgehend wahrgenommene Nebengeräusch kann schwere Auswirkungen auf die Gesundheit des Betroffenen haben wie etwa Schlafstörungen, Konzentrationsmängel oder Depressionen. Ein Tinnitus kann viele verschiedene Ursachen haben. Bei einer Reihe von Patienten ist allerdings weder eine Ursache noch ein Auslöser nachweisbar (idiopathischer Tinnitus). 2021 wurden in Deutschland neue Studien zum Thema Tinnitus veröffentlicht: Zwischen 5 und 15 Prozent der Gesamtbevölkerung berichten vom Vorliegen eines Tinnitus, etwa 1 Prozent der Bevölkerung zeigt sich in der Lebensqualität durch das Ohrgeräusch erheblich belastet. Besonders rasant steigt die Anzahl der betroffenen Personen zwischen 45 und 55 Jahren. Derzeit kommt es in Deutschland zu ca. 300.000 Neuerkrankungen pro Jahr! Diese Zahlen hat auch schon die Gesundheitskassen dazu gebracht, spezielle Tinnitus Rehas anzubieten. Interessant ist die Tatsache, dass gehörlose Personen auch unter Tinnitus leiden können. Eine gehörlose Dame berichtete mir, dass sie seit ihrem 6. Lebensjahr keine Hörgeräte trage, weil sie damit keine Sprache wahrnehmen kann. Seit nunmehr 3 Jahren hat sie ein Pfeifen in beiden Ohren. Ihr HNO-Arzt hat ihr nun auf Grund der Tinnitusbeschwerden ein Hörgerät verordnet. Wenn sie dann das Radio aufdreht, stört sie der Tinnitus weniger, auch wenn sie das Radioprogramm an sich nicht verstehen kann.
Dies sind Hörstörungen, die eine fortschreitende Verschlechterung mit sich bringen. Diese Störung reicht von leichter Hörverminderung im Kindesalter bis hin zur völligen Ertaubung im Erwachsenenalter.7
0 bis 20 dB vernachlässigbare Hörschädigung
20 bis 40 dB geringgradige Schwerhörigkeit
40 bis 60 dB mittelgradige Schwerhörigkeit
60 bis 80 dB hochgradige Schwerhörigkeit
>90 dB an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit
Grundsätzlich wird durch Eltern Kind Pass Untersuchungen oder Hörscreenings flächendeckend das Hörvermögen der Kinder getestet, zumindestens in der Theorie. Das kann bei Säuglingen bereits mittels der sogenannten BERA (Brain Electric Response Audiometrie) gemacht werden, bei Kleinkindern verwendet man Reflex- oder Verhaltensaudiometren oder Spielaudiometren.
Dennoch sind viele Fälle dokumentiert, wo die Hörbeeinträchtigung des Kindes viel zu spät erkannt wurde.
Beispiel: Eine junge Mutter kam in ein Amt für Jugend und Familie der Stadt Wien und bat um Hilfe, weil ihr Sohn ihr nie folgte. Die Sozialarbeiterin machte daraufhin einen Hausbesuch. Dort fand sie den fünfjährigen Buben friedlich spielend in seinem Zimmer vor. Er schien sie nicht zu registrieren. Sie rief seinen Namen. Er reagierte nicht. Schritt für Schritt ging sie auf ihn zu und rief dabei wiederholt seinen Namen. Erst knapp einen Meter hinter ihm stehend reagierte er.
In einem anderen Fall waren die Eltern der Überzeugung, dass ihr Kleinkind einfach zu faul zum Reden sei. Erst viel später wurde die Gehörlosigkeit entdeckt.
Der Hörsinn eines Kindes wird schon beim Embryo entwickelt und das Kind lauscht ab der Geburt seiner eigenen Stimme, spielt mit den Lauten und versucht andere nachzuahmen. Ab der 6. – 8. Lebenswoche fängt das Baby zu Lallen an. Das Kind beginnt sich für fremde Laute zu interessieren und mit Brabbeln zu „beantworten“. Sollte das nicht der Fall sein bzw. das Lallen nach einiger Zeit aufhören, kann es das erste Anzeichen für eine Hörbehinderung des Kindes sein. Mit zunehmenden Alter wird das hörbeeinträchtigte Kind wenige stimmliche Äußerungen von sich geben, das Kind wird inaktiv oder neigt zu Wutanfällen. Hat das Brabbeln aufgehört und gibt das Kind unkontrollierte Lautausbrüche von sich, sind dies weitere Hinweise einer Hörbehinderung. Besteht der Verdacht einer Hörbeeinträchtigung, sollte sofort ein Arzt und eine unabhängige Beratungsstelle aufgesucht werden 9. Untersuchungen sind zu dem Schluss gekommen, dass hörgeschädigte Kinder in der sozialen Entwicklung gehemmt werden, wenn sie nicht frühzeitig durch andere Reize stimuliert werden, denn die Sprachentwicklung ist erst mit dem 7. Lebensjahr abgeschlossen, die Syntax (Satzbau) überhaupt erst mit 15 Jahren.
Wenn Sie nicht sicher sind, ob jemand in ihrer Umgebung von einer starken Hörbeeinträchtigung betroffen ist, lassen sie absichtlich das Mobiltelefon läuten oder den Löffel vom Tisch fallen und beobachten Sie die Reaktionen. Aber auch wenn ein Kind häufig Ihre Aufträge falsch ausführt oder oft erschrickt, sollten Sie aufmerksam werden.
Das Wort Gehörlosigkeit umfasst zwei verschiedene Gruppen von Personen
•Taubgeborene bzw. vor dem Spracherwerb ertaubte Personen
•Spätertaubte
Von Taubgeborenen spricht man, wenn die betroffene Person ohne jegliche Hörerfahrungen geboren wurde, also durch eine prälinguale Ursache das Gehör verloren hat. Diese Person hat wenig Vorstellungen von Klang oder Lautstärke. Sie wird viel Training absolvieren müssen, um eine Lautsprache zu erlernen, da sie über kaum Möglichkeiten von Eigenkontrolle und Artikulationserfahrung verfügt. Dies erlernt sie durch Ertasten und Spüren. Meistens nimmt man Personen, die durch Geburtskomplikationen ihren Hörsinn verloren haben, auch in diese Gruppe mit hinein, da die Monate im Mutterleib nicht ausreichen, sich an Laute zu erinnern, um sie dann zur Sprachreproduktion zu verwenden.
Zu der Gruppe der Spätertaubten zählt man Personen, die nach dem 3. Lebensjahr ertaubt sind. Das bedeutet, dass sie bereits Höreindrücke gesammelt haben und schon mit dem Erwerb einer Lautsprache begonnen haben. Mit der Zeit gehen Sprachmelodie und Lautstärkegefühl verloren, aber es ist bereits ein großer aktiver Sprachwortschatz vorhanden. Laut neuesten wissenschaftlichen Forschungen werden Laute und Geräusche drei bis siebzehn Jahre lang im Hörzentrum des Gehirns gespeichert, danach wird der Speicher gelöscht, was bedeutet dass Geräusche nicht mehr erkannt oder interpretiert werden können.
Zu der Gruppe der Spätertaubten zählt man auch erwachsene Personen, die von einem Hörsturz betroffen sind. Ein Hörsturz kann u. a. auftreten durch
•alle Arten von Stressfaktoren
•Viruserkrankungen
•Durchblutungsstörungen
•erhöhte Cholesterin-Werte im Blut
Wenn jemand im Erwachsenenalter ertaubt, wird heutzutage versucht, Erfolge mit einem Cochlear-Implantat zu erzielen (genauere Beschreibung dazu finden Sie in späteren Kapiteln).
Im Erwachsenenalter Ertaubte können schlechter Lippenlesen, da sie es nie trainiert haben. Und auch die Gebärdensprache beherrschen viele nicht, oder sie sind zu mindestens erst nach dem Erwerb der Lautsprache als Muttersprache damit konfrontiert worden. Diese Personengruppe ist meist von großer Isolation bedroht, da ihnen eine Integration sowohl in Gehörlosenverbände als auch in die hörende Welt schwer fällt. In der hörenden Umwelt verändert sich alles, in der Gehörlosengemeinschaft fühlen sie sich aber – meist auf Grund der fehlenden Gebärdensprachkompetenz – auch nicht zu Hause.
Was alle Gruppen gemeinsam haben, ist ein wichtiger Faktor: Gehörlosigkeit ist keine sichtbare Behinderung, und damit gehen viele Missverständnisse einher.
Dies muss stets in Erinnerung behalten werden. Denn oftmals entstehen unangenehme Situationen weil man nicht bedenkt oder merkt, dass sein momentaner Gesprächspartner, hörbeeinträchtigt ist und keine Antwort geben kann, da er ihm den Rücken zukehrt und er nicht (zumindest ein wenig) von den Lippen ablesen kann.
Beispiel: Bei einer Seniorenmesse in Wien war ich mit dem Pensionistenclub des Gehörlosenverbandes WITAF unterwegs. Ein Lieferant versuchte seine Mineralwasserkisten durch die Menge zu schieben. Laut rief er „Achtung! Achtung!!“ vor sich her. Plötzlich stand er vor den Mitgliedern der Gruppe und wurde furchtbar ärgerlich, weil keiner auf ihn reagierte.
Die Gruppe der Gehörlosen und die der Schwerhörigen arbeiten nur bedingt bei Aktivitäten und politischen Aktionen zusammen, da sie gänzlich unterschiedliche Anliegen verfolgen!
Der Vollständigkeit halber soll der neue Begriff „Audismus“ hier als Gegenpol genannt werden. Er hat sich in den letzten Jahren eingebürgert und bezeichnet die Geisteshaltung Hörender gegenüber gehörloser Personen, wodurch systematische Diskriminierung hervorgerufen wird. Audismus ist eine Form des Ableismus. (Der Begriff Ableismus bezeichnet wiederum die Beurteilung von Menschen nur anhand ihrer „Fähigkeiten“, was als behindertenfeindlich angesehen wird. Menschen mit Behinderung würden aufgrund des Fehlens bestimmter „Fähigkeiten“ abgewertet.)
Der Vollständigkeit halber soll an dieser Stelle noch der Begriff DEAFHOOD erwähnt werden. Es ist ein von ist ein vom gehörlosen britischen Wissenschaftler Patrick (Paddy) Ladd um 2003 entwickeltes Konzept in dem er versucht, dem negativen Begriff der Taubheit (Deafness) einen positiven Begriff entgegenzusetzen. Taubsein wird nicht als ein Defizit verstanden, sondern als ein Lebensgefühl. 10 Ladd betrachtet die Gehörlosen nicht als Behinderte, sondern als Angehörige einer kulturellen Gruppe, ohne die die Welt ärmer an Vielfalt wäre.
Warum spielt das Gehör eine solch große Rolle im Alltagsleben? Die vier wichtigsten Punkte sind:11
a) Hören spielt eine Rolle in der Entwicklung von Sprache und Kommunikation. Fragt man einen Linguisten, was Sprache ausmacht, erhält man die Antwort, dass sie etwas Natürliches und spontan Reproduzierbares ist. Das bedeutet, dass das Kind automatisch Laute wiederholt, die es hört. Wenn es Erfolg hat, wird sich das Kind das merken (z. B. wenn die Oma lacht, wenn das Kind auf einen Hund zeigt und „Wau Wau“ sagt).
Für gehörlose Kinder ist eine bloße Mundbewegung ohne Ton dazu niemals spontan reproduzierbar, sondern nur durch langes mühevolles Training mit Logopäden.
Wächst das gehörlose Kind in einer gehörlosen Familie auf, wird es schnell anfangen Gebärden zu kopieren und einzusetzen, genau nach dem gleichen Lernschema wie hörende Kinder Sprache erwerben. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Bewegungen, die gehörlose Kinder machen, nicht mit automatischen Bewegungen von hörenden Kindern verglichen werden kann. Sie sind eindeutig als Sprache erkennbar.
b) Hören ist eine kontinuierliche Quelle der Information über Dinge und Ereignisse unserer unmittelbaren physischen Umwelt.
Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einer dicht gedrängten U-Bahn und die Person neben ihnen telefoniert. Binnen kürzester Zeit haben sie mehr Information über diese Person gesammelt als sie jemals wissen wollten: Wann sie nach Hause kommt, was sie noch einkaufen gehen soll, wie das Gegenüber seine Arbeit machen soll etc … Der U-Bahnwagon bleibt bei einer Station stehen und über die Lautsprecher hören sie: Auf Grund der Erkrankung eines Fahrgastes kann es zu einem Aufenthalt von 15 Minuten kommen …Binnen 5 Minuten haben Sie also sehr viel Information gehört, während die gehörlose Person dem Telefonat nicht viel entnehmen konnte und die Lautsprecherdurchsage gar nicht mitbekommen hat.
Wenn man sich nur kurz vor Augen hält, was man durchschnittlich an einem Tag an auditiven Reizen erhält, kann man sich vorstellen, dass es für den Gehörlosen einen weit größeren Kraftaufwand bedeutet, ständig „am Laufenden“ zu sein und täglich dazuzulernen.
c) Hören vermittelt Warnsignale, die für die physische Sicherheit wichtig sind. Auch im Schlaf ist das Hörorgan das einzige, welches aktiv bleibt
Gehen sie einmal mit einem laut aufgedrehten Walkman durch die Stadt. Automatisch werden Sie sich in diesen Minuten öfters umdrehen oder umherschauen. Das 5 Minuten lang zu machen mag lustig erscheinen und schärft sicherlich wieder Ihre Sinne. Aber es ein ganzes Leben lang zu machen bedeutet, ständig erhöhtem Stress ausgesetzt zu sein. Viele Gehörlose fürchten sich, weil sie nicht hören können, wenn sich jemand „anschleicht“.
