Ungarische Zustände - Wilhelm Droste - E-Book

Ungarische Zustände E-Book

Wilhelm Droste

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Beschreibung

Imre Kertész, Péter Nádas, Péter Esterházy – Ungarn ist hierzulande berühmt für seine großen Literaten, für seine genialen Komponisten und für eine der kompliziertesten Sprachen Europas. In den letzten Jahren macht das Land aber vor allem mit Menschenrechtseinschränkungen, Medienkontrolle und Abschottungspolitik Schlagzeilen. Der Schriftsteller und Journalist Wilhelm Droste lebt seit vielen Jahren in der ungarischen Hauptstadt und kennt Land und Leute gut. Mit Sorge blickt er auf die oben genannten Tendenzen, besonders in Hinblick auf Kunst und Kultur: «Längst schon befindet sich das Land in einer vollkommen neuartigen, gespenstischen Gefangenschaft, das gilt ganz besonders für die empfindliche Schicht seiner Denker und Dichter, seiner Grübler und Künstler. Sie lebt in tiefster Resignation und Isolierung, als habe es vor zwanzig, dreißig Jahren die Zeichen der Hoffnung und Signale der Befreiung nicht gegeben.» Droste beschreibt seine aktuellen Eindrücke zu Ungarn. Ein Bau in der Innenstadt rückt dabei in das Zentrum seiner Bilanzen. Der Palast der Piaristen, des katholischen Schulordens, erzählt seine Geschichte, verrät dabei zugleich so manches Geheimnis der neueren Geschichte des Landes und erklärt die Wahlverwandtschaft des Autors zu Budapest und seinen Menschen, die er trotz aller aktuellen Verwundungen auch heute nicht bereut. Budapest bleibt ein faszinierender Ort, den es zu entdecken lohnt.

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Seitenzahl: 59

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Wilhelm Droste

Ungarische Zustände

Ein Schauplatz erzählt Geschichte

 

 

 

Über dieses Buch

Imre Kertész, Péter Nádas, Péter Esterházy – Ungarn ist hierzulande berühmt für seine großen Literaten, für seine genialen Komponisten und für eine der kompliziertesten Sprachen Europas. In den letzten Jahren macht das Land aber vor allem mit Menschenrechtseinschränkungen, Medienkontrolle und Abschottungspolitik Schlagzeilen. Der Schriftsteller und Journalist Wilhelm Droste lebt seit vielen Jahren in der ungarischen Hauptstadt und kennt Land und Leute gut. Mit Sorge blickt er auf die oben genannten Tendenzen, besonders in Hinblick auf Kunst und Kultur: «Längst schon befindet sich das Land in einer vollkommen neuartigen, gespenstischen Gefangenschaft, das gilt ganz besonders für die empfindliche Schicht seiner Denker und Dichter, seiner Grübler und Künstler. Sie lebt in tiefster Resignation und Isolierung, als habe es vor zwanzig, dreißig Jahren die Zeichen der Hoffnung und Signale der Befreiung nicht gegeben.»

Droste beschreibt seine aktuellen Eindrücke zu Ungarn. Ein Bau in der Innenstadt rückt dabei in das Zentrum seiner Bilanzen. Der Palast der Piaristen, des katholischen Schulordens, erzählt seine Geschichte, verrät dabei zugleich so manches Geheimnis der neueren Geschichte des Landes und erklärt die Wahlverwandtschaft des Autors zu Budapest und seinen Menschen, die er trotz aller aktuellen Verwundungen auch heute nicht bereut. Budapest bleibt ein faszinierender Ort, den es zu entdecken lohnt.

Impressum

Originalausgabe

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2017

Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München

Umschlagabbildung FinePic, München

ISBN 978-3-644-00078-0

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

In diesem Versuch werden drei Schicksalswege beschrieben, die sich immer wieder berühren, glücklich miteinander verkreuzen oder sich gelegentlich auch schmerzhaft in die Quere kommen: das Schicksal der ungarischen Hauptstadt Budapest, ein herrschaftlich großes Gebäude in der Mitte der Stadt, der Piaristenpalast an der Eisabethbrücke, und das Schicksal des Autors selbst, eines Westfalen, der nun schon mehr als die Hälfte seines Lebens, über dreißig Jahre, in seiner ungarischen Wahlheimat lebt.

Der Palast der Piaristen, Held und Schauplatz dieser Geschichte. An der Ecke wird bald das Café- und Kulturzentrum DREI RABEN entstehen, von dem am Ende die Rede sein wird. Die Markise ist schon ausgefahren.[*]

Aus der Haut fahren

Warum nur fällt es mir so erbärmlich schwer, diesen Bericht zu beginnen? Gefreut hatte ich mich auf die Aufgabe einer persönlichen Bilanz, die Beschreibung der Hälfte des eigenen Lebens und des Zustands meiner Stadt Budapest, der Stimmung in Ungarn. Doch nun tanze ich seit Monaten verängstigt um die Maschine herum, beim Blick auf die Buchstabentasten schrecke ich zurück. Die ganze Klaviatur grinst mich an wie eine sündige Versuchung, ein Aufruf zum Verrat. Ich bringe es einfach nicht fertig, auf dem Stuhl zu bleiben, um ehrlich über dieses Land zu schreiben, das seit mehr als dreißig Jahren meine Wahlheimat ist. Über Jahrzehnte hinweg habe ich begeisterte Hymnen auf Ungarn gesungen, in der tiefsten und dankbaren Gewissheit, hier mein gelobtes Land gefunden zu haben, und nun soll ich fähig sein, diese alte Liebe mit der gebührenden Kälte kritischer Vernunft in Frage zu stellen? Ist dieses Land, das mir im Moment so heftigen Kummer bereitet, vielleicht doch nicht die schützende Heimat? Nicht das rettende Ufer am Horizont der eigenen Odyssee?

Tief erschrocken, muss ich vor allem mir selbst eingestehen, wie kurzsichtig, ja geradezu blind ich durch meine Augenzeugenschaft aus nächster Nähe geworden bin. Seit 1974 lebe ich in Ungarn, seit 1989 wohne und arbeite ich in Budapest, seit 1986 gibt es ein kleines Lehmhaus in der Puszta mit Ziehbrunnen und blökenden Schafen, in das ich mich auf ungarische Art vor aller Welt verkrieche, auch jetzt gerade, zur Überwindung des Schreibkrampfs.

Mit der Zeit bin ich auch tief hineingeraten in diese befremdliche Sprache. Beherrschen werde ich sie nie, aber ich lasse mich gern beherrschen von ihr, sie ist der Klang meines Alltags, sie lenkt mein Denken und entschiedener noch mein Fühlen. Die ungarische Sprache besingt die Welt, die deutsche zerlegt sie. Dieser völlig anders operierenden Sprache verdanke ich eine wunderbare Bewusstseinserweiterung, ein sinnlich fühlendes Vorantasten des Denkens. Hölderlin sehnte sich nach einer Sprache des Herzens und überlieferte sich dabei vollkommen dem Altgriechischen. Ähnlich ergeht es mir mit dem Ungarischen. Liegt mir etwas auf dem Herzen oder ist dieses Herz besonders bewegt, dann spricht meine innere Stimme ungarisch, will ich einen Gedanken formulieren, eine Idee fassen, Kontexte finden, dann geht das nur deutsch. Philosophie klingt auf Ungarisch grauenhaft hässlich, Lyrik aber entsteht mit einer musikalischen Leichtigkeit, manchmal geradezu unfreiwillig mitten im Fließen der Alltagssprache. Man hört die Wahrheit im Klang der sich umarmenden Worte. Es gibt einen großen Kult um diese Sprache, weil sie so seltsam anders ist als all die übrigen europäischen Sprachen. Herder prophezeite den Ungarn einen allmählichen Untergang, weil sie sich als kleines Volk mit dieser exotischen Andersartigkeit in Mitteleuropa nicht würden halten können. Es ist aber vielleicht gerade genau umgekehrt: Das Seltsame schützt die Seltsamen. Auf jeden Fall ist die Sprache einer der wichtigsten Gründe, die mich hier in Budapest halten, in ihr will ich leben. Und sollte es in Budapest völlig unerträglich werden, dann bleibt immer noch Rückzugsraum in allen Nachbarstaaten, denn überall gibt es ungarisch bewohnte Regionen, nicht nur im rumänischen Siebenbürgen, in der serbischen Vojvodina und der südlichen Slowakei. Auch Toronto wäre eine mögliche Eremitenstadt für die Flucht aus Ungarn nach Ungarn. Sie galt lange als die zweitgrößte Stadt, denn es gab dort 1956 mehr Flüchtlinge als Einwohner in Szeged oder Debrecen.

Für die Liebe zum Ort, dafür sorgen natürlich ganz stark auch die Freunde und die Liebsten. Eine ungarische Frau, zwei ungarische Kinder, längst erwachsen, all das sind lebendige Garanten einer Nähe, die näher kaum sein könnte. Ich müsste fähig sein, aus der eigenen Haut zu fahren, um mir selbst und anderen verraten zu können, was hier in Ungarn vor sich geht.

Von Europa ewig getrennt

Schreibkrisen treiben mich nicht nur suchtkrank zum Kühlschrank und in die fatalen Abgründe des Internets. In meiner inneren Unruhe räume ich die Bücherschränke aus – ein guter Leser bin ich nicht, dafür aber ein manisch hemmungsloser Sammler bedruckter Papiere – und stoße in der viel zu großen Bibliothek auf längst vergessene Schätze. Ein verstaubtes Buch im leicht feuchten Landhaus fällt mir in die Hände, ein kleiner Käfer krabbelt aus den wellig gewordenen Seiten. Nach Ablenkung hatte ich gesucht, doch der erste Satz stößt mich mitten hinein in mein gefürchtetes Thema: