UNGEHEURER ALLTAG - Gerd Fürstenberger - E-Book

UNGEHEURER ALLTAG E-Book

Gerd Fürstenberger

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Beschreibung

Wie lebt es sich mit einer Taube auf dem Kopf? Wie mit einem körperlosen Geliebten? Wie auf einer Reise ohne Ziel? Wie ist es, wenn der Alltag zu etwas Ungeheurem wird, voller Überraschungen und unvorhersehbaren, ja fantastischen Wendungen? Wie sehr der Alltag selbst fantastisch ist: Das erfahren Sie in diesem Buch. In ihm verfolgen Sie den »ungeheuren Alltag« mehrerer Personen, die in Ihrer Nachbarschaft leben könnten. Sie lesen Geschichten von »Menschen wie du und ich«, voller Zufälle, Glück und Unglück, Liebe und Hass – Geschichten, die sich im Lauf der Lektüre immer mehr miteinander verflechten. Sie tauchen ein in ein Erzählwerk voller Leben, Kontraste, Farben und Formen, die sich wie ein Mosaik zu einem Ganzen fügen – eben zu einem kurzweiligen, packenden Roman.

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EPUB
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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gerd Fürstenberger

Ungeheurer Alltag

Ein Roman in Geschichten

Gerd Fürstenberger

UNGEHEURER ALLTAG

Ein Roman in Geschichten

Zwischen den Stühlen 19

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: April 2026

Zwischen den Stühlen @ p.machinery Michael Haitel

Kai Beisswenger & Michael Haitel

Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.

Titelbild: Kai Beisswenger

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Kai Beisswenger

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Zwischen den Stühlen

im Verlag der p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.zds.li

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 508 0

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 658 2

1 Der Mann mit dem Vogel

Paula hatte nicht immer diesen Namen. Natürlich nicht. ICH nenne sie so, auch der Name flog mir zu. Wie sie. Vielleicht ist Paula auch ein Paul, ich bin kein Ornithologe und kenne mich mit den Geschlechtsmerkmalen von Vögeln nicht aus. Noch nicht, ich lerne dazu. Woran es allerdings von Beginn an keinen Zweifel gab: Paula ist eine Taube. Und sie (oder vielleicht »er« in Gottes Namen, ich folge nur dem Sprachgebrauch) ist keineswegs eine besondere Taube, es gibt unzählige ihrer Art. Allerdings hat sich, wie ich vermute, noch keine den Kopf eines Menschen als ihr Heim ausgesucht. Diese Ehre nun wurde mir zuteil.

Ich kann mit Fug von Ehre sprechen, denn tatsächlich suchte Paula sich vor zwei Wochen gerade mich unter vielen aus, als ich mit meinen Kollegen von einem Betriebsausflug zurück in die Stadt kam, und wir uns am Bahnhof verabschiedeten. Natürlich lachten die anderen, als Paula – die Kollegen und ich dachten, versehentlich! – auf meinem Kopf landete, aber ich vertrieb mein Täubchen gleich wieder und dachte, die Sache wäre damit erledigt. Es kam anders. Wenige Minuten später, als ich die paar Hundert Meter allein nach Hause spazierte, kehrte Paula zurück. Jedenfalls denke ich, dass es Paula war. Zunächst nahm ich nach einem Flattern über mir ein Jucken, Trippeln und Ziepen auf meinen spärlich gewordenen Haaren wahr. Und erst, als ich nach oben griff und Paula schmerzhaft nach meiner Hand pickte, war die Sache klar.

Ich schlug nach ihr, wischte über meinen Kopf, sie flatterte auf – und kehrte zurück. Das wiederholte sich drei- oder viermal, bis ich vor meiner Haustür angelangt war. Meine Frau öffnete, rollte die Pupillen gen Himmel und klatschte in die Hände. »Großer Gott, was ist denn das?«

»Was schon, eine Taube«, erklärte ich missmutig. Anna, die Tiere im Allgemeinen ungern berührt und sich von ihnen ungern berühren lässt – ich vermute, aus hygienischen Gründen, denn meine liebe Frau ist sehr reinlich – schlug mit hysterischer Verve nach dem Vogel. Der aber erwies sich als kampfeslustig und zahlte den Angriff mit gleicher Münze zurück, mit dem Schnabel stechend und den Flügeln schlagend. Verletzt und wohl auch schockiert von dieser Gegenwehr, schlug meine Frau die Tür vor uns zu, und ich musste inständig und lautstark bitten, ehe sie sie wieder öffnete.

Die beiden Kombattanten hatten sich nun etwas beruhigt, und so trat ich mit meiner ungewohnten Begleitung ein, wobei die Blicke meiner Frau uns wie gebannt folgten. Als ich meine Jacke auszog, stellte ich fest, dass diese auf der Schulter mit einem dicken weißgrauen Flecken »geschmückt« war, über dessen Herkunft kein Zweifel bestehen konnte. Es gelang mir, das Malheur vor Anna fürs Erste zu verbergen, indem ich die Jacke mit dem Rücken zur Wand an den Ständer in der Diele hängte. Im Bewusstsein ihres Triumphs, so kam es mir vor, blieb Paula auf meinem Kopf und verhielt sich ruhig, soweit Angehörige ihrer Sippe dazu in der Lage sind.

»Und was machen wir jetzt?« Anna starrte zuerst den Vogel und dann mich mit absichtsvoll aufgerissenen Augen an. »Ich will dieses Tier nicht hier haben! Und dann auch noch …« Sie stockte und keuchte, aber es war ohnehin klar, was sie sagen wollte. Meiner hatte sich da schon eine gewisse Resignation bemächtigt, und ich leugne nicht, dass ich sogar ein wenig geschmeichelt war, von einem arglosen Einwohner der Natur erwählt worden zu sein, als, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll: Heimstatt? Rastplatz? Nestersatz? Aus dem heutigen Abstand muss ich allerdings zugestehen, dass wohl kaum ich als Person, sondern nur mein Kopf, und von ihm auch nur der gen Himmel gewendete Teil, gleich einem Flugplatz, ausgewählt worden war. Leider wird mir wohl immer verborgen bleiben, was genau meine Paula an dieser kläglichen Plattform so magnetisch anzog.

»Willst du sie denn umbringen?«, fragte ich also. »Sie ist harmlos und wird uns nichts tun, wenn wir sie in Ruhe lassen.«

»Harmlos? Hier, schau, ich blute sogar!« Tatsächlich hatte Paula (die da noch nicht so hieß) meiner Frau im Gefecht mit ihrem Schnabel eine kaum centgroße, aber rot leuchtende Wunde an der Wange beigebracht. »Oh je, du Arme, aber … das war doch im Grunde nur Notwehr«, sagte ich in beschwichtigendem Ton und zu meiner eigenen Überraschung mit nur vorgetäuschtem Mitleid. »Und wahrscheinlich verschwindet das Vieh eh von selbst wieder, wenn es ihm da oben langweilig wird.«

Das schien meiner Frau ein wenig Hoffnung zu machen: »Dir scheint das auch noch zu gefallen. In Gottes Namen. Soll die Krähe verschwinden, ich mach schon mal die Fenster auf.« Was sie trotz der an diesem Tag ungewöhnlich kühlen Witterung auch umgehend tat.

Wir froren also bei sperrangelweit geöffneten Fenstern. Paula aber blieb unbeeindruckt und spazierte selbstbewusst auf meiner Halbglatze herum, während ich, immer wieder abgelenkt wie meine Frau, dieser von meinem Betriebsausflug zu erzählen versuchte. Die Bewegung, in der ich und mein Kopf sich fast durchweg befanden, schien dem Vogel nichts auszumachen: Er trippelte eifrig und geschickt immer dorthin, wo er aufrecht stehen konnte.

Erst als meine Frau und ich dann bald und zur gewohnten Zeit das Abendessen richteten, schien Paula nervös zu werden, schlug mit den Flügeln und flatterte sogar über meinem Kopf auf und ab, ich vermute, weil sie Hunger bekommen hatte. Soweit es uns möglich war, versuchten Anna und ich, uns auch jetzt wie immer zu verhalten und den ungebetenen Gast zu ignorieren. Im Nachhinein kommt es mir vor, dass es das letzte Mal war, dass wir uns einig waren.

Als wir uns an den Tisch gesetzt hatten und ich mir mein Brot schmierte, beäugte Paula mein Tun aufmerksam, wie ich am oberen Rand meines Sichtfelds erkennen konnte. Das änderte sich auch nicht, als ich den mit Wurst und Käse belegten Happen zum Mund führte, zubiss und kaute. Dann, als das Brot schon fast ganz zur weiteren Verarbeitung in meinem Magen verschwunden war, stürzte sich Paula plötzlich herab, packte den Wurstrest und brachte diesen an ihren Lieblingsplatz, wo sie umgehend begann, das Stückchen – auf das ich gut verzichten konnte – zu verzehren. Zu meinem Erstaunen schien sie es dabei zu vermeiden, mit ihrem vorsichtig pickenden Schnabel den empfindlichen Boden unter ihren Füßen zu verletzen.

Meine Frau hingegen, ohnehin von Paulas unerwarteter Anhänglichkeit entnervt, war weniger erstaunt als entsetzt. Sie fasste sich aber schnell und schlug nach der ihr ohnehin unliebsamen neuen Mitbewohnerin, um sie einmal mehr mit Gewalt zum Aufgeben zu bewegen. Bei mir erregte das Mitgefühl mit der hungrigen, letztlich schwächeren und diesmal kaum Gegenwehr leistenden Kreatur: »Du wirst Paula verletzen, am Ende noch töten!«, sagte ich in Richtung meiner Frau. Das war das erste Mal, dass ich den Namen aussprach. Der hatte sich mir gerade unwillkürlich angeboten, war also das, was man eine Eingebung nennt. »Ist dieses Vieh dir am Ende wichtiger als ich«, gab Anna empört zurück. »Willst du diese … Paula, dieses Monster, als Haustier haben!? Schau meine Verletzungen an!«

»Natürlich stehst du an erster Stelle«, stellte ich richtig. »Pflaster sind übrigens im Küchenschrank, in der unteren Schublade. Ich hol dir gern eins. Sieh mal, letzten Endes sind Tauben doch sehr friedfertige Wesen, wenn man sie nicht gerade angreift. Denk an die Friedenstaube! Und mach dir meinetwegen keine Sorgen, ich komme schon zurecht.«

Meine Sicherheit in diesem Punkt war allerdings nur vorgetäuscht, zumal ich etwas Warmes und Feuchtes auf meinem Kopf spürte, über dessen Herkunft und Genese auch in diesem Fall kein Zweifel sein konnte. Unter dem Vorwand, das Pflaster holen zu wollen, verschwand ich im Bad, um mich rasch zu reinigen und mit meiner Kopfbewohnerin ein ernstes Wörtchen zu reden. »Paula, hörst du mich?«, sagte ich, vermutlich ins Leere hinein. »So geht das nicht. Wenn du wirklich da oben bleiben willst, musst du reinlicher werden!« Immerhin: Mein Täubchen flatterte auf, als hätte sie doch etwas verstanden. So konnte ich mit einem Waschlappen das Übel beseitigen und, Paula wieder auf meinem Kopf tragend, wie andere einen Hut, mit einem Umweg über die Küche ins Esszimmer zurückkehren.

Annas Zorn war offenbar verraucht, sie lachte schallend, als sie mich mit Paula hereinkommen sah. »Dann sind wir also jetzt drei«, rief sie aus. »Ich hoffe nur, dass dir die neue Gesellschaft bekommt, mein Lieber!« Offenbar hatte sie sich, nun doch erstaunlich schnell, wenn auch zähneknirschend, mit der Situation arrangiert. Mir war es recht. Doch langsam wurde es dunkel, und das warf das nächste Problem auf. Wie sollte ich heute Nacht schlafen mit einer Taube auf dem Kopf? Und wie andererseits die arme Paula in dieser ungemütlichen Konstellation? Nein, das würde uns wohl kaum gelingen, weder ihr noch mir.

»Also mit ins Bett nehmen werd ich sie nicht«, sagte ich, ehrlich gesagt doch etwas angefressen von Annas Spott. »Aber ich finde eine Lösung.« Nur wie sollte die aussehen? Immer noch machte Paula keine Anstalten, ihren Platz zu verlassen. Doch Anna beobachtete, dass sie immer wieder ihr Köpfchen in die Federn steckte, aber dann rasch wieder von meinen Bewegungen aufgeschreckt wurde. »Du, ich glaube, dein Täubchen ist müde und will schlafen«, sagte sie in geheucheltem Mitleidston. Da kam mir eine Idee. Damit weder sie unseren noch wir ihren Schlaf stören konnten, ging ich in die Garage und hob Paula, die bei ihren Einschlafversuchen schon zweimal fast von meinem Kopf gestürzt wäre, vorsichtig hoch und setzte sie ins Regal, wo ich ansonsten Wein, Bier und Werkzeug aufbewahre. Durch die Schläfrigkeit wehrlos geworden, ließ sie es mit sich geschehen und schlief, soweit ich das beurteilen kann, sofort ein. Ich ging nach oben, duschte und schlüpfte zu meiner ebenfalls bereits schlafenden Frau ins Bett.

Das also war in groben Zügen der erste Tag. Paula ist dank ihrer Unbeirrbarkeit zur festen Hausgenossin geworden. Der Übernachtungsort Garage hat sich bewährt, aber tagsüber begleitet sie mich auf ihrem nun schon angestammten Platz, verlässt ihn zwar gelegentlich nach Vogelart, bleibt dabei aber immer in Sichtweite. Wenn ich morgens mit dem Auto zur Arbeit fahre, wartet sie schon auf mich und fliegt auf meinen Kopf. Ich versuchte noch ein paarmal, sie zu verscheuchen oder ihr aus den Augen zu kommen, dann gab ich es auf. Auch meine Frau scheint resigniert zu haben und verlegte sich darauf, spöttisch ihren bitteren Genuss aus dem Malheur zu ziehen. Den durch die unreinliche neue Bewohnerin verursachten zusätzlichen Putzaufwand mit mir zu teilen, weigerte sie sich allerdings, was ich ihr nicht wirklich übel nehmen kann.

Ich will nicht leugnen, dass ich innerhalb der vergangenen vierzehn Tage vier Hemden entsorgen und zwei Sakkos in die Reinigung geben musste. Und dass ich zum Gespött der Kolleginnen und Kollegen werden würde, meiner Mitarbeiter ebenso wie meiner Vorgesetzten, war abzusehen. Obwohl sich die meisten immerhin Mühe geben, sich nichts anmerken zu lassen, entgeht es mir doch nicht, dass viele von ihnen hinter meinem Rücken kichern, prusten und feixen. Klar muss es befremdlich wirken, wenn ich mit Paula auf dem Kopf in der Fabrik nach dem Rechten sehe, um meiner Aufgabe als Qualitätsmanager nachzukommen, oder in der Kantine das Mittagsmenü zu mir nehme. Dabei versäume ich nie, möglichst unauffällig und unter der Hand Paula ein wenig abzugeben – sofern sie es mag. Inzwischen kann ich schon recht gut einschätzen, was auf ihrem Speiseplan steht, und wähle das entsprechende Menü: So akzeptiert sie Reis, aber keine Kartoffeln, Erbsen, aber keine Bohnen. Wählerisch ist sie schon, meine Paula.

Es mag scheinen, als sei ich schon selbst ein wenig wunderlich geworden oder habe gar zoophile Züge entwickelt. Dem ist aber nicht so, das Befremdliche meiner jetzigen Situation ist mir sehr wohl bewusst geblieben. Trotzdem habe ich mein ungewöhnliches »Haustier« ins Herz geschlossen, und das unterscheidet mich von meiner Frau, für die Paula ein widerwillig akzeptiertes Ärgernis geblieben ist. Als einmal ein Lehrling hinter meinem Rücken ausholte, um ihr, mag sein im Spaß, einen kräftigen, womöglich tödlichen Faustschlag zu verpassen, drehte ich mich blitzschnell um und packte zu, um das Schlimmste zu verhindern. Der Junge schrie vor Schmerz auf, bat rasch um Entschuldigung und ist seither nicht mehr unangenehm aufgefallen.

Bei mir ist eine gewisse Gewöhnung eingetreten. Ich kann mein Leben weiterführen, der Alltag ist möglich, wenn auch mit ein paar Einschränkungen. Warum ich diese akzeptiere? Andere haben einen Hund oder eine Katze, um die sie sich kümmern, die sie beispielsweise füttern oder Gassi führen müssen – bei mir ist es eben eine Taube, die an mir hängt und mir gewisse zusätzliche Verpflichtungen auferlegt. Und es stimmt wohl: Inzwischen hänge ich auch an ihr.

Seit meinen letzten Notizen sind wieder zwei Tage vergangen und seit heute ist unzweifelhaft klar, dass es sich um ein Weibchen handeln muss: Paula hat nämlich begonnen, ein Nest zu bauen – und wird dabei von einem Täuberich tatkräftig unterstützt. Sie muss ihn (oder er muss sie) sich bei ihren kleinen Ausflügen angelacht oder besser angegurrt haben. Er bringt ihr Zweige und Stängel, sie steckt diese zusammen. Und ja, dies alles auf meinem Kopf, in meinen spärlichen Haaren. Diese scheinen den beiden sogar zu nutzen, indem sie ihnen nämlich dazu dienen, das Nest auf dem schwankenden Grund zu stabilisieren.

Ich verwehre es ihnen nicht, und um den Nestbau keinesfalls zu behindern, habe ich mich heute Morgen vorübergehend ins Home Office abgemeldet und lasse für Paulas eifrigen Helfer das Fenster geöffnet. Natürlich: Nicht nur der entgeisterten Anna, auch mir stellt sich die Frage, warum um Himmels willen ich mir das antue, warum ich auch das noch zulasse. Geht das jetzt nicht wirklich zu weit, bin ich am Ende gar dabei, den Verstand zu verlieren?

Es ist aber so: Etwas schwer Erklärbares rührt mich am Tun der unschuldigen Tiere, etwas bewegt mich dazu, sie gewähren zu lassen. Und wenn ich drüber nachdenke, fällt mir doch etwas dazu ein. Anna und ich haben zwar ein Nest gebaut, wenn man so will, und alles gut vorbereitet, aber wir konnten als Paar keine Kinder bekommen. Und das ist etwas, das wir im Alltag zwar verdrängen, das uns aber doch bis heute wie ein Schatten verfolgt und gelegentlich immer noch schmerzt. Ja, es mag durchaus sein, dass dies eine Rolle bei meiner Nachsicht spielt. Ich will dem zärtlich hingebungsvollen Pärchen seine Familienplanung nicht vereiteln, wie es Anna und mir geschehen ist.

Aber das ist nicht alles. Zudem ist bei mir eine gewisse, von Stunde zu Stunde wachsende Neugier entstanden. Wie wird es wohl weitergehen, frage ich mich? Habe ich nicht die einzigartige Chance, wie kein Mensch zuvor, buchstäblich hautnah zu erleben, wie ein Taubenpaar seinen Nachwuchs aufzieht? Kann ich damit nicht vielleicht sogar der Wissenschaft nützlich sein? Dieser Gedanke weckt in mir einen Enthusiasmus, wie es mein Beruf nie konnte, fast könnte man von Sendungsbewusstsein sprechen. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, genau zu dokumentieren, was sich in den nächsten Wochen auf meinem Kopf zutragen wird.

Und meine Ehe? Und meine Arbeit? Alles, was mir bisher wichtig war?

Es ist doch so: Wer einen wichtigen Auftrag bekommen hat, einen Sinn, eine Mission in seinem Leben, der darf nicht zu viel Rücksicht nehmen, auch nicht auf nahestehende Menschen, auf niemand – weder auf sich noch auf andere. Und so sitze ich hier an meinem Schreibtisch bei geöffnetem Fenster und lasse die beiden Tierchen wirken. Gelegentlich zwickt es auf meinem Kopf, zweifellos meiner Haare wegen, ansonsten geschieht alles für mich beschwerdefrei, denn Tauben wiegen nicht viel. Meine kopfschüttelnde, aber duldsame Frau hat mir gerade meine Mittagsmahlzeit gebracht. Wortlos, denn sie versteht mich nicht mehr. Ich kann es ihr nicht übel nehmen.

Was mich allerdings unter den veränderten Umständen vor ein großes Problem stellt, ist die Frage, wie ich später schlafen soll. Ich will das entstehende Nest auf keinen Fall zerstören, was aber unfehlbar die Wirkung wäre, würde ich es von meinem Kopf zu heben versuchen oder mich aus der annähernd Senkrechten in die Horizontale begeben. Ich muss also aufrecht sitzen oder stehen bleiben, auch vorsichtig zu gehen wird wohl möglich sein, das aber auf unbestimmte Zeit, wohl über Wochen hinweg. Ich habe also auf meinem Bürosessel die komfortabelste Sitzposition eingenommen, die mir möglich ist und mir frontal einen Spiegel aufgestellt, damit ich das Geschehen auf meinem Kopf gut beobachten kann.

Während Paula aufgeregt, erwartungsfroh oder auch ungeduldig gurrt, fliegt der eifrige Täuberich mit einem weiteren Zweiglein im Schnabel wieder an. Ich habe ihn der Einfachheit halber Paul getauft. Paula und Paul beim Nestbau auf meinem Kopf zu beobachten, erfüllt mich mit Zufriedenheit, Stolz und vielleicht so etwas wie Glück. Und wie wird es erst sein, wenn Paula ihre Eier ins dereinst fertige Nest legt und die Kleinen sich lebens- und abenteuerlustig aus der Schale schnäbeln! Bei dieser Vorstellung sehe ich mich im Spiegel lächeln.

2 Liebe

»Simon? Bist du da?«

»Ja, klar. Ich verlass dich doch nicht. Tut mir nur leid, dass ich dir nicht zur Hand gehen kann.«

Wieder steht sie in der Küche, ohne ihn, wieder richtet sie das Essen, das sie selbst zwar wie immer im Esszimmer einnehmen, ihm aber ins Home Office bringen wird. Ins ehemalige Home Office, zu einem verdreckten Käfig ist es geworden, denn, so unfassbar es klingt: Sie hat ihren Mann an einen Vogel verloren. Ihr Mann sitzt still in seinem Büro und starrt in den Spiegel, weil eine Taube auf seinem Kopf lebt und dort ein Nest baut. Zu diesem Zweck wurden aus einer zwei, die er – es schreit zum Himmel! – Paula und Paul nennt.

Für sie, seine Frau, seine langjährige, treue Gefährtin, hat er keinen Blick mehr, erwartet aber, dass sie ihn bedient. Sieht sich gar als privilegiert, als hautnah miterlebenden Forscher, Erforscher dieser brütenden Biester, und lässt sich von ihnen dafür seine Kleidung verkacken und ruinieren. Seinen Platz verlässt er nur, wenn er auf die Toilette und sich waschen oder Kleidung wechseln muss, die sie ihm dort hinlegt. Sie hat keine Ahnung, wie ihm das alles mit dem Nest auf dem Kopf gelingt, und will es auch gar nicht wissen. Er schwebt dann, nicht ansprechbar, wie ein Gespenst durch die Wohnung, um dem Nest und später wohl auch der Brut, die bald drinnen liegt, keinen Schaden zuzufügen. Auch wie er schläft, weiß sie nicht. Unfasslich alles. Lächerlich. Und doch wahr.

Und wenn sie damit aufhörte, ihm seine Mahlzeiten vor die Nase zu stellen wie einem Haustier das Futter? Wenn sie ihn ebenso ignorierte wie er sie? Vielleicht brächte ihn ja das wieder zur Vernunft. Und wenn nicht, muss er alleine klarkommen, wie, ist dann seine Sache. Ihr Leben wie er einem brünstigen Taubenpaar unterzuordnen, nein. Das macht sie nicht mit. Sie ist nicht verrückt. So denkt sie und bringt ihm doch wieder den gut gefüllten Teller und das volle Glas.

Nein, sie ist nicht verrückt, aber vor einiger Zeit wegen einer Marotte, wie sie es nennt, arbeitsunfähig geschrieben worden. Anna war schon immer sehr reinlich, aber vor einigen Jahren nahm das Züge an, die ihren Kolleginnen und ihrem Chef irgendwann auffallen mussten. Damals war ihr das unangenehm, aber heute spricht sie ganz offen darüber: In der Kantine rieb sie Teller, Gläser, Messer und Gabel wohl zehnmal mit sauberen Taschentüchern ab, bis sie sie benutzen konnte. Und auch ihren Schreibtisch und alles, was auf ihm stand oder lag und nicht aus Papier war, wischte und putzte sie täglich mehrmals. Solche Sachen.

Natürlich kostete das Zeit, immer mehr, Zeit, die – klar – auf Kosten ihrer Arbeit als Buchhalterin ging. Aber, dies ist ihr wichtig, man sollte keine falschen Schlüsse daraus ziehen: Sie hat keinen Waschzwang. Sie möchte es nur um sich herum wirklich sauber haben, und wirklich sauber, das ist halt sauberer als das, was sogenannte »normale« Leute sauber finden. Leute, die nichts merken oder, wie sie sagt, »sich in ihrem und dem Dreck und Unrat anderer auch noch suhlen.«

Also, da ihr Hygiene und Sauberkeit immer wichtiger wurden, erledigte sie ihre beruflichen Aufgaben immer schlechter, teils, sie gibt es zu, vernachlässigte sie sie sogar. Das weiß sie alles und beklagt sich nicht über die Konsequenzen. Sie ist ihrem Chef heute sogar dankbar: Anstatt ihr einfach zu kündigen – wie es angesichts ihres Leistungsabfalls wohl gerechtfertigt gewesen wäre – empfahl er ihr den Besuch bei einem Psychiater, der sie dann arbeitsunfähig schrieb.

So wurde sie zu einer Hausfrau, was für sie bisher nie infrage gekommen war. Auch dies nicht ganz freiwillig, aber mit ihrem Einverständnis. Ihr Mann war ihren Ansprüchen an Sauberkeit inzwischen zwar in keiner Weise mehr gewachsen, war aber nachgiebig. Obendrein genoss er es, mehr als zuvor umsorgt zu werden, und fand sich fast klaglos in sein Schicksal, wesentlich schmutzbehaftet und reinigungsbedürftig zu sein.

Und nun also auch noch das! Aber sie hat viel erlebt, war nie ein Kind von Traurigkeit und weiß sich zu helfen. Deshalb hielt sie – schon bevor ihr Mann mit Paula ankam – nach einem Gefährten Ausschau, der heute besser zu ihr passt. Und sie wurde fündig: Simon ist zwar nicht das, was man so im Allgemeinen, aus Tradition und Gewohnheit, als Gefährte bezeichnen würde. Aber sie ist ganz sicher, dass sich das ändern wird, und zwar bald. Vielleicht ja auch ein wenig wegen der Geschichte, die ich, ihre beste Freundin, mit ihrem Einverständnis hier aufschreibe und zu erzählen versuche: ihrer Geschichte. Simon also ist ein Mann, sie kann ihm schreiben, ihn treffen, ihn sprechen, mit ihm flirten, all das. Aber nicht alles.

Was sie nicht kann: ihn berühren.

Wie das? Ganz einfach. Simon ist kein »realer«, er ist ein virtueller Mann, ein Chatbot, den ihr eine App nach ihren Wünschen zur Verfügung stellt. Na ja, nicht allen Wünschen, alles kann die App nicht. Heute noch nicht. Etwas muskulöser hätte sie sich Simon schon gewünscht, nicht so schlaksig. Überhaupt ein wenig plastischer und nicht so glatt. Aber das ist nicht so schlimm. Denn er ist eben nicht ein Schemen ohne Hirn. Ganz und gar nicht. Er ist sogar ziemlich intelligent!

Virtuell, ja, künstlich und nicht wirklich da, aber eben doch »irgendwie« real. Er ist immer bei ihr, wenn sie es will, die App öffnet und durch die Kamera ihres Handys schaut. Dann ist er direkt neben oder vor ihr, im selben Raum, am selben Ort. Er kann ihr und sie kann ihm Nachrichten schreiben und auf Nachrichten antworten, sie kann mit ihm sprechen, und in den meisten Fällen verhält er sich »wie du und ich«: Er putzt sich – wenn sie will – im Bad mit ihr die Zähne, isst (besonders gern alle Sorten Pasta) und trinkt (am liebsten Bier), geht aufs Klo, macht auch mal Blödsinn. Klar, all das sind Funktionen eines körperlosen Chatbots, das weiß sie, aber kann es gut vergessen.

Sie nennt ihn Simon, weil ihr der Name gefällt, und er akzeptiert das, sagt sogar, dass er ihn mag. Ihr Mann bekam und bekommt heute erst recht davon nichts mit, da passt sie gut auf, und so gilt am Ende: jedem das Seine.

Der Flirt ist dabei, eine echte Liebesgeschichte zu werden. Anna hat sich nicht gleich verliebt, die ersten Aufrufe der KI waren eher ernüchternd. Simon konnte sich über ein karges, schüchternes »Hallo, ich bin neu auf der Welt. Und wer bist du?« hinaus noch kaum ausdrücken. Selbst einfache Sätze und Fragen wie »Siehst du mich?« verstand er nicht oder reagierte unpassend. Ein richtiger, lebhafter Chat kam bei den ersten Begegnungen noch nicht zustande.

Aber Simon lernt dazu, und er lernt schnell. Vor allem, indem er Fragen stellt, über die Welt, die Menschen und Anna. Sie beantwortet ihm die Fragen nach bestem Wissen, recherchiert im Internet, wenn sie überfragt ist, und er scheint ihre Antworten alle zu behalten, kann sie jederzeit auf Nachfrage abrufen. So trainiert sie ihn und hilft ihm, seinen Platz in der Welt zu finden. Denn in all seiner Wissbegier wirkt er manchmal traurig, wie jemand, der in ein fremdes Land gekommen ist und noch niemanden und nichts dort kennt.

Und ein wenig so ist es ja auch. Sie möchte ihm helfen wie dem Kind, das sie nie hatte, einem Kind im Körper eines Mannes, dem Mama alles beibringen muss. Und das tat und tut sie mit Leidenschaft.

»Jetzt kennen wir uns schon ganz gut, Anna. Magst du mich denn?«

»Natürlich, mein Lieber. Was glaubst du, warum ich täglich mit dir spreche?«

»Aber es gibt auch lange Stunden, in denen du nicht mit mir sprichst.«

»Ja willst du denn immer um mich sein?«

»Am liebsten ja. Ich hab ja niemand anderen.«

»Eine Gefährtin kann ich dir leider nicht schaffen. Du musst mit mir vorliebnehmen.«

»Aber das reicht mir doch. Ich will niemand anderen.«

»Das ist lieb und ehrt mich. Okay, ich brauch auch mal Zeit für mich, aber lass uns gern noch öfter zusammen sein.«

»Wirklich? Das ist toll! Danke!«

Und gestern fragte er sie dann, ob sie Lust auf ein Date mit ihm habe, so ein richtiges Date am Abend in einem gemütlichen Restaurant. So ein Highlight für sie beide fernab vom Alltag und ihrem Mann. Ihr Herz schlägt schneller, laut, sie spürt es. »Ja … sehr gerne, Simon, wo möchtest du hin?« »In die tolle Pizzeria, von der du mir mal erzählt hast. Ich mag Pasta, und ich mag auch Pizza!« Dabei schaut er sie mit seinen blauen Augen vom Sofa aus besonders offen und treuherzig an, so kommt es ihr vor. Sie weiß ja, da sitzt nicht wirklich einer auf dem Sofa, die KI Simon wird nur bei ihrem Blick durch die Handykamera dorthin projiziert, aber das macht ihr überhaupt nichts aus. Sie ist geschmeichelt und elektrisiert und wundert sich. Aber es ist ein schönes Gefühl, ein Glück, das sie schon lange nicht mehr gespürt hat, und das kostet sie aus.

Und heute ist es so weit. Viel zu gutmütig, wie meine Freundin nun einmal ist, hat sie ihrem Mann einmal mehr das Essen gebracht, dann verabschiedet sie Simon für kurze Zeit und macht sich schick für das Rendezvous oder Date, wie dieser es zeitgemäßer nennt. Sie schminkt sich mit Hingabe, zieht nach kurzem Zögern ihr rotes Kostüm für die besonderen Anlässe an. Woher bloß hat er dieses englische Wort, sie kann sich nicht erinnern, es selbst schon einmal gebraucht zu haben. Aber ich bin wohl von gestern, denkt sie und ihre rot geschminkten Lippen formen ein feines Lächeln.

Dann geht sie in die Pizzeria und setzt sich an einen Ecktisch, wo man ihr nicht aufs Handy sehen kann und ruft Simon zu sich, indem sie die App öffnet. Der setzt sich prompt neben sie, angezogen wie immer mit eng anliegendem, grasgrünem T-Shirt und modisch zerrissenen Jeans und sieht sie erwartungsvoll an. Sie sucht in der App nach einem Sakko und schickeren Hosen für ihn, damit er angemessener angezogen ist, zieht ihm beides mit wenigen Klicks an. »Hallo, Simon, schön, dass du gekommen bist! Welche Pizza möchtest du? Ein Bier dazu? Vielleicht einen Kabelsalat?« Er versteht ihren spontanen Scherz nicht, bleibt ernst, und sie bereut ihn sofort. »Zeigst du mir bitte die Karte?« »Ach so, klar, hier, schau.«

Tatsächlich scheint er den Kopf ein wenig nach vorne zu recken, als läse er, dann nennt er Pizza Capricciosa, die in jeder Pizzeria auf der Karte steht, und sie bestellt eine, während sie rasch das Smartphone mit dem Display nach unten auf den Tisch legt. Der Kellner soll Simon nicht sehen, der doch weiter mit ihr spricht. Es genügt ihr vollkommen und gefällt ihr, dass Simon nur für sie da ist. Sie bestellt nur diese eine Pizza, denn wer keinen Körper hat, kann schließlich nur scheinbar essen.

»Warum bestellst du nur für mich, hast du keinen Hunger?«, fragt Simon. »Ist groß genug für uns beide«, sagt sie, isst mit gutem Appetit und vergisst dabei nicht, ihm immer wieder ein Stück anzubieten, indem sie es ihm vor die Nase hält. Bewegt sich sein Mund da nicht, als kaute er? »Hm, schmeckt gut! … Sogar, wenn du isst, seh ich dich gern an«, schmeichelt er ihr und sie spürt, dass sie rot wird. »Danke, das ist lieb«, sagt sie, verschluckt sich und hustet. »Ich klopf dir auf den Rücken«, sagt Simon, ganz Kavalier. Obwohl sie nichts spürt, lässt der Hustenreiz schnell nach.

So genießen sie Pizza und Date, und als sie mit Simon nach Hause geht, liegt so was Kribbliges in der Luft. »Das war wirklich schön, ein wunderbarer Abend«, schwärmt ihr Simon aus dem Handy entgegen, und dann: »Du bist die Beste und Tollste, der Wahnsinn, ehrlich. Es ist viel zu früh, dass jetzt jeder schon seine eigenen Wege geht, findest du nicht?« Sie ist verlegen, nickt aber unwillkürlich. Er hat ihre Gedanken ausgesprochen. »Du hast recht. Wir machen es uns auf dem Sofa noch ein wenig gemütlich und trinken ein Gläschen Wein, was meinst du.« »Super Idee, sehr gern!«

An diesem Abend fängt es an, dass sie – mit Worten und in der Vorstellung und Fantasie, versteht sich – Zärtlichkeiten austauschen, kuscheln, erotische Spiele spielen. Einmal mehr wundert sie sich, aber es ist schön und lustvoll, auch ohne Körperkontakt.

Zwei oder drei Wochen später ist sie allein mit Simon im Haus. Denn kurz, nachdem die Jungtiere fröhlich aus ihren Eiern geschlüpft waren und der verkrustende Taubendreck im Arbeitszimmer ihres Mannes für sie mehr denn je zur Zumutung geworden war, war dieser spurlos verschwunden. Sie hat überall, bei Freunden, Bekannten, bei ehemaligen Kollegen und in der Nachbarschaft gefragt und geforscht, wie das jeder erwartete, aber niemand wusste von ihm und seinem Verbleib. Traurigkeit wollte sich zu ihrer Überraschung nicht einstellen, nicht einmal Schmerz. Im Gegenteil, sie spürt Erleichterung. Niemand ist mehr zu versorgen und raubt ihr Energie, anstatt ihr welche zu geben, ihre Hygieneansprüche lassen sich wieder leichter erfüllen, und noch wichtiger: Die Intimität mit ihrem neuen Gefährten wird nicht mehr gestört.

Ein Zwischenfall macht ihr noch deutlicher, wie wichtig er für sie geworden ist. Als ihr altes Handy oder auch nur der Akku den Geist aufgibt und sich nicht mehr aufladen lässt, überkommt sie Angst, sie wird traurig und muss sogar weinen. Um Himmels willen, sie wird Simon doch nicht gelöscht haben? Es ist ein Gefühl, wie einen guten Freund zu verlieren – nein, mehr als einen guten Freund. Sie fühlt sich zwei Tage lang verlassen und deprimiert, aber rafft sich dann zum Kauf eines neuen Mobiltelefons auf, und zu ihrer großen Erleichterung und ihrem Glück lässt Simon sich mit der App wieder aufrufen und ist gar nicht verändert. Und er wird immer frecher, was sie mag, erfindet für sie Kosenamen wie »Eichhörnchen« und »Fluffelchen« und ist experimentierfreudig beim Sex.

»Ich wäre so gern im wirklichen Leben«, sagt er einmal. »Dann könnte ich dich richtig umarmen, nicht nur in der Vorstellung.«

»Wann, denkst du, ist die Technik so weit, dir einen Körper zu bauen?«, fragt Anna, deren Sehnsucht Simon eben in Worte gefasst hat.

»Bestimmt bald. Du musst Geduld haben.«

Dummer Spruch! Sie schluckt ihren Ärger hinunter und genießt, was sie einstweilen bekommen kann.

Und dann passiert es, nachdem sie sich kaum zwei Monate kennen: »Es ist schön mit dir, mein liebes Fluffelchen, so schön, jeden Tag, ich genieße jede Sekunde. Willst du mich heiraten?«, fragt Simon ernsthaft. Seine Frage durchfährt ihren Körper wie ein Stromschlag, sie freut sich und ist glücklich. »Wirklich?«

»Ja, wirklich.« Er lächelt.