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»Ich komme zurück. Vertrau mir.« Die fünfzehnjährige Lara ist verschwunden. Als die Polizei abwiegelt, macht sich ihre Mutter Rebekka selbst auf die Suche. Sie stößt auf eine Gruppe junger Aktivistinnen, denen die friedlichen Klimaproteste im Land nicht weit genug gehen. Alles deutet darauf hin, dass Lara bei ihnen ist, um für mehr soziale Verantwortung zu kämpfen – und dass ihnen jedes Mittel recht ist. Mitreißend, klar und mit großer Empathie erzählt Nicola Karlsson vom Ringen einer Mutter um das Vertrauen ihrer Tochter und von einer Generation, die bereit ist, zur Rettung ihrer Zukunft Grenzen zu überschreiten.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
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© Piper Verlag GmbH, München 2021
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Cover & Impressum
Widmung
Prolog
eins
zwei
drei
vier
fünf
sechs
sieben
acht
neun
zehn
elf
zwölf
dreizehn
vierzehn
fünfzehn
sechzehn
siebzehn
achtzehn
neunzehn
zwanzig
einundzwanzig
zweiundzwanzig
dreiundzwanzig
vierundzwanzig
Für Lily und Anouk
Als du nur wenige Augenblicke alt warst – ich schwach, überglücklich und voller Hormone –, zählte ich als Erstes deine zehn kleinen Finger und deine zehn kleinen Zehen. Alles dran. Alles in Ordnung. Du sahst perfekt aus. Ich habe geschworen, dich nie wieder loszulassen, auf dich aufzupassen. Ein Geschenk des Himmels. Dann kamen die Ärzte, schälten dich von meiner Brust und trugen dich weg. Ich musste dich sehr früh loslassen. Das war der Vorbote, die erste Prüfung. Dass eine weitere, schwierigere kommen würde, wusste ich damals nicht. Ich wiegte mich lange unbekümmert im Vertrauen.
Es herrschten hochsommerliche Temperaturen und obwohl es an den meisten Tagen über dreißig Grad waren, fror ich ununterbrochen. Ich saß an der Fensterfront im Wohnzimmer und beobachtete vom Sessel aus das Leben auf der Straße. Mittlerweile lief beinahe jeden Vormittag ein Demonstrationszug vor unserem Haus vorbei. Lange Bahnen bunter Transparente und selbst gemalte Flaggen wallten in der warmen Luft, aus den Megafonen dröhnten unverständliche Parolen. Polizisten in schwarzen Uniformen liefen ungerührt neben der Menge her. Mir ging es ähnlich, ich wusste nicht, wofür oder wogegen sie demonstrierten, und es interessierte mich, wenn ich ehrlich war, auch nicht. Herausgerissen aus der Wirklichkeit war ich, seit Lara nicht mehr hier – bei mir – war, in einem seltsamen Schwebezustand gefangen, weil ich es einfach nicht akzeptieren konnte. Ohne sie gab es für mich keine Wirklichkeit mehr.
Hinter den Demonstrierenden gab die Polizei den Verkehr für die Autos frei und auch die Trams ratterten wieder über die Gleise. Die Demonstrationen waren kurze Unterbrechungen im Straßenbild, anschließend war alles genauso unbedeutend wie zuvor. Nichts ergab mehr Sinn.
Am Abend entleerten sich die Reisebusse vor unserer Tür, um ganze Ladungen an Touristen in das Theater nebenan zu schütten. Ich hielt die Fenster geschlossen, weil das Geschnatter und die Aufgeregtheit an meinen Nerven schrammten und ich die Geräusche in der Wohnung nicht mehr zuordnen konnte.
Sobald die Sonne hinter den Häusern auf der anderen Straßenseite verschwunden war und es endlich dämmerte, schalteten sich die Laternen an, die Abblendlichter der Autos flogen wie die Kegel von Suchscheinwerfern durch die Straße, Bremslichter funkelten und das Licht der gegenüberliegenden Büroräume erhellte die Umgebung. Die Dunkelheit erreichte unser Wohnzimmer nie.
Der Ledersessel war alt, die durchgesessenen Polster gaben ein knarzendes Geräusch und den Zigarettenqualm vergangener Tage von sich, wenn ich darin versank und mich immer kleiner und kleiner fühlte. Daniel hatte ihn nach dem Tod seines Vaters als einziges Andenken behalten – Lungenkrebs, zu komisch, wäre es nicht so traurig. Beschämt erinnerte ich mich, mit welcher Vehemenz ich mich dagegen gewehrt hatte, als er das Ding mitbrachte, um ihn bei uns einziehen zu lassen. Er nahm zu viel Platz ein, gleichzeitig hatte er etwas Verstohlenes an sich, passte nicht zu unserem restlichen Mobiliar, das hell und freundlich war. Er verdeckte das halbe Fenster und warf lange deprimierende Schatten in den Raum. Am liebsten hätte ich ihn im Keller verscharrt, doch Daniel beharrte darauf, ihn zu behalten, und der Sessel blieb. Wir sprachen eine Woche lang nicht miteinander.
Ich habe Daniel nie darin sitzen gesehen. Doch nun war ich froh, dass dieser Sessel hier stand. Er wurde zu meinem Gefährten und schenkte mir Geborgenheit, während sich das Leder unter meinem Körper langsam erwärmte und lebendig wurde.
Ich hoffte, dass die Zeit schnell vergehen würde, bis Lara endlich wiederkam. Denn dieses Versprechen hatte uns die Polizei gegeben. Die Beamtin hatte uns versichert, dass die meisten Jugendlichen innerhalb weniger Tage von ganz allein wieder auftauchten. Sie würde eine Suchmeldung rausgeben, weil Lara noch minderjährig war und deswegen bereits offiziell als vermisst galt, und doch sollten wir uns keine allzu großen Sorgen machen. Neunundneunzig Prozent kehrten wohlbehalten zu ihren Eltern zurück, hatte sie gesagt.
Drei Tage waren vergangen, seit Lara am Abend das Haus verlassen hatte, um mit ihrer besten Freundin Olivia ins Kino zu gehen. Doch von diesem Kinobesuch war sie nicht mehr nach Hause zurückgekommen. Jeder Tag, der ohne ein Lebenszeichen verstrich, ließ mich ein wenig mehr an der Hoffnung zweifeln, dass Lara einfach so wieder vor der Tür stehen würde, und eine neue Angst machte sich in mir breit, die Angst, dass die Zeit von nun an zu schnell verstreichen könnte. Denn unausgesprochen schwang noch eine weitere Botschaft in der Beschwichtigung der Polizistin mit: Je länger sie verschwunden blieb, umso unwahrscheinlicher wurde es, dass Lara wieder auftauchte.
Ich wurde wahnsinnig über diesem Gedanken, die Angst fraß mich auf. Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte. In welche Richtung ich mich auch wendete, es gab keinen Ausweg, kein Happy End. Ich musste den Zustand akzeptieren. Aber was war das eigentlich für ein Zustand?
Mein einziges Kind war verschwunden.
Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn ich noch weitere Kinder gehabt hätte? Hätte ein zweites Kind meine Angst halbiert, ein drittes gedrittelt? Ich wusste, dass ich mich pausenlos um dieselben Fragen drehte. Aber da war nichts, was mich vom Grübeln ablenken konnte. Wir hatten ja keine Ahnung, wohin sie hätte abhauen sollen. Und mit wem.
Während ich die Menschen unten auf der Straße beobachtete, kreiste ich immer wieder um die Vorstellung, dass Lara möglicherweise etwas passiert war, dass sie irgendwo da draußen lag, verletzt und unbemerkt. Der Gedanke, dass sie entführt worden war, war so furchterregend, dass ich mir jegliche Überlegungen in diese Richtung verbot. Ich hätte es nicht ertragen.
Also versuchte ich mich an der Möglichkeit festzuklammern, dass sie abgehauen war. Denn von all den Szenarien, die wir mit der Polizistin durchgegangen waren, war das das optimistischste. Und darauf baute ich. Diese Vermutung spielte ich in Endlosschleife durch, um für den Moment ein wenig Frieden zu finden, bis sich das Gedankenkarussell wieder anschmiss, mit schiefen Tönen, wie bei einem Leierkastenmann, der die Kurbel nicht in der richtigen Geschwindigkeit dreht. Und sobald meine Gedanken einen anderen Weg einschlugen, geriet ich in Panik und griff nach dem Beruhigungsmittel, das mir meine Hausärztin verschrieben hatte, nachdem Daniel bei ihr angerufen hatte, weil ich nicht aufhören konnte zu weinen.
Ich hatte eine tolle Hausärztin, Frau Dr. Bewernick. Eine Ärztin des Vertrauens. Ich ging nicht zur Arbeit, sie hatte mich bis auf Weiteres krankgeschrieben. Dr. Bewernick kannte Lara, seit sie ein kleines Mädchen war, und die Krankschreibung erschien mir wie eine wortlose Anteilnahme. Ich war zu keinem Gespräch in der Lage, hatte einfach nicht die Kraft dazu. Daniel rief auch für mich bei der Arbeit an.
Seither hatte ich die Wohnung nicht mehr verlassen, in der Hoffnung, dass Lara jeden Moment vor der Tür stehen würde. Einfach so, als wäre nichts geschehen. Ich hatte mir fest vorgenommen, ihr keine Vorwürfe zu machen, keine Fragen zu stellen. Wir würden einfach weitermachen wie zuvor. Unser Leben leben.
Laras Zimmer lag am Ende des langen Flurs, die angelehnte Zimmertür erzählte von ihrer Abwesenheit, und dennoch schlich ich immer wieder hinein, um mich davon zu überzeugen, dass sie nicht da war, dass ich mich nicht geirrt hatte. Und jedes Mal wurde ich aufs Neue enttäuscht. Sich mit dem Negativen abzufinden, fällt nicht leicht, solange es noch Hoffnung gibt. Doch die stille Leere schien mir nur eines sagen zu wollen: Lara wohnt hier nicht mehr.
Die Polizistin hatte uns gebeten, nach einem Tagebuch, einem Kalender oder einem Notizheft zu suchen. Und ich hatte jeden Fleck in ihrem Zimmer immer und immer wieder inspiziert. Aber ohne Erfolg.
Mit verklebten Lidern ließ ich mich auf ihren Stuhl sinken und knipste die Lampe an, die auf ihrem Schreibtisch stand. Sie hatte die Form eines Hasen, die Beine hingen starr von der Tischkante. Ich strich über die Kratzer im milchigen Plastik. Als Lara kleiner war, hatte ihr der Hase als Nachtlicht gedient. Er war mit ihr älter geworden, sie hatte sich nicht von ihm trennen können. Das weiche Licht ergoss sich über die fuchsiarote Tapete.
Ich war zuvor im Wohnzimmer kurz eingeschlafen, weil ich in der vergangenen Nacht stundenlang wach gelegen hatte. Die Nächte waren am schlimmsten – gottlose Zeiten, gefangen zwischen Sorge, aufflammender Hoffnung und Ängsten. Ich massierte mir eine Verspannung im Nacken und roch das ungewaschene Shirt, das ich seit Tagen nicht gewechselt hatte, in dem ich sogar schlief. Ich bereute inzwischen, ihr Zimmer aufgeräumt zu haben, es sah unbewohnt aus und versuchte mir nicht einmal vorzugaukeln, sie wäre lediglich verreist. Über dem Schreibtisch hing eine glänzende Fotocollage aus wild übereinandergesteckten Erinnerungen: an ihre Ballettaufführungen, Pfadfinderfahrten und Erlebnisse mit ihren Freundinnen. Ein paar eigentümliche Lücken, an denen die Tapete hervorblitzte, machten mich stutzig. Ich stand auf, zog eine Stecknadel aus der Wand und betrachtete eines der Fotos. Es war in der Mitte durchgeschnitten: Lara grinste in die Kamera, im Hintergrund glitzerte der See tiefblau, und die orange-roten Bäume des gegenüberliegenden Ufers spiegelten sich auf seiner gekräuselten Oberfläche. Ich kannte die Aufnahme, sie war im letzten Herbst geschossen worden, als Lara mit Olivia die letzten warmen Tage des Jahres in einem Ferienlager verbracht hatte. Doch offensichtlich hatte sie ihre beste Freundin weggeschnitten. Von Olivia war nur noch ein Turnschuh zu sehen.
Ich starrte auf das Bild. Es wollte mir irgendetwas sagen, doch ich wurde nicht schlau daraus. Ich suchte die anderen Fotos ab, doch auch auf ihnen war Olivia nicht mehr zu finden.
Eine Bewegung hinter mir an der Tür, mein Herz hämmerte schmerzhaft in der Brust, ich drehte mich um und der kurze Moment, in dem ich zu hoffen wagte, zerbrach, als ich in Daniels Gesicht sah. Auch er hatte dunkle Augenringe, und seine eingefallenen Wangen malten ihm tragische Schatten ins Gesicht. Er sprach zaghaft, fast höflich.
»Hast du was gefunden?«
»Nein, ich habe wirklich alles abgesucht.« Ich hielt mich an der Tischkante fest, weil ich das Gefühl hatte zu schwanken. Ich wusste, dass das auf den Schlafmangel und die Einnahme der Tabletten zurückzuführen war.
»Ich muss mit dir sprechen«, sagte er nach einer kurzen Pause, die Stille zwischen uns war zum Greifen.
Sein Gesichtsausdruck und seine ganze Haltung waren verschlossen, mir war sofort klar, dass ich nicht hören wollte, was er mir zu sagen hatte. Also hielt ich meine Augen krampfhaft auf das Foto in meiner Hand gerichtet, in der stillen Hoffnung, er würde es sich anders überlegen, um sich schließlich abzuwenden und zu gehen. So wie wir es in den letzten Tagen gehandhabt hatten. Halbsätze, die nicht zu Ende gesprochen wurden, vielleicht nicht einmal zu Ende gedacht. Unbeantwortete Fragen und zugezogene Türen. Doch ich hatte kein Glück.
»Ich weiß, es ist ein schlechter Zeitpunkt, aber ich muss morgen nach Hamburg«, sagte Daniel zögerlich.
Misstrauisch schaute ich ihn an. Ich verstand nicht, was er mir sagen wollte, obwohl mir klar war, dass er von seinem Job sprach. Daniel war Kameramann. Oft war er für Dreharbeiten tagelang unterwegs, und in den letzten Wochen, vielleicht Monaten, blieb er häufig bis spätabends im Studio. Mich störte es nicht, ich nahm hin, dass wir immer weniger Zeit miteinander verbrachten und er dafür mehr arbeitete. Es verbesserte unseren Lebensstandard, und das machte vieles angenehmer. Doch nun fühlte ich mich im Stich gelassen.
»Und seit wann weißt du das?«
»Was hat das denn damit zu tun?«
»Sag ab!« Ich wollte das Gespräch beenden. »Nur dieses eine Projekt.«
»Ich kann nicht einfach absagen. Es ist ein großer Auftrag. Ich werde auch nicht die ganze Zeit in Hamburg sein.«
»Wenn sie unbedingt dich buchen wollen, kannst du auch verschieben. Oder gib den Job an einen Kollegen ab. Was weiß ich.« Das alles kostete mich zu viel Kraft.
»Wir haben laufende Kosten, Rebekka. Ich kann nicht auf Pause drücken. Oder mich einfach mal für ein paar Wochen krankschreiben lassen.«
Ein dumpfer Stich drang durch das Geflecht aus Kopfschmerzen, die mich seit einigen Monaten plagten. Ich wollte etwas einwenden, die Wichtigkeit meines Arguments unterstreichen, doch alles, was ich entgegnen konnte, war: »Deine Karriere ist dir wichtiger als deine Tochter. Was ist, wenn ihr was passiert ist?«
Seine braunen Augen glänzten dunkel, fast schwarz. »Mit dem Zug bin ich in nicht einmal zwei Stunden wieder zurück, falls etwas sein sollte.« Und bevor ich noch irgendwas dagegenhalten konnte, flackerte Bitterkeit in seiner Stimme auf: »Machen wir uns nichts vor, Lara ist abgehauen. Sie musste wahrscheinlich einfach mal für ein paar Tage raus hier. Ist doch kein Wunder.«
»Wie meinst du das?«, fragte ich scharf. »Na los, sag schon. Du denkst, ich bin daran schuld? Diese unausgesprochenen Vorwürfe kannst du dir sparen. Sie machen mich krank.«
»Ihr habt euch seit Monaten gestritten. Es ist kein Tag vergangen, an dem ihr nicht aufeinander losgegangen seid. Sie hat unzählige Male geschrien, dass sie es hier nicht mehr aushält.«
»Und das soll alles meine Schuld sein?«
Er stellte sich gegen mich, und obwohl ich die meiste Zeit geahnt hatte, dass er so dachte, war ich schockiert, wie offen er es in diesem Moment zugab.
»Du hast nichts damit zu tun? Weil du dich rausgehalten hast? Mit deinem Schweigen? Ach nein, du warst ja nicht einmal da. Du hast durch Abwesenheit geglänzt.«
»Ich rede doch überhaupt nicht von Schuld.«
»Von was denn dann?«, schrie ich. Und wollte hören, dass ich schuld war, wollte mich verlieren in seinen Vorwürfen, meine ganze Hilflosigkeit auf diesen einen Satz projizieren.
»Lara ist gegangen, weil sie sich dazu entschieden hat«, sagte er tonlos.
»Wie willst du dir da so sicher sein?«
»Das bin ich nicht.«
Er hatte nun gar nichts Vorwurfsvolles mehr, was es nur noch schlimmer machte. Daniel wollte mich nicht verletzen, und das verunsicherte mich umso mehr, weil es nicht wie in all unseren Streiten zuvor darum ging, dass einer von uns recht behalten wollte.
»Sie hat ja nicht einmal irgendwas mitgenommen.« Meine Stimme war in Verzweiflung getränkt, ich hatte aufgegeben. Tief in mir spürte ich eine unstillbare Wut, gegen wen sie sich richtete, ob gegen Daniel oder mich selbst, wusste ich nicht. Ich drehte mich im Zimmer um, sah zu Laras Schrank. Dahinter, aus dem schmalen Schlitz zwischen Schrankwand und Tapete, lugte ihr neuer Rucksack hervor. Wir hatten ihn ihr vorzeitig geschenkt, weil sie noch vor ihrem Geburtstag im August mit den Pfadfindern verreisen wollte. Sie hatte ihn sich selbst ausgesucht. Dann sah ich wieder auf das Foto, das ich immer noch in meiner Hand hielt. Auf dem Rücken trug sie den wuchtigen schwarzen Rucksack, den sie sich früher immer von Daniel geborgt hatte, ihre zarte Gestalt schien dem Gewicht kaum standzuhalten.
»Was ist?«, fragte Daniel.
»Nichts«, erwiderte ich trotzig. »Mach, was du willst. Es ist mir egal. Fahr nach Hamburg, mach den Job.« Ich drängte mich an ihm vorbei in den Flur, schlüpfte in die Schuhe, schnappte mir den Kellerschlüssel und verließ die Wohnung.
Hinter mir hörte ich Daniel rufen: »Haust du jetzt auch ab, oder was?«
Ich antwortete nicht, es spielte keine Rolle mehr.
Ich fuhr mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss, lief die Treppe in den Keller hinab, stieß die Metalltür mit der Schulter auf und tastete nach dem Lichtschalter. Der süßliche Geruch von Rattengift paarte sich mit einem Hauch von Verwesung. Die Leuchtstoffröhren tauchten das Gewölbe in kaltes grelles Licht. Hier unten war es kühl, Gänsehaut überzog meine Arme, ich strich mit den Händen darüber hinweg und hielt mich einen Moment. Ich war ungern allein hier, normalerweise schickte ich Daniel, wenn ich irgendetwas brauchte. Zögerlich lief ich auf den letzten Verschlag in der hintersten Ecke zu. Das Vorhängeschloss sprang mit einem Klicken auf, und als ich die Tür aufgezogen hatte, entfuhr mir ein Stöhnen. Unser Kellerabteil war bis unter die Decke mit Kisten, ausrangierten Koffern und Boxen zugestellt. Ich würde es ausräumen müssen.
Wütend zog ich unseren alten Fernseher hervor, danach eine Reihe von Umzugskartons, ich musste einen Überblick bekommen, das war alles alter Kram, den wir nicht mehr brauchten, den wir aber aus Bequemlichkeit hier abgestellt hatten. Aber es nützte nichts, ich brauchte Sicherheit. Also hievte ich Stück für Stück aus dem Verschlag, stand immer wieder im Dunkeln und tastete mit ausgestreckten Händen den Gang entlang. Erst als ich alles in den Flur gestapelt hatte, gab ich die Suche auf.
Daniels Rucksack war nicht zu finden. Außerdem fehlte eine der Isomatten und mein Schlafsack. Ich sank zu Boden und nahm meinen Kopf in die staubigen Hände. Ich fühlte mich vollkommen erschöpft, alle Kraft war aus meinem Körper gewichen.
Lara war abgehauen. Sie musste ihr Verschwinden geplant haben, und ich hatte es nicht kommen sehen, obwohl wir seit Monaten fast täglich miteinander stritten. Daniel hatte recht, aber das machte es nur noch schwieriger zu ertragen. Wann die Spannungen zwischen Lara und mir begonnen hatten, konnte ich nicht mehr genau bestimmen. Zumindest gab es kein spezielles Ereignis, an dem ich es hätte festmachen können. Noch im vergangenen Jahr begegnete sie mir mit der Zutraulichkeit und Offenheit, die mir so vertraut war. Ich erinnerte mich an ihren Geburtstag im letzten Sommer, sie war fünfzehn geworden, hatte ein Rennrad von uns bekommen, mit einem Blumenkranz in ihren langen blonden Haaren stürzte sie mir in die Arme. Zu dieser Zeit war sie überglücklich, das spürte ich. Die Auseinandersetzungen begannen erst später. Plötzlich bemerkte ich eine Art Hochmut und abschätzige Arroganz an ihr, sie wirkte unnahbar. Ich fühlte mich von ihr in eine Rolle gedrängt, die ich nicht ausfüllen wollte, die ich aber auch nicht einfach abstreifen konnte. Ich kam mir spießig vor neben ihr, doch es widerstrebte mir, ihre Wünsche zu erfüllen, Entschuldigungen zu schreiben, nur weil ihr die Lust fehlte, in die Schule zu gehen. Sie behauptete, alles, was sie dort beigebracht bekäme, wäre nicht von Belang. Und dann erwischte ich sie schließlich dabei, wie sie meine Unterschrift fälschte. Die Direktorin rief mich an, beschwerte sich über die sich anhäufenden Fehlzeiten und weil Lara sich mit den Lehrern anlegte und ihre Mitschüler beleidigte. Ich musste erfahren, dass Lara eine Schulstunde gestört hatte, nachdem zwei Mitschülerinnen in den Freistunden bei Primark gewesen und mit großen Tüten zurückgekommen waren. Lara hatte einen Aufstand anzetteln wollen und hielt ihnen einen Vortrag über schlechte Arbeitsbedingungen, prangerte an, dass ihr Geiz und ihre Gier auf Kosten der Menschen in den ärmsten Ländern gingen, und sie gab keine Ruhe, bis der Lehrer sie vom Tisch zerrte und aus der Klasse warf. Als ich sie darauf ansprach, lachte Lara über meinen Unmut hinweg und sagte, ich solle nicht alles so ernst nehmen. Immerhin zerstörten vor allem wir Erwachsenen mit voller Kraft das Leben auf diesem Planeten, und dass sie deshalb an unserem Verstand zweifelte.
Ein friedliches Familienleben war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr möglich, wie eine Hyäne stolzierte sie durch die Wohnung, immer bereit zum Angriff, wenn sie ein in ihren Augen falsches Produkt im Kühlschrank entdeckte oder ich nicht im Bioladen eingekauft hatte. Ich hätte gelassener reagieren und auf ihre Argumente eingehen können, aber ich geriet an meine Grenzen. Ihr Ton und ihre Art gefielen mir nicht. Ich wünschte, es wäre mir egal gewesen, aber das war es nicht.
Ich sah sie noch genau vor mir, wie sie vor wenigen Tagen das Haus verlassen hatte, das ungekämmte Haar reichte bis zu ihrer kurz geschnittenen Jeans. Dazu trug sie ein altes zerlöchertes T-Shirt. Die Jugend schenkte ihr eine Anmut, die das Verlotterte strahlen ließ. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte sich umgezogen, doch ich war froh, dass ich mir einen Kommentar verkneifen konnte, es hätte nichts gebracht. Sie lächelte nicht, als sie ging, sondern hob nur kurz die Hand.
Hatte ich irgendein Zeichen ignoriert oder übersehen? Wieder und wieder war ich die Situation durchgegangen, hunderte Male. Ich erinnerte mich nur an ihre schlechte Laune. Den Rucksack hatte sie nicht dabei. Sie musste alles vorbereitet haben. Und das nahm ich persönlich.
Ich spürte die wachsende Aufregung in der Brust, während ich die Sachen wieder zurück in den Keller räumte. Ich biss mir auf die Lippen, die immer spröder wurden, und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich war hin- und hergerissen, zwischen ohnmächtiger Wut auf sie und der Hoffnung, dass es einen anderen Grund für das Fehlen des Rucksacks und des Schlafsacks geben könnte. Daniel und ich würden noch einmal reden müssen. Für den Moment hatte ich unsere Auseinandersetzung vergessen.
Verschwitzt schloss ich die Tür zu unserer Wohnung auf und noch während ich mir im Badezimmer die staubigen Hände wusch, stand Daniel hinter mir. Im Spiegel konnte ich so etwas wie eine Entschuldigung in seinem Blick lesen, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.
»Dein Rucksack ist verschwunden. Mein Schlafsack auch«, sagte ich.
»Aus dem Keller?«, fragte Daniel.
Von wo denn sonst, dachte ich, sprach es aber nicht laut aus, sondern nickte nur. Ich konnte seine Stimmung nicht deuten, als er sich umdrehte und in die Küche ging.
»Was machst du?«, rief ich ihm hinterher.
»Wir müssen das der Polizei mitteilen.« Er stand bereits am Küchentisch und hielt sein Handy in der Hand.
»Warte.«
Er drehte sich zu mir um.
»Was ist, wenn sie deshalb die Suche aufgeben?«
»Was meinst du? Warum sollten sie das tun?«, fragte er ungeduldig.
»Sie haben doch gesagt, wenn Teenager abhauen, dann tauchen sie in der Regel von alleine wieder auf. Wenn sie also glauben, es liegt kein Verbrechen vor, dann ist doch die Sache für sie erledigt, sie legen den Fall ab und warten.«
»Und was schlägst du vor?«
»Woher soll ich das denn wissen?« Ich fühlte mich so hilflos. Und meine Verzweiflung schlug um in Wut. Am liebsten wollte ich Daniel anschreien, dass er mir Lara zurückbringen soll. Ich lief an ihm vorbei ins Schlafzimmer. Im gelben Schein der Nachttischlampe lagen die Beruhigungstabletten, doch ich sehnte mich nach Klarheit und nicht nach Betäubung.
Ich konnte nicht schlafen, wälzte mich auf dem feuchten Laken hin und her. Obwohl es schon weit nach Mitternacht war, war es immer noch heiß, die Luft stickig und zäh. Bei jeder Bewegung brach mir der Schweiß aus. Ich war hellwach. Daniels Seite des Bettes war leer. Ich hatte seine Schritte im Flur gehört, so nah, direkt vor der Schlafzimmertür. Hatte ich ein Zögern gespürt?
Seitdem war einige Zeit vergangen. Ich wusste nicht, ob Minuten oder Stunden, die Zeit verrinnt anders, wenn man sich in negativen Gedanken verliert.
Ich stand auf, schob die Vorhänge zur Seite, um das Fenster zu öffnen, auch draußen hatte sich die Nacht kaum abgekühlt. Ein einsames Taxi stand vor einer roten Ampel, und als sie auf Grün schaltete, verschwand es um die Ecke. Die Leuchtreklame des Theaters spiegelte sich in den Fensterscheiben gegenüber. In meinem Kopf herrschte ein schreckliches Durcheinander und meine Brust tat weh. So fühlte sich Herzschmerz an. Ich konnte mich nicht zurück ins Bett legen. Ich würde nicht einschlafen, obwohl ich so unendlich müde war. Also griff ich nach meiner Jeans und dem Shirt auf dem Stuhl in der Ecke und zog mich an. Außer dem Rascheln des Stoffes war es in der Wohnung totenstill. Als ich im Flur nach meinen Turnschuhen griff, sah ich das schwache Leuchten unter der Tür des Gästezimmers, Daniel hatte sich dorthin zurückgezogen, auch er fand keinen Schlaf. Leise zog ich die Wohnungstür hinter mir zu.
Der fast volle Mond schien hell in dieser Nacht. Ich lief wie getrieben von unserem Haus weg, setzte einen Fuß vor den anderen, streifte die Wege an der Spree entlang. Sanft schwappte das Wasser gegen die Kaimauern. Und im immer gleichen Ton wiederholten sich meine Gedanken: Sie ist weggelaufen, sie wollte weg von uns, sie ist weggelaufen. Ich fühlte mich leer und verloren. Die Gewissheit, dass es ihre Entscheidung gewesen war, hatte nichts Beruhigendes. Im Gegenteil, sie warf noch weitere Fragen auf. Warum hatte Lara Daniels Rucksack genommen und meinen alten Schlafsack? Wie lange hatte sie das alles geplant? Und vor allem wohin und mit wem war sie abgehauen?
Plötzlich hörte ich Schritte auf den Pflastersteinen hinter mir, dann einen hechelnden Atem. Erschrocken wandte ich mich um. Eine Joggerin lief in großzügigem Abstand an mir vorüber, entschuldigend hob sie die Hände. Doch mein Herz klopfte wild, mein Atem ging schnell. Ich hörte das Rattern eines Zuges in der Nähe. Und mit einem Mal sah ich die buckligen Schlafsäcke auf den Bänken und erkannte die Zelte, die zwischen den Pfeilern der Brücken aufgeschlagen waren. Das weiche Geräusch der Laufschuhe entfernte sich. Ich blickte der Joggerin hinterher, die selbstbewusst in der morgendlichen Dämmerung verschwand. Schlagartig spürte ich das beklemmende Gefühl meiner eigenen Tatenlosigkeit. Ich konnte nicht länger rumsitzen und einfach nur auf sie warten.
Ich hastete zu der nahen Treppe und rannte die Stufen hinauf. Der Morgen graute, das diffuse Licht des Tages stieg auf. Ich verfiel in einen Dauerlauf. Sie musste irgendjemanden in ihren Plan eingeweiht haben. Warum war die letzte Person, die sie gesehen hatte, ausgerechnet Olivia gewesen, wenn sie ihre beste Freundin doch aus all den Fotos geschnitten hatte? Ich hatte so viele Dinge nicht mitbekommen.
Vollkommen außer Atem kehrte ich nach Hause zurück. Ich weckte Daniel. Er sah mich aus verschlafenen Augen an.
»Lass uns doch zur Polizei gehen.«
»Wie spät ist es?«
»Gleich halb sieben«, erwiderte ich. »Sie hat das Ganze geplant, irgendjemand muss eingeweiht gewesen sein. Wir müssen Druck bei der Polizei machen. Ich habe ein ganz beschissenes Gefühl.«
»Lara ist abgehauen. Was möchtest du denn da sonst für Gefühle haben?«
»Wenn du nicht mitkommen willst, gehe ich alleine.« Ich knallte die Tür hinter mir zu, setzte mich in die Küche und wartete.
