Unruh - Bruno Bohlhalter - E-Book

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Bruno Bohlhalter

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Beschreibung

Bruno Bohlhalter zeichnet in seinem Buch die Geschichte der schweizerischen Uhrenindustrie im 20. Jahrhundert nach. Als eine Schlüsselindustrie der Schweizer Wirtschaft stehen insbesondere die Ursachen und Folgen der zwei «Uhrenkrisen» in den 1930er- und den 1970/80er-Jahren im Zentrum. Die Studie ist ein Lehrstück zu Verbandspolitik, Kartellwirtschaft und staatlicher Intervention in Krisenzeiten. Der Autor zeigt die Folgen des technologischen Wandels in der Uhrenbranche auf und wie die Art und Weise der Bewältigung der ersten Krise den Grundstein für die zweite legte. Bruno Bohlhalter ist ein eminenter Kenner der Uhrenindustrie und verfügt über Wissen aus dem Inneren der Branche, das bislang nicht an die Öffentlichkeit gelangt ist.

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Seitenzahl: 572

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Bruno Bohlhalter

Unruh

Die schweizerische Uhrenindustrieund ihre Krisen im 20. Jahrhundert

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Autor und Verlag danken folgenden Institutionen für die grosszügige finanzielle Unterstützung:

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2016 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2016 (ISBN 978-3-03810-193-2)

Lektorat: Marcel Holliger, Zürich

Titelgestaltung: Katarina Lang, Zürich

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN E-booik 978-3-03810-229-8

www.nzz-libro.ch

NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung

Inhalt

Vorwort und Dank

1 Einleitung

1.1 Einige Charakteristiken der schweizerischen Uhrenindustrie

1.2 Aufbau und Quellen

2 Die Uhrenindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

2.1 Die Geburtsstätten der schweizerischen Uhrenindustrie

2.2 Die neue Konkurrenz aus den USA

2.3 Pierre-Frédéric Ingold – in der Schweiz verkannt, in den USA gehegt

2.4 Das Fanal von Philadelphia beschleunigt die Industrialisierung

2.5 Krisenanfällige Strukturen, tiefe Eintrittsschwellen – zwei Archetypen der Uhrenindustrie

2.6 Krisenursachen und Gegenmassnahmen

2.7 Neue Standesorganisationen der Patrons und der Arbeiterschaft

3 Die Uhrenindustrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts

3.1 Der Aufschwung vor dem Ersten Weltkrieg

3.2 Die Rohwerkfabriken gewinnen die Technologieführerschaft zurück

3.3 Zwischen Hammer und Amboss der Kriegsparteien

3.4 Die Umstellung der Fabriken auf die Kriegswirtschaft

3.5 Das konjunkturelle Strohfeuer nach dem Krieg

4 Die ersten Schritte ins Zeitalter der Kartelle

4.1 Die erste Intervention des Bundes ebnet 1921 den Weg für weitere Eingriffe

4.2 Die Neuorganisation der Verbände – eine Voraussetzung für das Kartell

4.3 Die Roskopfuhrenfabrikanten bleiben vor der Tür

4.4 Die Konventionen von 1928 – ein privatrechtliches Kartell

4.5 Die Chablonnage verlagert Wertschöpfung ins Ausland

4.6 Banken und Uhrenindustrie – eine Schicksalsgemeinschaft

5 Der Staatsinterventionismus der 1930er-Jahre als Keim der Krise in den 1970er-Jahren

5.1 Die Krise um die Chablonnage erreicht den politischen Kulminationspunkt

5.2 Die SSIH wird aus der Taufe gehoben

5.3 Vom privatrechtlichen zum öffentlich-rechtlichen Kartell

5.4 Vom öffentlich-rechtlichen zum gesetzlichen Kartell

5.5 Das «Groupement Roskopf» schliesst den Kreis der Verbandsgründungen

6 Die «Golden Fifties» glänzen nur oberflächlich

6.1 Das Uhrenstatut von 1951 verstetigt die staatliche Interventionspolitik

6.2 Das Uhrenstatut von 1951 lähmt die Wettbewerbsfähigkeit der schweizerischen Uhrenindustrie

6.3 Mit angezogener Handbremse von einem Verkäuferin einen Käufermarkt

6.4 Das «Malaise horloger»

6.5 Der Cadhor-Aufstand und die salomonische Lösung des Bundesrats

6.6 Die Preisbildungskommission weckt aus dem Dornröschenschlaf

7 Der schwierige Weg zur Liberalisierung

7.1 Das neue Uhrenstatut von 1961 öffnet das Tor zur Liberalisierung

7.2 Konzept und Vernehmlassungsverfahren für das neue Uhrenstatut

7.3 Einführung einer technischen Kontrolle als zentrale Massnahme

7.4 Das Gespenst der Chablonnage geistert weiter herum

7.5 Lockerung und befristete Weiterführung der Fabrikationsbewilligungspflicht

7.6 Die ASUAG verliert ihre Fabrikationsmonopole

7.7 Die starke Solidarität der Schweizer Stimmbürger mit ihren Uhrmachern

7.8 Fazit aus dem Staatsinterventionismus – er war nicht nur segensreich

7.9 Der Staatsinterventionismus hinterlässt bedrohliche Defizite

8 Eine zusätzliche Herausforderung: die Quarzrevolution

8.1 Die Gründung des CEH, Neuenburg

8.2 Das CEH bringt die weltweit erste Quarzarmbanduhr zur Serienfertigungsreife

8.3 Die erste Serie Beta 21 des CEH

8.4 Die zaghafte Markteinführung der Beta 21

8.5 Die japanische Doppelstrategie – gleichzeitige Förderung von Mechanik und Elektronik

9 Tiefe Spuren bei der SSIH und der ASUAG

9.1 Die SSIH leitet einen Strategiewechsel ein, setzt aber auf das falsche Pferd

9.2 Der generelle Vorwurf der fehlenden Entrepreneurship greift zu kurz

9.3 Die finanzielle Lage der SSIH in den 1970er-Jahren und die Banken

9.4 Ein neidvoller Blick nach Japan

9.5 Die Sanierung der SSIH

9.6 Die ASUAG büsst die Ertragskraft ein — McKinsey schlägt Alarm

9.7 Die GWC – ein glückloser Einstieg der ASUAG in den Fertiguhrenbereich

9.8 Die ASUAG gerät zunehmend ins Schlepptau der Banken

9.9 Der Verwaltungsrat der ASUAG – ein parlamentsähnliches Gremium

10 Gravierende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

10.1 Qualitätskontrolle und «Swiss made» lösen das Uhrenstatut ab

10.2 Internationale Währungsturbulenzen beschleunigen den Strukturwandel

10.3 Spätfolge des Uhrenstatuts: Eine Strukturkrise fordert 34 000 Arbeitsplätze

10.4 Das Fanal von Bulova

10.5 Der Weg von der mechanischen zur elektronischen Uhr

10.6 Der neuen Technologie fallen weitere 25 000 Arbeitsstellen zum Opfer

10.7 Der Technologiewandel war mehr als eine Krise – er war ein Strukturbruch

11 Die schweizerische Uhrenindustrie steigt wie ein Phönix aus der Asche

11.1 Die hohe Innovationskraft führt aus der Jahrhundertkrise

11.2 Der Schweizer Sieg im Wettrennen um die flachste Quarzuhr der Welt

11.3 Neue, innovative Schweizer Produkte in den 1970er-Jahren

11.4 Swatch, die sportlich-populäre Variante von Delirium

11.5 Die ASUAG gerät in eine ausweglose finanzielle Schieflage

11.6 Ein Geheimtreffen in Interlaken führt zur Wiedergeburt der Uhrenindustrie

11.7 Sanierung der ASUAG und Fusion mit der SSIH zur ASUAG-SSIH AG

11.8 Der Hayek-Pool übernimmt die ASUAG-SSIH AG und tauft sie um in SMH AG

11.9 The Swatch Group AG – eine Hommage auf die erfolgsgekrönte Swatch

12 Die Uhrenindustrie in jüngster Zeit

12.1 Den Verlockungen des Luxussegments ist nicht zu widerstehen

12.2 Die Uhrenindustrie errichtet erneut hohe Eintrittsbarrieren – nun aber aus eigener Kraft

12.3 Die Uhrenindustrie verfügt über die höchste internationale Wettbewerbsfähigkeit aller schweizerischen Wirtschaftszweige

12.4 Der Motor beginnt zu stottern – Überproduktionen, Lagerzunahmen und Margenerosionen

12.5 Die WEKO betreibt Struktur- anstatt Wettbewerbspolitik – ein Sündenfall

12.6 Die Smartwatch verändert die Uhrenindustrie wider ihren Willen

13 Schlussfolgerungen

Anhang

Wichtigste Abkürzungen

Verzeichnis der Tabellen und Grafiken

Glossar

Bibliografie

Anmerkungen

Vorwort und Dank

In der schweizerischen Uhrmacherei lösten sich seit ihrem Bestehen Krise und Hochkonjunktur immer wieder ab. Die Merkmale der Entstehung, aber auch die Ansätze zur Lösung der Krisen glichen sich. Dies galt vor allem für das «lange 19. Jahrhundert» und die Zwischenkriegszeit bis zum Beginn der grossen weltwirtschaftlichen Depression der 1930er-Jahre. Fast immer waren es politische oder kriegerische Ereignisse im Ausland, die einen Abschwung in der Uhrenindustrie hervorriefen. Die Krisen wurden meist ausgestanden und mit Massnahmen bekämpft, die in erster Linie der Linderung der Krisenfolgen dienten. Oft bestanden sie in Selbsthilfeaktionen der Bevölkerung oder Beschäftigungsprogrammen der öffentlichen Hand für arbeitslose Uhrmacher. Es stellt sich die Frage, ob dieses Deutungsschema auch zur Erklärung der beiden grossen Uhrenkrisen der 1930er- sowie der 1970er- und 1980er-Jahre genügt? Oder waren sowohl die Entstehungsgründe als auch die Instrumente zur Lösung dieser Krisen komplexer? Mit welchen Massnahmen fand die Uhrenindustrie aus den Verwerfungen wieder heraus? Dienten zur Bewältigung für beide Krisen die gleichen Mittel, oder waren sie unterschiedlich? Welche Zusammenhänge gab es zwischen den beiden Krisen? Gereichten der Uhrenindustrie die massiven staatlichen Eingriffe der 1930er-Jahre zum Vorteil? Welche Bedeutung kam den Eintrittsbarrieren ins Uhrengeschäft zu, die je nach Zeitraum unterschiedlich hoch sein konnten? Welche Rolle spielten die Banken in der Uhrenindustrie? Das vorliegende Buch will auf diese vielfältigen Fragen Antworten geben. Es basiert auf der Grundlage meiner Dissertation, die von der philosophischen Fakultät der Universität Freiburg am 22. April 2015 unter dem Titel Die Uhrenkrisen der 1930er-, 1970er/1980er-Jahre in der Schweiz: Entstehung und Bewältigung,Von der ASUAG und der SSIH zur Swatch Group AG angenommen wurde. Im Vergleich zur Dissertation ist jedoch ein ganz anderes Werk entstanden, sozusagen eine handliche Geschichte der Uhrenindustrie des 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund ihrer grossen Krisen mit einem Brückenschlag zur Gegenwart und einem kurzen Blick in die Zukunft.

Ohne die vielen Gespräche mit profunden Kennern der schweizerischen Uhrenindustrie wäre es mir nicht möglich gewesen, dieses Buch zu schreiben. Für wertvolle Impulse danke ich Jean-Claude Biver, Président de la Division Montres, LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton, Kurt Burki, ehemaliger General Manager der Movado Group, Dr. Peter Gross, ehemaliger Generaldirektor der Schweizerischen Bankgesellschaft, Dr. Hugo E. Räss, ehemaliger Direktor der Schweizerischen Volksbank, Dr. Ernst Thomke, ehemaliger Generaldirektor der ETA SA, und Hugo Zangger, ehemaliger Leiter der technischen Informatik bei der ETA SA.

Für die zuvorkommende Unterstützung bei den Recherchearbeiten danke ich Serge Ganzmann und Oliver Plüss vom SWA Schweizerisches Wirtschaftsarchiv Basel, Stephan Rohrer und Mario Schneider von der Zentralbibliothek Solothurn sowie Salome Moser, Leiterin des Stadtarchivs Grenchen. Bei Bettina Hahnloser und Claude Schild bedanke ich mich für die Erlaubnis, das Archiv ihres Grossvaters beziehungsweise Vaters Dr. Rudolf F. Schild-Comtesse (1900–1978) zu benützen. Ein weiterer Dank geht an Jean-Daniel Pasche, Präsident des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie FH, und seine ehemalige Mitarbeiterin Josette Jeanprêtre für das umfangreiche statistische Material, das sie mir zur Verfügung stellten.

Für die kritische Durchsicht des Manuskripts und ihre Anregungen danke ich Prof. em. Dr. Hans Flückiger, meinem Bruder lic. phil. Herbert Bohlhalter und meiner Frau Yvonne, die viel Geduld und Verständnis für meine Arbeit aufbrachte.

Ein besonderer Dank geht an meinen Doktorvater Prof. Dr. Joseph Jung, der meinem Vorhaben stets wohlwollend gegenüberstand und mich in allen Begebenheiten bereitwillig unterstützte.

Schliesslich ist es mir ein grosses Bedürfnis, einen ganz besonderen Dank an Anton Bally zu richten. Er gehörte bis 2004 der Konzernleitung der Swatch Group, Biel, an und führte von 1985 bis 2004 die ETA SA in Grenchen als Direktionspräsident. In zahlreichen persönlichen Gesprächen und elektronischen Korrespondenzen stand Anton Bally mir für Fragen zur Verfügung. Er schärfte mein Sensorium für die Belange der Uhrenindustrie. Meine Kenntnisse über diesen Wirtschaftszweig wären ohne seine Anregungen und Impulse auf einem viel tieferen Niveau stehen geblieben.

Bruno Bohlhalter

Im Sommer 2016

1 Einleitung

1.1 Einige Charakteristiken der schweizerischen Uhrenindustrie

Die Uhrenindustrie ist die Exportindustrie schlechthin; 95 bis 98 Prozent ihrer Wertschöpfung werden seit je exportiert. Das trifft in diesem Ausmass für keinen anderen Wirtschaftszweig zu. Umgekehrt importiert die Uhrenindustrie wenig, weil sie nur kleine Mengen an Rohmaterialien verarbeitet. Dadurch wird sie zu einem der wichtigsten Devisenbringer für unser Land. Sie leistet dauernd einen hohen positiven Beitrag an die schweizerische Handelsbilanz. Der Bund gewichtete diese Tatsache entsprechend hoch, als er in den 1930er-Jahren erwog, rettend in die Uhrenbranche einzugreifen.

Die Uhrmacherei ist organisiert nach dem sogenannten Verlagssystem, das in der Textilindustrie schon im 19. Jahrhundert geläufig und verbreitet war.1 In der Uhrenindustrie bezeichnet man diese Organisationsform als «Etablissage». Die Eckpfeiler des Systems bilden die Etablisseure, Termineure und Heimarbeiter sowie die Rohwerk- und Bestandteilfabriken. Die Manufakturen ergänzen das System. Die Etablisseure, meist selbstständige Kaufleute, sind die eigentlichen Uhrenfabrikanten, also die Markengeber, die die Geschäfte arrangieren und finanzieren. Sie kaufen Rohwerke und Bestandteile bei den Ebauchesfabriken beziehungsweise den Teileherstellern auf eigene Rechnung ein und lassen diese entweder in den eigenen Werkstätten oder bei Termineuren und Heimarbeitern zu fertigen Uhren remontieren. Für den Vertrieb der Endprodukte beanspruchen die Etablisseure in der Regel die Dienste von ausländischen Grossisten und Generalvertretern. Die Termineure sind ausgebildete Uhrmacher, die in ihren Kleinbetrieben als Auftragnehmer der Etablisseure aus Rohwerken und Bestandteilen Fertiguhren herstellen. Auch sie beschäftigen Heimarbeiter. Die Manufakturen fabrizieren die Rohwerke sowie die meisten oder alle Einzelteile selbst und stellen sie in ihren Fabriken zu fertigen Uhren zusammen, welche in der Regel über eigene Vertriebsnetze vermarktet werden. Die wirtschaftliche Organisationsform der Etablissage blieb bis in die neueste Zeit erhalten, wobei mit der Vertikalisierung, die in der Uhrenindustrie in den 1970er und 1980er-Jahren Einzug hielt, viele Etablisseure ihre Selbstständigkeit verloren und sich heute mit verschiedenen Rohwerk- und Bestandteilherstellern unter dem gemeinsamen Dach der Holdinggesellschaft eines Grosskonzerns wieder finden. Die Heimarbeit ist bedeutungslos geworden.

Im Rahmen dieser Produktions- und Vertriebsstrukturen wurde im Jahr 1931 die «Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG, Neuenburg» (ASUAG) als Holdingunternehmen gegründet und mit einem gesetzlich statuierten Monopol für die Ebauchesfabrikation in der Schweiz ausgestattet. Im Laufe der Zeit nahm sie durch den Zukauf von Fertiguhrenfabrikanten mit wohlklingenden Markennamen wie Eterna, Certina, Mido, Rado, Longines und anderen die Gestalt eines horizontal organisierten Manufakturkonzerns an, dem in der Uhrenindustrie eine absolut zentrale Bedeutung zukam. Die ASUAG war mit Abstand das grösste Uhrenkonglomerat in der Schweiz. Die diesem Konzern angehörenden Unternehmen stellten zu Beginn der 1970er-Jahre 80 Prozent der Rohwerke für Ankeruhren her, die in der Schweiz zu Fertigprodukten verarbeitet wurden. Für die Herstellung der regulierenden Bestandteile war der Anteil noch höher.2 Das bedeutet, dass die vielen kleinen und mittleren Uhrenfabrikanten in der Schweiz von den Lieferungen der ASUAG abhängig waren. Im Jahr 1972 vereinigte sie mit einem konsolidierten Umsatz von etwas über 1 Milliarde Franken knapp 40 Prozent der gesamten Wertschöpfung des schweizerischen Uhrenexports auf sich.3 Auf die SSIH, den zweitgrössten Uhrenkonzern, entfielen mit einem konsolidierten Verkaufsvolumen von rund 570 Millionen Franken weitere 20 Prozent der Wertschöpfung.4 Damit zeichneten diese zwei Grossunternehmen für annähernd 60 Prozent der Aktivitäten der Schweizer Uhrenindustrie verantwortlich. Die dominierende Marktstellung der beiden wurde noch akzentuiert durch die erdrückende Vorherrschaft der ASUAG als Komponentenherstellerin. Nicht umsonst sagte Nicolas G. Hayek in seinem Gespräch mit Friedemann Bartu: «Deswegen reden wir auch immer von der schweizerischen Uhrenindustrie, wenn wir von den beiden Firmen ASUAG und SSIH sprechen.»5 Diese etwas vollmundige Äusserung Hayeks übersieht allerdings einen wichtigen Mitspieler auf dem Feld der Uhrmacherei: Es ist die in Genf domizilierte Montres Rolex SA. Sie veröffentlicht seit ihrer Gründung im Jahr 1920 weder Umsatz- noch Bilanzzahlen. Deshalb ist ihr genauer Marktanteil unbekannt. Mit Blick auf die Wertschöpfung dürfte Rolex der SSIH kaum nachgestanden sein, wenn überhaupt. Jüngste Studien schätzen ihren Anteil an den wertmässigen Gesamtexporten der Uhrenindustrie auf gut 20 Prozent.6 Auch in die vorliegende Studie, die sich schwergewichtig mit den Ereignissen im Umfeld der grossen Uhrenkrisen befasst, findet Rolex wenig Eingang. Das hängt allein damit zusammen, dass sie diese Krisen besser bewältigte als die meisten ihrer Konkurrenten.

Die Uhrenindustrie war am Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt durch eine aussergewöhnlich kleinbetriebliche Unternehmensstruktur. Die Industrialisierung führte in dieser Branche nicht zu einer industriellen Konzentration mit wenigen Grossunternehmungen, wie etwa in den USA oder in Japan. Im Jahr 1929 bestanden hierzulande etwas über 1100 Uhrenbetriebe mit durchschnittlich gut 40 Beschäftigten.7 Diese Zersplitterung war durchaus gewollt und hatte damit zu tun, dass es sich bei den Unternehmungen mehr oder weniger ausschliesslich um Familienbetriebe handelte. In einem solchen unternehmerischen Umfeld scheuten die Patrons Grosskonzentrationen, weil sie damit zwangsläufig ihren Einfluss verloren hätten. Um ihre wirtschaftliche Macht und den Besitzstand abzusichern, neigten sie viel eher zu Kartelllösungen. Dabei kam ihnen die starke Ballung der Uhrenindustrie im schweizerischen Jurabogen zustatten. Diese führte an vielen Orten zu wirtschaftlichen Monokulturen, die in Krisensituationen mit dem Nachteil verbunden waren, dass kaum andere Branchen zur Verfügung standen, die Arbeitslose aufnehmen konnten. In diesen Monokulturen hatten die Politiker, aber auch die Unternehmer sowie die Arbeiter und die Bevölkerung die gleichen Interessen, nämlich einzig und allein das Wohl ihrer Uhrenindustrie. Daraus entwickelten sich korporatistische Strukturen in Politik und Wirtschaft, die Kartelllösungen begünstigten.8

1.2 Aufbau und Quellen

Der Aufbau der Studie erfolgt chronologisch. Von diesem Grundsatz wird nur abgewichen, wenn es die Einheit der Materie über gewisse Zeiträume hinweg verlangt. Am Anfang jedes Kapitels wird das Wesentliche in einem Abstract zusammengefasst. Es dient zum einen der Kurzinformation über das Wichtigste, zum andern soll damit der Überblick über die jeweiligen Geschehnisse erleichtert werden. Deshalb kann an dieser Stelle auf die Einführung in die einzelnen Kapitel verzichtet werden.

Als primäre Quellen dienten diverse Botschaften des Bundesrats an das Parlament zu Gesetzesvorlagen über die Uhrenindustrie sowie die entsprechenden Erlasse. Weiter wurden herangezogen: die Geschäfts- und Jubiläumsberichte von ASUAG und SSIH und deren Nachfolgefirmen ASUAG-SSIH AG, SMH Schweizerische Gesellschaft für Mikroelektronik und Uhrenindustrie AG und The Swatch Group AG sowie die Ebauches Hauszeitung. Für Presserecherchen fanden hauptsächlich die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), Der Bund, die Finanz und Wirtschaft (FuW) und die Solothurner Zeitung (SZ) Eingang. Von der allgemeinen Uhrenliteratur, die sehr umfangreich ist, sind hervorzuheben: die Publikation Der Mensch und die Zeit in der Schweiz 1291–1991, die das Institut «Der Mensch und die Zeit» in La Chaux-de-Fonds im Jahr 1991 als Beitrag der Uhrenbranche zum 700. Jahrestag der Gründung der Schweizerischen Eidgenossenschaft herausgab.9 Sie liefert einen umfassenden historischen und kulturellen Überblick über die Uhr und ihre Herstellung in der Schweiz von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bundesrat René Felber bezeichnete das Buch in seinem Vorwort als «ein schönes Geburtstagsgeschenk an das Schweizer Volk». Eine weitere gute Übersicht über die Geschichte der Uhrenindustrie von 1850 bis in die Gegenwart stammt aus der Feder von Pierre-Yves Donzé. Sie trägt den Titel: Histoire de l’industrie horlogère suisse. De Jacques David à Nicolas Hayek (1850–2000).10 Im Hinblick auf die Liberalisierung im Jahr 1971 veröffentlichte die «Fédération horlogère suisse» 1964 eine Abhandlung über die wirtschaftliche Entwicklung und die Strukturen der Uhrenindustrie11 und 1967 eine Prospektionsstudie.12 Beide versuchten, die Entwicklungstendenzen und die sich daraus ergebenden Fragen für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre möglichst realistisch einzuschätzen und deren Konsequenzen bis in alle Verästelungen der Branche aufzuzeigen. Auch die Literatur, die sich auf die Lösung und Bewältigung der Uhrenkrise der 1970er- und 1980er-Jahre bezieht, ist umfangreich. Ein Werk sei hier herausgegriffen: Es ist die Schrift von Friedemann Bartu.13 Sie erschien in der Form eines langen Interviews, das der Autor mit Nicolas G. Hayek führte. Hayek gab in diesem Interview Auskunft über seinen persönlichen Werdegang und vor allem über seinen Weg zum Unternehmer. Er legte seine Unternehmensphilosophie dar und schilderte gleichzeitig die fast ausweglose Situation, in der er die Uhrenindustrie zu Beginn der 1980er-Jahre vorfand und wie er sie aus den Schwierigkeiten herausführte. Nicolas G. Hayek, der am 28. Juni 2010 im Alter von 82 Jahren starb, hatte die Uhrenindustrie in neuester Zeit sehr stark mitgeprägt. Wer immer sich mit der Uhrenkrise der 1970er- und 1980er-Jahre befasst, kommt um dieses Gesprächsbuch von Friedemann Bartu und Nicolas G. Hayek nicht herum. Dabei versteht es sich von selbst, dass in solchen persönlichen Äusserungen und Urteilen von Unternehmern manchmal auch individuelle Töne mitschwingen, die einer Relativierung oder des Vergleichs mit anderen Quellen bedürfen.

2 Die Uhrenindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Die Uhrmacherei entsteht in der Schweiz an drei regional verschiedenen Standorten, die chronologisch und geografisch weit auseinander liegen: in der Stadt Genf, im Kanton Neuenburg und im waadtländischen Jouxtal. Im Laufe der Zeit dehnt sie sich über den Jurabogen nach Osten aus. Ihre hochwertigen Produkte werden seit je fast ausschliesslich im Ausland abgesetzt. Diese Exportabhängigkeit setzt sie den Launen der internationalen Entwicklungen aus und macht sie, verbunden mit tiefen Eintrittsbarrieren («barriers to entry»), besonders krisenanfällig. Bis etwa 1870 haben die Schweizer Uhrmacher die weltweite Technologieführerschaft inne, die sie im Zuge der Industrialisierung an die Amerikaner verlieren und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wieder zurückgewinnen. Krisen fördern das Entstehen und Festigen von Standesorganisationen auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite.

2.1 Die Geburtsstätten der schweizerischen Uhrenindustrie

Die Uhrenindustrie kennt drei regional und zeitlich voneinander getrennte Entstehungsorte. Der erste war Genf. Dort nahm die Uhrmacherei um die Mitte des 16. Jahrhunderts ihren Anfang. Der zweite lag in den Jurahochtälern des Kantons Neuenburg, wo sie gegen Ende des 17. Jahrhunderts Einzug hielt, und der dritte Entstehungsort war im waadtländischen Jouxtal beheimatet. Da entstand sie um das Jahr 1740 herum.14 In Genf und im Kanton Neuenburg hatte die Ansiedlung des Uhrmacherhandwerks unterschiedliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Hintergründe. In Genf stand die Goldschmiedekunst als treibende Kraft hinter der Entfaltung des Uhrmachergewerbes. Diese Tatsache manifestierte sich in der Tendenz zur Herstellung von teuren Gold- und Silberuhren, die meist als Einzelstücke verkauft wurden. Der Trend hält bis in die neueste Zeit an. Die Genfer Uhrenindustrie ist auf das oberste Preissegment ausgerichtet. Im Neuenburger Jura dagegen stand als Motiv für die Entfaltung der Uhrmacherei die Arbeitsbeschaffung im Vordergrund. Dies förderte die Herstellung von eher billigen Uhren für jedermann, was später seinen Ausdruck in der Massenproduktion fand. Im Jouxtal spezialisierte man sich vor allem auf die Herstellung von Uhrwerken mit Komplikationen, die in Genf zu fertigen Uhren verarbeitet wurden.

In der Rhonestadt zogen ab Mitte des 16. Jahrhunderts viele Religionsflüchtlinge aus Frankreich ein. Sie gehörten zu einer sozialen Schicht, die nicht nur über hohe fachliche Kompetenzen verfügte, sondern auch Geld für die Einführung neuer Erwerbszweige, wie gerade der Uhrmacherei, mitbrachte. Anfänglich fertigte man nur Einzelstücke für Adelige und geistliche Herren an. Anno 1589 entstand in Genf die erste Uhrmacherzunft. Aufnahme fand nur, wer sich durch die Herstellung zweier Meisterstücke auszeichnete. Knapp 100 Jahre später waren bereits 100 Uhrmachermeister mit 300 Arbeitern in Genf tätig, die zusammen jährlich rund 5000 Uhren herstellten. Schon zu dieser Zeit zeichnete sich eine erste Arbeitsteilung dadurch ab, dass die Werke und die Gehäuse nicht von den gleichen Leuten angefertigt wurden. Die Produktion der Uhrenschalen, die meist aus vergoldetem Messing oder Bronze, manchmal auch aus Silber oder Bergkristall, bestanden, oblag den rund 80 Meistern der Bijouterie mit ihren 200 Gesellen und Lehrlingen.15 Diese Arbeitsteilung war eine Folge der Gesetze gegen den Luxus, die in Genf das Tragen von Schmuckstücken massiv einschränkten und die Goldschmiede zwangen, auf das Handwerk an den Uhrengehäusen auszuweichen.16 Infolge der Aufhebung des Edikts von Nantes durch König Ludwig XIV. im Jahr 1685 strömten weitere kunstbeflissene Handwerker als Glaubensflüchtlinge in die Rhonestadt und verhalfen der Uhrmacherei zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu einem gewichtigen Entwicklungsschritt. Die Arbeitsteilung wurde stark vorangetrieben; die Fertigung einer Uhr aus einer einzigen Hand geriet zur Seltenheit. Bei den Werkstätten bildeten sich Spezialisierungen heraus. Sie konzentrierten sich auf die Herstellung von Einzelteilen wie Räder, Unruhen, Hemmungsvorrichtungen, Federn usw. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts folgte der Wandel zur Etablissage. Die Fabrikanten kauften Rohwerke und Bestandteile in Savoyen oder im waadtländischen Jouxtal ein und liessen daraus in den Werkstätten der Stadt das Endprodukt fertigen.17 Im Jahr 1785 öffnete die älteste, heute noch bestehende Uhrenmanufaktur der Schweiz, Vacheron Constantin, ihre Tore.18 Anno 1788 betrug die Beschäftigtenzahl in der Genfer Uhrenbranche rund 3000 Personen – eine stattliche Zahl bei etwa 26000 Einwohnern. Auch die produzierten Stückzahlen sind mit rund 100000 Uhren sehr beachtlich.

Die Französische Revolution warf die Genfer Uhrenindustrie zurück. Namentlich die Folgen der napoleonischen Kontinentalsperre von 1806 gegen Grossbritannien wirkten sich negativ aus.19 Dennoch fiel in diese Zeit ein Ereignis, das für die späteren weltweiten Entwicklungen der Uhrenindustrie wegweisend war und avantgardistische Züge aufwies. Die französische Firma Sandoz & Trot gründete in Genf 1804 ihre erste Uhrenfabrik und verband damit die Hoffnung, dort günstigere Bedingungen für die maschinelle Herstellung von auswechselbaren Teilen für Rohwerke vorzufinden als in ihrem Heimatland.20 Doch das Experiment scheiterte schon nach wenigen Jahren am Widerstand der Genfer Arbeiterschaft; sie sah sich durch das Aufkommen der Fabriken in ihrer Beschäftigung bedroht. Sandoz & Trot schied aus dem Markt wieder aus. Ein ähnliches Schicksal erlebte die Firma Humbert & Darier gegen 1820, weil die Genfer Uhrmacher an der alten Arbeitsweise der hausindustriellen Fertigung festhalten wollten. Zwei Dekaden später – im Jahr 1839 – setzte Vacheron Constantin am gleichen Punkt wieder an, zusammen mit dem Erfinder und Konstrukteur Georges Leschot. Er organisierte bei diesem Manufakturbetrieb den Produktionsprozess für die Herstellung der Einzelteile nach dem Grundsatz ihrer Auswechselbarkeit. Als das Haus Patek Philippe & Co. im Jahr 1847 diesem Beispiel folgte, fühlten sich die Etablisseure in Gefahr und gründeten in einem Schulterschluss gemeinsam eine Rohwerkfabrik. Diese musste ihnen die Rohwerke zu vorteilhaften Preisen liefern.21

An diesen Beispielen sind zwei Tatsachen bemerkenswert: Zum einen fällt auf, dass in Genf die Vorteile und die Bedeutung des Prinzips der Austauschbarkeit («interchangeability») der einzelnen Bestandteile einer Uhr mehrere Jahrzehnte vor den Amerikanern erkannt und im Produktionsprozess einzelner Unternehmungen umgesetzt wurden. Zum andern gilt es festzuhalten, dass nicht nur die Arbeitnehmer sich gegen den Einsatz der neuen Technologien wehrten, sondern auch die Etablisseure als Arbeitgeber. Beide Sozialpartner setzten sich gewissermassen ins gleiche Boot und verhinderten den Fortschritt. Oder mit anderen Worten: Man hatte einen grossen technischen Vorsprung zu verzeichnen und wusste diesen wegen gesellschaftlicher und kultureller Hindernisse nicht zu nutzen. Wie noch aufgezeigt wird, zieht sich das Phänomen der Ablehnung revolutionärer technischer Neuerungen wie ein roter Faden durch die Geschichte der Uhrenindustrie bis hin zur Krise der 1970er- und 1980er-Jahre.

Im Kanton Neuenburg wuchs die Uhrmacherei völlig losgelöst von deren Entwicklung in der Calvinstadt heran. Daniel JeanRichard (1665/1672[?]–1741) gilt als ihr eigentlicher Begründer. Er wurde in La Sagne in der Nähe von Le Locle geboren. Nach der Überlieferung zeigte er schon als kleiner Junge grosses Geschick im Bau von Spielzeugen. Später zeichnete sich JeanRichard dadurch aus, dass er eine in London hergestellte Taschenuhr eines durchreisenden Pferdehändlers reparieren und wieder vollständig in Gang bringen konnte. Nach diesem Erfolg setzte er sich in den Kopf, selbst eine solche Uhr zu bauen. Das bedeutete, dass er zunächst die Werkzeuge und dann die Bestandteile anfertigen musste. Nach eineinhalb Jahren war das Werk vollbracht, die Uhr funktionierte. Daniel JeanRichard wurde mit Leib und Seele Uhrmacher. Er gründete in La Sagne eine kleine Werkstatt, die er 1705 nach Les Petits Monts oberhalb von Le Locle verlegte. Dort fand er bessere Bedingungen für den Absatz seiner Uhren vor; aber auch die Beschaffung von Arbeitskräften war dort einfacher. Diese bildete er alle selbst aus, sei es direkt als Lehrlinge oder als Fachleute aus angrenzenden Gebieten, wie der Goldschmiede- und der Gravierkunst. Im Gegensatz zu Genf gab es im Jura keine Zünfte, die das Gewerbe und die Ausbildung regulierten. Jedermann war frei in seinen Handlungen und die Gewerbefreiheit gewährleistet.22 Die Stärke JeanRichards lag nicht in der Herstellung von bezaubernden Schmuckuhren. Diese Domäne überliess er seinen Genfer Konkurrenten, die ihre aristokratische, vorwiegend ausländische Kundschaft mit solchen Kleinoden zu begeistern vermochten. JeanRichard suchte seine Käufer vielmehr unter den Handwerkern in der näheren und weiteren Umgebung seiner Heimat. Dies bedingte, dass er die Taschenuhr, die bis dahin als Luxusgegenstand galt, auch für weniger betuchte Menschen erschwinglich machen musste. Mit dieser Zielsetzung vor Augen förderte Daniel JeanRichard die Arbeitsteilung nach Kräften. Ideell stellte diese Strategie die Grundlage für die Produktion der später aufkommenden Massenuhr dar. In den gleichen Kontext fiel sein Bedürfnis, eine Zahnradschneidemaschine zu erfinden, die den Prozess der Uhrenherstellung rationalisieren und verbilligen konnte.23 Mit seinem Einfallsreichtum war Daniel JeanRichard seiner Zeit ein weites Stück voraus. Auch das ein Beispiel, dass es an revolutionären Ideen in der Uhrenindustrie nicht fehlte. Es war vielmehr die Branchenkultur, die ihre zeitgerechte Umsetzung immer wieder verhinderte.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts holte der Kanton Neuenburg die Calvinstadt als Uhrenproduktionsstandort ein und im 19. Jahrhundert überflügelte er sie deutlich. Im Jahr 1846 lebten im damaligen Fürstentum Neuenburg rund 68000 Einwohner. Ungefähr 15 Prozent davon oder 10000 Personen waren Uhrmacher. In La Chaux-de-Fonds präsentierten sich die Verhältnisse noch ausgeprägter. Dort übten schon sechs Jahre früher von knapp 10000 Einwohnern nahezu ein Drittel aller Ansässigen den Uhrmacherberuf aus.24 Angesichts dieser Entwicklungen ist es verständlich, dass sich die Uhrenindustrie auch rasch in das angrenzende Tal von St-Imier und von dort in die Gegend von Biel ausbreitete. Zur Zeit der Gründung des Bundesstaats wies der bernische Jura rund 6000 Uhrenarbeiter auf; bis Ende 1870 wuchs diese Zahl auf über 14000.25 Damit rückte der Kanton Bern sehr nahe an den Kanton Neuenburg als Uhrenproduktionsstandort heran. In Biel wiederholte sich das, was ein paar Jahrzehnte vorher in St-Imier geschah. Die Uhrenindustrie platzte aus allen Nähten und expandierte entlang der ersten Jurakette in den benachbarten Kanton Solothurn, wo in Grenchen 1856 mit Girard und Schild26 eine Fabrik für die Herstellung von Rohwerken entstand, der 1862 und 1871 weitere folgten. In Solothurn wurden die ersten Uhrenfabriken im Jahr 1860 gegründet. Im Kanton Basel-Landschaft hielt die Uhrenindustrie zwar um die Mitte des 19. Jahrhunderts Einzug, aber zu grösserer Bedeutung gelangte sie erst 1870 mit der Uhrenfabrik G. Thommen. In Schaffhausen gehen die Wurzeln auf das Jahr 1854 zurück.27

Diese rasche Ausbreitung der Uhrenindustrie, namentlich in den Hochtälern des Juras, hatte wie jede Medaille zwei Seiten. Zum einen brachte sie neue Beschäftigung für Zehntausende von Menschen in eine Region der Schweiz, die mit Ausnahme von Genf stark durch Land- und Bergwirtschaft gekennzeichnet war. Zum andern bildete sich durch den anhaltenden Erfolg eine Kultur heraus, die der Selbstgefälligkeit auf beiden Seiten – bei der Arbeitnehmer- und der Arbeitgeberschaft – Vorschub leistete. In einer Art Symbiose zwischen der teilweise mechanisierten Rohwerkherstellung, der handwerklichen Heimarbeit und der vorwiegend aus Kleinbetrieben bestehenden Etablissage entstanden Produktions- und Verkaufsstrukturen, die man geradezu als ideal betrachtete für eine prosperierende Entwicklung der Uhrenbranche. Obwohl die Technik eine wichtige Rolle spielte, wurde die Uhrmacherei stets als Kunsthandwerk, ja gar als Kunst empfunden, die hohe Ansprüche an die Geschicklichkeit und den Erfindergeist der Beteiligten stellte. Das schaffte Selbstvertrauen und förderte den Stolz auf die eigenen Fähigkeiten. Der stellvertretende Kantonsarchivar von Neuenburg und Mitglied des wissenschaftlichen Komitees des Instituts «Der Mensch und die Zeit», Jean-Marc Barrelet, hielt dazu fest: «Der Patriotismus der Uhrmacher, der Stolz auf gute Arbeit spielen hier eine wichtige Rolle. Vergessen wir nicht, dass die Uhrmacherei eine Kunst ist, also immer wieder in Frage gestellt wird. Uhren sind Kunstwerke, Vorläufer der Mode und Modeschöpfungen, Zeugen des Schönen und auch des Vergänglichen. Die Uhren sind seit jeher, verbunden mit allen Dekorationshandwerken, von der Einlegearbeit bis zur Juwelierkunst, ob billig oder kostbar, dem Geschmack und dem Stil ihrer Zeit unterworfen.»28 Aus diesem Selbstverständnis der Uhrmacher und ihrer Einstellung zu dem von ihnen geschaffenen Produkt entfaltete sich eine Art gemeinsame Identität der Menschen in den Uhrengegenden. Diese erfasste wegen der kleinbetrieblich organisierten Produktion nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch die Arbeitgeber. Die Distanz zwischen den Patrons und den Arbeitern war kleiner als in anderen Branchen. Konfrontationen wurden weniger hart ausgetragen. Politisch förderten diese Verhältnisse eher den Korporatismus als den Klassenkampf.29 Es bildete sich in der Bevölkerung eine Art «Wir-Gefühl» in dem Sinne heraus, dass sich jeder Einzelne als Teil einer kleinen regionalen Gemeinschaft verstehen durfte, die quasi als einzige in der Lage war, fast die ganze Welt mit genauen Zeitmessern zu versorgen. Dieser Aspekt gewann mit dem Aufkommen der Eisenbahnen im 19. Jahrhundert stark an Bedeutung. Deren Entstehung rief nach einer länderweiten Synchronisierung der Zeit. Wer den Zug nicht verpassen wollte, benötigte eine genaue Uhr. Und diese wurde in den meisten Fällen im Schweizer Jurabogen hergestellt. Aber auch für die Sicherheit des Bahnbetriebs selbst waren das Festlegen einer Standardzeit und exakte Uhren beim Personal eine Notwendigkeit. Lokomotivführer, Barriere- und Weichenwärter sowie Kondukteure und Bahnhofvorstände mussten alle über gleichgerichtete, genaue Uhren verfügen, wenn Zugsunglücke vermieden und Anschlüsse gewährleistet werden sollten.30

So entstand in den Jurahochtälern eine Kultur, die auch ihre Schattenseiten hatte. Diese bestanden vor allem darin, dass ab den 1860er-Jahren wegen der wenig ausgeprägten Neigung der Schweizer Uhrmacher zu technischen Neuerungen bei den Produktionsprozessen der Fortschritt gehemmt wurde. Es erwies sich als zunehmend schwierig, Änderungen in den Produktionsmethoden durchzusetzen. Die Arbeiterschaft und teilweise auch die Etablisseure, die es vor der Krise von 1870 zu einem gewissen Wohlstand brachten, wehrten sich gegen die Mechanisierung und die Verlagerung des Zusammenbaus der Uhren in die Fabriken. Viele Etablisseure wollten aus Rücksichtnahme auf die Heimarbeiter keine Manufakturen gründen. Die Sensibilisierung der Schweizer Uhrmacher für das, was sich bezüglich der Mechanisierung in den USA abspielte, war gering. Das äusserte sich auch darin, dass sie kaum Interesse für die Teilnahme an der Weltausstellung von 1876 in Philadelphia zeigten.31 Ihr bisheriger Erfolg bewies ihnen, dass der eingeschlagene Weg der richtige war und es keiner Korrekturen bedurfte. Doch der Schein trügte; die innert kürzester Zeit am amerikanischen Horizont auftauchende Konkurrenz belehrte die Schweizer Uhrmacher eines Besseren.32

2.2 Die neue Konkurrenz aus den USA

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Schweizer Uhrmacher erstmals mit Konkurrenz aus den USA konfrontiert. Dort entstanden in den Bundesstaaten Massachusetts und Illinois innert weniger Jahre 15 Uhrenfirmen. Viele davon waren nicht existenzfähig und wurden schon nach kurzer Zeit liquidiert. Aber drei Unternehmungen setzten sich durch und prosperierten: Es waren die American Watch Co. in Waltham (Massachusetts), die National Watch Co. in Elgin (Illinois) und die Springfield Watch Co. in Springfield (Illinois). Die beiden erstgenannten waren die grössten und wichtigsten.33 Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) blühte die Industrie sehr rasch auf und die Uhrenfabriken schossen wie Pilze aus dem Boden. Die führenden Uhrmacher der Vereinigten Staaten waren Industrielle; sie arbeiteten mit anderen Strukturen und Methoden als die Schweizer. Die Amerikaner richteten sich konsequent auf die maschinelle Herstellung der Einzelteile aus, sodass sich bei der Montage der Uhr Anpassungen von Hand weitestgehend erübrigten. Die Teile waren austauschbar und konnten teilweise für verschiedene Modelle eingesetzt werden. Die Frage, ob die Uhrmacherei ein Kunsthandwerk oder die Uhr gar ein Gegenstand der Kunst sei, kam bei den Uhrenindustriellen in den USA nicht auf. Sie beabsichtigten nichts anderes, als preisgünstige Produkte in guter Qualität und grossen Serien auf den Markt zu bringen.34

Die American Watch Co. nahm 1859 den Ortsnamen Waltham, das in der Nähe von Boston liegt, in ihre Firmenbezeichnung auf. Ab 1885 firmierte sie als American Waltham Watch Company.35 Schon in der ersten Hälfte der 1870er-Jahre produzierte Waltham jährlich rund 100000 Uhren. Eine Dekade später waren es bereits 400000 und 1892 betrug der Ausstoss über 1 Million Stück. In Elgin, nahe bei Chicago, gründete Benjamin W. Raymond mit einigen Freunden im Jahr 1864 die Manufaktur National Watch Company, Elgin, Illinois. Das Schlüsselpersonal warb man bei Waltham ab. Elgin erlebte ebenfalls eine stürmische Entwicklung, wenn auch nicht gar so stark wie Waltham. Im Jahr 1876 produzierte sie knapp 70000 Uhren, zu Beginn der 1890er-Jahre waren es über eine halbe Million. Damit schwang sich Elgin gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum schärfsten Konkurrenten Walthams auf.36 Diese Realitäten wirkten sich drastisch auf die schweizerischen Uhrenexporte nach den Vereinigten Staaten aus. Sie fielen von 1872 bis 1877 um 80 Prozent zurück. Die schweizerische Einbusse wurde in den USA zu weit mehr als der Hälfte allein durch die Produktionssteigerungen der beiden neuen Uhrenriesen Waltham und Elgin wettgemacht.

2.3 Pierre-Frédéric Ingold – in der Schweiz verkannt, in den USA gehegt

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass an diesem amerikanischen Erfolg die Schweiz ungewollt massgeblich mitwirkte. Viele Schweizer Uhrmacher, denen das Glück in der Heimat abhold war, suchten es in der neuen Welt. Unter ihnen auch Pierre-Frédéric Ingold, der 1787 in Biel auf die Welt kam.37 Er war als Erfinder von Uhrenproduktionsmaschinen weder in der Schweiz noch in Europa erfolgreich. Der Grund lag darin, dass die Uhrmacher auf unserem Kontinent befürchteten, sie würden mit Ingolds Erfindungen in die Arbeitslosigkeit getrieben. Nach einem enttäuschungsvollen Leben in Paris und London wanderte er 1845 im Alter von 58 Jahren in die Vereinigten Staaten aus. Dort fielen seine Ideen auf einen fruchtbareren Boden als in Europa. Schon bald arbeiteten die amerikanischen Uhrenfabriken mit Maschinen, die nach dem System Ingold austauschbare Uhrenteile von aussergewöhnlicher Präzision herstellten. Dies brachte die amerikanische Uhrenindustrie, die schon von technischen Wissenstransfers der Waffen- und Nähmaschinenfabrikation profitierte,38 einen Riesenschritt voran und sicherte ihr für viele Jahre die weltweite Technologieführerschaft.39 Dabei verfügten die Amerikaner noch über den Vorteil, dass sie nicht wie die Schweizer auf ein Heer von Heimarbeitern Rücksicht nehmen mussten, die befürchteten, durch die Mechanisierung eine Degradierung ihres Berufsstands zu erfahren oder ihre Arbeitsplätze zu verlieren.40 Die Wirkung dieser Ereignisse auf die Uhrenindustrie blieb nicht aus. Der amerikanische Technologievorsprung führte hierzulande zur beschleunigten Industrialisierung in der Uhrenbranche. So fasste zum Beispiel die Louis Brandt & Fils (heute Omega) im Jahr 1879 den strategischen Entscheid, sich künftig als Manufaktur zu etablieren und nach dem System Ingold zu produzieren.41 Dennoch blieb sie im Vergleich zu ihren amerikanischen Konkurrenten ein Zwerg. Im Jahr 1880 stellte sie täglich ungefähr 75 Uhren42 her, was ein Jahresvolumen von gut 20000 Stück ergab. Longines – eine der grössten und modernsten Schweizer Uhrenfabriken – fabrizierte 1885 rund 20000 Uhren.43 Demnach erreichten die jährlichen Produktionsmengen der beiden bedeutendsten Manufakturen der Schweiz um die Mitte der 1880er-Jahre zusammen gut 40000 Uhren. Dies entsprach etwa 7 Prozent des Ausstosses von Waltham und Elgin, der sich 1884 auf rund 560000 Uhren belief.

Im Jahr 1885 wurden in der Schweiz total 2,9 Millionen Uhren und Werke hergestellt.44 Zu dieser gesamten Produktionsleistung trugen die beiden grössten inländischen Hersteller Longines und Omega mit den erwähnten Mengen nur etwa 1,4 Prozent bei. Diese Tatsache widerspiegelt die ausserordentlich breitgefächerten und verzettelten Herstellungs- und Vertriebsstrukturen, die in der schweizerischen Uhrenindustrie nach langer organischer Entwicklung vorherrschten. Zur Zeit der Weltausstellung von 1867 in Paris zählte man im ganzen Land gegen 1700 Fabrikationsbetriebe für Uhren. Der weitaus grösste Teil davon entfiel auf die Etablisseure. Bis zum Jahr 1885 bildete sich diese Zahl auf rund 1200 Betriebe zurück. 1896 schätzte man die Anzahl der Etablisseure für die ganze Schweiz noch auf rund 1000 bis 1200 Unternehmungen.45 Wenn man sich vor Augen hält, dass in den USA um die Mitte der 1880er-Jahre in zwei Fabriken allein rund 560000 Uhren oder 19,3 Prozent des schweizerischen Volumens von 2,9 Millionen Stück hergestellt wurden und hierzulande die beiden grössten Firmen lediglich auf knapp 1,4 Prozent dieser gesamten Produktionsleistung kamen, wird es offensichtlich, dass die hiesige Uhrenindustrie nicht erst im 20. Jahrhundert vor einem gewaltigen Strukturproblem stand. Es war bereits im 19. Jahrhundert vorhanden und existierte zur Zeit des Ausbruchs der Uhrenkrise der 1970er- und 1980er-Jahre schon seit mindestens 100 Jahren. Wie sich später zeigen wird, ist die horizontal angelegte Uhrenfertigung im Rahmen des Verlagssystems eines der zentralen Probleme, die zu dieser Krise führten.

Der amerikanische Markt war für die schweizerische Uhrenindustrie in den 1870er-Jahren von enormer Bedeutung. Nicht umsonst hiess es in den jurassischen Bergen: «Quand l’Amérique ne va pas, rien ne va.»46 Dieser Satz hatte durchaus seine Berechtigung, denn die Entwicklungen in den USA machten der Uhrenindustrie in der Schweiz in verschiedener Hinsicht schwer zu schaffen. Zunächst brach die Uhrenausfuhr nach den Vereinigten Staaten – dem weitaus wichtigsten ausländischen Markt – innert weniger Jahre fast gänzlich zusammen. Den Tiefpunkt erreichte man 1877 mit knapp 50000 exportierten Uhren; 1872 waren es noch 366000 Stück gewesen. In der gleichen Zeit stiegen die Durchschnittspreise der in die USA verkauften Uhren um 50 Prozent. Dies bedeutete, dass die Schweizer Uhrmacher den amerikanischen Markt für preisgünstige Qualitätsuhren zwischen 1872 und 1877 gänzlich verloren hatten. Es deckte sich aber mit den erklärten Absichten der beiden grössten amerikanischen Uhrenproduzenten, die Schweizer aus dem US-Markt zu verdrängen. Waltham und Elgin lancierten zu diesem Zweck einen mit entsprechenden Marketingmassnahmen unterstützten Frontalangriff auf die Schweizer Uhr in Amerika. Damit verfolgten sie das Ziel, für sich selbst ein Monopol im Heimmarkt zu etablieren. Um dies zu erreichen, unternahmen sie alle Anstrengungen in betrieblicher und technischer Hinsicht zur Senkung der Herstellkosten ihrer Produkte. Zur Vergünstigung der Verkaufspreise waren sie auch bereit, über längere Zeit mit reduzierten Gewinnspannen zu leben. Substanzielle Möglichkeiten zur Reduktion der Durchschnittspreise für Uhren und Werke ergaben sich aus dem hohen Mechanisierungsgrad in den Herstellungsprozessen sowie durch die Beschränkung des Sortiments auf wenige Kaliber mit genormten Grössen. Durch diese Normierungen, die damals in den USA für alle Uhrenproduzenten verbindlich galten, konnten in den der Werksproduktion nachgelagerten Prozessen wie Gehäuse-, Zifferblatt- und Zeigerfabrikation enorme Vereinfachungen und Skaleneffekte erzielt werden. Das Gleiche galt für den Bereich der Aufzüge, die ebenfalls weitgehend normiert waren. Bei der grössten amerikanischen Uhrenfabrik Waltham Watch Co. betrugen 1877 die durchschnittlichen Gestehungskosten für ein Uhrwerk 22 Franken pro Stück, dies bei einer Produktionsmenge von 150000 Einheiten.47 Hinzu kamen 3 Franken für Zifferblatt, Zeiger und Gehäuse sowie 7 Franken für allgemeine Kosten, Werbung und Gewinn, was es Waltham ermöglichte, eine fertige Uhr für rund 32 Franken anzubieten. Das war deutlich weniger als die Hälfte des Durchschnittspreises von 74 Franken, den die Schweizer Exporteure im Jahr 1877 im amerikanischen Markt lösten.48

2.4 Das Fanal von Philadelphia beschleunigt die Industrialisierung

Noch verhängnisvoller als dieser drastische Marktverlust war für die Schweizer Uhrenhersteller die Tatsache, dass ihnen die Amerikaner die Technologieführerschaft innert kürzester Zeit abgerungen hatten. Diese Realität manifestierte sich an der Weltausstellung in Philadelphia von 1876. Die Berichte der Schweizer Delegation über den Stand der Mechanisierung bei der Uhrenherstellung in den USA schlugen hierzulande wie eine Bombe ein. Was in der Schweiz die Spatzen von den Dächern pfiffen, die Uhrmacher aber nicht wahrhaben wollten, hatten ihre Konkurrenten in den Vereinigten Staaten bereits realisiert. Sie bewiesen, dass eine Uhr mit nur maschinell erzeugten, austauschbaren Bestandteilen hergestellt werden kann und Anpassungen von Hand bei der Remontage nicht nötig sind. Diese Neuerungen waren in die Produktionsprozesse bereits eingebaut. Auch von der hervorragenden Qualität der Produkte und den innerhalb bestimmter Zeiten gefertigten Mengen zeigten sich die schweizerischen Beobachter überwältigt.49 Weil man diesen offiziellen Berichterstattern nicht glaubte, ja ihre Berichte zum Teil zensieren wollte,50 bezeichnete der interkantonale Verband der jurassischen Industrien einen Experten seines Vertrauens, der die Situation vor Ort beurteilen sollte. Mit dieser Aufgabe betraute man Jacques David, einen Schweizer Ingenieur, der seine Ausbildung an der «Ecole centrale des arts et manufactures de Paris» genossen hatte. Er war der Cousin des damaligen Inhabers der Uhrenfabrik Longines in St-Imier, Ernest Francillon, und stand in dessen Diensten.51 Jacques David besuchte zusammen mit einem Vertreter der Eidgenossenschaft verschiedene Unternehmungen in den USA, darunter auch Waltham Watch Co. und Elgin Watch Co. David beobachtete die Dinge sehr genau und brachte heimlich, das heisst ohne Wissen der besuchten Unternehmungen, selbst angefertigte Zeichnungen der zu Gesicht bekommenen Maschinen nach Hause. Seine Berichte bestätigten die in den Rapporten zur Weltausstellung in Philadelphia geäusserten Erkenntnisse der amtlichen Beobachter vollumfänglich. Davids Bericht war ein schicksalsträchtiges Dokument, das die schweizerische Uhrenindustrie veränderte. Es führte zu einem Industrialisierungsschub ungeahnten Ausmasses. Stark beeindruckt war David auch von der in den amerikanischen Fabriken vorherrschenden guten Stimmung und Disziplin unter der Arbeiterschaft. Davon konnte man im Neuenburger Jura offenbar nur träumen, wo unter den Uhrmachern leichte Lebensweise und Absentismus florierten,52 was sich negativ auf die Qualität der in die USA exportierten Produkte auswirkte.53 Das Fanal von Philadelphia löste einen Sinneswandel bei den Schweizer Uhrenproduzenten aus. Sie lernten ihre Lektion schnell, und bereits zwei Jahre später, an der Weltausstellung von 1878 in Paris, präsentierten sie sich in einem viel moderneren Kleid. Die Schweizer stellten unter Beweis, dass sie in der maschinellen Produktion der Bestandteile in kurzer Zeit wesentliche Fortschritte machen konnten. Die Amerikaner dagegen verloren in Paris an Glanz; sie waren dort einzig durch die Waltham Watch Co. vertreten.54 An der Weltausstellung in Melbourne im Jahr 1880 machte die Uhrenindustrie der USA dann wieder eine volle Aufwartung mit ihren besten Werken. In den Wettbewerben allerdings konnten sie die Schweizer nicht mehr schlagen, diese hatten wieder stark aufgeholt. Noch deutlicher kamen die guten Leistungen der schweizerischen Uhrenindustrie an der im Jahr 1881 in La Chaux-de-Fonds durchgeführten «Exposition nationale d’horlogerie» sowie an der Landesaustellung von 1883 in Zürich zum Ausdruck.55 Auch die Verkäufe von Schweizer Uhren in die USA normalisierten sich wieder, obwohl sie das hohe Niveau von 1872 nicht mehr erreichten.56

Der Schock von Philadelphia führte den Uhrenpatrons vor Augen, dass Steigerungen der Produktivität unabdingbar und nur durch konsequentes Verlagern der Produktion von der Heimarbeit in die Fabriken zu erreichen waren. Dieses Umdenken hatte zur Folge, dass der Bau von Fabriken in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts explodierte. Von 1882 bis 1901 nahm die Zahl der Uhrenfabriken in der Schweiz von 72 auf 647 zu und im Jahr 1911 waren es bereits 853.57 Trotz dieser starken Zunahme verharrte die Gesamtstruktur näher beim handwerklich-gewerblichen Betriebstypus als beim wirklich industriellen. Das zeigt ein Vergleich zwischen der Angestelltenzahl pro Fabrik in den USA und in der Schweiz aus dem Jahr 1905. In einer amerikanischen Uhrenfirma arbeiteten im genannten Jahr im Durchschnitt 529 Personen, in einer schweizerischen dagegen nur 38.58 Von den weit über 600 Fabriken beschäftigte nur eine einzige über 1000 Personen und weitere sechs Betriebe zählten zwischen 500 und 1000 Mitarbeiter.59 Der Druck der amerikanischen Konkurrenz spornte die Schweizer Uhrmacher trotz den nach wie vor zersplitterten Betriebsstrukturen enorm an. Sie beherrschten die neue Technik der Amerikaner bald besser als diese selbst. Bis allerdings in der Schweiz die vollständige Austauschbarkeit der genormten Teile gewährleistet war, dauerte es noch viele Jahre. Das Fanal von Philadelphia gab den gegenüber der Maschinenfertigung aufgeschlossen Kräften Auftrieb, und ihre Widersacher mussten einsehen, dass sie sich der Mechanisierung nicht mehr länger verschliessen konnten. Das hinderte sie aber nicht, weiterhin gegen die Fabrikarbeit und ihre vermeintlich nachteiligen Folgen zu kämpfen.60 Besonders verbreitet war diese Haltung bei der Bevölkerung im Neuenburger Jura, weshalb Louis Paul und César Brandt im Jahr 1879 diese Gegend verliessen und nach Biel zogen, um dort den Grundstein zum Aufbau der Firma Omega zu legen.61 Diese sozialen Widerstände wirkten sich vor allem im Bereich der Zusammensetzung der Uhr (Remontage) aus, die trotz der Industrialisierung weitgehend Handarbeit geblieben war.

2.5 Krisenanfällige Strukturen, tiefe Eintrittsschwellen – zwei Archetypen der Uhrenindustrie

Krisen waren nie etwas Aussergewöhnliches, man kannte sie in allen Wirtschaftszweigen. Doch bei den Uhrmachern wiesen sie zwei Eigenheiten auf, die nur aufgrund der historischen Entwicklung des Gewerbes zu verstehen sind. Die eine Eigenart lag in den krisenanfälligen Strukturen und die andere in den tiefen Eintrittsbarrieren ins Geschäft. Im Vergleich mit anderen Branchen waren die Krisen in der Uhrenindustrie heftiger und die damit verbundenen Konsequenzen fielen in der Regel härter aus. Vor allem der Abschwung und seine Folgen wirkten sich meist drastischer aus als in anderen Wirtschaftszweigen. Diese Eigenarten hingen vor allem mit der Entwicklungsgeschichte der Uhrmacherei zusammen. Ihre Strukturen wuchsen gewissermassen im Schritttempo aus einem Handwerk heraus und blieben – trotz der Industrialisierung – mit der starken Verankerung des Verlagssystems bis in die neueste Zeit erhalten. Produktion und Verkauf waren auf der einen Seite gekennzeichnet durch eine überblickbare Zahl an Manufakturen, die meist Luxusuhren für eine gehobene Kundschaft herstellten. Auf der anderen Seite stand eine grosse Anzahl Etablisseure, die vorwiegend als Kleinunternehmer unabhängig voneinander agierten und mit völlig unbekannten Marken oder sogenannten anonymen Uhren die Weltmärkte über Zwischenhändler belieferten. Dies erschwerte für jeden einzelnen Produzenten den Marktüberblick und verunmöglichte die Gestaltung gemeinsamer Strategien sowie die Bildung starker Standesorganisationen. Keine noch so berühmte Uhrenfirma war in der Lage, eine Leader-Rolle für die ganze Branche einzunehmen und den Takt für alle vorzugeben, wie dies in neuester Zeit den Grosskonzernen gelingt. Diese haben mit ihren weltumspannenden Verkaufsnetzen eigene Fühler in den Märkten, was den Etablisseuren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fehlte. Deshalb nahmen sie Anzeichen für Rückschläge zu spät wahr. Das führte dazu, dass bei konjunkturellen Einbrüchen zunächst ausgiebig auf Lager produziert wurde. Dadurch entstanden massive Überproduktionen, deren Abbau beim Einsetzen des wirtschaftlichen Wiederaufschwungs zum einen die Krise verlängerte und zum andern die Preise drastisch unter Druck geraten liess. Diese fielen ins Bodenlose, wenn alle Uhrenhersteller zu gleicher Zeit die unfreiwillig gehortete Ware loswerden wollten oder sie aus finanziellen Gründen auf den Markt werfen mussten. Es entbehrt nicht der Ironie, dass eine durchgehende Strukturierung der Uhrendindustrie erst in den 1930er-Jahren entstand, als der Staat rettend in die Branche eingriff.62

Für die Strukturen der Uhrmacherei interessierten sich nicht nur Ökonomen, Politiker und Krisenforscher, sondern auch Philosophen. Das Produktionsgefüge war derart speziell, dass es die Aufmerksamkeit von keinem Geringeren als Karl Marx (1818–1883) auf sich zu lenken vermochte. Er bezeichnete die Uhrenindustrie als klassisches Beispiel einer heterogenen Manufaktur. Daran liessen sich Spezialisierung und Arbeitsteilung, die durch die Aufsplitterung der handwerklichen Tätigkeit in unzählige Disziplinen entstanden, minutiös darstellen und studieren. Die Stadt La Chaux-de-Fonds könne man «als eine einzige Uhrenmanufaktur betrachten».63 Marx hatte wohl nicht die Absicht, die Strukturen in der Uhrenindustrie hinsichtlich ihrer Krisenanfälligkeit zu untersuchen. Ihn interessierten vielmehr die Auswirkungen der Arbeitsteilung auf das Wohlergehen der Menschen im weitesten Sinne. Trotzdem lieferte er ein Argument dafür, dass die Krisenneigung in der Uhrenbranche höher eingeschätzt werden musste als anderswo. Diese Tatsache springt einem in die Augen, wenn man die peinlich genaue, in alle Verästelungen führende Darstellung der Arbeitsteilung in der Uhrenindustrie von Marx betrachtet. Die Produktion war in unzählige Einzelschritte aufgeteilt, die von den unterschiedlichsten Firmen, meist Klein- und Familienbetrieben, ausgeführt wurden. Weil diese Unternehmen organisatorisch und rechtlich voneinander unabhängig waren, entstanden kreuz und quer nicht nur zahlreiche Liefer- und Abnehmerverbindlichkeiten, sondern auch vielschichtige finanzielle Forderungs- und Verpflichtungsverhältnisse. Mit diesen umfangreichen wirtschaftlichen Verflechtungen war ein hoher technischer und kommerzieller Koordinationsbedarf verbunden. In diesem komplexen Produktionsgefüge konnte nicht jedes einzelne Gut auf Bestellung produziert werden. Dies zwang die Hersteller wegen der von den Abnehmern verlangten hohen Lieferbereitschaft dazu, gewisse Fertigprodukte auf eigene Rechnung zu produzieren und auf Lager zu halten. In diesem Umfeld waren die Grenzen zwischen einer normalen Lagerhaltung und der Überproduktion fliessend. Vor allem bei einer konjunkturellen Abschwächung erwies sich der Weg vom Normalzustand zur Überproduktion als kurz. Letztere wiederum trug die Gefahr in sich, Krisen heraufzubeschwören oder zu verstärken. Im Falle von La Chaux-de-Fonds kam noch dazu, dass die Stadt wegen ihrer industriellen Monokultur über fast keine anderen Industrien verfügte, die arbeitslos gewordene Uhrenarbeiter hätten aufnehmen können.64

In den tiefen Eintrittsbarrieren lag eine weitere Eigentümlichkeit, die in der Uhrenindustrie bis zur grossen Wirtschaftsdepression der 1930er-Jahre für hohe Krisenanfälligkeit sorgte. Die fast ebenerdigen Eingangsschwellen bezogen sich vor allem auf die finanziellen Anforderungen für die Gründung eines Unternehmens und auf die Markenpolitik. Für einen ausgebildeten Uhrmacher war es ein Leichtes, sich als Etablisseur selbstständig zu machen. Das galt selbst für jemanden, der mit der Uhrmacherei nicht vertraut war. Er konnte sich das fachspezifische Wissen durch die Anstellung eines Visiteurs beschaffen, der in aller Regel ein ausgebildeter Uhrmacher war. Die Chance, dass einem Berufsmann der Schritt in die unternehmerische Unabhängigkeit gelang, war in der Uhrenindustrie höher als andernorts, weil sie eine schwache Kapitalintensität aufwies. In den meisten anderen Industrien erforderte die Gründung eines Unternehmens einen deutlich höheren Kapitaleinsatz. Die Etablissage hingegen stellte ein arbeitsintensives Gewerbe dar, das mit wenigen Geldmitteln erfolgreich aufgenommen und betrieben werden konnte. Wegen der dezentralisierten Herstellung der Uhren bei Termineuren und Heimarbeitern fielen umfangreiche Immobilieninvestitionen von vornherein ausser Betracht. Personal war im schweizerischen Jurabogen in der Regel genügend vorhanden. Mit zwei bis drei Arbeitsplätzen liess sich eine Produktion einrichten, für die schon in einer Bauernstube oder auf dem Dachboden einer Scheune genügend Platz vorhanden war. Die Werkzeuge wurden von den Uhrmachern selbst hergestellt; sie benötigten dafür – wie für die Uhren auch – wenig Rohmaterial. Besondere kaufmännische Fähigkeiten waren nicht vonnöten, weil sich der Verkauf der Waren über Zwischenhändler vollzog. In Zeiten der Hochkonjunktur war das Kapital, das für die Betriebseinrichtungen und die Finanzierung des wachsenden Geschäfts erforderlich war, ohne weiteres mit Bankkrediten zu beschaffen. In Phasen des Wirtschaftsabschwungs erwies sich der leichte Zugang zum Unternehmertum als Bumerang. Der Druck auf die Preise und die teilweise erdrückende Schuldenlast brachten manche Firma ins Wanken oder gar in den Konkurs. In solchen Situationen nutzten die Zwischenhändler die Gunst der Stunde, indem sie die Etablisseure gegeneinander ausspielten und damit die Preisspirale kräftig nach unten antrieben. So erwiesen sich in der Krise die tiefen Eintrittsbarrieren als Akzeleratoren für einen stärkeren und schnelleren Niedergang.65 Auch die Marken stellten keine Hürden für den Markteinstieg dar. Bis 1879 war der Markenschutz in der Schweiz nicht gewährleistet. Das entsprechende Gesetz trat erst im Jahr 1880 in Kraft. Mit der Mechanisierung nahm die Kapitalintensität in der Uhrenindustrie zwar zu, doch der entsprechende Geldbedarf liess sich durch den leichten Zugang zu den Bankkrediten problemlos decken. Die Geschäftspolitik der Banken war geradezu darauf ausgerichtet, die Uhrenfabrikanten zu fremdfinanzierter Expansion zu animieren. Es gab eine grosse Anzahl kleinerer und mittlerer Firmen, deren Eigenkapital in keiner Art und Weise dem Umfang ihrer ausgedehnten geschäftlichen Aktivitäten entsprach. Ihre Bilanzen befanden sich in einem labilen Gleichgewicht, das allein auf den überdimensionierten Bankkrediten fusste.66 Die Grosszügigkeit der Banken liess die Anzahl neuer Fabriken sprunghaft ansteigen. Der offensichtlich leichte Zugang zum Kapital trug wesentlich dazu bei, dass sich die Eintrittsbarrieren ins Uhrengeschäft nicht erhöhten.

2.6 Krisenursachen und Gegenmassnahmen

Von der Gründung des schweizerischen Bundesstaats bis zum Ersten Weltkrieg verzeichnete die Uhrenindustrie acht Krisen.67 Die Kräfte, die sie auslösten, waren vielfältig und hatten ihren Ursprung wegen des enorm hohen Exportanteils der Branche fast immer im Ausland. Kriegerische Ereignisse, schlechte Ernten und Finanzkollapse in aller Welt wirkten sich jeweils rasch aus. In umliegende Länder emigrierte Uhrmacher sorgten in der neuen Wahlheimat nicht nur für harte Konkurrenz, sondern auch dafür, dass dort protektionistische Massnahmen gegen die Schweiz ergriffen wurden. Bis 1866 lagen die Auslöser für die Krisen vorwiegend in Ereignissen, die sich in England oder Frankreich abspielten. Ab 1870 änderte sich dieses Paradigma; das Unheil kam nun meist aus den USA und aus Deutschland.68 Der Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs stoppte den Wirtschaftsaufschwung in Europa abrupt. Danach stellten sich massive Währungsturbulenzen ein. In der Krise von 1875 verloren die Schweizer die Technologieführerschaft an die Amerikaner. Die Industrialisierung führte im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern zu Protektionismus und Überproduktion. Neben diesen auslandsbedingten Faktoren, die nicht beeinflussbar waren und als gegeben hingenommen werden mussten, gab es auch eine Reihe inländischer Aspekte, die zur Entstehung der Krisen beitrugen oder diese verstärkten. Anstatt mit technischen Neuerungen und besseren kommerziellen Konzepten reagierten die Schweizer Uhrmacher auf Abschwünge mit Verhaltensweisen, die sich bei der nächsten Krise als Bumerang erweisen sollten. Dazu zählte Preisdrückerei der Fabrikanten, die später im Markt kaum wieder wettgemacht werden konnte. Sie führte zu Gewinnschmälerungen und Investitionslücken, die sich gewissermassen zu konstitutionellen Krisengründen entwickelten.69 Die Unternehmer versuchten, die mit dem Preisdumping eingehandelten Verluste über Qualitätsminderungen aufzufangen, und spielten damit ungewollt der ausländischen Konkurrenz in die Hände. In das gleiche Kapitel gehören die betrügerischen Falschdeklarationen der Feinheiten bei Gold und Silber. Zu den Krisenursachen trugen auch die Banken bei, indem sie mit überdimensionierten Krediten zum einen unnatürliche Lageraufblähungen ermöglichten und zum andern eine massgebliche Rolle bei der Unterkapitalisierung der Firmen spielten. Die Folge davon waren sich häufende Firmenkonkurse, in deren Schlepptau Riesenmengen an Liquidationswaren auf die Märkte strömten und dort das Angebot zum falschen Zeitpunkt erhöhten. Dazu gesellten sich Schwierigkeiten und kulturbedingte Verzögerungen bei der Einführung von neuen technologischen Errungenschaften. Die Arbeiterschaft wehrte sich konstant gegen die Entwicklung maschineller Produktionsmethoden und gegen die Verlagerung der Heimarbeit in die Fabriken. Sie führte dafür vor allem zwei Argumente ins Feld: die Vernichtung von Arbeitsplätzen und die chronische Überproduktion, die aus dieser Verlagerung resultiere. Kurzfristig mochte dieses rückwärtsgewandte Verhalten die Krisen vielleicht etwas lindern, längerfristig aber führte es ins Verderben. Das zeigte sich eindrücklich während der Krise von 1875 bis 1879 mit dem bitteren Erwachen nach dem Schock von Philadelphia.

Der Arzneischrank zur Bewältigung der Krisen enthielt nicht nur eine Medizin. Im Gegenteil, es wurde ein ganzer Strauss von Heilkräutern mit unterschiedlicher Wirkung eingesetzt. Nicht alle Remeduren waren erfolgreich. Starke Wirkungen gingen von öffentlichen Projekten zur Arbeitsbeschaffung im Gebiet des Strassenbaus aus. Damit konnten mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden. Die Massnahmen verhinderten erstens, dass die Fachleute, die nach der Krise wieder gebraucht wurden, in andere Regionen abwanderten. Zweitens wurde die Not vor Ort gelindert, weil die Menschen in diesen vom Staat finanzierten Strassenbauprojekten ein ordentliches Auskommen hatten und ihre Familien davon ernähren konnten. Und drittens kam die erweiterte und wieder instand gestellte Infrastruktur nicht nur der Uhrenindustrie allein, sondern der gesamten Volkswirtschaft im Jura zugute, weil beim Wiederaufschwung bessere Verkehrswege zur Verfügung standen. Zu Aktionen dieser oder ähnlicher Art nahmen die Behörden während mehrerer Krisen Zuflucht. Auch suchte man nach Möglichkeiten, die es den Fabrikanten erlaubten, sich Kredite gegen die Verpfändung von Waren zu beschaffen. Damit sollte vermieden werden, dass das Angebot von Uhren bei sinkender Nachfrage in den Märkten sich noch erhöhte. In der Krise von 1848 waren es zunächst die Handelshäuser in den Städten, die den Etablisseuren ihre Lager bevorschussten. Diese waren mit ihren Organisations- und Verkaufsstrukturen am ehesten in der Lage, Uhren marktschonend zu verwerten, wenn sie in grösseren Mengen aus Warenpfändern hätten übernommen werden müssen. Auch in späteren Krisen betätigten sich die Handelshäuser quasi als Banken und dienten den Fabrikanten mit vorübergehenden Warenfinanzierungen.

2.7 Neue Standesorganisationen der Patrons und der Arbeiterschaft

Weil praktisch jedermann Fabrikant werden konnte, stellte sich gegen Ende der 1860er-Jahre seitens der Arbeitgeber das Bedürfnis nach der Gründung von Standesorganisationen ein. Diese sollten vor allem beim Absatz der Uhren koordinierend wirken und für möglichst stabile Preisverhältnisse sorgen. Institutionen solcher Art entstanden in Le Locle, La Chaux-de-Fonds, im Berner und Waadtländer Jura sowie in Genf.70 Die schwere Krise von 1875 bis 1879 zeigte, dass diese lokalen Verbände nicht in der Lage waren, die Interessen der gesamten Uhrenindustrie effizient wahrzunehmen. Als in jener Zeit die Uhrenexporte nach Amerika fast vollständig zusammenbrachen, mussten neue Absatzmärkte erkundet und erschlossen werden. Die Eidgenossenschaft unterstützte diese Bestrebungen mit dem Einsatz ihrer diplomatischen Dienste und den Abschlüssen von internationalen Handelsverträgen. Es versteht sich von selbst, dass die Uhrenindustrie in diesem Kontext gegenüber dem Bundesrat und der Handelsdiplomatie nur mit einer Stimme auftreten konnte. Deshalb schlossen sich die erwähnten lokalen Gruppierungen im Jahr 1876 zur «Société intercantonale des industries du Jura» (SIIJ) zusammen, welche die Interessen der Uhrenindustrie im Innern bündelte und sie nach aussen vereint vertrat.71 Sie war als Verein zunächst eine private Organisation. Mit der Zeit öffnete sie die Mitgliedschaft auch für staatliche Stellen und wurde damit zu einer gemischtwirtschaftlichen Institution. Obwohl die meisten Dossiers, die die SIIJ betreute, aus dem Gebiet der Uhrmacherei stammten, befasste sie sich teilweise auch mit der Interessenwahrung von anderen Industrien. Mit der regionalen Ausbreitung der Uhrenindustrie nach Osten stiessen weitere Mitglieder dazu, sodass das Bedürfnis in der Branche wuchs, über einen Verband zu verfügen, der auch von der Bezeichnung her eindeutig mit der Uhrenindustrie identifiziert werden konnte. So nahm die SIIJ 1899 den Namen «Chambre Suisse de l’Horlogerie et des Industries annexes» (CSH) an und etablierte sich im Jahr 1900 mit eigenen Büroräumlichkeiten in La Chaux-de-Fonds. Fortan kümmerte sie sich exklusiv um die Anliegen der Uhrenindustrie.72 Auf der anderen Seite wurden ab den 1860er-Jahren Arbeiterorganisationen gegründet, die sich entlang von Berufsqualifikationen gruppierten. 1868 entstand der Verband der Graveure und Guillocheure, später folgten die Vereinigungen der Gehäusesetzer, der Remonteure, der Federnmacher usw. Diese Zersplitterung ging zu Lasten der Effizienz, dennoch wurden zwischen 1884 und dem Ersten Weltkrieg an die 200 Streiks organisiert. Den Gewerkschaftern gelang es erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sich im Einheitsverband der Uhrenindustriearbeiter zusammenzufinden.73

3 Die Uhrenindustrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Die beiden ersten Dezennien des neuen Jahrhunderts sind geprägt durch einen krisenhaften Beginn und die besonderen Ereignisse vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Die unumstrittene, weltweite Markt- und Technologieführerschaft wird zurückgewonnen, der Schock von Philadelphia gehört der Geschichte an und die sehr erfolgreiche Mechanisierung der Rohwerkfabriken fördert das «Schablonieren». Mit dem Einsetzen der europäischen Feindseligkeiten gerät die Uhrenindustrie in ein schwieriges Spannungsfeld zwischen den Ansprüchen der kriegführenden Nachbarländer einerseits und den Interessen der schweizerischen Landesversorgung andererseits. Bewegte ethische und neutralitätspolitische Diskurse in der Politik und der Wirtschaft sind die Folge. Ein konjunkturelles Strohfeuer nach dem Krieg mit aussergewöhnlichen Wachstumsraten mündet in einen ebenso aussergewöhnlichen Abschwung am Anfang des dritten Jahrzehnts.

3.1 Der Aufschwung vor dem Ersten Weltkrieg

Die schweizerische Uhrenindustrie, die nach dem überwundenen Schock von Philadelphia um 1900 wieder als die unumstrittene Führerin auf dem Weltmarkt mit einem Anteil von rund 90 Prozent dastand,74 startete mit zwei Krisen ins neue Jahrhundert. Die eine dauerte von 1902 bis 1904 und die andere von 1908 bis 1909. Nachher setzte eine Blütezeit bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs ein. Der Wert der Totalausfuhren der Uhrenindustrie erhöhte sich innert vier Jahren von 126 auf 183 Millionen Franken. Mit dem Einsetzen der militärischen Feindseligkeiten in Europa fand dieser kurze Boom ein jähes Ende. Im Spätsommer des Jahres 1914 musste von einem Exporteinbruch Kenntnis genommen werden, den man sich so gravierend nie hätte vorstellen können. Er machte mehr als das ganze aussergewöhnliche Wachstum der letzten vier Jahre von einem Tag auf den andern zunichte.75

Seit der Einführung der schweizerischen Zollstatistik im Jahr 1885 gab es in der Uhrenindustrie nie eine Periode mit einer Steigerungsrate der Exporte, die gesamthaft so hoch war wie jene in den vier Jahren von Ende 1909 bis 1913. Dabei fällt auf, dass diese starke Zunahme der Ausfuhr allein aufgrund der wirtschaftlichen Prosperität und ohne stützende Einflüsse wie etwa staatliche Interventionen oder kartellistisch geprägte Massnahmen zustande kam. An den erfreulichen Ergebnissen hatten alle Absatzmärkte ihren Anteil. Die Uhren konnten überall auf der Welt zu ansprechenden Preisen verkauft werden. Die Unternehmungen verdienten gut, sodass ihnen genügend Mittel für Investitionen in neue Betriebsanlagen und -gebäude zur Verfügung standen. Anhand von zwei Firmen, die hier stellvertretend für viele andere stehen, wird diese Prosperität veranschaulicht. Es sind dies die SALBF Société anonyme Louis Brandt & Frère – Omega Watch Co. in Biel und die LeCoultre & Cie in Le Sentier. Beide Unternehmungen erlebten in den letzten Jahren vor dem Krieg – von 1910 bis Mitte 1914 – eine äusserst florierende Entwicklung, die sie auch finanziell deutlich festigte. Beide Unternehmen zählten damals in Bezug auf die Beschäftigtenzahlen zu den grössten Uhrenfabriken der Schweiz.76