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Das ist die wahre Geschichte meines ehemaligen Pflegekindes. Ich habe aufgeschrieben, was sie/wir erleben mussten, wie sie aus der Pflegefamilie gerissen wurde, über die Macht und Willkür der Ämter. Über unglaubliche Maßnahmen einer Klinik für psychisch kranke Kinder. Über die Gesetze, die sagen, dass Elternrechte über allen Rechten stehen, obwohl es nicht gut für das Kind ist. Es war ein langer Leidensweg, den wir hinter uns haben.
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Seitenzahl: 94
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das ist die wahre Geschichte meines ehemaligen Pflegekindes. Ich habe aufgeschrieben, was sie/wir erleben mussten, wie sie aus der Pflegefamilie gerissen wurde, über die Macht und Willkür der Ämter. Über unglaubliche Maßnahmen einer Klinik für psychisch kranke Kinder. Über die Gesetze, die sagen, dass Elternrechte über allen Rechten stehen, obwohl es nicht gut für das Kind ist.
Es war ein langer Leidensweg, den wir hinter uns haben.
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Nachtrag
Das, was ich hier aufgeschrieben habe, waren neben dem Tod meines Mannes meine schlimmsten Erlebnisse. Ich kann die Welt nicht verstehen, was es für Ungerechtigkeiten gibt, vor allem dem Kind gegenüber. Unser Rechtsstaat ist unglaublich, es wird sich nur nach Paragrafen und Regeln gehalten, ob es gut ist oder nicht. Wenn ich die Kraft gehabt hätte, wäre ich gegen die Klinik juristisch vorgegangen. Es wurde mir dazu geraten, aber ich glaube, dagegen wäre ich nicht angekommen. Von vielen Menschen wurde ich enttäuscht, wurde im Stich gelassen. Dadurch habe ich mich nicht beirren lassen. Als nach langer Zeit meine Schockstarre nachließ, bekam ich eine Wut, weil es so ungerecht ist. Im Nachhinein kann ich es kaum fassen, dass ich solche Angst hatte. Aber mir wurde immer wieder gesagt, wenn Sie dies und das nicht tun, dürfen sie das Kind nicht mehr sehen. Viele Drohungen, die mich einschüchtern sollten, folgten. Bis ich erkannte, dass das nicht geht und rechtens ist, hat es leider gedauert, aber trotzdem bin ich froh, dass ich es am Ende gewagt habe, mich zu widersetzen.
Jetzt habe ich alles aufgeschrieben, um es von der Seele zu haben, aber auch, um Menschen, die Ähnliches erleben, zu stärken. Und auch, um anderen, die vielleicht vorhaben, ein Pflegekind aufzunehmen, klarzumachen, dass es nicht immer leicht sein wird. Ich habe, um uns zu schützen, alle Namen geändert, auch den Namen der Klinik nicht erwähnt und auch die Orte nicht, wo wir leben. Viele empfinden das, was ich erzähle, wahrscheinlich als nicht so schlimm, aber wenn man selbst drinsteckt, ist es die Hölle. Da es mir nicht gut geht damit, dachte ich, ich schreibe alles auf, vielleicht hilft es mir etwas. Die letzten Monate laufen noch immer wie ein Film in mir ab. Ich denke manchmal, das habe ich nur geträumt, dann holt mich die Realität wieder ein und ich merke, dass es real IST. In den letzten Monaten habe ich viele Erfahrungen gemacht, habe Menschen kennengelernt, bin von vielen Menschen enttäuscht worden, von denen ich es nie erwartet hätte, es gibt wenige, die mich verstanden haben. Manche haben abgewunken, sagten, lass es doch gut sein, das geht dich nichts mehr an, du hast dein Bestes gegeben. Wer mich aber kennt, weiß, dass ich keine Ruhe gebe, wenn es ungerecht und falsch läuft. Ich habe gelernt, dass man sehr vorsichtig sein muss, wem man vertraut, habe gelernt, dass manche nur aktiv sind, solange sie dafür zuständig sind, danach wird man einfach abgeschoben und niemand fragt mehr nach einem. Ich merke selbst, wie ich empfindlich geworden bin, reagiere oft heftiger, als ich es möchte. Genau wie das Kind habe ich ein Trauma erlitten. Das möchte ich gerne aufarbeiten, denn ich habe noch eine Pflegetochter bei mir, für die ich stark sein möchte.
Maria Malte
Im Oktober 2013 kam Klara zu uns. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie ausgesehen hat, was sie anhatte, und was sie sagte. Ihr erster Satz war: „Schau mal, ich habe mich extra für euch chic gemacht.“ Sie war ein kleines Pummelchen. Eigentlich hat sie sich gleich wohlgefühlt, denn sie kannte Luisa, unsere andere Pflegetochter, schon lange vom Kindergarten, und vorher waren sie zusammen bei einem Tagespflege-Paar. Klara war vier Jahre alt, als sie zu uns kam. Bei ihr wurden viele Dinge diagnostiziert, unter anderem auch emotionale Bindungsstörung mit Enthemmung. Die ersten Wochen waren recht entspannt und ruhig, ich dachte schon, was die alle haben, das ist doch ein völlig normales Kind. Nach der Eingewöhnungsphase lernten wir dann auch die „andere“ Klara kennen. Sie konnte so wütend werden, konnte schreien bis zum Erbrechen, sie machte viel kaputt, war aggressiv, besonders Luisa gegenüber, sie hat sie gebissen, geschlagen, getreten. Auch diese anstrengende Phase ging vorüber. Nachdem die beiden Mädels die Rangordnung geklärt hatten, lief es relativ gut.
Sie war es nicht gewohnt, raus zu gehen, konnte schlecht laufen, fiel oft hin. In der Herkunftsfamilie wurde sie wie ein Kleinkind gehalten, was in gewisser Weise auch nachvollziehbar ist, denn sie war wirklich viel zu klein für ihr Alter. Wir haben viel geübt, sind viel gelaufen, viel auf Mauern balanciert. Recht schnell hat sie viel aufgeholt. Im Kindergarten war sie mal mehr, mal weniger auffällig, je nach Tagesform. Besonders schlimm war es nach den Besuchskontakten mit der Mutter. Der Vater war immer zweitrangig, von ihm wollte sie nicht viel wissen. Im Dezember 2013 gab es wieder eine Rückführung zur Mutter. Am 1. Weihnachtsfeiertag brachte mein Mann sie wieder zur Mutter zurück, weil Klara Heiligabend noch gerne bei uns sein wollte. Schon am 2.1.2014 bekamen wir einen Anruf vom Jugendamt. Sie fragten, ob wir Klara wieder aufnehmen würden, sie würde gleich in Obhut genommen werden. Wir wollten gerade mit Luisa zu Freunden fahren für mehrere Tage. Klara tat mir so sehr leid, es waren nur sechs Tage, die sie bei ihrer Mutter verbracht hatte. Ich habe bei den Freunden angerufen und habe gefragt, ob wir auch mit zwei Kindern kommen dürfen, und dann haben wir auf sie gewartet. Sie hat sich so gefreut, als sie wiederkam, sie sagte, sie wollte das so, sie wollte wieder zu uns. Es hat längere Zeit gedauert, bis sie auf die Aktion der Inobhutnahme reagiert hat. Klara hat für ihr Alter einen wahnsinnig großen Wortschatz, sie redet wie eine Große. Allerdings ist es bei ihr so, dass sie eine rege Fantasie hat, man wusste nie genau, was stimmte und was nicht.
Ihren 5. Geburtstag im Februar feierten wir groß. Morgens sind wir an den Geburtstagstisch. Sie wusste gar nicht, was sie machen soll und war total aus dem Häuschen, als wir sagten, dass sie die Geschenke aufmachen dürfe. Sie hat so gestrahlt und es war eine Freude, den Tag mit ihr zu verbringen. Auch Ostern mit den Osternestchen kannte sie nicht. Im April 2014 wurde mein Mann krank. Er musste ins Krankenhaus und dort bekamen wir gesagt, dass er Krebs hat. Das war sehr schrecklich und ich habe versucht, es den Kindern kindgerecht zu erklären, damit sie verstehen, warum mein Mann sich verändert, nicht nur vom Aussehen her, sondern auch sein Wesen durch die Medikamente. Da Klara von daheim gewohnt war, jemanden zu versorgen, wollte sie gleich loslegen. Sie hat oft die Erwachsenenrolle übernommen und ich musste sie oft daran erinnern, dass ich die Erwachsene bin und sie das Kind. Sie hat Salben gemacht aus Blüten, Gräsern und Wasser, hat meinen Mann damit eingerieben und hat ihm gesagt, damit wird er wieder gesund. Sie war sehr besorgt um ihn. Im Kindergarten lief es mal so, mal so, sie hat viele Sachen verweigert und ich musste öfter zu Gesprächen kommen. Nach den Sommerferien wurde sie ein Vorschulkind. Es wurde viel unternommen und auch da war es so, wenn sie etwas nicht wollte, dann wollte sie nicht. Wenn Ihr Ausflüge nicht gefielen, blieb sie im Kindergarten in einer Gruppe, sie war dann nicht zu bewegen. Sie ist eine sehr starke Persönlichkeit. Sie war auch lange bei der Ergotherapie wegen ihrer Unruhe, sie hatte Konzentrationsstörungen und in der Gruppe kam sie auch nicht gut zurecht. Wenn sie der Bestimmer war, war alles gut, aber wehe, die anderen wollten nicht wie sie, dann ging es laut zu. Es gab aber viele schöne Momente mit ihr und sie hat gute Fortschritte gemacht. Zu mir fasste sie langsam Vertrauen. Für sie war es schwierig, Nähe zuzulassen, aber so langsam kam sie auf mich zu. Bei meinem Mann und unserem inzwischen erwachsenen Pflegesohn war sie zurückhaltender. Im Sommer 2015 waren wir wieder im Urlaub, auch das war schön und die Mädels verstanden sich recht gut. Wie bei Geschwistern, zuerst Streit, danach Versöhnung. Auch Weihnachten und Silvester habe ich in guter Erinnerung in diesem zweiten Jahr, das Klara bei uns war. Mit Luisa hat sie viele Rollenspiele gespielt, es war interessant. Oft spielten sie, sie seien zwei arme Mädchen, die kein Zuhause haben, dann kamen sie zu mir und fragten, ob sie bei mir bleiben dürfen, denn sonst müssten sie ins Heim, das wollten sie nicht. Ich habe dann immer gesagt, natürlich nehme ich euch Mäuse zu mir und dann musste ich ihnen immer das Haus zeigen, ihre Zimmer, sie sagten immer, ja, hier wollen wir bleiben. Wenn mein Mann kam, musste ich ihm immer sagen, schau mal, was für zwei süße Mädels heute angefragt haben, ob sie bei uns bleiben dürfen und auch mein Mann musste dann sagen, ihr dürft sehr gerne bei uns wohnen. Immer habe ich gesagt, nein, auf keinen Fall möchte ich, dass ihr in ein Heim geht, bleibt bei uns. Und dann passiert so etwas ...
Meinem Mann ging es mal mehr, mal weniger gut. Da Klara nicht wirklich Freunde hatte, mit denen sie sich hätte treffen können, war sie jeden Mittag zuhause und war stark auf mich fixiert. Luisa war oft unterwegs, worüber Klara sich ärgerte. Sie sagte oft, Luisa müsse mit ihr spielen und daheimbleiben. So habe ich fast alles mit Klara zusammen gemacht. Im Sommer kauften wir ihr ein Laufrad, sie war mittlerweile sechs Jahre alt. Da sie sehr klein war, passte das ganz gut. Es war sehr schwierig, bis sie das beherrschte, sie fiel oft hin, war dann wütend, schimpfte, dass das blöde Fahrrad schuld sei, wenn sie sich weh tat. Vor dem Wehtun hatte sie immer Angst. Wir haben geübt und geübt und dann ist sie am Schluss wie eine Rakete abgedüst. Im Oktober 2015 waren wir zur Kur an der Nordsee, das war etwas schwierig. Sie ist mir ständig ausgebüxt und andere Mütter haben sie mir wiedergebracht, nachdem ich ihr einen Button mit unserer Zimmernummer gemacht hatte, weil sie nie zurückfand. Das Haus war groß und verwinkelt. Dort habe ich ihr einen Roller gekauft, der hinten zwei Räder hat. Bis heute fährt sie nicht gerne Roller. Sie sagt, mit dem doofen Roller fällt man hin, und auch da hatte sie Angst, sich weh zu tun. Wenn ich mit ihr zum Arzt musste wegen einer Impfung, bekam ich immer über die Mittagszeit einen Termin, weil sie dann immer so geschrien hat, sie war schon bekannt dafür. Und mittags war es dann nicht mehr so voll in der Praxis. Das war besser.
